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Ausgewählte Novellen - Erster Band

Steen Steensen Blicher: Ausgewählte Novellen - Erster Band - Kapitel 8
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authorSteen Steensen Blicher
titleAusgewählte Novellen ? Erster Band
publisherGefion-Verlag Gesellschaft m. b. H.
translatorAlfons Fedor Cohn
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Weihnachtsferien

Aus den Erinnerungen eines alten Schulmanns

1. Schneegestöber.

Mit dreißig Jahren erhielt ich das Rektorat in einer jütländischen Kleinstadt. Ich trat mein Amt zu Ostern an, und doch war ich zu Weihnachten noch nicht verheiratet – nicht einmal verlobt.

Es würde mir schwer genug fallen, ein solches Wunder zu erklären, das um so größer war, als ich nicht allein die ernsten Musen verehrte, sondern gleichzeitig ein eifriger Opferpriester in den Tempeln ihrer heiteren Schwestern Thalia, Terpsichore und Euterpe war. Ohne Mythologie: ich war erste Violine in allen Konzerten, erster Liebhaber auf unserm Privattheater, und es war die allgemeine Auffassung unter allen jungen Damen der Stadt, daß es nur die richtige Art mit Figaro und Molinasco war, wenn der Rektor sie aufführte.

Weihnachten stand vor der Tür. Ich hatte mich auf ein paar Wochen otium gefreut, da ich während dieser Zeit gedachte, meine Doktordisputation »über die gesellschaftlichen Vergnügungen der Alten« zu vollenden.

Aber unerwartet wurde ich eingeladen, an denen der Neueren teilzunehmen.

Kammerrat Hansen (ich gebe ihm diesen Namen, weil ihn so viele tragen, und ich ein Hasser des mystischen bin, das das Lesen so unangenehm stört), der einen Sohn in der Schule hatte, kam, um ihn abzuholen und drang mit so gutmütiger Heftigkeit in mich, ihnen Gesellschaft zu leisten, daß ich schließlich unter der Bedingung einwilligte, nach Haus befördert zu werden, sobald ich es wünschte.

Für den möglichen Fall, daß mir die Zeit bisweilen zu lang werden könnte, versah ich mich mit einer Duodezausgabe des alten Gellert.

Sobald ich eingewilligt hatte, sagte der Kammerrat:

»Könnten wir nicht vielleicht auch den Konrektor mitlocken?«

»Und alle Lehrer, Vater!« fügte der Sohn hinzu.

Dieser Einfall wurde sofort ins Werk gesetzt; und da ich auf Wunsch meine bona officia anwandte, erhielten wir von allen ein Ja, ausgenommen vom Tertialehrer, der sich nicht wohl befand.

Aber bevor ich meine Erzählung von unserm Ausflug nach Ulvedal beginne, glaube ich, einen Schattenriß dieser meiner Mitlehrer geben zu müssen, die alle unverheiratet waren, wie ich selbst, aber im übrigen einander in nichts glichen.

Der Konrektor war verheiratet gewesen; doch nun seit vielen Jahren Witwer und kinderlos, lebte er ziemlich still mit einer alten Schwester, die seinen kleinen Haushalt führte. Er war ein Mann von gesunden und guten Grundsätzen, entschiedenem Charakter und festem Willen, ernst und doch freundlich in seinem Wesen, ein ausgezeichneter Schulmann als Lehrer wie als Erzieher und durchaus gründlich in den Wissenschaften, die er über ein Viertel Jahrhundert vorgetragen hatte, nämlich Latein und Griechisch.

Die klassischen Schriftsteller dieser Sprachen waren seine liebsten Umgangsfreunde, vor allem Horaz, den er auswendig kannte und bei allen Gelegenheiten zitierte.

In seinem einförmigen Leben fand nur die eine Abwechslung statt, daß er jeden Sonntagabend Toccategli mit dem Quintalehrer spielte. Auch hier verwandte er seine eigene antike Terminologie. Die Ecke zum Beispiel nannte er ständig Principilus, Gehen hieß hiberna, und wenn er schlug, vergaß er niemals zu sagen: »jacta est alea, ich gehe über den Rubikon.«

Sein nun erwähnter Gegner beim Brettspiel, den wir hernach Quintus nennen wollen, war, als ich ihn kennen lernte, im Alter des Konrektors – ein Mann von fünfzig, groß, vierschrötig und mit einer eisernen Konstitution begabt.

Sein Gesicht war im Verhältnis zum Körper groß, farblos und barsch, ohne den geringsten Ausdruck irgendeiner Gemütsbewegung – nicht einmal von Zorn. Es gibt ein Sprichwort: »daß man Leuten nicht hinter die Zähne sehen kann«. Aber bei ihm konnte man nicht einmal so weit sehn; denn die große Oberlippe hing immer über die Unterlippe herab – sogar wenn er aß – und niemand hatte ihn je lächeln gesehen. Wenn er lachte, dann hörte man nur einzelne hohle Stöße oder Dröhnlaute, die nicht die geringste Veränderung in seinem ernsten Aussehen hervorriefen.

Er wurde nur von einer – ich kann nicht sagen: Leidenschaft – aber Neigung beherrscht, Geld zu sammeln, weshalb er auch nicht übers Herz bringen konnte, sich satt zu essen, höchstens am Tische andrer, wo er denn auch tüchtig einhieb. Doch benutzte er auch den Mund fleißig bei Tisch, so ließ er ihn doch zu allen andern Zeiten ruhen, Niemals sprach er jemanden zuerst an; er hielt sich nur an das Antworten, und auch hierbei stets im Geschmack der Lakonier. Nur in der Schule wandte er seine außerordentlich kraftvollen Sprechorgane an.

Er war kein schlechter Lehrer; nur hatte er eine eigene Manier, die er so genau wie ein Ritual befolgte. Für die Bücher, die er auslegte, hatte er nämlich eine doppelte Übersetzung, eine gebundene und eine freie, und ich kann nicht leugnen, daß die letztere oft bis zur Zügellosigkeit stieg.

Die verschlagenen Jungen taten oft, als entsännen sie sich nicht seiner Travestierung (seine freie Übersetzung war am liebsten rein jütländisch), um ihn selbst sie vorbringen zu lassen. Wenn dann die ganze Klasse zu lachen begann, wurde er keineswegs wütend, sondern sekundierte wohl noch mit einem hohlen »hö, hö, hö!«

Sie hätten ihn wirklich ganz gut leiden können, wenn er bloß weniger geizig gewesen wäre. Wenn die Quintaner nach den Ferien von Hause kamen, mußten sie sich deswegen stets bei ihm melden; aber der, der mit leeren Händen kam, wurde nicht gut aufgenommen.

»Hast du mir sonst nichts von deiner Mutter zu bestellen?« fragte er, wenn der Schüler nicht selbst sich daran erinnert hatte.

»Nein!«

»Hat sie dir gar keine Butter mitgegeben?«

»Nein!«

»Keinen Käse?«

»Nein!«

»Auch keine Kücken?«

»Nein!«

»Scher dich deiner Wege, du dummer Kerl!« brummte er. »Ich kann dich nicht vor Augen haben.«

Dieser sein Geiz war um so niedriger, als er meist die Naturalien verkaufte, die er geschenkt bekam, und nur, das aufaß, was niedrig im Marktpreise stand.

Seine Kleidung entsprach seiner Lebensweise: die alltägliche bestand in einem braungelben Einspännerfrack, dito Kniehosen und langen steifen Stiefeln – von seiner Weste sah man ebenso wenig wie von seinen Zähnen. Sein schwarzes Halstuch spielte etwas ins Braunrote und seine Zopfperrücke ins Rotgelbe; denn sie bekam nur zu den drei großen Festen Puder und die beiden Male im Jahr, wenn er kommunizierte, bei welcher Gelegenheit auch seine uralten schwarzen Kleider für einen Tag hervorkamen.

Quartus war fast in jeder Beziehung der Gegensatz zu Quintus.

Klein, schwächlich und beweglich hatte er noch in seinem vierzigsten Jahr viel von der Artigkeit unsrer jüngeren Tage übrig und dem Bestreben, den Damen zu gefallen, obwohl er in dieser Beziehung stets unglücklich gewesen zu sein schien. Jedenfalls war er niemals mit einem Mägdelein auch nur bis zum Brautschemel gekommen.

Da Venus ihm so ungünstig war, hatte er sich in die Dienste des Gottes begeben, der so manchen unglücklichen Liebhaber und Ehemann tröstet. Doch war er zu der Zeit, als ich ihn kennen lernte, noch nicht völlig verfallen, sondern trank nur so im kleinen.

Die Schüler, die schneller als alle andern die Fehler und Schwächen eines Lehrers entdecken, waren auch hier die ersten, die des guten Quartus' häufigen Libationen für Vater Evan bemerkt hatten, wenn er während der Unterrichtsstunden sich mehrfach in seinem Zimmer zu schaffen machte, bald wegen eines Taschentuches, bald wegen eines Buchs und dergleichen mehr.

Eine andre Schwäche, die manche benutzten, um sich über ihn zu belustigen, war die, daß er sich gern seines früheren, noch nicht ganz aufgegebenen Glücks bei Damen rühmte, weshalb er auch das ganze Geschlecht über einen Kamm schor. Da diese seine Grille kein Geheimnis war, kann man sich wohl vorstellen, daß er nicht allein unter Mannsleuten, sondern auch in Damengesellschaft zum Spott wurde. Die schelmischen Mädchen bemühten sich dann, durch eine unter solchen Umständen ganz unschuldige Koketterie ihn noch mehr in seiner Einbildung von seiner eigenen Unwiderstehlichkeit zu bestärken.

Über Tertius kann ich mich kurz fassen. Er war einer von diesen Dutzendmenschen, denen Selbständigkeit oder eigener Charakter fehlt und die deshalb, wie gewiss Tiere, die Farbe ihrer nächsten Umgebung annehmen.

Er war – nach dem Urteil der Welt – »ein guter Mensch«, weil er nichts Böses tat, weil er sich so weit wie möglich nach allen richtete, weil er nie jemandem widersprach und weil er alles mitmachte, und zwar alles mittelmäßig – oder höchstens ziemlich gut. Er war ein ziemlich guter Lehrer, ein mittelmäßiger Musikus, tanzte ziemlich gut und spielte mittelmäßig L'hombre. Er war in meinem Alter, obwohl sein ausgeglichenes, leidenschaftsloses Wesen ihn manchen älter erscheinen ließ, welche Vermutung außerdem durch sein dunkles Haar und seinen starken Bart bestärkt wurde.

So kennt der Leser nun wohl ziemlich gut die gelehrte Gesellschaft, die sich entschlossen hatte, Weihnachten auf Ulvedal zu verbringen: Ich, weil ich nicht den herzlich gemeinten Überredungen eines gastfreien Mannes widerstehen konnte, der Konrektor, weil er nicht den meinen widerstehen konnte, Quintus, weil er erwartete, auf andrer Kosten gut zu leben, Quartus, weil er gute Getränke und Damengesellschaft erwartete, und Tertius, weil – alle wir andern hinaus wollten.

Es wurde fast Abend, bis wir abfuhren. Im Schlitten des Kammerrats, der nur zwei Personen faßte, saßen er und ich; er selbst kutschierte, sein Sohn saß hinten auf. Der Schlitten, der uns folgte, führte die vier andern Lehrer.

Es war den ganzen Tag stilles, graues Wetter gewesen; doch bei unsrer Abfahrt aus der Stadt begann sich ein Südostwind zu erheben und den losen Schnee aufzuwirbeln, der wie ein feiner Rauch auf dem Grabenrand des Weges dampfte. Aber der Kammerrat hoffte, die zwei Meilen bis Ulvedal ohne Hindernisse zu erreichen, da die Pferde kräftig und der Weg ihm wohlbekannt war.

Wir hielten uns ordentlich daran, aber bald fing es auch an, von oben unter beständig zunehmendem Wind zu schneien; und kaum waren wir eine halbe Meile weit gekommen, als Himmel und Erde in eins übergingen – alles war weiß, oben und unten.

Es war das erstemal in meinem Leben, daß ich mich auf ödem Lande in einem recht ernsten Schneetreiben befand. Ungewohnt der Beschwerden und der Gefahr demnach belustigte ich mich über das Unwetter, wie das Kind über eine Feuersbrunst, wie Ossians Carthon, da er von der Zerstörung seiner väterlichen Burg erzählt. »Die Rauchwirbel«, sagt er, »erfreuten mein Auge; ich wußte nicht, warum die Weiber weinten.«

Auch mich freuten diese Schneewirbel, die uns in eine dichte Wolke einhüllten; ebensowenig verstand ich eine Zeitlang, warum der heitere Kammerrat so ernst und wortkarg geworden war.

Jedoch später am Abend, da mit unsrer Verfassung wirklich nicht zu spaßen war, fühlte ich selbst in meiner Furcht eine gewisse geheime – vielleicht darf ich sagen: romantische Lust, die oft der Gefahr entspringt, wenn diese nicht gerade mit unvermeidlichem Untergang droht. Ich stellte mir vor, ich sei auf dem Meere in einem rasenden Sturm.

Die Fahrt glich ziemlich einer Seefahrt; der Schlitten schlingerte, tauchte auf und nieder wie ein Schiff zwischen empörten Wogen, und seine Spur verlor sich ebenso schnell. Hier, dachte ich, haben wir doch einen fünften »unaufspürbaren Weg«, der mit Recht dem »Weg des Adlers in der Luft – dem Weg der Schlange in den Bergen – dem Weg des Schiffes durch das Meer – und dem Weg eines Mannes zu einem Weibe –« hinzugefügt werden kann. Aber wie hätte Salomon auf den »Weg des Schlittens im Schneegestöber« verfallen sollen?

Wir mochten nun wohl anderthalb Stunden unterwegs sein und hätten also mit der raschen Fahrt bald das Ziel erreichen müssen, als der Kammerrat hielt, um sich mit seinem Kutscher über den Weg zu beraten. Auf den Zuruf des Herrn fuhr dieser dicht neben uns hin und bejahte die Äußerung des Herrn, ob es nicht falsch sei.

Auf den darauf folgenden Vorwurf antwortete er, daß er sich auf seinem Herrn verlassen hätte.

Da, wo wir standen, war Lee und vor uns konnten wir durch den Schneedampf etwas Dunkles wie einen Hügel oder ein Haus erblicken. Der Kutscher wurde dahin geschickt, um diesen Gegenstand zu untersuchen.

Wir Passagiere nahmen diesen Vorfall noch ziemlich leicht.

Der Konrektor war der erste, der das Gespräch damit eröffnete, daß er ein paar lateinische Verse von Ovid deklamierte, die den Winter am Schwarzen Meer beschreiben, wozu Quartus bemerkte, daß der Dichter kaum die Kälte stärker als er gefühlt haben könnte, und daß ein Ofen oder etwas andres Warmes sehr wünschenswert seien.

Der Schüler verstand sogleich seine Absicht, sprang an den Schlitten und nahm dort eine Flasche mit Spiritus heraus, aus der wir alle, bis auf den Konrektor, einen Schluck nahmen.

Inzwischen kam der Kutscher zurück und berichtete, daß wir uns am Rande eines Waldes befanden – dessen Namen ich mich nicht erinnere – eine Viertelmeile von Ulvedal, und daß er bald nach Haus finden würde. Er fuhr mit seinem Schlitten voran.

Nach und nach hörte es auf, von oben zu schneien. Der Wind schien sich gelegt zu haben; wir hörten nur ein dumpf es Sausen in dem vermeintlichen Wald. Und da wir außerdem vollständigen Schutz durch ihn hatten, waren wir guten Muts in der Hoffnung, bald unter ein gastliches Dach zu kommen.

Diese Hoffnung sollte sich nicht so bald erfüllen: wir fuhren und fuhren, aber es kam kein Ulvedal. Nach einer Fahrt von gut einer halben Stunde über einen ziemlich unebenen Boden, wobei wir oft nah daran waren, umzuwerfen, hielt der Kutscher mit der tröstlichen Erklärung, daß er nicht wüßte, wo er war.

Das Abenteuer, das bisher um seiner Neuheit willen mich belustigt hatte, fing nun an etwas bedenklich zu werden. Der Kammerrat fluchte auf seinen Kutscher, der Kutscher auf seine Pferde; aber mein Konrektor tröstete uns mit einem:

»Sodales! et haec olim meminisse juvabis« und der arme Tertius tröstete sich selbst mit noch einem Schluck aus der Flasche.

In diesem Augenblick entdeckte der Kutscher die Spur eines Schlittens vor uns. Wir beschlossen, sie zu verfolgen, in der sicheren Erwartung, in kurzer Zeit irgendeine menschliche Wohnung zu erreichen. – Wir fuhren und fuhren, und siehe, je länger, desto gebahnter wurde der Weg! Wir fuhren wieder in froher Verwunderung; aber – noch sahen wir weder Haus noch Ortschaft; es war unbegreiflich.

Schließlich erblickten wir etwas Schwarzes vor uns. Der Kutscher geht dahin und sieht, daß es eine seiner eigenen Pferdedecken ist. Es ergab sich also, daß wir über eine Stunde in unsrer eigenen Spur herumgefahren waren, und daß wir eben da waren, wo wir vor einer Stunde halt gemacht hatten.

Es war kein Spaß mehr, der Kammerrat fing an, sich selbst auszuschelten, uns zu bedauern und uns Entschuldigungen zu machen, während der Kutscher wieder rekognoszierte. Er kam bald zurück und erfreute uns nun mit der sicheren Mitteilung, daß wir nicht weit von Häusern wären, da er ein Licht entdeckt hatte, das ganz bestimmt, versicherte er, kein Irrlicht sei. Er stieg auf und wandte dorthin; der Schlitten hinterher.

Wir glitten nun auf einem breiten und geraden Wege dahin auf das Licht zu, das sich bald teilte und, wie wir sahen, aus zwei Fenstern schien. Der Herr und der Kutscher erschöpften sich in Vermutungen darüber, wo sie wohl sein könnten, da lebende Einzäunungen auf beiden Seiten des Weges zu stehen schienen.

Nun hielten die Pferde gerade dicht vor dem Hause; das Licht daran bewegte sich rasch und verschwand; doch fast im gleichen Augenblick wurde eine Tür mit großem Lärm geöffnet und aus ihr klang es barsch:

»Wer da?«

»Irrfahrer,« antwortete der Kammerrat, »seien Sie so gut und sagen Sie uns, wo wir sind.«

»Gott bewahre, Herr Kammerrat!« tönte es zurück, »warum kommen Sie durch den Garten?«

»Was für einen Garten?« fragte dieser.

»Ihr Garten, Ihren eigenen Garten!« lautete die Antwort.

Und so ergab sich denn, daß wir auf einer Schneewehe über die Gartenmauer einen breiten Weg entlanggekommen waren, der von Hagebuchenhecken eingefaßt war, und nun vor der Gartenzimmertür hielten.

Unter Scherz und Gelächter eilten wir in das Haus, wo wir vom Verwalter empfangen wurden – der, der uns zuerst angerufen hatte – von seiner Frau und zwei Töchtern, die auf uns mit einem ordentlichen Abendessen warteten. Und wahrlich, wir brauchten nicht genötigt zu werden: eine Gans und ein Hase ließen nichts andres als das Gerippe übrig. Besonders wurde die Gänsebrust unter Quintus' Händen und Zähnen so gut wie skelettiert, so daß der jüngste Sohn des Hauses sie als ohne weitere Behandlung als Springgans verwendbar erklärte.

Da die Wirtin sich nicht auf so viel Gäste eingerichtet hatte, und vor allem nicht auf einen so gefräßigen wie Quintus, mußte kalte Küche das Fehlende ersetzen. Als die Essenslust aber schließlich gestillt war, begann sie erst nach der Ursache unsres langen Ausbleibens und unsrer seltsamen Ankunft durch den Garten zu fragen; aber der Schlaf fand sich so rasch nach der Mahlzeit ein, daß niemand antwortete, ausgenommen der Konrektor, der in einem näselnden und schleppenden Tone antwortete:

»Infandum, regina, jubes renovare dolorem.«

Frau Hansen machte große Augen zu diesen lateinischen Versen, aber ihr Mann, der studiert war, sagte lachend:

»Das heißt auf dänisch so viel wie: wir sehnen uns alle nach dem Bett, morgen werden wir dir das ganze erzählen.«

Quintus stieß ein paar hohle Lachtöne aus und erklärte das für eine freie, aber gelungene Übersetzung, worauf er sich erhob; wir andern ebenfalls.

Eine Viertelstunde später lag ich in Schlaf und Eiderdaunen begraben.

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