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Ausgewählte Novellen - Erster Band

Steen Steensen Blicher: Ausgewählte Novellen - Erster Band - Kapitel 7
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authorSteen Steensen Blicher
titleAusgewählte Novellen ? Erster Band
publisherGefion-Verlag Gesellschaft m. b. H.
translatorAlfons Fedor Cohn
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Himmelberg

Dänemarks höchsten Berg hatte ich oft gesehen, aber bisher noch nicht bestiegen. Mehrere Male führte mich mein Weg in seine Nähe, aber das Ziel meiner Reisen erlaubte keinen Seitensprung, und ich mußte mich damit begnügen, den dänischen Schwarzwald auf eine halbe Meile Abstand zu betrachten und im Vorbeifahren einen raschen Blick durch die Täler auf den lieblichen See zu werfen, der sich zwischen gras- und laubbekleideten Inseln und tief einschneidenden Landzungen hinwindet. Schließlich aber konnte ich mich von allen Hindernissen losreißen und beschloß den Himmelberg zum einzigen Ziel eines zweitägigen Ausflugs zu machen. Mein Vetter Ludvig, der kürzlich aus der Hauptstadt gekommen war, begleitete mich.

*

Der Vormittag war klar und warm und versprach uns einen schönen Abend, aber späterhin am Nachmittag bildete sich allmählich im Westen eine Reihe weißlicher Wolken mit feuerfarbenen Rändern.

Mein Vetter beachtete sie nicht; ich aber, als kundigerer Wetterprophet, kannte diese Werkstätten des Donners und kündigte ihm an, »daß der Abend nicht dem Morgen gleichen würde.«

Wir ritten just in der Richtung, daß wir sie gerade vor uns hatten, und konnten daher ständig merken, wie sie immer höher und höher stiegen, an der Wurzel dunkel wurden und sich wie Schneegebirge über dem Himmelberg auftürmten. Unsre Phantasie zeigte sie uns als Schweizer Alpen, und wir versuchten uns selbst einzubilden, daß wir uns in jenem stolzen Berglande befanden: wir sahen das Schreckhorn und das Wetterhorn und die niemals berührte Jungfrau. In den Tälern der Wolken erkannten wir Eisgletscher, und wenn eine herausragende Knospe sich beugte, sank und mit der übrigen Bergeskette verschmolz, war es eine Lawine, die Häuser und Ortschaften im ewigen Schnee begrub.

Noch weiter malten wir uns mit recht kindlicher Lust diese majestätische Alpenszene aus und erheiterten uns so lange mit diesem Selbstbetrug, bis das losbrechende Unwetter uns aus unsern Träumereien weckte. Der Donner polterte hörbarer, heftiger, so daß unsre Einbildungskraft sich vergeblich anstrengte, in diesem Gedonner den Lärm der Schneestürze und der Bergwässer zu hören. Bereits dehnte sich der oberste, dünner gewordene Wolkenrand über unsern Häuptern aus, und der Waldstrich vor uns wurde von dem niederstürzenden Regen wie in einen Nebel eingehüllt. Zu spät ritten wir stark zu, um den nächsten Ort zu erreichen – durchweicht kamen wir nach Alling und suchten Schutz in einem offenen Tor.

Der Besitzer des Hofs, ein älterer Bauer, der uns wildfremd war, nahm uns mit altdänischer Gastfreundschaft auf: ließ unsre Pferde in den Stall führen und lud uns selbst in seine warme Stube. Sobald er unsern feuchten Zustand sah, bot er uns an, die Kleider seiner beiden Söhne anzuziehen, während unsre eigenen an dem flammenden Herd trockneten. Begehrlich nahmen wir dieses schöne Angebot an; und in seiner Oberstube – so wurde die gute Stube genannt – vollzogen wir bald diesen erfrischenden Wechsel unter Scherz und Gelächter über unsere unerwartete Verwandlung. Als Bauernknechte im Sonntagsstaat traten wir wieder zu der Familie hinein.

Der Wirt freute sich herzlich über die erfolgte Veränderung und rühmte unsre »Gemeinheit«; seine beiden Töchter lächelten, wenn sie zu uns hinschielten:

»Die Walküren erröteten,
lachend und abgewandt.«

Der Kaffeekessel stand bereits auf dem Tisch, umgeben von chinesischen Tassen. Das belebende Getränk, reichlich mit braunem Zucker und unverfälschter Sahne versehen, von einer der schönen Töchter eingeschänkt und angeboten, brachte unser abgekühltes Blut wieder in den schnellsten Umlauf; und da erst fragte der Vater nach Namen, Stellung und Heimat seiner Gäste.

Inzwischen war das Gewitter vorübergezogen. Die Sonne lächelte wieder aus dem wolkenlosen Westen. Fern im Osten sauste und polterte es; aber hier war es milde und stille: die Geister des Sturmes hatten ihre feuchten Schwingen zusammengefaltet, und die Regendiamanten glänzten auf Laub und Halm – der Abend sollte doch noch dem Morgen gleichen.

»Auf den Berg!« riefen wir einander zu.

»Aber ihre Kleider?« fiel der Bauer ein.

Wir gingen in die Vorderstube, wo die andre Tochter damit beschäftigt war, sie zu trocknen; aber ach, noch dampften sie, und früher als in einer guten Stunde konnte sie uns nicht versprechen, daß sie brauchbar wären. Doch dann würde es vielleicht zu spät sein, die Aussicht von der Kuppe zu genießen, da der Aufstieg von hier fast ebensoviel Zeit erfordern würde.

Was war hier zu tun?

Der freundliche Bauer half uns aus der Verlegenheit. »Wenn Sie sich nicht der Kleider der Jungen schämen,« sagte er, »dann können Sie sie ja anbehalten.«

»Das ist ein guter Vorschlag!« versetzten wir beide, dankten ihm mit herzlichem Handschlag und baten uns einen Wegweiser aus.

»Der werde ich selbst sein!« sagte er und nahm aus der Ecke einen Wacholderstock für jeden von uns.

Wir traten ohne weiteres unsre Wanderung an, und zwar noch munterer durch unsere Maskerade gestimmt, besonders beim Vetter, der sich selbst wirklich sehr hübsch fand in dem blauen Wams, reichlich mit großen Silberknöpfen gespickt, den langen Reiterstiefeln an den Beinen und dem hohen Hut auf dem Kopfe.

»Ich wünschte nur, daß wir andre Reisende dort oben treffen möchten! Das könnte einen köstlichen Spaß geben.«

Der Führer lachte und wandte ein, daß er wohl kaum »Bauernsprache« sprechen könnte.

»Jo, det kan hei glöwen,« erwiderte mein Vetter und nun fuhr er fort, zum innigen Vergnügen des guten Peter Andersen, jütländisch zu sprechen.

»Ich kan ehm in de Tasch stecken,« rief mein Vetter, der in seiner ausgelassenen Laune Rat für alles wußte.

Inzwischen erreichten wir den Fluß – Gudenaa – der hier ziemlich breit ist und einen beinahe unmerklichen Lauf hat, da er eigentlich nur eine Straße ist, der zwei Seen verbindet. – In einem Fährschiff setzten wir über und nun waren wir in einer ganz andern Gegend: hier beginnt das Heidekraut, dessen dunkle Farbe einen völligen Gegensatz zu dem heiteren Grün östlich des Flusses bildet.

Noch hatten wir eine gute Viertelmeile zu wandern; und da das Heidekraut, das uns fast bis an die Knie reichte, feucht vom Regen war, hatten wir Anlaß, unsere langen Stiefel zu preisen.

Wir erreichten den Wald – den stolzen Buchenwald, der mir hier doppelt schön erschien, weil er auf so dunklem Grunde steht. Durch schräge Täler schlängelte sich der Weg immer aufwärts; aber das dichte Laub benahm uns die Aussicht. Schließlich traten wir wieder aus dem Walde heraus und nun standen wir auf dem Himmelberg.

Wenn ich schöne Musik höre oder ein gewinnendes Schauspiel sehe, muß ich stets in Schweigen genießen. Nichts wirkt unangenehmer, störender auf mein Gefühl, als wenn mich jemand auf dies oder jenes aufmerksam machen will. Sobald man zu mir sagt: »Wie schön ist das!«, dann wird es für mich sofort weniger schön. Diese vernehmlichen Ausbrüche der Bewunderung sind für mich wie Güsse kalten Wassers – sie kühlen meine innere Wärme ab. Später, wenn ich unbemerkt kälter geworden bin, tausche ich gerne meine Gedanken und Gefühle mit einem Freunde aus – mit mehreren – habe auch das Bedürfnis, sie aus dem überlasteten Gemüt sozusagen zu entladen.

Und darum muß wohl auch der Dichter laut singen: in den süßen Augenblicken der Empfängnis brennt er, aber schweigt; danach muß er sich entleeren, Zunge oder Feder müssen dem vollen Herzen Luft schaffen. Er ist wie eine Wolke, die in der Stille Kräfte des Himmels sammelt, und wenn ihre Zeit gekommen ist, ihren schwellenden Vorrat ausgießt, donnert und blitzt und die erstaunten Felder überströmt.

Für mich unglücklich angebracht war also die Diensteifrigkeit unsres Führers, der mit der Geschwätzigkeit eines Cicerone sofort alle die Kirchen, die von diesem Standpunkt aus zu sehen waren, zu bezeichnen und zu benennen anfing, bei jeder ausrufend: »Da sehen Sie!«

Ich überließ ihm meinen Vetter zum Unterricht und setzte mich abseits, um zu sehen, ohne genötigt zu sein, zu hören.

Wenn Stolberg seinen Homer am besten verdeutscht hat, wirft er die Feder beiseite und ruft mißmutig aus: »Leser! Lerne Griechisch und verbrenne meine Übersetzung!« Was ist eine Naturbeschreibung andres als eine Übersetzung? Selbst die gelungenste steht ebenso tief unter dem Original wie der Himmelberg in Jütland unter dem Himmelberg in Tibet. Darum, geneigter Leser, entschuldige mich, wenn ich dir nicht alles erzähle, was ich hier gesehen habe. Was ich gesehen habe, könnte ich dir vielleicht sagen; aber wie ich gesehen habe? Kaum! – Einzelheiten könnte ich dir eine nach der andern darstellen, aber das Ganze – alles auf einmal? – dazu –

»wenn du auch Ohren hast,
die Zunge hat nicht Worte.«

Meine Feder ist kein Pinsel. Reise! Reise selbst nach dem Himmelberg und sieh!

Doch du, der du vielleicht auf dem Gipfel des Brocken oder des Dôle oder des St. Bernhard gestanden hast, lächle nicht, weil ich mit unserm armen kleinen Himmelberg soviel hermache; er ist doch der größte, den ich und die meisten meiner Leser gesehen haben – was für dich klein ist, ist für uns groß.

– – – Ich empfand einen Schlag auf meiner Schulter – es war mein Vetter, der hinter mir stand. Er erzählte, daß der Führer vor einer halben Stunde heimgegangen wäre und daß ich eine ganze ohne jede Bewegung und beinahe ohne Lebenszeichen dagesessen hätte, außer daß ich ein paarmal mit den Augen geblinzelt hätte. Er vertraute mir weiter an, daß er sich halbwegs zu langweilen beginne, und daß ich daher endlich mein tiefes Schweigen brechen müsse.

»Und was hast du nun eigentlich gesehen?« fügte er hinzu.

»Dasselbe wie du,« versetzte ich, »Luft und Erde und Wasser.«

»Aber jetzt,« fuhr er fort, »stierst du ganz mechanisch auf die Wildente unten im See. Du bist gewiß mit deinen weitschweifigen Gedanken auf dem Felsen von Dover beim alten Gloster gewesen?«

»Ganz recht,« sagte ich, »dieser Fischer in seinem Boot sieht wirklich nicht größer aus –«

»Laß ihn ruhig sitzen!« fiel er ein, indem er mir sein Fernglas reichte, »und richte es auf jenes Ufer! Weißt du, daß wir Besuch bekommen?«

Ich sah hinüber und erblickte nun ein Boot etwas vom Lande entfernt, das grade hier herüber zu steuern schien; es war voller Menschen und drei gelbe Hüte ließen vermuten, daß Frauenzimmer darunter waren.

Mein Vetter schlug vor, wir sollten ihre Ankunft abwarten, obgleich es spät werden würde, bis wir unsre Nachtherberge in Alling erreichen könnten. Das herrliche Wetter entlockte mir leicht eine Zustimmung.

Schöner hätten wir es uns auch gar nicht wünschen können; die Sonne war nahe am Untergehen, aber sie schien uns langsamer als gewöhnlich zu sinken – ganz als zögerte sie, um noch länger die Anmut der Erde zu betrachten, ein Werk ihrer allmächtigen Strahlen. Alle Winde waren zur Ruhe; kein Blatt, kein Halm bewegte sich. Der See war ein Spiegel, worin die gegenüber liegende Gegend ihre Felder, Haine und Häuser verdoppelte. In den Tälern gegen Westen stiegen einzelne Rauchsäulen von den zwischen den Bäumen verborgenen Kohlenmeilern und Behausungen auf. Aber so still es in der Luft war, so lebendig war es auf der Erde: Vogelsang im Walde hinter uns und vor uns, die wechselnden Liebestöne der Heidelerchen, die einander aus den Hollunderbüschen antworteten; von dem schilfbewachsenen Seeufer hörte man das Schnattern der Wildenten, das Glucken der Lumme und des Wasserhuhns, und weiter entfernt Ruderschläge von dem heimkehrenden Fischer und seinen Abendpsalm. Selbst von den Feldern drüben hörte man das Brüllen des Viehs, das Bellen der Hofhunde, das Sausen des Mühlbachs und das Klappern des Werks. Nun war die Sonne unter, und der Klang der Betglocken von vielen Kirchen rief den müden Landmann zu Schlaf und Ruhe. Der Abendtau hob sich bereits von allen Wiesen und Wässern und bald verhüllte er den ganzen See. Die fernen Hügel und die Wipfel der Wälder schwammen auf dem Nebel. Aber durch ihn hindurch erklang eine muntere und süß verschmelzende Musik von Blasinstrumenten. Sie näherte sich immer mehr und mußte unfehlbar vom Boote kommen, das wir drüben vom Lande hatten abfahren sehen.

Als die Musik schwieg, hörte man deutlich die Unterhaltung der Ankommenden und bald darauf den starken Lärm bei der Landung. Wir erwarteten, daß sie in wenigen Minuten den Berg hinaufkommen würden, merkten jedoch, daß sie sich entfernten; denn schwächer und schwächer erklangen ihre Stimmen und verloren sich schließlich ganz im Walde nach Westen. Wenn es nicht die neumodische Musik gewesen, hätten wir das Ganze gut für ein Feenmärchen oder für einen Zug der Waldelfen – eine Erlkönighochzeit – nehmen können.

Die Nacht brach an. Einzelne Sterne glommen matt am blaßblauen Himmel. Im Nordwesten zeigte ein rotes Segment, wo der König des Tages in der Tiefe wanderte und sich dem Pol näherte. Ringsum war es still; nur fern draußen in der Heide erklang das schwermütige Pfeifen des Regenpfeifers und unter uns über den See hin pfiff der Flügelschlag der vorbeiziehenden Wasservögel.

»Nach Haus!« rief der Vetter.

»Nach Haus!« wiederholte ich; doch kaum hatten wir ein paar Schritte getan, als wir beide gleichzeitig mit einem »Still!« stehen blieben.

Südlich von uns an der Seite des Waldes, durch den wir gekommen waren, ertönte plötzlich ein zweistimmiges Tirolerlied. Es ist etwas Unbeschreibliches in diesen Doppeltönen, die das Herz leicht und sänftlich heben und ein Gefühl oder einen Zustand hervorrufen, fast wie der, wenn man im Traume fliegt. Am allerlieblichsten klingt es im Freien und in den Bergen – der Heimat dieser süßen Töne – und jetzt in der stillen Abendstunde, wo es klang, als ob alle die umliegenden Hügel aus dem eben begonnenen Schlummer geweckt würden und froh den Gesang nachlullten – hier war es gegenüber all dem andern menschlichen Gesang, was der der Nachtigall gegen den der übrigen Tagessänger im Walde ist.

Der Vetter ergriff meine Hand und preßte sie, als wollte er mich bitten, nicht durch einen Ausruf seinen Ohrenschmaus zu stören. Als der Gesang zu Ende war, seufzte er tief. Verwundert sah ich auf den sonst so heiteren Burschen; es standen Tränen in seinen Augen. Ich schrieb sie der Macht der Musik zu, sogar das leichteste und dreisteste Herz zu erweichen und zu bewegen, und ich sagte ihm das.

»Jawohl!« sagte er. »Die menschliche Brust ist ein Resonnanzboden, der, wenn auch unberührt, dennoch Widerhall gibt, wenn gewisse Töne angeschlagen werden.«

»Richtig!« wiederholte ich, »wer den rechten anzuschlagen versteht, ist auch sicher, Antwort zu erhalten. Diese Auffassung wird ja offenbar in der Sage vom Taranteltanz angedeutet.«

Er seufzte wieder und fuhr fort: »Aber solche Töne müssen doch im Zusammenhang mit gewissen Ereignissen stehen, müssen gewisse Erinnerungen wecken – Ja –« hier nahm er wieder meine Hand und zog mich mit sich nieder auf einen Windbruch – »Ja, mein Freund, dieser Gesang ruft eine Erinnerung wach, die ich vergebens auszulöschen trachte – willst du hören?«

»Erzähl nur!« versetzte ich, »ich ahne bereits den Stoff deiner Geschichte.«

»Es war ein Abend wie dieser,« begann er, »grade vor zwei Jahren, daß ich mich mit einem meiner Freunde auf einem Ausflug am Esrom-See befand. Wir blieben spät an einer Waldecke sitzen, ehe wir uns zum Heimwege entschließen konnten; solange wurden wir von der Anmut des Ortes und des Abends gefesselt. Wir hatten noch nicht unsern Sitz verlassen, als ein Tiroler Lied – genau dasselbe, das wir jetzt hörten – sehr angenehm unsre Aufmerksamkeit auf sich zog. Es kam von der andern Seite des Sees, näherte sich aber nach und nach. Bald hörten wir das Plätschern der Ruder, die ordentlich Takt zur Musik schlugen, und kurz darauf erblickten wir das Boot, das auf uns zu hielt. Als der Gesang aufhörte, fingen sie draußen einen lauten Spaß an, und der wurde wilder und wilder, je näher sie dem Lande kamen. Nun konnten wir deutlich das kleine Fahrzeug und seine lustige Besatzung sehen.

»Zieht die Ruder ein!« rief einer, »ich werde an Land wricken.«

Es erfolgte.

»Ich weiß eine bequemere Art, euch alle an Land zu bringen,« rief ein andrer, indem er aufsprang und breitbeinig von Rand zu Rand das Boot in eine schaukelnde Bewegung setzte.

»Laß das! Laß das!« schrie eine, »Du verrückter Esel, du bringst ja das Schiff zum Kentern!«

»Ihr sollt euch den Staub ordentlich abspülen,« versetzte der Tolle und wippte weiter.

Man lachte, man fluchte; doch plötzlich mitten im Lärm erscholl eine stärkere Stimme: »Hör auf! Hör auf! Fritz kann nicht schwimmen!«

Da war es bereits zu spät: das Boot war voller Wasser und kenterte. Es geschah nur wenige Faden vom Ufer. Alle schwiegen auf einmal; wir hörten nur das Plätschern und Pusten der Schwimmenden; es waren sechs.

Doch nun schrie einer: »Fritz, komm her! Nimm mich um den Hals!«

Ein andrer: »Fritz! Komm zu mir!« Und mehrere auf einmal: »Fritz! Fritz! Wo bist du?«

Unterdessen kam ein Paar an Land und wandte sich, um nach denen zu sehen, die noch draußen schwammen.

Der eine zählte laut »drei – vier« und mit dem heftigen Ausruf: »Es fehlt einer!« sprang er wieder hinaus; der andre folgte ihm.

Nun konnten auch mein Freund und ich nicht länger müßige Zuschauer bleiben: wir warfen unsre Röcke ab und waren im Nu unter den Suchenden.

Daß der Gesuchte unter dem Boot sein mußte, war glaubhaft; wir umringten es daher alle, es lag mit dem Kiel nach oben; die besten Schwimmer tauchten. Vergebens! Er war nicht da. Aber weiter hin zwischen den Rudern bemerkte einer schließlich etwas Dunkles – das war er! Er wurde an Land gebracht – er war leblos. Eifrig – ängstlich versuchte man die gebräuchlichen Mittel; sie schlugen aber niemals an. Man beschloß nun, ihn nach dem nächsten Haus zu tragen; man legte ihn auf zwei, aus dem Boot losgerissene Sitze und setzte sich in Gang. Mechanisch folgten wir beide hinterdrein. Welch trauriger Unterschied zwischen der kürzlichen Lustigkeit und dem darauf erfolgten düsteren Schweigen! Vorher Gesang und Lachen, laute Jugendheiterkeit – jetzt nur der Laut von den raschen Schritten der Leichenträger!

Der Zug war noch nicht weit von der Stelle entfernt, als einer der vordersten das Gesicht wandte und sagte: »Wo ist denn Lund?«

Wir sahen uns alle um, der unglückliche Leichtfuß – denn das war er – stand dort halb verborgen hinter einem Busch und füllte seine Tasche mit Steinen.

»Er will sich ertränken,« erscholl es, »er muß mit uns kommen.«

Man machte Halt. Mein Freund und ich boten uns an, zu tragen, während zwei zu dem Verzweifelten hineilten. Wir sechs gingen weiter. Der Weg zu dem Hause, wohin der Ertrunkene gebracht werden sollte, lief durch den Wald. Hier war es bereits so dunkel, daß die beiden vordersten Träger erst in einem Abstand von etwa zehn Schritt zwei weißgekleidete Frauenzimmer entdeckten.

»Mein Gott,« sagte er leise, »wenn das Fritzens Braut ist? Er sprach davon, daß sie uns entgegenkommen wollte.«

Sie war es. Ich will nicht weitschweifig werden, du kannst dir selbst diesen herzerschütternden Auftritt vorstellen: Erst ihr Entsetzen, uns mit einem ertrunkenen Menschen zu treffen, und dann, als sie erfuhr, daß dieser Unglückliche ihr Teuerstes in der Welt war – denn es ließ sich keinen Augenblick verheimlichen, da sie ihn mit den übrigen zurückerwartete, die sie alle kannte – sie fiel in Ohnmacht. Ihre Begleiterin hielt sie im Falle auf. Was war hier zu tun? Mein Freund und ich ließen die Leiche los, um beiden Damen zu Hilfe zu kommen, während die vier andern ihren Weg zu dem Hause fortsetzten, das nicht sehr weit entfernt war. Ich eilte an den See hinab, um Wasser in meinem Hut zu holen. Wir besprengten ihr das Gesicht – sie kam wieder zu sich. Die Unglückliche!

»Wo ist er?« schrie sie, »wo ist er? Er ist nicht tot – ich will zu ihm, ich will« – Sie mühte sich aus allen Kräften, um loszukommen.

»Lassen Sie sie los, meine Herren!« sagte ihre Begleiterin, indem sie sie selbst mit dem einen Arm umschlang und mit dem andern ihre Hand gegen ihre Brust preßte; wir ließen sie los.

»Dank – Dank für Ihren Beistand!« rief sie. »Bemühen Sie sich nicht; ich kenne den Weg.«

Beide eilten davon. Wir blieben stehen und hörten noch lange den heftigen Schmerzensausbruch der einen und das zärtliche Zureden der andern.

Wir hatten weder Veranlassung noch Drang zu folgen. Wir gingen zu dem wartenden Wagen zurück, im Gespräch über den jammervollen Vorfall, dessen Zeugen wir so unvermutet geworden waren.

Niemanden von all denen kannten wir, erfuhren auch nicht, was später daraus geworden war. Und obgleich wir eine Zeitlang alle Todesanzeigen in der Zeitung genau nachsahen, fanden wir doch kein solch unglückliches Ereignis bekanntgegeben und ebensowenig in einem unsrer Umgangskreise erwähnt. Zuletzt hätten wir gern das Ganze für eine Spukszene genommen, wenn wir nicht selbst unsere Rollen darin gespielt hätten.

Jedoch für mich war es hiermit nicht vorbei. Du wirst es wunderlich finden – lächerlich vielleicht – daß ich wirklich in gewisser Weise verliebt war; denn die Liebe hat ja sonst nur einen Weg zum Herzen – die Augen. Zu mir schlich sie sich auf einem Umweg – durch die Ohren. Es war nämlich so dunkel, daß ich nicht das Gesicht der Schönen sah, sondern nur ihre Stimme hörte – ah, eine Stimme! so – süß? das sagt nichts – melodisch? auch nicht. Kurz gesagt: ich kann sie nicht anders beschreiben, als daß sie klang wie ein Ton aus höheren Regionen oder wie die Stimme eines lange entbehrten, eines verschiedenen Freundes oder eines Engels im Traum.

Auch ihre Gestalt glich denen, die dem inneren Gesicht des Schlummernden im Traume vorgegaukelt wird, undeutlich, ohne bestimmte Züge und Umriß, und doch im Stande, das Herz in die süßeste Bewegung zu setzen. Hast du dich jemals im Schlaf verliebt, dann wirst du dich ungefähr in meinen Zustand versetzen können. Ich sah sie und sah sie nicht: die schlanke, in Weiß gehüllte Gestalt hatte grade durch ihre Dunkelheit etwas Geisterartiges; und das Gesicht, das sich rasch und mattglänzend unter dem Rande des Strohhuts zeigte und verschwand, war mit dem Schein des Neumonds hinter bleichen Wolken zu vergleichen, wenn er so schwach ist, daß der Wanderer nicht weiß, ob er ihn ›sieht oder nur zu sehen glaubt.‹

Ja, in Wahrheit! Ihre ganze Engelsgestalt kam mir vor wie die Didos, da sie im Elysium an dem noch im Fleische wandelnden Aeneas vorüberschwebte –«

»Von wem sprichst du?« unterbrach ich ihn.

»Von der Freundin natürlich,« versetzte er, »und nicht um das unglückliche Witwenmädchen – wenn ich sie so nennen darf.«

»Was du mir hier erzählst,« sagte ich, »finde ich keineswegs unsinnig: das Halbdunkel erweckt größere Neugierde, heftigere Neigung als das ganz Klare; die Reize, die durch den Schleier schimmern – und du sahst ja durch den der Nacht – werden idealisiert von der Phantasie ausgemalt, die grade im Dunkel am allereifrigsten ist. Und nun dazu deine Stimmung, die plötzliche Abwechslung zwischen der Windstille milder Freuden und den Stürmen des Erschreckens und dem tiefen Wellenschlag der Trauer – in Trauer wie in Freude ist das Herz am schwächsten und am schlechtesten bewacht gegen heimliche Überrumpelung durch den listigen Gott der Liebe. Dein Drama ist also zu Ende?«

»Der erste Akt nur,« erwiderte er, »nun kommt der zweite.«

Der Sommer ging. Der Winter kam und war fast vorbei, als ich einer Maskerade in einem Klub beiwohnte. Eine Stunde lang hatte ich mich zwischen diesen Karrikaturen getummelt und mich recht gut unterhalten – nicht grade über das gute Spiel von sehr vielen; denn nur einige verstanden es, die angenommene Rolle auch durchzuführen – sondern vermittels einer Idee, die mir gleich eingefallen war und die ich auf alle vorkommenden Charaktermasken anwandte.

Ich stellte mir nämlich vor, die Maskerade sei wirkliche Wahrheit und das wirkliche Leben dagegen eine Maskerade. Das natürliche Gesicht des Menschen kam mir wie eine Maske vor, die oft dem wahren Charakter gleicht und ihn oft verbirgt; die gewöhnlichen Trachten schienen mir falsche Kostüme, Rede und Wesen ein szenisches Spiel zu sein. Aber hier, auf der sogenannten Maskerade, zeigt sich der Mensch, wie er ist: der Narr stellt sich ehrlich in seiner Narrentracht dar, schwadroniert offen mit seiner Pritsche und klingelt lustig mit seinen Schellen; der Verschmitzte, Faule, Gierige hängt sich die Mönchskutte über; der Stolze stelzt gravitätisch einher wie ein Grand d'Espagne; der Eitle prunkt mit Band und Sternen, selbsterfundenen, selbstverliehenen, aber grade deshalb desto echteren Zeichen selbstempfundenen Wertes; das wollüstige Weib, das in der großen Maskerade des Lebens sich züchtig in die Tracht der Unschuld hüllt und schüchtern aussieht, entsagend, heilig wie eine Cecilia, sie tritt in der kleinen mit dreistem Wesen und drappiert als Kleopatra auf; die Xantippe schwingt öffentlich das Reis, das sonst nur hinter ihren eigenen verschlossenen Türen zuschlägt, und belustigt das große Publikum mit ihren Gardinenpredigten. Ja, die Aufrichtigkeit, die rückhaltlose Erkenntnis der Wahrheit geht sogar so weit, daß nicht einmal das Tierische beim Menschen sich verbirgt: der Grobian zeigt sich als ein wirklicher Bär, der Hoffärtige, von falschen Winden aufgeblasene, stolziert umher wie ein Truthahn; die dummstolze Dame watschelt wie eine natürliche Gans daher; und sie, der der Mund von morgens bis abends wie eine Pfeffermühle geht, erscheint hier als ein ungeheurer Papagei.

Diese Vorstellung wurde so lebhaft, daß ich mir schließlich einbildete, ich befände mich in einer Menagerie und alle die zweibeinigen Wesen, die mich umsprangen, seien Affen, Hunde und andre Wesen, die man in Kleider gesteckt und auf den Hinterbeinen gehen gelehrt hatte.

Da wurde ich in sehr angenehmer Weise aus einer nicht sonderlich behaglichen Illusion gerissen: es traten nämlich Hand in Hand zwölf languedocsche Schäfer ein mit ihren Schäferinnen in der schönen Tracht ihres heiteren Heimatlandes. Das Orchester spielte zu einer Française auf und dieser reizende und doch so sittliche Nationaltanz wurde von den drei Quadrillen mit einer so völligen Leichtigkeit und Bestimmtheit ausgeführt, daß all die andern Masken im Saal in schweigender Bewunderung einen dichten Kreis um die schöne Gruppe schlössen.

Als der Tanz vorbei war, öffnete sich der Kreis, und Schäfer und Schäferinnen mischten sich unter die übrigen. Eine der letzteren, deren niedliche Figur und anmutigen Bewegungen meine Aufmerksamkeit besonders gewonnen hatten, zog mich nun mit unerklärlicher Macht im Saale hinter sich her, bis ich ihr endlich so nahe kam, daß ich sie anreden konnte.

»Schöne Schäferin!« sagte ich auf französisch, »wie ist unser Norden so glücklich geworden, einen Besuch von Ihnen und Ihren schönen Schwestern zu erhalten!«

Sie wandte sich rasch zu mir um und schwieg ein paar Sekunden, während der sie ein Paar dunkler Augen starr auf meine heftete.

»Mein Herr!« erwiderte sie nun gleichfalls auf französisch, »wir hatten gehört, daß Treue ihre rechte Heimat in diesem Norden habe.«

»Aber Sie bringen ja jede ihren Liebhaber mit –« sagte ich.

»Weil«, war die Antwort, »wir hofften, daß das Klima einen günstigen Einfluß auf ihre Beständigkeit haben werde.«

»Herrliche Blume von den Ufern der Garonne!« fuhr ich fort. »Wer könnte unbeständig gegen Sie sein?«

»Der jedenfalls«, versetzte sie, »der mir schmeichelt, ohne mich zu kennen. Sie nennen mich schön und haben doch nicht mein Gesicht gesehen. Sie müssen also die Maske meinen.«

»Ihre eigenen Augen sagen es«, wiederholte ich, »sie müssen die Schuld tragen, wenn ich die Unwahrheit sagen sollte –«

Hier wurden wir durch den beginnenden Tanz unterbrochen. Ich forderte die Schäferin auf, mit einem Nicken reichte sie mir ihre Hand, wir stellten uns in die Reihe. Jetzt erst begann ich mich recht zu entsinnen, wo ich früher diese süße Stimme gehört hatte, die, wenn auch etwas undeutlich unter der Maske, mir doch so bekannt klang: es war – es konnte keine andre als sie sein, meine Elfe vom Esromer Wald. Doch hierüber mußte ich Gewißheit haben. Es fiel mir schwer zu warten, bis der Tanz vorbei war; kein Tanz ist mir früher oder später so angenehm und so lang gewesen.

So werden wir bisweilen in Träumen weit umher geführt von einer Szene auf die andre, hören Gespräche, erleben ganze Geschichten, weit umfassende, wenn auch rhapsodische, und wenn wir dann erwachen und nachrechnen, hat der ganze Traum nur ein paar Minuten gedauert.«

»Eine solche Zeit«, fiel ich ein, »würde ich eher schwer als lang nennen. Aber fahre fort! Deine Geschichte ist mir noch nicht zu lang.«

Er fuhr fort: »Nach dem Tanz führte ich sie auf ihrem Platz und ließ mich neben ihr nieder.

»Es kommt mir vor«, sagte ich auf dänisch, »daß ich früher einmal ihre Stimme gehört habe, nicht an den Ufern der Garonne –«

»– Sondern«, nahm sie mir rasch das Wort weg und wandte sich zu mir um, »am Ufer des Estromsees vielleicht?«

Eine süße Empfindung hob meine Brust und preßte sie gleichzeitig zusammen; sie war es, die Unsichtbare! Sie hatte damals auch meine Stimme bemerkt, sie in treuer Erinnerung bewahrt.«

»Zum zweiten Mal also,« seufzte ich, »begegnen wir uns, ohne einander zu sehen. Das gleicht wirklich einem morgenländischen Märchen; aber desto heftiger sehne ich mich nach dem Augenblick, an dem Sie ihr Gesicht nicht mehr verbergen werden –«

Sie lachte etwas – artig, graziös, wie das Mädchen bei dem Schelm Flaccus.

»Wenn sie beim Blindekuhspiel kichert tief drinnen im Winkel« – durch die Mundöffnung der Maske sah ich die schimmernden Perlenreihen der Zähne, ich dachte mir Korallenlippen darum, Grübchen in den hellroten Wangen – und ich vergaß ganz, was ich sagen wollte.

Sie ergriff das Wort: »Warum sollte ich Ihre Illusion zerstören? Lassen Sie unser Märchen – wie Sie es nennen – bleiben, was es ist! Wenn ein Rätsel gelöst ist, interessiert es nicht mehr. Sobald die Maske fort ist, sehen Sie ein ganz gewöhnliches Mädchengesicht! Jetzt dagegen ist Ihre Einbildungskraft so galant, mich zu einer Fee aus dem Kaukasus oder aus Ginistan zu machen. Lassen Sie mich es bleiben, wenigstens solange, bis der Wächter zwölf ruft und Sie aus dem Traume weckt.«

»Nicht alle Träume sind Betrug«, erwiderte ich, »sie enthalten oft wahre Weissagungen.«

»Souvent«, sagte sie – wie mir schien gleichgültig und sah nach den Masken hin, als vermißte sie jemanden.

Ich fühlte mich etwas gekränkt und bemerkte, daß viele Wahrheiten allerdings derartig seien, daß wir wünschten, sie wären Träume, und daß dies gerade auch der Fall mit dem unglücklichen Ereignis war, das Anlaß zu unsrer ersten Begegnung gegeben hatte.

Sie sah wiederum zu mir hin und sagte: »Unglücklich? – Ah, es ist wahr! Sie wissen vermutlich nicht –«

Da kam einer der Schäfer angestürzt und riß sie mit sich in die Quadrille, die sich wiederum aufstellte.

Ich folgte dem Paar mit den Augen und merkte nicht, daß meine Schwester neben mir stand, bis sie mir einen Schlag mit dem Fächer gab und mich wissen ließ, daß sie nicht engagiert sei. Ich ging mechanisch mit ihr in die Reihe; wir kamen ganz unten zu stehen. Mechanisch rückte ich auf, mechanisch machte ich meine Figuren. Meine Sinne, meine Gedanken waren von dem rätselvollen Wesen gefesselt, das immer näher und näher kam. Nun war es an mir, ihr die Hand in der Kette zu geben; ich drückte die ihre – ich erhielt keine Erwiderung.

Beschämt oder betrübt beschloß ich, nicht mehr nach ihr zu sehen; beständig sah ich die Quadrille hinauf. Schließlich begann ich mit meiner Dame zu tanzen; ein Paar nach dem andern verabschiedete sich, gerade wenn wir an ihnen vorbeikamen; die Schäferin war mit ihrem Tänzer eine der ersten. Als die Ecossaise zu Ende war, konnte ich es mir nicht versagen, ringsum nach ihr auszulugen. Sie war nicht mehr im Saale – alle Schäfer und Schäferinnen waren und – blieben fort. Ob sie nun den Ball verlassen oder auch – was wahrscheinlicher war – sich umgekleidet hatten: ich sah sie nicht mehr.

Vergebens ließ ich bei Tisch meine Augen nach allen Damen umherschweifen, um möglicherweise zu erraten, wer von ihnen die rechte sei. Es half nichts: da waren viele schöne schwarze Augen und weiße Zähne in Menge; doch welche gehörten ihr? Nur die Stimme würde zu der lebhaft gewünschten Entdeckung leiten; aber ich konnte doch nicht von einer zur andern gehen und sie bitten, mit mir zu sprechen. Kurz gesagt: der zweite Akt meines Dramas war zu Ende –«

»Und nun der dritte?« fragte ich neugierig.

»Auf dessen Beginn«, versetzte er, »habe ich selbst vergebens Jahr und Tag gewartet.«

»Aber«, fragte ich weiter, »kennst du nicht ihren Namen?«

»Nein.«

»Kanntest auch keinen von den übrigen vielen Schäfern oder Schäferinnen?«

»Gewiß«, sagte er, »traf ich später ein paar von den ersten; aber was half mir das? Ich war doch nicht imstande, meine Schäferin so zu bezeichnen, daß sie von den andern unterschieden werden konnte. Sie zählten mir zwölf unbekannte Namen auf, zwischen denen ich wählen konnte – damit kam ich ebenso weit. Für mich ist sie ebenso namenlos wie unsichtbar.«

Ich mußte über das traurige Gesicht meines sonst so lustigen Vetters lächeln.

»Du lachst über mich,« sagte er, »das habe ich ja vorher gewußt. Sich in ein Mädchen zu verlieben, das man nicht gesehen hat, ist auch ziemlich närrisch. Aber weißt du, sehr stark bin ich das auch nicht. Daß ich vor Liebe sterben oder selbst meine Tage verkürzen sollte, brauchst du nicht zu fürchten: ich fühle nur eine gewisse süße Sehnsucht, gleich der, die zärtlich das Herz durchbebt bei der Erinnerung an entschwundene Freuden.«

Die Tiroler waren jetzt so nahe, daß wir sie leise sprechen hörten. Nach ein paar Sekunden Lauschens flüsterte der Vetter mir zu, er kenne einen von ihnen an der Stimme sowie an seinem häufig wiederholten Leibprädikat »ungeheuer«, es sei ein Offizier aus Kopenhagen, gleich darauf traten sie aus dem Walde, drei an der Zahl, alle in Zivil; doch verriet der Schnurrbart des einen seinen militärischen Stand.

Der Vetter stieß mich am Arm an und flüsterte wieder: »Das ist er wirklich – wollen sehen, ob er mich erkennt!«

Wir standen auf und standen steif da, unsere Hüte in den Händen.

Sie grüßten wieder, und der Offizier setzte höflich hinzu: »Bedeckt Euch, Kinder! – Dient Ihr dem König?«

»Oh ja!« versetzte der Vetter.

»Wollt Ihr Euch ein Trinkgeld verdienen?« wiederholte jener, »und uns behilflich sein, unser Zelt aufzustellen?«

»Wie Herr Leutnant befiehlt«, lautete die Antwort.

Nun brachten die beiden Burschen Zelt und Stangen an, und auf Befehl des Offiziers gingen wir mit ihnen zurück, um das übrige Zubehör zu holen, sowie Mäntel, Felle, Eßkorb und Flaschenfutter; denn der Wagen, in dem sie von Ry aus gefahren waren, war auf dem offenen Hügel südlich des Waldes stehen geblieben.

Das Zelt wurde mit dem Eingang nach Osten errichtet und den Umständen nach gut eingerichtet: ein Baumstamm wurde hineingerollt und diente, mit Fellen belegt, als Bank; ein andrer wurde als Tisch davorgestellt. Die Reisenden brauchten uns nun nicht länger. Der eine bezahlte die Bauernburschen; der Leutnant reichte mir einen Silber-Vierteltaler, den ich doch natürlich nicht annehmen wollte. Er bot ihn meinem Kameraden an, und als dieser ebenso edelmütig war, schwur er hoch und heilig darauf, daß wir sein Flaschenfutter schmecken sollten. Er schenkte ein; der Vetter ergriff den Becher mit einem Lächeln.

»Worüber grinst du?« fragte der Offizier.

Mein Vetter sagte, indem er an den Mund setzte: »Dein Wohl, Wilhelm!«

Der, dem zugetrunken war, trat oder richtiger taumelte ein paar Schritte zurück, seine beiden Reisebegleiter ein paar auf uns zu.

Der Vetter trank und brach in Lachen aus, und der Leutnant, der ihn nun endlich erkannte, rief in froher Überraschung aus: »Ludwig! Reitet dich der Böse? Was in Teufels Namen treibst du hier in dieser Verkleidung?«

Es kam nun zu einer vollständigen Erklärung. Der Leutnant fand unsern Einfall ungeheuer schön und er mit seinen Reisebegleitern drängten so herzlich darauf, daß wir die Nacht bei ihnen bleiben sollten, daß wir es nicht abschlagen konnten.

Der eine Kamerad des Leutnants war ein junger, hübscher und sehr gebildeter Mann und gleichzeitig ungeheuer reich, weshalb er immer der Großhändler genannt wurde, und anders will auch ich ihn nicht nennen. Der andre stellte sich selbst mit diesen Worten vor:

»Meine Herren vom achtbaren Bauernstand! Mein Name hier in Jütland ist Farniente, und ich habe das Glück, nichts in der Welt zu sein, höchstens stets ungeheuer vergnügt, was die Weisen dieser Welt Torheit nennen. Gestatten Sie mir nun, Ihnen meine Reisefreunde mit ihrem wirklichen Charakter vorzustellen! Dieser hier ist ein sehr liebenswürdiger und in jeder Beziehung vollkommener Kavalier. Er ist Herr über mehrere Tonnen Gold, für welches Verdienst er von mir zum Kommandeur des Goldenen Vließes erhoben worden ist. Das einzige, was an ihm auszusetzen wäre, ist, daß er nicht ganz richtig im Kopfe ist; denn er hat die fixe Idee, daß er absolut in das Irrenhaus will, von dem ich sprach. – Der andre Herr dort ist ein Mitglied des Ordens der roten Mönche. Er ist der verrückteste von uns dreien; denn er bildet sich fest und bestimmt ein, er sei ein Krieger und großer Held, und nennt sich selbst Leutnant. Er kann im übrigen bald erwarten, Prior in einem der Klöster der Sölvgade zu werden, was er in seiner Sprache nennt: eine Kompagnie zu bekommen."

Hier griff der Vorgestellte mit seiner rechten Hand nach seiner linken Hüfte und sagte so barsch wie möglich – doch ohne seine Lachmuskeln bezwingen zu können –:

»Herr von Farniente, wissen Sie auch, daß Sie mich ungeheuer beleidigt haben! Wo und wann paßt es Ihnen?«

»Hier«, erwiderte der Geforderte, auf das Flaschenfutter weisend, »und im Augenblick.«

Nun trat mein Vetter vor und sagte: »Meine Herren! Ehe Sie zu dem blutigen Werke schreiten, lassen Sie auch mich selbst und meinen Kameraden vorstellen, die sich sehr die Ehre ausbitten, Ihre Sekundanten zu sein. Sie, Herr Farniente, sind nichts! Hier« – er wies auf mich – "sehen Sie einen Mann, der alles ist, ebenfalls, versteht sich, in seiner eignen Einbildung. Er glaubt nämlich von sich selbst, daß er ein Poet ist, und solche Leute, wissen Sie, stecken ja ihre Nase in alles. Er hat einen Haufen Altes und Neues gelesen und ein paar Reisen mit dem Fährschiff und dem Dampfschiff zwischen hier und Kopenhagen gemacht, und deshalb ist er nun fest davon überzeugt, daß er die Welt kennt, obgleich er nicht einmal sich selbst kennt und jeder Dummrian ihm heimleuchten kann, wenn er nur versteht, ihm sein eigenes Steckenpferd zwischen die Beine zu stecken. Im übrigen tut er nichts Böses, wenn man ihn bloß reden läßt und schweigt und ihn nicht in seinen Träumereien stört. Sein Name ist übrigens Per Spielmann. – Was meine eigene geringe Person angeht –« »Pausiere etwas!« unterbrach ich, »jetzt fällt es mir zu, dich vorzustellen, Vetter! Denn deine Bescheidenheit wird jedenfalls deine eigenen Vollkommenheiten verbergen. Herr Prokurator Ludwig §§§! Ein blinder Diener der blinden Justitia! Als solcher gedenkt er den Gang der Gerechtigkeit an allen Untergerichten Jütlands zu leiten. Er hat zwei fixe Ideen: die eine, daß er nur gerechte Sachen unternehmen will; die andre, daß alle gerechten Sachen gewonnen werden müssen. Sie sehen folglich ein: pro primo, daß er nicht sehr tief in der Jura steckt, pro secundo, daß er die Welt ebensowenig kennt wie ich, und pro tertio, daß seine Praxis nicht bedeutend werden wird. Von dem Lohn, den ihm seine gnädige Frau gibt, wird er also nicht fett werden; und wenn er kein Privatvermögen hätte, könnte er darauf rechnen, auf öffentliche Kosten unterhalten zu werden.« »Prächtig, meine Herren!« rief der Leutnant, »ich sehe, daß wir hier fünf Ellen von einem Stück sind und daß wir ungeheuer gut aufschließen; lassen Sie uns nun auch Tritt bei der Flasche halten. – Achtung! Angetreten! Eins – zwei! Eins – zwei!«

Und dabei stampfte er mit kurzen, raschen Schritten ins Zelt; wir andern in demselben Tempo hinterher.

Was wir hier taten, bedarf keiner ausführlichen Erklärung: wir aßen und tranken und waren froh; wir schwatzten und wir sangen zur Abwechselung. Wir kümmerten uns weder um Praeteritum oder Futurum, sondern hielten allein an das glückliche Präsens nach unsers Praeceptors, des verrückten Horaz' Lehre und Exempel.

Der Großhändler war der erste, der gegen Mitternacht daran erinnerte, daß ein Schläfchen guttun und bewirken würde, daß wir mit um so größerer Munterkeit die aufgehende Sonne begrüßen könnten. Das fand allgemeine Zustimmung. Aus Fellen und Mänteln wurde rasch ein Gemeinschaftsbett bereitet, auf dem wir fünf fidelen Brüder uns ausstreckten. Vier schliefen bald ein, einer nach dem andern; nur ich blieb wach. Und da ich merkte, daß der Schlaf sich nicht einfinden wollte, erhob ich mich so leise wie möglich und ging aus dem Zelte.

Es war ringsum still. Der Himmel war wolkenfrei, aber von seinen Millionen Augen waren nur einzelne offen, und selbst diese blinkten langsam und matt, als kämpften sie mit dem Schlafe; denn jenes strahlende Königslicht, das bald ihr schwaches Glänzen ganz auslöschen sollte, brach bereits im Norden durch.

Es ist nicht das Dunkel, noch weniger Sturm oder Unwetter, die die Nacht so feierlich schrecklich machen; es ist ihre tiefe Ruhe, diese Totenstille in der ganzen Natur. Dies: sich selbst wach mitten in einer schlafenden Welt zu wissen, allein lebend in dem ungeheuren Grabgewölbe, allein mit seinen bangen, schwindelnden Gedanken von Tod und Ewigkeit.

Wie willkommen ist da jeder Laut, der die unheimliche Einsamkeit unterbricht und an das Wiedererwachen der Schöpfung erinnert, an ihre tägliche Auferstehung zu Leben und Tätigkeit und Freude – ja, auch zu Unruhe und Mühsal! Wie begehrlich fing mein Ohr jeden stärkeren Atemzug der Schlafenden im Zelt auf, das kaum hörbare Brausen des fernen Waldbachs! Wie freundlich, vertraulich klang mir der Mitternachtsschrei des Hahns von der nächsten Hütte, der bald stärker und schwächer hier und da beantwortet wurde.

Aber auch diese Freunde verstummten, es entstand wiederum Stille. Doch nicht auf lange: fern hinten im Walde erklangen andre und süßere Töne. Ich lauschte; es war Musik – sie wurde immer vernehmlicher – kam näher – es waren Blasinstrumente – die Hörner von gestern abend. Wie ein milder Regen, der das sinkende, sterbende Blatt belebt und hebt, so tropfen die lebhaften Töne ermunternd, stärkend in die von Sorge und Kümmernissen zusammengepreßte Brust. Herrlicher Triumph für den unablässig wirkenden Geist des Menschen!

Der toten Materie Leben einzuhauchen, durch Holz und Metalle die edelste Sprache des Herzens zu sprechen und das harte Erz zu einem Organ für Gedanken und Gefühle zu machen, die die Lippe nicht einmal mit Worten auszudrücken vermag! Mit Recht wird die Musik »Wein der Seele« genannt, doch warum nicht auch »Licht des Herzens«? Für mich ist sie dasselbe wie das Morgenlicht für den nächtlichen Wanderer oder ein Sonnenglitzern durch Winterwolken. Und gesegnet seiest du, seliger Weber, für die Ströme lieblicher Töne, die deiner Brust entströmten, wie ewig unversiegbare Quellen aus dem Busen der Erde, die Menschenkinder zu erfreuen! Lieber wollte ich Urheber nur dieses deines seelenfrohen Marsches sein, als aller seelenvertrocknenden Gedichte Byrons.

Das Stück war längst zu Ende; und da ich niemanden mehr hörte, grübelte ich darüber, ob es nicht doch Geistermusik der unsichtbaren Bewohner des Waldes oder Berges gewesen sein könnte, und ob in diesem Fall die Elfchen sie von Weber oder er sie von ihnen gelernt hatte.

Da gewahrte ich Licht weithin nach derselben Seite, das sich aber bewegte, verschwand, wiederkam und wieder fortblieb. Ich ging nun ins Zelt, wo die in tieferen Schlaf Versunkenen durch Nase und Gaumen eine andre und weniger angenehme Musik machten.

Ich rief: »Meine Herren! – Meine Herren! Wir können bald Besuch erwarten.«

Der Vetter erwachte zuerst, setzte sich auf und fragte: »Was gibt es?«

»Der Chor von gestern abend«, erwiderte ich, »und ein förmlicher Fackelzug.«

Er sprang auf und trat hinaus. Der Leutnant erwachte; ich erzählte ihm das gleiche.

Er rüttelte die andern beiden und rief: »Munter! Munter! Nun kommen die Damen!«

»Das finde ich schön«, sagte der Großhändler, »sie kommen früher, als sie versprochen haben – Farniente, auf!«

»Farniente«, versetzte der Angerufene, »läßt den Damen seinen Gruß vermelden und bittet euch andere, euch zur Hölle zu scheren! Laßt mich schlafen, ihr Nachtvögel!«

»Das geht aber nicht«, sagte jener, »denn sie wollen in das Zelt.«

Der Leutnant trat wieder ein: »Steh nun hübsch auf, du Siebenschläfer«, sagte er, »im Augenblick sind die lieben Mädchen hier. Sie kommen mit Fackeln und Blasinstrumenten.«

»Ich blase den lieben Mädchen selbst einen Marsch«, brummte Farniente, »laß sie warten, bis ich soweit bin – oder koch ihnen Kaffee und bleibt mit eurem Geschwätz draußen – das schmeckt am besten in freier Luft. – Gute Nacht nochmals!«

Hiermit warf er sich auf die andre Seite. Wir verließen ihn, um dem Zuge entgegenzugehen, der Vetter und ich hinter den andern, da wir den Neuankömmlingen gegenüber unser Inkognito noch etwas bewahren wollten.

Einige hundert Schritte vom Berge im Walde trafen wir auf sie. Es waren sieben an der Zahl, zwei Fackelträger, zwei Hornbläser und drei Frauenzimmer. Von den letzteren waren zwei jung und die dritte etwas älter. Die Hornisten waren kaum ausgewachsene Burschen, die zu der Kopenhagener Reisegesellschaft gehörten, und die Fackelträger waren Söhne des Pfarrers, wo sie ihr Hauptquartier hatte.

Das eine junge Mädchen fiel dem Großhändler so liebevoll um den Hals, daß niemand im Zweifel über ihr gegenseitiges Verhältnis sein konnte. Die andre grüßte freundlich, aber zurückhaltend und hielt beständig die dritte ältere, mit der sie leise und fast flüsternd sprach, unter dem Arm. Der Leutnant mischte sich hin und wieder in das Gespräch, das fremde, uns unbekannte Dinge betraf.

Die Spielleute setzten sich zuerst wieder in Gang und erfreuten die übrigen durch ein munteres Stück auf ihren Hörnern. Während sie vorbeimarschierten, blieben der Vetter und ich stehen und machten Front gegen sie, jeder auf einer Seite des Weges. Als wir uns wieder zusammengeschlossen hatten, bemerkte ich, daß die eine der jungen Damen – nicht die Braut des Großhändlers – sich oft nach uns umsah, und daß die andre den Leutnant fragte, wer wir wären.

»Zwei Landsoldaten von meiner Kompagnie«, erwiderte er, »sie sind hier aus dem nächsten Ort und sind uns beim Aufstellen des Zelts zur Hand gegangen. – Burschen!« sagte er zu uns in einem gebieterischen Tone, »könnt ihr uns Wasser aus dem nächsten Bach und Holz holen, um unsern Kaffee zu kochen? Ich will euch selbst begleiten.«

»Das wäre schade Ihretwegen, Herr Leutnant!« antwortete der Vetter auf jütländisch, »wir werden das schon allein besorgen.«

Sobald wir zum Zelte gekommen waren, bekam er den Kaffeekessel und lief mit ihm zu einer Quelle; ich begann Heidekraut auf der Nordseite des Berges zu pflücken, und der Leutnant trug es dahin, wo der Kaffee gekocht werden sollte. Während dieser Tätigkeit erzählte er mir, wer die Ankömmlinge waren, woraus ich erfuhr, daß die ältere Dame und die jüngere, die mit ihr ging, beide seine Schwestern waren. Er wollte noch mehr sagen, wurde aber daran verhindert, da sie gerade zu uns kamen und unsere Arbeit betrachten wollten, deren Zweck sie nicht sogleich erfassen konnten: es war nämlich zum erstenmal in ihrem Leben, daß sie aus Heidekraut gekochten Kaffee trinken sollten.

Es war indes bereits so hell geworden, daß der Schein der Pechfackeln uns überflüssig erschien und daß wir gern versuchen konnten, unsern Kaffee bei Tageslicht zu trinken. Das Möblement des Zeltes mußte daher herausgeschafft werden, und Farniente konnte infolgedessen den süßen Schlaf nicht länger genießen, als das Bett unter ihm fortgezogen wurde. Bei dieser Störung äußerte er doch gleich sein Unbehagen auf die unzweideutigste Weise, das heißt: mit verschiedenen Flüchen; doch sobald er auf die Beine gekommen war und sich die Augen gerieben hatte, wurde er wieder derselbe lustige Vogel wie vorher. Er eilte zu den Damen, mit fließender Zunge das bekannte Distichon rezitierend:

»Quando conveniant Catharina Margreta Sibylla Colloquium faciunt et ab hoc et ab hac et ab illa.«

»Das heißt auf dänisch«, fügte er hinzu, »soviel wie: Guten Morgen, meine drei Grazien! Es freut mich, Ihre schönen Gesichter zu sehen und Ihre lieblichen Stimmen zu hören.«

»Das ist allzu frei übersetzt, mein Herr!« sagte die älteste von ihnen; »das heißt eigentlich: Holte euch doch der Teufel, ihr drei Glockenspiele! Wenn ihr zusammenkommt, kann man von eurem Geschwätz kein Wort verstehn. – Habt ihr bemerkt,« sagte sie zu den beiden andern, »daß er uns sogar bei Namen nannte?«

»Ich habe den deiner Schwester und meinen gehört, aber nicht den deinen«, versetzte die Braut des Großhändlers.

»Ah!« wiederholte jene, »Sibylle! Das bin ich – das ist ein Ehrennamen, den er mir gibt.«

Farniente lachte, ergriff ihre Hände und sagte: »Meine kluge Sibylle! Meine gelehrte Sibylle! Für diesen Einfall sollen Sie ein Tänzchen in freier Luft haben.«

Damit begann er zu walzen und die Hornisten zu blasen, der Großhändler und der Leutnant folgten dem Exempel: jener nahm seine Braut, dieser seine Schwester. Ehe ichs mich versehen hatte, hatte mich mein Vetter um den Leib; und da er Bärenkräfte besitzt, riß er mich, ungeachtet all meines Widerstrebens, mit sich. Einige Male ging es gerade so; aber da holsteinischer Galoppwalzer nicht meine Sache ist, kamen wir schließlich von der geraden Bergfläche ins Heidekraut, und bums! da lagen wir alle beide.

Die Spielleute, die es zuerst bemerkten, konnten nicht länger vor Lachen blasen, und nun hörten auch die andern auf zu tanzen, herzlich über unser Mißgeschick lachend.

Während wir wieder hinaufkletterten, hörte ich Sibylle – wie ich sie nun nennen will – die Bemerkung machen, daß wir für Bauernburschen ziemlich flink und gar nicht blöde wären.

»Das ist die Allmacht der Musik«, rief Farniente; »aber jetzt wollen wir unsern Kaffee haben!«

Alle setzten sich in einem Kreise auf die Felle und Mäntel um den Baumstumpf, der während des Tanzes von den Pastorssöhnen als Kaffeetisch gedeckt worden war.

»Setzt euch auch, Kinder!« sagte der Leutnant zum Vetter und mir. »Ihr werdet vom Tanzen müde sein.« Wir setzten uns stumm in einigem Abstand vom Kreise. Sibylle schenkte ein; aber sie sowohl wie die beiden andern Damen schielten bisweilen zu uns hin, wie mir vorkam, fast etwas mißtrauisch; doch am häufigsten die jüngste Schwester des Leutnants. Der Vetter flüsterte mir einige Male zu, sie sei ungeheuer hübsch.

Da die Herren jeder eine Tasse getrunken hatten, winkte Farniente uns gnädig, indem er sagte: »Kommt, Leute, ihr sollt auch einen Tropfen haben!«

Wir standen auf und näherten uns langsam. Sibylle reichte dem Vetter zuerst die Tasse. Er nahm den Hut in die eine Hand und streckte die andre nach der Tasse aus.

Als er sie genommen und sich einige Schritte zurückgezogen hatte, sagte Sibylle mit einer halb schelmischen, halb spöttischen Miene auf deutsch: »Dieser Bauer hat sehr zarte Hände; er hat gewiß den Dreschflegel nicht gar zu lange gehandhabt.«

»Es scheint so«, sagte ihre Schwester, sichtlich errötend.

Hier ließ der Vetter die Tasse fallen und blieb unbeweglich wie einer der Bäume des Waldes stehen, die Augen gleichsam auf ihr festgezaubert, die zuletzt gesprochen hatte. Und je länger er sie anstierte, desto stärker errötete sie und desto verlegener und verwirrter wurde sie. Wir andern alle verfielen in stumme Verwunderung; aber kaum jemand anders als ich ahnte den rechten Zusammenhang.

Farniente brach zuerst los, indem er zum Vetter sagte: »Mein Herr! Es ist jetzt Zeit, daß Sie Ihr Inkognito ablegen; denn es sieht so aus, als ob Sie und diese Dame einander schon früher gesehen hätten.« Der Vetter fand nun seine Sprache wieder, trat auf sie zu und sagte: »Wohl habe ich heute das erstemal das Glück genossen, die Lippen zu sehen, deren Stimme zweimal so angenehm vor meinem Ohre geklungen hat. Aber darin kann ich nicht fehlgehen, so tief ist sie in meiner Erinnerung bewahrt – darf ich mir schmeicheln, daß auch meine Stimme nicht ganz von Ihnen vergessen worden ist?«

Catharina – so hieß sie – antwortete mit einem Lächeln, in dem wirklich mehr als in ihren Worten lag: »Weder Ihre Stimme noch Ihr Gesicht, obgleich Sie ein Grand d'Espagne letztesmal waren, Sie müssen nämlich wissen, daß die ganze Schäferschar sich vor der Demaskierung umkleidete.«

»Das war doch des Teufels!« rief der Leutnant, »alte Bekanntschaften! Neue Maskerade!«

»Und nun ein wirkliches Schäferleben!« fiel Farniente ein. »Kommt, ihr Söhne der Natur, und schließt euch an unsern sanften Freundeskreis!«

Wir nahmen auf die Einladung hin Platz, und nachdem wir unsre Namen genannt hatten, lenkte der Vetter das Gespräch auf die Vorfälle am Esrom-See und fragte Catharina: »Wie erging es ihrer armen Freundin? Wie fand sie sich in ihr Schicksal?«

»Sehr gut – da sitzt sie!« erwiderte sie lächelnd und zeigte auf die Braut des Großhändlers.

Der Vetter stutzte und sagte etwas verlegen: »Das war ein trauriges Unglück, aber –«

»– nicht ganz so traurig«, fiel der Großhändler ein, »denn der Ertrunkene kam doch wieder ins Leben zurück, und das war nämlich ich!«

»Ih!« rief der Vetter, freudig überrascht, »Gott sei Dank! Das war mehr als wir damals hofften – aber der arme Leichtfuß, der das Boot umwarf und sich selbst nachher ertränken wollte?«

»Der war ich!« rief Farniente: »und da ich damals auf den Gedanken kam, daß ich einen Hofmeister brauchte, so verheiratete ich mich; und dort« – auf Sibylle weisend – »sitzt sie, die nun mein Boot über die gefährliche See des Lebens steuert.«

*

Es war Tag geworden. Langsam rollte sich im Nordosten der dunkle Vorhang der Nacht auf. Heller und heller wurde das Blau des Himmels. Die Lerchen sangen ihren tausendstimmigen Morgenchor. Die Vögel des Waldes begannen mit einzelnen kurzen Flötentönen ihre Kehlen zu stimmen. Durch die Täler rollten die weichen Nebelwogen hinab und legten sich wie eine Decke über den See.

Ich sah über ihn hin nach Osten mit einem Gefühl – stelle ich mir vor – wie das des Greises, wenn er über Mühsal und Kümmernis des Lebens hinschaut auf die Morgenröte der Ewigkeit.

Die Sonne ging auf. – Keine Schilderung hier! Schau und bete an in der Freude deiner Seele! Solche Freude ist Anbetung!

Nur dies noch zum Beschluß. Niemals hat wohl das große Licht des Tages bei seinem Aufgang einen Kreis froherer Menschen auf dem Gipfel des Himmelberges erblickt; und von allen ihnen noch keinen glücklicheren als Ludwig und seine wiedergefundene Schäferin, deren Angesichter im Morgenglanz der Liebe strahlten. – Nun, ein halbes Jahr später, sind sie vereint für dieses Leben und für das, das wir erwarten.

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