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Ausgewählte Novellen - Erster Band

Steen Steensen Blicher: Ausgewählte Novellen - Erster Band - Kapitel 2
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authorSteen Steensen Blicher
titleAusgewählte Novellen ? Erster Band
publisherGefion-Verlag Gesellschaft m. b. H.
translatorAlfons Fedor Cohn
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Tagebuch eines Dorfküsters

Föulum, den 1. Januar 1708.

Gott schenke uns allen ein frohes Neues Jahr und bewahre unsern guten Herrn Sören! Er löschte gestern abend das Licht und Mutter sagte, er lebt nicht mehr bis nächstes Neujahr; aber das hat wohl nichts zu bedeuten. –

Es war sonst ein vergnüglicher Abend. Als Herr Sören nach der Mahlzeit seine Kappe abnahm und wie gewöhnlich sagte: »agamus gratias!« zeigte er auf mich, anstatt auf Jens. Es war das erstemal, daß ich unser lateinisches Tischgebet lesen durfte. Heute vor einem Jahr hat Jens es gelesen; aber ich machte große Augen, denn damals verstand ich kein Wort davon, und jetzt kann ich den halben Cornelius.

Es ahnt mir so, als sollte ich Pastor in Föulum werden. Ach, wie würden sich meine lieben Eltern freuen, wenn sie den Tag erleben! Und Pfarrers Jens Bischof in Viborg werden könnte, wie sein Vater sagt! Nun, wer kann es wissen? Gott lenkt alles. Sein Wille geschehe! Amen in nomine Jesu!

Föulum, den 3. September 1708.

Gestern habe ich mit Gottes Gnade mein fünfzehntes Jahr vollendet. Jetzt ist Jens mir im Latein nicht mehr über. Zu Hause bin ich fleißiger als er; ich lerne und er läuft mit Jäger Peer über die Felder. Auf die Weise wird er wohl kaum Bischof werden. Der arme Herr Sören! Er sieht das wohl. Die Tränen treten ihm in die Augen, wenn er bisweilen zu ihm sagt: »Mi fili! Mi fili! Otium est pulvinar diaboli!« –

Neujahr fangen wir mit Griechisch an. Herr Sören hat mir ein griechisches Testament gegeben. »Sind das nicht seltsame Krähenfüße? Das ist noch wie ein Schleifstein für deine Augen«, sagte er freundlich zu mir und kniff mich in das Ohr, wie immer, wenn er guter Laune ist. Aber lieber Gott, was wird er sagen, wenn er hört, daß ich schon fließend lesen kann.

Föulum, die St. Martini.

Es steht faul um Jens. – Herr Sören war so wütend auf ihn, daß er den ganzen Tag mit ihm dänisch sprach. Mit mir sprach er lateinisch. Einmal hörte ich, daß er wie zu sich selbst sagte: »vellen hunc esse filium meum.« Damit meinte er mich. Aber wie jämmerlich auch Jens in seinem Cicero stümperte! Ich weiß wohl, woran das liegt; denn vorgestern, als sein Vater auf Hochzeit in Vinge war, war er mit Jäger Peer im Linduner Wald und da hat – Gott bewahre uns! – ein Wildschwein ihm die Hosen zerrissen. Seiner Mutter log er vor, der Stier aus Tjele hätte es gemacht; aber sie gab ihm eine ordentliche Maulschelle – habeat!

Föulum, Calendis Januar 1709.

Proh dolor! Herr Sören ist tot! vae me miserum! Als wir uns am Heiligabend zu Tisch gesetzt hatten, legte er den Löffel hin und sah Jens sehr lange wehmütig an – »fregisti cor meum!« sagte er seufzend und ging in die Schlafstube. Ach! er ist nicht mehr aufgestanden. Ich habe ihn seitdem jeden Tag besucht und er gab mir viele gute Ermahnungen und Lehren; aber nun sehe ich ihn nie mehr wieder.

Donnerstag habe ich ihn das letztemal gesehen. Nie werde ich vergessen, was er sagte, als er mir eine sehr bewegliche Rede gehalten hatte: »Gott, gib meinem Sohne ein rechtschaffenes Herz!« Er faltete seine mageren Hände und legte sich in das Kissen zurück: »pater, in manus tuas committo spiritum meum!

Das waren seine letzten Worte. Als ich sah, daß die Alte die Schürze vor die Augen hielt, lief ich hinaus, gar betrübten Muts. Draußen vor der Tür stand Jens und weinte, »seras dat poenas turpi poenitentia«, dachte ich; aber er fiel mir um den Hals und schluchzte. Gott vergebe ihm seine Wildheit! Sie hat mich am meisten betrübt.

Föulum, Pridie Iduum Januarii MDCCIX.

Gestern ging mein lieber Vater nach Viborg, um mir einen Mittagstisch zu verschaffen, wenn ich in die Schule komme. Wie sehne ich mich nach der Zeit! Ich lerne ja den ganzen Tag, aber der ist jetzt so kurz, und Mutter sagt, es reicht nicht aus, bei Licht zu lernen. – Ich kann mit dem Brief an Tuticanus nicht zurechtkommen – nein, das war doch anders, als der gute Herr Sören noch lebte! eheu! mortuss est!

Es ist ein schrecklicher Winter! Himmel und Erde sind eins: eine Schneewehe liegt bis ans Dach unserer Scheune. Vorige Nacht hat Jens zwei Hasen in unserem Krautgarten geschossen – er hat seinen armen Vater bald vergessen. Aber wenn das Jäger Jens erfährt, dann sieht es schlimm aus.

Föulum, Idibus Januarii MDCCIX.

Vater ist noch nicht nach Hause gekommen, und das Wetter ist immer noch so schlecht – wenn er sich nur nicht verirrt hat! Drüben an der Scheune geht Jens mit seiner Büchse und ein paar Vögeln in der Hand – er kommt herein. –

Er hatte Rebhühner auf Mads Madsens Düngerhaufen geschossen. Er wollte, Mutter sollte sie braten, aber sie wagte es nicht; die Herrschaft könnte es erfahren.

Föulum, XVIII Calend. Feb. 1709.

Ach, ach, ach! Mein lieber Vater ist erfroren! Der Mann von Kokholm hat ihn in einer Schneewehe gefunden und kam mit ihm angefahren – ich bin so verheult, daß ich nicht aus den Augen sehen kann – Mutter auch – Gott helfe uns beiden!

Föulum, den 18ten Februar.

Ich hätte Jens beinahe nicht wieder erkannt. Einen grünen Rock hatte er anbekommen und eine grüne Feder am Hut.

»Siehst du«, sagte er, »jetzt bin ich ein Jäger! Und was bist du? Ein Schuljunge, ein Lateiner!« –

»Ja, Gott helfe uns,« erwiderte ich. »Mit dem Latein ist es vorbei! Ich kann da Pfarrer werden, wo du Bischof bist!« Meine Mutter soll nicht verhungern, wenn ich in Viborg vor den Türen singe. Ich muß zu Hause bleiben und für sie Brot verdienen. – Ach Jens, wäre doch dein Vater noch am Leben!«

»Sprechen wir nicht davon!« sagte er. »Ich hätte doch mein Lebtag kein Latein gelernt – zum Teufel mit dem dummen Zeug! Nein, hör mal, du solltest auf den Hof kommen! Da hat man gute Tage und ein herrliches Leben!«

»Wie sollte ich das machen?« erwiderte ich.

»Wir wollen es mal versuchen!« rief er und lief davon.

Er hat doch ein gutes Herz, der Jens; aber wild und verrückt ist er. Vor sechs Wochen haben sie seinen seligen Vater begraben, und vor drei Wochen folgte seine Mutter nach. Aber jetzt ist nichts mehr davon zu verspüren. Die eine Stunde kann er weinen und die andere lachen.

Tjele, den 1ten Mai 1709.

Nun bin ich also Diener bei der gnädigen Herrschaft. Lebwohl, geistlicher Stand! Lebwohl, Latein! Oh, meine lieben Bücher! Valete plurimum! vendidi libertatem für zwölf Taler. Acht soll meine arme Mutter haben, und der gnädige Herr hat ihr außerdem Deputat versprochen; da wird sie weder hungern noch frieren. Jens hat mir wirklich diese Stellung verschafft. Er hat sehr viel hier auf dem Hof zu sagen. Er ist ein Teufelskerl oder richtiger ein Mädelskerl. Die Wirtschafterin hat ihm ein großes Stück Kuchen zugesteckt; die Meierin schmunzelte ihm so freundlich zu; das Kammermädchen ebenso – ja, selbst eins der gnädigen Fräulein nickte freundlich, als sie an ihm vorbeiging. Es sieht so aus, als ob er Jäger an Stelle Peers wird. Das Schlimmste ist, daß er sich angewöhnt hat zu fluchen, schlimmer als ein Matrose.

Tjele, den 12ten Mai 1709.

Es geht mir gottlob recht gut! Wir sind sechs Diener für den Herrn, für gnädige Frau, den Junker und die beiden Fräulein. Ich habe Zeit genug zu lernen, und ich versäume auch nicht meine lieben Bücher. Allerdings habe ich keinen Nutzen davon; aber ich kann es doch nicht lassen. Gestern wurden die Bücher des seligen Herrn Sören verkauft. Ich kaufte für zwei Taler, ich bekam so viel, wie ich tragen konnte, darunter einen großen Haufen Ovidius. Eins hat den Titel »ars amoris«, ein anderes »remedium amoris«. Die will ich zuerst lesen; denn ich möchte doch wissen, wovon sie handeln. Einmal hatte ich sie in Herrn Sörens Studierstube gehabt, aber da kam er und nahm sie mir fort und sagte: »abstine Manus! Finger weg! Das ist nichts für dich!«

Tjele, den 3ten Juni 1709.

Wenn man doch französisch verstünde! Die Herrschaft spricht nichts anderes, wenn sie essen, und ich verstehe kein Wort. Heute sprachen sie von mir; denn sie sahen oft zu mir hin. Einmal hätte ich beinah den Teller fallen lassen; ich stand hinter Fräulein Sophies Stuhl, sie drehte sich um und sah mir gerade ins Gesicht – es ist ein reizendes Fräulein, das Fräulein Sophie! Ich habe eine große Freude, sie anzusehen.

Tjele, den 13ten September 1709.

Gestern war ein sehr unruhiger Tag. Die Viskumer waren hier und hier war große Jagd. Ich war auch dabei und hatte eine von den Büchsen des gnädigen Herrn bekommen. Zuerst ging es ganz gut, aber dann kam ein Wolf bei mir vorbei. Ich hätte beinahe vor Schreck die Büchse fallen lassen und vergaß ganz zu schießen. Jens stand neben mir und schoß den Wolf.

»Du bist ein Rindvieh!« sagte er. »Aber ich will dich nicht verraten!«

Gleich darauf kam der gnädige Herr bei mir vorbei. »Du bist ein Tropf, Marteng!« rief er, »du nimmst Schmiergelder.«

»Ich bitte alleruntertänigst um Vergebung!« erwiderte ich, »ich bin ganz unschuldig; aber ich habe jedenfalls schlechte Fürsprecher beim gnädigen Herrn gehabt. Ich will mit Gottes Hilfe Ihnen ehrlich und treu dienen!«

Da lachte er allergnädigst und sagte: »Du bist ein großer Tropf!«

Aber damit war es nicht vorbei. Als die Herrschaften bei Tisch waren, fingen sie wieder vom Wolf an und fragten mich, wieviel er mir gegeben hätte und dergleichen mehr. Ich verstand nicht recht, was sie meinten; aber das konnte ich verstehen, daß sie mich zum besten hatten sowohl auf französisch wie auf dänisch. Und was Fräulein Sophie anging, so lachte sie mir gerade ins Gesicht – das tat mir am meisten weh. Ob ich nicht diese Näselsprache lernen könnte? Sie kann doch nicht schwerer als Latein sein.

Tjele, den 2ten Oktober 1709.

Es ist nicht unmöglich – das sehe ich schon. Französisch ist nichts anderes als schlechtes Latein. In einer Kiste mit alten Büchern, die ich gekauft habe, war auch ein Metamorphoses auf französisch – das traf sich ausgezeichnet! Das lateinische verstand ich ja schon. Aber eins ist doch wunderlich: wenn ich sie da oben französisch reden höre, scheint mir kein französisches Wort darunter zu sein – über Ovid unterhalten sie sich nicht.

Ich will jetzt auch ordentlich schießen lernen. Der gnädige Herr will mich mit auf die Jagd nehmen, aber ich kann es ihm nie recht machen; entweder schimpft oder lacht er – manchmal beides gleichzeitig: ich halte die Büchse verkehrt, ich lade sie falsch, ich ziele falsch und ich schieße falsch. Ich muß es mir von Jens zeigen lassen. »Sieh Jens an«, sagt der gnädige Herr, »das ist ein Jäger! Du trägst die Büchse, als hättest du einen Hobel auf dem Rücken, und wenn du zielst, sieht es aus, als wolltest du hintenüber fallen.«

Fräulein Sophie lacht auch über mich – das steht ihr aber gut an – sie hat so reizende Zähne.

Tjele, den 7ten November 1709.

Gestern habe ich einen Fuchs geschossen; der gnädige Herr nannte mich einen braven Garcong und schenkte mir ein eingelegtes Pulverhorn. Jensens Unterricht hat gut gefruchtet. Es ist schon ganz munter mit der Jägerei. Mit dem Französischen geht es jetzt besser; ich fange an hinter die Aussprache zu kommen. Neulich hörte ich an der Tür zu, wie die Mamsell die Fräulein unterrichtete.

Als sie fertig waren und gingen, stahl ich mich dazu, um zu sehen, was für ein Buch sie wohl benutzten. Mein Gott, wie wurde ich erstaunt! Es war gerade eins, das ich auch habe und das L'école du monde heißt. Nun stehe ich jeden Tag mit meinem Buch in der Hand draußen und höre zu – es geht sehr gut. Die französische Sprache ist doch schöner, als ich dachte; Fräulein Sophie läßt es so artig an, wenn sie es spricht.

Tjele, den 13ten September 1709.

Gestern hat Gott meinen gnädigen Herrn durch meine Hand errettet. Wir hatten Treibjagd im Lindumer Wald. Als wir am Graumoor waren, kommt ein Wildschwein heraus und gerade auf den gnädigen Herrn los. Er schoß und traf es auch ganz richtig; aber es reichte nicht aus, und das Wildschwein geht auf ihn los. Der gnädige Herr war nicht furchtsam; er zieht seinen Hirschfänger und will ihn dem Schwein in die Brust jagen; aber der bricht mitten durch. Nun war guter Rat teuer – all das ging auch im Handumdrehn vor sich, so daß niemand zu Hilfe kommen konnte. Gerade in dem Augenblick, als ich dazu will, sehe ich den gnädigen Herrn auf dem Rücken des Wildschweins, und das mit ihm davon.

»Schieß!« ruft er dem Verwalter zu, der links neben ihm stand; aber er wagte es nicht. »Schieß in drei Teufels Namen!« ruft er Jens zu; indem er an ihm vorbeisaust; Jens Büchse versagte jedoch.

Nun drehte das Wildschwein ab und gerade an mir vorbei.

»Schieß, Morten! Sonst reitet die Sau mit mir zur Hölle!« schrie er.

In Gottes Namen, dachte ich, hielt auf sein Hinterteil und traf so glücklich, daß ich dem Tier beide Hinterschenkel zerschoß. Froh wurde ich und froh wurden wir alle, aber am meisten doch der gnädige Herr.

»Das war ein Meisterschuß«, sagte er, »und behalte du nun auch die Büchse, die du so gut geführt hast! Und Ihr altes Weib«, sagte er zum Verwalter, »stempelt mir die größte Buche im Walde für seine alte Mutter! Jens soll zu Hause einen besseren Stein in seine Büchse setzen!«

Als wir spät abends nach Hause kamen, gab es ein Fragen und Erzählen. Der gnädige Herr klopfte mich auf die Schulter und Fräulein Sophie lächelte mir so freundlich zu, daß mir das Herz im Halse saß.

Tjele, den 11ten Januar 1711.

Ein plaisantes Wetter! Die Sonne geht so rot auf wie brennende Glut! Es sieht recht curieux aus, wenn sie so durch die weißen Bäume scheint. Und alle die Bäume sehen aus, als wären sie gepudert, und die Zweige hängen rings herum bis auf die Erde. Um den alten Grand Richard ist es eine Schande, ein paar Zweige sind schon geknickt. Akkurat, solches Wetter war es heut vor acht Tagen, als wir mit Schlitten nach Fussingö fuhren und ich hinten auf Fräulein Sophies aufstand. Sie wollte selbst fahren; aber als eine Viertelstunde vergangen war, fing sie an, an den kleinen Fingern zu frieren.

»J'ai froid«, sagte sie zu sich selbst.

»Soll ich nicht fahren, gnädiges Fräulein?« sagte ich.

»Comment!« sagte sie: »Verstehst du französisch?«

»Un peu, Mademoiselle!« erwiderte ich.

Da drehte sie sich um und sah mir gerade in die Augen. Ich nahm ein Lenkseil in jede Hand und hielt meine beiden Arme um sie. Ich streckte sie weit aus, um ihr nicht zu nah zu kommen; aber jedesmal, wenn der Schlitten schleuderte und ich sie berührte, war es mir, als ob ich einen warmen Ofen berührt hätte. Es kam mir so vor, als ob ich mit ihr durch die Luft flog, und ehe ich es ahnte, waren wir in Fussingö.

Wenn sie nicht gerufen hätte: »Tenez, Martin! arrêtez-vous!« wäre ich vorbeigefahren bis nach Randers oder bis ans Ende der Welt. Ob sie heute nicht wieder ausfahren will? Aber da kommt Jens mit der Büchse des gnädigen Herrn, die er gereinigt hat – wir müssen also auf Jagd.

Tjele, den 13ten Februar 1710.

Ich bin nicht ganz wohl. Mir ist, als läge mir ein schwerer Stein auf der Brust. Das Essen widersteht mir, und des Nachts kann ich nicht schlafen. Letzte Nacht hatte ich einen merkwürdigen Traum: es war mir, als stünde ich hinten auf Fräulein Sophies Schlitten, aber plötzlich saß ich drinnen im Schlitten und sie auf meinen Schoß. Ich hatte meinen rechten Arm um ihren Leib, und sie ihren linken um meinen Hals. Sie beugte sich nieder und küßte mich; aber da erwachte ich. Ach, ich hätte so gern weitergeträumt! – Das war ein schönes Buch, das sie mir gegeben hat; ich divertiere mich damit jeden Abend – wer doch auch einmal so glücklich werden könnte wie der tartarische Prinz! – Je mehr französisch ich lerne, desto besser gefällt es mir; ich vergesse beinahe mein Latein darüber.

Tjele, den 13ten März 1710.

Gestern, als wir von der Schnepfenjagd nach Hause kamen, sagte der gnädige Herr zu mir: »Ich höre ja, daß du französisch verstehst?«

»Ein bißchen, gnädiger Herr!« versetzte ich.

»Dann kannst du ja nicht mehr bei Tisch aufwarten; wir können ja in deiner Gegenwart nicht mehr den Mund auftun.«

»Ach,« rief ich aus, »der gnädige Herr wird mich doch nicht verstoßen?«

»Point du tout«, versetzte er, »du wirst von jetzt an mein valet du chambre sein! Und wenn Junker Kresten nach Paris reist, dann begleitest du ihn – was hältst du davon?«

Ich wurde so erregt, daß ich kein Wort sagen konnte, sondern nur seine Hand küßte. Wenn ich mich auch recht sehr freue, so finde ich doch, daß ich nur ungern von hier fort will, und ich glaube wirklich, daß meine Gesundheit seitdem schlechter geworden ist.

Tjele, den 1ten Mai 1710.

Ach, ich elender Mensch! Nun weiß ich, was mir fehlt. Ovidius hat es mir gesagt, er hat mir meine Krankheit ganz genau beschrieben. Wenn ich nicht fehlgehe, so heißt sie Amor oder Liebe, und die, von der ich charmiert bin, muß ohne Zweifel Fräulein Sophie sein. Ach, ich armer Tropf! Wohin soll das führen? Ich muß seine remedia amoris versuchen!

Neulich sah ich sie auf dem Gange stehen und freundlich mit Jens sprechen: das ging mir wie ein Messerstich durch das Herz. Es war mir, als sollte ich ihn vor die Stirn schießen, aber da lief sie mit einem Lächeln an mir vorbei. Mir war zu Mute, als sei ich auf der Treibjagd und ein Wild käme mir in den Schuß. Mein Herz schlägt mir gegen die Rippen, ich kann kaum Atem holen, und meine Augen sind wie festgewachsen auf dem Tier – ah, malheureux, que je suis!

Tjele, den 17ten Juni 1710.

Wie öde und verdrießlich mir der Hof jetzt vorkommt. Die gnädige Herrschaft ist fort und kommt erst in acht Tagen wieder. Wie soll ich das durchmachen? Zu nichts habe ich Lust. Meine Büchse hängt voller Staub und Rost, und ich habe keine Lust sie zu reinigen. Ich kann nicht verstehn, wie Jens und die andern so froh und lustig sein können; die schwatzen und lachen, daß es in den Wirtschaftsgebäuden einen Widerhall gibt – ich seufzte wie eine Rohrdommel. Ach, Fräulein Sophie! Wenn du doch ein Bauernmädchen wärst oder ich ein Prinz.

Tjele, den 28ten Juni 1710.

Der Hof liegt vor meinen Augen, neu geweißt und geputzt. Die Bäume im Garten haben eine schöne hellgrüne Couleur bekommen, und alle Leute sehen so sanft aus. – Fräulein Sophie ist wieder nach Haus gekommen; sie kam durch das Tor wie die Sonne durch eine Wolke. Aber dennoch zitterte ich wie Espenlaub. Es ist gut und auch schlimm verliebt zu sein.

Tjele, den 4ten Oktober 1710.

Eine magnifique Jagd haben wir heut gehabt! Das Hviddinger Holz war mit über dreihundert Treibern umstellt; von Viskum und Fussingö waren sie hier mit allen ihren Hunden. Bei Tagesanbruch waren wir aus Tjele schon da. Es war ganz still in der Luft und ein dichter Nebel bedeckte die ganze Gegend; nur die Spitzen der Feuerhügel konnte man aufragen sehn. In der Ferne konnten wir die stampfenden Fußtritte der Treiber hören und vereinzeltes Hundegebell.

»Nun kommen die Viskumer«, sagte der gnädige Herr, »ich kann Chasseur anschlagen hören.«

»Da kommen auch die Fussingöer«, sagte Jens, »da bellt Perdrix.«

Noch konnten wir vor Nebel nichts sehn, aber als sie näher kamen, hörten wir das Poltern der Wagen, das Schnaufen der Pferde, das Schwatzen und Lachen der Jäger. Nun kam die Sonne vor und der Nebel hob sich. Da wurde es lebendig auf allen Seiten. Die Förster begannen schon die Treiber aufzustellen; man hörte sie flüstern und Schweigen gebieten, und bisweilen traten die Stöcke in Tätigkeit. Aus Westen und Süden kamen die Jäger angefahren und hinter ihnen die Wagen mit den Hunden; ihre Schwänze ringelten sich über den Wagenrand und bisweilen tauchte ein Kopf auf, der auch gleich von den Jägerburschen eins drauf bekam. Nun saß der gnädige Herr selbst ab, in dem langen Tal mitten im Holz. Als er fertig war, stieß er in seine Pfeife und sofort begannen die Hornbläser ein lustiges Stück. Die Hunde wurden losgekoppelt, und es dauerte nicht lange, so schlugen sie an, erst einer, dann zwei, dann die ganze Koppel. Hasen, Füchse und Rehe liefen hin und her auf den bewaldeten Hügeln. Ab und zu fiel ein Schuß und der Knall gab einen Widerhall durch das ganze Tal. Die Treiber konnten wir nicht sehn, wohl aber ihr Zurufen und Schreien hören, wenn ein Reh oder ein Hase durchbrechen wollte. Ich war auf meinem Platz und schoß zwei Füchse und einen Bock vor dem Frühstück.

Derweilen wurden die Hunde zusammengerufen und angekoppelt, und die Hornbläser spielten, und als es vorbei war, ging es wieder an. Da hielten mit einemmal zwei Wagen am Ende des Tals mit all den gnädigen Frauen und Fräulein und darunter Fräulein Sophie. Das rettete einen Fuchs; während ich dahin sah, schlüpfte er an mir vorbei. Ein paar Stunden vor Abend war das Holz von Wild gesäubert und die Jagd war zu Ende. Wir bekamen wohl gegen dreißig Stück, und Junker Kresten, der die meisten Füchse geschossen hatte, wurde mit einem Stück auf dem Waldhorn gefeiert.

Tjele, den 17ten Dezember 1710.

Gestern begleitete ich meine liebe Mutter zu ihrer Ruhestätte. Der neue Pfarrer – Gott lohne es ihm! – ehrte ihr Hinscheiden mit einer Leichenpredigt, die sieben Viertelstunden währte. Sie war mir eine gute und liebe Mutter – der Herr gebe ihr eine selige Auferstehung!

Tjele, den 23ten Januar 1711.

Ein elender Winter! Noch keine Schlittenbahn! Darauf habe ich seit Martini gewartet, jedoch vergebens. Regen und Wind und trauriges Wetter. Im vorigen Jahr um diese Zeit fuhren wir nach Fussingö. Wenn ich an den Abend denke! Der Mond schien so blank wie ein silberner Teller auf dem blauen Himmel und warf unsre Schatten neben den Weg auf den weißen Schnee. Ich beugte mich manchmal so weit vor, daß mein Schatten mit Fräulein Sophies zusammenstieß; da war es mir, als wären wir beide eins. Ein kalter Wind stand uns gerade entgegen, er wehte ihren süßen Atem zurück – ich verschlang ihn wie Wein – ach, ich Narr! Ich verliebter Narr! Was helfen mir all diese Considerationen? Sonntag reise ich mit Junker Kresten nach Kopenhagen, und da sollen wir den ganzen Sommer bleiben. Ich glaube, bis zum Mai bin ich tot. – Ah, Mademoiselle Sophie! Adieu! Un éternel adieu!

Auf See zwischen Samsö und Seeland, den 3ten Februar 1711.

Die Sonne geht unter hinter meinem lieben Jütland; ihr Widerschein legt sich über das ruhige Meer wie ein unendlicher Feuerweg. Mir ist es, als grüße sie mich von meiner Heimat – ach, sie ist weit fort, und immer mehr entferne ich mich von ihr.

Was mögen sie nun auf Tjele treiben? Mein rechtes Ohr klingt. – Ist das Fräulein Sophie, die jetzt von mir spricht? Ach nein, ich bin ja nur ein armer Diener, wie sollte sie an mich denken? Ebensowenig wie der Schiffer, der auf dem Deck hin und her geht mit übergeschlagenen Armen – er sieht so oft nach Norden aus – was ist da wohl zu sehn? Ein Schwede! sagt er. Gott helfe uns wohl in Gnaden!

Kalundborg, den 4ten Februar 1711.

Nun weiß ich, was Krieg ist – ich bin in Bataille gewesen, und – der Herre Zebaoth sei gepriesen! – wir behielten den Sieg. Es war so, wie der Schiffer sagte, ein schwedischer Kaper. Morgens, sobald es tagte, sahen wir ihn auf eine halbe Meile Abstand; sie sagten, er mache Jagd auf uns.

»Ist da einer unter euch Passaschiers«, sagte der Schiffer, »der Mut und Mannsherz und Lust hat, mit dem schwedischen Gast anzulegen?«

»Ich habe ein gutes Gewehr«, versetzte Junker Kresten, »und mein Diener hat eins; wollen wir mal die Jagd versuchen, Morten?«

»Wie der Junker befehlen!« sagte ich, lief in die Kajüte, lud unsre Gewehre, brachte sie mit Pulver und Kugeln an Deck.

Zwei jütländische Soldaten waren auch heraufgekommen; die hatten jeder ihre Büchse und der Schiffer ein spanisches Gewehr, so lang wie er selbst; der Steuermann und die Matrosen brachten Äxte und Handspaken.

»Können wir ihm nicht entkommen, lieber Schiffer?« fragte ich.

»Den Teufel können wir«, versetzte er, »du siehst doch, wie er aus allen Kräften auf uns zuhält. Du wirst seine Stücke bald zu hören bekommen; aber wenn du Angst hast, dann geh nach Hause und leg dich in Mutters Truhe.«

Damit wälzte sich der Rauch aus dem schwedischen Schiff und gleich darauf hörten wir ein fürchterliches Gebuller und ein Sausen über unsern Köpfen. Es dauerte auch nicht lange, da kam noch ein Knall und noch einer, und die letzte Kugel riß einen Splitter aus unserm Mast. Da wurde mir ganz seltsam zu Mute; mein Herz schlug immer stärker und es sauste und brauste vor meinen Ohren. Als aber der Schwede so dicht herangekommen war, daß wir ihn mit unsern Gewehren erreichen konnten und ich den ersten Schuß getan hatte, da war es, als wäre ich auf Treibjagd. Der Schwede kam immer näher und wir standen gedeckt hinter der Kajüte und feuerten von hinten auf ihn, was wir nur konnten. Da fielen mehrere von seinen Leuten, besonders von des Junkers und meinen Schüssen.

»Wenn wir eine Schnepfe schießen können, Morten, können wir wohl auch einen Schweden treffen, wenn er still steht!« sagte er.

»Braver Bursche!« rief der Schiffer, »seht ihr den schwedischen Kapitän, der da mit dem großen Säbel hin und her geht? Holt euch den heraus, dann haben wir das Spiel gewonnen!«

Da legte ich auf ihn an und drückte ab, und als ich mein Gewehr von der Wange nahm, sah ich, wie er mit der Nase auf das Deck schlug.

»Hurra«, rief der Schiffer, und wir andern alle auch; aber der Kaper drehte ab und nahm seinen Kurs wieder auf. Mit der dänischen Flagge am Topp fuhren wir in die Kalundborger Förde ein, stolz und froh; denn nicht ein Mann war verwundet, obwohl die Kugeln über und durch das Schiff gegangen waren. Der Hofmeister, Monsieur Hartmann, war der einzige, der sein Blut zu sehen bekam, und das auf schnurrige Weise: er lag in der Koje des Schiffers und rauchte seine Pfeife, als die Schlacht begann. Kurz darauf ging ich hinunter, um Leinwand für die Kugeln zu holen.

»Martine!« sagte er, »quid hoc sibi vult?« Aber bevor ich antworten konnte, fuhr eine Kugel durch das Kajütfenster, nahm die Pfeife mit – die er aus der Koje heraushielt – und das Mundstück riß ihm ein Loch in den Gaumen.

Nun sind wir im Hafen und auf trockenem Lande; wie süß die Ruhe nach solchem Lüftchen ist!

Kopenhagen, den 2ten Juni 1711.

Mein Kopf ist ganz voll von all den schönen Dingen, die ich gesehn und gehört habe. Ich kann es in meinen Gedanken nicht zusammenhalten, denn das eine verjagt das andre, wie die Wolken einander im Wind. Aber das Kurioseste ist doch, daß ich meine Verliebtheit beinahe loswerde. Je länger ich hier bin, desto weniger scheine ich mich nach Fräulein Sophie zu sehnen, und ich möchte beinahe glauben, daß es eben so schöne Mädchen in Kopenhagen gibt. Hätte ich Anmerkungen zu Ovidii remedium amoris zu schreiben, würde ich eine Reise nach der Hauptstadt als eins der besten Mittel gegen diese gefährliche Maladie rekommandieren.

Vor Anker vor Kronborg, den 12ten Septbr. 1711.

Ach du barmherziger Himmel! Was habe ich erlebt! Welch' Jammer und Elend habe ich mit diesen meinen Augen gesehn! Gott hat uns heimgesucht um unsrer Sünden willen und das Volk mit Beulen geschlagen. Sie fallen wie Fliegen um mich herum, aber ich Unwürdiger wurde errettet vor dem Würger Tod. Ach, mein lieber Junker! Was soll ich sagen, wenn ich heimkomme ohne ihn? Aber ich verließ ihn nicht, ehe er nicht seinen letzten Seufzer ausgehaucht hatte; ich wagte mein Leben für ihn, doch Gott schonte es – sein Name sei gelobt! Wenn ich an diese Schreckenstage denke, ist mein Herz darin zu brechen.

Furchtsam und traurig saßen wir von Morgen bis Abend in unsrer einsamen Wohnung, sahen einander an und seufzten. Nur selten sahen wir hinab auf die leeren Straßen, die früher von Menschen wimmelten. Nur eine oder die andre triste figure schlicht sich über das Pflaster wie ein Gespenst; aber hinter den Fenstern sah man Leute sitzen wie Arrestanten, die meisten unbeweglich, als wären es gemalte Porträts. Hörte man dann das hohle Gepolter von den Wagen der Pestträger, wie fuhren da alle von den Fenstern zurück, um nicht den schreckenvollen Anblick zu sehn! Ich sah ihn nur einmal; mich verlangte nicht öfter danach. Da fuhren diese schwarzen Todesengel mit den langen Wagen voller Leichen; durcheinander geworfen wie Vieh lagen sie da. Hinten aus dem Wagen heraus hingen Kopf und Arme einer jungen Frauensperson; die Augen starrten grimm aus dem gelbschwarzen Gesicht, und das lange Haupthaar fegte die Straße.

Da erfaßte es den Junker zum erstenmal; er wankte in seine Schlafkammer und streckte sich auf das Todeslager. Ich aber seufzte in meinem Herzen: »Sie sollen in das Grab gelegt werden wie Schafe, der Tod wird sie verzehren; aber Gott wird meine Seele erlösen aus der Gewalt des Grabes, denn er hat sich meiner angenommen, Sela!«

Tjele, den 29ten September 1711.

Nun bin ich also wieder hier! Als ich durch die Tür schritt, klopfte mein Herz ungefähr so wie an dem Tage, als wir uns mit dem Schweden schlugen. Und als ich zu der gnädigen Herrschaft hineintrat und sie alle in Schwarz sah, da weinte ich wie ein Kind und sie weinten mit. Ich könnte vor Weinen fast nicht sprechen, und bevor ich die affreuse Geschichte beendet hatte, wandte sich der gnädige Herr ab und ging in seine Kammer – Gott tröste sie in seiner Barmherzigkeit, Amen!

Tjele, den 8ten Oktober 1711.

Heute waren wir zum erstenmal auf Jagd nach meiner Rückkehr. Ach es war nicht wie in früheren Tagen, sie gab nur wenig Satisfaktion. »Morten«, sagte der gnädige Herr mehrmals zu mir, »uns fehlt Junker Kresten«, und dann seufzte er, so daß es mir ins Herz schnitt. Lange vor Abend kamen wir nach Haus mit einem elenden Hasen.

Tjele, den 2ten November 1711.

Es fängt wieder an auf dem Hofe lebendig zu werden. Wir erwarten hochvornehme Gäste: Seine Exzellenz Herrn Gyldenlöve mit Suite. Er will einige Wochen hier bleiben und sich mit Jagd divertieren. Gestern sprach die gnädige Herrschaft bei Tisch davon:

»Er ist von hochköniglichem Geblüt und ein vollkommener Kavalier«, sagte die gnädige Frau und sah dabei Fräulein Sophie an.

Sie wurde rot, sah auf ihren Teller und lächelte, aber ich wurde kalt wie Eis am ganzen Körper – ach, ach, ich dachte, ich wäre von meiner üblen Inklination kuriert, aber ich fühle, daß die Krankheit mit größerer Force wiedergekehrt ist. Ich zappele wie ein Rebhuhn im Netz, aber es hilft nichts – ach, wäre ich doch tausend Meilen von hier!

Tjele, den 14ten Novbr. 1711.

Endlich ist Seine Exzellenz hier arriviert, und zwar mit der allergrößten Pracht und Herrlichkeit: zwanzig Läufer mit hohen silberbeschlagenen Mützen kamen eine halbe Viertelmeile vor ihm in den Hof getrippelt. Sie stellten sich mit ihren langen bunten Stöcken zu beiden Seiten der großen Tür auf. Die gnädige Frau wackelte zu der einen Tür herein und zur andern hinaus; ich habe sie niemals vorher in einer solchen Agilité gesehen. Fräulein Sophie stand im Saal und sah bald in den Spiegel, bald aus dem Fenster. Mich sah sie gar nicht, wenn ich durch das Zimmer ging.

Endlich kam er selbst angefahren, mit sechs gelben Pferden vor seinem Wagen, ein schmucker und magnifiquer Herr! Er sah vornehm und auch gnädig aus, aber ich fand, es war etwas Widerliches an ihn. Er lächelte zu mir so ekelsüß und blinzelte mit seinen Augen, als ob er in die Sonne sähe. Er verneigte sich vor jedem der Herrschaften einzeln, aber es sah so aus, als verneigte er sich nur, um sich noch höher aufzurichten. Als er zu Fräulein Sophie kam, trat etwas Blut in sein bleiches Gesicht, und er flüsterte oder lispelte ein langes französisches Kompliment. Bei Tisch wandte er kaum seine Augen von ihr, nicht einmal, wenn er mit andern sprach. Sie schielte bisweilen zu ihm hinüber; aber ich verbrannte meine Hand an den Tellern, so daß sie heute voller Blasen ist. Wenn das doch nur die einzige Stelle wäre, an der es mir wehtut!

Tjele, den 20ten Novbr. 1711.

Ja! Soviel steht nun fest: daraus wird eine Mariage. Man braucht nur die gnädige Frau zu attendieren. Wenn sie Fräulein Sophie ansieht, legt sie den Kopf zurück wie eine Ente, die den Kropf gefüllt hat, verdreht die Augen und schließt sie dazwischen, als ob sie sofort in Schlaf fallen wollte, und dann schnattert sie: »un cavalier accompli, ma fille! n'est-ce pas vrai? et il Vous aime, c'est trop clair!« Ja, leider, das ist ganz klar; und sie liebt ihn wieder, das ist auch klar. Daß sie nur glücklich werden möge!

Tjele, den 4ten Dezember 1711.

Bisher hat Seine Exzellenz noch nicht sehr viel von der Jagd profitiert. Zweimal waren wir draußen; aber jedesmal wurde es ihm unterwegs wieder leid. Auf dem Hof ist ein Wild, das ihn wie ein Magnet anzieht. Ach, wäre ich doch in Kopenhagen geblieben!

Tjele, den 8ten Dezember 1711.

Heute wurde die Mariage deklariert, und heute über acht Tage soll die Hochzeit sein. Wo soll ich mich solange verbergen? Das halte ich nimmer aus. Wenn er seinen Arm um ihren Leib legt, ist es, als steche man mir mit einem Messer ins Herz – – –

Du lieber Gott! Ich glaube, Jens ist ebenso daran wie ich. Als ich ihm das von der Mariage erzählte, stieß er seine Büchse auf den Boden, daß der Kolben zersprang, und dann lief er mit dem Stumpf in der Hand davon in die Heide. Ich bin also nicht der einzige Narr in der Welt.

Tjele, den 16ten Dezember 1711.

Fräulein Sophie hat die Kinderblattern bekommen. Ach, wie zittere ich für ihr Leben! Daß ich doch an ihrer Stelle sterben dürfte; aber ich kann ja diese Krankheit nur einmal bekommen. Ihr herrliches Angesicht ist ganz voller Blasen.

Tjele, den 19ten Dezember 1711.

Hier herrscht große Trauer und Betrübnis. Fräulein Marie ist tot, und der Herr will sich nicht trösten lassen; wie selbiges vor sich gehen soll. Fräulein Sophie folgt wohl ihrer Schwester: denn es geht ihr sehr schlecht, aber die gnädige Frau spricht nur von ihrem Begräbnis, Seine Exzellenz, ihr Verlobter, schickt sich an fortzugehn. – Glück auf die Reise! –

Tjele, den 13ten März 1712.

Nun habe ich mich wieder von meinem langen Krankenlager erhoben. Ich glaubte, es würde das letzte werden, und seufzte von Herzen zu meinem Gott um Erlösung. Aber ich soll noch eine Weile in diesem Jammertale wandern – das ist sein Wille – er geschehe! – Es ist mir, als sei ich von den Toten auferstanden, und mich deucht, diese drei Monate Krankheit hätten drei Jahre gewährt. Gestern sah ich sie zum erstenmal, seitdem ich mich legen mußte, und zwar mit guter Contenance; ich möchte fast glauben, daß die Krankheit meine schlimme Verliebtheit mitgenommen hat.

Sie war etwas bleich und ich fand, sie sah nicht sehr zufrieden aus. Leider! Sie hat auch keinen sonderlichen Grund dazu. Seine Exzellenz war vergangene Woche hier gewesen, wie ich höre. Er ist wohl ein großer Libertin; ich sah neulich durch die Spalte meiner Tür, daß er das Mädchen der gnädigen Frau anfaßte, und zwar in einer höchst indezenten Weise. Oh, das arme Fräulein! Wäre ich Seine Exzellenz, ich würde sie anbeten wie einen Engel vom Himmel.

Tjele, den 13ten März 1712.

Seine Exzellenz ist fortgereist und hat seine Braut hier zurückgelassen. Er war ihrer reichlich überdrüssig und – Gott vergebe es mir! – sie seiner, glaube ich, auch. Sie sehnt sich gar nicht nach ihm; denn sie ist ebenso munter und vive wie vorher, ja beinahe mehr, aber dennoch ab und zu ein wenig hoffärtig. Bisweilen spricht sie mit mir wie mit einem Bettler und bisweilen, als wäre ich ihresgleichen. Ich glaube fast, sie will mich zum besten haben – ich Allerärmster! Ich bin immer noch nicht zur Vernunft gekommen; denn sie kann mich froh und betrübt machen, ganz wie sie will.

Tjele, den 3ten Juni 1712.

Meine Gesundheit bekomme ich nie wieder; die Munterkeit meiner Jugend ist ganz verschwunden. Ich bin schwer und matt in meinem ganzen Wesen, und ich habe zu nichts eine rechte Lust. Ich möchte nicht jagen und ich möchte auch nicht lernen; meine Büchse und mein Ovidius sind beide gleichermaßen verstaubt. Das Französische, das mir früher so plaisant geworden war, mag ich weder lesen noch hören – es ist eine falsche Sprache!

Tjele, den 24ten Juni 1712.

Ich habe meine Kammer mit Jens getauscht. Er wollte durchaus die meine haben; denn er wollte nicht nach dem Kirchhof hinaus liegen, der Tropf! Da wird er ja doch einmal für immer liegen. Ich bin sehr zufrieden mit dem Tausch, hier kann ich von meinem Fenster die Gräber meiner lieben Eltern sehn – sie sind wohl geborgen – Gott erfreue ihre Seelen im Himmelreich! Da ist auch Herrn Sörens Grab; es wachsen bereits Disteln darauf – die muß ich doch ausroden!

Tjele, den 13ten Dezember 1712.

Das Mädchen der gnädigen Frau hat einen kleinen Jungen bekommen. Sie hat einen Spitzenkrämer angegeben – aber der ganze Hof weiß wohl, wer der Schuldige ist. Das junge Fräulein hat selbst damit railliert. Ich verstehe nicht, wie sie das konnte; aber sie nimmt das Leben so leicht – ich habe nicht diese Natur.

Tjele, den 27ten Februar 1713.

Träume ich oder wache ich? Haben mich meine Sinne dupiert oder ist sie wirklich mein gewesen? Ja, sie war mein – ich habe sie mit diesen meinen Armen umschlossen, sie hat an meiner Brust geruht und mein Gesicht mit Küssen bedeckt – mit heißen Küssen – nun will ich gern sterben, so glücklich kann ich nie mehr werden. Doch nein! Was ist mit mir? Was habe ich getan? Ach, ich weis nicht, was ich schreibe – ich fürchte, ich bin wahnsinnig.

Tjele, den 5ten März 1713.

Laß mich diese doucen Augenblicke in meine Erinnerung zurückrufen! Laß mich recht überdenken, wie glücklich ich war; erst jetzt beginne ich zu erwachen wie aus einem Rausch. – Der Herr war von der Jagd gekommen und Jens war im Walde geblieben, um Eiben auszuheben, die in einem Graben festsaßen. Ich wußte wohl, daß er nicht vor Tag nach Haus kommen würde, und da bekam ich den Einfall, mich in meine alte Kammer zu legen. Ich war gerade eingeschlafen, als ich durch einen Kuß geweckt wurde. Erschrocken erhob ich mich und wollte rufen; da fühlte ich eine weiche Hand auf meinem Mund und einen Arm um meinen Hals und eine süße flüsternde Stimme – Himmel, es war die ihre! – der, die ich nicht nennen darf. Da – da – o, ich Sünder! ich verstockter Sünder! Ich habe meinen Herrn verraten! und ich kann es nicht einmal von Herzen bereuen. Jedesmal, wenn ich Pönitenz tun will, hindert mich eine geheime Freude daran, die meiner Reue spottet. Ich fühle es: ich sehne mich danach, die Missetat zu wiederholen, die ich verfluchen müßte.

»Ewig mein!« waren die ersten Worte, die ich hervorbringen konnte; aber da riß sie sich mit einem leichten Schrei aus meinen Armen, und – ich war allein. Die Tür knirschte, und ich setzte mich im Bette auf; ich war im Zweifel, ob das ganze nicht ein Spuk wäre.

Ach, weshalb entfloh sie? Weshalb kam sie dann selbst ungerufen, ungelockt? Hat sie mich geliebt, wie ich sie, stumm, innig, brennend?

Tjele, den 6ten März 1713.

Oh Welt! Welt! Wie falsch bist du! Ehrlichkeit ist ganz verschwunden, Tugend und Ehre zu Boden getreten! Aber warum will ich mich beklagen? Bin ich besser als er? Ist meine Sünde kleiner, weil ich glaube, daß meine Liebe größer ist? Ah, mir wird mein verdienter Lohn, wir sind einander gleich, der eine verrät den andern. Ha! Du falsches Weib! Du Weib des Potiphar! Deshalb schriest und flohst du, als du meine Stimme hörtest. Es war also eine alte Gewohnheit – ein bekannter Weg, als du mein Bett aufsuchtest – nein, Jens' Bett! Alte Liebe, alte Sünde! Während ich dich anbetete, während ich dich mit Ehrfurcht betrachtete wie einen heiligen Engel, hast du mit meinem Dienstgenossen gebuhlt!

– Es war Mitternacht. Trunken von süßen Erinnerungen wankte ich im Garten umher. In einem dunklen Gange sah ich sich etwas bewegen – es war mir so, als müßte sie es sein. Mit hastigen Schritten eilte ich dahin – sie war es! Ja, sie war es. Aber wie fand ich sie? Auf Jens' Schoß, die Arme um seinen Hals – rasch fuhren sie auseinander, und ich stand da, als sollte ich in einen Abgrund versinken. Die Sonne traf mich auf derselben Stelle; ich fror – ich bebte wie Espenlaub. Oh du elende, du falsche, du verderbte Welt!

Tjele, den 9ten März 1713.

Ich habe sie das erstemal seit jener sündenvollen Nacht gesehn. Eine hastige Röte fuhr über ihr Antlitz, sie ließ ihre Augen überall im Zimmer umhergehn, um mich nicht anzusehn. Ich fühlte es, wie mir kalt und warm wurde. In dem Augenblick, als wir allein waren, ging sie rasch an mir vorbei und sagte mit halb geschlossenen Augen: »Silence!« Sie war bereits aus der Tür, ehe ich noch recht den Druck in meiner Hand fühlte.

Tjele, den 13ten April 1713.

Alles ist entdeckt! Die gnädige Frau, der ganze Hof wissen es, und Mamsell Lapouce hat sie entdeckt und verraten. Das junge Fräulein wollte gern mit ihr raillieren; aber das schrieb sie sich hinters Ohr. Niemand hat es dem listigen Weib anmerken können, daß sie ein Wort dänisch verstand, und deshalb haben sie einmal in ihrer Gegenwart etwas Unvorsichtiges gesagt, was ihr einen Wink gab. Sie hat nun so lange die Spur verfolgt, bis sie sie richtig ausgefunden und im Nest erwischt hatte.

Himmel, was gab das für eine Aufregung! Der gnädige Herr lief mit seiner Büchse wie ein Rasender umher, um Jens zu erschießen; aber Jens war bereits auf seinem Pferd und davon. Das junge Fräulein wurde im Eckzimmer eingeschlossen, damit sich der Herr nicht an ihr vergreifen sollte. Ach Himmel, was soll das für ein Ende nehmen? Ich zittere jedesmal, sobald ich seine Stimme höre. Mein Gewissen verdammt mich und macht einen Feigling aus mir. Reue und Furcht haben mich so benommen, daß Liebe und Eifersucht ganz aus meiner Brust verjagt sind. Ach, wäre ich doch fünfzehn Meilen unter der Erde!

Tjele, den 14ten April 1713.

Jens ist hier gewesen. Er kam in der Nacht in meine Kammer, um zu hören, wie es stand. Er war wie ein Betrunkener, weinte und fluchte durcheinander.

»Verrate nicht, daß ich hier gewesen bin«, sagte er, als er ging, »sonst bist du ein Kind des Todes!«

Er würde sein Wort halten; ich werde mich hüten. Aber was mag er eigentlich wollen? Er weiß es wohl selbst nicht.

Tjele, den 17ten April 1713.

Das junge Fräulein ist fort! Heute Nacht ist sie aus einem Fenster echappiert. Jens ist sicher hier gewesen und hat sie geholt; denn einer hat um Mitternacht zwei Personen auf einem Pferd getroffen, aber bei der Dunkelheit konnte er nicht sehn, ob beide Mannsleute gewesen waren. Es war auf dem Viborger Wege, und wir sind alle Mann den ganzen Tag draußen gewesen, um zu suchen. Wir sind zurückgekommen, ohne sie gefunden zu haben. Ich hörte davon, daß sie über die Skerner Brücke gekommen seien; aber ich werde mich hüten, ihnen zu nahe zu kommen.

Ach, ach! Die Welt, in der wir leben! Mein armer Herr! Er holt sich gewiß den Tod dabei. Er hat sich gelegt, und kein Mensch darf zu ihm.

Tjele, den 20ten April 1713.

Heute wurde ich zum gnädigen Herrn gerufen. Ach, du barmherziger Erlöser! Wie bleich und abgezehrt er war! Er lebt nicht mehr lange, das konnte ich deutlich sehn.

»Morten«, sagte er, als ich eintrat, »bist du es? Komm her zu mir!«

Als ich nur seine Stimme hörte, brach ich in Weinen aus. Früher war es, als spräche er aus einem Faß, und wenn er durch die große Tür rief: »Morten! Komm mit den Hunden!«, dann war es, als ob der Hof einfallen sollte, und Hühner und Enten flogen erschreckt umher. Aber jetzt sprach er so sanft, so matt, daß mein Herz am Brechen war.

»Morten«, sagte er, »hast du keine Schnepfen gesehn?«

»Nein, gnädiger Herr!« erwiderte ich schluchzend, »ich bin gar nicht draußen gewesen.«

»So, nicht?« sagte er: »Ich werde keine mehr schießen!«

»Ach doch«, erwiderte ich, »Gott kann noch helfen!«

»Nein, Morten«, sagte er, »mit mir ist es bald aus. Ja, wenn ich Kresten noch hätte!« Dabei drückte er zwei Tränen wieder in die hohlen Augen. »Wo ist Vaillant?« fragte er.

»Er liegt am Kamin«, erwiderte ich.

»Rufe ihn!« sagte er.

Der Hund kam und legte seinen Kopf auf die Bettstatt. Der Herr streichelte ihn lange und sah ihn wehmütig an.

»Du bist mir ein treuer Diener gewesen«, sagte er, ›du hast mich nicht verlassen. Wenn ich tot bin, sollst du ihn erschießen und unter der großen Esche vor dem Kirchhof begraben; aber triff ihn gut und laß ihn nicht merken, was du vorhast – versprich mir das!‹

›Ja, gnädiger Herr‹, erwiderte ich.

›Er soll nicht in fremde Hände kommen‹, sagte er, indem er auf das Kissen zurücksank: ›Mein Jagdpferd und meinen Muskedonner (das ist seine Leibbüchse) und mein Gehenk sollst du haben. Aber von Blis darfst du dich niemals trennen; wenn er so alt wird, daß er nicht mehr fressen kann, dann mußt du ihn erschießen.‹

›Ja, lieber Herr‹, erwiderte ich; ich konnte kaum vor Weinen.

›Und da,‹ sagte er, ›liegt eine Rolle auf dem Tisch, die sollst du haben für deine treuen Dienste. – Geh nun, Morten! Und bete zu Gott für meine sündige Seele!‹

Ich küßte seine Hand, die er mir gereicht hatte, und wankte in meine Kammer hinunter – Oh, Gott schenke ihm ein seliges Ende! Er war mir ein guter und gnädiger Herr!

Tjele, den 3ten Mai 1713.

Nun ist er denn auch dahingegangen! Nun habe ich keinen Freund mehr auf Erden. – Hier will ich nicht bleiben; ich muß in die Welt hinaus und meine melancholischen Gedanken loswerden. – Armer Vaillant! als ich ihn zum Tode führte. – Nein, solch einen Schuß tue ich mein Lebtag nicht mehr. Als ich die Büchse spannte und er das Knacken hörte, begann er zu wedeln und sich umzusehn, er erwartete ein Wild und dachte am wenigsten daran, daß es ihm selbst galt. Als das Pulver zündete und er sich im Todeskrampf wand, war es, als wollte mir das Herz aus der Brust drängen. O, mein lieber, seliger Herr! Das war der letzte, der schwerste Dienst, den ich dir erwiesen habe.

Unter Segel vor Thunö, den 17ten Mai 1713.

Zum zweitenmal, vielleicht zum letztenmal, sagte ich dir Lebewohl, mein liebes Heimatland! Leb wohl, du grüner Wald! du braune Heide! Lebt wohl, alle meine Jugendfreuden! Leichter ums Herz war mir, als ich vor zwei Jahren diese wilden Wogen durchfurchte: damals hatte ich meinen guten Herrn, er liegt jetzt im Grabe, mein Junker auch, und sie – die ich gern vergessen wollte – zieht in der weiten Welt umher, Gott weiß wo und wie. Auch ich will das Spiel des Glücks versuchen und mein Brot unter wildfremden Menschen essen. Ja! Mit dem Krieg will ich's versuchen! Der bringt Brot oder Tod! Blis und ich werden einander begleiten; er ist mein letzter Freund auf Erden.

Schweden, den 13ten Juni 1716.

Hier sitze ich, ein gefangener Mann in fremdem Lande. So weit hat mein Schwert geholfen. Mein Oberst und ich räumten unter den Feinden auf; aber wir waren nur zwei gegen zehn. Ach, mein alter Blis! Du mußtest sterben – hätte ich dir doch folgen können!

Stockholm, den 14ten August 1717.

So kann es nicht lange weitergehn! Sie haben mich von einer Festung in die andre umhergeschleppt, mich verlockt und bedroht, ich sollte Dienste nehmen; aber lieber wollte ich in einem unterirdischen Gefängnis verhungern, als gegen meinen rechtmäßigen König und Herrn fechten. Noch lieber aber möchte ich meine Freiheit haben. Ich will es versuchen, und entweder sie oder den Tod finden!

Norköping, den 3ten Februar 1718.

Nun bin ich doch schwedischer Soldat geworden! Solange ich mich auch in acht nahm und in Wäldern und zwischen Felsen verborgen hielt wie ein gehetztes Wild, sie fanden mich doch. Was sollte ich tun? Lieber unter Gottes freiem Himmel zwischen Schwertern und Kanonen als zwischen den vier Wänden eines Gefängnisses! Sie haben mir gelobt, daß ich niemals gegen meine Landsleute kämpfen müßte, sondern nur gegen den Moskowiter – er hat vielleicht die rechte Kugel mit Morten Vinges Namen.

Sibirien, den 15ten Mai 1721.

Herr, mein Gott! Wie wunderbar sind deine Wege! Viel tausend Meilen von Dänemark entfernt lebe ich hier in einem rauhen und trauervollen Lande. Ich gehe über gefrorene Flüsse und wate im Schnee bis zu den Knien, während daheim Wald und Flur ihr grünes Sommerkleid tragen. Draußen vor meinem alten Kammerfenster steht der Apfelbaum nun in Blüte, der Hänfling zwitschert in der Stachelbeerhecke, der Star sitzt auf der Kirche und bläst sein lustiges Stück und die Lerche singt hoch in den Wolken. Hier heulen Wölfe und Bären, Habichte und Raben schreien in den schwarzen Wäldern. Wie mag wohl diese Wüstenei aufhören? Ach, wie mag mein elendes Leben aufhören?

Riga, den 2ten September 1743.

Werde ich den Tag noch erleben, an dem ich mein Vaterland wiedersehe? Vierundzwanzig lange trauervolle Jahre, vierundzwanzig Winter habe ich Zobel und Marder in Sibiriens Wälder gejagt! Wie satt des Lebens bin ich lange – lange geworden! Aber ich will geduldig warten, bis mein Herr und Erlöser mich ruft. Er will vielleicht meine müden Glieder in meiner Vätererde zur Ruhe legen – ach, ich sehe die dänische Flagge gehißt, das teure Zeichen des Kreuzes und der Erlösung! Meine Seele, lobe den Herren! Alles, was in mir ist, seinen heiligen Namen.

Falster, den 23ten Oktober 1743.

Wieder nahe dem Tode und wieder weit von ihm entfernt! In Sturm und Unwetter näherte ich mich meinem geliebten Heimatlande. Die Wogen zerbrachen unser Schiff und drohten es zu verschlingen; aber der Herr errettete mich, seine Hand erhielt mich – er wird sie auch jetzt nicht von mir ziehn, wenn ich auch arm und halbnackt unter Fremden dahin wandere.

Korselidse, den 2ten November 1743.

Eine Freistatt habe ich gefunden, einen Schlupfwinkel vor den Stürmen der Welt, einen frommen und edlen Herrn, der mich in sein Brot genommen und versprochen hat, bis an meinen Tod für mich zu sorgen. Nun brauche ich also nicht mehr meine Behausung zu wechseln, bis sie mich zu der letzten hintragen.

Korselidse, den 1ten Mai 1744.

Wie lieblich ist doch dieses Land! Alles im vollsten Flor! Der Wald grün, und das Feld grün. Blumen überall! In Sibirien ist es noch Winter. Gott sei gedankt für diesen Tausch!

Mein Herr mag mich sehr; ich muß oft stundenlang bei ihm sitzen und ihm vom Kriege erzählen und von all den Ländern, die ich durchwandert habe. Und so gern wie er zuhört, so gern will ich reden; es macht mir Freude, mich meiner mannigfachen ausgestandenen Fatalitäten zu erinnern.

Korselidse, den 2ten Juli 1744.

Oh du barmherziger Vater! War dieser bittere Kelch noch übriggeblieben! Sollten die alten Wunden von neuem aufgerissen werden! Ja, denn es hat dir so gefallen! – Ich habe sie gesehn – sie? Ach nein! Nicht sie! Einen gefallenen Engel habe ich gesehn, eine Gestalt der Finsternis – oft habe ich mir den Tod gewünscht, aber jetzt – jetzt ekelt mich das Leben an – ich kann nicht mehr schreiben.

Korselidse, den 8ten August 1744.

Nicht zu meinem Pläsir ergreife ich wieder die Feder; aber falls jemand nach meinem Tode dieses Journal vor Augen bekommen sollte, soll er doch sehn, wie die Sünde es ihren Kindern lohnt.

Ich ergötze mich an jenem betrüblichen Tage mit einer Promenade in unserm schönen Garten. Als ich an der offenen Zauntür vorbeigehe, steht ein Mann da, dessen Gesicht mir bekannt vorkam, ungeachtet, daß ein schwarzgrauer dichter Bart und ein unheimlicher Blick mich erschreckten.

»Bist du auch hier?« sagte er mit einem sonderbaren Grinsen.

Der Stock fiel mir aus der Hand, und alle meine Glieder zitterten – es war Jens!

»Herr, du mein Gott!« sagte ich. »Muß ich dich hier finden? Wo ist Fräulein Sophie?«

Er stieß einen lauten Fluch aus: »Das Fräuleintum hat der Teufel geholt und das gnädige Frauentum auch; aber willst du mein herzliebstes Weib sehn, da liegt sie und jätet. Soffie!« schrie er, »hier ist ein alter Bekannter!«

Da wandte sie sich halb um – sie lag auf den Knien, drei Schritt von mir entfernt – sah mich einen Augenblick an und fing dann wieder an zu jäten. Ich bemerkte nicht die geringste Bewegung in ihrem Gesicht! Diesem Gesicht! Diesem früher so anmutigen Gesicht! Wie war es verändert! Bleichgelb, zerfurcht, verdrossen sah es aus, als ob es niemals gelächelt hätte. Eine zerlöcherte Kapuze mit langen Fetzen schwarzer Spitzen machte es noch düsterer. Schmutzige Lumpen von Kleidern, die einst schön und fein gewesen waren, hingen um ihren dicken, mißbildeten Körper. Ich merkte, mir würde gleich übel werden, und keine Träne trat mir in die Augen. Eine Angst, ein Ekel, wie wenn man plötzlich eine Schlange sieht, ergriffen mich. Ich konnte weder sprechen noch mich von der Stelle rühren.

Jens weckte mich wieder aus meiner Betäubung. ›Jetzt ist sie ja nicht mehr so hübsch‹, rief er,›wie damals, als sie zu dir ins Bett kroch?‹

Ich schauderte.

›Die Vergoldung ist abgegangen‹, fuhr er fort, ›aber das edle Gemüt besitzt sie noch, hochmütig und malizieuse ist sie immer noch, und das Maulwerk kann sie brauchen. He! gnädige Frau! Rede doch ein bißchen mit uns!‹

Sie schwieg und tat, als hörte sie es nicht, obgleich er laut genug rief.

›Nu will sie wieder nicht‹, sagte er, ›aber wenn wir nach Haus kommen, dann kommt ihr schon das Maul in Gang. – Hast du nicht was für ein Gläschen, Morten? Um der alten Bekanntschaft willen!‹

Ich gab ihm etwas und ging wie im Schlaf auf den Hof zurück. An der Gartentür stand mein Herr.

›Kennst du diese Menschen?‹ fragte er.

›Ach, mein lieber Gott‹, versetzte ich, ›ja, ich habe sie vor vielen Jahren gekannt.‹

›Es sind schlechte Menschen‹, sagte er, ›sie ist giftig und flucht, und er trinkt wie ein Schwamm. Sie haben ein paar Jahre in einem Haus unten am Strande gewohnt! Er fischt und sie macht Wochenarbeit hier im Garten. Sie soll von feinen Leuten abstammen?‹

Jetzt erst brachen meine Tränen hervor und erleichterten mein beklommenes Herz. Ich erzählte ihm, wer sie war, und sein Entsetzen war ebenso groß wie meine Betrübtheit.

Korselidse, den 14ten September 1744.

Ich bezweifle, daß ich hier länger bleiben werde. Mein Aufenthalt behagt mir nicht mehr, seitdem ich sie in meiner Nähe weiß und oft nicht vermeiden kann, sie zu sehn. Noch habe ich nicht mit ihr gesprochen; denn ich scheue sie wie einen bösen Geist. Jens verfolgt mich mit einer Zudringlichkeit, die weder mir noch meinem Herrn gefällt. Wenn ich seinen Branntweinsatem rieche, ist es mir, als böte mir einer an Gift zu trinken.

Er hat mir ihre Geschichte erzählt – oh, wie schrecklich, ekelhaft ist sie! In Dänemark, in Deutschland sind sie von einer Stadt zur andern umhergezogen – er spielte Laute. Damit fristeten sie das Leben, und wenn es nicht ausreichte, trieb sie noch ein Gewerbe, an das zu denken mir das Herz zerreißt. Schließlich mußte auch das aufhören, und sie wären vor Mangel umgekommen, wenn nicht mein mitleidiger Herr sich ihrer erbarmt hätte – Gott vergebe es mir! Ich könnte mich zurück nach Sibirien wünschen.

Korselidse, den 1ten Mai 1745.

Gott segne meinen guten, edelmütigen Herrn! Er hat meinen Wunsch verstanden, daß ich meine Tage an meinem Geburtsort beschließen möchte, und hat deshalb – ohne daß ich es wußte – mir eine gute Kondition bei der neuen Herrschaft auf Tjele verschafft. Am Dienstag soll ich mit einem Schiff von Stubbeköbing abfahren – Gott lohne ihm das in Ewigkeit!

Auf See zwischen Seeland und Samsö, den 4ten Juni 1745.

``Fürchtet nicht die, die allein den Leib vernichten, fürchtet aber die, die Leib und Seele gleichzeitig verderben!´´ Ich fühle die Kraft dieser Worte des Erlösers.

Als ich in meiner Jugend auf diesen Wogen den Kugeln des Schweden gegenüberstand, war es mir besser zumute, als da ich im Garten von Korselidse den gefallenen Engel meiner Jugend sah. Schwerter und Kugeln, Hiebe und Stiche, Wunden und Tod bedeuten nichts gegen den Verlust der Seele, gegen die Verderbnis einer unschuldigen Seele. Hätte ich damals ihren schönen Leib von wilden Tieren zerrissen sehn, es hätte meine Brust nicht so zermalmen können wie jetzt, da ich sie verloren, verdorben, verächtlich, ohne Rettung preisgegeben fand. Wie sie dalag und in der Erde grub, schien es mir, als begrübe sie meine letzte Hoffnung, meinen letzten Rest von Glaube an Ehre und Tugend.

Aber ich will sagen, wie der alte Türke, mein Mitgefangener in Sibirien immer sagte mitten im allergrößten Elend: ›Gott ist groß!‹ Ja, und barmherzig! Er kann und will weit mehr tun, als was wir armen Menschen verstehn.

Tjele, den 4ten Juli 1745.

Endlich bin ich nun in meinen letzten Winterhafen eingelaufen! Mehr als dreißig Jahre bin ich auf dem wilden Meer der Welt umhergetrieben, um dort zu enden, wo ich begonnen habe. Was habe ich vollbracht? Was habe ich gewonnen? Ein Grab – eine Ruhestätte bei meinen Vorfahren. Das ist etwas und nicht einmal so wenig: ich habe Freunde und Bekannte hier über und unter der Erde. Da steht noch der Apfelbaum vor meinem Fenster, er ist auch älter geworden, es ist Wurmfraß in seinem Stamme, der Sturm hat sein Haupt gebeugt und auf seinen Zweigen wächst Moos wie graues Haar auf dem Haupt eines Alten. An der Kirchenmauer sehe ich die große Esche, unter deren Wurzel ich den armen Vaillant begraben habe. So erkenne ich manchen Baum wieder, manchen Hügel mit Heidekraut und selbst die toten Steine, die hier unveränderlich die Jahrtausende hindurch stehn und ein Geschlecht nach dem andern aufwachsen und vergehen sehn. Das Geschlecht, das ich kannte, ist nun auch dahin. Neue Herrschaft, neue Diener – ich bin ein Fremder, ein Ausländer unter ihnen allen.

Tjele, den 2ten September 1749.

Heute ist es sechsundfünfzig Jahre, seitdem ich das Licht der Welt erblickte! Herr Gott, wo sind diese Jahre geblieben? Diese vielen tausend Tage? Wo sind meine Jugendfreuden? Bei meinen Jugendfreunden. – Zu dieser Jahreszeit genossen wir so recht die Freuden der Jagd. Wie lustig ging es dann zu, wenn wir am Morgen auszogen! Die Jäger riefen und die Hunde bellten und die Pferde stampften ebenso ungeduldig wie wir selbst. Bald suchten wir die Auerhähne auf der Heide heim, bald die wilden Tiere im Walde – mit Spiel und Gesang fuhren wir hin und zurück. Nun ist es hier still wie in einem Kloster, der gnädige Herr macht sich nichts aus der Jagd. Stumm und einsam geht der Jäger davon, und still kommt er zurück. Dies Geschlecht ist traurig wie ich selbst.

Tjele, den 12ten Januar 1751.

Eine stille, herrliche Winternacht! Alles, was ich gesehen habe, blau oder weiß. Der Mond hat die Sterne verjagt, er will allein leuchten. So herrlich schien er auch einmal vor vielen, vielen Jahren, da ich Fräulein Sophie kutschierte. Meine junge Seele strahlte ebenso hell und lustig wie der Mond, fleckenlos wie der neugefallene Schnee. Nun ist meine Seele dunkel wie die Heide, wenn der Winterschnee fortgetaut ist, und die ihre – wenn sie noch lebt – muß einem sibirischen Tal nach der Überschwemmung gleichen: dunkelgefurcht von Wasserströmen, überall bestreut mit Erhöhungen, Steinen und umgestürzten Bäumen.

"Ja, Herr! Herr! Züchtigst du einen mit viel Strafe für seine Missetat, dann tust du es, daß seine elende Gestalt hinschwindet wie eine Motte. Wahrlich, alle Menschen sind Eitelkeit!"

Föulum, den 12ten Mai 1753.

Sonntags versah ich zum erstenmal mein Amt als Küster von Tjele und Vinge. Der gnädige Herr rief mich an sein Totenbett. Hier wohne ich nun im Hause meines Vaters; aber ich wohne allein hier. Alle meine Jugendfreunde sind längst zur Ruhe gegangen; ich bin noch übrig wie ein abgeschälter Baum auf der Heide. Aber über ein kurzes werde ich zu ihnen versammelt werden und der letzte meines Geschlechtes sein. Diese Blätter werden das einzige Zeichen von mir sein.

Sollte jemand – wenn ich einmal tot und dahin bin – sie lesen, dann soll er seufzen und sagen: »Was den Menschen angeht, seine Tage sind wie Gras; wie eine Blume auf dem Felde, so soll er blühen. Wenn das Unwetter darüber fährt, dann ist sie nicht mehr, und ihre Stätte kennt sie nicht mehr. Aber die Barmherzigkeit des Herren ist von Ewigkeit zu Ewigkeit.«

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