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Ausgewählte Märchen

Hans Christian Andersen: Ausgewählte Märchen - Kapitel 24
Quellenangabe
typefairy
authorH. C. Andersen
titleAusgewählte Märchen
publisherVerlag von Ambr. Abel
yearca. 1910
translatorJulius Reuscher
illustratorLudwig Richter, Paul Thumann, Theodor Hosemann, Graf Pocci, Oscar Pletsch
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060224
projectid351990cb
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V. Die Verwandlung des Schreibers.

Der Wächter, den wir sicher noch nicht vergessen haben, gedachte inzwischen der Galoschen, die er gefunden und mit nach dem Hospital hinausgebracht hatte; er holte sie ab, aber da weder der Lieutenant noch sonst Jemand in der Straße sie als die seinigen anerkennen wollte, wurden sie auf die Polizei abgeliefert.

»Es sieht aus, als wären es meine eigenen Galoschen«, sagte einer der Schreiber, indem er das gefundene Gut betrachtete und sie an die Seite der seinigen stellte. »Da gehört mehr als ein Schuhmacherauge dazu, um sie von einander unterscheiden zu können!«

Ein Diener, der mit einigen Papieren hereintrat, rief ihn.

Der Schreiber wendete sich um und sprach mit dem Manne; nachdem das aber geschehen war und er wieder die Galoschen ansah, war er in großer Ungewißheit darüber, ob es die zur Linken oder die zur Rechten seien, die ihm gehörten.

»Es müssen die sein, die naß sind!« dachte er, aber es war gerade verkehrt gedacht, denn das waren die des Glückes; aber weßhalb sollte nicht auch die Polizei fehlen können! Er zog sie an, steckte seine Papiere in die Tasche und einige Schriftstücke unter den Arm, die zu Hause durchgelesen und abgeschrieben werden sollten; aber nun war es gerade Sonntag Vormittag und das Wetter gut, ›ein Ausflug nach Friedrichsburg könnte mir wohlthun!‹ dachte er, und so ging er hinaus.

Niemand konnte ein stillerer und nüchternerer Mensch sein, als dieser junge Mann, wir gönnen ihm darum diesen kleinen Spaziergang wohl, er wird nach dem vielen Sitzen sicher recht wohlthuend auf ihn wirken. Anfangs ging er nur wie ein gewöhnlicher Mensch, deßhalb hatten die Galoschen keine Gelegenheit, ihre Zauberkraft zu bethätigen.

Unterwegs begegnete er einem Bekannten, einem unserer jüngern Dichter, der ihm erzählte, daß er am folgenden Tage seine Sommerreise beginnen werde.

»Nun wollen Sie wieder fort!« sagte der Schreiber. »Sie sind doch ein glücklicher, freier Mensch. Sie können fliegen, wohin Sie wollen, wir Andern haben eine Kette an dem Fuß!«

»Aber sie ist an den Brodbaum befestigt!« erwiderte der Dichter. »Sie brauchen nicht für den morgenden Tag zu sorgen, und werden Sie alt, so erhalten Sie Ihr Einkommen fortbezahlt!«

»Sie haben es doch am besten«, sagte der Schreiber. »Es ist ja ein Vergnügen, zu sitzen und zu dichten; die ganze Welt sagt Ihnen Angenehmes, und dann sind Sie Ihr eigener Herr! Ja, Sie sollten es nur versuchen, im Gericht bei den langweiligen Sachen zu sitzen!«

Der Dichter schüttelte mit dem Haupte, der Schreiber schüttelte auch mit dem Haupte. Jeder blieb bei seiner Meinung, und sie trennten sich.

»Es ist ein eigenes Volk, diese Dichter«, sagte der Schreiber; »ich möchte wohl versuchen, in eine solche Natur einzugehen, um selbst ein Dichter zu werden; ich bin gewiß, daß ich nicht solche Klageverse schreiben würde, wie die andern! – – Das ist ein rechter Frühlingstag für einen Dichter! Die Luft ist ungewöhnlich klar, die Wolken so schön, und das Grüne duftet so prächtig! Ja, in vielen Jahren habe ich es nicht so gefühlt, wie in diesem Augenblick.«

Wir bemerken schon, daß er ein Dichter geworden ist; das anzudeuten, würde in den meisten Fällen abgeschmackt sein, denn es ist eine thörichte Vorstellung, sich einen Dichter anders als andere Menschen zu denken, es können unter diesen weit mehr dichterische Naturen sein, als manche große anerkannte Dichter es sind. Der Unterschied ist nur der, daß der Dichter besseres geistiges Gedächtniß hat, er kann den Gedanken und das Gefühl festhalten, bis es klar und deutlich durch das Wort verkörpert ist, das können die Andern nicht. Aber der Uebergang von einer Alltagsnatur zu einer begabten ist immer ein Uebergang, und so muß er bei dem Schreiber in das Auge fallen.

»Der herrliche Duft!« sagte er; »wie erinnert er mich an die Veilchen bei der Tante! Ja, das war, als ich ein kleiner Knabe war! Daran habe ich seit langer Zeit nicht gedacht; das gute, alte Mädchen, sie wohnte dort herum hinter der Börse. Immer hatte sie einen Zweig oder ein Paar grüne Schößlinge im Wasser, der Winter mochte so streng sein wie er wollte. Die Veilchen dufteten, während ich die erwärmten Kupferdreier gegen die gefrorene Fensterscheibe legte und Gucklöcher machte. Das war ein hübscher Anblick. Draußen lagen die Schiffe eingefroren, von der ganzen Mannschaft verlassen, eine schreiende Krähe bildete die ganze Besatzung; wenn die Frühlingslüfte wehten, dann wurde es lebendig, unter Gesang und Hurrahruf sägte man das Eis entzwei, die Schiffe wurden getheert und getakelt, dann fuhren sie nach fremden Ländern. Ich bin hier geblieben und muß immer bleiben, immer auf der Polizei sitzen und die Andern Pässe zu den Reisen nach dem Anstände nehmen sehen, das ist mein Loos! Ach ja!« seufzte er tief, dann hielt er plötzlich an. »Wie ist mir denn! So habe ich früher nie gedacht und gefühlt, das muß die Frühjahrsluft sein, das ist ebenso ängstlich wie angenehm!« Er griff in die Tasche nach seinen Papieren. »Diese geben mir etwas Anderes zu denken!« sagte er, und ließ die Augen über das erste Blatt hingleiten. »Frau Sigbrith, Trauerspiel in fünf Aufzügen«, las er, »was ist das, und das ist ja meine eigene Hand? Habe ich dieses Stück geschrieben? ›Der Scherz auf dem Walle, oder der Bußtag, Lustspiel‹ – Aber wo habe ich das bekommen? Man muß mir das in die Tasche gesteckt haben; hier ist ein Brief!« Der war von dem Unternehmer einer Volksbühne, die Stücke waren verworfen und der Brief war durchaus nicht höflich abgefaßt. »Hm! hm!« sagte der Schreiber, und setzte sich auf eine Bank nieder; seine Gedanken schweiften in die Ferne; sein Herz war weich; unwillkürlich ergriff er eine der nächsten Blumen. Es war eine gewöhnliche kleine Gänseblume; was uns die Naturforscher erst durch manche Vorlesungen sagen, verkündete sie in einer Minute; sie erzählte von ihrer Geburt, von der Kraft des Sonnenlichts, welches die feinen Blätter ausspannte und sie zum Duften zwang; da gedachte er der Kämpfe des Lebens, die gleichfalls Gefühle in unserer Brust erwecken. Luft und Licht sind die Liebhaber der Blume, aber das Licht ist der begünstigte, nach dem Licht wendete sie sich, verschwand dieses, so rollte sie ihre Blätter zusammen, und schlief in der Umarmung der Luft ein. »Das Licht ist es, was mich schmückt!« sagte die Blume. »Aber die Luft läßt Dich athmen!« flüsterte die Dichterstimme.

Dicht dabei stand ein Knabe und schlug mit seinem Stocke in einen morastigen Graben; die Wassertropfen spritzten zwischen die grünen Zweige hinauf und der Schreiber gedachte der Millionen Thierchen, die in dem Tropfen in die Höhe geschleudert wurden, was nach ihrer Grüße für sie dasselbe war, was es für uns sein würde, bis hoch über die Wolkenregion emporgewirbel! zu werden. Indem der Schreiber daran dachte und an die ganze Veränderung, die mit ihm vorgegangen war, lächelte er: »Ich schlafe und träume! Merkwürdig ist es gleichwohl, wie man natürlich träumen und doch wissen kann, daß es nur ein Traum ist. Möchte ich mich doch morgen seiner entsinnen können, wenn ich erwache; nun scheine ich ganz ungewöhnlich aufgelegt zu sein! Ich habe eine klare Anschauung von Allem, fühle mich so aufgeweckt, aber ich bin sicher, daß wenn ich morgen etwas davon behalten habe, so ist es dummes Zeug, das ist mir schon früher begegnet! Es geht mit allem Klugen und Prächtigen, welches man im Traum sagt und hört, wie mit dem Gelde der Unterirdischen; indem man es erhält, ist es reich und herrlich, aber bei Tage besehen, sind es nur Steine und vertrocknete Blätter. Ach«, seufzte er ganz wehmüthig und betrachtete die singenden Vögel, die fröhlich von Zweig zu Zweig sprangen, »die haben es weit besser als ich! Fliegen, das ist eine herrliche Kunst, glücklich der, welcher damit geboren! Ja, könnte ich mich in Etwas verwandeln, dann möchte ich eine kleine Lerche sein!«

In demselben Augenblick flogen Rockschöße und Aermel in Flügel zusammen, die Kleider wurden zu Federn und die Galoschen zu Klauen; er bemerkte es ganz wohl und lachte innerlich. »So, nun kann ich doch sehen, daß ich träume; aber so närrisch habe ich es früher nicht gethan!« Und er flog in die grünen Zweige hinauf und sang, aber es war kein Schwung im Gesange,

denn die Dichternatur war fort. Die Galoschen konnten, wie ein Jeder, der etwas gründlich thut, nur Eine Sache auf Einmal besorgen, er wollte Dichter sein, das wurde er, nun wollte er ein kleiner Vogel sein, und indem er dieses wurde, hörte die vorige Eigenthümlichleit auf.

»Das ist allerliebst!« sagte er. »Bei Tage sitze ich in der Polizei unter den Abhandlungen, Nachts kann ich träumen, als Lerche im Friedrichsburger Garten fliegen. Es könnte wahrlich ein ganzes Volksstück davon geschrieben werden!«

Nun flog er in das Gras nieder, drehte den Kopf nach allen Seiten herum und schlug mit dem Schnabel auf die geschmeidigen Grashalme, die im Verhältniß zu seiner gegenwärtigen Größe ihm so lang wie die Palmenzweige Nordafrika's erschienen.

Es war nur einen Augenblick so, dann wurde es kohlschwarze Nacht um ihn; ein, wie es ihm erschien, ungeheurer Gegenstand wurde über ihn hingeworfen, es war eine große Mütze, welche ein Knabe über den Vogel warf. Eine Hand kam herein und ergriff den Schreiber um Rücken und Flügel, so daß er pfiff; im ersten Schreck rief er laut: »Du unverschämter Junge! Ich bin Beamter der Polizei!« Aber das klang dem Knaben wie ein pipipip! Er schlug den Vogel auf den Schnabel und wanderte davon.

Unterwegs begegnete er zwei Schulknaben; sie kauften den Vogel für zwei Groschen, und so kam der Schreiber nach Kopenhagen zu einer Familie in der Oststraße.

»Es ist gut, daß ich träume«, sagte der Schreiber, »sonst würde ich wahrlich böse. Zuerst war ich Dichter, nun bin ich eine Lerche; ja, das war sicher die Dichternatur, die mich in das kleine Thier verwandelte! Es ist doch eine jämmerliche Geschichte, besonders wenn man einigen Knaben in die Hände fällt. Ich möchte wohl wissen, wie das abläuft!«

Die Knaben brachten ihn in ein sehr schönes Zimmer; eine dicke, lächelnde Dame empfing sie, aber sie war durchaus nicht darüber erfreut, daß der gemeine Feldvogel, wie sie die Lerche nannte, mit hereinkam; doch für heute wollte sie es sich gefallen lassen, und sie mußten ihn in den leeren Käfig setzen, der am Fenster stand. »Das wird vielleicht dem Papchen Freude machen!« fügte sie hinzu und lachte einen großen Papagei an, der sich vornehm in seinem Ring in dem prächtigen Messingkäfig schaukelte. »Es ist Papchens Geburtstag!« sagte sie, »deßhalb will der kleine Feldvogel Glück wünschen!«

Papchen erwiderte nicht ein einziges Wort, sondern schaukelte vornehm hin und her, dagegen fing ein hübscher Kanarienvogel, der im letzten Sommer von seinem warmen, duftenden Vaterlande hierher gebracht war, laut zu singen an.

»Schreihals!« sagte die Dame und warf ein weißes Taschentuch über den Käfig.

»Pipip!« seufzte er, »das ist ein erschreckliches Schneewetter!« und mit diesem Seufzer schwieg er.

Der Schreiber, oder, wie die Dame sagte, der Feldvogel, kam in einen kleinen Käfig, dicht neben den Kanarienvogel, nicht weit vom Papagai. Den einzigen Satz, welchen Papchen plaudern konnte, und der oft recht belustigend klang, war der: »Nein, laßt uns nun Menschen sein!« Alles Uebrige, was er schrie, war ebenso unverständlich, wie das Zwitschern des Kanarienvogels, nur nicht für den Schreiber, der nun selbst ein Vogel war, er verstand die Kameraden sehr gut.

»Ich flog unter der grünen Palme und dem blühenden Mandelbaume!« sang der Kanarienvogel. »Ich flog mit meinen Brüdern und Schwestern über die prächtigen Blumen und über den spiegelklaren See hin, wo die Pflanzen sich auf dem Boden wiegten. Ich erblickte auch viel schöne Papagaien, welche die lustigsten Geschichten erzählten.«

»Das waren wilde Vögel«, erwiderte der Papagai, »die besaßen keine Bildung. Nein, laßt uns nun Menschen sein! – Weßhalb lachst Du nicht? Wenn die Dame und alle Fremde darüber lachen können, so kannst Du es auch. Es ist ein großer Fehler, das Ergötzliche nicht heiter zu finden. Nein, laßt uns nun Menschen sein!«

»O, entsinnst Du Dich der hübschen Mädchen, die unter dem ausgespannten Zelte bei den blühenden Bäumen tanzten? Entsinnst Du Dich der süßen Früchte und des kühlenden Saftes in den wild wachsenden Kräutern?«

»O ja«, sagte der Papagai, »aber hier habe ich es weit besser; ich habe gutes Essen und eine gute Behandlung; ich weiß, ich bin ein guter Kopf, und mehr verlange ich nicht. Laßt uns nun Menschen sein! Du bist eine Dichterseele, wie sie es nennen, ich habe gründliche Kenntnisse und Witz, Du hast viele Gaben, aber keine Besonnenheit, steigst in diesen hohen Naturtönen hinauf, und deßhalb wirst Du zugedeckt. Das bietet man mir nicht, nein, denn ich habe ihnen mehr gekostet! Ich mache Eindruck mit meinem Schnabel und kann mit ›Witz‹ schlagen. Nein, laßt uns nun Menschen sein!«

»O, mein warmes, blühendes Vaterland!« sang der Kanarienvogel. »Ich will Deine dunkelgrünen Bäume und Deine stillen Meerbusen besingen, wo die Zweige die klare Wasserfläche küssen, singen von dem Jubel aller meiner schimmernden Brüder und Schwestern, wo der Wüste Pflanzenquellen Cactus. wachsen!«

»Laß doch nur die traurigen Töne!« sagte der Papagai. »Sage Etwas, worüber man lachen kann! Gelächter ist das Zeichen des höchsten geistigen Standpunktes. Sieh, ob ein Hund oder

Pferd lachen kann; nein, weinen können sie, aber lachen, das ist allein dem Menschen gegeben. Ho, ho, ho!« lachte das Papchen, und fügte seinen Witz: »Laßt uns nun Menschen sein!« hinzu.

»Du kleiner, grauer Vogel«, sagte der Kanarienvogel, »Du bist auch Gefangener geworden, es ist sicher kalt in Deinen Wäldern, aber da ist doch Freiheit, fliege hinaus! Man hat vergessen Deinen Käfig zn schließen; das oberste Fenster steht offen. Fliege, fliege!«

Unwillkürlich gehorchte der Schreiber und flog aus dem Käfig; in demselben Augenblicke knarrte die halbgeöffnete Thür zum nächsten Zimmer, und geschmeidig mit grünen funkelnden Augen, schlich sich die Hauskatze herein und machte Jagd auf ihn. Der Kanarienvogel flatterte im Käfig, der Papagai schlug mit den Flügeln und rief: »Laßt uns nun Menschen sein!« Der Schreiber fühlte den tödlichsten Schreck und flog durch das Fenster, über die Häuser und Straße davon, zuletzt mußte er etwas ausruhen. Das gegenüberliegende Haus hatte etwas Heimisches, ein Fenster stand offen, er flog hinein, es war sein eigenes Zimmer; er setzte sich auf den Tisch.

»Laßt uns nun Menschen sein!« sprach er unwillkürlich dem Papagai nach, und im selben Augenblick war er der Schreiber, aber er saß auf dem Tische.

»Gott bewahre mich!« sagte er, »wie bin ich hier herauf gekommen und eingeschlafen? Das war ein unruhiger Traum, den ich hatte. Dummes Zeug war doch die ganze Geschichte.«

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