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Ausgewählte Fabeln

Gotthold Ephraim Lessing: Ausgewählte Fabeln - Kapitel 38
Quellenangabe
titleAusgewählte Fabeln
authorGotthold Ephraim Lessing
typefable
modified20170915
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Jupiter und das Schaf

Ein Schafweibchen lebte in einer spärlich bewachsenen Gebirgsgegend. Es mußte viel von anderen Tieren erleiden und war ständig auf der Flucht vor Feinden. Ein Adler kreiste oft über diesem Gebiet, und das Schafweibchen war gezwungen, immer wieder ihr kleines Schäfchen zu verstecken. Auch mußte es achtgeben, daß der Wolf es nicht entdeckte, denn dieser strolchte auf dem dichtbebuschten Nachbarhügel herum. Außerdem war es wirklich ein Wunder, daß der Bär aus der waldigen Schlucht unter ihm es und sein Kind mit seinen riesigen Pranken noch nicht erwischt hatte.

An einem Sonntag beschloß das Schaf, zum Himmelsgott zu wandern und ihn um Hilfe zu bitten. Demütig trat es vor Jupiter und schilderte ihm sein Leid. »Ich sehe wohl, mein frommes Geschöpf, daß ich dich allzu schutzlos geschaffen habe«, sprach der Gott freundlich, »darum will ich dir auch helfen. Aber du mußt selber wählen, was für eine Waffe ich dir zu deiner Verteidigung geben soll. Willst du vielleicht, daß ich dein Gebiß mit scharfen Fang- und Reißzähnen ausrüste und deine Füße mit spitzen Krallen bewaffne?«

Das Schaf schauderte. »O nein, gütiger Vater, ich möchte mit den wilden, mörderischen Raubtieren nichts gemein haben.«

»Soll ich deinen Mund mit Giftwerkzeugen wappnen?« Das Schaf wich bei dieser Vorstellung einen Schritt zurück. »Bitte nicht, gnädiger Herrscher, die Giftnattern werden ja überall so sehr gehaßt.«

»Nun, was willst du dann haben?« fragte Jupiter geduldig. »Ich könnte Hörner auf deine Stirn pflanzen, würde dir das gefallen?«

»Auch das bitte nicht«, wehrte das Schaf schüchtern ab, »mit meinem Gehörn könnte ich so streitsüchtig oder gewalttätig werden wie ein Bock.«

»Mein liebes Schaf«, belehrte Jupiter sein sanftmütiges Geschöpf, »wenn du willst, daß andere dir keinen Schaden zufügen, so mußt du gezwungenerweise selber schaden können.«

»Muß ich das?« seufzte das Schaf und wurde nachdenklich. Nach einer Weile sagte es: »Gütiger Vater, laß mich doch lieber so sein, wie ich bin. Ich fürchte, daß ich die Waffen nicht nur zur Verteidigung gebrauchen würde, sondern daß mit der Kraft und den Waffen zugleich auch die Lust zum Angriff erwacht.«

Jupiter warf einen liebevollen Blick auf das Schaf, und es trabte in das Gebirge zurück. Von dieser Stunde an klagte das Schaf nie mehr über sein Schicksal.

 


 

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