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Ausflug an den Niederrhein und nach Belgien im Jahr 1828

Johanna Schopenhauer: Ausflug an den Niederrhein und nach Belgien im Jahr 1828 - Kapitel 4
Quellenangabe
typereport
booktitleAusflug an den Niederrhein und nach Belgien im Jahr 1828
authorJohanna Schopenhauer
firstpub1831
year1987
publisherReimar Hobbing Verlag
addressEssen
isbn3-920460-32-4
titleAusflug an den Niederrhein und nach Belgien im Jahr 1828
created20050310
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Das Dampfschiff

Die Luft mit ihren Stürmen ungerechnet, mit Wasser und Feuer zugleich es aufnehmen? mit den beiden in ihrer Zerstörungskraft furchtbarsten Elementen? Nimmermehr! Das wäre ein Wagstück ohne Noth, während die schönste Chaussee in Deutschland auf die sicherste und angenehmste Art mich zum Ziel meiner Reise bringen kann. So sprach ich oft, und die mehresten meiner Freunde, die, wie ich eben auch, noch kein Dampfschiff gesehen, stimmten mit mir ein.

Sind doch alle Augenblicke die Zeitungen mit Nachrichten von Unglücksfällen angefüllt, die bei der Dampfschifffahrt sich zugetragen. Ja, wäre es noch die alte ehrliche Wasserdiligence von Mainz, die freilich ein wenig langsam geht; aber sie ist jetzt aus der Mode gekommen, von der Neuheit verdrängt, wie vieles an und für sich gute Alte. Sie setzt zwar ihren gewohnten Lauf noch immer rüstig genug fort, doch die Gesellschaft, die man auf ihr antrifft, ist jetzt anderer Art, als wol früher; auch soll sie, wenigstens im Aeußern, etwas gebrechlich geworden sein.

So sprach ich vor dem Antritt meiner Reise und nahm mir fest vor, bei dem Entschluß, mich nicht frevelhaft der neuen gefährlichen Erfindung anzuvertrauen, zu beharren und zu Lande nach Godesberg zu gehen. In Frankfurt kam es aber Niemand in den Sinn, daß man anders als mit dem Dampfschiff den Rhein hinunterreisen wollen könne, und es fehlte nicht viel, so hätten meine dortigen Freunde über meine von der Zerstörungskraft der beiden mächtigsten Elemente hergenommenen Gründe gegen diese Art zu reisen geradezu gelacht. Auslachen ist eine der kräftigsten Waffen gegen Vorurtheil, und Beispiel übt über Jung und Alt eine unwiderstehliche Gewalt. Täglich sah ich Freunde und Bekannte, die mehreremale blos zum Vergnügen das große Wagniß mit dem Dampfschiffe zu gehen ganz ungefährdet überstanden hatten; kommen so Viele glücklich davon, dachte ich endlich, nun so werde ich allein doch nicht bestimmt sein, mit der Geschichte meines traurigen Unterganges einen Zeitungsartikel füllen helfen zu müssen.

Das kleine frankfurter Dampfschiff, welches nach Mainz führt, war eben einer nothwendigen Reparatur wegen nicht im Gange, doch habe ich späterhin die Fahrt mit demselben versucht. Ich fand es höchst zierlich und bequem, zu einer Lustfahrt trefflich geeignet; aber schneller als zu Wagen gelangt man mit demselben nicht nach Mainz, und fällt dann sogleich beim Aussteigen, gewöhnlich in der Abenddämmerung, der Mauth in die unbarmherzigen Hände, muß halb im Dunkeln, unter freiem Himmel, von der Straßenjugend und andern zudringlichen Zuschauern auf das unverschämteste umdrängt, Koffer und Kisten öffnen lassen und läuft Gefahr, mit sinkender Nacht die halbe Stadt durchwandern zu müssen, ehe man in einem der vom Strom nicht zu weit entfernten Gasthöfe ein erträgliches Unterkommen findet, denn diese sind gewöhnlich alle von den das Dampfschiff erwartenden Reisenden überfüllt. Ich legte diesesmal den wirklich sehr angenehmen Weg von Frankfurt nach Mainz mit einem Miethwagen in kaum vier Stunden zurück. Der unbeschreiblich prächtige Anblick des Zusammenflusses der beiden mächtigen Ströme und der in der Abendsonne wunderbar leuchtenden Thürme von Mainz entzückte mich von Neuem, so oft ich ihn auch schon genossen. Die lustige Ceremonie am Mauthhause, der man nun einmal nicht entgehen kann, läßt sich im Wagen weit bequemer und ruhiger abmachen; man ist dabei wenigstens des unangenehmen Gefühls überhoben, dem neugierigen Pöbel ein Schauspiel geben zu müssen, und braucht nicht auf dem schlechten Steinpflaster von Mainz sich müde zu laufen, wenn man nicht sogleich in einem guten Gasthofe Platz finden sollte. Für mich hatten indessen meine Freunde in Mainz gesorgt, sie hatten in einem neuen großen, seit wenigen Tagen erst eröffneten Gasthofe mir Zimmer bestellt; ich habe auf der Rückreise ihn wieder besucht und kann mit gutem Gewissen allen meinen Nachfolgern auf dieser Reise den englischen Hof in jeder Hinsicht empfehlen.

Ich hätte nicht nöthig gehabt, so dringend zu bitten, daß man mich am folgenden Morgen die auf sechs Uhr pünktlich festgesetzte Abfahrt des Dampfschiffes doch ja nicht verschlafen lassen solle. In Mainz wie in Köln, und bei der Rückfahrt auch in Koblenz, ist es in den Gasthöfen den Hausknechten als strengste Pflicht auferlegt, früh Morgens an alle Thüren so lange zu pochen, bis die Schläfer erwachen. Das ganze Haus geräth schon um halb fünf Uhr in Allarm, es entsteht ein Thürenwerfen, ein Treppenlaufen, ein Rufen, ein Poltern; Reisende, denen das Dampfschiff nichts angeht, verwünschen es vergebens und legen sich in ihren Betten auf die andere Seite, an Wiedereinschlafen ist nicht zu denken.

Der Gedanke, mit seinen Plänen von der Minute abzuhängen, gibt der Stunde vor der Abfahrt etwas Beängstigendes, Unangenehmes; Alles, was man vornimmt, geschieht mit einer gewissen ängstlichen Eile, und eine Art quälender innerer Ungeduld steigert sich bis beinahe zum Unerträglichen. Weder das Frühstück noch die Wirthsrechnung erscheinen so pünktlich als man es verlangt, denn das Haus wimmelt von Fremden, die alle zu gleicher Zeit bedient sein wollen. Auch die Träger zum Transport der Koffer lassen sich nicht erblicken; rastlos wandert man im Zimmer auf und ab, mismuthiger als die Veranlassung dazu es verdient, bis endlich Alles von selbst sich ordnet. Die Rechnung kommt, die Träger auch, und seinen Kaffee kann man allenfalls auf dem Schiffe eben so vortrefflich trinken als irgendwo auf dem festen Lande.

Endlich sind wir auf der Straße, und der mit unsern Koffern beladene Schiebkarren rollt lustig vor uns her. Weder nach der Zahl noch nach dem Gewichte derselben wird beim Einschiffen gefragt, und das ist keine kleine Annehmlichkeit bei dieser Art zu reisen, weil dadurch viele Weitläufigkeiten erspart werden. Nur ist es rathsam, jedes einzelne Stück des Gepäcks mit einer Nummer und dem deutlich ausgeschriebenen Namen des Eigenthümers zu bezeichnen, um beim Ausschiffen Alles um so leichter zusammenzufinden. Sollte man indessen das Unglück haben, irgend ein Stück auf dem Dampfschiffe zu vergessen, so ist die auf demselben eingeführte Ordnung so lobenswerth, daß man sicher sein kann, es ohne große Weitläuftigkeiten wiederzuerhalten, wie ich aus Erfahrung weiß.


Dampfschiff »Friedrich Wilhelm«

Da lag es nun vor uns, im hellsten Sonnenschein, auf dem prächtig wogenden Strome, das zierlich schlanke Ungeheuer, das ohne Mast und Segel, wie von Zauberkraft getrieben, mit Vogelschnelle, tosend und dampfend über die Fluten hinläuft, die, in ihren tiefsten Tiefen aufgeregt, schäumend und brausend es noch lange scheltend verfolgen. Wohl ist es ein Schiff, aber nicht allein durch den dampfenden hohen Schornstein, sondern auch in der ganzen Bauart und allen seinen Verhältnissen von allen andern Schiffen sehr verschieden. Regungslos lag er da, der Friedrich Wilhelm, so heißt das Schiff, während drei bis vier Reisewagen hinaufgeschoben wurden, die man auf dem Verdeck kaum bemerkt, denn es ist weit größer, als es vom Lande aus gesehen erscheint; ein Gang von einem Ende desselben bis zum andern ist wirklich eine kleine Promenade, auf welcher es an unterhaltender Abwechslung nicht leicht fehlt. Ein Paar unglückliche Pferde standen schon neben den Wagen, in einem für sie eingerichteten Käfig eingesperrt, denen man es deutlich ansehen konnte, daß sie den Weg weit lieber zu Fuße zurückgelegt hätten. Das heulende Gerassel, mit welchem der Dampf aufsteigt, so lange das Schiff stille liegt, schien die armen Thiere zu beängstigen; auch hat dieser unangenehme Lärm etwas Betäubendes, der sich allemal wiederholt, so oft das Schiff anlegt; wenn es im Gange ist, merkt man weit weniger davon.

Wer nicht sehr krank, oder sehr vornehm, oder ein leutescheuer Engländer ist, lasse doch ja nicht durch das Wort »erster Platz« sich verleiten, Billets für den Pavillon zu nehmen. Mit dem theuerern Preise erkauft er nur das Vorrecht, sich einsam in einem etwas eleganteren Zimmer im Vordertheile des Schiffes zu langweilen, während die übrige Gesellschaft sich in der sogenannten zweiten Kajüte versammelt. Für anspruchslosere Reisende gibt es eine dritte Kajüte, in welcher ebenfalls recht anständig für sie gesorgt ist. Auch gibt es noch einen vierten, sehr wohlfeilen Platz, vermuthlich ganz unten im Schiffsraum, wo die Waarenballen liegen, deren Transport, wie man mir sagte, dem Unternehmer den größten Vortheil bringt.

Auf ganz ebenem Wege, als ginge es aus einem Zimmer in das andere, kamen wir an Bord, fast ohne gewahr zu werden, daß wir das feste Land verließen. Vorbei an dem tosenden Räderwerk, an dem glühenden Feuerofen unten in der Tiefe, von der man gern den Blick abwendet, vorbei an dem noch immer heulenden Schornstein, der gewaltige Dampfwolken ausstieß, gelangten wir endlich unter das weitausgebreitete Zelt, das den vordern Theil des Verdecks vor den Sonnenstrahlen schützt, wo Tische, Gartenbänke, zierliche kleine Feldstühle jede Bequemlichkeit bieten, die man auf einer Wasserreise von zwölf Stunden vernünftigerweise verlangen kann. Die Thürme von Mainz verkündeten jetzt die sechste Morgenstunde, das Gebrüll des dampfenden Schornsteins ging plötzlich in eine Art von Gesause über, an das man bald sich gewöhnt und das unter dem Zelte nicht störend auffällt. Der Bann war gelöst, der uns bis dahin im Hafen festgehalten, und mit überraschender Majestät die widerstrebenden Fluten in einem weiten Bogen durchschneidend, begann das Schiff seinen raschen Lauf. Kein Matrosenruf, kein Commandowort, kein Ruderschlag war zu hören; unmerklich, fast geisterartig glitten wir über die weite Wasserfläche hin, und nichts, auch nicht das leiseste Schwanken, erinnerte uns daran, daß wir auf dem trügerischsten und wandelbarsten aller Elemente schwebten. Das leise Dröhnen des Fußbodens fühlt man schon nach der ersten halben Stunde nicht mehr.

Ein einziger Mann, dem die Leitung des Schiffes anvertraut ist, steht hoch am Steuer und dreht mit fester, sicherer Hand, bald kaum bemerkbar, bald sehr schnell, mit sichtbarer Anstrengung das Rad, welches auf der rechten Bahn es erhält. Der schweigende Ernst, mit dem er sein wichtiges Geschäft betreibt, hat etwas wundersam Feierliches, er wendet nie den Blick, er beantwortet keine an ihn gerichtete Frage, und ein neben ihm angebrachter Anschlagezettel bittet die Reisenden, auf keine Weise, durch Sprechen mit ihm, in der Ausführung seines Amtes ihn zu stören. Unten im Raum wird mit gleicher Aufmerksamkeit über die Verwaltung des Feuers und des Dampfkessels gewacht, und der Anblick der großen Ordnung, die überall vorherrschend sich zeigt, muß auch den Furchtsamsten ermuthigen und jeden Gedanken an mögliche Gefahr verbannen.

So glitten wir denn an dem unsäglich lieblichen Rheingau vorüber; die Thürme von Mainz verschwanden hinter uns; durch das frische Grün seiner Linden leuchtete im Morgenstrahl das schöne Schloß von Biebrich über den hier sehr breiten Rhein uns aus der Ferne entgegen. Dann kommen Walluf, Eltville mit seinem ehrwürdigen alten Thurme, die blühende Petersaue, alle die schönen merkwürdigen Punkte, die Jeder, auch der sie nicht gesehen, aus zahllosen Abbildungen und Beschreibungen zu kennen glaubt, und von denen doch weder Pinsel noch Feder ein ganz getreues, genügendes Bild zu geben vermögen. Im bezauberndsten Wechsel drängten sie sich uns entgegen, kaum sahen wir sie aus der Ferne auftauchen, so befanden wir uns auch schon ihnen gegenüber, und dennoch geht die Fahrt nicht so schnell, daß man nicht Zeit behielte, die Rheinufer in aller ihrer malerischen Schönheit aufzufassen. Das große Bilderbuch der Natur liegt gleichsam aufgeschlagen vor uns da, und langsam schonend wendet eine unsichtbare Hand ein Blatt desselben nach dem andern vor unsern Augen um, bis diese, geblendet von all' der Herrlichkeit, sich ermüdet auf einige Zeit abwenden müssen.

Das indessen recht lebendig sich gestaltende Treiben auf dem Verdecke bot zur Erholung ein recht angenehmes Zwischenspiel; kleine gesellige Gruppen hatten überall sich zusammengefunden, denn nirgends knüpft eine augenblickliche Bekanntschaft sich leichter an als hier, wo man sicher sein kann, sie im schlimmsten Fall in wenigen Stunden wieder aufgelöst zu sehen. Um einem der Tische hatte eine Gesellschaft stickender und strickender Damen sich niedergelassen, die, ohne sich um das Bilderbuch der Natur viel zu bekümmern, so unbefangen ihr häusliches Wesen trieben, als wären sie zu Hause. Einige Engländerinnen hatten auf dem Dache der zur Kajüte hinabführenden Treppe sich etablirt, wurden aber, ihrer aufgespannten Parasols und ihrer großen Hüte wegen, sehr bald gebeten, sich wieder hinunterzubegeben, indem sie dem Steuermann die Aussicht benahmen. Nahe dabei lag ein wenige Wochen altes Kind, auf einem Koffer weich gebettet, und neben demselben saßen die Aeltern Hand in Hand, den kleinen Schläfer zu bewachen. Wer dieser Gruppe sich nahte, trat leiser auf und konnte nicht unterlassen, sie theilnehmend zu betrachten. Der Vater, ein junger, rüstiger Mann, war ein Kaufmann aus dem nördlichen Deutschland und jetzt mit seiner Frau und ihrem Erstgeborenen auf dem Wege nach London begriffen, von wo er nach Amerika überschiffen wollte, um in jenem fernen Welttheil sich niederzulassen. Freilich ist dieser uns wenigstens um die Hälfte näher gerückt als er unsern Vätern es war, denn die Welt wird in unserer erfindungsreichen Zeit immer enger. Die junge, sehr zarte Frau schien zum ersten Mal den stillen lieben Herd verlassen zu haben, an welchem sie aufgewachsen war. Ihre heißen Abschiedsthränen waren noch lange nicht alle verweint, sie drängten aus dem vollen beklommenen Herzen sich noch oft in die frommen, sanften Augen hinauf, und aus ihrem ganzen Wesen sprach das drückende Gefühl, unter Fremden in der Fremde zu sein.

O wie lieblich der Sonnenschein dort durch die vielgrünen Aeste der großen Nußbäume spielt! Und sieh' doch die herrlichen Reflexe, die wundervolle Beleuchtung, und hier die einsame kleine Kapelle, und dort die rebenumwachsenen Hütten! und nun der hehre Johannisberg! rief eine lange hagere Dame ihrer demüthigen Gesellschafterin mit großem Pathos zu, und suchte dieser und allen Umstehenden durch wortreiche Beschreibungen die Schönheit jedes einzelnen Gegenstandes, an dem wir vorüberfuhren, recht begreiflich zu machen. Wir aber machten uns eilends davon.

»Komm hinunter zum Frühstück, die Scenerei vom Bingerloch bis Koblenz muß man sehen, das Andere ist alles der Mühe nicht werth,« ließ ein junger Engländer in seiner Landessprache sich vernehmen, und zog seinen Reisegefährten mit sich hinab in die Kajüte.

Der Johannisberg, an welchem wir in dem Augenblick vorübereilten, so prächtig er in der Ferne sich ausnimmt, so entzückend es ist, an einem schönen Sommerabende von seiner Höhe die ihn umgebende unendlich reiche Gegend zu überschauen, zeigt sich in der Nähe, vom Dampfschiffe aus gesehen, im ungünstigsten Lichte, besonders wenn er, wie eben damals, im vollen Sonnenschein daliegt, mit den beiden palastartigen Wohngebäuden seiner reichen Besitzer, denen er flüssiges Gold bringt. Wir hätten ihn kaum wiedererkannt, so niedrig, fast platt und kahl zeigte er sich von diesem Standpunkte aus, ungeachtet seiner beträchtlichen Höhe, und schien das Epithet: »hehr,« das jene poetische Dame ihm beilegte, nicht zu verdienen.

Gegen die Mitte des Verdecks unter dem Zelte sah es wie in dem Lesezimmer einer Erholung oder Harmonie aus, Mappen, Bücher, Landkarten lagen hochaufgethürmt auf den mit eifrig Lesenden, meistens Engländern, umgebenen Tischen. Hier saß Einer mit dem Rücken gegen die Aussicht gewendet und schrieb, vermuthlich an seinem Reisetagebuch, dort ein Anderer in Schreiber's »Handbuch für Reisende am Rhein« vertieft, von welchem, in mehrere Hände vertheilt, wenigstens ein Dutzend Exemplare vorhanden waren. Von dem eben so zweckmäßig erdachten als ausgeführten Panorama der Rheingegenden, welches bei Herrn Friedrich Wilmans in Frankfurt herausgekommen ist, haben wir siebenzehn Exemplare gezählt, auf welchen ihre größtentheils britischen Besitzer die Namen der Orte, an welchen das Schiff eben vorüberfuhr, emsig suchten, ohne sich Zeit zu lassen, sich eher nach dem Gegenstande, der ihre Aufmerksamkeit erregte, umzusehen, als bis er schon in weiter Ferne hinter ihnen lag. Durch alle diese studirenden Gruppen drängte ein junger Mann, eine große Mappe unter dem Arm, sich durch, um, wo er Gelegenheit dazu fand, seine in Aquarell gemalten Ansichten der Rheingegenden vorzuzeigen; ein großes Wagestück an diesem Orte! Sie mochten übrigens ganz leidlich sein, doch nahmen sie sich, der Natur gegenüber, ziemlich armselig aus. Indessen, sie fanden Bewunderer, mitunter auch wol Käufer, und somit hatte ihr Verfertiger alle Ursache zufrieden zu sein.

Auch an kleinen heitern Gesellschaften fehlte es nicht, die, um ein substanzielles Frühstück versammelt, es sich sehr wohl sein zu lassen schienen, geschäftige Kellner liefen umher, um mit Bouillon, Beefsteak oder wonach sein Herz sonst noch verlangen mochte, Jeden zu bedienen. Es war eilf Uhr, vom Anblick der schönen Natur lebt man nicht allein, und die Einrichtung auf dem Dampfschiffe ist auch in Hinsicht auf diese Art von materielleren Genüssen so wohl organisirt, als sie nur in irgend einem Hotel des festen Landes es ein kann.

Die möglichst zweckmäßige Benutzung des Raumes verdient wirklich auf dem Dampfschiffe bewundert zu werden, auch nicht ein Zollbreit geht davon verloren. Was trifft man nicht Alles auf dem Verdecke an, Tische, Stühle und Bänke ungerechnet! Erstlich die Küche, dann noch eine zweite Küche, um warme Getränke zu bereiten, in welcher zugleich der ganze dazu nöthige Apparat an Tassen und dergleichen in zierlicher Ordnung aufgestellt ist. Ein mit Repositorien und einem Schreibepult versehenes Cabinet für den Capitain, ein ähnliches für den Restaurateur, in welchem Beide sehr ordentlich Buch und Rechnung führen, sogar eine an der Kajütentreppe angebrachte kleine Büchersammlung in einem Glasschranke, die freilich für den Augenblick nur aus dem leipziger Conversations-Lexikon zu bestehen scheint, als Quintessenz größerer Bibliotheken, in der Jeder gewiß etwas findet, das seinem Geschmacke zusagend über eine langweilige Stunde ihm hinaushelfen kann. Das sehr volumineuse Gepäck der Passagiere steht in bester Ordnung über einander aufgeschichtet, sodaß es den von einem Ende des Schiffes zum andern Aufundabspazierenden nirgend den Weg beengt, und wird bei drohendem Regen sogleich sorgfältig bedeckt. Unten in den Kajüten ist mit eben so klugem Sinn für die Bequemlichkeit der Passagiere gesorgt, die Fenster sind mit Gardinen, die Räume zwischen denselben mit Spiegeln versehen, Thüren und Tische von Mahagoniholz mit Bronze verziert, und Alles wird so sauber gehalten als möglich.

Nur wenn das Schiff noch ein Paar Stunden nach Sonnenuntergang seinen Lauf fortsetzen muß, was im Spätherbste, besonders wenn es stromaufwärts geht, immer der Fall ist, könnte für die Beleuchtung der Kajüten besser gesorgt werden, und einige geschickt angebrachte Lampen würden der Vollkommenheit der ganzen Einrichtung die Krone aufsetzen.

Um sich aber recht anschaulich zu überzeugen, was Ordnung und Industrie auch im kleinsten Raum für Wunder wirken können, muß man die Küche besuchen, in welcher in den ersten Vormittagsstunden das Frühstück für so Viele bereitet wird, ohne dem Mittagsmahl, oft für mehr als hundert Gäste, Abbruch zu thun, die alle pünktlich gegen halb zwei Uhr, nicht nur reichlich, sondern auch mit einiger Eleganz bedient werden wollen. So gern man, selbst in den berühmtesten Gasthöfen, dem Anblick dieser unentbehrlichen Anstalt aus dem Wege geht, so muß ich doch, wenigstens meine Leserinnen, einladen, bei vorkommender Gelegenheit, nur einen Blick in diese Küche zu werfen, die wenig größer, als eine etwas geräumige Familienküche ist, um sich mit mir über die Möglichkeit zu verwundern, in einem so kleinen Raum so vielerlei Gerichte gut und sogar vortrefflich zu bereiten. Ein schneeweiß gekleideter französischer Koch treibt ganz allein flink und wohlgemuth sein Wesen darin, überall herrscht die größte Sauberkeit und Ordnung, die, wie jede gute Hausfrau weiß, Alles erleichtern. Vor Allem aber kommt die Küchenbatterie dem Koch zur Hülfe, die in England mit englischem Fleiß und englischer Genauigkeit für diesen Heerd verfertigt wurde. Alles paßt genau in einander, jeder Topf, jedes Casseroll hat seine angewiesene Stelle, auch nicht der kleinste Raum geht unbenutzt verloren, und wenn die Geschirre außer dem Gebrauch sind, werden fünf bis sechs derselben in einander geschoben und zusammen an einem einzigen Nagel an der Wand angehängt.

Ich hoffe, daß auch Männer vielleicht nicht verschmähen werden, diese Blätter flüchtig zu durchlaufen, und muß befürchten mit meinen hausmütterlichen Bemerkungen ihnen Langeweile zu machen und dadurch ihre Spottlust zu erregen; sonst könnte ich noch Vieles von der Einrichtung dieser Küche erzählen; besonders von einem großen kupfernen Gefäße zur Reinigung des Küchengeschirrs, in dessen Mitte ein aufrechtstehender Cylinder voll Kohlen angebracht ist, der das Wasser immerfort warm erhält; eine Einrichtung, die auch in gewöhnlichen Haushaltungen eingeführt zu werden verdiente.

Das Anlegen des Dampfschiffes an vielen dazu bestimmten Orten, längs den beiden Ufern des Rheins, bringt Wechsel in die Fahrt und gibt ihr einen neuen Reiz. Hell ertönt die zu diesem Gebrauch bestimmte Glocke am Bord, noch ehe wir den zum Anhalten bestimmten Platz erreichen, wo die dazu von der Direction bestellten Nachen mit aufgesteckter Flagge unsrer Ankunft harren. Wir sehen am Ufer Freunde, bald gerührt, wenn es eine längere Abwesenheit gilt, bald unter Scherz und Lachen, auf baldiges Wiedersehen, von einander Abschied nehmen, die Scheidenden eilen in den Nachen, der Lauf des Schiffes wird auf ein Paar Minuten gehemmt, der indessen herbeigeeilte Nachen wird an demselben befestigt, eine kleine nicht unbequeme Treppe, mit Stricken zum Anhalten an beiden Seiten versehen, wird schnell in denselben hinabgelassen, einige unsrer früheren Reisegefährten scheiden aus unsrer Mitte, zum Abschiednehmen bleibt keine Zeit; Andere kommen an, um eine kleine Weile mit uns zu schiffen, und wieder beginnt der rasche eilende Lauf. Die neuen Ankömmlinge verlieren das Ufer, wo sie einstiegen, und die mit ihren Tüchern ihnen Grüße nachwinkenden Freunde sehr bald aus dem Gesichte, sie wenden der Gesellschaft sich zu, und unvermuthet steht oft ein lieber Freund, ein alter Bekannter vor uns, den wir mit überraschender Freude begrüßen. Es ist ein ewiges Kommen und Gehen, ein echtes Bild des Lebens; man könnte die Nachen sogar recht füglich mit Charons Nachen vergleichen, denn ehe wir uns dessen versehen, entführen sie Einen nach dem Andern aus unsrer Mitte, nur daß sie auch eben so oft neue Gefährten uns bringen, sogar zu einer Kaffevisite geputzte Damen, die eine kleine Weile mit uns fahren, dann aussteigen, um Abends in der Kühle zu Fuße nach Hause zu gehen. Auch in dieser Hinsicht ist das Dampfschiff für die Bewohner der Rheinufer von unschätzbarem Werthe; ein neuer Geist der Geselligkeit, des freundschaftlichen Verkehrs ist mit demselben dort eingezogen, denn jede störende Entfernung ist so gut als aufgehoben. Ein Besuch bei in einer Entfernung von drei bis vier Meilen wohnenden Freunden bedarf nicht der kleinsten Vorbereitung, Strom auf oder abwärts, Wind und Wetter kommen dabei gar nicht in Betracht. Der Weg wird in unglaublich kurzer Zeit zurückgelegt, und man kann mit Sicherheit darauf rechnen, am folgenden Tage, zur bestimmten Stunde wieder in der Heimath sein zu können.

Stünde nicht, gleich einem grauer Vorzeit angehörenden spukhaften Popanz, der alte immer mehr verfallende Mäusethurm noch an der gewohnten Stelle, wir wären, ohne es zu bemerken, durch das einst so übel berüchtigte Bingerloch hindurchgeglitten. Das eigentliche sagen- und märchenreiche Rheinthal nahm uns jetzt auf, wo der mächtige Strom, von hohen Felsen eingeengt, oft über Klippen brausend dahinwogt und von beiden Seiten graue Denkmäler einer rauhen, düstern Vorzeit auf die Schiffenden ernst hinabschauen. Doch der Steuermann kennt seinen Weg, und verfolgt ihn mit verdoppelter Aufmerksamkeit. Die wilde romantische Schönheit dieses Theiles der Rheinufer hat schwerlich ihres Gleichen, aber sie ist so oft und so umständlich beschrieben, daß, hier wie beim Rheingau, Alles, was ich noch darüber sagen könnte, ein nicht zu entschuldigender Ueberfluß und deshalb vom Uebel wäre.

Immer herrlicher entfaltete sich vor uns eine der reichsten und schönsten Landschaften in Deutschland, als wir gegen die Mittagsstunde uns Koblenz näherten. Zuerst sehen wir die Lahn, dann die Mosel in den Rhein sich ergießen, und endlich Koblenz, das vom Rhein aus gesehen recht imposant erscheint. Das in großem edeln Styl, von dem letzten Kurfürsten von Trier erbaute Residenzschloß, dessen schöner Façade man es glücklicherweise nicht ansieht, wie sehr es durch seine jetzige Bestimmung an innerer Pracht und Eleganz verloren, die Reihe hübscher Häuser längst dem Rhein, dann die schöne Kirche zum heil. Castor mit ihren beiden schlanken Thürmen, die breite zum Rhein hinabführende Treppe, deren Stufen alle von Neugierigen wimmelten, die dort standen, um das Dampfschiff zu sehen, die neue nach Thal Ehrenbreitstein über den Rhein führende Schiffsbrücke, der steile hohe Ehrenbreitstein selbst, dessen Gipfel die nun vollendeten, einem Riesenwerk fabelhafter Vorzeit ähnlichen Festungswerke krönen: alles Dieses zusammengenommen erweckt auf den ersten Anblick einen Vorbegriff von Größe und Schönheit der Stadt, dem sie mit ihren engen, zum Theil winklichen Gassen bei näherer Bekanntschaft nicht völlig entspricht.

Das Dampfschiff legte am Quai an, die Fahrt wurde länger als gewöhnlich gehemmt, und wir gewannen dadurch Zeit, die unbeschreiblich schöne Umgegend in allen ihren Einzelheiten zu betrachten. Auch der bis dahin noch immer frühstückende Engländer kam wieder auf das Verdeck hinauf, sah verwundert sich um, fragte, was das für ein Platz wäre, stampfte ärgerlich mit dem Fuße, als er Koblenz nennen hörte, und ging wieder hinunter. Die Scenerei zwischen Bingen und Koblenz war richtig verfrühstückt und alles Uebrige unbesehens ihm des Anschauens nicht werth.

Schöner noch erschien uns, als wir weiter schifften, der Rückblick auf Koblenz, auf den hohen Ehrenbreitstein, auf die prächtigen Windungen des Stromes, der Segen verbreitend durch reiche Fluren sich ergießt. Die Berge ziehen zu beiden Seiten sich zurück, Thal und Strom werden breiter, und Dörfer, Flecken, einzelne große Gebäude, dicht neben einander gesäet, deuten auf ein reges, arbeitsfrohes Leben der fleißigen Bewohner dieser von der Natur hochbegünstigten Strecke Landes.

Nicht lange währte es, bis wir abermals am Quai von Neuwied auf einige Minuten anlegten. Eine weite fruchtbar blühende, von schönen Bergen umkränzte Ebene umgibt von der Landseite die hart am Rhein erbaute gewerbsame Stadt. Auch hier, wie bei Koblenz, führt eine breite steinerne Treppe vom Ufer bis hinab an den Strom, und auch diese war von Zuschauern dicht besetzt. Schon während der ganzen Fahrt hatten wir nicht ohne Verwunderung bemerkt, wie überall die Leute zusammenliefen, um eine Erscheinung zu sehen, die, so lange die Jahreszeit es erlaubt, täglich zweimal an ihnen vorübereilt. Wir freuten uns der lebensreichen Staffage, die dem großen Panorama einen Reiz mehr gewährt. Die Neuheit des Anblicks kann es schwerlich noch sein, was alle diese Leute herbeilockt, wol aber das wunderbar Seltsame eines mit wohlgekleideten Herrn und Damen besetzten Gebäudes, das wie durch eigene Kraft in reißender Schnelle, sausend und brausend einhertobt. Der Anblick der mit furchtbarer Gewalt die schäumenden Fluthen durchwühlenden Räder unter dem Schiffe hat sogar etwas Grausenhaftes, an Zauberei und Hexenkraft Erinnerndes, das man aber auf dem Dampfschiffe selbst nicht gewahr wird und auch nicht zu bemerken suchen soll. Vor etwa zwei Jahren, erzählte man mir, bog ein junger unbekannter Mann, auf der Fahrt zwischen Köln und Düsseldorf, sich weit über das Geländer des Verdecks, um dem gewaltigen Umschwunge der durch den Dampf getriebenen Räder zuzusehen; er verlor das Gleichgewicht, stürzte in den Rhein, und nach wenig Secunden sah man seine zerrissenen zermalmten Glieder einzeln auf der blutgefärbten Fluth stromabwärts treiben. Ein Geschick, grausenhaft genug, um vor ähnlicher Unvorsichtigkeit zu warnen, das aber übrigens bei jeder gewöhnlichen Mühle ihn hätte treffen können und auch Manchen trifft.

Erfreulich war es mir zu bemerken, wie die längs dem Rheinufer wohnenden Schiffer sich mit der neuen Erfindung völlig versöhnt haben, die sie anfangs mit wüthendem Haß verfolgten und verwünschten.

Vor vier Jahren, als der erste nicht ganz gelingende Versuch gemacht wurde, mit dem Dampfschiffe stromaufwärts von Köln nach Mainz zu fahren, stand ich in Eltville mitten unter den Einwohnern am Ufer, um die niegesehene Erscheinung zu erwarten. Die Schiffer äußerten laut ihre Freude über die um mehrere Stunden sich verspätende Ankunft des Dampfschiffes; die sich unter ihnen verbreitende Nachricht, daß der gefürchtete Feind ihres jetzigen Wohlstandes im Bingerloche stecken geblieben und nur mit Hülfe einer großen Anzahl Menschen an Seilen hindurchgezogen worden sei, erregte allgemeinen Jubel. Endlich zeigte das Dampfschiff sich in der Gegend des Johannisberges, und der Spott in ihren Gesichtern ging in trüben Ernst über, als sie gewahr wurden, mit welcher Schnelligkeit und Kraft es die widerstrebenden Gewässer stromaufwärts überwand. Es nahm, wie auch jetzt noch, den Weg am linken Ufer, hinter der Petersaue weg, und außer dem Dampfe war wenig davon zu unterscheiden. Die Männer betrachteten es mit finsterem Gesicht und drohender Geberde, als sie es im Hafen von Mainz einlaufen sahen, die Weiber klagten und weinten.

»Die Hände abhacken sollte man Denen, die unsern Untergang an Seilen hereinzogen; in den Grund bohren hätten sie es sollen, das Unglücksschiff,« rief laut ein sehr alter eisgrauer Schiffer, der bis dahin nahe bei mir auf einem Steine schweigend gesessen. Alle stimmten ihm bei, der Allen wohlbekannte Name eines Schiffers, der sich zur Leitung des Dampfschiffes hatte dingen lassen, wurde mit bittern Scheltworten verwünscht, als hätte der Mann damit ein ungeheures Verbrechen begangen.

Jetzt ist die allgemeine Stimmung durchaus umgewandelt, die Rheinbewohner sind ein lebensfrohes, gutmüthiges und dabei verständiges Völkchen, sie sehen, daß ihre Fahrzeuge nach wie vor den Rhein nach allen Richtungen befahren, der nie belebter war als eben jetzt, und es immer mehr werden wird. Das Dampfschiff bringt Vielen unter ihnen einen vielleicht nicht sehr bedeutenden, aber dafür sicheren Verdienst, und sie lassen sich auch die Vortheile gern gefallen, welche die seit der Einführung desselben unendlich vermehrte Anzahl der Reisenden auf mannigfache Weise ihnen verschafft.

Eine bis dahin mir unbekannt gebliebene Welt ging hinter Neuwied mir auf, das früher das äußerste Ziel meiner Rheinreisen geblieben war. Den schönsten interessantesten Theil der Fahrt glaubte ich hinter mir zu haben, und entdeckte mit großer Freude, wie sehr ich geirrt. Die Gegend zwischen Neuwied vereint im holdesten Wechsel die unbeschreibliche Heiterkeit des Rheingaues mit der erhabenen wilden Pracht des eigentlichen Rheinthales zwischen Bingen und Koblenz. Zahlreiche Städtchen und Dörfer beleben die in üppiger Vegetation prangenden Ufer, bald öffnet sich eine reichangebaute Ebene, von schönen Weinbergen umkränzt, bald verengen steile, wunderbar geformte hohe Felsen die Ufer, dann kommen wieder kleine grünende Inseln. Wo nur zwischen den Felsengruppen ein ebenes Plätzchen sich findet, hat der fleißige Winzer seine Reben gepflanzt, zu denen er mühsam, bis zu unbegreiflicher Höhe, das Erdreich, dessen sie bedürfen, auf seinem Rücken in Körben hinaufträgt. Obst- und Weingärten ziehen am Fuße der hohen Felsen sich hinauf, deren Scheitel Busch und Wald bekränzen. Es fehlt weder an alten Bergruinen noch ehemaligen Klöstern, um der Gegend ein noch höheres Interesse zu verleihen. Und zwischen all' dieser Herrlichkeit windet der majestätische Rhein, bald still dahinströmend, bald über Klippen und Gestein wild einherbrausend in noch weiteren malerischen Bogen sich hindurch.

Bald hinter Neuwied rief leider die unerbittliche Tischglocke uns hinunter in die Kajüte. Unser Bitten, auf dem Verdeck servirt zu werden, war vergeblich; den sehr vernünftigen Gründen für diese Verweigerung wußten wir nichts eben so Vernünftiges entgegenzusetzen, die Nothwendigkeit gebot, und wir mußten es uns gefallen lassen, das allgemeine Schicksal zu theilen. Wir fanden unten an zwei langen Tischen zu beiden Seiten der Kajüte an sechzig bis siebenzig Gäste, die recht bequemlich Raum hatten. Die Menge und Güte der aufgetragenen Gerichte erinnerte uns wieder an die kleine Küche, in der dieses Alles bereitet worden war, und erneuerte unsere Verwunderung. Die Hitze in der Kajüte war freilich sehr drückend; aber wo wäre sie es nicht an einem sehr warmen Sommertage in einem mit Gästen angefüllten Speisesaal? Die uns gegenüberstehenden Fenster aber und die zwischen denselben angebrachten Spiegel, in denen wir zugleich das hinter unserem Rücken vorüberziehende Ufer erblickten, machten, wenn wir zu ihnen aufsahen, einen sonderbaren schwindelartigen Eindruck. Während es, wie bei jedem schnellen Fortbewegen, uns schien, als ob wir stille ständen, sahen wir Häuser und Felsen und Bäume wie im Fluge an uns vorübergehen. Der Rahmen der Fenster wie der Spiegel zerschnitt die Landschaft, von der wir immer nur ein kleines abgerissenes Stück erblickten; wir sahen zu viel und zu wenig, die Aussicht aus den Fenstern und die Spiegelbilder flossen wunderlich ineinander, sodaß wir in dieser Verworrenheit kaum noch zu unterscheiden wußten, was Bild, was Wirklichkeit sei.

Die Tafel war noch lange nicht aufgehoben, als wir schon wieder oben auf dem Verdecke standen. Wir langten eben zu rechter Zeit dort an, um noch einen Blick auf Andernach zu werfen, worauf ich mich besonders gefreut hatte. Doch diese Ansicht war die einzige, die meine durch Reisebeschreibungen wahrscheinlich zu hoch gespannte Erwartung nicht ganz befriedigte. So malerisch, so romantisch schön die Umgegend von Andernach in der Nähe sein soll, so reich an pittoresken Ruinen, alten Ritterburgen, an wilden vulkanischem Geklüfte, an schönen Thalgründen, so merkwürdig sie für den Geologen auch ist, in der Entfernung, in welcher man, sich immer am rechten Ufer haltend, an ihr vorüberschifft, macht das Alles keinen großen Effect; denn an den mehr breiten als hohen Basaltfelsen, zwischen denen das Städtchen wie eingeklemmt zu liegen scheint, vermißt das verwöhnte Auge die kühn emporstrebende malerische Form des früher Gesehenen.

Hinter dem am rechten Ufer in wunderschönen Umgebungen liegenden Städtchen Linz wendet der Rhein, einen weiten Bogen bildend, sich plötzlich dem linken Ufer zu. Das rechte Ufer scheint, aus einiger Entfernung gesehen, fast in eine kleine weit vortretende Halbinsel umgebildet, an deren äußerstem Rande das kleine Städtchen Unkel dicht am Rheine sich hinzieht. Schöne Weinberge, malerische, mit Busch und Wald gekrönte Felsen umfrieden in einiger Entfernung den kleinen Ort und schützen ihn gegen den kalten Nordwind. Die zwischen demselben und dem Rhein liegende Ebene ist ein fruchtbares, wie ein Garten angebautes Gelände, wo die Lüfte milder wehen und Alles um vierzehn Tage früher zur Blüthe und zur Reife gelangt als auf dem linken Ufer. Auch wird hier ein recht guter, dem Aarbleicher ähnlicher rother Wein gewonnen. Von dem wie die ganze Stadt etwas hochliegenden Kirchhofe, der die sehr hübsche Kirche umgibt, sowie aus den tieferliegenden Landhäusern einiger kölnischen Familien, welche meistens nur zur Zeit der Weinlese bewohnt werden, genießt man eine der schönsten Aussichten auf den mit Schiffen und Nachen belebten Rhein, auf den hohen malerischen Drachenfels und die zwischen diesem und Rolandseck liegende Insel Nonnenwerth. Die berühmten Basaltfelsen des linken Ufers und die zwischen diesen sich öffnende düstere Thalschlucht, in welcher, gleichsam in ewigem Schatten begraben, das Dörfchen Unkelbach ruht, liegen Unkel gerade gegenüber, und höher hinauf, hart am Rhein, das uralte Städtchen Remagen, nahe dabei auf einer fruchtbar grünenden Anhöhe der Apollinarisberg. Das stattliche Gebäude auf demselben war ehemals eine Propstei mit einer Kapelle, welche die Gebeine des Heiligen, dessen Namen der Hügel trägt, aufbewahrte, und zu welchem vor dem Einfall der Franzosen alljährlich am Feste des Heiligen viele tausend Wallfahrer zogen. Jetzt ist der schöne Berg das Eigenthum des allen Kunstfreunden werthen Sulpiz Boisserée, der aber, von seinen Arbeiten in München festgehalten, es für jetzt nur selten besucht.

Stromabwärts, Unkel vorüber, am Fuße hoher malerischer Felsen und herrlicher Weinberge, drängen am rechten Ufer Flecken und Dörfer und einzelne Wohnungen sich so nahe aneinander, daß sie sich fast berühren, bis zwischen dem sehr großen, wunderschön gelegenen Flecken Honneff und dem gegenüberstehenden Felsen Rolandseck der Rhein in zwei Arme sich theilt, die das schöne Eiland Nonnenwerth umfrieden. Im Schatten seiner alten hohen Nußbäume gleicht es einem in Silber gefaßten Smaragd, denn der Garten des sehr großen, in der Mitte der Insel liegenden einst prachtvollen Klosters, das seit einigen Jahren zu einem der größten Gasthöfe in Deutschland umgewandelt ist, nimmt die ganze Fläche der Insel ein. Aber die Geister der früher hier hausenden frommen Klosterfrauen, über diese Entheiligung ihres ehemaligen Wohnsitzes zürnend, scheinen gleich Rachegöttinnen alles Gedeihen von dem neuen Etablissement abzuwenden, es ruht kein Segen darauf.

Früher zog der Reiz der Neuheit, besonders an Sonntagen, viele hundert Gäste nach Nonnenwerth; die großen, auf das eleganteste neudecorirten Säle vermochten sie kaum alle zu fassen, und reiche britische Familien siedelten sich auf Monate hier an. Doch diese für den Gastwirth einst goldenen Zeiten sind nicht mehr; die Säle stehen leer, die britischen Zugvögel wenden sich anderwärts hin, höchstens trinken Sonntags unter den herrlichen Bäumen ein Paar Dutzend Menschen ihren Kaffee. Die Wirthschaft verfällt, der ungepflegte Garten verwildert, und was das Schlimmste ist, die ganze Insel droht nach und nach dem ewig an ihr zehrenden Rhein ganz zur Beute zu werden, weil nichts sie mehr gegen seine leisen aber unaufhörlichen Angriffe schützt.

Die Insel nebst dem ganzen Ameublement des sehr weitläufigen, wirklich schönen Gebäudes soll jetzt in einer Lotterie ausgespielt werden; doch der Gewinn könnte leicht in empfindlichen Verlust sich umwandeln, wenn der Gewinner nicht überschwänglich reich genug ist, um eine sehr große, gar nicht zu berechnende Summe an einen Landsitz zu verwenden, der mit großen Kosten unterhalten werden muß und nichts weiter einbringt als den Genuß der schönen Natur in einer der reizendsten Gegenden der Welt, denn die Wiederherstellung der Bollwerke rings um die Insel kann nicht umgangen werden und ist unerläßlich nothwendig.

Nur durch einen schmalen Arm des Rheins von der Insel getrennt, erhebt sich am linken Ufer über der unter ihm hinführenden Chaussee der schöne Fels Rolandseck mit den Ruinen seines uralten Schlosses, die sich aber durchaus nicht so malerisch ausnehmen, als die Reisebeschreiber es behaupten. Die beiden einzigen noch stehengebliebenen Pfeiler mit dem darauf ruhenden Querbalken sehen von unten eher einem verfallenen, etwas kolossalen Galgen ähnlich als den Ueberresten einer alten Ritterburg, die übrigens, wenn die Sage nicht lügt, aus grauer Vorzeit sich herschreibt. Roland, Neffe Kaiser Karls des Großen, soll ihr Erbauer sein, dessen Liebe zu einer gottgeweihten Jungfrau, wenn gleich aus unbekannten Gründen unter verändertem Namen, Schiller in der Ballade: »Ritter Toggenburg,« auf die Nachwelt brachte; hier, vor seinem eigends dazu erbauten Schloß Rolandseck, stand vor vielen Hunderten von Jahren der treue Ritter und schaute sehnsüchtig harrend hinunter auf Nonnenwerth, dicht unter ihm, »bis das Fenster klang;« so behauptet die allgemein unter dem Volke herrschende Tradition.

Die Aussicht dort oben ist entzückend schön, und der Besitzer des am Fuße des Felsens liegenden Gasthofes hat durch Ebenung der zum Gipfel desselben führenden Pfade und durch einige an wohlgewählten Punkten angebrachte Bänke zum Ausruhen den Zugang zu ihr sehr erleichtert. Der Mann wußte wohl, was er that; sein auch im Uebrigen wohleingerichtetes Haus ist an schönen Sommertagen einer der besuchtesten Lustorte längs dem Rhein, und die Nachbarschaft desselben mag zum Verfall der Gastwirthschaft auf der Insel nicht wenig beigetragen haben.

Gleich hinter dem Siebengebirge scheint der Rhein zu einem weiten hellschimmernden See umgewandelt, die Felsen treten zurück und werden, ihre schroffere Gestalt ablegend, zu lieblichen Weinbergen. Dem hart am Rhein belegenen Städtchen Königswinter gegenüber breitet am linken Ufer das große freundliche Dorf Mehlem mit seinen wohlgebauten Landhäusern und Gärten sich aus, und in bläulicher Ferne zeigt sich auf ihrem grünen Hügel die malerische wohlerhaltene Ruine des alten Schlosses von Godesberg.

Nahe an Mehlem, dem Geburtsort eines der vorzüglichsten altrheinischen Maler, Jan van Mehlem, von dessen Werken mehrere in der Sammlung der Herren Boisserée aufgenommen wurden, gränzt das nicht minder schöne Plittersdorf; der wohlangelegte blumenreiche Park eines zu demselben gehörenden eleganten Landhauses gewährt den Vorüberschiffenden einen sehr anmuthigen Blick auf herrliche Gruppen weitschattender Bäume und blühendes Gesträuch aus allen Zonen der Welt. Aber noch ehe wir ihn erreichten, hatte meine Scheidestunde für dieses Mal geschlagen. Zur Bequemlichkeit der Godesberg besuchenden Reisenden legt das Dampfschiff bei dem Gasthofe in Plittersdorf an, wo einige um einen festgesetzten sehr mäßigen Preis dazu bestellte Wagen bereitstehen, Jeden, der es verlangt, sammt seinem Gepäck nach dem nahen, aber vom Ufer entfernter liegenden Godesberg zu fahren. Die Glocke wurde geläutet, der bewimpelte Nachen näherte sich, die kleine Treppe am Bord wurde für mich niedergelassen; ehe ich mich dessen versah, war ich am Land, das Dampfschiff entschwand schnell meinen Blicken; ich nahm einen der nur mit einem Pferde bespannten kleinen Halbwagen, und langte in weniger als einer halben Stunde in Godesberg an, dem ersten Ziele meiner Reise.

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