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Ausflug an den Niederrhein und nach Belgien im Jahr 1828

Johanna Schopenhauer: Ausflug an den Niederrhein und nach Belgien im Jahr 1828 - Kapitel 15
Quellenangabe
typereport
booktitleAusflug an den Niederrhein und nach Belgien im Jahr 1828
authorJohanna Schopenhauer
firstpub1831
year1987
publisherReimar Hobbing Verlag
addressEssen
isbn3-920460-32-4
titleAusflug an den Niederrhein und nach Belgien im Jahr 1828
created20050310
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Wallraf und sein Museum

Beide waren, so lange Wallraf lebte, so innigst ineinander verzweigt, daß es auch jetzt, seit der treueste, uneigennützigste aller Sammler dahin ist, unmöglich wird, sie in der Idee von einander zu trennen. Wallraf selbst gehörte an Geist und Gemüth zu den ungewöhnlichsten Erscheinungen seiner Zeit; im Leben viel verkannt, nach dem Tode, wenngleich im Ganzen nicht besser verstanden, doch hochgepriesen; ein Loos, das wol Jeden trifft, der mit einer Festigkeit, die man wol Heldenmuth nennen dürfte, einem Ziele zustrebt, das er in treuverschwiegner Brust sich selbst gestellt, und das den Leuten um ihn her thöricht bedünken muß, von dem er aber nicht ablassen kann, nachdem er es einmal erkannt und mit aller Kraft seines Gemüthes erfaßt hat.

Der Name Wallraf ist seit einigen Jahren bekannt genug, und doch weiß die Welt wenig von seinem eigentlichen Wesen. Mir aber führte ein glückliches Ungefähr einen seiner vertrauten Jugendfreunde zu, der mit warmem Enthusiasmus an dem Andenkens des ihm vorangegangenen Freundes hängt, wie Alle, welchen das Glück vergönnt wird, ihm näher zu stehen. Von diesem habe ich manchen Zug aus Wallraf's Leben erfahren, der sehr genau den Gang bezeichnet, welchen das Geschick mit ihm nahm, um ihn zu dem Punkte zu führen, an welchem er zuletzt stand, und der mir nicht unwerth dünkt, hier mitgetheilt zu werden.

Ferdinand Wallraf wurde in dem nämlichen Jahre wie Goethe, und nur einen Monat früher als dieser geboren. Ein besonders günstiger Stern muß den Kindern des Sommers im Jahre siebzehnhundertneunundvierzig geleuchtet haben, denn auch Wallraf kam mit den glücklichsten Anlagen reich begabt zur Welt, welche während seines Heranwachsens so schnell und kräftig sich entwickelten, daß er schon in seinem einundzwanzigsten Jahre als Lehrer bei dem sehr reich dotirten Montanergymnasium in seiner Vaterstadt angestellt werden konnte. Sowol seine sehr ausgebreiteten und gründlichen Kenntnisse als sein Betragen erwarben ihm Gunst und Achtung seiner Vorgesetzten; sein milder, sanfter Charakter, seine bei Anderer Schwächen unermüdliche Geduld verschafften ihm die innigste Anhänglichkeit und Liebe bei der jungen Welt, die ihn umgab. Die Anzahl der Studirenden bei diesem Gymnasium war damals bis auf neunhundert gestiegen; überhaupt muß Köln in jener Zeit für einen Hauptsitz aller Wissenschaft und Gelehrsamkeit gegolten haben, denn die Zahl der Studenten in diesem und den beiden andern Gymnasien ging weit über zweitausend hinaus.

Wallraf's Jünglingsjahre waren sehr glücklich. Seine Existenz war sorgenfrei; er liebte die ihm auferlegte Pflicht und erfüllte sie treulich; aber sie ließ ihm Muße genug, um auch für die höhere Ausbildung seines Geistes und seiner Talente leben zu können. Naturkunde, Botanik, musikalische Uebungen füllten seine Erholungsstunden aus; auch beschäftigte er sich gern mit mathematischen Studien; aber vor Allem zog das Studium der Alten ihn an. Innigst vertraut mit dem Geiste der alten griechischen und römischen Dichter, fühlte er schon früh sich eingebürgert in die längst versunkene größere Welt, der sie Unsterblichkeit gegeben, und vergaß darüber oft die, in welcher er lebte, sammt ihrem kleinlichen Treiben. Mit wahrhaft antikem Patriotismus hing er an seiner Vaterstadt, aber sein Geist, seine Gedanken, sein ganzes inneres Wesen waren mehr in Rom und Athen daheim als in Köln.

Auch eine Freundin war ihm geworden, die sich seiner Jugend annahm und mit mütterlicher Liebe für ihn sorgte; die Gattin des damals in Köln sehr berühmten Arztes Mendt, eine seltene liebenswürdige Frau, die als solche allgemein verehrt und geliebt wurde, und deren Andenken noch jetzt, lange nach ihrem Tode, unvergessen bleibt. Ihre günstige Stellung im Leben, ihr reines Gemüth, die höhere Bildung ihres Geistes, welche über ihre Zeitgenossinnen sie weit erhob, eigneten sie ganz dazu, die Führerin und Beschützerin ihres jungen Freundes zu werden und auch in geselliger Hinsicht höchst vortheilhaft auf seine Sitten und sein Betragen einzuwirken. Zu ihr flüchtete Wallraf mit seinen Plänen, seinen Wünschen, mit seiner Freude an der Natur, an der Kunst, an den Alten, die sie redlich mit ihm theilte. Sie war die Vertraute aller seiner Gedanken; und auch im späteren Alter hat er den Schmerz, sie verloren zu haben, nicht überwinden können.

Einige Jahre vergingen unserm Freunde in dieser für ihn sehr glücklichen Gestaltung seines Lebens. Poesie und bildende Kunst sind zu enge mit einander verbunden, als daß sein von dem Geiste der alten Poeten durchdrungenes Gemüth sich nicht auch letzterer hätte zuwenden sollen. Er sah in seiner alten ehrwürdigen Vaterstadt von zahllosen Kunstwerken sich umgeben, die theils in Kirchen und Klöstern fast unbeachtet zerstreut waren, theils in den Händen von Privateigenthümern, die meistens den Werth derselben wenig erkannten. Er fing an den Schätzen, die von allen Seiten ihn umgaben, mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden, als bisher geschehen; und nun ging eine neue Welt ihm auf, eine lichthelle, glanzvolle Welt, die sich unwiderstehlich seiner bemächtigte. Der lange in seinem Gemüthe schlummernde Funke hatte gezündet, um nie wieder zu erlöschen; die in ihm erwachte Kunstliebe stieg gar bald bis zur Leidenschaft und machte von nun an das Glück, aber auch zugleich, im gewöhnlichen Sinne des Wortes, das Unglück seines ganzen künftigen Lebens.

Kein Liebender hat jemals inniger, treuer an der Geliebten gehangen als Wallraf an der Kunst, Keiner ihr je schwerere Opfer gebracht als er dieser Göttin seines Lebens bis an das Ende desselben. Sein ganzes Sinnen und Trachten ging von nun an nur darauf hinaus, zu sammeln, zu retten, zu bewahren, was unerkannt und unbenutzt im Staube unterzugehen drohte. Er versagte sich nicht nur jede Bequemlichkeit, sondern auch jedes nicht durchaus unentbehrliche Bedürfniß des Lebens; im Winter blieb sein Zimmer unerwärmt; er hungerte, er fror im eigentlichen Sinne des Wortes, aber er kaufte Handzeichnungen, Kupferstiche, alte Gemälde, geschnittene Steine von dem auf diese Weise ersparten Gelde und fühlte keinen Mangel.

Seine Freundin konnte nur mit bänglicher Sorge diesem seinen Treiben zusehen. Sie versuchte, ihm das Gefährliche desselben deutlich zu machen, ihm vorzustellen, wie er auf diese Weise sich selbst in jeder Hinsicht zu Grunde richten müsse; aber ein von Enthusiasmus entflammtes, von Leidenschaft tief erfülltes Gemüth gab noch nie Vernunftgründen nach. Und so blieb denn der edeln Frau nichts weiter für ihren Freund zu thun übrig, als ihm den Weg, von dem er nun einmal nicht abweichen wollte, so viel möglich zu ebnen und zu erleichtern. Ihr in Köln in großem Ansehen stehender Gatte brachte auf ihr Bitten durch Fürsprache bei seinen Freunden es dahin, daß Wallraf bei der schon im vierzehnten Jahrhundert in Köln gegründeten Universität zum Professor der Botanik ernannt wurde. Eine Präbende bei dem Damenstift zu St. Maria vom Capitol, die wenigstens tausend Thaler jährlich einbrachte, war mit dieser Stelle verbunden; ein Einkommen, das in jener Zeit weit beträchtlicher war, als es jetzt uns scheinen mag, und Frau Mendt durfte mit Recht für ihren Freund von dieser günstigen Veränderung seiner ökonomischen Umstände das Beste hoffen. Wallraf war kein Jüngling mehr, er hatte das dreiunddreißigste Jahr erreicht, und in diesem Alter hört man doch gewöhnlich auf, sich rücksichtslos dem Antriebe des Augenblicks zu überlassen.

Aber die gute verständige Frau sah ihre Erwartungen nicht erfüllt; mit den Mitteln, sie zu befriedigen, waren auch Wallraf's Wünsche gewachsen. Er fuhr fort, zu darben, zu hungern, zu frieren, sich in seiner Kleidung nur auf das Unentbehrlichste zu beschränken, um Kunstsachen zu kaufen, die ihm jetzt, da er als sammelnder Kunstfreund bekannt geworden war, von allen Seiten zuströmten, und mußte dabei den Schmerz empfinden, das Unzulängliche aller dieser Opfer einzusehen. Der Entschluß, eine Kunstsammlung für seine Vaterstadt zu begründen, hatte schon damals mit Riesengewalt ihn ergriffen und mit allen seinen Gedanken, Gefühlen und Plänen sich dermaßen fest verzweigt, daß es ihm unmöglich war, von ihm abzulassen. Daß er mit den pecuniären Mitteln, die zu der Ausführung desselben ihm zu Gebote standen, auch bei der kärglichsten Lebensweise unmöglich ausreichen könne, war ihm nur zu klar geworden; im peinlichen Nachsinnen darüber kam er endlich auf den Gedanken, durch eine Art von Tauschhandel sein patriotisches Streben sich zu erleichtern, und der Plan glückte weit über sein Hoffen hinaus. Er fing an, wo sich nur irgend die Gelegenheit dazu bot, um geringen Preis allerlei kleinere Kunstartikel zu kaufen, wie sie eben dem Geschmack seiner Mitbürger in der damaligen Zeit zusagten; Heiligenbilder und Scenen aus der Geschichte derselben, oft sehr vorzüglich in Kupfer gestochen, Gipsbüsten, geistliche Bücher, geschnittene Steine und Pasten, Doubletten von Mineralien und andern naturhistorischen Gegenständen. Alles dieses suchte er, oft mit großem Gelingen, gegen Gemälde und andre Werke alter Kunst zu vertauschen, die oft in unzugänglichen Winkeln vergessen und unbeachtet im Staube moderten und von ihren Besitzern weder erkannt noch geschätzt wurden. Und so gelang es ihm, für verhältnismäßig wenig Geld, das er aber fortwährend unter unglaublichen Entbehrungen sich absparte, nach und nach die große Anzahl merkwürdiger und zum Theil vortrefflicher Gemälde sich anzueignen, welche das Museum schmücken, das seinen Namen trägt.

Die Sache fing allmälig an, unter seinen Mitbürgern Aufsehen zu erregen, die eben nicht Alle ihm wohlwollten. Für einen Thoren hatten schon Viele ihn längst erklärt; jetzt fing man an, auch die Redlichkeit seines Charakters in Frage zu stellen, und selbst seine Freunde wurden einigermaßen irre an ihm; er hatte deren einige, die größtentheils durch ähnliche, wenn gleich weniger leidenschaftliche Kunstliebe als die seine, ihm verbunden waren, unter denn sich auch der Freund befand, dem ich diese Notizen über Wallraf's Leben verdanke.

Sie waren zugegen, als er einst für einen, den heiligen Franziscus vorstellenden Kupferstich eine auf Kupfer trefflich gemalte schlummernde Diana an sich brachte; ein ungefähr viertehalb Fuß langes und etwas über zwei Fuß hohes Bildchen, das, ob mit Recht oder Unrecht, weiß ich nicht, für einen echten Correggio galt. Der Kauf schien den Freunden doch ein wenig zu ungleich, und sie konnten sich nicht enthalten, ihm die Gewissensfrage vorzulegen, ob es wohl ganz rechtlich wäre, für einen Kupferstich, der ihm zwölf Frank koste, ein Gemälde zu nehmen, das kaum mit zweihundert Karolin für bezahlt zu achten sei.

Kunstwerke haben keinen absoluten Werth, erwiederte Wallraf gelassen; Alles hängt von Geschmack, Cultur, Zeit, Verhältnissen und sonstigen Umständen dabei ab. Fragt selbst den bisherigen Besitzer dieses Bildes, ob ihm der heilige Franziscus nicht lieber sei als diese Diana.

Allerdings, fiel dieser ein, ist mir das Bild meines heiligen Schutzpatrons weit mehr werth als dort die nackte heidnische Göttin. Nun habe ich sie alle drei glücklich beisammen, meinen Schutzpatron, den meiner Frau und den meiner Tochter, setzte er wie triumphierend hinzu und ging, seelenvergnügt über den glücklichen Tausch, mit seinem heiligen Franziscus nach Hause.

Lachend gratulirten jetzt die Freunde dem guten Wallraf zu dem Kauf; ihre Zweifel in Hinsicht der Rechtlichkeit desselben waren völlig gehoben, sie erboten sich sogar, ihm zu ähnlichen zu verhelfen zu suchen.

Das kann mit gutem Gewissen auch der Redlichste und Rechtlichste unter euch, erwiederte Wallraf freundlich aber ernst. Nichts von allen den Kunstsachen, die ich zusammenbringe, ist mein Eigenthum, Alles gehört meinen Mitbürgern, meiner Vaterstadt. Ich nehme es nur in einstweilige Bewahrung, damit unkundige Hände es nicht beschädigen, oder es endlich gar aus Köln weggeführt werde.

Und er hat redlich Wort gehalten bis an das Ende seines, unter unerhörter Anstrengung diesem einzigen Zwecke gewidmeten Lebens.

Im Jahre siebzehnhundertsechsundneunzig wurde Wallraf zum Rector der Universität erwählt und wurde unter der Oberherrschaft der Franzosen sieben Jahre nach einander in dieser akademischen Würde bestätigt. Die Eigenmächtigkeit der fremden Usurpatoren hatte alle bisherigen Einrichtungen über den Haufen geworfen, und die Universität war eigentlich froh, in Wallraf einen eben so gewandten und verständigen als gutgesinnten Vermittler zwischen ihr und der ihr aufgedrungenen neuen Behörde gefunden zu haben. Sie ertheilte ihm zugleich eine eben freigewordene Präbende von achthundert Thalern jährlich, welche sie zu vergeben hatte. Wallraf's Einkommen wurde dadurch bedeutend vermehrt, und er freute sich dessen, ohne in seiner gewohnten ärmlichen Lebensweise deshalb das Mindeste zu verändern.

Bis er zum Rectorat ernannt wurde, hatte er, auch als Professor der Botanik, die mit seiner ehemaligen Lehrerstelle am Montanergymnasium verbundene Wohnung beibehalten. Sie war groß und geräumig genug, um alle die zahllosen Bücher und Kunstsachen aufzubewahren, die im Laufe der Jahre sich dermaßen chaotisch um ihn angehäuft hatten, daß der genügsame Mann kam Raum genug für seine persönliche Bequemlichkeit übrig behielt; das Gymnasium konnte ihrer entbehren und ließ ihn ungestört im Besitz. Nun aber wurden Neid, Schelsucht, kleinliche Nebenabsichten in dem Gemüth seiner ehemaligen Collegen plötzlich rege; man fing an, ihn wiederholentlich zur möglichst schnellen Räumung der Wohnung aufzufodern. Wallraf ergab sich darein, wenn gleich ungern; er bat nur um Frist, bis er eine für ihn passende Wohnung gefunden; auch gab er sich Mühe darum und mochte wol dabei oft sorgenvoll an das mühselige und gefährliche Ausräumen aller seiner unendlichen Habseligkeiten gedenken.

Seinen ehemaligen Herren Collegen verging indessen darüber die Geduld; sie beschlossen, ihm einen Theil der Mühe, vor welcher ihm graute, zu ersparen, und Wallraf fand eines Tages beim Nachhausekommen zu seinem größten Entsetzen sein sämmtlich Mobiliar im Hofe unter freiem Himmel, seine Kunstschätze, Gemälde, Bücher, Kupferstiche, geschnittenen Steine längs der Wände des unten aller Welt offenstehenden Corridors unter- und übereinandergehäuft; es war ein Anblick, von welchem man kaum begreift, wie er ihn überleben konnte. Seine Herren Collegen hatten mit Hülfe einer Unzahl dazu angenommener Arbeitsleute dieses große Werk in wenigen Stunden vollbracht, zu dessen Ausführung Wallraf vielleicht Wochen gebraucht haben würde, um es mit aller dabei nöthigen Sorgfalt zu vollbringen.

Wallraf war trostlos, und wer möchte ihm dieses verargen. Mitten in seiner Vaterstadt sah er sich mit Allem, was er für diese durch fortgesetzte schwere Opfer errungen, unter freiem Himmel ohne Schutz und Obdach. Durch die unbarmherzige Willkür ehemaliger Freunde aus den ihm werth gewordenen vier Wänden hinausgestoßen, ohne zu wissen, wohin er für den Augenblick sich wenden könne, um nur das Liebste, was er besaß, in leidliche Sicherheit zu bringen.

Jetzt aber traten seine, über die Mishandlung, welche er erfahren, empörten Freunde thätig für ihn ein. Wallraf's milder, stets zum Vergeben geneigter Sinn hätte Alles, ohne die Thäter zur Strafe ziehen zu wollen, ertragen, aber seine Freunde handelten für ihn. Auf ihr Verwenden bei den oberen Behörden wurden die Lehrer des Montanergymnasiums für jede Beschädigung verantwortlich gemacht, die Wallraf's Eigenthum durch ihr widerrechtlich eigenmächtiges Verfahren erleiden würde, und zwei auf ihre Kosten angestellte Wächter mußten Tag und Nacht es bewachen, um es vor Raub zu bewahren.

Der französische Präfect, an welchem Wallraf, von seinen Freunden getrieben, sich persönlich wenden mußte, räumte ihm einstweilen die für eine französische Domaine erklärte leerstehende Dompropstei zur Wohnung und Aufbewahrung seiner Kunstsachen ein, und Napoleon selbst, der während seiner Anwesenheit in Köln Wallraf persönlich kennen gelernt, sicherte ihm in der Folge den freien Gebrauch dieses sehr großen Gebäudes auf seine ganze Lebenszeit zu.

Im Jahre siebzehnhundertachtundneunzig wurde Wallraf von Paris aus zum »conservateur des arts et des antiquités« in Köln und der Umgegend ernannt, was ihm, als höchst förderlich zu seinem Zwecke, allerdings sehr angenehm sein mußte; leider aber raubte ihm der Tod im nämlichen Jahre den Schutzengel seines Lebens, die edle Frau, der er Alles verdankte. Wie ein solcher Verlust auf das Gemüth unsers Freundes wirken mußte, ist leicht zu erachten. Bleich, krank, völlig gebrochenen Muthes wankte er lange einher; sein Schmerz ergoß sich nicht in Klagen, aber sein ganzes Aeußere verkündete, was er in tiefbetrübter Seele litt.

Um die nämliche Zeit ereignete sich ein Vorfall, der, obgleich man ihm eine gewisse komische Seite nicht absprechen kann, dem armen Wallraf dennoch viel Aerger und Verdruß verursachte.

Die durch ganz Europa auf Raub und Plünderung ausgehenden sogenannten Kunstfreunde in Paris hatten endlich auch von der mit alten herrlichen Kunstwerken überfüllten Stadt Köln Kunde erhalten. Sie hielten untereinander Rath, wie sie sich wenigstens einen Theil derselben aneignen könnten; den gewohnten Weg des geradezu Wegnehmens einzuschlagen, wollten hier die Verhältnisse nicht erlauben, man mußte feiner dabei zu Werke gehen, und die Art und Weise, wie dieses anzufangen sei, wurde bald gefunden.

Eine sehr große Anzahl künstlich ausgestopfter, recht schöner ausländischer Vögel war eben zur Hand, wahrscheinlich Doubletten aus früher geraubten Museen und Naturaliencabineten. Kluge Leute wissen Alles zu gebrauchen; die Vögel wurden zierlich aufgestutzt, sauber eingepackt und kunstverständigen Vertrauten der Gesellschaft übergehen, die sie nach Köln führten. Dort angelangt, zogen nun die neuen Papagenos mit ihren schweigsamen Volieren von Haus zu Haus, um ihre bunte Waare zum Verkauf auszubieten. Die Vögel waren gar zu allerliebst, so bunt, so schön, so niedlich, von so glänzenden Farben; wer sie sah, besonders unter den Leuten des Mittelstandes, konnte sich des Wunsches nicht erwehren, mit einigen dieser hübschen Geschöpfte sein Zimmer auszuschmücken. Sie sollten auch vereinzelt verkauft werden, aber der Preis, welcher dafür gefordert wurde, war hoch und die Zeiten schwer.

Die Herren Verkäufer äußerten indessen, daß sie sich wol entschließen könnten, die schönen bunten Vögel gegen verräucherte Bilder und ähnlichen alten unbrauchbaren Plunder einzutauschen, und nun ging es in den Häusern an ein Suchen, ein Poltern, ein Rumoren ohne Gleichen. Vom Speicher, aus Rumpelkammern und Verschlägen wurden alte verstaubte Gemälde an das Tageslicht geschleppt, an die keine lebende Seele seit Jahren gedacht; gemalte Fenster, altes Schnitzwerk, tausenderlei Dinge, die seit undenklicher Zeit unbeachtet aller Welt im Wege gestanden. Der Handel ging vortrefflich, Käufer und Verkäufer waren zufrieden, und ehe Wallraf ein Wort davon erfuhr, waren schon mehrere Kisten, vollgepackt mit nie zu ersetzenden Kunstwerken, auf dem Wege nach Paris.

Wallraf wollte darüber verzweifeln; gern hätte er Himmel und Erde bewegt, um diesem Unfuge zu steuern. Er wandte sich an die damals in Köln allein geltenden französischen Behörden, er brachte in Paris schriftlich seine Klagen an, vergebens, denn dem alten, etwas ordinairen, aber doch als wahr erprobten Sprichwort zufolge, pflegt eine Krähe nicht leicht einer andern die Augen auszuhacken. Seine Klagen fanden kein Gehör, und der Vogelhandel ging nicht nur fort, sondern wurde immer brillanter.

Wallraf's Freunde erinnerten ihn zwar scherzend an seinen eignen ehemaligen Tauschhandel mit Kupferstichen, aber sie nahmen doch seiner wirklich großen Bekümmerniß sich an. Sie vertheilten sich in mehreren Straßen der Stadt, gingen von Haus zu Haus, zu Bekannten und Unbekannten und machten den Leuten begreiflich, wie die Franzosen auf diese Weise die ganze Stadt aller Kunstwerke zu berauben Willens wären, welche seit vielen hundert Jahren der größte Schmuck derselben gewesen seien.

Das Wort »Franzose« brachte die braven Bürger sogleich wieder zur Besinnung; es war an und für sich ein Argument, gegen welches sich nichts einwenden ließ. Die noch vorhandenen Kunstwerke wurden wieder an ihren Ort gebracht, die Thüren verschlossen, die Vogelhändler fanden keine gutwilligen Käufer mehr. Grimm im Herzen gegen Wallraf, den sie als den Urheber dieser Veränderung betrachteten, zogen sie mit dem Rest ihrer bunten Waare, leider aber auch mit dem Ertrage der früher verkauften, sich wieder nach Paris zurück.

Die großen Räume seiner neuen Wohnung verleiteten indessen den guten Wallraf zu immer bedeutenderen Ankäufen, die den Werth seiner Sammlung vermehrten, durch die er aber zugleich in eine drückende Schuldenlast versank. Bei fortgesetzter strenger Sparsamkeit und der frugalsten Lebensweise reichte dennoch sein Einkommen bei weitem nicht hin, um seiner Lieblingsneigung und zugleich den immer sich steigernden Ansprüchen zu genügen, die von einer andern Seite an ihn gemacht wurden. Wallraf hatte eine einzige früh verwitwete Schwester, als Mutter von neun lebenden Kindern, bei sehr geringen Vermögensumständen, bedurfte sie seines Beistandes, den er ihr als treuer Bruder von jeher sehr liebevoll gewährte. Er selbst versagte sich Alles, die Schwester aber bewahrte er vor Mangel und Noth; er leitete die Erziehung ihrer Kinder, und als diese heranwuchsen, ließ er vier ihrer Söhne auf seine Kosten studiren. Er that es gern mit willigem, freudigem Herzen, aber seine Sorgen wurden dadurch vermehrt, seine Lage immer drückender, und außer der Freude an der Kunst, die ihn nie verließ, hatte er wenig Freude und Frieden mehr in der Welt. Seine Freundin war bei den Todten, und von Seiten seiner Verwandten erntete er späterhin nur Undank und Kummer, wo er Freude und Dank für sein späteres Alter zu gewinnen gehofft hatte.

Die nach Paris zurückgekehrten Vogelhändler hatten indessen ihren Freunden eine höchst lockende Beschreibung von den Schätzen gemacht, welche sie in dem alten düstern Köln, in Klöstern und Kirchen verborgen, hatten zurücklassen müssen. Daß alle geistliche Stiftungen längs dem linken Rheinufer nächstens würden aufgehoben werden, war damals schon so gut als gewiß, und welche reiche Ernte an Gemälden, Manuscripten, gemalten Fenstern u. s. w. mußte den pariser Kunstfreunden dann werden! wäre nur der eigensinnige »Conservateur des antiquités« Wallraf aus dem Wege geräumt!

In der festen Ueberzeugung, daß er sich nie dazu verstehen würde, wurde Wallraf auf ihren Antrieb jetzt aufgefordert, als Beamter der französischen Republik entweder den Bürgereid zu leisten, oder seine Stelle niederzulegen. Man hatte sich in seinen Vermuthungen nicht geirrt; der arme Wallraf gerieth durch diesen Antrag in einen inneren Kampf mit sich selbst, in eine an Verzweiflung grenzende Noth, wie er noch nie sie empfunden. Wie konnte, wie sollte er hier entscheiden! Als freier Reichsstädter war er ein geborner Republikaner im edelsten Sinne des Wortes, und im steten Umgange mit dem Geiste der alten Römer und Griechen war dieser ihm angeborne Freiheitssinn noch erhöht und gehoben. Er war fest überzeugt, daß ein freies Volk eben so groß, ebenso glücklich sein könne als ein von einem Könige beherrschtes, und in dem Eide selbst lag nichts, wogegen sein Gefühl von Recht und Unrecht sich empörte. Aber einer der beliebtesten Kanzelredner, ein echter Mann des Volkes, den Wallraf selbst achtete und liebte, hatte noch vor dem Einrücken der französischen Armee von der Kanzel herab die Leistung dieses Eides als ein unverzeihliches Vergehen gegen göttliche und menschliche Gesetze geschildert und dadurch das Volk gegen die auf diese Weise Beeidigten furchtbar aufgebracht; er stellte sie mit den pariser Schreckensmännern und Königsmördern in eine Reihe, und Haß, Verachtung, Abscheu folgten ihnen, wo sie sich zeigten. Durfte, konnte Wallraf, als Geistlicher, als Lehrer, als Rector der Universität einer solchen Unbill sich aussetzen, wenngleich sein Gewissen die That selbst, welche ihn der allgemeinen Verachtung preisgeben mußte, nicht misbilligte? Durfte er die Achtung, die Liebe, das Vertrauen seiner Mitbürger verscherzen, um seine Stelle sich zu erhalten? Und durfte er gerade in diesem Augenblick sie aufgeben, wo er durch sie bei der sichtlich nahen Aufhebung aller geistlichen Stiftungen allein in den Stand gesetzt werden konnte, seiner Vaterstadt, der er sein ganzes Leben geopfert, die Kunstschätze von achtundfunfzig Klöstern zu erhalten? Vergebens quälte er sich ab, um die Lösung dieser Fragen zu finden; tief im Innersten seines Gemüthes zerrissen, härmte er sich und ging bleich wie ein Todter umher, ohne zu einem Entschlusse gelangen zu können.

Der Geistliche, dessen Predigt das Volk so furchtbar gegen den französischen Eid aufgeregt, gerieth indessen mit Wallraf in gleiche Verlegenheit; auch ihm wurde ein Amt übertragen, in welchem er viel Gutes stiften konnte, bei welchem aber die Leistung jenes verhaßten Eides nicht zu umgehen war. Der geistliche Herr sträubte sich lange und heftig dagegen, mußte aber endlich nachgeben. Er war zu geachtet und zu geliebt in der Stadt, als daß der öffentliche Tadel hätte schwer auf ihn lassen sollen; die Meinungen und Ansichten des Volkes wurden milder, und Wallraf durfte jetzt getrosten Muthes dem Beispiel des allgemein verehrten Mannes folgen. Er that es mit innerem Widerstreben und duldete es gelassen, durch sein inneres Bewußtsein getröstet, wenn noch lange nachher die Leute auf den Straßen zuweilen mit Fingern auf ihn wiesen und zu einander sagten: »das ist er, der den Eid geleistet hat.«

 

Im April des Jahres achtzehnhundertundzwei fiel endlich der lange gefürchtete Schlag. Die geistlichen Stiftungen längs dem linken Rheinufer wurden durch den ersten Consul Bonaparte aufgelöst, ihr Vermögen eingezogen, ihre Besitzungen, welche fast ein Drittel des ganzen Bodens ausmachten, für französische Domainen erklärt. Die Mitglieder der reichen Kapitel, Abteien und anderer Stiftungen erhielten, ohne Unterschied der Person und des Ranges, eine lebenslängliche Pension von fünfhundert Franken statt der bisher genossenen reichen Pfründen. Alles übrige Geld ging in französische Hände; der zur Unterhaltung der kirchlichen Gebäude nothwendigen Fonds wurde gar nicht gedacht.

Auch Wallraf verlor seine beiden Präbenden; den eignen Verlust wußte er gelassen zu tragen, aber sein sonst so mildes Gemüth empörte sich über die Ungerechtigkeit, mit welcher die geraubten Güter verwaltet wurden, ohne des eigentlichen Zweckes ihrer Stiftung zum Besten der Armen und der Schulen zu gedenken. Er sprach laut und heftig dagegen, aber Alles blieb, wie es einmal war, und seine Stimme verhallte wie in einer Wüste.

Sein Museum wurde indessen durch die Raubsucht der fremden Herrscher unglaublich bereichert. Er sammelte, rettete in diesen trüben Tagen der Verwüstung, soviel er immer konnte. Der Maler Fuchs und sein würdiger Freund und Schüler de Noel, der jetzt der Ordnung und Erhaltung des von Wallraf gestifteten Museums sich mit lobenswürdigem Eifer annimmt, standen bei der Auswahl der des Aufbewahrens würdigen Gegenstände mit ihrem Rathe ihm bei. Wallraf wurde durch die Menge derselben fast erdrückt; sein großes Haus wurde ihm zu enge, kein freier Tisch, fast kein Stuhl, den er einem Besuchenden hätte anbieten können, war in seinem Wohnzimmer zu finden; sogar sein Bett war mit Gemälden und Kupferstichen beladen. Bei dieser Ueberfülle war an kein Ordnen der verschiedenartigsten Gegenstände zu denken; zahllose Fremde, die nach jener Zeit ihn besuchten und oft, ohne selbst einigen wahren Gewinn davon zu haben, ihn seiner kostbarsten Stunden beraubten, haben seine Sammlung in diesem Zustande gesehen und hinterdrein oft darüber gespottet.

Bei der allgemeinen Zerrüttung alles Langebestehenden war auch die Universität nicht verschont worden. Eine Centralschule wurde anstatt derselben errichtet, bei welcher Wallraf als Lehrer der Aesthetik mit einem Gehalt von beinah tausend Thalern angestellt wurde. Er nahm mit großem Eifer und vielem Gelingen der Bildung seiner Schüler sich an und freute sich der Gelegenheit, auch hier mannichfaltiges Gute zu stiften.

Doch immer schwerer wurde ihm die Schuldenlast, die ihn drückte, von der nicht abzusehen war, wie er sich jemals würde von ihr befreien können. Bei seinem sehr verringerten Einkommen machte die jährliche Bezahlung der Zinsen schon allein ihm Sorge und Kummer, und nun kam noch von einer Seite, wo er dieses am wenigsten erwarten konnte, eine Vermehrung derselben hinzu, die sein ohnehin wundes Gemüth tief und schmerzlich verletzte.

Die Schwester, der er von jeher mit großen Aufopferungen Gutes gethan, die ihm unsäglich viel zu verdanken hatte, fing an, durch ziemlich laut ausgesprochene Unzufriedenheit ihm das Leben zu erschweren. Sogenannte gute Freunde hatten der beschränkten Frau vorgestellt, wie die Kunstsammlung ihres Bruders wenigstens eine Million Franks werth wäre, die er im Begriff stehe der Stadt zu schenken, während sie und ihre Kinder, die doch das nächste Anrecht an seinen Nachlaß hätten, nach seinem Tode würden leer ausgehen müssen. Ränkesüchtige Sachwalter mischten sich hinein, fachten den Funken der Zwietracht zur helllodernden Flamme auf und verleiteten die bethörte Frau zu nicht zu entschuldigenden Vorwürfen gegen ihren tiefgekränkten Bruder. Wallraf war schmerzlich betrübt, aber er zürnte der Schwester nicht; er fuhr sogar fort, ihr regelmäßig das ihr von ihm bestimmte Monatsgeld auszahlen zu lassen, was er, selbst in der größten eignen Bedrängniß, nie unterlassen, und äußerte oft, er könne nur als eine Verblendete sie bedauern.

Der pecuniäre Werth der Wallraf'schen Sammlung war freilich mit einer Million Franks viel zu hoch angeschlagen; aber daß das Ganze die Hälfte dieser Summe einbringen würde, wenn es nach Wallraf's Tode in London oder Paris öffentlich versteigert werden sollte, ließ mit großer Wahrscheinlichkeit sich im Voraus berechnen, und Wallraf selbst leugnete dieses nicht ab. Außer den Gemälden, den Kupferstichen, Handzeichnungen, werthvollen alten Münzen, antiken Gemmen und andern Gegenständen enthielt sie noch eine Menge alter seltner Manuscripte und Bücher aus der frühesten Zeit nach Erfindung der Buchdruckerei, sogenannte Incunabeln, für den Kenner und Liebhaber von unschätzbarem Werth, die besonders in London oft mit schwerem Golde aufgewogen werden. Doch alles Dieses war Wallraf's unbestrittnes selbsterworbnes Eigenthum. Von Patriotismus und leidenschaftlicher Kunstliebe getrieben, hatte er mehr als vierzig Jahre seines Lebens in selbstgewählter Armuth und Dürftigkeit hingebracht, um es für seine Vaterstadt zusammenzubringen. Hätte er gelebt wie Andre seines Gleichen, und wie sein Rang, sein Einkommen, sogar seine Gesundheit es eigentlich forderten, so wäre sein Nachlaß nach seinem Tode gewiß nicht von der Bedeutung gewesen, daß darüber unter seinen Erben Streit hätte entstehen können. Wallraf's ganzes Leben war eine Kette von Entbehrungen, aber auch ein überzeugender Beweis, wie viel selbst der arm und hülflos Geborne vermag, wenn er mit festem Muth und unabänderlichem Ernst Alles daran setzt, um ein hohes, sich selbst gestelltes Ziel zu erreichen.

Daß aus Bösem gewöhnlich Gutes entspringt, wenn man nur Geduld hat es abzuwarten, ist eine alte Behauptung, die öfterer ausgesprochen wird als geglaubt. Wallraf aber erfuhr die Wahrheit derselben während seines langen Lebens mehrere Male auf recht auffallende Weise. Das eigenmächtige Verfahren seiner ehemaligen Collegen am Montanergymnasium, durch das er mit aller seiner Habe plötzlich unter freien Himmel versetzt wurde, so hart er im ersten Augenblicke sich davon getroffen fühlte, verhalf ihm zu einer lebenslänglichen freien Wohnung, die ganz seinen Wünschen entsprach. Die Intrigue der pariser Vogelhändler, durch die sie ihn von seiner Stelle zu vertreiben meinten, bestätigte ihn in derselben, und das harte Verfahren seiner Schwester war die Veranlassung seiner Befreiung von der ihn drückenden Schuldenlast, und gewährte ihm ein ruhiges friedliches Alter, in Ehre und Ansehen bei seinen Mitbürgern.

Der Magistrat der von dem Joche der Franzosen endlich wieder frei gewordenen Stadt wurde von der traurigen Lage des patriotischgesinnten Greises unterrichtet, er trat hülfreich ein, um ihn aus derselben zu ziehen und zugleich der Stadt das mit so großer Aufopferung erworbene Geschenk desselben zu erhalten. Alles, was Wallraf an Kunstsachen gesammelt hatte, wurde von diesem zu Begründung eines städtischen Museums dem Senat feierlich übergeben, blieb aber unter seiner Verwaltung. Die Stadt übernahm dagegen alle seine Schulden und sicherte ihm auf eine, sein muthmaßliches Lebensziel übersteigende Reihe von Jahren eine sehr anständige Pension zu, von welcher nach seinem Tode, bis zum Ablauf der bestimmten Zeit, seine Schwester einen bedeutenden Theil genießen sollte. Diese gab sich damit zufrieden, besonders da Wallraf sogleich Anstalt traf, ihr einen bestimmten Antheil seines Einkommens noch bei seinen Lebzeiten zuzusichern.

Wallraf fühlte durch diese neue Einrichtung sich sehr glücklich. Von drückenden Sorgen befreit, konnte er heitern Muthes dem Spätabende seines Lebens entgegengehen. Er war jetzt ein achtundsechzigjähriger Greis, lebte aber fast noch sparsamer als zuvor, anstatt sich die Pflege und Bequemlichkeit zu gewähren, die sein höheres Alter erforderte. Er selbst behauptete, durch die Länge der Jahre dieser frugalen Lebensweise so gewohnt zu sein, daß es ihm schwer fallen würde, von derselben abzugehen; eigentlich aber ging sein ganzes Streben nur darauf aus, die seiner Vaterstadt jetzt angehörende Sammlung durch neue Ankäufe noch zu vermehren.

Keine Bitten, keine Vorstellungen seiner um ihn besorgten Freunde und Freundinnen vermochten, ihn zu einer Abänderung seiner Lebensweise zu bringen. Durch Uebersendung seinem Alter zuträglicherer, besserer Speisen ihm beizukommen, war unmöglich; jeder Versuch dieser Art würde sein feines Gefühl verletzt haben; ließ er doch Vormittags nie bei seinen wohlhabenden Freunden sich blicken, um nur nicht das Ansehen zu gewinnen, als erwarte er, zu Tische eingeladen zu werden. Sein gewöhnliches Mittagsmahl bestand in einem Teller Kartoffeln oder gelbe Rüben, die er im Winter in seinem Zimmer auf einem dazu eingerichteten eisernen Ofen schmoren ließ. Er lebte mitten in einer neuen Generation, den Söhnen und Töchtern älterer ihm vorangegangener Freunde, die ihm zum Theil ihre Bildung verdankten und ihn wie ihren Vater liebten und ehrten. Die Tochter eines seiner edelsten und vertrautesten Freunde war sein Liebling; als Kind hatte sie ihn umspielt, und mit seinen Lehren war auch seine warme Kunstliebe in ihre junge Seele übergegangen. Als junge Frau sorgte sie mit kindlicher Liebe für ihn und suchte Alles hervor, um ihn zu erfreuen. Diese war bei seinen frugalen Mahlzeiten zuweilen gegenwärtig; dann pflegte er wol aus seinem reichen Schatze eine antike, aus edeln Steinen gebildete Trinkschale herbeizuholen, sie mit seltenem feurigen Weine zu füllen, dem einzigen Geschenke, das seine Freunde ihm darzubringen wagen durften, und, indem er sie sich von seiner jungen Freundin kredenzen ließ, fröhlichen Muthes auszurufen: jetzt frühstücke ich wie ein alter Römer!

Unter dem Vorwande, seiner männlichen Unbeholfenheit zu Hilfe zu kommen, durften die Freundinnen es wagen, ihn jeden Winter mit einem stattlichen, warmen und weichen Schlafrock zu versehen; die Männer sorgten dafür, daß es ihm wie an einem großen weiten Mantel von einem ganz eignen Schnitt fehle, den er, wenn es in seinem ungeheizten Zimmer kalt war, um sich warf und, indem er einen Zipfel desselben über die Schulter schlug, sich recht malerisch damit drapirte. Bei seiner hohen stattlichen Gestalt und den geistreichen ausdrucksvollen Zügen seines Gesichts sah er dann in der That einem alten Römer nicht ungleich.

Im Jahre achtzehnhundertundachtzehn versetzte die unerwartete Ankunft eines mit antik römischen Marmorbildern beladenen Schiffes den armen Wallraf in einen wirklich fieberhaften Zustand. Jugendlich begeistert, gleich einem der Geliebten entgegeneilenden Jüngling, eilte er an den Rhein, um wenigstens das Verzeichniß der angekommenen Statuen, Büsten, Basreliefs, Sarkophagen zu sehen, deren Erscheinung am vaterländischen Ufer ihm wie ein Wunder vorkam. Er traute seinen Augen kaum, während er die lange Liste plastischer Kunstwerke durchlief, die alle, in oder nahe bei Rom ausgegraben, von bewährten Kennern in jener Stadt für den verstorbenen König von Würtemberg zusammengebracht worden waren und jetzt, da der Tod desselben die Bestellung ungültig gemacht, einstweilen nach Holland geführt werden sollten, um dort vielleicht Käufer zu finden. Der Eigenthümer derselben ließ sich bewegen, sie auch in Köln auszupacken und öffentlich auszustellen.

Wallraf erblickte die Büsten des Kaisers Germanicus und dessen Tochter Agrippina, der ersten Gründerin von Köln; diese hohen edeln Ahnenbilder der geliebten Vaterstadt konnte er unmöglich wieder zu den Thoren derselben hinausziehen sehen. Und nun noch dazu diese Meduse in ihrer furchtbaren Herrlichkeit, und so viele andre Gebilde antiker Kunst! Er ging wie taumelnd umher, unaufhörlich der Möglichkeit nachsinnend, wenigstens einen Theil all' dieser Herrlichkeiten für Köln zu erwerben. Die Ankunft eines reichen und bedeutenden Kunstfreundes aus einer benachbarten Stadt steigerte sein Gefühl bis zur zitternden Angst. Viere der Büsten, eigentlich die Krone dieser Sammlung, waren an Jenen schon so gut als verkauft; Wallraf eilte zu ihm, um den Kauf wo möglich rückgängig zu machen. Den Erfolg seiner Bemühungen bezeugt folgendes Billet, das Wallraf am nämlichen Tage empfing, und das hier ein Plätzchen finden mag, weil es für Beide, den Schreiber wie den Empfänger, gleich ehrend ist.

 

»An den Kunstpatriarchen von Köln, den biedern Professor Wallraf.«

»Ich hoffe, Sie haben sich durch das lange Gespräch von diesem Morgen hinlänglich überzeugt, daß ich ein unbestreitbares Recht auf vier jener Büsten habe und diese durch Kauf mein Eigenthum sind. Kein Richter könnte sie mir nach den in Händen habenden Beweisen streitig machen. Indessen habe ich gesehen, wie sehr Ihnen, würdiger Herr Professor, die Sache zu Herzen geht, und ich würde mich schämen, wenn ich so hart wäre, Sie in Ihren Freuden stören zu können. Zuerst Sie – dann die Stadt Köln, das sind die Rücksichten, die mich bewogen haben, Ihren friedlichen Erwerb nicht zu stören und Ihnen das Ganze zu überlassen, ohne dem Verkäufer wegen der gegen mich eingegangenen Verbindlichkeiten irgend eine Unannehmlichkeit zu verursachen. Genießen Sie die schönen Sachen ganz; ich gönne sie Ihnen gern, doppelt gern, seitdem ich gesehen, was Sie dafür gethan. Wer in der Welt noch nicht Ihr Freund ist, der muß es werden. Ich gehöre und zähle mich zu Ihren wärmsten Verehrern und wünschte, Sie hielten mich werth, Ihr Freund zu sein.«

»Köln den 30. Juli 1818.«

 

Entzückt, überselig, eilte Wallraf sogleich, Alles, was er an baarem Gelde besaß, zum Abschluß des Kaufes hinzugeben und dann mit der Bitte um dreijährige Vorausbezahlung seiner Pension sich an den Stadtrath zu wenden, um »seine zur Ehre der Stadt für den Ankauf eingegangenen Verbindlichkeiten zu erfüllen und die herrlichen Kunstschätze, ohne Gefahr der Veräußerung, in ihren Mauern zu bewahren.« Dies sind seine eignen Worte in der von ihm eingereichten Bittschrift. Er erhielt, was er verlangte, aber nichts darüber, und war zufrieden wie immer.

Der Abendhimmel seines sinkenden Lebens wölbte sich von nun an immer heiterer über ihm. Von liebenden Freunden umgeben, von seinen Mitbürgern geachtet und geehrt, sah er still zufrieden die letzten Tage seines Lebens dahinfließen. Bei ihrer Anwesenheit in Köln besuchten die verbündeten Monarchen ihn mehrere Male in seinem Museum und ehrten ihn und sich selbst durch gerechte Anerkennung seines seltenen geistigen Vermögens und seines Verdienstes um die Vaterstadt. Von dem Könige von Preußen, jetzt auch der seinige, erhielt er den rothen Adlerorden; der Kaiser von Oestreich und die übrigen Fürsten und Herren ließen beim Abschiede werthvolle Ringe mit antiken geschnittenen Steinen und Kameen, wie sie den Kunstfreund am meisten erfreuen mußten, ihm zum Andenken zurück.

In ungestörter Heiterkeit des Geistes, und ungeachtet seines zunehmenden Alters noch immer rüstig und gesund, verlebte er noch einige Jahre. Allmälig aber äußerten sich bei ihm einige beunruhigende Symptome von Brustwassersucht und wurden immer bedenklicher, bis er im Jahre achtzehnhundertdreiundzwanzig wirklich sich so krank fühlte, daß er zu ärztlicher Hülfe seine Zuflucht nehmen und einer für seinen Zustand passendem Diät sich unterwerfen mußte.

Im März des folgenden Jahres wurde er bettlägrig, sein Geist aber blieb heiter und hell, und auf seine Veranstaltung waren es auch seine Umgebungen. Er hatte sein Bette in die Mitte eines großen Saales stellen lassen, dessen Wände mit seinen vorzüglichsten Lieblingsgemälden prangten. Seine Freunde nahmen wegen Eintheilung der Tagesstunden genaue Abrede unter einander. Drei derselben waren immer um ihn und wurden alle zwei Stunden von drei andern abgelöst. Seine körperlichen Leiden waren weder heftig noch anhaltend, sein Zustand keineswegs mit naher Gefahr drohend. Er hatte viele Stunden im Tage, in welchen er auf die absichtlich heiter gewählte Unterhaltung seiner Freunde mit gewohnter Lebhaftigkeit eingehen konnte. Oft aber wandte er das Gespräch auch ernstern Gegenständen zu, und immer, bis zum letzten Hauche seines Lebens, blieb sein Umgang belehrend und erhebend.

Am sechzehnten März verlangte er bei voller Geisteskraft und aus freiem Entschluß, zufolge dem Gebrauche seiner Kirche die letzte Oelung zu empfangen, und hielt nach Vollendung der geistlichen Ceremonie noch dem Kaplan einen recht eindringlichen derben Sermon über die Eile und wenige Würde, mit der er diese kirchliche Handlung vollbracht hatte. Den Tag und den darauffolgenden brachte er wie gewöhnlich zu, und Keiner von Allen, die ihn umgaben, ahnte das nahe Ende seines Lebens.

Am achtzehnten März schlummerte er, von einem Schlagfluß getroffen, schmerzlos und sanft ein, um in einer bessern Welt zu erwachen.

Die Nachricht von Wallraf's Ableben versetzte alle Einwohner der Stadt in tiefe Trauer. Die Exequien des edeln Greises, der mit unerhörter Aufopferung sein ganzes Leben in Armuth und Dürftigkeit hingebracht hatte, wurden mit fast fürstlicher Pracht begangen. Drei Tage lang blieb seine entseelte Hülle unter würdigen Umgebungen in einem schwarz drapirten Saale ausgestellt. Der größte Theil der Einwohner von Köln drängte sich herbei, um ihn im Tode zu sehen; und als der Tag des Begräbnisses herankam, war es in der ganzen Stadt, als ob aus jedem Hause ein geliebter Vater zu Grabe getragen werden solle. Der Trauerzug, der unter feierlichem Glockengeläute dem Sarge folgte, war fast unübersehbar, zahllose Fußgänger und alle Wagen und Equipagen in der Stadt schlossen ihm sich an.

 

Noch bis zur heutigen Stunde liegt Wallraf's Museum in dem ihm von der Stadt eingeräumten neuen Local zum großen Theil noch ungeordnet da, und es ist unmöglich, dem Ganzen eine erfreuliche Uebersicht abzugewinnen. Glücklicherweise ist auf Wallraf's treuen Schüler und Freund, den wackern de Noel, mit dem warmen Gesicht für Kunst und Alterthum seines edeln Lehrers auch ein großer Theil von dessen patriotischer, kein Opfer scheuender Sinnesart übergegangen; denn auf die uneigennützigste Weise, von außen wenig unterstützt, nimmt dieser brave Mann des Kunstnachlasses seines verewigten Freundes sich an. Alle Stunden beinahe, die seine eignen Geschäfte und seine übrigen Verbindungen ihm übriglassen, verwendet er darauf, dieses fast unübersehbare Chaos zu ordnen, zu sichten und es auf würdige Weise im Sinne seines Stifters zu dem Zwecke einzurichten, zu welchem alle diese Kunstgegenstände zusammengebracht wurden.

Die reiche Kupferstichsammlung sowie auch die nicht minder merkwürdige der Handzeichnungen sind einstweilen der öffentlichen Bibliothek übergeben. Die Sammlung alter Münzen, antiker Vasen und Schalen sowie der geschnittenen Steine und Kameen liegen noch ungeordnet und werden nicht gezeigt.

Einige Zimmer im Erdgestock des Hauses sind mit den heterogensten Gegenständen angefüllt, die sich selbst untereinander über ihr unerwartetes Zusammentreffen zu wundern scheinen. Kleine nicht übel gearbeitete colorirte Wachsbildchen in erhabner Arbeit, die vielleicht noch aus jener Zeit herstammen, in welcher Wallraf eine Art Tauschhandel mit solchen Sächelchen trieb, stehen neben den interessantesten Alterthümern aus der römischen Zeit, die am Ufer des Rheines ausgegraben wurden; antike Bronzen, Vasen, kleine Hausgötter, neben mit den Köpfen wackelnden chinesischen Pagoden; eine Menge Isisbilder, antike irdene und gläserne Schalen und Krüge in den verschiedenartigsten Formen; eine Unzahl kleiner, aus dem Haushalt der alten Römer zu uns herübergekommener Gegenstände, dann auch Basreliefs, Votivsteine, Sarkophagen; dann wieder Gegenstände christlicher Verehrung aus einer späteren, wenngleich noch immer sehr alten Zeit; altes Schnitzwerk, zum Theil trefflich gearbeitet und vergoldet, das aus den aufgehobenen Kirchen vor der Zerstörung hieher gerettet ward, alte Glasmalereien und tausend ähnliche Dinge mehr. Möge dem guten de Noel Muth und Geduld werden, um diesen Wirrwarr zu entwirren, das Gleichgültige zu beseitigen und das Vorzügliche dem Auge des Kunstfreundes zugänglicher zu machen!

In einem Zimmer diesem gegenüber sind die Werke antiker plastischer Kunst schon besser geordnet und aufgestellt; hier stehen neben vielen andern die Büsten des Germanicus und der Agrippina, welche Wallraf mit so großer Aufopferung unter wirklicher Herzensangst erwarb und noch in den letzten Jahren seines Lebens seiner Vaterstadt zum Geschenke darbrachte. Merkwürdig vor Allem ist ein Brutuskopf, der in Rom ausgegraben wurde; der Rumpf ist modern, der Kopf aber wirklich antik, von ausgezeichnet schönem Charakter und trefflich gearbeitet.

Die Krone von allen hier aufgestellten Antiken ist und bleibt aber eine kolossale Maske der Medusa, von deren furchtbarer Schönheit die Titelvignette dieses Buches eine getreue Abbildung gibt, welche aber freilich, des sehr verkleinerten Maßstabes wegen, immer nur eine unvollkommne Idee von der seltenen Herrlichkeit des Originals gewähren kann, das Jeden, der es erblickt, mit Bewunderung erfüllt.

Folgender Brief des vor einiger Zeit in Rom verstorbenen berühmten und gelehrten Alterthumskenners Visconti an den damaligen Besitzer dieses Medusenhauptes, am zwanzigsten October des Jahres achtzehnhundertundsiebenzehn geschrieben, gewährt einen deutlichem Begriff von der Schönheit und Merkwürdigkeit desselben, als meine Beschreibung zu geben vermöchte.

»Sie wünschen den Gegenstand des berühmten runden Basreliefs zu kennen, dessen glücklicher Besitzer Sie sind. Dasselbe stellt die Medusa vor, welche auch als eifrige Beförderung des Ackerbaues, oder auch als Bewohnerin der im äthiopischen Meere gelegenen gorgadischen Inseln den Beinamen Gorgone führt.«

»Dieses schöne Mädchen, Tochter des Phorkys und der Ceto, oder Jungfrau, oder Seegeschöpf, zählte unter ihre seltenen Reize ein unvergleichlich schönes goldfarbiges Haupthaar, von dem Ovid singt:

Viele der Werber auch hofften, voll Eifersucht gegen einander
Sie zu besitzen, doch strahlte vor allen Reizen des Körpers
Herrlich die Locke hervor.

Von ihren Reizen leidenschaftlich hingerissen, entbrannte Neptun in Liebe zu ihr und entheiligte den Tempel der Minerva. Die Göttin, über diese frevelhafte Entweihung ihres Tempel entrüstet, verwandelte Medusens Haare, wie Ovid singt:

Wandelte gleich der Gorgone Gelock in scheußliche Nattern,

und gab ihrem Haupte die fürchterliche Zauberkraft, das Gesicht eines Jeden, der sie betrachtete, zu versteinern.«

»Perseus hieb ihr zuletzt, mit dem Schilde der Pallas und dem Schwerte Merkurs gerüstet, das Haupt ab. Die aus dem abgeschlagnen Haupte zu Boden gefallenen Blutstropfen erzeugten in Afrikas Wüsten eben so viele giftige Schlangen, weshalb diese dort so häufig sind. Die Kriegsgöttin nahm nach der Aussage des Euripides dies schreckliche Haupt in ihren Schild auf, und es wurde dasselbe stets bei den Alten mit heiligen Schauern betrachtet; weshalb es auf Gräbern als Schutzmittel gegen Bezauberung und in Tempeln zur Entfernung der Frevler ausgehauen war.«

»Dieses Ihr antikes Basrelief, das Haupt der Medusa vorstellend, ist nahe bei dem Tempel des Friedens aufgefunden worden, und die kühne, edle griechische Arbeit deutet auf das Zeitalter dieses berühmten Tempels.«

»Das Ganze mißt ungefähr fünf römische Palmen im Durchmesser und ist aus hartem griechischen Marmor gearbeitet. Ueberraschend sind an demselben die schlangenartig sich windenden Haarmassen, welche dem Ganzen eine so geschmackvolle Rundung geben. Zwei das Gesicht beschattende Flügel geben ihm nicht blos das Seltsame einer außerordentlichen Erscheinung, sondern sie beziehen sich auch auf die Mythologie. Man gab nämlich der Medusa und ihren Schwestern goldne Flügel, vermittelst welcher letztere, als sie die Gorgone getödtet sahen, sogleich nachflogen, um den Perseus zu zerreißen, den sie auch eingeholt haben würden, hätte ihn der wunderthätige Helm des Pluto, womit er bedeckt war, nicht unsichtbar gemacht.«

»Zwei große Schlagen sind auf der Stirn der Medusa einander zugekehrt; ihre schuppigen Leiber fassen mit ihrem Gewinde die jungfräulichen Wangen ein und bilden unter dem Kinn, in einem fürchterlichen Knoten geschürzt, einen gräßlichen Halsschmuck. Zwei schlicht eingewundne Bandzipfel hängen im Geflecht von Schlagen und Haaren zu beiden Seiten des Gesichts hinab; diese in zwei kleine eichelförmige Knöpfe auslaufenden Bänder, womit die Alten die Heiligkeit des Ortes zu bezeichnen pflegten, deuten hier auf den Friedenstempel, dessen Schmuck das Medusenhaupt war.«

»Stirn und Augenbrauen dieser Medusa sind mit so vieler Kunst gearbeitet, daß man gleichsam die hingeschwundene Schönheit, das Verbrechen, den Schmerz und den Zorn auf denselben liest. Die Augen haben jenen wildeindringenden Blick, der noch jetzt ihren Feinden Grausen einzuflößen scheint.«

»In diesem Ihren vortrefflichen und sehr wenig beschädigten Marmorwerk zeigt der griechische Künstler die Schönheit, den Zorn und den Schmerz und hat mit jener den großen Künstlern eignen Kühnheit darin mit aus dem Gefühl geschöpften Zügen zugleich das Handeln und das Leiden der Seele ausgedrückt. Die Zeichnung ist rein und trägt den Stempel jenes glücklichen Zeitalters, in welchem ein Titus, die Freude des menschlichen Geschlechts, lebte.«

»Dies antike Bildniß, auf seine erfoderliche Höhe gestellt, wird von Künstlern als das Werk eines der vorzüglichsten griechischen Bildhauer anerkannt werden, welche durch eine geistreiche Bearbeitung dem kalten Marmor Geist und Leben einzuhauchen verstanden.«

 

Der sehr zahlreichen Sammlung von Gemälden, meistentheils aus der alten niederrheinischen Schule, ist eine bedeutende Reihe von Zimmern im obern Stocke des Hauses eingeräumt. Daß nicht alle von gleich hohem Kunstwerthe sind, daß manches sich darunter befinden muß, was nur durch die frühe Zeit, aus welcher es herstammt, hier eine Stelle verdient, geht schon aus der Art, wie diese Sammlung zusammengebracht wurde, hervor. Die Zahl des wahrhaft Schönen und Bedeutenden, das sie enthält, bleibt indessen noch immer groß, selbst wenn alles Mittelmäßige neben dem ganz Werthlosen ausgesondert werden sollte. Der sehr geschickte Restaurator, Herr Laurent, hat mit schonend leiser Hand im Laufe des vergangenen Sommers mehrere der vorzüglichsten Gemälde von hundertjährigem Staube, Weihrauch und Kerzendampf befreit, die, seit dieser dicke entstellende Schleier gelüftet wurde, in erneuter Farbenpracht strahlen.

Wie unter den plastischen Kunstwerken die Medusa, so trägt hier unter den Gemälden Schoreel's sterbende Maria vor allem andern den Preis davon. Schoreel's Pinsel und Geist sind darin unverkennbar, und nach den daran angebrachten Wappen wie der Gestalt der auf den Flügelbildern abgebildeten Donatoren, ist es von der nämlichen Familie von Hardenrath gestiftet worden, welche das große, den nämlichen Gegenstand darstellende Altargemälde von dem nämlichen Meister der Kirche St. Maria zum Kapitol schenkte. Leser, welche dieses treffliche Meisterwerk noch nicht kennen, das viele Jahre lang der schönste Schmuck der Boisserée'schen Sammlung war und jetzt in der königlichen Gemäldegallerie zu München sich befindet, finden in meinem, unter dem Titel »Johann van Eyck und seine Nachfolger« gewagten Versuch, das Leben einiger altdeutschen Maler zu beschreiben, bei dem Artikel Schoreel eine ausführliche Beschreibung desselben. Welches von Beiden in Hinsicht auf Kunst, Ausführung, Farbe und Schönheit des Gedankens und der Anordnung dem andern vorzuziehen sei, ist nicht leicht zu entscheiden. Das kölner Bild ist weit kleiner als das Boisserée'sche, es bildet ein nicht hohes längliches Viereck und wurde wahrscheinlich für eine kleine Hauskapelle der Familie Hardenrath gemalt. Das Bette, auf welchem die Heilige sanft entschlummerte, steht mit der einen Seite längs der Wand im Hintergrunde gestellt und nicht wie auf dem größeren Bilde nur mit dem Hauptende. Zierliche Ordnung, bei altväterlicher Einfachheit, herrscht hier wie dort in dem Zimmer der heiligen Jungfrau, sie ist etwas älter dargestellt als auf dem größern Gemälde; das schöne bleiche Köpfchen ruht wie schlummernd auf einem mit Schnüren und Bändern zierlichst geschmückten Kopfkissen; keine Spur von Todeskampf ist sichtbar, der sanftgeöffneten Lippe scheint so eben der letzte Hauch zu entschweben. Einer der Jünger tritt zu der offenstehenden Thüre herein; mehrerer derselben umstehen mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes das Bette, Petrus, von einem prächtigen weiten Talar von Goldbrokat umflossen, kniet, in einem Buche lesend, an der Bettseite.

Wie auf dem größern Bilde ist auch auf den Flügelbildern von diesem die Familie des Stifters desselben, von ihren Schutzheiligen umgeben, dargestellt, die nämlichen Heiligen wie dort, nur etwas anders gruppirt; hinter den beiden Männern der heilige Dionys und der heilige Georg, eben wie dort auch. Der heilige Georg trägt bei voller Rüstung einen wunderlichen Kopfputz, eine Art perückenartiger Mütze von rother Wolle, voll kleiner krauser Löckchen. Zur Schonung der Haare sollen die Ritter des Mittelalters solche Mützen unter dem Helm getragen haben, und in alten Rüstkammern finden sich dergleichen noch zuweilen vor. Auf dem zweiten Flügelbilde sind ebenfalls wie auf den größeren die heilige Christina mit ihrem Mühlenstein und die heilige Jodula, der ein kleiner Teufel das Licht ihrer Laterne auslöschen will, hinter ihren vor ihnen knieenden Schutzempfohlenen abgebildet. Es ist ein wunderschönes Bild, in welches man immer tiefer sich hineinsieht, je länger man davor verweilt.

Höchst merkwürdig, wegen seines noch über die Entstehung des Dombildes hinausreichenden hohen Alters, ist eine Darstellung des jüngsten Gerichts, trefflich gemalt, von großer Farbenpracht, besonders jetzt, nun sie durch Herrn Laurent's kunstreiche Hände gereinigt ist, aber in der Composition an das gräßlich Fratzenhafte grenzend; vor Allem in Hinsicht der Teufelsgestalten, die mit ihren an Armen, Händen, Füßen angebrachten gräulichen Gesichtern umherschwärmen, um die armen Seelen einzuängstigen, denen ohnehin schon bange genug ist. Wie wenig von dem eigentlichen Geiste der Kunst zur Zeit der Entstehung dieses Bildes in die Malerei übergegangen war, erblickt man recht deutlich, und zwar noch deutlicher als auf diesem Hauptbilde, auf zwölf kleinen, auf Goldgrund höchst sauber und vollendet gemalten Bildern, die, immer drei übereinandergestellt, die Flügelbilder dieses großen Gemäldes sonst ausmachten. Sie sind das Privateigentum eines Kunstliebhabers, in dessen Hause ich durch Herrn de Noel's Vermittelung sie gesehen, und stellen das Märtyrerthum von zwölf verschiedenen Heiligen recht anschaulich dar. Ein Gegenstand, von welchem man sonst schaudernd sich abwendet, den man aber hier mit großer Gelassenheit betrachten kann, weil es den frommen Leuten ziemlich einerlei zu sein scheint, was mit ihnen geschieht; sie sehen ganz freundlich dazu aus. St. Johannes sitzt in seinem siedenden Oelkessel wie in einem lauwarmen Bade; St. Bartholomäus sieht, während er geschunden wird, aus, als würde er von zarten Händen sanft frottirt. Auch die Henker sind gar nicht die scheußlich-verzerrten blutdürstigen Mordknechte, wie sie wol sonst auf ähnlichen Gemälden dargestellt werden, sie sehen ganz honett, wie ehrliche emsige Handwerksleute aus, die das ihnen Aufgetragne ohne große Anstrengung redlich vollbringen. Aber wie das Alles gemalt ist! mit welcher Ausführlichkeit, wie sauber, wie fein, mit welchen Farben: man muß es sehen, denn beschreiben läßt es sich nicht.

Nur ein vielleicht noch älteres Gemälde in diesem Museum will ich wegen des Gegenstandes noch erwähnen, der mir so ausführlich dargestellt und wirklich gut gemalt noch nicht vorgekommen ist. Das Fegefeuer ist darauf abgebildet. Unten flammt das grimmige Feuermeer, der Herr Christus thront oben darüber in den Wolken und zeigt mit dem Finger darauf hin, über ihm schwebt eine Menge kleiner Engel ohne Hände und Füße, auf himmelblauen Flügeln umherflatternd, in langen dünnen, ihnen in der Luft nachziehenden, ebenfalls blauen Gewändern, die unten in zwei Spitzen ausgehen, ungefähr wie ein Schwalbenschweif, so sehen sie in diesem Costum jenen Vögeln nicht unähnlich.

Eine mitleidige Heilige, durch fleißiges Messelesenlassen der überlebenden Freunde der Verstorbenen dazu bewogen, gießt kühlendes Weihwasser in die lodernden Flammen. Ein reichdrapirter Engel in Jünglingsgestalt hat eben ein durch das Feuer und die Fürbitte frommer Verwandten schneeweiß geläutertes Seelchen aus dem flammenden See herausgefischt und hält das kleine, kaum einen Zoll lange Figürchen auf der Hand.

Doch für jetzt genug von Gemälden; Wallraf's Schätze werden erst, wenn sie besser geordnet sind, in vollem Glanze sich zeigen, wozu Raum genug vorhanden, und womit jetzt erst der Anfang gemacht werden konnte. Herr de Noel hat dabei die Idee, zur Bequemlichkeit der das Museum Besuchenden die Zimmer, in welchem die altdeutschen Gemälde hängen, einigermaßen zu meubliren, und zwar mit uraltem Prachtgeräth aus den Zeiten unserer Vorfahren, was in Köln wol leichter auszuführen sein möchte als in jeder andern Stadt. Einige, zum Theil nach alter Art sehr künstlich gearbeitete Stühle, Tische und Schränke, die er mit Mühe zusammenbrachte, nehmen an dem Platze, wo sie stehen, sich so gut und zu dem Ganzen passend aus, daß man wünschen muß, es würde ihm möglich gemacht, diesen Plan wirklich auszuführen.

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