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Gutenberg > Eduard Bauernfeld >

Aus Versailles

Eduard Bauernfeld: Aus Versailles - Kapitel 4
Quellenangabe
typedrama
booktitleGesammelte Schriften Band 6
authorEduard v. Bauernfeld
firstpub1849
year1872
publisherWilhelm Braumüller
addressWien
titleAus Versailles
pages51-52
created20060813
sendergerd.bouillon
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Dritter Act.

(Empfangssaal. In der Mitte des Hintergrundes große, farbige Fenster, die geschlossen sind. Dem Schauspieler rechts, im Hintergrunde ein Balkon, der in den Garten führt; links ein offener Ausgang in die Vorzimmer. Rechts im Vordergrund eine Thür zu den Zimmern des Königs.)

 

Erste Scene.

Baron Chablonnes. Chamilly.

Chablonnes (geht auf und ab). Sie will nicht kommen! Sie schläft noch immer! Seit gestern Mittag – und es ist fast Abend. Die Frau hat keine Ordnung! (Zu Chamilly.) Seine Majestät wollen die Frau Dauphine – (Sich selbst verbessernd.) Königliche Hoheit – welche sich wiederholt eine Audienz ausgebeten, hier in der Garten-Gallerie empfangen, Chamilly.

Chamilly. Sehr wohl, Excellenz.

Chablonnes. Der gesammte Hofstaat soll sich einfinden. Seine Majestät werden das neue Hoffräulein selbst vorstellen. Schlag sieben. Um acht Uhr leichtes Souper, dann zu Bette. (Entläßt ihn.)

Chamilly (zögernd). Seine Majestät verlangen mich nicht, Excellenz?

Chablonnes. Nein. Warum?

Chamilly. Excellenz wissen, daß der Herr Erzbischof von Paris sich seit gestern hier im Schloß befinden.

Chablonnes. Nun ja! Was weiter?

Chamilly. Es heißt, Seine Gnaden sollen den Herrn vorbereiten auf die Gefahr.

Chablonnes. Es ist keine Gefahr.

Chamilly. Doch, doch, Excellenz! (Tritt näher, halblaut.) Heute Morgens, beim Aufstehen – der Herr waren äußerst schwach und sanken beim Ankleiden völlig wieder zusammen. Auch zeigten sich Flecken am Leib, wie ein Ausschlag. Wenn's die bösartigen Blattern wären, wie man längst vermuthet!

Chablonnes. Flecken! Blattern! Dummes Zeug!

Chamilly. Ich sage nur, was ich sehe, Excellenz.

Chablonnes. Das sollen Sie nicht sagen! Sie sollen auch nichts sehen. Gehen Sie.

Chamilly (ab, im Hintergrund).

Zweite Scene.

Chablonnes (allein). Dann der König.

Chablonnes (allein). Der arme Herr! Chamilly hat recht – er ist schwach, sehr schwach. Die Aerzte zucken die Achsel – aber man muß schweigen. – Wenn der Moment nahe wäre – dann könnte man sich in's Grab legen – (gerührt) In aller Ordnung. Still! Der Herr – (Tritt zurück.)

König (von der Seite rechts tritt auf, geht auf und ab. Nach einer Pause). Chablonnes!

Chablonnes (nähert sich). Majestät!

König. Warum kommt der Polizeiminister nicht? Es war längst seine Stunde. Paris soll in Gährung sein, wegen der Auflösung des Parlaments, wegen der neuen Steuern – warum erhalt' ich keine Nachrichten?

Chablonnes. Es war wohl nicht von Bedeutung, Sire.

König (fährt ihn an). Nicht von Bedeutung! Was verstehen Sie! – Aber es ist die Sache des Ministers. Auch will ich den Autor jenes Pamphlets entdeckt haben, jenes elenden Pasquills! Er soll mir in die Bastille – auf Lebenszeit!

Chablonnes. Wenn Eure Majestät befehlen, so will ich Herrn von Sartines sogleich –

König. Fragen Sie nicht! Gehen Sie!

Chablonnes (im Abgehen). Der Herr ist heute in einer Laune –

König. Chablonnes! Bleiben Sie. Ich will noch vorher – Wo haben Sie Ihre Vormerkungen? Sie sollten mich ja mahnen, an – (hält inne).

Chablonnes (sucht im Portefeuille). An Marseille, Sire?

König. Mit Ihrem Marseille! Lassen Sie Ihre Vormerkungen! Holen Sie die Gräfin.

Chablonnes. Die Gräfin, Sire?

König. Die Du Barry! Hören Sie nicht?

Chablonnes (geht zögernd). Sehr wohl, Majestät – (kehrt um, mit Wichtigkeit). Aber wenn sie schläft, Sire?

König (wider Willen schmunzelnd). Dann wecken Sie sie auf. Ich erlaub' es Ihnen. Ich überhebe Sie jeden Ceremoniells. Aber machen Sie schnell.

Chablonnes. Ich eile, Sire. Ich sehe Euere Majestät wieder heiterer – das leiht mir altem Manne Flügel. (Ab.)

Dritte Scene.

König (allein). Heiter! Wenn ich's wäre – es sein könnte! Sonst war ich's – sonst – – (tritt vor den Spiegel zur Seite links.) Ist das wirklich Ludwig der Fünfzehnte? Sie nannten ihn einst den Vielgeliebten – die Zeiten sind vorüber! – Als ich schwer krank in Metz darniederlag, da gerieth ganz Paris in Aufruhr, das ganze Königreich! Die Kirchen wurden Tag und Nacht nicht leer von Betenden für des Königs Heil – und als er genas, welche Freude, welches Entzücken, welcher laut schallende Jubel! Welches Blumenstreuen auf allen Wegen, die ich ging! Welches Glockengeläute! – Ach, es ist doch süß, so geliebt zu sein! – Warum bin ich's jetzt nicht mehr? – Damals war ich jung und gewann Schlachten – darum jubelten sie! Jetzt bin ich alt und muß Steuern ausschreiben – wo soll da der Jubel herkommen? – Keine Blumen mehr, keine Glocken! Paris weiß, daß ich krank bin, ganz Frankreich – aber es bleibt stumm und stumpf – gleichgiltig. Ich bin alt und krank und sie lassen mich einsam und allein – der König ist alt geworden, wie der Mensch – ich glaube, sie hätten ihn lieber todt.

Vierte Scene.

Der König. Gräfin Du Barry (prächtig gekleidet, mit Brillanten geschmückt, kommt über den Balkon).

König (erblickt ihr Bild im Spiegel und wendet sich um). Ah – die Gräfin!

Du Barry. Die muntere Du Barry wünscht ihrem Frankreich einen freundlichen guten Abend.

König (betrachtet sie mit Wohlgefallen). Sie sehen glänzend aus, Gräfin – (wie neidisch). Frisch und gesund, mein' ich.

Du Barry. Noch ein wenig von der Reise angegriffen, nicht?

König. Von der Reise –

Du Barry. Ich bedurfte der Ruhe, der Erholung – darum hatt' ich mich verspätet. Ich komme eigentlich, Sie um eine Gefälligkeit zu bitten, Sire.

König (übler Laune). Sie wählen Ihre Zeit schlecht, Du Barry! Ich erwarte die Dauphine.

Du Barry (gleichgiltig). So! – Die Gefälligkeit also! Es handelt sich nämlich um eine goldene Toilette.

König. Doch nicht die von Réné?

Du Barry. Dieselbe. Mein ganzes Herz hängt daran! Ich muß sie haben – heute noch – eh' sie mir Jemand vorkauft. Aber ich bin jetzt nicht bei Kasse. Deßhalb wollt' ich Sie ersuchen, Sire, mir zehntausend Louisd'ors vorzustrecken. Ich zahle sie pünktlich zurück.

König (nach einer kleinen Pause). Ist das Alles?

Du Barry. Alles.

König. Sonst verlangen Sie nichts? Zehntausend Louisd'ors!

Du Barry. Es ist eine Kleinigkeit.

König. Sie werden nicht einen einzigen Louisd'or bekommen, Madame.

Du Barry. Ist mein Frankreich geizig geworden?

König. Nein. Aber vorsichtig. Ich leihe nicht gern an Leute, die unnöthige Reisen machen. – Wozu kamen Sie hieher?

Du Barry. Ich kam, um Euere Majestät zu pflegen –

König. Spioniren – das nennen Sie pflegen!

Du Barry (fortfahrend). Aber ich fand meine Stelle besetzt. Das Fräulein von Ségur –

König. Eine königliche Eleve! Ich sagte Ihnen schon. – Noch einmal: warum sind Sie hier?

Du Barry. Weil ich mich in Hyères langweilte.

König. Freilich, freilich! Darum gingen Sie nach Marseille.

Du Barry. Nach Marseille –

König. Hat's getroffen? – Ich bin mit Ihrer Aufführung äußerst unzufrieden, Madame.

Du Barry. Eine Strafpredigt also? Man muß sich in Geduld fassen. (Setzt sich.)

König (tritt zu ihr). Schon häufig hat man mir Dinge von ihnen hinterbracht, die ich nicht glauben wollte, aber diesmal! Meine Nachrichten sind zu sicher, die Quelle ist zu lauter. Rechtfertigen Sie sich, wenn Sie können. Auf einem Matrosenball zu tanzen! Mit einem riesigen Sergeant! Sie hören, ich weiß Alles!

Du Barry (im tragischen Tone). Die Zeit verrinnt – und während wir sprechen, kann's geschehen sein –

König. Geschehen? Was?

Du Barry (steht wieder auf). Der Vorkäufer kann kommen – vielleicht gar eine Vorkäuferin – die goldene Toilette kann für mich verloren sein –

König. Mit Ihrer Toilette! Sie sind eine Unverschämte!

Du Barry (die Augen gegen Himmel). Ich wäre trostlos, wenn ich sie nicht besitzen sollte!

König. Matrosen, ein Sergeant! Sie sind eine Messaline!

Du Barry. Ist das eine Beleidigung? Wer war denn die Dame?

König. Gehen Sie mir aus den Augen. Sie werden wieder abreisen. Heute noch. Hören Sie's? Sie reisen.

Du Barry (trotzig)€. Mit meinen Pferden nicht.

König. Also mit den meinigen.

Du Barry. Mit meinen Beinen auch nicht.

König (drohend). Du Barry, Sie trotzen auf meine Güte – aber nehmen Sie sich in Acht! Was hält mich ab, Sie zu bestrafen?

Du Barry. Thun Sie's.

König. Auf der Stelle! Sie in die Bastille zu schicken!

Du Barry. Sie hätten nicht den Muth!

König. Nicht den Muth! Wir wollen gleich sehen. Wo ist Chablonnes? Geschwinde, eine Feder, ich unterzeichne den Befehl.

Fünfte Scene.

Vorige. Chablonnes.

Chablonnes (eilig). Sire – die Gräfin war nirgends zu finden – – Da ist sie ja!

König (nach einer kleinen Pause). Baron Chablonnes! Ist das Decret schon ausgefertigt, womit ich das Fräulein von Ségur zum Hoffräulein der Dauphine ernenne?

Chablonnes. Noch nicht, Majestät.

König. So bringen Sie die Sache in Ordnung. (Winkt ihm zu gehen.)

Du Barry. Bleiben Sie, Baron! – Seine Majestät haben Ihnen noch einen zweiten Befehl zu ertheilen, denk' ich!

König (hitzig). Allerdings! Ganz gewiß! Bereiten Sie auch einen Verhaftsbefehl vor, Chablonnes – ein Schreiben an den Gouverneur der Bastille. Ich will eine gewisse Person seiner Obhut empfehlen – seiner strengsten Strenge.

Chablonnes (blickt abwechselnd auf den König und die Du Barry). Einen Verhaftsbefehl, Sire?

König. Der Name bleibt einstweilen unausgefüllt. (Winkt ihm zu gehen.)

Chablonnes (kopfschüttelnd ab zur Seite rechts).

Sechste Scene.

Gräfin Du Barry. Der König.

Du Barry. Sie wollen einen Verhaftsbefehl ausfertigen lassen, Sire? Baron Chablonnes kann sich die Mühe ersparen. (Zieht ein Blatt hervor.) Hier ist ein Blanquett, schon mit dem Namen Eurer Majestät im Vorhinein versehen – für dringende Fälle. Ich danke das kostbare Geschenk Ihrer Gnade – es ist seit Jahren in meinem Besitz – allein ich weiß nichts damit anzufangen. Wollen Sie es benutzen, Sire? Auch gegen mich! Hier ist die leere Stelle für den Namen der armen Du Barry.

König. Wie kommen Sie zu dem Ding? Geben Sie her! Es dient zu Nichts. Derlei darf nicht mehr vorkommen. Die Parlamente schreien ohnehin Zeter über mich. (Nach einer kleinen Pause.) Nun, Gräfin, Sie wollen sich nicht entschuldigen?

Du Barry. Was hilfts? Man wird mir nicht glauben. Ihre Nachrichten sind zu sicher, die Quelle ist zu lauter! – Von der Blondine, nicht wahr?

König (überhörend). Sie waren also nicht in Marseille?

Du Barry. Ach, gehen Sie! (Wendet sich weg.)

König (tritt zu ihr). Sie waren nicht dort? Sagen Sie nein.– und ich will's glauben. – Sie waren nicht dort?

Du Barry (nach einer kleinen Pause). Ich war dort –

König. Also doch!

Du Barry. Um meine Familie zu besuchen, meine bürgerlichen Anverwandten. Sie wissen, eine Vaubernier ist in Marseille mit einem Schiffsrheder verheirathet.

König. In der That! Nun erinnere ich mich! (Tritt näher.) Aber der Sergeant?

Du Barry. Im Hause des Schiffsrheders gab's ein großes Fest. Eine meiner Cousinen stand eben auf dem Punkte, sich mit dem tapfersten und längsten Sergeanten von den stets siegreichen Truppen Eurer Majestät zu verbinden – riesig, wie Sie die Gnade hatten, sich auszudrücken – man bat mich zur Hochzeit. Ich schäme mich meiner Abkunft nicht. Auch lockte mich das Abenteuer. Während ich in Hyères für krank galt und mein Zimmer sorgsam bewachen ließ, segelte ich lustig nach Marseille.

König. Das sind nun Ihre Possen! – Aber Sie tanzten mit dem Sergeanten?

Du Barry. Mit dem Bräutigam meiner Base? Das versteht sich! Und wie ich nichts Halbes thue – auch mit den Matrosen, der Reihe nach. Ich bestritt die Kosten für die Hochzeit, für die ganze Festlichkeit. Derlei kommt nicht wieder. Die guten Leute werden ihr Leben lang davon zu sprechen haben! Wie froh sie waren, wie glücklich! Wie sie Euere Majestät leben ließen, den Herrn Dauphin – die Frau Dauphine – und auch mich! Wie sie mir das Kleid küssen wollten, die Hände – aber ich reichte ihnen den Mund. Sie waren selig, daß ich nicht stolz und vornehm that. Nehme mir's übel, wer so etwas nicht versteht, nicht fühlt! Ich ziehe das heitere Fest in Marseille allen unsern Hoffeierlichkeiten und Ceremonien vor – die Erinnerung daran wird mir unvergeßlich bleiben! Nur Eines trübte meine Freude – daß Sie nicht zugegen sein konnten, Sire.

König. Sie erzählen so lebhaft, so natürlich, Gräfin – man muß Ihnen fast Glauben schenken – ich will Ihnen glauben, Alles glauben –

Du Barry. Das heißt eigentlich, Sie wollen es nicht?

König. Muß ich nicht? Kann ich armer kranker Mann jeden Ihrer Schritte überwachen? Aber ich will Frieden hier am Hofe haben, ich will keine sauern Gesichter sehen.

Du Barry. Freilich! Nur die süßen Mienen des Fräuleins von Ségur!

König. Nehmen Sie Vernunft an, Gräfin. Was kümmert mich die Ségur! Was kümmert sie sich um mich! Aber sie ist der Liebling der Dauphine – es gibt ein Gerede am ganzen Hofe. – Sie müssen sich mit dem Mädchen aussöhnen, liebe Du Barry.

Du Barry. Mit der Ségur! Sie ist die Nichte meiner unversöhnlichen Feindin.

König. Nun wohl! Die Tante geb' ich Ihnen Preis.

Du Barry. Ist das Ihre ganze Gerechtigkeit, Sire? Ihre ganze Klugheit? Wissen Sie denn gar nicht, was um Sie vorgeht? Soll ich es sein, die Ihnen die Augen öffnet? Es ist zuletzt meine Pflicht – aber ich thu' es ungern.

König. Was ist denn vorgefallen? Sie machen, als handelte sich's um ein Complot.

Du Barry. Mau kann's anders nennen – aber es ist Ein's.

König (scherzend). Man will mir wohl gar an's Leben!

Du Barry. Mehr! An den Thron.

König. Wollen Sie die Pompadour spielen, Du Barry? Sie haben sich nie in die eigentliche Politik mischen wollen – ich liebte Sie darum. Die politischen Weiber haben mir genug Galle gemacht.

Du Barry. Kann ich dafür, wenn man mir die Ehre anthut, mich für die Ursache der schlechten Regierung Euerer Majestät zu halten?

König. Schlechte Regierung! Man meint den Minister Aiguillon.

Du Barry. Den will man eben weg haben.

König. Ich weiß – aber ich will ihn behalten. (Setzt sich.)

Du Barry (tritt zu ihm.) Es soll mich freuen, wenn er bleibt, und ich werde mich nicht betrüben, wenn er geht. Nennt man das sich in die Politik mischen? Ich bin nicht ehrgeizig, nicht rachsüchtig – hab' ich das Blanquett benützt? Kurz, ich bin nicht politisch. Ich bin ein munteres, harmloses Ding, das gern in den Tag lebt. Die Pamphletisten behaupten, ich ruinire den Staat durch meine Verschwendung. Die Pamphletisten sind arme Schlucker und dumme Teufel. Bin ich eine Verschwenderin – man lege mir Zügel an! Ist's nöthig, sich einzuschränken – von Herzen gern! Brauchen Sie, braucht der Staat mein bischen Gold, mein weniges Geschmeide – (macht das Collier vom Halse los und legt es auf den Tisch). Da ist es. Ich geb' es hin, ohne eine Miene zu verziehen, und ohne so viel Wesens daraus zu machen, wie ihrer Zeit die tugendprunkende Agnes Sorel. Sie sehen, daß ich auch in der Geschichte bewandert bin – nur wer die Messaline ist, das weiß ich nicht – will's auch nicht wissen! – Da liegen die Brillanten! Was kümmert mich der Tand? Aber keine sauren Gesichter will ich sehen – in dem Punkte bin ich wie mein König – ein paar hübsche Kleider, einen mäßigen Tisch, einige gute Freunde – sonst brauch' ich nichts, um immer guter Laune zu sein, um jeden Tag, jede Stunde auszurufen: Es lebe Frankreich!

König. Es lebe Frankreich. (Zieht sie zu sich.) Wie oft riefen Sie das bei unsern fröhlichen Abendfesten!

Du Barry (sitzt zu ihm). Im Kreise guter Freunde! Auch der Herzog von Aiguillon war dabei –

König. Den man mir jetzt verleiden will. – (Seufzend.) Es lebe Frankreich! Damit meinten Sie mich – Frankreich war ich!

Du Barry. Und sind es noch!

König. Vielleicht nicht lange mehr!.– Die Abendfeste haben aufgehört –

Du Barry. Wir lassen sie wieder anfangen.

König. Umsonst! Wo ist ihr früherer Reiz? Wo die heitere Laune? Selbst der Appetit fehlt – – ich glaube, ich bin doch ernstlich krank, Jeannette!

Du Barry (fühlt seinen Puls). Pah! Sie haben kein Fieber.

König. Nicht? Wirklich nicht?

Du Barry. Keine Spur. Ein etwas bewegter Puls – der Appetit wird auch wieder kommen. Alles wird gut gehen, und wir werden wieder rufen, wie ehemals: Es lebe Frankreich!

König. Sie sind eine eigene Frau, Jeannette! Niemand versteht die Kunst, mir frohen Muth zu machen, besser als Sie. Wenn Sie nur immer wollten!

Du Barry. Ich will's ja! Und ich kam noch zurecht, Ihnen das Leben zu retten, Sire, und den Thron.

König (guter Laune). Das Complot! Aha! Was ist's mit dem?

Du Barry. Das Complot ist die Marquise von Dillon, und die Marquise und ihre Nichte sind das Complot.

König. Wieder die Weiber! (Steht auf.) Die kleine Prüde also! Die Tugendheldin! – Hast Du Beweise?

Du Barry (die gleichfalls aufgestanden). Ei was! Ich bin kein Advocat. Ich diene meinem Ludwig und kümmere mich um weiter nichts. Ich lehre ihn seine Feinde kennen – besonders seine Feindinnen. Will er mir nicht glauben, so ist das seine Sache! Die Hauptsache aber ist, daß die politische Marquise ihre unschuldige Agnese an meine Stelle bringen wollte.

König. Das Mädchen hätte die Absicht –? Wo denken Sie hin?

Du Barry. Die Kleine weiß von nichts – ich will's glauben. Sie ist unschuldig – sonst wäre sie nicht gestern wie eine wilde Katze auf mich los gefahren.

König (dazwischen). Auch auf Sie?

Du Barry. Auch auf Eure Majestät? – Kurz, die Tante ist die eigentliche Verschwörerin, darum hat sie auch das Pamphlet drucken lassen.

König (rasch). Das Pamphlet? Welches Pamphlet?

Du Barry. Das letzte, das uns Beide so tüchtig abkanzelt.

König. Und wer hat's geschrieben?

Du Barry. Der Secretär der Marquise, – Herr Grégoire, ein verdorb'ner Baccalaureus. 's ist ja stadtkundig!

König. Stadtkundig! Und mein Polizei-Minister, der den Autor nicht ausfindig machen kann! (Geht auf und ab.)

Du Barry (folgt ihm). Vielleicht will er's nicht! Mit der Marquise verdirbt's keiner gern! Sie spinnt ihre Fäden am Hof der Dauphine, sie will den österreichisch gesinnten Choiseul wieder an's Ruder bringen, sie steckt mit den Herren vom Parlament unter Einer Decke, auch mit unsern übrigen Mißvergnügten, wie der junge Noailles –

König. Die Thoren! Was wollen sie denn eigentlich?

Du Barry. Reformen, wie sie's nennen. Und bei den Finanzen müsse es anfangen, behaupten sie, – d'rum müsse man die Generalstaaten einberufen.

König (lebhaft). Die Generalstaaten! Das wäre die Revolution –

Du Barry (naiv). Je nun! Wenn's sein muß –

König (lacht). Sein muß? Eine Revolution!

Du Barry. Was weiß ich! Ich versteh' nichts von Politik, und mische mich nicht d'rein – aber Ein's weiß ich: Regiert der Herzog von Aiguillon wirklich schlecht, so muß er es entweder besser machen, oder man jagt ihn fort und nimmt einen Andern – es gibt ihrer genug! Und wenn ich der König Ludwig XV. wäre, so macht' ich die Reformen vielleicht selbst, damit das Schwatzen ein Ende nähme – dann aber packt ich einen Jeden beim Kopf, der sich noch weiter muckste – und damit Holla! Das ist nur meine unvorgreifliche Meinung, denn ich heiße Jeannette Vaubernier, bin die bekannte Lustigmacherin Seiner Majestät, und mische mich durchaus nicht in die Politik.

König (sinnend). Wenn es anginge – aber es geht nicht – geht nicht! Der Dauphin mag sehen, wie er d'raus kommt –

Du Barry (stellt sich vor ihn, drollig). Wir haben also keine Revolution?

König. Du bist ein Närrchen! (Reicht ihr die Hand). Sind Sie noch nicht mit mir ausgesöhnt, Gräfin?

Du Barry (küßt seine Hand). Hat mir Ludwig verziehen? Ich war heute recht wie ein unartiges Kind –

König. Ein Kind sind Sie immer! – Da liegt Ihr Collier. Nehmen Sie's zurück. Warten Sie, ich will es selbst an den schönen Hals befestigen. (Setzt sich, sie kniet zu ihm.) Halten Sie ruhig! So. – Sie sind heute göttlich, Gräfin! – Aber die goldene Toilette, mein Kind –

Du Barry (noch immer knieend). Es war eine Thorheit! Ich denke längst nicht mehr d'ran.

König. Nein, nein! Sie sollen sie haben. (Tückisch.) Zwar – ich kenne noch Jemand, der sehnlichst darnach verlangt, dem ich sie habe schenken wollen.

Du Barry. Jemand, der im Besitz gewisser lauterer Quellen ist – nicht? Da – muß ich freilich zurückstehen!

König. Schelmin! Sie erräth Alles.

Du Barry. Alles – nur Ein's nicht.

König. Was denn?

Du Barry (schmeichelnd). Auf welche Weise Sie die politische Marquise und die grobe Agnese strafen wollen, und der armen Du Barry zu ihrem Recht verhelfen.

König. Sie muß ihren Willen durchsetzen! – Sind Sie zufrieden, wenn die Dauphine Sie morgen an ihrem Hof empfängt?

Du Barry. Das ist längst mein sehnlichster Wunsch! Aber sie wird's bleiben lassen.

König. Lassen Sie das meine Sorge sein. Ich habe sie jetzt in der Hand. (In ihrem Anblick.) Wie Ihre Augen glänzen, Jeannette! Die weiße Stirne – das dunkle Haar – – (Kleine Pause.)

Siebente Scene.

Vorige. Chablonnes (ein Blatt in der Hand, tritt ein und will sich wieder zurückziehen).

König (steht langsam auf). Bleiben Sie, Chablonnes! – Was bringen Sie da?

Chablonnes. Den Verhafts-Befehl, Sire –

König. Es ist nicht mehr nöthig. – Die Gräfin erhält einen Bon für zehntausend Louisd'ors. Auf den Staatsschatz anzuweisen. Es ist ein Darlehen, Chablonnes. Machen Sie billige Termine. (Scherzend zur Du Barry.) Sie werden sie doch ordentlich einhalten, Gräfin?

Du Barry (verstellt ernsthaft, auf seinen Ton eingehend). Genau, Sire – wie immer.

König (lacht). Wie immer! Nun, das ist recht. Weil Sie bisher so exact waren, so mag Baron Chablonnes diesmal durch die Finger sehen.

Chablonnes (für sich). Diesmal! Wie immer!

König (der erschöpft scheint). Und jetzt, liebe Gräfin –

Du Barry (die ihn beobachtet). Ich soll mich zurückziehen, Sire?

König. Ja, liebe Jeannette. Ich will erst den Hof empfangen – die Dauphine – dann bei Zeiten zu Bette gehen. – Mir flimmert's ein wenig vor den Augen. Ich hoffe Sie morgen beim Lever recht wohl und heiter zu sehen.

Du Barry. Wie ich Eure Majestät. – Nun denn – auf Wiedersehen, Sire! (Zögernd ab nach dem Balkon.)

König (ihr nachblickend). Wie leicht sie schreitet! Wer da nach könnte, Chablonnes! (Fühlt verstohlen den Puls, für sich.) Kein Fieber, sagte sie – aber es kommt mir doch so vor.

Du Barry (die langsam zurückkehrte). Sire –

König (wie erfreut, ihr entgegen). Gräfin! Sie kommen zurück?

Du Barry. Mir war's, als riefen mich Eure Majestät –

König. Ich rief nicht – aber es rief in mir. (Berührt ihr Haupt.) Bitten Sie den Himmel um meine Genesung, Du Barry! Wenn ich sterbe, sind Sie verloren.

Du Barry (betroffen). Welche düstere Gedanken, Sire!

König. Wir wollen sie nicht aufkommen lassen. – Gehen Sie jetzt –

Du Barry (zögernd). Wenn ich Sie pflegen dürfte, Sire –

König (sanft). Ich brauche keine Pflege. Gehen Sie, liebe Gräfin – gehen Sie.

Du Barry. Nach dem Befehl Eurer Majestät. (Leise zu Chablonnes.) Ich bleibe in der Nähe, Chablonnes – es läßt mich nicht fort. (Geht auf den König zu, ergreift seine Hand.) Gute Nacht, mein Frankreich! (Rasch ab über den Balkon.)

Achte Scene.

König. Chablonnes.

König (fühlt wieder den Puls, nach einer Pause). Es ist so dumpf hier. Oeffnen Sie die Fenster, Chablonnes. (Die Fenster werden geöffnet, durch welche man in den Garten blickt.) Ein herrlicher Frühlings-Abend! (Setzt sich in den Armstuhl, dem Garten zugewendet.) Den wievielten haben wir heute?

Chablonnes (tritt zu ihm). Den neunten Mai, Sire.

König. Es duftet kostbar aus dem Garten herauf! Und die Abendsonne scheint noch so warm –

Chablonnes. Aber die Luft ist etwas kühl, Majestät. Gleich sieben. (Forscht in seiner Miene.) Eure Majestät haben sich heute angestrengt – Sie sollten bald zur Ruhe gehen, Sire.

König. Das will ich auch. Gleich nach dem Empfang. Chamilly soll dann kommen, mich auskleiden. – Wie alt sind Sie, Chablonnes?

Chablonnes. Ich zähle um zehn Jahre mehr, als Euer Majestät.

König. Sie sind ja ein Methusalem! Und noch vollkommen rüstig! – Kommt Ihnen das Stehen nicht sauer an?

Chablonnes. Ich bin's gewohnt.

König. 's ist wahr! Sie haben kein sitzendes Amt. Ihr Vater war auch Ceremonienmeister?

Chablonnes. Und mein Großvater, Sire.

König. Da hab' ich's besser. Ich bin ein König, wie mein Großvater. Wir Könige sitzen immer. (Nach einer Pause.) Was meinen Sie wohl? Der Dauphin wird nie so beliebt werden, wie ich's in meiner Jugend war! Wir waren doch ein anderes Geschlecht! Was halten Sie vom Dauphin, Chablonnes?

Chablonnes. Seine königliche Hoheit sind ein Herr von ausgezeichneten Eigenschaften, von vielen Gaben –

König. Er hat Begabung zu Mancherlei. Nur das Feuer fehlt, das Blut! Kurz, das Beste.

Chablonnes. Nicht ein Jeder ist zum Herrschen geboren, zum Herrn –

König. Aber die Menschen brauchen einen Herrn, Chablonnes – nur Einen – sonst können sie leicht ihrer zu viele bekommen! Lassen wir's! (Steht langsam auf, die Hand auf die Stuhllehne gestützt.) Meine Vorfahren haben die Macht und Gewalt des wilden Adels gebrochen – mein Großvater und ich die der Parlamente – was bleibt noch übrig? Der so genannte dritte Stand! Das ist eine blinde Masse, die man nicht zu scheuen braucht – aber man muß sie beschäftigen. Die Franzosen sind eine kriegerische Nation – sie müssen immer etwas zu erobern haben – dann geht's! (Macht ein paar Schritte vorwärts, feurig.) Wenn ich des Dauphin Jahre hätte, Chablonnes, wenn ich mich noch Einmal an die Spitze einer Armee stellen könnte –

Chablonnes. Euer Majestät erhitzen sich –

König. In der That – (fühlt wieder den Puls). Sie haben Recht. – Ist das ein Leben, was wir da führen, Alter? Ach, es ist doch schön, wenn man kräftig ist und jung! Jung – oder wenigstens gesund – oder auch ein wenig krank – wenn man nur lebt! Leben muß man, Chablonnes! (Aengstlich.) Leben! Um jeden Preis. – Die Gräfin soll doch morgen wieder abreisen – ihre Nähe regt mich auf. Ich muß im Geleise bleiben. – Aber Alles wird noch gut werden – nicht wahr Chablonnes? Wir werden wieder rufen: Es lebe Frankr – – (knickt zusammen.)

Chablonnes (will ihn unterstützen). Mein Gott, Sire –

König (richtet sich rasch auf). Was ist denn? – Es ist nichts. Zurück, Chablonnes! (Stößt ihn weg.) Was erschrecken Sie mich? Ich will nur in mein Cabinet – nur in mein Cabinet – (bleibt stehen). Da kommt ja Chamilly! Was bringt er denn?

Chablonnes (der im Hintergrunde mit dem Kammerdiener gesprochen). Der Hofstaat, Majestät –

König. Gut, gut! Nur herein. –

Neunte Scene.

Vorige. Herren und Damen (aus dem Hintergrunde). Dann die Dauphine. Adele. Der Vicomte.

Chablonnes (anmeldend). Ihre königliche Hoheit, die Frau Dauphine von Frankreich.

Dauphine (mit den Uebrigen vortretend). Majestät –

König. Guten Abend, liebe Tochter!

Dauphine. Ich komme, Sire, um für die Gnade zu danken, welche Eure Majestät dem Fräulein von Ségur erweisen wollen, und wodurch zum Theil die Kränkung vergütet wird, die meine junge Freundin zu erdulden hatte.

König (nach einer kleinen Pause). Von welcher Kränkung ist die Rede, Frau Dauphine? Von welcher Gnade?

Dauphine (wie betreten). Von welcher Gnade, Sire?

König (führt sie nach dem Vordergrund, während die Uebrigen zurücktreten, halblaut). Sie sagten vorhin: Ihre Freundin. Ist's meine Schuld, Dauphine, daß Ihre Freunde des Königs Feinde sind?

Dauphine. Des Königs Feinde?

König. So sagt' ich. Fragen Sie die Marquise von Dillon – fragen Sie Ihren Vicomte von Noailles. – Ich bin einem Complot auf die Spur gekommen, dessen Fäden sich am Hofe des Dauphin zu verlieren scheinen. (Bewegung der Dauphine.) Ich will die Sache nicht entdeckt haben – aber Dienst gegen Dienst, Dauphine! Die Gräfin Du Barry ist zurück, sie hat sich gerechtfertigt – sie steht meinem Herzen näher als je. Wird die Dauphine von Frankreich sich jetzt herbei lassen, die Gräfin an ihrem Hofe zu empfangen?

Dauphine. Jeannette Vaubernier? (Mit Stolz.) Um Vergebung, Majestät! Meine Mutter heißt: Maria Theresia!

König (gereizt). Sie wollen keinen Frieden? Sei's denn! (Laut.) Baron Chablonnes! Sie werden den Secretär der Marquise von Dillon in die Bastille schicken; Sie werden der Marquise selbst verkündigen, daß sie mein Hoflager, so wie das der Frau Dauphine für immer zu meiden hat.

Adele (halb zum Vicomte). Meine Tante?

Dauphine (ergreift Adelen's Hand). Und dieses Mädchen, Sire?

König (nach einer kleinen Pause). Ist die Nichte der Marquise. Das Urtheil trifft auch sie.

Dauphine (läßt Adelens Hand los). Auch sie –

Vicomte (vortretend, halb für sich). Auch sie! (Flüstern unter den Hofleuten.)

Adele (tritt zum König, mit Ruhe). Mich, Majestät? Und meine Schuld?

König (ohne aufzusehen). Ihre Schuld?

Vicomte (zwischen den Zähnen). Ihre Unschuld!

König (wendet sich rasch zu ihm). Wer spricht hier?

Dauphine (eben so, zornig.). Vicomte!

Adele (tritt dazwischen, wie bittend). Hoheit –

König (nach einer Pause, zur Dauphine). Es kömmt Ihnen zu, Ihren Diener zu bestrafen, Madame.

Dauphine. Wir sind am Hofe des Königs, Sire.

König (wieder nach einer Pause, mit Würde). Am Hofe des Königs! Sie mahnen zur rechten Zeit, Frau Dauphine! (Stark.) Der Dauphin ist König nach mir – weil es dem Himmel gefiel, mir meinen Sohn zu nehmen, allein ich war es vor ihm, ich bin es noch, ich will es bleiben, so lange ich bin! Das ist mein Wille! Noch sitze ich auf dem Thron und kein Anderer. (Entläßt mit einer Handbewegung die Hofleute, die sich gänzlich zurückziehen.)

Zehnte Scene.

König. Dauphine. Adele. Vicomte. Chablonnes. Gräfin Du Barry (erscheint auf dem Balkon). Später Chamilly.

König. Vicomte von Noailles! Sie haben die Ehrfurcht gegen den König vergessen – gegen das Königthum. Wehe Ihnen – weh' Euch Allen! Ihr untergrabt den Thron, den Ihr stützen solltet – Ihr selbst öffnet den Abgrund, der uns vielleicht verschlingen wird – Euch gewiß! (Nach und nach erschöpft.) Das sind Ihre Freunde, Dauphine – die Euch verderben werden – und sich mit Euch. (Wie nach einer Stütze suchend.) Wo ist Chamilly? Ihren Arm, Chablonnes –

Dauphine (rasch näher tretend). Der König wankt –

König. Es ist nichts – eine kleine Schwäche – es wird vorüber gehen. (Da sich auch Chamilly genähert hat.) Ich kann schon allein gehen, Chamilly – ich brauche nur Ihren Arm. – (klammert sich an). Ihren Arm – nichts als Ihren Arm – – seht, das ist ein König! (Schaudernd.) Das war ein König! – Keine Blumen mehr, keine Glocken! Gute Nacht, Frankreich! (Sinkt in Chablonnes' und Chamilly's Arme, die ihn in das Zimmer rechts führen.)

Dauphine. Mein König! Mein Vater – (folgt ihnen.)

Du Barry (auf dem Balkon, für sich). Ich bin verloren – mein Reich ist aus.

Eilfte Scene.

Adele. Vicomte. Du Barry (auf dem Balkon). Dann die Dauphine. Zuletzt Chablonnes.

Adele (eilt auf den Vicomte zu). Vicomte! Was haben Sie gethan?

Vicomte. Mich befreit, Adele – und Sie mit mir! Der große Moment ist gekommen! Ein neues Leben beginnt – wollen Sie es mit mir theilen?

Die Dauphine (tritt auf, bleich und entstellt).

Adele (tritt zu ihr, wie auch der Vicomte). Die Dauphine! Hoheit –

Dauphine (sieht Beide an, nach einer Pause). Was wollt Ihr von mir? Die Lilien Frankreichs verwandeln sich in Todtenblumen – sei's! Ich trete meinem Schicksale entgegen – und wenn es mich zermalmen sollte – ruhig, fest und kühn, wie's einer Fürstin ziemt. – Ich habe keine Freunde – brauche keine. Ich bin einsam und allein – ich will es bleiben. Geht!

Chablonnes (tritt auf).

Dauphine (gefaßt). Baron Chablonnes! Was bringen Sie?

Chablonnes (gebeugt). Seine Gnaden, der Herr Erzbischof befinden sich bei dem hohen Kranken. Die heilige Ceremonie wird beginnen.

Dauphine. Ich werde ihr beiwohnen. – Was sagen die Aerzte, Baron?

Chablonnes (weist stumm nach der untergehenden Sonne).

Dauphine (erschüttert). Schon so bald?

Chablonnes. Morgen sind Sie Königin von Frankreich!

Du Barry (verhüllt das Gesicht).

Dauphine (nach einer Pause). Königin! (Zum Vicomte und Adelen.) Seid glücklich! (Zum Gehen gewendet, während die Uebrigen in passender Gruppe stehen.)

 


 

Anmerkung zu »Aus Versailles«.

Das Stück wurde (der »Dauphine« wie der »Du Barry« wegen) vom Hofburgtheater wie von sämmtlichen deutschen Hoftheatern zurückgewiesen. Auf einigen städtischen Bühnen fand das allerdings etwas skizzenhafte Schauspiel ziemlichen Anklang.

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