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Gutenberg > Eduard Bauernfeld >

Aus Versailles

Eduard Bauernfeld: Aus Versailles - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
booktitleGesammelte Schriften Band 6
authorEduard v. Bauernfeld
firstpub1849
year1872
publisherWilhelm Braumüller
addressWien
titleAus Versailles
pages51-52
created20060813
sendergerd.bouillon
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Zweiter Act.

(Ein Saal der königlichen Gemälde-Gallerie mit Frauen-Portraits, Brustbildern und größeren Stücken. Im Hintergrund eine Terrasse, mit Stufen nach der Bühne; auf der Terrasse dem Schauspieler links eine Thür zu den Zimmern des Königs. Rechts im Vordergrund der Bühne der Zugang zu andern Sälen der Gallerie; links gegen den Hintergrund ein Ausgang.)

 

Erste Scene.

Chamilly. Dann der Vicomte von Noailles.

Chamilly (zu einigen Hofdienern). Ihre königliche Hoheit die Frau Dauphine geruhen so eben die Gemälde-Gallerie Sr. Majestät in Augenschein zu nehmen. Nach den Anordnungen Sr. Excellenz des Herrn Ceremonienmeisters hat heute Niemand hier Zutritt, als wer zum Hofe gehört. (Die Diener entfernen sich.)

Vicomte von Noailles (von der Seite rechts auftretend). Die Damen nähern sich. – Sagen Sie, Chamilly! Ist's wirklich, was man sich erzählt? Der Erzbischof von Paris ist angekommen?

Chamilly. Allerdings, Herr Vicomte. Und im Schlosse abgestiegen. Seine Hochwürden hatten sogleich eine geheime Conferenz mit dem Minister Aiguillon. Auch zwei von den Leibärzten Sr. Majestät wurden beigezogen.

Vicomte. So ist also Gefahr?

Chamilly (halblaut). Man darf's nicht sagen. Se. Majestät sind zu ängstlich. Die Excellenz hat alle Noth mit dem Herrn! Der Herr will die Pulver nicht einnehmen. s' ist eben die Stunde – ich muß hinein. Mir ahnt das Schlimmste, Herr Vicomte. (Ab, über die Terrasse.)

Vicomte (allein). Die Katastrophe naht! Der König ist krank – das Königreich. Wie sehn' ich mich nach meinen Bergen in der Bretagne – nach reineren Lüften, als hier an diesem Hofe wehen! (Blickt nach der Seite rechts.) Aber noch fesselt mich mein Dienst – ich hoffe, nicht lange mehr! (Verneigt sich beim Eintreten der Dauphine, und geht im Hintergrunde ab.)

Zweite Scene.

Die Dauphine und Adele (von der Seite rechts). Zwei Kammerfrauen.

Dauphine. Nun haben wir fast die ganze Gallerie durchwandert! Hier ist der letzte Saal. Nichts als Frauen-Porträts.

Adele. Welche Fülle von herrlichen Gestalten!

Dauphine. Mau nennt es auch die Gallerie der Schönheit. Aber es ermüdet, nicht wahr? Wir werden hier ein wenig ausruhen. (Setzt sich). Der Herr Vicomte soll in der Nähe bleiben. (Entläßt die Kammerfrauen, welche nach dem Hintergrunde abgehen.)

Dauphine (steht auf). Gott Lob! Wir sind allein. Man kann frei aufathmen! Jetzt braucht es keinen Zwang, kein Ceremoniell. Wir sind zwei muntere Mädchen, und wollen uns darüber nur lustig machen.

Adele (lächelnd). Zwei Mädchen –

Dauphine (lachend). Ich bin die Frau des Dauphin! Ja so! Wenn ich fröhlich bin, vergeß' ich das oft, und treibe Mädchenstreiche. Ich habe vielleicht ein Recht dazu. Die Andern, die das nicht begreifen, sagen dann, ich hätte keine Haltung.

Adele. Sie haben ein Herz

Dauphine. Das meinen sie vermuthlich damit – das tadeln sie. Ein Herz! Ich sage Ihnen, Kind – es wäre besser, kein's zu haben. – Jetzt wollen wir die Gemälde betrachten. – Die Männer haben kein Herz – kein Einziger von ihnen – nur wir Frauen haben Ein's. – Meinen Sie nicht auch?

Adele (naiv). Darüber weiß ich keine Auskunft, Hoheit.

Dauphine. Sie haben noch nie geliebt? Heucheln Sie schon wieder?

Adele. Hoheit –

Dauphine. Still, still! Sie sollen beichten – bei Gelegenheit. Wär's eine Freundschaft, wenn man sich seine kleinen Neigungen verschlossen hielte? – Aber die Gemälde! Die Schönheiten! Kommen Sie, kommen Sie! – Hier die La Vallière, die Montespan, die Fontanges. Das ist ein Stück der Geschichte Frankreichs, mein Kind! – Dort wieder Ein's! Die fromme Frau von Maintenon – die schlaue Pompadour.

Adele. Und jene Dame dort?

Dauphine. Wo?

Adele. Die letzte. Sie blickt minder stolz als die Uebrigen – fast gutmüthig. Wer ist sie, Hoheit?

Dauphine (nach einer kleinen Pause). Die Gräfin Putzmacherin! Man nennt ihren Namen in guter Gesellschaft nicht gern – lassen wir's genug sein. Und nun noch ein Wort zu Ihnen, mein Kind! (Faßt ihre beiden Hände.) Wollen Sie sich opfern? Wollen Sie wirklich bei mir bleiben? Meinen Kerker mit mir theilen! Wollen Sie das? Ueberlegen Sie sich's wohl.

Adele. Wollen Sie mich verstoßen, Hoheit?

Dauphine. Nicht doch, nicht doch! Also abgemacht. Der König hat eingewilligt –

Adele. Se. Majestät waren so freundlich, so gnädig, trotz Ihrer Kränklichkeit –

Dauphine. Still, still! Davon soll man nicht sprechen. Man darf auch nicht besorgt scheinen – obwohl die Sorge leider so nahe liegt. (Nach einer kleinen Pause.) Der König war freundlich? Das ist er immer. Von einnehmender Weise, stets galant – eine alte Gewohnheit. Weiter nichts. Machen Sie sich darüber keine Gedanken.

Adele (unbefangen). Wie sollt' ich?

Dauphine. Es sollte auch keine Warnung sein – nur eine Bemerkung. Noch Ein's, liebe Ségur! Sie sollen nicht lange Hoffräulein bleiben – Sie werden bald Hofdame heißen. Eine passende Partie bietet sich dar. Erschrecken Sie nur nicht! Ich kenne den Mann. Er ist Ihrer würdig. Sie kennen ihn auch.

Adele. Ich, Hoheit?

Dauphine. Gerade heraus – es ist einer meiner Kavaliere. – Sie scheinen verlegen? Sie haben ihn errathen? (Ergreift ihre Hand.) Der junge Mann ist entzückt von Ihrer Anmuth, Ihrem Geiste. – Sie haben ihn errathen? Nennen Sie ihn!

Adele (ungewiß). Der Vicomte von Noailles –?

Dauphine (rasch, läßt ihre Hand los). Der Vicomte von Noailles! Wie kommen Sie auf den! Nicht doch! s' ist der Graf Brissac, mein zweiter Kammerherr. – Sie scheinen nicht erfreut darüber! – Seien Sie aufrichtig, Kind! Sie lieben den Vicomte. (Hastig.) Ja, Du liebst ihn!

Adele (ruhig, sieht sie an). Ich?

Dauphine (wie betreten). Wer sonst? (Geht lebhaft auf und ab, tritt dann zu ihr.) Ich will Sie zu nichts zwingen – aber der Vicomte kann niemals der Ihrige werden. Niemals! Hören Sie's?

Dritte Scene.

Vorige. Der Vicomte.

Dauphine (ihm entgegen). Herr von Noailles! Was bringen Sie?

Vicomte. Se. königliche Hoheit der Herr Dauphin sind so eben von der Jagd nach Hause gekommen –

Dauphine. Der Dauphin! Er hat nach mir gefragt? Ich komme gleich. Man ist hier nie Herr seiner Zeit! – Wir müssen uns trennen, Fräulein Ségur. Ich hoffe, nicht auf lange. Der Vicomte führt Sie einstweilen zu meinen Damen. Erwarten Sie mich dort. Ich lasse Ihnen Eine der Kammerfrauen zurück. Auf Wiedersehen, mein Kind! (Leise zu ihr.) Niemals! Vergessen Sie's nicht. (Ab.)

Vierte Scene.

Vicomte. Adele. Die Kammerfrau (anfangs im Hintergrunde sichtbar).

Vicomte. Ihren Arm, Fräulein! – Sie scheinen bewegt?

Adele (nach einer kleinen Pause). Sagt' ich's Ihnen nicht, Herr Vicomte? Ich bin den fremden Elementen hier nicht gewachsen.

Vicomte (ebenso). Sie erlaubten mir, Ihr Lehrer zu sein – wollen Sie mir vertrauen? Darf ich Ihnen rathen? – Ich weiß, was man mit Ihnen vor hat.

Adele. Sie wissen –?

Vicomte. Aus dem Munde der Dauphine. Mau denkt daran, Sie zu vermählen – ist es nicht so? – Die Absicht ist gut. Man will Ihnen einen Schützer geben.

Adele. Wozu, Herr Vicomte? Ich bin beschützt – durch mich selbst. Zufrieden ist der Einsame.

Vicomte. Meine Lehre hat gefruchtet. Sie fand einen guten Boden – den edlen Stolz. Und doch – ich muß Sie warnen – wollt' es längst. Sie kennen den Hof nicht, Fräulein – diesen Hof! Die Schönheit herrscht hier – und man glaubt an keine Schönheit, die einsam bleiben will! Fragen Sie die Dame! (Weist auf das Porträt.)

Adele. Wer ist die Dame?

Vicomte. Die Gräfin Du Barry – die Feindin Ihrer Tante und die Ihrige.

Adele. Die meinige, Herr Vicomte?

Vicomte. Wundert Sie das? Ganz Versailles huldigt Ihrer Anmuth, Ihren Reizen, die Dauphine ist Ihre Gönnerin, der König selbst hat Sie ausgezeichnet – Grund genug für die Gräfin, Sie im vorhinein zu hassen, zu verfolgen – Sie zu verderben, wenn sie's vermag.

Adele. In welche Welt lassen Sie mich blicken! In welche Untiefen, welche Abgründe!

Vicomte. Es ist die Welt der Gleichgiltigkeit, der Selbstsucht, der Intrigue – ihr Inhalt ein steter Kampf um die Herrschaft der Welt. Wollen Sie ihn mitkämpfen?

Adele. Wahrhaftig, nein!

Vicomte. Das dacht' ich mir. Darum fliehen Sie aus dieser Welt, Fräulein! Das ist mein Rath. Eine reine Seele, ein stolzes Gemüth taugt nicht in die Vorzimmer von Versailles.

Adele. Das sagen Sie, Herr Vicomte?

Vicomte. Warum nicht ich?

Adele. Das sagt – der Kammerherr der Dauphine?

Vicomte (nach einer kleinen Pause). Ihr leiser Tadel ist vielleicht gerecht – allein ich bin gebunden, bin an den Hof gekettet, wie der beste Adel Frankreichs. Man fesselt mich durch Gnaden, wie Sie.

Adele. Wie mich, Herr Vicomte? Sie sind ein Mann! Sind ein Noailles! Was hindert Sie, die Fessel abzustreifen?

Vicomte. Und wenn ich's wollte?

Adele. Wirklich, Vicomte?

Vicomte. Nur daß bisher die Ehre mir's verbot –

Adele. Die Ehre?

Vicomte. Sagen Sie selbst! Die Dauphine steht allein – mitten zwischen Feinden – darf ich sie verlassen?

Adele. Nein, nein, Sie dürfen's nicht –

Vicomte. Und doch! Sie ist gut – aber unstät, unruhig, eine herrische Natur. Was sie verlangt, ist unbedingte Hingebung; Geist, Kraft und Willen – Alles soll ihr zu Diensten sein; sie will, daß man unbeschränkt ihrer Laune diene, ihrer Phantasie –

Adele. So scheint es. Doch wenn es so ist – (Hält inne.)

Vicomte. Es ist so, Fräulein.

Adele (fixirt ihn). Dann ist es Ihre Pflicht, sich selbst zu retten, Vicomte.

Vicomte (wie getroffen). Mich selbst!

Adele. Vielleicht auch – die Frau des Dauphin.

Vicomte. Die künftige Königin! Das ist's! Dann bin ich frei –

Adele. Worüber sinnen Sie?

Vicomte. Ueber mich selbst – über unser schönes Frankreich – das faul und morsch geworden ist – wie wir Alle! – Doch nein! Sie sollen erfahren, daß ich ein Mann bin, ein Noailles – daß ich ein Franzose bin! Hören Sie mich an, Fräulein! Es naht ein großer Moment! Bald wird es heißen: Ludwig XV. ist nicht mehr.

Adele. Was sagen Sie?

Vicomte (ergreift ihre Hand). Sehe dann Jeder, wohin er gehört, wo er sich sammle. Denn eine neue Zeit tobt, stürmt, braust heran! Nun denn – sie soll mich nicht länger als dienenden Höfling in den Vorzimmern von Versailles, sie soll mich als freien unabhängigen Mann auf meinem Grund und Boden, in der Mitte der Meinigen finden – nicht als ihren Herr – sondern als ihres Gleichen, als ihren Freund und Berather, ihren Lenker und Führer! Eine Anzahl junger Leute von Adel, gleich mir in der Provinz begütert, nährt längst die Absicht, das Land von der Leibeigenschaft, von den Frohndiensten zu befreien, die schwer auf ihm lasten – ihrer Mahnung will ich folgen, ihnen will ich mich anschließen. Mein Schloß in Limousin soll der Mittelpunkt unserer Bestrebungen werden, unserer Arbeiten – der edle Namen meines Hauses soll nicht untergehen in Unthätigkeit, in schnöder Dienstbarkeit, – der Namen Noailles soll sich, ich schwör's, noch ein Blättchen erringen in dem Immortellenkranz der Geschichte!

Adele (geht auf ihn zu, mit Feuer). Das soll er! das wird er! So sind Sie, wie ich Sie mir dachte! Das ist die edle Natur, das ist die Kraft des Vicomte von Noailles!

Vicomte. Durch Sie auf's Neue geweckt, Adele, durch diese Stunde! – Sie billigen also meinen Entschluß? Sie hegten im Stillen eine gute Meinung von mir? Werden Sie mir jetzt vertrauen? Werden Sie meinen Schutz annehmen?

Adele (reicht ihm die Hand). Keines Andern – wenn ich Schutz bedürfen sollte!

Vicomte. Ich danke Ihnen, Adele! (Hält ihre Hand.)

Adele (nach einer kleinen Pause). Sie wollten so gütig sein, mich zu den Damen zu begleiten –

Vicomte (läßt langsam ihre Hand los). Ich bin bereit. Kommen Sie, Fräulein. – Mein Wort: die Stunde soll nicht vergessen sein!

Fünfte Scene.

Vorige. Der König. Chablonnes (auf der Terrasse).

König (im Auftreten). Lassen Sie mich, Chablonnes! Ich will die Pulver nicht nehmen –

Vicomte. Der König!

König (erblickt Adelen, kommt über die Terrasse). Sieh da! Unsere Hebe! (Munter.) Meine Gallerie wird lebendig – der Saal der Schönheiten!

Vicomte. Ihre königliche Hoheit hat mich beauftragt –

König (wie scherzend). Dem Fräulein den Hof zu machen, Vicomte?

Vicomte. Das Fräulein von Ségur zu den Damen zu bringen, Majestät. (Will Adelen den Arm reichen.)

König. Lassen Sie nur, Vicomte! (Zu der Kammerfrau, die im Hintergrunde sichtbar geworden.) Erwarten Sie das Fräulein, Ihre Begleitung genügt. Adieu, Noailles! (Entläßt ihn.)

(Vicomte verneigt sich, und geht zögernd ab. Chablonnes auf den Wink des Königs über die Terrasse ab.)

Sechste Scene.

Adele. König.

Adele (als wollte sie sich entfernen). Majestät –

König. Bleiben Sie, Fräulein! – Sie haben sich Versailles besehen?

Adele. Ihre Hoheit waren so gnädig –

König (nähert sich ihr). Die Frau meines Enkels nimmt Antheil an Ihnen, ich weiß. Ich will Sie zu ihrem Hoffräulein machen – es bleibt dabei. Es wird mich freuen, Sie in dem engeren Kreise zu treffen, welchen die Dauphine um sich zu versammeln liebt. Geistreiches Gespräch, Zerstreuung – ich brauche das. Man plagt mich von allen Seiten. Die Minister, die Parlamente – ich arbeite viel – das ermattet, spannt ab –

Adele (rückt den Armstuhl näher, nach welchem der König sich umgesehen).

König. Sie errathen meine Gedanken – ich danke Ihnen. (Setzt sich.) Das längere Stehen wird mir sauer. Ein alter Mann! Das ist begreiflich – nicht wahr? Für wie alt halten Sie mich?

Adele. Eure Majestät machen durchaus nicht den Eindruck des Alters.

König. Aber das Alter, mein Kind, macht einigen Eindruck auf meine Majestät. – Sie sind eine Waise? Ihr Vater hinterließ Ihnen wenig?

Adele. Nichts, Sire, als einen reinen adeligen Namen.

König. Wir werden Sorge tragen, daß er sich mit einem eben so fleckenlosen verbinden soll. – Sie sind wohl erzogen, sittsam, geistreich – (Ergreift ihre Hand.) Und daß Sie auch schön sind, werden Sie wohl wissen.

Adele (zuckt zurück). Majestät –

König. Nun, nun! Ein alter Mann, ein alter König, darf seine Eleve wohl bei der Hand nehmen!

Adele. Erlauben Sie mir, diese Hand zu küssen, Sire –

König. Nicht doch! Eine Dame! Dafür bin ich zu sehr Franzose. (Legt die Hand auf ihr Haupt.) Aber wir nehmen Sie unter unsern besondern Schutz. (Steht auf.) Wissen Sie, daß ich ihr Porträt früher als Sie selbst bei der Dauphine gesehen habe? Der Maler hatte den glücklichen Gedanken, Sie als Hebe darzustellen.

Adele. Es war der Wunsch ihrer Hoheit. –

König. Ich weiß, ich weiß! Aber die Dauphine muß mir die Hebe ablassen. Das Bild ist ein Kunstwerk. Es gehört in die Gallerie.

Adele (wie erschrocken). In die Gallerie, Sire?

König. Warum nicht? In den Saal der Schönheiten. – Sehen Sie dort die leere Stelle an der Wand? Neben einer Schönheit, ganz anderer Art! (Wie vergleichend.) Aber Sie haben die Vergleichung mit Jeannette Vaubernier nicht zu scheuen. Ja, ja! Das ist der Platz für die Göttin der Jugend, der Alles verjüngenden Jugend – (Ergreift wieder ihre Hand.) Für unsere holde Hebe.

Adele (macht sich frei, aufgeregt, mit bebender Stimme). Majestät – jene Hebe ist weiter nichts als ein armes Fräulein von Ségur, welches keinen der Vorzüge besitzt, um es einer solchen Gesellschaft würdig zu machen. (Verneigt sich, will fort.)

König (hält sie zurück). Wohin, flüchtiges Reh? Trotzkopf! Dem Vicomte hielten Sie Stand! – Eine solche Gesellschaft, sagen Sie? Es sind die ersten Namen Frankreichs, die nach der Ehre geizen, hier ein Plätzchen einzunehmen! Wissen Sie das, mein Kind?

Adele. Haben Sie Nachsicht mit mir, Majestät! Ich bin ein einfaches Mädchen und geize nach keiner Ehre, als der: die Tochter eines wackern Vaters zu bleiben.

König. Wie lautet das? Sie schlagen die Gnade des Königs aus? Jede Gnade? Sie sind ein seltenes Wesen, Fräulein Ségur – eine Ausnahme von Allen hier!

Siebente Scene.

Vorige. Gräfin Du Barry (über die Terrasse). Später Chablonnes.

Du Barry (rasch vortretend). Sire –

König (überrascht, wie erschrocken). Gräfin! Sie sind zurück?

Du Barry. Eben angekommen. – Aber ich finde Eure Majestät in Gesellschaft. (Mißt Adelen.) Nicht übel! Wahrhaftig, nicht übel!

König (stotternd). Es ist ein Fräulein von Ségur – eine königliche Eleve –

Du Barry (wie oben). Die Nichte der Dillon – ich weiß.

Chablonnes (kommt eilig über die Terrasse). Die Du Barry! 's ist nicht möglich! (Wie sich vergessend.) Gräfin, was machen Sie hier? – Verzeihen Eure Majestät – (Leise zur Du Barry.) Sie hätten noch vier Wochen ausbleiben sollen! Sie sind hier – gegen das Programm.

Du Barry (immer Adelen fixirend, die ihren Blick erwiedernd, bald nach der Gräfin, bald nach dem Bilde blickt). So scheint es.

Chablonnes (wieder lebhafter). Sie sind eigentlich gar nicht hier! – Verzeihen Eure Majestät

König (rasch). Kommen Sie, Chablonnes! Ich will jetzt die Pulver einnehmen.

Chablonnes (winkt ihm). Die Pulver! Aber, Sire –

König. Folgen Sie uns, Gräfin! Wissen Sie nicht, daß ich krank bin?

Chablonnes. Krank! Nun ist's heraus –

König (zur Gräfin, die unbeweglich bleibt). Folgen Sie uns. Ich bin krank – hören Sie nicht? – Folgen Sie uns! Ich will es haben. Im Augenblick! Bei unserm Zorn! Folgen Sie uns. (Rasch ab in sein Zimmer.)

Chablonnes. Aus, aus – mit aller Ordnung – rein aus. (Folgt dem König.)

Achte Scene.

Gräfin Du Barry. Adele. (Pause, während sich die beiden Frauen in's Auge fassen.)

Du Barry (tritt dann rasch vor Adelen hin). Also die Nichte der Dillon?

Adele (mit Stolz, ihren Blick erwiedernd). Der Marquise von Dillon, gebornen von Ségur.

Du Barry (lachend). Man fühlt sich – feinen alten Adel – das ist ja schön! – Ich komme wohl ungelegen?

Adele (wie oben). Mir nicht.

Du Barry. Ihnen nicht? Aber einem Andern! Er ist feige – er ergreift die Flucht! Vor einem Weibe! Nein – vor zwei Weibern. Ihnen nicht! Sie fürchten mich also nicht?

Adele. Nein.

Du Barry. Sie sind Ihrer Sache so gewiß?

Adele. Meiner Sache? Allerdings.

Du Barry. Das nenn' ich aufrichtig! Aber das gefällt mir. Ich könnte Sie vernichten, Fräulein von Ségur! Wissen Sie das? Aber ich thu's nicht. Ich bin gutmüthiger Natur, und wer offen zu mir spricht, wär's gleich mein offener Gegner, dem kann ich nichts anhaben. Ich bin einmal so. – Ich komme Ihnen wirklich nicht ungelegen?

Adele. Es scheint, daß Sie das wünschten, Gräfin Du Barry, und daß Sie mich fürchten.

Du Barry. Gut geantwortet! Das ist ein Gegner, bei dem man sich Ehre einlegen kann. Aber lernt man derlei in St. Cyr?

Adele. Man lernt dort: ruhig abwarten, wie weit ein Beleidiger sich verirren kann – ihm verzeihen, wenn er bei Zeiten zu sich selbst kommt, ihm erwiedern, wenn er sich vergessen sollte. (Setzt sich.)

Du Barry (wie betroffen). Immer besser! Immer prächtiger! Moral, Sentenzen! Das ist mir lange nicht erklungen. (Faßt sich, tritt zu ihr.) Ich weiß, worauf Sie stolz sind, Fräulein! Auf Ihre Tugend! Damit fängt man an – das ist immer das Erste, worauf man pocht. Auch ich ging diesen Weg – jede von uns. Sie sind übermüthig, weil Sie ihn eben angetreten – Sie dünken sich über mich erhaben, weil ich das Ziel zurück gelegt, das Sie erst anstreben. Ich bin nicht stolz auf das, was ich war – ich bereue nicht, was ich bin – und ich weiß, was Andere gern werden möchten. Aber um sich besser dünken zu dürfen als Andere, muß man nicht nur tugendhaft sein, mein Kind, man muß es auch bleiben, – bleiben wollen. Die Hand auf's Herz! Wollen Sie das? – Nun! Sie versprachen ja, zu erwiedern!

Adele. Was ist da zu sagen? Die Gräfin Du Barry gibt Unterricht in der Sitte! Worauf zielt das? Ich will es abwarten.

Du Barry (aufwallend). Ihre Ruhe täuscht mich nicht! Ich kenne Ihre Pläne – die Ihrer Tante. – Schweigen Sie noch immer? Erwiedern Sie noch nichts? – Ihre Tante versteht sich auf Ränke, Fräulein von Ségur – Sie selbst sind gut geschult –

Adele (steht rasch auf, die Hand auf der Lehne des Armsessels).

Du Barry. Aha! Das traf! – Sie dachten vielleicht, meine Schöne, ich durchblickte Ihre Maske nicht? Ich ließe mich blenden von dem rosigen Schein der Unschuld, der aus diesen kindlichen Zügen strahlt? Sie sind kindlich, sind unschuldig, ich weiß – aber sind Sie nach Versailles gekommen, um dafür den Beweis zu liefern? Oder hat man Sie etwa nicht hieher gebracht, um mit Unschuld und Natürlichkeit zu prunken, damit anzulocken, zu handeln, zu speculiren – wie mit andern Waaren?

Adele. Gräfin –

Du Barry. Oder wußten Sie nicht um den Schacher? So erfahren Sie's denn von mir. Wissen Sie, wer ich bin? Jeannette Vaubernier, ein armes Waisenkind, wie Sie, früher eine Putzmacherin, eine Grisette, später zur Gräfin umgebacken. (Ergreift ihre Hand.) Ihre Tante aber ist die hochadelige Marquise von Dillon, die es nicht unter ihrer Würde hält, ihre eigene Nichte, ein Fräulein von Ségur, zu all' den Künsten abzurichten, die ihr an der gräflichen Grisette gemein und verächtlich erscheinen!

Neunte Scene.

Vorige. Der Vicomte (der bei den letzten Worten eingetreten). Später Chablonnes.

Vicomte (für sich). Die Du Barry! (Bleibt im Hintergrunde.)

Adele (die Hand der Du Barry festhaltend, mit Heftigkeit). Jeannette Vaubernier, Sie sprechen nicht die Wahrheit – (Sich steigernd.) Jeannette Vaubernier, Du lügst!

Du Barry (wie betroffen über ihre Heftigkeit). Ich lüge niemals  –

Adele (wie oben, ihre Hand pressend). Ja, Du lügst – Du verleumdest –

Du Barry (wie ängstlich). Was haben Sie denn? Sie sehen so wild! – Da kommen Leute! Der Vicomte! – Lassen Sie doch meine Hand – schützen Sie mich, Vicomte!

Vicomte (näher tretend). Fräulein –

Adele (läßt die Hand der Du Barry los, und eilt auf den Vicomte zu). Herr Vicomte von Noailles! Sie kennen meine Tante – Sie sind ihr Freund! Hatte die Marquise von Dillon einen Plan? Sprechen Sie! – Doch was frag' ich nur? Sie hatte keinen – konnte keinen haben! – Ihr Wort war also Lüge, Gräfin, war Verleumdung.

Du Barry (retirirend). Alles, Alles, was Sie wollen – wie Sie wollen –

Chablonnes (aus dem Zimmer des Königs). Se. Majestät fragen nach der Gräfin Du Barry –

Du Barry (rasch). Ich komme schon! Ihren Arm, Baron –

Adele. Halt! Sie entehren sich, Baron Chablonnes!

Du Barry (aufwallend). Er entehrt sich?

Adele. Durch Ihre Berührung – ja, Madame.

Du Barry (drohend). Mädchen –

Vicomte. Mäßigung, Gräfin –

Chablonnes. Bestes Fräulein –

Adele (heftig). Zurück, Herr Vicomte! Lassen Sie mich, Baron! – Das Blut der Ségurs, der Dillons empört sich in mir – doch was liegt am Adel? Meine Seele empört sich – ein heiliger Zorn erfüllt meine Brust – er wird mir Worte eingeben – – (Tritt vor die Du Barry.) Das freche Weib lerne den Abstand kennen zwischen ihr – und mir! Den riesigen Abstand – wenn sie ihn fassen kann in der Tiefe ihrer Versunkenheit, ihrer Verworfenheit! (Ergreift die Hand des Vicomte.) Sie erblaßte – ja, Vicomte – sie erblaßte – sie verstummt! Ich habe meine Tante gerächt – sie, mich, uns Beide gerächt. – Ich gehe triumphirend fort! (Geht nach dem Hintergrunde.)

Vicomte. Adele! Göttliches Mädchen – (Folgt ihr.)

Du Barry (eilt der Abgehenden nach und führt sie nach vorne). Bleiben Sie! – Sie wollen triumphiren, Fräulein von Ségur? Ueber die Du Barry? Sie täuschen sich. Noch ist die Macht in meiner Hand! Jetzt werd' ich Sie vernichten – zermalmen. (Läßt ihre Hand los.)

Vicomte (lebhaft, tritt dazwischen). Das werden Sie nicht, Gräfin! (Reicht Adelen den Arm.) Zur Frau Dauphine! Kommen Sie, Fräulein! (Ab mit Adelen.)

Zehnte Scene.

Chablonnes. Du Barry.

Chablonnes. Wenn das Ordnung ist – – (Zur Du Barry, die in höchster Aufregung ihr Schnupftuch zerreißt.) Was machen Sie, Gräfin?

Du Barry (mit erstickter Stimme). Lassen Sie mich! – Ein freches Weib! Und sie triumphirt über mich – sie und die Marquise – das ertrag' ich nicht, das überleb' ich nicht! (Wirft sich laut schluchzend auf die Ottomane und verhüllt ihr Gesicht.)

Chablonnes (nähert sich). Aber beste Gräfin – der König wartet – Sie hören mich nicht! Denken Sie an die Ordnung, an's Ceremoniell.

Du Barry (erhebt sich langsam). Ein freches Weib! – Sie haben's gehört, Baron – Sie hat mich geschimpft. (Springt auf.) Und ich Thörin, die nichts Rechtes erwiedern konnte, ich gutmüthiger Narr – ich – ich – (Stampft mit dem Fuß.) Und hübsch ist der Fratz! Hübsch – nur kaum erst flügge geworden! (Lacht unter Aerger und Weinen). Ein junges Vöglein – kaum ausgeflogen – kaum aus dem Nest – eine unschuldige Agnese! (Trocknet die Augen, dann gefaßt.) Geschehen ist's – aber sie soll nicht triumphiren. (Geht auf und ab.) Und die gnädige Tante auch nicht. – Grüßen Sie den König von mir, Chablonnes. Mein Frankreich hat mich in der Patsche gelassen. Sagen Sie ihm, daß ich mir einen muthigeren Ritter suchen werde, mich zu schützen, mich zu rächen. – Adieu, Chablonnes!

Chablonnes (hält sie zurück). Um's Himmelswillen, Gräfin! Sie werden doch nicht davongehen wollen?

Du Barry. Warum denn nicht?

Chablonnes. Haben Sie's vergessen? Der König – Seine Majestät erwarten Sie.

Du Barry. König hin, König her. Ich bin müde von der Reise. Ich will mich schlafen legen.

Chablonnes (schlägt die Hände zusammen). Schlafen! Am hellen Tage!

Du Barry. Auch muß ich mich erholen – mich auszürnen. Aber ich wette, die Agnese ärgert sich mehr als ich. (Lacht.) Wie sie in Eifer kam! (Parodirend.) Ein heiliger Zorn! – 's ist lächerlich! Gute Nacht. Ich will recht süß schlafen. Bis morgen Mittags. (Im Abgehen.) Ein heiliger Zorn! – Ein gesunder Schlaf! – (Schlägt ihn mit dem Fächer.) Gute Nacht, Chablonnes, gute Nacht! (Ab.)

Chablonnes (allein). Aber Gräfin – – es ist umsonst! Die hält Niemand auf. Keine Spur von Ordnung! (Im Abgehen). Was wird der Herr dazu sagen? Der Durcheinander ist los – das Chaos bricht hier ein! (Ab nach dem Zimmer des Königs.)

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