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Gutenberg > Eduard Bauernfeld >

Aus Versailles

Eduard Bauernfeld: Aus Versailles - Kapitel 2
Quellenangabe
typedrama
booktitleGesammelte Schriften Band 6
authorEduard v. Bauernfeld
firstpub1849
year1872
publisherWilhelm Braumüller
addressWien
titleAus Versailles
pages51-52
created20060813
sendergerd.bouillon
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Erster Act.

(Bei der Dauphine. Zu beiden Seiten des Hintergrundes offene Ausgänge mit aufgezogenen Vorhängen. Der Ausgang vom Schauspieler rechts führt in den Garten, der links in die Vorzimmer. Rechts im Vordergrund eine Thür zu den innern Gemächern der Dauphine.)

 

Erste Scene.

DerVicomte von Noailles (bereits auf der Bühne). Baron Chablonnes (kommt aus dem Vorzimmer).

Chablonnes. Herr Vicomte von Noailles –

Vicomte (ihm entgegen). Herr Baron von Chablonnes –

Chablonnes. Ich komme im Namen Sr. Majestät, welche Sie, Herr Vicomte, durch mich beauftragen, Ihrer königlichen Hoheit der Frau Dauphine im Wege der dienstthuenden Hofdame zur hohen Kenntniß zu bringen, daß der Maler Rigaud, welcher ein Bild, die Göttin Hebe vorstellend, für Ihre königliche Hoheit verfertigt hat, wirklicher Hofmaler geworden ist.

Vicomte. Herr Baron von Chablonnes, ich werde nicht ermangeln, mich des Auftrages Sr. Majestät – wenn auch vielleicht auf einem etwas kürzeren Wege – geziemend zu entledigen. – Rigaud ist also Hofmaler? Das freut mich. Das wird Ihre Hoheit freuen. Der junge Mann hat Talent.

Chablonnes. Das hat er.

Vicomte. Aber Sie, Herr Ceremonienmeister, scheinen mit der plötzlichen Beförderung nicht einverstanden?

Chablonnes. Weil sie nicht völlig in der Ordnung ist. Hofmaler! So ein junger Mensch! Es ist zu früh. Ein Talent muß warten – dann kann noch ein Genie daraus werden.

Vicomte. Durch's Warten? Nicht immer. – Wissen Sie auch, Herr Baron, daß wir seit Kurzem das Original von Rigaud's Hebe besitzen?

Chablonnes (gedehnt). Ich habe davon gehört. Es ist ein Fräulein von Ségur, nicht wahr? Die Nichte der Marquise von Dillon in Paris?

Vicomte (bejahend). Eine königliche Eleve, eine arme Waise, in St. Cyr erzogen. Das Fräulein befindet sich in diesem Augenblick bei der Frau Dauphine. (Weist nach rechts.)

Chablonnes (verbessernd). Königlichen Hoheit. So? – Wissen Sie auch, Herr Kammerherr, daß das nicht in Ordnung ist?

Vicomte. Und warum nicht, Herr Baron?

Chablonnes. Weil – – Haben Sie denn vergessen, Herr Vicomte? Die Tante ist eine ränkevolle Frau, und hier in Versailles nichts weniger als beliebt – besonders am alten Hofe.

Vicomte (wie gleichgültig). Die Gräfin Du Barry ist ihre Gegnerin, ich weiß – aber was hat das mit der Nichte zu schaffen? Zudem – die Du Barry ist jetzt abwesend, wie ich höre.

Chablonnes. Sie gebraucht die Bäder von Hyères.

Vicomte (wie ausforschend). Sie kann zwar jeden Augenblick zurückkommen –

Chablonnes (mit Ueberzeugung). Das ist unmöglich! Die Gräfin Du Barry muß noch volle vier Wochen weg bleiben – laut des Hofprogramms und meiner Vormerkungen.

Vicomte. Und wenn sie dennoch vor der Zeit zurückkehrte?

Chablonnes (ungläubig). Vor der Zeit! Die Frau hat freilich keine Ordnung.

Vicomte. Eben d'rum! Die Du Barry hat ihre Spione, sie erfährt Alles, was in Versailles vorgeht – alles Wichtige, mein' ich.

Chablonnes (fixirt ihn). Wichtig? Zum Beispiel?

Vicomte (wie hingeworfen). Zum Beispiel – die Krankheit des Königs.

Chablonnes (rasch, wie erschrocken). Wer sagt Ihnen, Vicomte –? Se. Majestät sind nicht krank, nur unpäßlich.

Vicomte (lebhaft). Also doch! – Der Zustand ist bedenklich? Sprechen Sie, Herr Baron! Beruhigen Sie uns!

Chablonnes. Gemach, gemach, junger Mann! Es ist durchaus kein Grund zur Unruhe vorhanden.

Vicomte. Wirklich nicht? Allein Se. Majestät sind seit mehreren Tagen unsichtbar geworden, wie man weiß.

Chablonnes. Se. Majestät sind viel beschäftigt, darum bleiben sie in ihren Gemächern und arbeiten mit dem Minister Aiguillon. Die Parlamente machen ihnen zu schaffen, die neuen Gesetze, die neuen Steuern. – Mein Auftrag ist besorgt. – (Will gehen, kehrt zurück.) Aber noch Eins: Sie sind der erste Kammerherr Ihrer Hoheit, Herr von Noailles – es ist daher Ihre Pflicht, Ihre hohe Gebieterin geziemend zu warnen.

Vicomte. Und wovor, Herr Ceremonienmeister?

Chablonnes. Vor – kleinen Unvorsichtigkeiten, wenn ich mich so ausdrücken darf. Die Nichte einer Dillon findet Aufnahme am jungen Hofe! Das ist durchaus nicht in der Ordnung. Wer weiß, welche geheime Plane die Tante ausheckt. Ihre Hoheit sollten sich in so gefährliche Verbindungen nicht einlassen, wäre mein Rath. Ueberhaupt – diese muntere Ungenirtheit, diese Vernachlässigung aller Etiquette, führen geradewegs in's Verderben. Im Leben gilt die Form, die Sitte, das Ceremoniell. Das ist's, was die Welt zusammenhält! Die Menschen müssen sich vor einander geniren – auch am Hofe – sonst wird ein Durcheinander, ein Chaos. Beherzigen Sie diese Worte eines alten und erfahrenen Mannes, Herr von Noailles, dessen wohlgemeinte Warnung Sie hohen Orts so schonend als möglich anbringen wollen. (Ab.)

Zweite Scene.

Vicomte (allein). Der alte Hofmann hat's errathen, wie es scheint. Die schlaue Marquise hat ihre reizende Nichte nicht umsonst nach Versailles gebracht. Man buhlt um die Gunst des Königs – vielleicht in seinen letzten Augenblicken. Und die Dauphine, die nichts ahnt in ihrer heitern Sorglosigkeit! Das Mädchen selbst! Weiß Adele darum? Ich kann's nicht glauben. Ihr klares, verständiges Auge, ihr echt jungfräuliches Wesen sagt nein. Ich will sie warnen. (Die Seitenthür geht auf.) Man kommt! – Wahrhaftig, ganz Frankreich erscheint mir bisweilen wie ein großer Sumpf, von Blumen überdeckt. – Da nahen die holden Libellen, die über seiner gleißenden Fläche spielend flattern! (Tritt zurück.)

Dritte Scene.

Vicomte von Noailles. Die Dauphine und Fräulein Adele von Ségur (aus der Seitenthüre rechts).

Dauphine (im Auftreten zu Adele). Wir trennen uns den ganzen Tag nicht mehr! Ein Spaziergang in den Garten, nach Tisch spielen wir Federball – später lesen Sie mir ein wenig vor. Ich hörte Sie in St. Cyr declamiren – Sie haben ein so weiches Organ. (Setzt sich.) Was Neues, Herr Vicomte?

Vicomte (tritt etwas näher). Baron Chablonnes war hier, Hoheit. Der junge Rigaud ist Hofmaler geworden.

Dauphine. Schön, schön! (Zu Adelen.) Der Ihr Bild als Hebe – – schön! – Nun, was sagen Sie zu unserm Versailles, Kind? Voll Glanz, voll Pracht – aber eine Gattung Kerker, wie? In Wien war's anders, wo ich ein freies Mädchen war.

Adele (wie unwillkürlich). Wie ich in St. Cyr!

Dauphine (springt auf, nimmt sie bei der Hand). Sie bereuen, es verlassen zu haben? Sie langweilen sich hier?

Adele. Hoheit –

Dauphine. Sagen Sie's nur! (Seufzt.) Wir langweilen uns Alle – zuletzt auch der König. Das liegt im – (Chablonnes nachahmend.) im Ceremoniell. Nicht wahr, Vicomte? (Zu Adelen.) Aber Sie thaten erst so entzückt über mich, über uns're neue Freundschaft! Es war also nur Verstellung? (Klatscht in die Hände.) Hab' ich Sie ertappt, kleine Heuchlerin? Hab' ich Sie ertappt?

Adele (küßt ihre Hand). Glauben Sie meinen Worten – meinen Gefühlen, Hoheit! Ich kenne kein größeres Glück, als Ihre Gnade für mich. Ich fühlte mich gleich heimisch in Ihrer Nähe – seit Ihrem ersten Besuch in St. Cyr – aber der Ort hier ist mir fremd, die Menschen, alles Uebrige.

Dauphine (immer lebhaft, zum Vicomte). Es geht ihr fast wie mir!

Vicomte (näher tretend). Sie haben eine Scheu vor dem Hofe, Fräulein?

Adele (mehr zur Dauphine gewendet). Eine Scheu? Das nicht! Aber ich fürchte, ich werde den Ton nicht treffen. Es ist ein neues Element, in dem ich mich bewegen soll.

Vicomte. Mit Ihren Eigenschaften lernt man das bald beherrschen, Fräulein.

Dauphine. Recht, Vicomte! Machen Sie dem lieben Mädchen Muth. Es scheint, sie kann ihr St. Cyr nicht vergessen.

Adele. Ich war dort so glücklich, Hoheit.

Dauphine. Weil Sie ein Kind waren! Aber man kann's leider nicht bleiben.

Vicomte. Am wenigsten bei Hofe.

Dauphine. Und in Versailles.

Adele (mit einer leisen Kopfbewegung). Das sagt' ich mir, als ich mein stilles Asyl verlassen mußte. Schien es mir doch, als ob ich mein eigenstes wahres Leben aufgeben müßte, um in's Leben einzutreten – bald aber faßt' ich mich und sagte mir's wiederholt, und rief mir's laut selber zu: »Du bist kein Kind mehr! Du mußt nun auf eigenen Füßen stehen!« – Von dem Augenblick war ich beruhigt, und nahm ein anderes Wesen an.

Dauphine (drückt sie an sich). Du bist ein liebes, einziges Mädchen! Mehr deutsch als französisch – das ist's! Das hat mich an Dir angezogen. – Was sagen Sie, Vicomte?

Vicomte (wie zerstreut). Das Fräulein hat Selbstständigkeit, hat Charakter –

Dauphine. So minder braucht sie den Hof zu scheuen, die Welt. Erklären Sie ihr das, Herr von Noailles. – Warum lächeln Sie?

Vicomte. Weil ich einen ähnlichen Auftrag auch von der Tante des Fräuleins erhielt.

Dauphine (munter). Von zwei Seiten? Desto besser! Nun haben Sie die doppelte Pflicht, das Fräulein zu unterrichten.

Vicomte (nähert sich Adelen). So soll ich mich wirklich zu Ihrem Lehrer aufwerfen, Fräulein?

Adele. Sie werden mich damit verbinden, Herr Vicomte.

Dauphine. Und mich! Schildern Sie uns die große Welt, Vicomte – ich bin selbst noch nicht recht darin zu Hause.

Vicomte (munter). Die Welt! Die große Welt! Die Welt der Großen! Stellen Sie sich dabei nur nichts eigentlich Großes vor, Fräulein! So Manches gilt für groß, was sich nur breit macht – aber Viele, die zusammen halten und den Muth haben, die Andern auszuschließen, bilden immer eine Macht. Das ist unser ganzes Geheimniß. Die Einzelnen sind nichts – die Clique ist Alles, die Coterie.

Dauphine (lacht). Sehr wahr! Und noch Eins: das Ceremoniell! Fragen Sie nur den Baron Chablonnes. – Aber weiter im Text, Vicomte! (Setzt sich wieder.)

Vicomte (zu Adelen). Im Uebrigen müssen Sie erfahren, daß wir uns Tag für Tag beiläufig das Nämliche sagen – das ist ein gewisses, mehr spitzfindiges als geistreiches Nichts, was man den guten Ton nennt, ein äußerst mäßiges Capital von Witz, welches unsern ganzen gesellschaftlichen Betrieb ausmacht! In der Hauptsache lebt man von Credit – das heißt, man ist übereingekommen, sich gegenseitig und bis zur auffallendsten Geistes-Crida für geistreich gelten zu lassen. Rechnen Sie dazu, daß man von Jugend auf gewohnt ist, sich frei und ungenirt zu bewegen, sein Müthchen frühzeitig an Hofmeister und Gouvernante zu kühlen, sich besser zu kleiden, besser zu essen und sich folglich für besser zu halten als alle übrige Menschen, und daß die übrigen Menschen thöricht genug sind, uns auf's Wort zu glauben, daß wir besser sind als sie – so löst sich Ihnen der eigentliche Zauber der sogenannten Leute von Welt. – Sie selbst mögen nun in diese Welt treten, Fräulein, und Ihre schöne Natur walten lassen – mehr braucht es nicht, um darin eine Rolle zu spielen. Das bunte Treiben darf Sie ergötzen, aber ja nicht bewältigen und beherrschen – die Welt gehört den Gleichgültigen, zufrieden ist nur der Einsame, glücklich der Liebende.

Dauphine (die inzwischen aufgestanden). Vortrefflich, Vicomte! Doch war das fast zu viel für einen ersten Unterricht! Sie haben unsere junge Freundin nachdenkend gemacht.

Vicomte. Verzeihen Sie, Hoheit! Verzeihen Sie, Fräulein! Ich griff nach dem ersten besten – in der Folge werd' ich mich bemühen, mehr System in meine Lehren zu bringen.

Dauphine. Ich denke, das war System genug! Gehen wir jetzt in den Garten? Niemand soll uns begleiten – keine von meinen Damen – nur eine Kammerfrau. (Da der Vicomte fort will.) Bleiben Sie, Herr Vicomte! Das Fräulein ist so gefällig. – Gehen Sie zu den Damen, welche den Dienst haben – Sie finden sie im dritten Zimmer. Sprechen Sie mit ihnen – Ihre anmuthige Weise wird Sie bald in ein freundliches Verhältniß mit einander bringen. Kommen Sie dann mit der Kammerfrau – der ersten besten. Bringen Sie auch das Buch mit, das in meinem Arbeitszimmer aufgeschlagen liegt. (Küßt sie auf die Stirne.) Frischen Muth, mein Kind! Der Dienst ist nicht so schwer. Gehen Sie jetzt, bleiben Sie nicht zu lange aus – aber lassen Sie sich Zeit. (Entläßt sie.)

Adele (ab in das Zimmer rechts).

Vierte Scene.

Die Dauphine. Der Vicomte.

Dauphine (nach einer kleinen Pause). Ein liebes Kind! So rein und klar. Ich will mich ihrer annehmen. Sie soll ihr Glück machen. Auch eine passende Partie wird sich finden. Dies Versailles ist gefährlich. Das Mädchen darf nicht ohne Schutz bleiben. – Nun, Vicomte? Was haben Sie aus Chablonnes heraus gebracht? Der Zustand des Königs? Mau darf ja nicht offen fragen!

Vicomte. Es scheint nicht eben schlimmer geworden, Hoheit.

Dauphine (übler Laune). Nicht schlimmer! Das soll nun ein Trost sein! – Der König empfängt uns in letzter Zeit so selten, Vicomte. Mich und den Dauphin.

Vicomte. Seine Majestät sind jetzt reizbar, haben kleine Launen – es wird vorüber gehen.

Dauphine. Nimmer – nie! Da gibt's kein Mittel. – Der Großvater meines Mannes liebt mich nicht.

Vicomte. Und der König hat Ihnen die Gräfin geopfert, Hoheit! Die Badereise der Du Barry ist eine halbe Verbannung.

Dauphine. Sie glauben nicht daran, Vicomte! So wenig als ich. Der König hätte mir die Gräfin geopfert? Mich längst der Gräfin! Weiß ich doch, wie wenig ich hier beliebt bin – in ganz Frankreich, mein' ich. Ich bin ja eine Oesterreicherin! Das Ministerium Choiseul ward gestürzt, das meine Heirath mit dem Dauphin vermittelt hatte. Aiguillon ist jetzt Minister, die Creatur der Gräfin. Sie schicken den Fürsten Rohan nach Wien, der mir in der Seele zuwider ist. Kurz, man will Maria Theresia's Tochter auf jede Weise kränken, demüthigen, man will den österreichischen Einfluß brechen – das ist das Ganze. Und der Dauphin, der sich's gefallen läßt!

Vicomte. Darf ich Eure Hoheit erinnern, daß man hier nicht fest auftreten darf? Wenn man auch wollte, könnte! Wer die Macht besitzt, bewacht sie vor Niemanden argwöhnischer als vor ihrem – künftigen Besitzer.

Dauphine. Leider ist das so! Man hat den Dauphin in Verdacht – um meinetwillen. Man tadelt mich, meine Lebensweise – meine Umgebung. Wer mag das länger ertragen! Warum hab' ich keine Ader meiner großen Mutter? – Aber ich soll ja keine Fürstin sein – man sieht nicht die künftige Königin von Frankreich in mir – nur die Frau des Dauphin. Ich soll nicht herrschen, nicht regieren! Nun gut! So zeigt mir mindestens Freundlichkeit, laßt meine heitere Natur, meine Harmlosigkeit frei und ungehindert walten – zeigt mir Vertrauen, Wohlwollen, Neigung – und ich bin die glücklichste Frau unter der Sonne.

Vicomte. Zweifeln Sie an denen, die das Glück haben, Eure Hoheit zu umgeben? Sie haben treue Anhänger, warme Freunde –

Dauphine (unterbricht ihn rasch). Gut, gut! Ich habe Freunde – ich will's glauben – ich möchte sie nicht gern verlieren.

Vicomte. Es ist uns're Sorge, Ihrer werth zu bleiben. – Sie waren erst so heiter, Hoheit –

Dauphine. Sie kennen meine Absprünge – allein Sie haben recht – lassen wir's. – Wenn ich das Vertrauen des Königs gewinnen könnte, Vicomte – wenn ich die Gräfin – (Hält inne.)

Vicomte. Worauf sinnen Sie, Hoheit?

Dauphine. Auf eine Geschichte, die mir die Dillon mitgetheilt.

Vicomte. Die Tante des Fräuleins?

Dauphine. Ja, letzthin in St. Cyr. Lassen wir's. – Sie sagen mir nichts, Vicomte? Ich höre, Sie wollen Ihre Güter in der Bretagne besuchen?

Vicomte. Meine Gegenwart wäre allerdings dort dringend erforderlich –

Dauphine. Sie sollen Urlaub bekommen – bei Gelegenheit. Oder – wollen Sie uns gänzlich verlassen? Ich kann's nicht glauben! Zwar – man spricht von einer Heirath; man nannte eine Montmorency, die reiche Erbin –

Vicomte. Um Vergebung, Hoheit! Meine Familie hatte zwar den Gedanken gefaßt –

Dauphine (rasch). Aber Sie gingen nicht darauf ein? Ich billige das. – Aufrichtig, Vicomte, ich konnte mir's denken. Die Montmorency! Das ist nichts für Ihren Geist. (Mit Absicht.) Das ist keine Ségur. –

Vicomte (mit Discretion). Am wenigsten eine Marie Antoinette!

Dauphine. Die Galanterie war abgezwungen! – (Besserer Laune.) Sie werden uns also nicht verlassen, Vicomte? – Sie haben uns Dienste geleistet – dem Dauphin und mir; die Zeit wird kommen, wo wir Ihre Anhänglichkeit belohnen dürfen! So hoff' ich denn, Sie werden treu an uns halten – und für immer. (Reicht ihm die Hand, die er küßt.)

Fünfte Scene.

Vorige. Adele (mit dem Buch). Eine Kammerfrau. Dann Chablonnes. Der König.

Dauphine (bei Adelen's Eintreten). Da sind Sie ja! Haben Sie das Buch? Kommen Sie –

Chablonnes (tritt auf, anmeldend). Se. Majestät!

Dauphine (erfreut). Der König!

Vicomte (für sich). Der König! (Mit einem Blick auf Adele.) Und jetzt?

Dauphine (die dem König entgegen ging). Sire –

König (auftretend). Guten Morgen, meine Tochter! Darf ich Sie in Ihrer Häuslichkeit überraschen? Zwar zur ungewohnten Stunde – – Sie haben Besuch?

Dauphine (vorstellend). Das Fräulein von Ségur –

König (mit einem flüchtigen Blick auf Adele). Die Nichte der Frau von Dillon! Baron Chablonnes sagte mir – (Da der Vicomte einen Armstuhl herbei rückt.) Danke, Vicomte! Ich bin nicht müde. (Zu Adelen.) In St. Cyr erzogen, nicht wahr?

Adele. Durch die Gnade Eurer Majestät.

Dauphine. Das Fräulein war von den königlichen Eleven.

König. Schön, schön! Wie geht es Ihnen, Frau Dauphine? Wir haben uns lange nicht gesehen. Die Geschäfte hatten sich gehäuft – aber ich hoffe, wir werden nun bald mit diesen widerspenstigen Parlamenten in's Reine kommen. Was macht der Dauphin? Warum besucht er mich nicht?

Dauphine. Ich werde meinem Gemahl einen frohen Tag bereiten durch diese freundliche Einladung Eurer Majestät.

König. Sagen Sie ihm, daß ich ihn mit Vergnügen empfangen werde. Ich werde ihm die Stunde bestimmen. Erinnern Sie mich, Chablonnes.

Chablonnes (im Hintergrunde, notirt sich).

Vicomte (beobachtend, für sich). Se. Majestät sind äußerst gnädig –

König (der inzwischen mit der Dauphine gesprochen). Die Hebe! Allerdings. (Wie vergleichend.) Und zum Verwundern getroffen! (Zu Adelen gewendet.) Ein Ségur hat in meiner Armee gedient – als Capitän, denk' ich.

Adele. Das war mein Vater, Majestät.

König. Er fiel in einer Schlacht, die wir mit den Engländern – (Hält inne.)

Adele. Auf der Insel Martinique, Sire.

König. Richtig! Die mir diese verwünschten Engländer wegnahmen, Dauphine. (Zu Adele.) Der Capitän hatte sich ausgezeichnet – deßhalb wurden Sie königliche Eleve, so ist's. (Zur Dauphine.) Sie lassen sich von dem Fräulein vorlesen?

Dauphine. Aus den Werken von Fénélon.

König. Fénélon! Das laß' ich gelten. Viel Moral in dem Autor. Man kann solche Werke nicht genug schätzen. (Zu Adele.) Junge Personen können viel daraus lernen. (Zur Dauphine.) Wollen wir nicht doch Platz nehmen? (Auf einen Wink der Dauphine ziehen sich die Uebrigen zurück.)

Vicomte (im Abgehen für sich). Se. Majestät kommen nicht ohne Absicht, das läßt sich merken! (Ab mit den Uebrigen.)

Sechste Scene.

Der König. Die Dauphine.

König (setzt sich, dann die Dauphine auf seine Einladung). Eine angenehme Persönlichkeit, die Ségur. Scheint wohl erzogen.

Dauphine. Das ist sie, und von seltenen Gaben.

König. Das wäre ein Umgang für Sie, Dauphine!

Dauphine. Ich dachte daran, Majestät.

König. Wenn nur die Tante nicht wäre! Die steckt voller Ränke. Die Dillon's intriguirten von jeher. – Was sagen Sie zu meinem Muth? Man möchte mich gerne im Zimmer festhalten. Die Aerzte wollen sich wichtig machen. Es lebt jetzt kein Molière, der sie auf's Neue in ihre Schranken wiese. Aber ich spotte ihrer nur. Ich gehe herum – (Ein Husten unterdrückend.) Wie ein Gesunder. Was sagen Sie?

Dauphine. Ich freue mich über Ihr gutes Aussehen, Sire.

König. Finden Sie?

Dauphine. Ueber Ihre Heiterkeit –

König. Die hat gelitten – leidet täglich mehr. Die Jahre, mein Kind, die Jahre! Man sollte nicht alt werden – ein König schon gar nicht. Das Alter macht mürbe. Die Leute merken's uns ab, nehmen sich Manches heraus. Doch später davon! – Haben Sie Réné besucht, Dauphine?

Dauphine. Den berühmten Goldschmied? Allerdings, Sire –

König. Dann hat er Ihnen ohne Zweifel sein neuestes Werk gezeigt?

Dauphine. Die goldene Toilette?

König. Ein wahres Meisterwerk, ein Kunstwerk, nicht wahr?

Dauphine (wie auf der Hut). Es ist einzig in seiner Art – allein der Preis, welchen Réné fordert –

König. Ist ungeheuer, ich weiß. Mau müßte ein Generalpächter sein, um das schöne Werk kaufen zu können. Die Dauphine von Frankreich ist nicht reich genug dafür. – (Galant.) Sie müßte es denn als Geschenk annehmen wollen.

Dauphine (anfangs wie erfreut). Majestät – – Doch nein! Nicht um Alles, Sire! Bei dem Zustande der Finanzen! Mau ruft mich ohnehin für eine Verschwenderin aus.

König (fixirt sie). Die Broschüre erwähnt nichts davon, das neueste Pamphlet.

Dauphine (unbefangen). Ein Pamphlet?

König. Worin ich auf's Heftigste angegriffen werde – auch noch Jemand. Sie haben davon gehört? Nicht? – Ich gäbe viel darum, den Autor zu packen – aber mein Polizei-Minister kommt auf keine Spur. Herr von Sartines behauptet zwar – verzeihen Sie, Dauphine – es müsse Jemand sein, der – kurz, Jemand aus Ihrer Umgebung – oder aus der des Dauphin –

Dauphine (lebhaft). Unmöglich, Sire! Niemand von meinen Leuten würde sich so weit vergessen, die Eurer Majestät schuldige Ehrfurcht – – (Steht auf.) Aber die strengste Untersuchung soll sogleich –

König (gleichfalls aufstehend). Nicht doch, nicht doch! Man muß gar nichts dergleichen thun – man muß im Stillen forschen, kein Geräusch machen. Auch handelt sich's weniger um mich – mich trifft man nur so nebenbei. Der Hauptschlag fällt auf eine Person, die mir werth ist – nur leider hier nicht sehr beliebt – am jungen Hofe, mein' ich. (Pause.) Die Gräfin wird mit Nächstem zurückkehren. – Sind Sie noch immer erzürnt auf die arme Du Barry?

Dauphine (ablehnend). Majestät –

König (ergreift ihre Hand). Ich habe gern Hausfrieden! Die Du Barry soll Ihnen abbitten – Alles, was sie Ihnen angethan – auch was nicht – aber nehmen Sie sie dafür zu Gnaden auf – lassen Sie sie an Ihrem Hofe erscheinen.

Dauphine (kalt). Sie werden das nicht von mir verlangen, Sire.

König. Und warum nicht? Was haben Sie eigentlich gegen die arme Du Barry? – Die Frage macht Sie verlegen!

Dauphine. Weil mir die Antwort zu schmerzlich fällt. Die Gräfin raubt uns das Herz unsers Königs, unsers Vaters – mir und dem Dauphin.

König. Glauben Sie's nicht, mein Kind! Das sagen Ihre Leute, die Wohldiener! Die Du Barry spricht mit aller Ehrerbietung von Ihnen – besonders von Ihnen.

Dauphine. Ehrerbietung, Sire! (Lebhaft.) Und sie macht sich lustig über meine blonden Haare –

König (beißt in die Lippe). Sie ist eine Unverschämte! Aber brünett – das macht's.

Dauphine (wie verletzt). Brünett, Sire –

König. Ruhig, mein Kind! Die Gräfin ist hitzig. Ein brauner Teint, dunkles Haar – das sind immer die Hitzigen, die Vorlauten – so meint' ich's. Die Blondinen sind sanft. – Sie war unartig gegen Sie – darum mußte sie den Hof meiden – auch noch aus andern Gründen. Aber ich bin an sie gewöhnt. Laßt mir meinen Umgang – (Mit Betonung.) Ihr habt ja den Euren! – Jeannette ist ein lebhaftes, harmloses Ding – so drollig. Und sie hängt an mir – das müssen Sie doch zugeben.

Dauphine (ausweichend). Gewiß –

König (wie argwöhnisch). Oder nicht?

Dauphine. Kein Zweifel! Wenn gleich – (Hält inne )

König. Wenn gleich? Sie wollten etwas sagen?

Dauphine. Es war nichts, Sire. – Ich darf dem Fräulein von Ségur eröffnen, daß Eure Majestät vielleicht die Gnade haben werden, sie meinem Hofstaat zuzuweisen?

König. Ja doch! Bei Gelegenheit. – Sie zweifeln an der Du Barry? Auch in dem Einen Punkt? Daß sie mir zugethan ist?

Dauphine. Sire –

König. Daß sie treu an mir hält? Sprechen Sie –

Dauphine (nach einer kleinen Pause). Es gibt Leute, die das Gegentheil behaupten.

König (lacht). Das glaub' ich gern. Die Feinde der Gräfin – die Dillons und ihr Anhang. Nicht Sie, Dauphine! Sie stehen zu hoch, ihr gegenüber. Aber d'rum eben! Ihnen würde ich glauben – nur Ihnen. Geschwinde, Dauphine, wissen Sie etwas? Haben Sie der Du Barry etwas vorzuwerfen? Etwas Bestimmtes, mein' ich.

Dauphine. Nichts, Sire – als ihre Vergangenheit.

König (unterdrückt eine Bewegung). Was vorüber ist – – auch hat sie sich gebessert.

Dauphine. Mindestens verfeinert. Obschon – (Hält wieder inne.)

König. Obschon?

Dauphine. Darf ich Alles sagen, Sire?

König. Alles, Alles –

Dauphine. Gut denn! – Wissen Sie, wo sich die Gräfin während ihres kurzen Exils aufhält?

König. In den Bädern von Hyères. Wo denn sonst?

Dauphine. Ganz recht. Aber sie war dort gleich die ersten Tage unsichtbar.

König. Weil sie krank im Bette lag.

Dauphine. Weil sie insgeheim – nach Marseille reiste.

König. Nach Marseille!

Dauphine. Man sah sie dort in der muntersten Laune auf einem Matrosenball –

König (rasch). Tanzen? Mit Matrosen?

Dauphine. Es waren auch Soldaten darunter – ein Sergeant – der vornehmste von der Gesellschaft, ein martialischer junger Mann, der ihr auch alle Aufmerksamkeiten erwies – ohne sie zu kennen, versteht sich, denn sie machte den lustigen Ausflug unter fremdem Namen.

König. Unter welchem Namen, Dauphine?

Dauphine. Sie ließ sich Demoiselle Vaubernier nennen.

König. Vaubernier? Ganz recht! Das ist ihr Familienname. (Gezwungen lächelnd.) Aber Matrosen, Soldaten! Nicht übel erfunden! Aber sie war's nicht – man hat eine Andere für sie angesehen – eine Andere hat sich für sie ausgegeben. – Es gibt so viele Brünetten. (Boshaft.) So viele Blondinen. Sie war's nicht, Dauphine, sie war's nicht!

Dauphine (ruhig). Sie war's, Sire. Fragen Sie sie selbst.

König (betroffen). Sie scheinen wohl unterrichtet, Frau Dauphine –

Dauphine. Der Zufall hat mich's entdecken lassen.

König. Acht Tage in Marseille! Und wenn sich der Zufall getäuscht hätte? Wenn sie gar nicht dort war? (Da die Dauphine die Achsel zuckt.) Wenn sie nicht getanzt hat?

Dauphine. Dann macht die Dauphine von Frankreich sich anheischig – aber auch nur dann, Sire – die Gräfin Du Barry an ihrem Hofe zu empfangen.

König (stutzt). Das ist viel! Aber ich nehm' es an. Mein königliches Wort dagegen: wenn die Du Barry schuldig ist, so soll ihr ein ganz anderes Exil zu Theil werden, als die Bäder von Hyères. (Geht auf und ab.) Ich seh' es wohl – ich wußt' es längst – Niemand hält treu an mir – ich bin von lauter Verräthern umgeben! Von Pamphletisten, von – – In Marseille! Wo ist Chablonnes? – Ich danke Ihnen, Frau Dauphine! Sie haben mir vielleicht die Augen geöffnet. – In Marseille! Mit Matrosen! Und ein Zufall hat Sie's entdecken lassen? – Ich that unrecht, Sie und den Dauphin von mir fern zu halten – aber das soll anders werden! Wir wollen in Zukunft nur Eine Familie ausmachen, wir wollen – – (Nach dem Eingang.) Chablonnes! Chablonnes!

Siebente Scene.

Vorige. Chablonnes. Adele. Der Vicomte (die im Hintergrunde bleiben).

Chablonnes. Majestät –

König. Haben Sie Ihre Vormerkungen bei der Hand, Chablonnes? Das Fräulein von Ségur – treten Sie nur näher, Fräulein! (Zu Chablonnes.) Ségur! Notiren Sie den Namen. Wir werden der guten Dienste Ihres Vaters nicht vergessen, Fräulein. – Chablonnes! Auch Marseille. Haben Sie's notirt? Marseille.

Chablonnes. Marseille. Sire?

König. Ja! Die Matrosenstadt. Haben Sie's? Machen Sie ein Notabene dazu. Mahnen Sie mich – doch es wird kaum nöthig sein – ich denke schon selbst daran. (Zu Adele artig.) Auch an den braven Capitän von Ségur. – (Abschied nehmend, zur Dauphine.) Liebe Tochter – (Mit einer Handbewegung.) Fräulein von Ségur – (Geht, bleibt stehen.) Sagen Sie doch, Herr Ceremonienmeister! Der Name Ségur bedarf wohl keiner Adelsprobe?

Chablonnes (wichtig). Ein jeder Namen bedarf ihrer, Sire. Die Form verlangt das.

König. Allein der König kann von der Form dispensiren, nicht wahr? – Stellen Sie das Fräulein von Ségur meinen Schwestern vor, Baron Chablonnes!

Chablonnes. Ihren königlichen Hoheiten? Unter welchem Titel, Majestät?

König. Der Titel wird sich finden. – Machen Sie das Fräulein mit Versailles bekannt, Dauphine. Die Gärten, die Wasserkünste, die Gemälde-Gallerie. Alles soll Ihnen offen stehen. Alles, Chablonnes, hören Sie? (Freundlich grüßend, halb zur Dauphine.) Auf Wiedersehen, liebe Tochter, auf Wiedersehen! (Geht, von der Dauphine begleitet.)

Chablonnes (tritt zum Vicomte, halblaut). Eine Vorstellung ohne Titel! Was sagen Sie, Vicomte? s' ist gegen alle Ordnung, gegen alles Ceremoniell –

König (der mit der Dauphine im Gespräch nach dem Hintergrunde ging, tritt wieder vor). Unter welchem Titel, Chablonnes? (Zur Dauphine.) Was meinen Sie? (Zu Chablonnes.) Als das jüngste Hoffräulein der Dauphine –

Chablonnes (erstarrt). Hoffräulein –

Dauphine (erfreut). Sire –

Adele (eben so). Diese Gnade –

König (mit Wohlwollen). Sie sollen mir ein andermal dafür danken. – Kommen Sie, Chablonnes! (Mit einem Blick auf Adele.) Marseille – vergessen Sie nicht, Marseille. (Wendet sich zu ihm.) Und Ségur, Chablonnes – Ségur. (Winkt noch einmal freundlich und wendet sich zum Gehen, während die Uebrigen sich tief verneigen; dann ab, von der Dauphine begleitet. Chablonnes folgt kopfschüttelnd.)

Vicomte (im Vordergrund, für sich, beobachtend). Arme Libelle! Du flatterst in Dein Verderben.

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