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Aus See und Sand - Erster Band

Wilhelm Jensen: Aus See und Sand - Erster Band - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Jensen
titleAus See und Sand ? Erster Band
publisherHesse & Becker Verlag
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080809
projectid00ff37a1
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I.

Der junge Dorflehrer in Loagger, Tilmar Hellbeck, kam von einem Nachmittagsausgang ins Schulhaus zurück. Ein Gebäude war's, in seiner Bauart den anderen Häusern des Strandkirchdorfes gleich, einstöckig, von weit niederhängendem, dunkelbemoostem Strohdach bedeckt; nur wenig Fenster sahen darunter hervor, wie Augen unter übernickendem Haar, doch jedes aus vielen winzigen Scheiben zusammengesetzt. Nach Westen auf die Nordsee blickte keines aus, hier wie überall; von dort kam fast beständig durch das ganze Jahr der Wind, oft als Sturm, Seewasser oder Sand durch die feinsten Ritzen peitschend, und alle Dorfhäuser kehrten ihm feste Mauern zu, meistens die Rückwand der mit dem Wohnhaus zu einem verbundenen Scheune. Die fehlte jedoch dem Schulgebäude, zu dem kein Acker- oder Weideland gehörte. Nur für die winterliche Unterbringung eines halben Dutzend von Schafen befand sich ein kleiner Stallanbau an der Westseite.

Tilmar Hellbeck war von schmächtiger Gestalt und schmalem, blaßfarbigem Gesicht; seine Augen boten die Ähnlichkeit mit den Fenstern des Schulhauses, daß sein Haar Neigung trug, vom Stirnrand auf sie herunterzufallen und ihn veranlaßte, es gewohnheitsmäßig, manchmal mit einem leichten Aufruck, wieder emporzuwerfen. Das Haar gehörte der blonden Art an, doch machte es trotzdem einen dunklen Eindruck; aus der Entfernung erschien es wie vorzeitig ergraut, mußte indes täuschen, denn er stand erst in der Mitte der zwanziger Jahre, und beim Näherkommen zeigte es sich von einer mattem Stahl ähnelnden Färbung. Seine Kleidung war nicht bäuerisch, sondern städtisch, erkennbar mit einer gewissen Sorglichkeit gehalten, doch abgetragen, an Stellen beinahe fadenscheinig. Sie sprach von ärmlichen Verhältnissen, wie deutlicher noch die Magerkeit der Züge von karger Ernährung. Den Umständen gemäß war das Lehrergehalt in Loagger ein recht klägliches.

Trotzdem hatte er sich vor drei Jahren glücklich geschätzt, die Stellung zu bekommen. Durch mühevolle Arbeit und Entbehrung seiner Mutter war's ihm, der seinen Vater kaum mehr gekannt, ermöglicht worden, sich zum Volksschullehrer auszubilden. Jahrzehnte schweren Lebenskampfes waren es für jene gewesen, da sie, nach der landläufigen Benennung von »besserer« Abkunft, nicht in der Voraussicht aufgewachsen, sich und ihrem Kinde einmal mit ihren Händen den Unterhalt verdienen zu müssen. Doch Mutterliebe hatte sie ausdauernd zur Erreichung des Zieles gemacht, das sie sich für ihren Knaben vorgesteckt, ihn vor der Nötigung zu einem Handwerk zu bewahren. Wenn es ihr auch nicht möglich geworden, ihn der Überlieferung ihrer Familie gemäß auf eine gelehrte Laufbahn zu bringen, machte der Lehrerberuf ihn doch einem Bildungsstande zugehörig. Rastlos, mit eisernem Fleiß hatte er selbst gearbeitet, die Hoffnung seiner Mutter zu erfüllen, ihre Mühen und Sorgen vergelten zu können, denn sein Herz hing an nichts auf der Welt, als an ihr, wie das ihrige an ihm. Und so war's geschehen, im letzten Augenblick höchster Bedrängnis; als ihre Kräfte erschöpft zusammengebrochen, sie nicht mehr weiter gekonnt, der Hungertod ihnen ins Gesicht gestarrt, hatte die Schulbehörde ihm die durch Todesfall erledigte Lehrerstelle in Loagger übertragen. Kümmerlich war sie, aber ließ nicht verhungern, gewährte ihm das Höchste, jetzt seine Mutter, die früh Gealterte, erhalten zu können. Wie ein vom Himmel herabgefallenes Glück hatte er das Amt in dem einsamen, weltentlegenen Stranddorf übernommen; eine erste Stufe wenigstens, auf der er Fuß gefaßt, sich von ihr höher und freier weiter zu heben.

Spätnachmittag im Aprilanfang war's, und eine weiche Luft kündigte Herannahen des Frühlings. Wie der junge Lehrer, eine alte blecherne Botanisierbüchse am Band über der Schulter tragend, von seinem Ausgang zum Schulhaus zurückkam, saß Frau Margret Hellbeck, mehr weiß- als grauhaarig, auf einer Bank vor der Tür, nach Bauernfrauenbrauch altmütterlich mit den mageren Fingern an einem Spinnrocken tätig. Halb überrascht begrüßte sie den Herantretenden: »Kommst du schon wieder, Til? Ich dachte, bei dem schönen Wetter bliebest du länger aus. Der Winter war lang, da tut's wohl im Freien.«

Er antwortete: »Aber macht auch müde, man muß sich erst wieder gewöhnen. Ja, liebe Mutter, dir tut's gut hier draußen, das macht mich froh; du siehst prächtig aus.«

Das Aussehen der alten Frau war in der Tat ein gesundes, weit besseres, als es bei ihrer Hierherkunft vor drei Jahren gewesen. Sie hob den Kopf auf, doch schüttelte sie ihn zugleich und erwiderte:

»Von dir kann ich's nicht sagen, du bist blaß, und in deinen Augen sieht man nicht, daß du froh bist. Schon länger sah ich's und kann's mir wohl denken; dein junges Leben paßt nicht hierher, hat zu wenig, du hast gedacht, daß du schneller vorwärts kämst. Hättest du nicht um meinetwillen die Stelle hier angenommen, wärst du wohl auch schon weiter, aber ich bin dir ein rechter Klotz am Bein.«

Auch er machte jetzt rasch eine verneinende Kopfbewegung. »Du weißt, liebe Mutter, ich bin gern hier – um deinetwillen.« Das letzte schien er etwas unbedacht beigefügt zu haben, trachtete danach, es anders auszulegen: »Ich meine, mir kann's nur wohlgehen, wenn du gesund und rüstig bist, und dir bekommt die Luft hier besser, als in einer Stadt. Mir fällt es heute besonders auf, wie hell du aus den Augen siehst.«

Margret Hellbecks Mund hatte sich lange Jahre des Lachens entwöhnt gehabt, doch die erdrückende Bürde jener Zeit war von ihr abgefallen, und das Leben lag noch einmal vor ihr wie zu einem fröhlichen Aufstieg. Die Naturanlage ihres Gemüts mochte eine heitere gewesen sein, um die alten Lippen spielte ihr gegenwärtig ein beinahe schelmischer Ausdruck, so gab sie Antwort:

»Mir hat das linke Ohr gejuckt, und vorhin flog eine Möwe übers Dach, die rief etwas. Verstehen konnt ich's nicht, aber ich glaube, Til, es muß heute etwas Gutes für uns geben; deshalb halte ich die Augen recht auf, damit es nicht an ihnen vorbeikommen kann, ohne daß ich's sehe. Alte Weiber sind einmal abergläubisch, und ich will's doch versuchen, ob ich's nicht auch noch lernen kann, Karten zu legen und aus dem Kaffeesatz zu prophezeien.«

Nun lachte sie wirklich, ein liebes, altes Gesicht war's. Der Sohn nickte freundlich: »Das würdest du gewiß und eine weltberühmte Wahrsagerin werden, von der Kaiser und Könige sich weissagen ließen. Nur müßten wir uns erst Kaffee zum Trinken anschaffen; schade, daß er so teuer ist und aus unserer großen Zukunft deshalb nichts wird. Doch auch zum Trinken wäre er für eine frühaufstehende Frau – für ein altes Weib – besser als Milchsuppe; mir wär's ein Glück, wenn unsere Einnahme dazu ausreichte, Kaffee für dich ins Haus zu bringen, liebe Mutter.«

Das letzte klang vom Herzen her, ein zum erstenmal über die Lippen gebrachter Wunsch, dessen Erfüllung die Umstände versagten. Nun trat Tilmar auf den gestampften Lehmboden des Hausflurs; zur Linken führte eine niedrige Tür in den Wohnraum der beiden, gegenüber nach rechts lag die Schulstube von wenig Umfang. Drei kurze Bank- und Tischreihen hintereinander wiesen auf nur geringe Besucherzahl hin, dem kleinen Schulsprengel gehörten außer Loagger bloß noch zwei landein belegene Heidedörfer an. Die blankgeputzte Holzdiele legte Zeugnis von der Arbeitsamkeit und Sauberkeit Frau Margrets ab, sie hielt alles im Hause selbst imstand, wie sie auch die Wirtschaft ohne eine Beihilfe besorgte; dazu hätten die Einkünfte gleichfalls nicht ausgereicht. Auf den Schultischen lagen da und dort einige abgerissene Katechismen, Gesangbücher und zersplissene Schiefertafeln, von den am Vormittag stattfindenden Lehrstunden redend. Offenbar füllte sie nur der niedrigste Elementarunterricht aus; die Vorstellung, daß Tilmar Hellbeck, ihn erteilend, täglich lange Stunden vor barfüßigen Dorfkindern auf dem alten wackelnden Pult zubringe, einem Lebensberuf damit Genüge leiste, stimmte nicht recht mit dem Ausdruck seiner Züge und seinem Wesen überein. Unverkennbar trug er mehr in sich von natürlicher Begabungsmitgift wie durch erworbene Kenntnisse Anwartschaft auf eine höhere Tätigkeit. Wohl fehlte ihm klassische Bildung, da er kein Gymnasium zu besuchen vermocht, nur für Aufnahme in einem Lehrerseminar befähigt gewesen. Doch über die Obliegenheiten seiner hiesigen Stelle ragte er entschieden weit hinaus, hätte eher angemessene Aufgabe an einer Bürgerschule gefunden. Seine Mutter hatte recht, er mußte sich unbefriedigt fühlen und von hier fortsehnen. Aber aus Liebe zu ihr verneinte er diesen natürlichen Drang, stellte sich vollzufrieden mit seinem Aufenthalt in Loagger, um zu verhüten, daß sich in ihr ernstlich das Gefühl festsetze, ihm für sein Weiterkommen hinderlich zu sein. Das wußte sie auch, denn er war der beste, opferwilligste Sohn. Indes aus seiner Gesichtsfarbe, seinen Augen und einer Veränderung seines Wesens sprach ihr schon seit längerem, was sein Mund verschwieg.

An die Schulstube stieß ein kleines Gelaß, das er sich als Arbeitskammer eingerichtet hatte. Auf Wandgestellen, von ihm selbst aus Bretterabfällen gezimmert, standen seine Bücher, zum Teil für seine Lehrerausbildung und seinen Beruf notwendig gewesene. Doch machten sie nur die Minderzahl aus, ungefähr ein Viertel; der übrigen hätte er als Dorflehrer nicht bedurft. Allen sah man an, daß sie bei Büchertrödlern, wahrscheinlich auf Jahrmärkten umziehenden, als wertlose, von niemand mehr begehrte Ware um Groschenpreise billigst zusammengekauft seien; eine kleine Ansammlung von alten, schlechtgedruckten geographischen, historischen, naturgeschichtlichen Leitfäden und Lehrbüchern war's, fast alle aus dem vorigen Jahrhundert stammend. Ebenso ein Dutzend Bändchen mit schönwissenschaftlichem und poetischem Inhalt, herausgerissene Hefte aus den Schriften Herders, defekte früheste Ausgaben Schillerscher und Goethescher Gedichte, ein anfang- und schlußloses Stück von Wielands Oberon. Für alles miteinander hätte ein Antiquar schwerlich einen Taler zum Ankauf aufgewendet.

Auch die nicht von den Büchern eingenommenen Gestellbretter waren, wenngleich andersartig, doch ebenso dicht besetzt oder richtiger belegt. Verschiedenartige Steine vom Strand, Muscheln, getrocknete Seesterne lagen darauf; zwei kleine besondere Abteilungen enthielten vom Wasser ausgeworfene Petrefakten und ein paar aus Kieseln zurechtgefertigte Messer und Pfeilspitzen der Steinzeit. Sämtliche Gegenstände befanden sich geordnet, mit Blättchen versehen, die zum Teil eine Aufschrift zeigten, zum Teil leer waren. Einen Bord füllten mehrere Stöße zwischen grauem Papier gepreßter Pflanzen, unter denen gleichfalls zumeist Namen geschrieben standen, deutsche, doch auch manche lateinische, die letzteren überall in sorgsam hergestellter Schönschrift. Keine Sammlungen wissenschaftlicher Bildung waren es, sondern die eines Ungelehrten: aber man sah ihnen Eifer an, heißes Bemühen, in ihre Gebiete einzudringen, die Gegenstände mit Namen zu bestimmen, nach ihrer Zusammengehörigkeit zu ordnen, Kenntnisse zu erwerben und zu erweitern. Nebenan stand Tilmar Hellbeck als Lehrer vor dem Pult, hier dagegen saß er als Lehrling, nur auf sich selbst und seine alten, ihm vom Zufall in die Hände getragenen Bücher angewiesen. Aus ihnen suchte er einen Wissensdurst seines Innern zu stillen, doch einem Schöpfen karger Tropfen in hohler Hand glich's. Seine kleinen dilettantischen Sammlungen boten ein ziemlich treues Abbild dessen, was er sich autodidaktisch im Kopf angesammelt hatte. Überall gebrach's ihm an Wissen und an den einschlägigen Hilfsmitteln, hauptsächlich vielleicht an richtiger, im Knabenalter nicht erworbener Schulung des Geistes. Aber heftiger Drang nach höherer Ausbildung desselben lebte in ihm, und in seinen Augen stand zu lesen, hinter der schmächtigen Stirn arbeite eine Phantasiemitgift, die ihm oft mangelnde Kenntnisse ersetzte, eine lebendige Anschauung vor den Blick bringe, wo seine Kunde nicht ausreiche.

Nun setzte er sich vor den Tisch der engen Kammer und leerte den mitgebrachten Inhalt seiner Blechbüchse auf ihn aus, einige Pflanzen mit hartem, salzdurchtränktem Blattwerk, stahlfarbig sich als überwintert offenbarend. Nur ein Kraut zeigte, eben vom Frühling aufgetrieben, schmale, hellgrüne Blättchen, doch noch ohne Andeutung eines Blütenstiels; April war's erst und unter dem nordischen Breitengrad die Knospenzeit noch nicht gekommen. Der junge Selbstlehrer nahm einen vergriffenen Band vom Gestell herunter, ein altes botanisches Handbuch ohne Titelblatt, abbildungslos, dürr-systematisch. Nach dem bemühte er sich, freilich nicht selten vergebens, seine Funde zu bestimmen, und suchte dies auch jetzt zu tun. Die kleine blütenlose Pflanze bot wenig Aussicht auf Erfolg, aber Glück kam ihm heut entgegen, so daß er nach einer Weile des Untersuchens und Prüfens zur Kielfeder griff und auf ein Blatt schrieb: »Strandnelke, Armeria maritima.« Er sprach es laut vor sich hin, doch bei dem letzten Wort den Akzent falsch auf die vorletzte Silbe legend; es ließ hören, daß er kein Latein gelernt habe, so betone, wie der Klang ihm am besten gefalle. Auf die halmartigen Blättchen schauend, sagte er nochmals laut: »Wie mag sie blühen? Ich kann mich nicht erinnern, sie gesehen zu haben.« Seine deutsche Ausdrucksweise war die eines Vollgebildeten, und die Stimme besaß einen schönen, eigenartigen Ton. Er neigte dazu, mit sich selbst zu sprechen, die Einsamkeit seiner Lebensführung hatte ihn daran gewöhnt, wohl im Verein mit der regen Tätigkeit seiner Phantasie, die das Gedachte und Gefundene, gleichsam zur Vergewisserung, gern auch dem Ohr vorhielt.

Die Vorjahrsstrandpflanzen mit den scharfkantigen und stachlichten Blättern harrten noch der botanischen Bestimmung, und er stand im Begriff, diese fortzusetzen. Doch das Licht in der Kammer veränderte sich, ward, obwohl der Tag sank, nicht dunkler, sondern heller. In einiger Entfernung fiel die abendlich schräge Sonne jetzt auf die weiße Rückwand der Dorfkirche, so daß der Abglanz in die kleinen Fensterscheiben des Schulhauses herüberspielte. Tilmar ließ den Arm mit einer zur Hand genommenen dürren Strandkarde auf den Tisch niedersinken und blickte hinaus. Eine Zeitlang, in der die Strahlen drüben auf den alten Findlingsblöcken der Kirchenmauer blinkerten; wie diese Granitsteine einmal in menschenlos-ferner Vorzeit hierher in die sonst felslose Gegend gekommen seien, wußte er, es stand auch in seinen Büchern, zwar nicht in einem gedruckten, sondern in einem geschriebenen, das sein Amtsvorgänger hier, Jasper Simmerlund, hinterlassen. Ein alter, alleinstehender Mann war's gewesen, der vierzig Jahre lang die Lehrerstelle gehabt, ohne Kinder, überhaupt ohne Verwandte gestorben, so daß der Nachfolger sein bißchen dem Staat als Erben zugefallenen Hausrat für ein billiges übernehmen gekonnt. Unter dem Nachlaß hatte sich ein dicker, grauer Pappband befunden, eine Art Chronik enthaltend, die Simmerlund in der langen Zeit geführt; wie es schien, nach seiner zeitweiligen Stimmung, war manches nur mit ein paar Worten angemerkt, anderes ausführlich berichtet. Er mußte ein einsiedlerischer Sonderling gewesen sein, der sich seine eigenen Gedanken gemacht und ihnen guten Ausdruck zu geben verstanden, jedenfalls geistig auch über seine Schulmeisteraufgabe in Loagger hinausragend. Nun lag er drüben hinter dem Erdwall, der den Kirchhof zum Abhalten des Flugsandes umgürtete, und das Rückspiegeln der Sonnenstrahlen flimmerte augenscheinlich über seinen Grabstein. Seinen jungen Nachfolger überlief's einmal mit einem leichten Schauer; es war ihm noch nie so zum Bewußtwerden, zur Vorstellung gekommen, daß der drüben Begrabene so unendliche Jahre hindurch einsam zwischen diesen Wänden gesessen, jung gewesen, alt geworden sei, sein ganzes Leben hier verbracht habe. Leiblich hatte Tilmar Hellbeck ihn nicht mehr gekannt, konnte sich kein Bild von ihm machen, nur ein geistiges aus der Niederschrift in dem graugebundenen Buch, das er schon mehrmals vom Anfang bis zum Ende durchgelesen. Doch er las gern noch wieder drin; aus allerhand kurz oder länger eingeflochtenen Dingen hatte er mancherlei ihm unbekannt Gewesenes gelernt. Auch daß die Findlingsblöcke, aus denen die Kirche gebaut worden, in einer Eiszeit von Gletschermassen hergetragen und hier abgelagert worden seien; er meinte wenigstens, daß er die Kenntnis aus den Aufzeichnungen des Alten geschöpft habe, und wohl durch den Anblick der beglänzten Kirchenmauer daran erinnert, blickte er sich nach ihnen um. Dazu sprach er wieder laut vor sich hin: »Ich glaube, von daher weiß ich's.«

Er mußte sich darüber vergewissern, sichtlich zog's seine Hand, die jetzt die dürre Karde fortlegte und sich nach einem Bord ausstreckte. Das Handschriftbuch Simmerlunds herunternehmend, schlug er es auf. Das erste Blatt von grobkörnigem Papier zeigte mit schon bräunlich werdender Tinte den Titel geschrieben:

»Hochfluten, Stürme und Unwetter, Unfälle
und Begebenheiten, die ich in Loagger
mitangesehen oder mir zu Gehör gekommen.«

Darunter stand, mit anderer Tinte offenbar in späterer Zeit erst nachgesetzt:

»Es kommt alles und geht, und ist alles eitel, als
der Prediger sagt, was der Mensch denkt und hoffet,«

Nun blätterte der junge Dorflehrer, um die gesuchte, von den Findlingssteinen der Kirche redende Stelle aufzufinden. Manchmal erstreckte eine Mitteilung sich über mehrere Seiten, oft nahm sie nur ein Stück von einer solchen ein, deren Rest unbeschrieben war. Die meisten, in Klammern vorgesetzten Inhaltsangaben lauteten: »Starke Flut – Sturm, Schiffbruch« am soundsovielten Monatstage des und des Jahres, doch auch »Feuersbrunst – Gefährlich ansteckende Krankheit – Tod durch Blitzschlag« und manch anderes wechselten dazwischen ab. Ungefähr am Schluß des ersten Viertels der Aufzeichnungen stand auf einem Blatt allein vermerkt:

»Der bisherige Pastor aus dieser Zeitlichkeit abgeschieden. Hatte sein gutgemessen Teil daran gehabt und war's wohl zufrieden. An seine Stelle ernannt Herr Hans Christian Hollesen, anher noch candidatus gewesen, zuerst hier im Amt. Hat alsbald nach seinem Antritt seine Braut als Ehefrau heimgeführt, und sind beide in unserer Kirche vom Herrn Probsten, der aus der Nachbarstadt herausgekommen, kopuliert worden. Verhoffe ich auf Fortdauer guten Verhältnisses mit dem neuen Pfarrherrn wie mit dem abgestorbenen. Es ist Gewöhnung des Menschen Wegbegleiterin, daß ihm nicht leicht fällt, sie zu missen. Aber Jesus Sirach redet: ›Ein neuer Freund ist ein neuer Wein, laß ihn alt werden, so wird er dir wohl schmecken!‹«

Tilmar Hellbecks Blick war über die zufällig aufgeschlagene Seite hingegangen; er sah noch einmal auf die Jahreszahl, rechnete kurz und sagte: »Es sind also schon über dreißig Jahre, daß Pastor Hollesen hier steht, zehnmal die Zeit meines Hierseins.«

Nun ging er seinem Zweck, zu dem er das Buch hergenommen, weiter nach, fand indes das Gesuchte nicht. Doch verweilten seine Augen hier und dort; obwohl er alles kannte, zog manches ihn zum Weiterlesen an. Ähnliche Vorgänge wiederholten sich wohl, aber der Schreiber tat's in der Abfassung seines Berichtes nicht, verlieh jedem ein besonderes und anschauliches Gepräge. So boten die häufigen Schilderungen der Wasserbedrohungen und Schiffsstrandungen doch immer etwas Verschiedenes und Neues; zwischen sie hinein indes mischten sich auch außergewöhnliche Vorkommnisse. Ein solches geriet dem Blätternden mit unter die Hand, das er las:

»(Unglücksfall.) Es sind unter diesem dato an einem Juniusmorgen in der Frühe die beiden jungen adeligen Herren, die von Kindsbeinen auf unzertrennliche Freunde gewesen, Meinolf von Rhade und Dietrich von Ulfsleben, von dem Hafen der Stadt aus, wie sie's schon zu öfteren Malen getan, jeder in einem Boot selbander auf die See hinausgefahren, um nach ihrer Liebhaberei ein Wettsegeln unter sich anzustellen, beide der Segelhandhabung und des Steuerns wohl kundig. Ist ein schöner Tag gewesen, doch gegen Mittag im Westen ein dunkles Unwetter aufgezogen, das auch wir hier besahen, da der Blitz in Kaspar Jungklauhens Kate eingeschlagen, sie vollständig niedergeäschert. In der Gewitterbö aber das Boot dessen von Rhade umgeschlagen und von selbigem nichts wieder zum Vorschein gekommen. Denn weil plötzlich schwerer Regen eingefallen und so dicht wie ein Nebel auf Bootslänge alles unsichtbar gemacht, hat auch der von Alfsleben nichts von dem Unfall wahrgenommen, erst als das böse Wetter vorbeigegangen, nirgendwo mehr das Segel seines Freundes gesehen. Vergebens nach ihm gesucht bis zum Abend, da er ganz von Kräften rückgekehrt, anerst kaum sprachfähig, zu berichten, was sich zugetragen, ohne daß er angeben gekonnt, wie es geschehen. Das Boot hat hernach Johann Altschwager auf unserer kleinen Insel Herdsand angetrieben gefunden, als er dort nach seinen Schafen gesehen. Der so in der Jugend Verunglückte war der einzige Sohn des Freiherrn von Rhade auf dem Schloß Helgerslund, des größten Gutsherrn unserer Gegend. Sagt Wohl mit Recht die Schrift: ›Denn der Reiche komm' um mit großem Jammer, und so er einen Sohn gezeuget hat, dann bleibt nichts in der Hand.‹ Und item spricht der Psalmist von unserm Leben: ›Es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.‹ Mich aber will es bedünken, der Mensch sei wie ein Korn Sandes, das nicht Macht hat, zu bleiben, wo es will, sondern an den Platz muß, wohinnen es vom Wind geweht wird.«

Diese letzte Bemerkung, mit der Jasper Simmerlund seinen Bericht über den Unglücksfall geschlossen, entsprach augenscheinlich der Anschauung seines jungen Nachfolgers nicht. Er verneinte einmal mit einer Kopfbewegung und sprach dazu: »Der Mensch muß Kraft und Mut haben, gegen den Wind anzukämpfen.« Im übrigen hatte Tilmar Hellbeck den ihm bekannten Inhalt des Blattes nur überflogen; das Geschehnis selbst, von dem es Mitteilung machte, konnte bei dem heutigen Leser keine Anteilnahme mehr wachrufen. Der im Gewittersturm Verunglückte war ihm nichts als ein fremder Mann, gleich tausend anderen, und das Datum der Aufzeichnung zeigte schon bald achtzehn Jahre darüber vergangen. Auf den nächsten Blättern folgten kurz mancherlei Mißgeschicke anderer Art; der Chronist hatte weniger Freudiges als Übles zu überliefern gefunden, oder es lag wohl daran, daß menschliches Glück selten Aufsehen und Gerede verursachte, sondern sich, einer Blüte im windgeschützten Winkel ähnelnd, in der Stille barg. Nun ließ das Buch noch unter derselben Jahreszahl, doch im Spätherbst, etwas Ungewöhnliches erscheinen, eine ganze Anzahl zusammenhängend beschriebener Seiten. Offenbar war Jasper Simmerlund angeregt gewesen, hier etwas ausführlich wiederzugeben, und es schien, daß Tilmar vom Anfang die Vermutung gehegt, darin das von ihm Gesuchte zu finden, und nur hier und da umhergeblättert habe, an diese Stelle zu gelangen. Er bückte seine Augen näher auf die manchmal ein wenig undeutliche Schrift und las:

»(Providentia.) Es ist am letzten Adventssonntag gewesen, daß Pastor Hollesen eine Predigt in seiner Weise gehalten, darin er die Ankunft des Heilandes unter den Menschen mit dem Kommen des Frühlings in Vergleich gezogen. Denn so wie dieser die Erde aus der Winterstarre erlöse, in warmen Lüften gute Saat aufsprießen lasse und die Bäume mit freudigem Blütenkleid schmücke, schmelze auch die Verkündigung des göttlichen Menschensohnes alles Eis des Hasses, der Selbstsucht, Herzensverhärtung und unlauteren Begehrens aus der Brust fort, daß sie sich zur Aufnahme des Samenkornes der Nächstenliebe, des Mitgefühls und der Rechtschaffenheit für hundertfältige Ernte bereite. Es sei der Zimmermannssohn von Nazareth die in Menschengestalt herabgestiegene und mit Menschenwort redende lichte Sonne, die am Tage seiner Geburt sich aus winterlicher Verdunklung wieder aufhebe, um ihr gütiges Werk zu beginnen. Gegen solchen, in schönem Ausdruck vorgebrachten Zusammenhalt habe ich auch nicht Einwand, doch will es mich bedünken, der Prediger hätte den Hörern deutlicher zu Gemüte führen dürfen, daß er die Person und Lehre des Heilandes nur in ein Gleichnis fasse, das ein Vorgang in der Natur ihm geeignet darbiete. Wie mich denn schon hin und wieder eine ähnliche Empfindung überkommen, daß er die göttliche Seele des Menschen für die Fassungskraft der dörflichen Gemeinde nicht immer genügsam klar von der Natur unserer leiblichen Beschaffenheit, als mit dieser außer Zusammenhang befindlich, abgetrennt halte. Worüber ich bereits früher einmal, auf der Seite 117, eine Anmerkung gemacht, bei Gelegenheit seiner damaligen Predigt, in der er der Findlingssteine, aus denen unsere Kirche erbaut worden, Erwähnung getan. Denn es steht den neueren Erforschungen nach die Hierherkunft dieser Blöcke allerdings zu der Zeitrechnung der biblischen Genesis in einem scheinbaren Widerspruch, den als nur auf einer Täuschung beruhend zu erhellen, wohl in der Aufgabe des Kanzelredners gelegen hätte. Statt dessen er nur angab, nach Berechnungen der geologischen Wissenschaft müsse jene Eiszeit vor hunderttausenden von Jahren stattgefunden haben.«

Da hatte der Lesende in der Tat das Aufgesuchte entdeckt oder wenigstens die Seitenzahl, wo sich wahrscheinlich die eigentliche Mitteilung über die Granitblöcke befinden mußte. Doch er erregte den Eindruck, inzwischen den Zweck, zu dem er das Buch vom Bord genommen, völlig vergessen zu haben, denn er schlug nicht nach der Seite 117 zurück, sondern las fort:

»Habe ich jedoch während des Anhörens der Predigt nicht solcherlei Aussetzung an ihr geübt, weil ich selber von der Wärme, die aus ihr gekommen, mit durchdrungen gewesen, sonderlich von dem Teil, in dem sie den Eltern unter den Zuhörern ans Herz gelegt, welch höchste Dankbarkeit sie dem Himmel schuldeten, wenn ihnen in gesunden, fröhlichen und wohlgeratenen Kindern ein neuer Frühling von Sonnenlicht und Blütenknospen im Hause beschert sei, sorglich darüber zu wachen, daß sie zu gutem Fruchtansatz gelangten. Denn es erklang dies aus dem Munde des Pastors Hollesen wohl anders, als wenn es sonst ein Prediger gesprochen, da jeglicher in der Gemeinde wußte, sein eigner höchster Lebenswunsch stehe nach solcher jungen Freudigkeit im Pfarrhause, doch sei ihm die Erfüllung bisher in seiner schon zwölfjährigen Ehe versagt geblieben. Es verfällt ein alter Junggeselle sonst nicht leicht auf derlei Gedanken, aber an diesem Tage habe ich mich der Vorstellung nicht erwehren können, es würde ingleichen mein Leben, wenn ihm Kinder zuteil geworden, einen anderen Inhaltskern besessen haben und nicht wie jetzt einsamem Ausgang entgegenharren. Darüber ich sinnen gemußt, bis der Pastor das Schlußgebet gesprochen und in diesem die Bitte mit vorgebracht: Wolle auch, o Herr, unsern Strand gesegnen! Mag solche Fürbitte auch aufs erste und für das Ohr von Fremden vielleicht etwas einen absonderlichen Klang besitzen, als erhoffe sie aus Eigennützigkeit das Unglück und Verderben von Mitmenschen, so ist sie doch nach Vorväterüberlieferung allzeit hier, wie an anderen Orten gleichfalls, derartig von der Kanzel vorgebracht worden und anderen Sinnes aufzufassen. Sofern sie nämlich besagt, wenn der unerforschliche Ratschluß der Vorsehung das Scheitern eines Schiffes bestimmt habe, möge gnädige Fügung den Wellen gebieten, die ihnen preisgegebene und herrenlos gewordene Ladung nicht zu verschlingen, sondern bei uns an den Strand auszuwerfen, damit sie nicht nutzlos umkomme, vielmehr den Bedürftigen helfe und zum Guten diene. Solche Bitte ist, wenngleich anders, als sie vermeint gewesen, unter obigem Dato erfüllt worden.

Denn da ich von der Kirche nach Hause gekehrt, kam bald Hinnerk Lehmkuhls ältester Junge, mein Schüler, gelaufen und rief mir aufgeregt wider seine Art zu, er hätte zusamt anderen eine Kugel aus Gold gesehen, mit der das Wasser wie mit einem Wurfball spiele, sie hervorrolle, auf der Schaummähne hüpfen lasse und wieder mit sich zurückreiße. War die Entfernung bis an den Platz, nach Norden zu, nicht weit, daß ich mitging, und sah's so aus, wie er beschrieben, daß eine Goldkugel von den Wellen her und wider gerollt werde. Die Phantasie mochte sich's auch wohl so vorstellen, als bringe die See jene wie von einer Küste Ophir zu uns, mir verhalf aber alsbald eine Erinnerung zu richtiger Erkenntnis. Denn weil ich in meiner Knabenjugend einmal nach Hamburg gekommen, ging ein Gedächtnis mir auf; ich machte den Jungens Mut, daß auch einer seine Kleider auszog, sich in das kalte Wasser hineingetraute und mit dem rotgelben Ball in der Hand zurückkam. Da war die Kugel nicht hart von Metall, sondern hatte eine weiche Schale, wie ein ganz goldheller Apfel, und ich nahm wahr, die Jungen zu belehren, es sei eine eßbare, süße Frucht aus südlichen Ländern, Apfelsinen geheißen nach dem fernen Lande Sina, eigentlich China, von woher sie ursprünglich stammen; die Schiffsmatrosen aber glaubten, ihr Name bedeute einen Apfel von Messina im italienischen Land, weil sie jetzt zumeist von dorther zu uns kommen. Der sie in den Fingern hielt, biß, als er hörte, daß sie gut zum Essen sei, in die Schale hinein, doch machte er ein Gesicht gleich einem, der Schlehen zwischen die Zähne bekommen, denn sie schmeckte nicht süß, sondern, ob das Seesalz in sie eingedrungen, oder noch von Unreife, herb und sauer. Worüber ich ihn vertröstete, es würden bald noch viele andere und bessere nachkommen, denn es müßte von einem Schiffbruch draußen auf der See her eine zerschlagene Kiste mit Apfelsinen herangetrieben sein. Doch obwohl die Jungens begierig bis zur Dunkelheit warteten und mit Möwenaugen den ganzen Strand absuchten, fanden sie nichts weiter auf, und ist merkwürdig nur der einzige Goldapfel zu uns gelangt.

Es war, wie's im Dezembermonat herkömmlich, schon seit Wochen stark böige Zeit, daß wir von manchem gehört, den Ran in ihr Netz heruntergezogen und wohl mehreren noch, deren Ab- und Untergang niemandem zur Kunde geraten. Doch ließen die Zeichen heut mutmaßen, es stehe absonders schlimme Nacht bevor, zumal auch der Mond voll ward, und es kam noch über die Erwartung hinaus. Wie wir dann in menschlicher Kurzsichtigkeit nicht verstehen, warum unser Herrgott zu Zeiten der weißgesichtigen Ran alle Macht überläßt, ihre erschreckliche Lust und Gier an hilflosen Menschengeschöpfen zu befriedigen, daß sie ihnen ihr langes Tanghaar um den Leib schlingt und mit unbarmherzigen Armen mancher Mutter und Witwe Kind und Lebensstütze den warmen Atem aus der Brust preßt. Ist freilich ein gleich mit der unerklärlichen Macht, die dem bösen Feind belassen, Menschenseelen in Versuchung zu führen, vom rechten Wege abzulocken, in seine Netze der Arglist, Lügen und Laster zu verstricken und zu verderben. Daß man die Ran wohl das Teufelsgespons heißen könnte.

So sind Weststurm und Hochflut in der Nacht miteinander losgebrochen, und als die Turmuhr zehn geschlagen gehabt, hat Matz Sengebusch Lärm im Dorf gemacht, daß nach Herdsand zu etwas in Not sein müsse. Alsbald fast alles aus den Betten heraus, wie auch ich, nach Brauch am Strand gewesen, um hinüberzusehen, doch umsonst, ob zwar der runde Mond hoch am Himmel gestanden. Aber Wind und Wasser in der Luft haben schier die Augen zugeklebt, daß man sie kaum dagegen aufmachen können.

Es war von Loagger niemand auf See, so daß keiner sich in Angst und Sorge befunden, vielmehr nach einer Weile die Meinung aufgekommen, Matz habe sich geirrt, und einer lachend gesagt, daß er wohl im Traum gelegen. Blieb er aber dabei, daß er Hilfegeschrei gehört, wie er noch einmal hinausgegangen, um zu sehen, ob sein Boot fest sei, und Sönne Ewers, der die schärfsten Augen im Dorfe hatte, stand ihm bei: ›Gott verdamm mich, da is wat, awer kennen kann't de Düwel nich.‹ Es ist solches Fluchausstoßen nicht löblich, vielmehr sündhaft, und Pastor Hollesen und ich eifern gleicher Weise dawider. Doch wer niemals in solcher Nacht am Strande gestanden, weiß nicht, was das Heulen in der Luft, der fliegende Gischt und die Spannung von Auge und Ohr über die Zunge fahren lassen, daß solcher es leicht schlimmer achtet, als es gemeint wird. Denn es ist Matz Sengebusch sonst ein braver und gottesfürchtiger, Mann, und hat auch Pastor Hollesen, der daneben gestanden, ihn nicht über den Ausruf zur Rede gestellt, sondern ihm nur im Tatsächlichen beigepflichtet: ›Ich glaube auch, es befinden sich draußen Menschen in Gefahr.‹

Da hat denn keiner mehr gegengeredet, denn es weiß ein jeder, daß der Pastor nicht unbedacht und zwecklos mit solchem Ausspruch Leben aufs Spiel setzt, und ein anderer müßte da unsere Strandleute nicht wohl kennen, der glaubte, sie bedächten sich lang, wenn's drauf ankommt, der Wut Rans Leben selbst von unbekannten Menschen aus den Händen zu reißen. Mag vielleicht auch die Aussicht, sich einen kleinen Lohn und Gewinn für ihr ärmliches Dasein einzubringen, mit dazu beitragen, daß sie keine Furcht kennen, aber im Augenblick der Not wirkt dieser Gedanke wohl nur unwissentlich bei ihnen mit, und es ist zuvörderst das Gebot der hilfsbereiten Nächstenliebe, daß sie mutig ihr eigenes Leben daransetzen läßt. Solche Samenkörner hat freilich Pastor Hollesen, ob ich sonst auch nicht in allem mit ihm einverstanden bin, fleißig unter seiner Gemeinde ausgesäet.

Es ist aber in der Nacht und überhaupt ihnen für ihre Mühsal keinerlei Eintrag an irdischem Hab und Gut zuteil geworden, sondern der Verlauf also gewesen. Von einem gestrandeten Schiff haben sie und niemand hernach etwas zu Gesicht bekommen, dagegen mit ihrem Hilfsboot so ziemlich noch im letzten Augenblick mitten in der Vorbrandung ein Boot und Mannschaft von einer Schonerbark gerettet, die weit draußen in See aufgestoßen oder sonst Leck gekriegt und rasch mit Sinken gedroht. Noch ein anderes Boot von ihr, drin sich auch der Kapitän und Steuermann ausgesetzt, ist der Wahrscheinlichkeit nach alsbald bei der groben See gekentert, nirgendwo eine Spur davon ans Land gekommen. Es wirft die Welle die einen hierhin, die anderen dorthin und bekümmert sich mitnichten, ob zum Leben oder zum Tod.

Wir haben wohl an die drei Stunden dagesessen und gewartet, es bedeutet das eine lange Zeit, wenn Mütter und Frauen nicht wissen, ob ihre Söhne und Ehemänner aus dem höllischen Orgelspiel von Wind und Wasser wieder zurückkommen, hält auch das gläubigste Vertrauen auf den Beistand des höchsten nicht immer dabei zu Ende aus. Aber mir ist laut vom Mund geklungen, wie wenn ich den Gesang in der Kirche anzustimmen gehabt: Ehre sei ihm in der Höh'! Denn dann sahen wir das Hilfsboot, gleich als ob ein schwarzer Buttskopf durch den Schaum und Sprühgischt heranschnaubt, bald hoch aufgehoben, bald wie weggetaucht, und so warf's die alte fauchende Seekatze mit ihren Tatzenhieben wie eine Maus, mit der sie spielte, wieder zu uns her. Auf den ersten Blick wohl dreimal so voll, als es abgefahren, denn acht Mann hatten sie mit Haken und Tauwerk aus der Brandung lebendig zu sich hereingeholt. Sahen die aber jetzt mehr wie vom Knochenmann schon mit der dürren Hand Angepackte aus, nach der Erfahrung, daß der Mensch seine Kraft wohl anspannen kann, solange er um sein Leben kämpft. Doch wenn es dabei über seines Leibes Vermögen gegangen und ihm im Letzten wider Verhoffen noch Beistand geworden, fällt er zusammen, als ob der Tod ihn bereits zu fest im Arm gehalten, daß er ihm nicht mehr wegzureißen gewesen. So lagen die Geretteten, lauter Matrosen in wassertriefenden Öljacken und Lederhosen, weil sie nicht selber mehr die Hände zu rühren gehabt, von Erschöpfung, Kälte und Nässe gleich im Frost starrgliedrig Gewordenen da; mehrere waren in Schlaf gefallen, aus dem sie nicht zu wecken, daß man sie tragen gemußt, die anderen gingen taumelnd, wie vom Trunk von Sinnen Gebrachte, nebenher.

Da aber das Schulhaus am nächsten war, habe ich angeordnet, sie zu möglichst baldiger Erwärmung hierherzuschaffen, und sind sie alle auf den Boden in die Schulstube gelegt, der Ofen geheizt und schnell Wasser kochend gemacht worden. Während welcher Bedachtnahme ihnen allmählich die Gliedmaßen gleichsam aufgetaut und ihr Blut wieder zu fließen angefangen, wozu dann gut mitgeholfen, daß ich seit Jahren für alle Fälle eine Flasche St. Thomasrum aufbewahrt gehabt, die ein Freund mir als geborgenes Strandgut zum Geburtstagsgeschenk verehrt. Und habe ich im stillen dem Schöpfer einen Lobpsalm gesprochen, daß er uns arme Kreaturen mit solchem Labemittel für Leibesnöte bedacht, denn da ich mit Maßen, nicht zu viel, doch auch nicht zu wenig, damit der Zweck nicht verfehlt werde, von dem Rum zu dem heißen Wasser geschüttet, auch des besseren Geschmacks halber die richtige Menge von Zucker hinzugetan und von dem Kesselinhalt so den Verfrorenen zu trinken gereicht habe, sind sie in Bälde alle wieder zu sich gekommen, daß sie aufgerichtet zu sitzen vermocht, zu sprechen und zu fragen begonnen. Wobei sie auch Kraft gewannen, ihre Gläser und Tassen erstaunlich schnell auszuleeren, daß man kaum hätte glauben sollen, es seien dieselben Leute, die eben zuvor noch ausgestreckt dagelegen, als ob ihnen der letzte Atemzug vom Munde gehe. Solch ein Unterschied der Einwirkung auf die menschliche Natur ist zwischen dem salzigen Seewasser und dem anderen, das ich ihnen durch die Zähne gebracht, und war ingleichem der Anblick der Schulstube in der Nacht absonderlich verschieden von demjenigen, den sie sonst bei Tage darbietet, wenn die Anfänger der Lese- und Schreibekunst beiderlei Geschlechts mit ihren Katechismen und Schiefertafeln auf den Bänken dasitzen.«

Tilmar Hellbeck wandte einmal die Augen von der Handschrift ab und ließ einen Blick durch die offenstehende Kammertür in die Schulstube hineingehen. So ausschließlich nur trockner Betrachtung, Amts- und Lebensführung hingegeben, mußte Jasper Simmerlund hier zwischen diesen Wänden seine Tage nicht verbracht haben; ähnlich wie aus dem Palimsest einer Mönchschrift schimmerte durch die Zeilen der letzten Seite fast ein bißchen schalkisch eine Hindeutung hervor, daß dem Schreiber seine Kundigkeit von der verschiedenartigen Wasserwirkung aus die Menschennatur nicht zum erstenmal an jenem Abend aufgegangen sein möge. Doch sein heutiger junger Nachfolger ward sichtlich nicht von solchen Gedanken berührt, sondern seiner Phantasie gestaltete sich lebendig eine Vorstellung, welchen anderen Anblick in der Nacht die Schulstube geboten habe. Hinüberschauend, sagte er laut: »Ich war damals sieben Jahre alt.« Dann bückte er den Kopf zurück und las weiter:

»Wie's gang und gäbe bei Schiffsmannschaft, waren's Matrosen aus allerlei Herren Ländern, auch solche von ausländischen Zungen darunter, ist aber einer gewesen, dem man an Haar und Augen unsere Landesart angesehen und hat auch einen Namen danach getragen, da er Henning Wittlop geheißen. Den hatte es am ärgsten mitgenommen gehabt, daß er erst als der letzte wieder zu sich gekommen, aber auch dann noch nicht recht die Besinnung gefunden, zu begreifen, wo er hingeraten sei. Er sagte nur, wie er die Augen aufgemacht: ›Wo ist's?‹ fühlte nach etwas an sich mit der Hand, redete weiter: ›Ja, ich hab's, da ist's noch‹ und machte die Augen nochmals zu. Kurz zu vermelden, dauerte es noch eine ganze Weile, eh' er so weit war, zu verstehen, was ich sprach; flog ihm dann aber einmal unvermutet mit einem Lachen vergnügt vom Mund: ›Loagger – da bin ich ja zu Haus, blos ein paar Meilen weiter davon – na, dann is es ja gut‹ Und hinterdrein, wie er einen tüchtigen Schluck aus dem Grogglas getan: ›Ja, das kann es doch noch nich trinken, sondern muß was anders kriegen, Durst hat's ja gewiß auch.‹ Und wickelte er dazu ein paar wollene Tücher von einem Bündel los, welches er bisher, auch in seiner halben Sinnlosigkeit, immer fest in einem Arm an der Brust gehalten. Dachte ich natürlich, es sei was drin von Habseligkeit, die er von Bord mitgenommen, wie die Leute nicht gerade selten kopflos nach irgendwelchen Kleiderstücken greifen, als wär's Gott weiß was für eine Kostbarkeit. War's aber noch weit Verwundersameres, denn es kam unter dem letzten Tuch das Gesicht eines ganz winzigen Kindleins zum Vorschein, schätze ich dessen Alter nach meiner geringen Erfahrenheit in solcherlei Richtung zum höchsten auf etliche Wochen. Bis zu diesem Augenblick mochte es wohl im Schlaf oder auch Bewußtlosigkeit gelegen haben, wachte nunmehr von der Befreiung aus den Decken aber auf und begann ein leises, klägliches Geschrei vom Mund zu bringen, zu dem Henning Wittkop ganz beglückt abermals lachte und sagte: ›Das is ja man gut, daß es noch schreien kann, verdenken kann man's ihm nich, denn seit heut in der Früh hat's ja nichts mehr in seinen kleinen Mund gekriegt.‹

Es stand aber der Pastor Hollesen grad' dicht daneben, wie denn viele vom Dorf mit in die Schulstube hereingekommen, und bei dem jämmerlichen Ton des Geschöpfchens fuhr er mit dem Kopf herum: ›Was ist das?‹ hörte nur noch, was der Matrose dazu sagte, und hatte dann das Kind ergriffen, ihm gegen die Nachtluft sorglich die Tücher wieder übers Gesicht geschlagen und war bereits durch die Tür fort verschwunden. Wie er denn auch danach angetan, in allen Lagen schnell das Richtige zu vollbringen, erkannt hatte, daß Eilfertigkeit not tue, das schwache Lebenslichtchen nicht auslöschen zu lassen, und es hurtig ins Pfarrhaus hinübertrug, weiblicher Fürsorge seiner Frau das hungernde Menschenwürmlein zu übergeben. Denn, wessen dieses bedurfte, war bei mir im Hause, obwohl ich durch glückliche Fügung für die anderen das Ersprießliche beschaffen gekonnt, zur Stunde nicht zu finden.«

Ein anderer Leser hätte vielleicht Anlaß gefunden, den letzten Satz wieder mit einem leisen Lächeln aufzunehmen, doch Tilmar Hellbecks Augen suchten nichts zwischen den Buchstaben, sondern sahen groß und ernsthaft drein. Er drehte nur den Kopf nach der Tür, durch die vor siebzehn Jahren Pastor Hollesen in der Nacht mit der unerwarteten Bürde davongegangen war, blickte dorthin wie einer, der in eine weite Ferne hinaussieht, und kehrte zu Jasper Simmerlunds Bericht zurück:

»Es ist alsdann der Herr Pastor binnen kurzem wieder erschienen, hat sich zu uns gesetzt und auf seine Fragen Henning Wittkop in völliger Erholung nacheinander Antwort angegeben, die ich in Kürze zusammengefaßt niederschreiben will.

›Die Schonerbark, des namens ›Providentia‹, hatte in Messina auf der Insel Sizilien Apfelsinen nach Hamburg geladen gehabt, die sie, vorweg gesagt, des Lecks halber schon gestrigen Abends zum größten Teil über Bord werfen gemußt, so daß daher, wie die Wellen es sonderbar im Sinn haben, wohl die eine allein am Mittag zu uns an den Strand gekommen. Waren sie bei guter Luft an Gibraltar vorbeigelaufen, auch noch durch die spanische See und den Kanal, danach aber hatte der Wind in dickem Nebel ihnen den Kurs versetzt, daß sie zu weit gegen das englische Nordende zu gekommen und sich nicht mehr ausgekannt. Die haarige Luft wurde den anderen Tag wohl um was dünner, doch viel half's nicht, nur so weit, daß sie um Mittag eine Brigg gewahr werden konnten, die ihnen grad' ins Fahrwasser lief. Davon erzählte Wittkop mit seinen Worten: ›Wir mußten ja meinen, sie paßten auf ihr nich auf, und da wir uns doch nich von ihr anrennen lassen wollten, drehten wir bei, obgleich's uns natürlich leid um den Wind war, denn unsere Leinwand fiel dabei fast herunter. Na, ein bißchen ging's noch, daß wir ihn weghalten konnten, aber da rief Bentien, der, wo da mit dem Grog in der Tasse sitzt: De will uns jo wul rein to Lief! und richtig, da hielt die Brigg wieder mit'n Bugspriet gradwegs auf uns los. Das war denn doch kein Spaß, sie mußten ja wie die jungen Katzen an Bord sein oder hatten alle zu viel warmes Wasser im Magen, denn verdammt frisch war's ja freilich und gönnen konnte man einem Christenmenschen wohl einen Schluck. Aber so konnt's doch nicht angehn, daß sie wie ein unklug gewordener Bulle gegen uns zulief, das hatte noch keiner von uns in seinem ganzen Leben nicht gesehen. Dick wie die Luft immer noch war, wurd's ja nicht klar, was für'n Landsmann es denn wär', bloß daß er nich viel Segel bei hatte, und in dem weißen Rahm, den es vorn vorm Bug machte, sah der höllisch schwarz aus. Und gibt's bei unsereins ja immer welche, die ihre Kopfkiste mit altem Schnack voll haben, und da rief denn auch richtig einer, das müßt' der Holländer sein, aber unser Kapitän ließ sich keine Seifenblasen machen und sagte: Der is 's nich, aber 'ne Schraube is bei ihm los und besser, Jungens, wir rammen ihn, als er uns. Denn auslassen will er uns nich, da hat was die Finger am Ruder, was nich richtig is.‹

Das habe ich aus Henning Wittkops Mund nachgeschrieben, und ist es so geschehen, daß ihnen geglückt, dem fremden Schiff mit guter Manier in Lee längsseitig beizukommen und in die Wanten hinüberzuentern. Fanden da aber auf der Brigg keinen einzigen lebendigen Menschen am Deck noch irgendwo, sondern war sie von der Mannschaft verlassen worden, nicht wahrzunehmen, aus welcherlei Anlaß, denn auf den Blick hin schien nicht gefährliche Havarie daran, aber die Bootstaue waren gekappt und niemand an Bord geblieben. ›Bloß einzig,‹ berichtete Henning, ›als wie ich die Treppe hinunter in eine kleine Koje kam, lag da eine junge schöne Frauensperson im Bett, aber so weiß von Gesichtsfarbe, daß man ihr gleich ansah, in ihr war' auch kein Leben mehr drin. Und bei ihr an der Seite lag das kleine Geschöpf, das mußt' ich glauben, war' auch ebenso tot. Kriegt einer auch im Salzwasser ja allerlei zu sehen, aber ein Schiff, worin's so zuging, war mir doch nich vor die Augen gekommen, und ich kann's wohl sagen, mir wurd's ein bißchen was gruselig dabei. Gedacht hab' ich mir nich viel und sah bloß so darauf hin, da schrein sie auf einmal oben auf'm Deck, wer unten war', sollt schnell in die Höh' kommen, und ganz genau dazu macht das Kind seine beiden Augendeckel groß auf und sieht mir darunter so blau ins Gesicht, wie's manches Mal die Ostsee tun kann. Weiter kann ich gar nichts sagen, als ich muß es ja mit den Händen gegriffen haben und mit ihm die Treppe herauf sein, denn hernach hatt' ich's bei uns an Bord. Zeit war's aber auch, daß wir wieder herüber und von der ›Thetis‹ loskamen, den Namen konnten wir bloß noch eben am Spiegel lesen. Wir hatten ja gedacht, wir schleppten sie mit, und das gab' guten Bergverdienst, aber sie muß ja doch einen bösen Schaden weggekriegt haben, denn eins, zwei, drei fing sie an, mächtig Wasser zu ziehen, und es war noch nicht mal ganz dunkel geworden, da sackte sie uns auf ein paar Kabel vor den Augen weg. Der Kapitän und die Mannschaft haben wohl gewußt, daß es nich gut anders kommen könnte, aber ich denk' meistens, daß sie's auch mit dem Aberglauben im Kopf gehabt, weil die tote Frau in der Koje lag, und nu meinten sie, vom Schiff weg, je eher desto lieber. Und an das Kind hat dabei natürlich kein einer gedacht, daß es nicht von Salzwasser leben könnt', oder sie haben auch wohl gemeint, es wär' nicht mehr lebendig und brauchte nichts anderes mehr, wie ich's zuerst selber auch geglaubt.

Es ist offenbarlich die fremde Frau, kurz nachdem sie auf der See des Kindes entbunden worden, verstorben gewesen, und mag wohl in der Tat der vielfältig umgehende Seemannsaberglaube, das auf dem Wasser Geborene gehöre der See zu und sie lasse es sich nicht nehmen, die Mannschaft getrieben haben, eilfertiger als sie's sonst getan, das beschädigte Schiff zu verlassen. So aber ist das Kind wunderbar vom Tode errettet worden, da ihm zu guter Fügung, wenn auch sonst zu unheilvoller, die Frau des Kapitäns der ›Providentia‹ sich mit an Bord aufgehalten und verstanden, den Säugling mit passender Nahrung zu bedenken. Hat sie als Lohn dafür nach dem uns verborgenen Ratschluß der Allmacht um ein paar Tage später ihren frühzeitigen Tod in den Wellen gefunden, während Henning Wittkop, gleich einem vom Himmel gesetzten Beschützer des Kindleins, dieses zum anderen Male vom sinkenden Schiff mit sich genommen und treulich behütet, so daß er es selbst in der Besinnungslosigkeit nicht aus seinem Arm losgelassen, sondern lebendigen Zustandes hierher ans Land gebracht.

Schon am anderen Tage haben sich die Schiffbrüchigen reichlich gekräftigt und erholt gezeigt, wohl betrübsam um das Ableben ihres Kapitäns und der übrigen, doch von rauher Gewöhnung und ständiger eigener Todesbereitschaft der Traurigkeit nicht lange überlassen, vielmehr alsbald wieder ihrer Lebensnötigung und ihres Berufs gedenk. Und sind sie deswegen nach der Hafenstadt aufgebrochen, um dort Verklarung abzulegen, sowie neue Heuer zu suchen, nur Wittkop einstweilen nordwärts zur Verwandtschaft in seinen Heimatsort davongegangen. Natürlich ohne das Kind mitzunehmen, da er außerstande, weiter für dasselbe zu sorgen, sondern es ist dieses, bis man seine Herstammung und Angehörige von ihm wird ermittelt haben, im Pfarrhause in Obhut verblieben.«

Damit endete der ungewöhnlich ausführliche Bericht Jasper Simmerlunds über die Strandung der »Providentia«, und die nächsten Blätter enthielten Mitteilungen von dem nachgefolgten besonders harten Winter, in dem sogar die See eine ganze Strecke weit zugefroren war, so daß man zu Fuß nach der Insel Herdsand hinüberzugehen vermochte. Doch Tilmar Hellbeck wußte, es komme im Beginn des anderen Jahres noch ein Nachtrag oder eine Wiederaufnahme des Dezembervorgangs, schlug danach um und fand auch rasch die gesuchte, an ihrer eingeklammerten Über- oder Vorschrift erkennbaren Seite:

»(Ozeana.) Alle Nachforschungen, die in betreff des von Henning Wittkop an unseren Strand gebrachten Kindes, eines Mägdleins, angestellt worden, haben zu keinem anderen Ergebnis geführt, als daß um die Zeit von Hamburg ein Schiff des Namens ›Thetis‹ ausgelaufen und nicht an seinem Bestimmungsort eingetroffen ist. Es kehrt dieser Name nicht nur häufig wieder, sondern es sind in den damaligen langen und heftigen Novembersturmwettern mehrere so benannte Fahrzeuge in Verlust geraten, daß nicht einmal hat festgestellt werden können, ob die von der ›Providentia‹ verlassen auf der Westsee angetroffene ›Thetis‹ die von Hamburg aus in See gegangene gewesen.

Was mich dessen hier nochmals Erwähnung zu tun veranlaßt, ist, daß Pastor Hollesen am gestrigen Sonntag nach dem Predigtschluß vor der versammelten Gemeinde verkündigt hat, es bestehe keinerlei Aussicht mehr, über die Herkunft des fremden Mädchens einen Aufschluß zu gewinnen, und habe deshalb er mit seiner Frau den Entschluß gefaßt, dasselbe an Kindesstatt anzunehmen, hörte wohl ein jeder an seiner Stimme dabei, daß es ihm nicht schwer gefallen, sich dahin zu entscheiden, er vielmehr über die Erfolglosigkeit aller Nachforschungen von innerlicher Freudigkeit erfüllt sei, und hat er aus dem Anlaß noch eine Rede nachgefügt, ich meine, ob auch nur kurz, doch die schönste, die ich jemals aus seinem Munde vernommen, gleich einem Predigttext und Thema voranstellend, daß er am Morgen jenes Schiffbruches im Gebet gesprochen, der Herr wolle unseren Strand gesegnen. Diese Bitte aber sei ihm selber wundersam in Erfüllung gegangen, an jenem Tage Segen in sein Haus gekommen, der ihm aus der Hand der göttlichen Providentia durch eine irdische Trägerin ihres Namens zuteil worden. Und hat er danach auch sogleich in der Kirche die Taufe des Kindes vollzogen, bei der er geredet: Das Mägdlein sei auf dem Ozeanus geboren, der es mit seinen Wellen in der ersten Wiege geschaukelt. Danach würde er es ›Ozeana‹ benennen, wenn solches ein Name im christlichen Kalender wäre. So jedoch taufe er es mit der zweiten Hälfte desselben ›Anna‹, und ist ihm, weil Henning Wittkop es zweimal vom Untergang gerettet, noch der in Friesland gebräuchliche Name ›Witta‹ mitgegeben, daß es im Kirchenbuch als ›Anna Witta Hollesen‹ eingetragen worden. Es hat, wie ich gesehen, da ich dicht daneben gestanden, bei der Besprengung mit dem Wasser die Augen, aufgeschlagen und ist von ihnen ein blauer Schein ausgegangen, wie, von einem kostbaren Stein, den ich einmal in einem Fingerring an der Hand einer fürnehmen Dame wahrgenommen; seines Namens kann ich mich nicht besinnen, hat trotz der Kälte des Wassers nicht zum Weinen den Mund verzogen, wie Täuflinge es wohl in der Gewohnheit haben, nur einmal mit dem Kopf gemacht, wie wenn es die Tropfen von sich abschütteln wolle und in den nach dem Kirchengewölbe sehenden Augen einen absonderlichen Ausdruck getragen, als ob es sich verwundert zu besinnen versuche, wo es sei und was mit ihm vorgehe.« Jasper Simmerlunds Bericht von der Taufhandlung schloß oben auf einer Seite, deren Rest er bei der Weiterführung seiner Aufzeichnungen leer belassen. Doch in späterer Zeit, wie die Tinte erkennen ließ, hatte er noch ein paar Bemerkungen darunter gefügt:

»Ist von klein auf, wie auch des heutigen Tags, ein sonderbares Kind gewesen, anders als sonstige im Aussehen, Stimme und Gang, nicht wie einer, der auf festem Boden geht, sondern sich in der Luft drüber wiege, gleich einem Strandvogel, der beim Laufen weniger die Füße als die Flügel zu gebrauchen scheint. Erinnert mich aber sonst an einen anderen Vogel, bei uns seltenen Vorkommens, den sie Pfingstvogel, Golddrossel oder auch Pirol heißen, baut nach den Jahren ab und zu sein Nest drüben in dem hohen Eichbaum des Feldholzes am Heidrand, und klingt's wie von seinen Rufton aus ihrer Stimme, wenn man sie von weitem vernimmt. Wie denn auch die Farbe ihres Haares derjenigen seines Federkleides an Kopf und Brust nahekommt, oder bei ihrem Anblick mich an den Goldapfel gedenken läßt, den die Wellen, gleichsam als sei er ein Vorbote von ihr, kurz bevor sie selber zu uns hergelangt, an unseren Strand getragen. Es benennet sie aber im Dorf kaum einer nach ihrem Taufnamen ›Anna‹, sondern mit dem, welchen Pastor Hollesen ihr beizulegen gewünscht und mit dessen Verkürzung sie im Pfarrhause Zea gerufen wird. Kann ich indes diese Benennung nach einem alten Heidengott nicht billigen, insonders da mich bedünkt, daß es ihr besser geschähe, durch Ansprache mit ihrem Taufnamen an ihre christliche Zugehörigkeit gemahnt zu werden. Doch ist sie ja freilich zurzeit noch ein unbesonnenes Kind, bei dem die Zukunft alles zum Nichtigen gestalten mag, was zu erzielen ich mich in den Schulstunden nach meinen Kräften befleißige. Weiß man sich nämlich nicht zu sagen, ob man sie ein zutunliches und aufgewecktes Kind heißen soll, von guter Gemütsbeschaffenheit, oder ein scheues, verschlossenes, mit geringen Anlagen zum Lernen, denn bald will es so bedünken und bald zum Gegenteil verwendet. Sie ist in diesem letzten Jahre nur knapp nochmals einer Lebensgefahr entronnen, da sie bei einem Unwohlsein ein Brausepulver nehmen sollen und nur durch Zufall noch eben rechtzeitig entdeckt worden, daß in dem einen Stöpselglas nicht das zugehörige Pulver enthalten gewesen, vielmehr, wie eine Untersuchung des Apothekers in der Stadt herausgestellt, eine Vermischung mit Arsenik, ob zwar niemand sich erinnern könne, daß seit langem solches Rattengift im Pfarrhofe benutzt worden.«

Es ist gleichfalls in diesem Jahre Henning Wittlop, nachdem er inzwischen noch zu häufigen Malen auf der See gefahren, in seine Heimat als ein gesetzter Mann auch mit einigem sparsam Erübrigten wiederum zurückgekehrt und hat den ledig gewordenen Posten als Strandvogt an unserer Küste überkommen, dazu die freie Wohnung im Häuschen des Verstorbenen, eine halbe Stunde von uns gegen Norden. Wie es geredet wird, daß die Landesregierung im Sinne trägt, das alte Strandrecht aus langer Vorväterzeit fortan nicht weiter in Haltung zu belassen und auch durch Vorschrift des Kirchenkonsistoriums die sonntägliche Fürbitte von der Kanzel in Wegfall zu bringen. Denn es ändert sich die Zeit, wie der Prediger Salomo spricht: ›Der Mensch weiß nicht, was gewesen ist, und wer will ihm sagen, was nach ihm werden wird?‹« –

Es war so dämmernd geworden, daß Tilmar Hellbeck das letzte kaum mehr zu lesen vermocht hatte, trotzdem schlug er nochmals um, ein Paar Augenblicke gedankenabwesend mechanisch an dem Blatt, fingernd, da es ihm dicker als die sonstigen vorkam und er statt des einen zwei gefaßt zu haben glaubte. Das beruhte zwar augenscheinlich auf einer Gefühlstäuschung oder das letzte Papierstück war von gröberer Art, doch er gelangte auch nicht zu dem Versuch, noch in dem hinterlassenen Buch seines Vorgängers weiter fortzufahren, denn durch die Schulstube her trat seine Mutter zu ihm herein. Sie hielt ihm einen Brief hin: »Den hat Jons Druswitz eben aus der Stadt für dich mitgebracht.« In den Augen der alten Frau glimmerte es dabei, sie konnte nicht zurückhalten, noch hinterdrein zu sagen: »Ich glaube beinah, Til, mir hat das Ohr heut nachmittag nicht ohne Grund gejuckt.«

Merklich wartete sie darauf, daß er den Brief lesen solle; sich vom Stuhl hebend, brach er das beträchtlich umfangreiche Siegel auf, schlug den großen Papierbogen auseinander und trat damit dicht ans Fenster. Doch schien's, als gelinge es ihm auch so nicht mehr, die Schrift herauszubringen, sein Blick senkte sich vom Oberrand des Blattes tiefer herab, aber er sah ohne eine Äußerung darauf. Enttäuscht und etwas kleinlaut sagte Frau Margret:

»Da ist's also doch nichts. Ich hatte gedacht –«

Nun drehte er halb den Kopf. »Was – was hattest du gedacht?«

»Daß etwas Gutes für dich drin sei, eine Verbesserung.«

Er nickte kurz. »Von der Schulbehörde ist's, sie bietet mir eine andere Stelle an, an einer Stadtschule.«

»Gott sei gedankt!« stieß die Alte frohlockend aus. »Siehst du wohl – auch die Möwen – und bekommst du dort mehr?«

»Ja, ungefähr das Doppelte.«

Sie schlug in freudiger Erregung die Hände zusammen: »Das ist ja ein Glück vom Himmel!«

Tilmars Hände falteten das Schreiben zusammen, daß es zwischen seinen Fingern leicht knisterte. In unrichtige Falten, so daß er's wieder ausglätten mußte und schweigend aufs neue in die rechten brachte. Dann erst antwortete er:

»Nein, eine Verbesserung bringt's nicht – wenn man nachrechnet – wir wissen's ja – wie viel teurer das Leben in der Stadt ist, schon allein die Wohnung. Aber, wenn's auch ein bißchen wäre – dir bekommt die Luft hier an der See so gut, liebe Mutter – du siehst so viel besser und jünger aus als damals, wie wir herkamen. Das macht mich froh, und darum kann's mir auch nirgendwo besser zumut sein als hier. Das wäre kein Platz für mich – wir sind's nicht mehr zwischen den engen Straßen gewöhnt – und die Strand- und Heidepflanzen hier, ich brauche noch Zeit, alle zu sammeln, kennen zu lernen und zu bestimmen, du weißt, wieviel Freude das mir macht. Nein, liebe Mutter, wir wollen auf etwas Besseres warten – das kommt gewiß auch noch – ich will der Schulbehörde natürlich dankbar antworten –«

Margret Hellbeck hatte ihrem Sohn mit einem Gesichtsausdruck völliger Enttäuschung zugehört, wußte sichtlich nicht recht, was sie erwidern solle und wolle. So brachte sie hervor:

»Meinst du wirklich, Til, daß es in der Stadt so viel teurer – etwas ist's ja wohl, aber das Doppelte – und ich fühle mich so gesund, daß ich an kein Krankwerden weiter denke. Doch du weißt es ja – verstehst es natürlich besser – denn ich hatte gedacht, du würdest mit Freuden jede andere Stelle nehmen, wenn man dir nur eine anböte. Und Pflanzen fändest du dort in der Umgegend, gewiß auch – und –«

Sie hielt einen Augenblick an, ehe sie mit ein bißchen lächelnden Mundwinkeln, denen es aber nicht wirklich drum war, hinzusetzte: »Und du sagtest vorher, wenn unsere Einnahme dazu ausreichte, wäre Kaffee für ein altes Weib besser als Milchsuppe.«

»Liebe Mutter!« Der junge Dorflehrer griff hastig mit beiden Händen nach den ihrigen. »Ja, aber – nein du irrst dich, die Pflanzen hier sind ganz andere, und ich hoffe, daß ich's so weit bringe, etwas über sie schreiben und damit so viel verdienen zu können, um uns die Ausgabe für den Kaffee möglich zu machen. Siehst du, wenn ich studiert hätte – nein, daran war ja gar kein Gedanke, beste Mutter, daß du mit deiner schweren Arbeit das hättest zusammenschaffen können – aber so muß ich suchen, durch mich selbst höher heraufzukommen – an Wissen und Bildung – dazu bleibt mir hier ganz anders Zeit, als in der Stadt, dort könnt' ich nichts als meine Unterrichtsstunden geben mit der Vorbereitung für sie. Und ich möchte, liebe Mutter – möchte es im Leben noch zu anderem bringen als zum Volksschullehrer – das ist keine Hoffart, sondern liegt mir wohl im Blut, habe ich aus deiner Familie geerbt. Darum wirst du begreifen, daß ich auf den Brief nicht anders antworten kann.«

Unverkennbar aus innerer Erregung hervor hatte Tilmar Hellbeck das stockend abgerissen und rasch zugleich gesprochen und suchte einem etwaigen weiteren Einwand seiner Mutter auszuweichen, denn er griff eilig nach seinem Hut und ging schnellen Schrittes an ihr vorbei noch wieder an den sich dunkel überdämmernden Strand hinaus.

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