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Aus meinem Leben - Zweiter Teil

August Bebel: Aus meinem Leben - Zweiter Teil - Kapitel 21
Quellenangabe
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typeautobiography
authorAugust Bebel
titleAus meinem Leben ? Zweiter Teil
publisherVerlag von J.H.W. Dietz Nachf. G.m.b.H.
year1911
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#13690
created20080813
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Meine weitere parlamentarische Tätigkeit, der Leipziger Hochverratsprozeß und anderes.

Die erste Session des deutschen Reichstags.

Am 2. April 1871 fuhr ich zur Ausübung meines Mandats nach Berlin. Der Reichstag, der diesmal in besonders feierlicher Weise durch den Kaiser unter Anwesenheit der gesamten deutschen Fürsten und Vertreter der freien Städte am 23. März eröffnet worden war, tagte im preußischen Abgeordnetenhaus am Dönhofplatz.

Zunächst besuchte ich meine frühere Wirtin, um zu hören, ob ich wieder Wohnung bei ihr bekommen könne. Sie erklärte, daß sie zu ihrem großen Bedauern mich nicht in Wohnung nehmen dürfe. Nachdem Liebknecht und ich im Dezember abgereist seien, sei die Polizei zu ihr gekommen und habe ihr heftige Vorwürfe gemacht, daß sie uns Wohnung gegeben habe. Wir waren in jener Session auf Schritt und Tritt durch Geheimpolizisten überwacht worden, als seien wir Verbrecher. Wie uns erging es den Polen. Kleinlichkeit und Gehässigkeit, mit einem Wort Unanständigkeit ist das Charakteristikum der politischen Polizei, sobald es sich um die Verfolgung von Gegnern der Staatsgewalt handelt. Das lernten wir später auch als sächsische Landtagsabgeordnete in Dresden kennen.

Als ich in den Reichstag trat, waren die Plätze auf der Linken besetzt, nur auf der äußersten Rechten waren noch solche frei. Dorthin begab ich mich, obgleich mir die Nachbarschaft der ehrenwerten Herren der äußersten Rechten nicht sehr sympathisch war. Aber sie begriffen mein Unglück und ließen mich nicht entgelten, daß ich als Saul unter die Propheten geraten war. Sie benahmen sich durchaus als Gentlemen, obgleich auch ihnen meine Nachbarschaft sicher unangenehm war. Manchmal entstand im Hause Heiterkeit, wenn die Linke gegen die Rechte stimmte und ich auf der äußersten Rechten mich mit der Linken erhob. Unter Larven die einzig fühlende Brust.

Die Generaldebatte über die Reichsverfassung, die nunmehr nach den nötigen redaktionellen Aenderungen auch der deutsche Reichstag gutzuheißen hatte, wurde bereits zu einer Kulturkampfdebatte. Die Unfehlbarkeitserklärung des Papstes auf dem vatikanischen Konzil zum Rom im Jahre 1870 hatte die Geister wach gerufen, und namentlich brannten die Liberalen darauf, das, was sie an bürgerlicher Freiheit preiszugeben bereit waren, durch hochtönende Kulturkampfpauken (die Bezeichnung Kulturkampf hatte der Abgeordnete Professor Virchow erfunden) vergessen zu machen. Die katholische Partei hatte sich als Zentrum konstituiert unter Führung von Windthorst und Malinckrodt. Unter den Kulturkämpfern ragte namentlich Kiefer-Baden hervor, der eine hohe Richterstelle bekleidete. Als ich am 3. April zum Wort kam, sprach ich meine Verwunderung aus über den religiösen Charakter, den die Debatten angenommen hätten. Es scheine, daß im neuen Deutschen Reich die religiösen Debatten alles andere verdrängen sollten. Jemanden, der wie ich in den zwei Sitzungen, denen ich bis jetzt beigewohnt, außer Religion kaum etwas anderes zu hören bekommen und mit den religiösen Dogmen vollständig gebrochen habe, koste es eine gewisse Selbstüberwindung, diesen Verhandlungen länger zuzuhören. (Heiterkeit.) Ich griff darauf die Nationalliberalen an, deren Redner, Professor v. Treitschke, erklärt hatte, Grundrechte für eine Verfassung zu fordern, gehöre in die Zeit der politischen Kinderjahre. Ich stimmte ihm zu, denn politische Kinderei sei es gewesen, wenn man 1849 dem König von Preußen zugemutet habe, eine Verfassung anzunehmen, die volle Preßfreiheit, volle Vereins- und Versammlungsfreiheit, Trennung der Kirche vom Staate, Gewährleistung der persönlichen Freiheit und andere schöne Dinge verlangte. Es sei allerdings kindlich, das einem Hohenzollern zuzumuten. Ich kritisierte weiter die Liberalen, die lieber alle Freiheiten preisgäben, als sich mit einer Partei, die als revolutionär gelte, einzulassen. Indessen hoffte ich, daß, ehe das neunzehnte Jahrhundert zu Ende gegangen sei, wir alle unsere Forderungen verwirklicht hätten. (Große Unruhe.) Diese Ansicht war, wie sich inzwischen gezeigt hat, sehr optimistisch.

Nach mir sprach Miguel, der meinte, er werde nicht mit mir diskutieren, vorläufig sei mein Partei noch keine Gefahr. Das sei anders mit den Herren vor ihm (dem Zentrum), gegen die er losdonnerte. Zum Schluß der Sitzung nahm ich das Wort zu einer persönlichen Bemerkung gegen Miguel. Er habe sich etwas wegwerfend über meine Partei ausgelassen. Ich wunderte mich darüber nicht, ich wolle aber doch konstatieren, daß der Abgeordnete Miguel – allerdings zu einer Zeit, wo er weder Bankdirektor noch Oberbürgermeister gewesen sei – zu derselben Partei gehört hätte, die er heute bekämpfte, nämlich zur kommunistischen. Das Haus war über diese Enthüllung verdutzt. Miguel schwieg. Nach der Sitzung traten eine ganze Anzahl Abgeordnete an mich heran, um zu hören, inwiefern der erhobene Vorwurf wahr sei! Der Abgeordnete Miguel behandelte mich von jetzt ab mit einer gewissen Hochachtung.

Kaum hatte man die Verfassungsberatung hinter sich, so kamen Schulze-Delitzsch und Genossen und beantragten die Aenderung des Artikels 32 der Verfassung zwecks Einführung der Diäten. Bei der Verfassungsberatung hatte man diesen Antrag nicht gestellt, obgleich er dort am Platze war. In einer Rede, die ich dazu hielt, führte ich aus, daß nur die Angst vor der Sozialdemokratie die Herren abhielt, die Diäten durchzusetzen, die in allen anderen Vertretungskörpern eingeführt seien. Bismarck verhöhnte die Antragsteller. Er wolle nicht mit voller Sicherheit entscheiden, ob die Versammlung in ihrer Zusammensetzung nach der Einführung der Diäten noch dieselbe sei. Aber er wolle den Versuch nicht machen, es wäre ihm zu schmerzlich, wenn er sich vergeblich nach der liebgewonnenen Versammlung zurücksehnen solle. (Große Heiterkeit.) Das Herrenhaus, das keine Diäten erhalte, habe immer die Neigung, die Sitzungen abzukürzen, bei dem Abgeordnetenhaus, das Diäten erhalte, sei das Gegenteil der Fall.

Am 24. April stand die Beschaffung weiterer Geldmittel zur Bestreitung der durch den Krieg veranlaßten außerordentlichen Ausgaben auf der Tagesordnung. Die französische Nationalversammlung hatte zwar am 26. Februar dem Präliminar-Friedensvertrag ihre Zustimmung gegeben, aber die Frage der Kriegskostenzahlung war noch nicht endgültig erledigt. Man brauchte für die große Armee in Frankreich weiter Geld. Bismarck nahm zunächst das Wort, um die Notwendigkeit der Vorlage zu begründen. Bis jetzt habe Frankreich seine Zahlungsverpflichtungen nicht einhalten können. Man könne ja in die inneren Verhältnisse Frankreichs eingreifen, aber das wolle man nicht, es sei daher wünschbar, Frankreich Zeit zu lassen, sich zu rangieren. Ich nahm nach Bismarck das Wort. Seine Erklärung zeige, daß er mit seiner Politik in der Klemme sei. Ich legte dann noch einmal unseren Standpunkt in der Kriegsfrage dar. Hätte man nicht auf der Annexion bestanden, so wäre der Friede schon seit vielen Monaten geschlossen worden. Ungeheure Verluste an Menschen und Geld wären uns erspart geblieben, und die Lage Deutschlands wäre eine viel günstigere geworden, als sie jetzt sei. Zwei Milliarden damals seien mehr wert gewesen, als heute fünf. Außerdem werde keine Regierung in Frankreich, heiße sie wie sie wolle, den Verlust von Elsaß-Lothringen vergessen dürfen. Frankreich werde nach Bündnissen suchen, und Rußland werde künftig anders zu der Frage stehen. Daß es dem Reichskanzler gelingen werde, Rußland ebenso über den Löffel zu barbieren, wie ihm das mit Napoleon gelungen sei, bezweifelte ich sehr. (Stürmische Heiterkeit.) Sicher sei, daß wir künftig ein viel höheres Militärbudget aufzubringen haben würden, als dieses bei einer vernünftigen Verständigung mit Frankreich unter Verzicht auf die Annexionen der Fall wäre. Wie Napoleon in Frankreich, so werde der Reichskanzler in Deutschland in seiner Politik durch die Bourgeoisie unterstützt. Es seien nur die Arbeiter hüben und drüben gewesen, die allein für den Frieden eingetreten seien. Man sehe jetzt wieder, wie die so viel angegriffene und verleumdete Kommune mit der größten Mäßigung vorgehe. (Große, anhaltende Heiterkeit.) – Die Kommune war seit dem 18. März in Paris proklamiert worden. – Ich sei durchaus nicht mit allen Maßregeln, die die Kommune ergriffen, einverstanden, aber sie sei zum Beispiel der großen Finanz gegenüber mit einer Mäßigung verfahren, die wir vielleicht in einem ähnlichen Falle in Deutschland schwerlich anwenden würden. (Heiterkeit.) Herr v. Kardorff nahm mir gegenüber das Wort, um festzustellen, daß ganz Deutschland ohne Annexion den Frieden nicht gewollt habe, was ich durch heftigen Widerspruch bestritt.

In dieser Session wurde auch der Gesetzentwurf betreffend die Verpflichtung zum Schadenersatz (Haftpflichtgesetzentwurf) bei Unfällen beraten. Ich nahm bei der dritten Lesung das Wort und hob hervor, daß die Hoffnungen, die man in Arbeiterkreisen an das Gesetz geknüpft, einmal schon durch den Regierungsentwurf, nachher aber noch mehr durch die Beschlüsse des Reichstags zunichte gemacht worden seien. Ich wies dieses in längeren Ausführungen nach. Insbesondere kritisierte ich scharf den §4, den Lasker in den Entwurf gebracht hatte, wonach der ganze Betrag der Leitungen aus Versicherungsanstalten, Knappschafts-, Unterstützungs-, Kranken-oder ähnlichen Kassen, wenn zu der Versicherungssumme der Unternehmer mindestens ein Drittel zahle, auf die Gesamtentschädigung einzurechnen sei. Der Unternehmer, der den Nutzen aus der Arbeit des Arbeiters ziehe, sei auch allein verpflichtet, ihn im Falle des Unfalls voll zu entschädigen.

Schließlich verlangte ich, daß bei Feststellung der Entschädigungen aus den Kreisen der beiden beteiligten Parteien Sachverständige in der Form von Geschworenen oder Schöffen hinzugezogen würden, und zwar Unternehmer und Arbeiter in gleicher Stärke. So wie der Gesetzentwurf jetzt vorliege, vermöchte ich nicht für denselben zu stimmen.

Da ich im Reichstag allein stand, Schraps zählte ernsthaft nicht mit, war ich gezwungen, häufiger als sonst in Berlin zu sein, um den Sitzungen beizuwohnen. Nun verlangte aber auch mein Geschäft dringend meine Anwesenheit. Das Unbehagliche dieser Zwitterstellung lastete schwer auf mir und kam in einem Briefe vom 10. Mai an meine Frau zum Ausdruck, der ich schrieb:

»Es ist eine unsäglich langweilige Wirtschaft hier und meine Stellung mir deshalb im höchsten Grade unangenehm. Dieser Widerspruch zwischen meiner Stellung und der Notwendigkeit, im Geschäft auf dem Platze sein zu müssen und zu wollen, ist es, was die schlimme Stimmung erzeugt, die Du und andere an mir bemerkt haben.«

Diejenigen, die mich damals wegen meiner Tätigkeit im Reichstag bejubelten, ahnten nicht, wie mir zumute war.

Am 25. Mai mußte ich wieder ins Feuer. Auf der Tagesordnung stand der Gesetzentwurf betreffend die Vereinigung von Elsaß-Lothringen mit dem Reiche; zugleich sollte, zunächst bis zum 1. Januar 1873, die Diktatur in Elsaß-Lothringen aufrechterhalten werden. Wiederum ging ich auf den Verlauf des Krieges ein und auf die Versicherung des Königs von Preußen, daß der Krieg ein Verteidigungskrieg sei. Die Annexion widerspreche dieser Versicherung. Die Annexion bedeute nur eine Stärkung der Hohenzollernschen Hausmacht. In Elsaß-Lothringen werde nur so regiert werden, wie der Kaiser es wolle. Was aber die Diktatur bedeute, hätten wir seinerzeit nach der Annexion von Hannover erlebt, wie ich an Beispielen nachwies. Man habe hier von der französischen Präfektenwirtschaft gesprochen, von der angeblich die Elsaß-Lothringer erlöst werden sollten; die preußische Landratswirtschaft sei aber um kein Haar besser, eher schlimmer. Habe man doch kürzlich einem in Solingen zum Bürgermeister Gewählten die Betätigung versagt, weil er als Beamter die Aktenschwänze nicht in Ordnung gehalten habe. (Große Heiterkeit.) Der Reichskanzler habe neulich in einer Sitzung, der ich nicht beiwohnen konnte, davon gesprochen, man müsse Elsaß-Lothringen die preußische Städtefreiheit bringen. Ja, er habe sogar gesagt, daß die Bestrebungen der Kommune im Grunde darauf hinausliefen, die preußische Städteordnung in Paris einzuführen. Dafür aber zu kämpfen, lohnte nicht die Mühe, denn diese sei keinen Schuß Pulver wert. Habe aber der Reichskanzler recht, dann begriffe ich nicht, wie er in dem Friedensvertrag – der am 10. Mai in Frankfurt beiderseitig ratifiziert worden war – die Bestimmung aufnehmen konnte, wonach der französischen Regierung die gefangenen Armeen zur Niederwerfung der Kommune zur Verfügung gestellt werden sollten. Auch habe er in demselben Friedensvertrag festgesetzt, daß dreißig Tage nach dem Falle der Kommune Frankreich die ersten 500 Millionen Franken Kriegsentschädigung zu zahlen habe. Das sei doch eine seltsame Art, wie er die Kämpfer für die preußische Städteordnung in Paris behandle. Werde aber so von deutscher Seite die Kommune bekämpft, so wolle ich meinerseits erklären, daß das europäische Proletariat hoffnungsvoll auf Paris sehe. Der Kampf in Paris sei nur ein kleines Vorpostengefecht, und ehe wenige Jahrzehnte ins Land gegangen seien, werde der Schlachtruf des Pariser Proletariats: Krieg den Palästen, Friede den Hütten, Tod der Not und dem Müßiggang! der Schlachtruf des europäischen Proletariats sein. Ich schloß meine Rede, indem ich der Hoffnung Ausdruck gab, die elsaß-lothringische Bevölkerung werde, ihrer freiheitlichen Mission bewußt, den freiheitlichen Kampf mit uns in Deutschland aufnehmen, damit endlich die Zeit komme, wo die europäischen Bevölkerungen ihr volles Selbstbestimmungsrecht erlangten, das sie aber nur erreichen könnten, wenn die Völker Europas in der republikanischen Staatsform das Ziel ihrer Begebungen erblicken würden. (Unruhe.)

Fürst Bismarck äußerte im Herbst 1878 bei der Beratung des Sozialistengesetzes, es sei diese meine Rede gewesen, die ihm die Gefährlichkeit des Sozialismus vor Augen führte. Davon war an jenem Tage, an dem ich diese Rede hielt, nichts zu bemerken. Fürst Bismarck nahm unmittelbar nach mir das Wort und begann: Befürchten Sie nicht, daß ich dem Herrn Vorredner antworte; Sie werden alle mit mir das Gefühl teilen, daß seine Rede in diesem Saale einer Antwort nicht bedarf. (Zustimmung.) Das war alles, was er gegen mich äußerte. Auch die folgenden Redner machten es sehr gnädig mit mir, sie erwähnten mich kaum. Dafür ging draußen in der Presse der Lärm um so ärger gegen mich los. Darauf erklärte Liebknecht im »Volksstaat« kategorisch: Was Bebel gesagt, hat er sagen müssen; es war seine Pflicht, für die Kommune einzutreten! Mitten in dem Toben gegen mich erschien eine Sonntagsplauderei in der »Berliner Börsen-Zeitung«, die in einem ganz anderen, und zwar viel harmloseren Ton gehalten war. Offenbar rührte sie von Stettenheim her, der damals Redakteur der »Berliner Wespen« war. Ich hatte Stettenheim im Verein »Berliner Presse« kennen gelernt, den ich manchmal auf Einladung von Robert Schweichel besuchte. Dieses ist auch der Verein, von dem Stettenheim in der Plauderei spricht. Darin hieß es, soweit sie sich auf mich bezieht:

»Berlin ist ruhig!

Die Schüsse, welche man dann und wann hört, bedeuten nicht die Hinrichtung von Insurgenten, es sind Aeußerungen des artilleristischen Examens in Tegel, und der Qualm, welcher den Horizont einhüllt, ist nicht der Rauch flammender Paläste, es ist der Kongreß der verschiedenen Sorten Staubes, welcher aus allen Ecken unserer geliebten Stadt aufsteigt und die Luft von Tauben, Spatzen und anderem Gefieder reinigt.

Wir teilen dies in aller Eile und aus bester Quelle mit, um ängstliche Gemüter, deren Berlin sehr viele zählt, zu beruhigen....

... In der 'Kreuzzeitung' taucht sogar eine Mutter von acht Söhnen auf, welche alle Mitmütter Berlins auffordert, den Kaiser zu bitten, zur Verhütung eines gleich schrecklichen Strafgerichts wie des Pariser alles vernichten und zerstören zu lassen, was Berlin an Anstalten, Aufführungen, Bildern, Büchern usw. besitzt, welche der Moralität unserer Kinder schädlich sein könnten....

... So hat die Rede Bebels gewirkt!

Wir halten es für unsere Pflicht, Oel in die aufgeregten Wogen der Phantasie zu gießen, welche eine Mutter von acht Söhnen an die Inseratengestade der 'Kreuzzeitung' schleudert.

Die Rede Bebels war allerdings etwas heftiger Art. Sie unterscheidet sich von gewöhnlichen Tischreden durch Drohungen und Betrachtungen, welche furchtsame Ohren erzittern machen. 'Krieg den Palästen!' klingt etwas ungewöhnlich. Bei einem solchen Ausruf wird bekanntlich vorzugsweise jeder unruhig, der kein Palais besitzt, sondern zur Miete wohnt. Der Palastbewohner von Berlin pflegt sich auf seinen Portier zu verlassen, der sich im Falle mit verdächtigen Besuchern herumbalgt, bis der Schutzmann erscheint und die Uebelwollenden zur Wache führt.

Bebel rief: Krieg den Palästen! Er setzte allerdings hinzu: Friede den Hütten! Das aber ist kein Balsam für das blutende Herz einer Mutter von acht Söhnen.... Friede den Hütten! Was will das sagen?

Es gibt vor allen Dingen gar keine Hütten mehr. Man baut nur noch drei-, vierstöckige Häuser. Wo steht in Berlin eine Hütte? Mit Hüttenfrieden ist wenigen gedient, und Bebel kann ihn versprechen, wie er auch allen, welche Sandalen tragen, Steuerfreiheit versprechen könnte. Steuerfreiheit ist nicht übel, aber wer trägt heute Sandalen?

Mittags hatte Bebel seine Brandfackel zu Protokoll gegeben, abends trafen wir ihn in einem Verein.

Dieser Verein treibt keine Politik, sondern anderen Unsinn. Man kürzt sich die Zeit mit allerlei Gesprächen und Bieren.

Man denke sich einen robusten Mann mit rötlichem Haar und energieträchtiger Nase – das ist Bebel nicht!

Bebel ist eine zierliche Erscheinung. Aus einem hübschen Gesicht strahlen Augen, welche gewiß schon viele Frauenherzen auf dem Gewissen haben. Aber Bebel ist kein Don Juan. Er ist solide, sogar philiströs, am allerwenigsten kokett, hauptsächlich bescheiden. Wir haben bemerkt, daß er das Feuerzeug weit wegschob, weil ihn der Schwefelgeruch augenscheinlich belästigte.

Und nun fragen wir jede Mutter, ohne von jeder acht Söhne zu beanspruchen, wir fragen jeden Berliner Junggesellen, Verlobte, Väter, Großväter: Sieht Bebel, welchen man nach seiner Rede für den deutschen Haus- und Gebäude-Nero halten möchte, wie seine Rede aus? Wir boten Bebel eine Zigarre an.

Ich rauche nicht! sagte Bebel elegant abwehrend.

Sollen wir noch etwas zur Beruhigung der Haupt- und Residenzstadt anführen? Bebel raucht nicht. Bebel zündet keine Zigarre an – und er sollte Paläste anzünden?

Wir haben leider vergessen, ihn zu fragen, ob er abends Oel oder Gas brennt. Wir sind überzeugt davon, daß Bebel kein Petroleum im Hause hat. Und ein solcher Mann sollte – – ?

Nein! Bebels Seele ist frei von Petroleum!

Zum Ueberfluß verwickelten wir ihn noch in ein Gespräch über die Paläste und ähnliche Gebäude in Berlin, die er nicht einmal alle kannte, und wiesen vorsichtshalber darauf hin, daß Berlin recht arm an Palästen sei, so daß es gar nicht die Mühe lohnte, einen Krieg gegen sie zu unternehmen. Bebel fiel es augenscheinlich nicht einmal ein, daß wir mit Bezug auf seine Rede also sprachen, das 'Krieg den Palästen' war ihm ohne Zweifel nur so herausgefahren. 'Was nun die Berliner Hütten betrifft,' fuhren wir fort, 'so ist in erster Linie der Eisbock zu nennen, hinter welchem reichlich unschönen Bauwerk alle anderen Hütten zurückstehen. Würde er verschwinden, so dürfte Berlin kaum bestürzt sein.' Bebel hatte höflich zugehört, aber er begriff kaum unsere Andeutung, daß ein 'Krieg den Hütten' uns am Ende, und zwar auf eine einzige beschränkt, viel willkommener wäre als irgend eine andere Demolierung, worin er uns recht zu geben schien, denn ihm gefiel der Eisbock ebensowenig wie irgend einem anderen Sterblichen.

So haben wir also Bebel von seiner Rede zu trennen. In unseren Parlamenten wird manches gesprochen, was sich besser, respektive schrecklicher liest, als es sich einfach ausgeführt denken läßt. Erinnern sich unsere geehrten Leser gefälligst der Dreizackrede des Abgeordneten Ziegler: 'Der Kultusminister muß fort von seinem Platz!' Herr v. Mühler saß dabei und zuckte die Achsel. Heute noch sitzt er 'aufrecht auf der Matte'.

Bebel ist der Ziegler der Paläste!

Ziegler ist der Bebel des Kultusministers.«

Die Ausführungen, die ich in den hier von mir zitierten Reden über die Pariser Kommune machte, werden einem sehr erheblichen Teile meiner Leser unverständlich sein. Ein Teil derselben weiß überhaupt nicht, was die Kommune war, ein anderer Teil ist in Vorurteilen befangen durch das, was er gegen die Kommune las, nur der kleinste Teil kennt die Geschichte der Kommune. Unsere Stellung zu derselben spielte aber in den Kämpfen – insbesondere in den Wahlkämpfen der siebziger und achtziger Jahre – eine große Rolle. Ich mußte sogar noch in den neunziger Jahren unsere Stellung zur Kommune im Reichstag verteidigen.

Im März 1876 hatte ich in Leipzig eine große Disputation mit dem Hauptagitator der Leipziger Nationalliberalen Bruno Sparig, auf die ich an geeigneter Stelle zurückkommen und meine damaligen Ausführungen über die Kommune zum Abdruck bringen werde.


Der Reichstag wurde gegen Ende Mai 1871 geschlossen. Zu Hause angekommen, machte ich die Bekanntschaft von Johann Most, der nach seiner Amnestierung aus Oesterreich ausgewiesen worden und nach Leipzig gekommen war. Nach seiner Haftentlassung wurde sein Brief bekannt, den er an seinen Vater geschrieben hatte, der in Augsburg, irre ich nicht, Beamter bei einer Kirchenstiftung war. Der Vater hatte versucht, den Sohn von seinen »Irrwegen« abzubringen.

Most hatte darauf am 13. Januar 1871 unter anderem geantwortet:

»Ich versichere es Ihnen: Wenn Sie mir eine Stelle mit einem Monatsgehalt von 1000 Gulden offerierten und ich einer mir gesinnungsfeindlichen Partei dienen sollte, und wenn mir andererseits von seiten meiner Parteigenossen nur trockenes Brot entgegengehalten würde, so würde ich, ohne mich zu besinnen, nach dem trockenen Brote greifen.«

Dieser Brief spricht sehr zugunsten von Mosts Charakter. Was er schrieb, war seine ehrliche Ueberzeugung, denn Most war im Grunde eine vortrefflich angelegte Natur. Wenn er später unter dem Sozialistengesetz immer mehr auf Abwege geriet, Anarchist und Vertreter der Propaganda der Tat wurde, ja schließlich sogar, er, der immer ein Muster von Enthaltsamkeit war, als Trunkenbold in den Vereinigten Staaten endete, so legte den Grund zu dieser schlimmen Entwicklung das Sozialistengesetz, das ihn wie so viele andere außer Landes trieb. Wäre Most unter dem Einfluß von Männern geblieben, die ihn zu leiten und seine Leidenschaftlichkeit zu zügeln verbanden, die Partei hätte in ihm einen ihrer eifrigsten, opferwilligsten und unermüdlichen Kämpfer behalten. Er hat später als Redakteur der von ihm gegründeten »Freiheit« – die erst in London, nachher in New York erschien – mich oft heftig angegriffen. Noch schlimmer als mich behandelte er Ignaz Auer und Liebknecht. Aber dennoch ist mir leid, daß er, der gut Veranlagte, so elend zugrunde ging.

Most wurde in Leipzig nach wenigen Tagen seiner Anwesenheit ebenfalls ausgewiesen. Er ging nach Chemnitz, woselbst er Redakteur der »Chemnitzer Freie Presse« wurde und den großen Metallarbeiterstreik leitete, der im Hochsommer 1871 zum Ausbruch kam.


Die Partei hatte sich von den Wirkungen der Kriegszeit rasch erholt. Die glänzende industrielle Prosperitätsperiode, die jetzt begann, kam der Bewegung zustatten. Daß die deutsche Frage einen Abschluß erlangt hatte, der, wenn er auch uns nicht gefiel, zunächst keine Aussicht auf Aenderung bot, beseitigte verschiedene Differenzpunkte, die bisher zwischen den streitenden Arbeiterparteien bestanden. Das Schlachtfeld wurde übersichtlicher und vereinfachter. In der Eisenacher Partei, wie unsere Partei kurz genannt wurde, erschienen in Bälde eine Anzahl Parteiorgane. So neben den Blättern in Crimmitschau und Chemnitz solche in Braunschweig, wo der unermüdliche, immer opferbereite Bracke den »Volksfreund« ins Leben rief und eine eigene Druckerei gründete, ferner in Hamburg-Altona, Dresden, Nürnberg, Hof, später in München und Mainz. Dagegen ging der »Proletarier« in Augsburg Mitte Juni ein.

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