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Aus meinem Leben - Zweiter Teil

August Bebel: Aus meinem Leben - Zweiter Teil - Kapitel 17
Quellenangabe
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typeautobiography
authorAugust Bebel
titleAus meinem Leben ? Zweiter Teil
publisherVerlag von J.H.W. Dietz Nachf. G.m.b.H.
year1911
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#13690
created20080813
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Erklärungen und Proklamationen.

Am 17. Juli fand in Berlin ein großer Kriegsrat statt. Wie es mit den Kriegsaussichten für Preußen-Deutschland stand, zeigt eine Erklärung Moltkes, die dieser zugleich im Namen Roons abgab: » Preußen sei noch nie in der Lage gewesen, hinsichtlich seiner Heeresverfassung, Ausrüstung, Hilfsmittel usw. mit solchen Aussichten auf Erfolg einen Krieg anzunehmen wie gegenwärtig. Er sei sehr genau über den Fortschritt (er hätte sagen können die Zurückgebliebenheit. A.B.) der französischen Rüstungen informiert, und danach sei eine militärische Ueberrumpelung seitens Frankreichs nicht zu fürchten.« Die Richtigkeit dieser Ansicht bestätigte sich sofort. In Deutschland glaubte man allgemein, der Kriegserklärung Napoleons werde ohne Verzug ein Einbruch der französischen Armee in deutsches Gebiet folgen. Man wartete vergebens. In Frankreich hatte die Kriegserklärung ein vollständiges Durcheinander hervorgerufen, kein einziges Armeekorps war auf Kriegsfuß, die Kopflosigkeit herrschte von oben bis unten. Anfang August standen bereits 380 000 Deutsche 250 000 Franzosen gegenüber. Und wie man in deutschliberalen Kreisen die Situation ansah, bewies ein Toast des Professor Biedermann in Leipzig auf einem studentischen Fest, in dem er bereits Ende Juli ausführte: Wir werden die französische Nation daniederwerfen, daß sie in einem Menschenalter nicht mehr an Krieg denken kann. Wir werden das tun, indem wir dafür Sorge tragen, daß der Leib Frankreichs etwas schmäler wird.

Hier wurde also bereits auf eine Annexion angespielt, noch ehe eine Schlacht geschlagen war. Man rechnete also absolut sicher mit dem Siege. In den offiziellen Aktenstücken lautete es um diese Zeit ganz anders! So wurde in der Thronrede, mit der der Reichstag am 19. Juli eröffnet worden war, gesagt, »daß man die Volkskraft zum Schutze unserer Unabhängigkeit aufrufe«, »Deutschland trage in sich selbst den Willen und die Kraft der Abwehr erneuter französischer Gewalttat«, man wende sich getrosten Mutes »an die Vaterlandsliebe und Opferfreudigkeit des deutschen Volkes mit dem Aufruf zur Verteidigung seiner Ehre und seiner Unabhängigkeit«. »Wir werden nach dem Beispiel unserer Väter« – so lautete der Schluß – » für unsere Freiheit und für unser Recht gegen die Gewalttat fremder Eroberer kämpfen, und in diesem Kampfe, in dem wir kein anderes Ziel verfolgen, als den Frieden Europas dauernd zu sichern, wird Gott mit uns sein, wie er mit unseren Vätern war

Nach dieser feierlichen Erklärung – deren Verfasser Lothar Bucher war – handelte es sich also um einen Verteidigungs-, nicht um einen Eroberungskrieg, mit dem Zweck, für künftig den Frieden zu sichern.

Einen interessanten Satz enthielt aber noch die Thronrede; der Satz lautete:

»Das deutsche wie das französische Volk, beide die Segnungen christlicher Gesittung und steigenden Wohlstandes genießend und begehrend, sind zu einem heilsameren Wettkampf berufen als zu dem blutigen der Waffen.«

Bezeichnend für die Stimmung in den offiziellen Kreisen war auch die Proklamation des Königs von Preußen vom 11. August 1870, worin er anzeigte, daß er in Frankreich eingerückt sei und den Oberbefehl übernommen habe: »Ich führe Krieg mit den französischen Soldaten und nicht mit den Bürgern Frankreichs

Eine sehr günstige Beurteilung in unseren Kreisen fand die Proklamation des Prinzen Friedrich Karl:

»An die Soldaten der zweiten Armee!

Ihr betretet französischen Boden. Der Kaiser Napoleon hat ohne allen Grund an Deutschland den Krieg erklärt, er und seine Armee sind unsere Feinde. Das französische Volk ist nicht gefragt worden, ob es mit seinen deutschen Nachbarn einen blutigen Krieg führen wolle, ein Grund zur Feindschaft ist nicht vorhanden. Seid dessen eingedenk den friedlichen Bewohnern Frankreichs gegenüber, zeigt ihnen, daß in unserem Jahrhundert zwei Kulturvölker selbst im Kriege untereinander die Gebote der Menschlichkeit nicht vergessen, denkt stets daran, wie eure Eltern in der Heimat es empfinden würden, wenn ein Feind, was Gott verhüte, unsere Provinzen überschwemmte. Zeigt den Franzosen, daß das deutsche Volk nicht nur groß und tapfer, sondern auch gesittet und edelmütig dem Feinde gegenübersteht.«

Und bereits am 25. Juli hatte der König auf die laut gewordenen Kundgebungen ein Dankschreiben veröffentlicht, in dem es hieß:

»Die Liebe zu dem gemeinsamen Vaterlande, die einmütige Erhebung der deutschen Stämme und ihrer Fürsten hat alle Unterschiede und Gegensätze in sich beschlossen und versöhnt, und einig, wie kaum jemals zuvor, darf Deutschland in seiner Einmütigkeit, in seinem Recht die Bürgschaft finden, daß der Krieg ihm den dauernden Frieden bringen und daß aus der blutigen Saat eine von Gott gesegnete Ernte deutscher Freiheit und Einheit sprießen werde.«

Es ist zu beachten, wie in diesem Dankschreiben am Schluß die Freiheit vor die Einheit gesetzt ist. Das sollte mir später verhängnisvoll werden, als ich an dieses Versprechen in mehreren öffentlichen Versammlungen erinnerte.

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