Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > F. Bernard >

Aus Ketten und Banden

F. Bernard: Aus Ketten und Banden - Kapitel 9
Quellenangabe
authorF. Bernard
titleAus Ketten und Banden
publisherVerlag von Herrmann Starke
year1897
printrunErstes Tausend
translatorA. Rudolph und Richard Otto
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171226
projectidff945610
Schließen

Navigation:

Der Herzog von Albany.

– Fünfzehntes Jahrhundert. –

Jacob III., König von Schottland, sah mit Besorgnis, welchen Einfluß seine Brüder, der Herzog von Albany und der Graf von Mar, auf die Herzen seiner Unterthanen gewonnen hatten. Die Anspielungen der charakterlosen, schlechten Menschen, welche die nähere Umgebung des Königs bildeten, wandelten bald die Besorgnis in Verdacht und tötlichen und unversöhnlichen Haß. Diese unwürdigen Günstlinge befleißigten sich das Gemüt des Königs mit Schreck und Besorgnis vor Gefahren zu erfüllen, die ihm seine Brüder angeblich bereiten wollten. Sie erzählen ihm, daß der Graf von Mar Wahrsagerinnen befragt habe, wann und wie der König sterben würde, und daß man ihm geantwortet habe, er würde durch die Hand eines seiner nächsten Verwandten sterben. Sie brachten auch einen Astrologen zu Jacob, der ihm sagte, daß in Schottland ein Löwe sei, der von seinen Jungen getötet würde. Alles dies brachte auf das argwöhnische und furchtsame Gemüt des Königs einen solchen Eindruck hervor, daß er seine beiden Brüder festnehmen ließ. Albany wurde in das Edinburger Schloß eingesperrt, aber das Schicksal von Mar wurde sofort entschieden: der König ließ ihn im Bade durch Ersticken um's Leben bringen oder, nach anderen Geschichtsschreibern, das Blut bis zum letzten Tropfen abzapfen.

Albany lief große Gefahr, dasselbe Schicksal zu erdulden, aber einige seiner Freunde in Frankreich und Schottland schmiedeten einen Plan, um ihn zu befreien. Eine kleine Sloop lief im Hafen von Leith ein mit Wein aus der Gascogne, und zwei Fässer wurden als Geschenk dem gefangenen Prinzen geschickt. Die Schloßwache hatte erlaubt, daß sie in das Zimmer von Albany gebracht wurden. Als der Herzog sie unbemerkt genau untersuchte, fand er in dem einen eine große Wachskugel, die einen Brief enthielt, worin man ihn aufforderte, zu entfliehen, und versicherte, daß das kleine Fahrzeug, welches den Wein gebracht habe, bereit sei, ihn aufzunehmen, wenn er bis ans Ufer gelangen könne. Man beschwor ihn, sich zu beeilen, denn man würde ihn am nächsten Tage den Kopf abschlagen. Eine große Rolle Stricke war auch in dem Fasse enthalten, damit er von der Höhe der Schloßmauer bis zu dem Fuße des Felsens, worauf es erbaut ist, herabsteigen könne. Sein Kämmerer, ein getreuer Diener, der ihm ins Gefängnis gefolgt war, versprach ihm dabei zu helfen.

Die Hauptaufgabe war, sich des Hauptmanns der Wache zu versichern. Zu diesem Zwecke lud ihn Albany zum Abendessen ein, unter dem Vorwande, den guten Wein zu kosten, welchen man ihm geschenkt habe. Der Hauptmann stellte überall Wachen aus, wo er glaubte, daß Gefahr sei und begab sich, von drei Soldaten begleitet, in das Zimmer des Herzogs. Nach beendeter Mahlzeit schlug der Herzog vor, Puff zu spielen. Der Hauptmann saß neben einem großen Feuer und die Wärme desselben wie der Wein, den der Kämmerer ihm unaufhörlich eingeschenkt hatte, fingen an, ihn einzuschläfern, ebenso wie die Soldaten, die man auch reichlich bedacht hatte. Der Herzog von Albany war ein starker Mann, dem die Verzweiflung doppelte Kraft gab. Er stürzte sich plötzlich mit gezücktem Dolche auf den Hauptmann, der sofort tot niederfiel. In gleicher Weise entledigte er sich zweier Soldaten, während der Kämmerer den dritten auf sich nahm. Die Leichen warfen sie ins Feuer. Sie überwältigten die armen Teufel um so leichter, als die Trunkenheit und die Überraschung sie betäubt hatten. Alsdann nahmen sie die Schlüssel aus der Tasche des Hauptmanns, stiegen auf die Mauer und suchten einen entlegenen Winkel aus, der außer Sicht der Wachen lag, um ihren gefahrvollen Abstieg auszuführen.

Der Kämmerer wollte den Strick versuchen und stieg als erster hinab; die Länge war nicht genügend, er fiel und brach den Schenkel. Darauf rief er seinem Herrn zu, den Strick länger zu machen.

Albany ging nach seinem Zimmer zurück, nahm die Betttücher, band sie fest an den Strick und befand sich bald wohlbehalten und sicher am Fuße des Felsens. Er nahm seinen Kämmerer auf die Schultern und trug ihn an einen sicheren Ort, wo er verborgen bleiben konnte, bis seine Wunde geheilt war. Albany begab sich dann ans Ufer, wo ihn auf ein verabredetes Zeichen ein Boot an Bord der Sloop holte, die sofort unter Segel nach Frankreich ging.

Während der Flucht hatten die Wachen, welche wußten, daß ihr Hauptmann mit drei Leuten im Zimmer des Herzogs war, keine Ahnung von dem, was vorging. Als sie aber bei Tagwerden den Strick an der Mauer hängen sahen, erschraken sie und stürzten in das Zimmer des Herzogs. Sie fanden da die Leiche eines der Soldaten quer vor der Thür und die des Hauptmanns und der beiden anderen am erloschenen Feuer liegen. Der König war so erstaunt über die außergewöhnliche Flucht, daß er nicht eher daran glaubte, als bis er sich mit seinen eigenen Augen an Ort und Stelle davon überzeugt hatte.

(Walter Scott, Geschichte Schottlands, I. Serie, Kap. 19.)

*

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.