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Aus Ketten und Banden

F. Bernard: Aus Ketten und Banden - Kapitel 8
Quellenangabe
authorF. Bernard
titleAus Ketten und Banden
publisherVerlag von Herrmann Starke
year1897
printrunErstes Tausend
translatorA. Rudolph und Richard Otto
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171226
projectidff945610
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Ludwig II., Graf von Flandern.

– 1347. –

Ludwig II., Graf von Flandern, war 1346 im Alter von sechzehn Jahren seinem Vater Ludwig I. in der Regierung gefolgt. Die Flamländer wollten mit dem Könige von England, daß der Graf dessen Tochter Isabella heirate. Dagegen hatte sich Johann, Herzog von Brabant, mit Philipp VI. von Valois, König von Frankreich, verständigt, um den jungen Grafen von Flandern mit seiner Tochter zu vermählen und so die Häuser Flandern und Brabant zu vereinen. Ludwig II. weigerte sich, die Heirat zu schließen, welche seine Unterthanen ihm aufdringen wollten. Wie Froissart erzählt, soll er gesagt haben, er wolle nicht die Tochter von dem zur Frau, der seinen Vater getötet habe und wenn man ihm auch die Hälfte des englischen Königreiches gäbe. Als die Flamländer dies hörten, sagten sie, ihr Herr sei zu sehr Franzose und übel beraten, er wolle nicht ihr Bestes, wenn er ihrem Rate nicht folge. Sie ließen ihn sogar gefangen nehmen, in ritterlichen Gewahrsam bringen und ihm mitteilen, er würde nie wieder herauskommen, wenn er sich nicht ihrem Willen füge.

Lange war der junge Graf in der Gewalt der flandrischen Edlen und in ritterlichem Gewahrsam, was endlich anfing, ihm langweilig und beschwerlich zu werden, darum änderte er seine Meinung, ich weiß nicht, ob nur aus Schlauheit oder freiwillig. Er sagte seinen Leuten, er würde ihrem Rate folgen, denn von ihnen könne ihm doch mehr Gutes kommen wie vom Auslande. Diese Rede gefiel den Flamländern sehr. Man entließ ihn sofort aus dem Gefängniß und erfüllte einen Teil seiner Wünsche. Man ließ ihn an den Fluß jagen gehen, was er sehr liebte, aber man bewachte ihn streng, damit er nicht entfliehe oder entführt werde. Seine Wächter waren ganz dem Könige von England ergeben und hatten für seine Person ihre Köpfe verpfändet. – So blieben die Dinge, bis der junge Graf von Flandern seiner Umgebung erklärte, er werde freiwillig die Tochter des Königs von England zur Frau nehmen. Die Flamländer ließen dies dem Könige und der Königin wissen, die sich vor Calais befanden, und ersuchten sie, mit ihrer Tochter nach der Abtei von Bergues zu kommen, wohin sie ihren Herrn bringen und wo man den Heiratsvertrag abschließen könne.

Die Verlobung fand in der That statt, und die Flamländer nahmen darauf ihren Herrn wieder mit sich zurück.

Nachdem der junge Graf von Flandern wieder in sein Land zurück war – berichtet Froissart weiter – ging er häufig auf die Jagd und zeigte augenscheinlich, daß die Heirat mit der Engländerin ihm sehr gefalle. Die Flamländer glaubten sich nun ihrer Sache sicher und man bewachte ihn nicht mehr so streng wie früher. Sie kannten den Sinn ihres Herrn noch nicht ganz, denn wie er auch äußerlich scheinen mochte, innerlich war er ganz französisch, wie er durch die That zeigte. Eines Tages, es war schon in der Woche, in der er die englische Prinzessin heiraten sollte, war er auf die Falkenbeize an den Fluß gegangen. Der Falkner ließ einen Falken auf einen Reiher los und der Graf nachher auch einen und rief, ihnen scharf nachreitend, um sie anzufeuern: Hussa! Ho! Als er den übrigen ein wenig voran war und einen Vorsprung hatte, spornte er sein Pferd plötzlich an und jagte immer geradeaus weiter fort, ohne anzuhalten, so daß seine Wächter ihn endlich aus den Augen verloren. So kam der Graf nach Artois, wo er in Sicherheit war, von da ritt er weiter nach Paris zum König Philipp, dem er sein Abenteuer erzählte, wie er durch große Schlauheit seinen Wächtern und den Engländern entwischt sei. Der König von Frankreich freute sich sehr darüber und sagte, er habe recht gehandelt und ebenso meinten die Franzosen, die Engländer dagegen, daß er sie verraten habe.

(Froissart, Chronik, Buch I, Kap. 31.)

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