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Aus Ketten und Banden

F. Bernard: Aus Ketten und Banden - Kapitel 7
Quellenangabe
authorF. Bernard
titleAus Ketten und Banden
publisherVerlag von Herrmann Starke
year1897
printrunErstes Tausend
translatorA. Rudolph und Richard Otto
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171226
projectidff945610
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Osmond nahm Richard auf seine Schultern.

Richard, Herzog von der Normandie.

– Zehntes Jahrhundert. –

Wilhelm, Longue-Epée (Langschwert) Herzog von der Normandie, war bei Pecquigny an der Somme ermordet worden. Sein Sohn Richard, noch ein Kind, hätte ihm in der Regierung nachfolgen sollen. Es gelang aber Ludwig d'Outre-Mer (von jenseits des Meers), der die Erbschaft des jungen Fürsten haben wollte, sich der Person desselben zu bemächtigen und unter dem Vorwande, ihm eine seinem Range entsprechende Erziehung zu geben, nach Laon bringen zu lassen. Er stellte ihn unter strenge Überwachung und zeigte sich dem Prinzen gegenüber hart und grausam. Er hatte sogar die Absicht, ihm die Kniescheiben brennen zu lassen, eine schreckliche Marter, welche die Politik des Mittelalters bisweilen bei Prinzen anwandte, um sie von der Thronfolge auszuschließen. Als Osmond, der Hofmeister des jungen Richard, den strengen Beschluß des Königs erfuhr und das Schicksal, welches man dem Knaben zudachte, voraussah, schickte er, betrübten Herzens, Abgesandte zu den Normanen, um ihnen zu melden, daß ihr Herr Richard von dem Könige in strengster Gefangenschaft gehalten werde. Kaum wurde diese Nachricht bekannt, so ordnete man in der ganzen Normandie an, drei Tage zu fasten und in den Kirchen flehte man Gott ununterbrochen für den jungen Richard an. Osmond beriet sich mit Yvon, dem Vater von Wilhelm von Belesma, und veranlaßte darauf den jungen Prinzen, sich schwer krank zu stellen und ins Bett zu legen. Der Knabe führte die Anweisungen geschickt aus. Er blieb lang ausgestreckt im Bett liegen und stellte sich, als wenn seine letzte Stunde gekommen sei. Wie die Wachen ihn so sahen, wurden sie nachlässig und gingen ihren eigenen Geschäften nach. Im Hofe des Hauses lag glücklicherweise ein Haufen Heu. Darein hüllte Osmond den Knaben, nahm ihn auf seine Schultern, als ob er Futter für seine Pferde trage, und während der König zu Abend aß und die Bürger sich in ihre Häuser zurückgezogen hatten, stieg er über die Mauern der Stadt. Kaum im Hause eines eingeweihten Freundes angelangt, schwang sich Osmond auf ein Pferd, nahm den Knaben vor sich und jagte nach Coucy davon. Hier ließ er den Prinzen in der Obhut des Burgvogtes. Darauf ritt er die ganze Nacht durch und kam mit Tagesanbruch nach Senlis. Graf Bernhard war erstaunt, ihn in solcher Eile zu sehen und erkundigte sich angelegentlich, wie es seinem Neffen Richard ergehe. Osmond erzählte ihm ausführlich, was er gethan hatte, worüber sich der Graf außerordentlich freute. Beide stiegen darauf zu Pferd und suchten Hugo den Großen auf. Als sie diesem von der Sache erzählt und um Rat gefragt, schwur er ihnen und dem Knaben beizustehen. Er sammelte ein großes Heer, sie zogen damit nach Coucy und entführten Richard. Dann zogen sie mit dem jungen Prinzen im Triumphe in die Hauptstadt ein.

(Wilhelm von Jumièges, Geschichte der Normannen, Buch IV, Kap. 4.)

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