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Aus Ketten und Banden

F. Bernard: Aus Ketten und Banden - Kapitel 6
Quellenangabe
authorF. Bernard
titleAus Ketten und Banden
publisherVerlag von Herrmann Starke
year1897
printrunErstes Tausend
translatorA. Rudolph und Richard Otto
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171226
projectidff945610
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Attalus.

– Sechstes Jahrhundert. –

Theoderich und Childebert schlossen einen Bund und versprachen sich eidlich, nicht gegen einander zu Felde zu ziehen. Zur Bekräftigung ihrer mündlichen Übereinkunft sandten sie sich gegenseitig Geißeln. Unter diesen befanden sich viele Söhne von Ratsherren. Als nun trotzdem darauf wieder Zwiespalt zwischen den Königen entstand, wurden die Geißeln zur Dienstbarkeit angehalten, und diejenigen, welche sie zur Obhut erhalten hatten, machten sie zu ihren Sclaven. Viele der Geißeln entwichen und kehrten in ihre Heimat zurück; nur eine kleine Anzahl wurde in Dienstbarkeit zurückbehalten. Unter diesen befand sich Attalus, Neffe des ehrwürdigen Gregorius, Bischofs von Langres. Als Staatssclave verkauft, wurde er zum Pferdehirten bestellt und einem in der Gegend von Trier wohnenden Barbaren zugeteilt. Der ehrwürdige Gregorius hatte dies durch ausgesandte Diener erkunden lassen, die auch dem Manne Geschenke angeboten hatten, damit er Attalus frei gebe. Er hatte sie aber verweigert mit dem Ansinnen, daß, da der junge Mann von so edlem Stamme sei, er zehn Pfund Gold als Lösegeld zahlen müsse.

Bei der Rückkehr der Abgesandten sagte einer der Diener, Leo, der zum Küchenpersonal gehörte, zum Bischofe: »Wenn es Gott gefällt und Ihr mir erlaubt, bin ich vielleicht im Stande, Euren Neffen aus der Sklaverei zurückzubringen.« Der Bischof nahm das Anerbieten mit Freude an und Leo wurde sogleich abgesandt. Er versuchte anfangs Attalus in aller Stille zu entführen, aber es gelang nicht. Darauf wandte er sich an einen durchreisenden Händler und bat ihn: »Verkaufe mich in das Haus dieses Barbaren und der Erlös des Verkaufes soll Dir gehören.« Der Handel wurde mit einem Eide bekräftigt und der Mann verkaufte Leo für zwölf Goldgulden, strich sie ein und ging weiter. Darauf fragte der Käufer den neuen Diener, was er denn machen könne. Dieser antwortete: »Ich bin sehr geschickt, alles zuzubereiten, was auf den Herrentisch kommt, und ich glaube, in dieser Kunst kann man nicht meinesgleichen finden. Ich sage die Wahrheit. Wenn Du den König bewirten willst, bin ich im Stande, ein königliches Mahl herzurichten, und niemand kann es besser machen wie ich.« Darauf sprach der Herr: »Der Tag der Sonne (Sonntag) kommt und da werde ich meine Nachbarn und Verwandten einladen und wünsche, daß Du mir ein Mahl bereitest, welches ihr Staunen erregt.« – Der Sonntag kam, und der Sklave trug ein reiches, ausgewähltes Mahl auf. Dadurch wurde der Herr so von diesem Sklaven eingenommen, daß er ihn frei über alles verfügen ließ, was ihm gehörte. Nach Verlauf von einem Jahre, als der Herr unbegrenztes Vertrauen zu Leo hatte, ging dieser einmal mit Attalus nach einer Wiese nahe beim Hause. Dort legten sie sich mit abgewandtem Gesicht auf die Erde, damit man nicht bemerke, daß sie zusammen sprächen. Leo sagte zu dem jungen Manne: »Es ist an der Zeit, an unsere Heimat zu denken. Ich benachrichtige Dich, damit Du heute Nacht nicht einschläfst, wenn Du die Pferde nach dem Stalle gebracht hast. Halte Dich bereit. Sobald ich rufe, kommst Du und wir fliehen.« – Der Barbar hatte an diesem Tage viele seiner Verwandten zum Mahle eingeladen, darunter auch seinen Schwiegersohn. Als die Gäste um Mitternacht sich von der Tafel erhoben, um sich zur Ruhe zu begeben, folgte Leo dem Schwiegersohn seines Herrn mit einem Schlummertrunk, welchen er ihm in seiner Wohnung zum Trinken darreichte. Der Schwiegersohn sprach dabei zu ihm: »Höre, Du Vertrauter meines Schwiegervaters, sage, – angenommen, Du habest die Macht, wann wird es Dir belieben, die Pferde zu nehmen und nach Deiner Heimat zu reiten?« Er sagte dies nur im Scherze und Leo erwiderte in gleichem Tone lachend die Wahrheit: »Das werde ich heute Nacht thun, so Gott will.« »Dann füge es der Himmel«, versetzte der andere, »daß meine Diener gut aufpassen, damit Du nichts von meinen Sachen mit wegschleppst.« Sie trennten sich lachend.

Während alles schlief rief Leo Attalus, und nachdem die Pferde gesattelt waren, fragte er ihn, ob er einen Degen habe. »Ich habe nur eine kleine Lanze«, antwortete der junge Mann. Darauf ging Leo in das Gemach seines Herrn, nahm dessen Schild und Schwert, und als dieser fragte, wer da sei und was man wolle, antwortete er: »Es ist Leo, Dein Diener, ich wecke Attalus, damit er aufsteht und die Pferde auf die Weide bringt, denn er schläft so fest wie ein Trunkener.« »Thue, wie Du willst«, antwortete der Herr, und schlief wieder ein. Leo ging und brachte die Waffen dem jungen Manne. Die Thore des Hofes fanden sie durch eine Gnade des Himmels offen, denn man schloß sie gewöhnlich bei Eintritt der Nacht durch Nägel, die man mit dem Hammer eintrieb. Sie dankten Gott für diese Gnade, als sie hindurchritten. Sie nahmen auch die übrigen Pferde und ein Felleisen mit ihren Habseligkeiten mit, aber schon an der Mosel wurden sie von Bewaffneten angehalten, denen sie wohl oder übel ihre Sachen und Pferde überlassen mußten. Auf ihren Schildern schwimmend, erreichten sie das andere Ufer. Bei der Dunkelheit der Nacht entkamen sie in einen Wald und verbargen sich gut. Sie flohen nun immer weiter und waren schon die dritte Nacht unterwegs, ohne irgend welche Nahrung zu sich genommen zu haben, als sie Gottes Gnade einen Pflaumenbaum finden ließ, und sie sich an den reifen Früchten sättigen konnten. Etwas gestärkt gelangten sie auf die Straße, die nach der Champagne führt, aber kaum waren sie ein Stück gegangen, als sie Pferdegalopp hörten. »Verbergen wir uns, damit die Leute, welche vorbeikommen, uns nicht sehen.« Sie bemerkten ein großes Brombeergebüsch an der Wegseite und verbargen sich schnell dahinter, behielten aber den Degen in der Hand, damit sie sich im Falle einer Entdeckung verteidigen konnten. Sie glaubten zunächst, es seien Räuber. Als aber die Reiter an das Gestrüpp kamen, hörten sie deutlich den einen sagen: »Was für ein Unglück, diese Elenden reißen aus, und man findet sie nicht. Ich schwöre, wenn man sie finden sollte, laß ich den einen aufhängen und den andern in Stücke zerhauen.« Es war ihr ehemaliger Herr, der eben aus Reims zurückkam und sie suchte; sicher würde er sie unterwegs gefunden haben, wenn ihn nicht die Nacht daran verhindert hätte. Sobald die Reiter außer Sicht, setzten Leo und Attalus ihren Weg fort und erreichten Reims noch während derselben Nacht. Sie fragten bei Tagesanbruch den ersten Mann, welchen sie trafen, nach der Wohnung eines Freundes, des Priesters Paulelus, die dieser ihnen zeigte. Als sie über den Platz gingen, läuteten die Glocken zur Messe, denn es war Sonntag. Sie klopften an die Thür des Priesters, gingen hinein und Leo sagte ihm, wer sein Herr sei. »Mein Traum erfüllt sich«, sprach der Priester. »Diese Nacht sah ich, wie zwei Tauben auf meine Hand geflogen kamen. Die eine war weiß und die andere schwarz« (dies läßt vermuten, daß Leo ein Neger war). »Möge Gott uns verzeihen«, sagte der Sklave, »wenn wir seinen heiligen Tag nicht ehren (an Sonntagen aß man nur nach der Messe); aber wir bitten, uns etwas Nahrung zu geben, denn die Sonne ist schon viermal aufgegangen, seitdem wir weder Brot noch Fleisch genossen haben.« Der Priester verbarg die beiden jungen Leute, gab ihnen in Wein getauchtes Brot und ging in die Messe. Auch der Barbar kam, um nach seinen Sklaven zu forschen, mußte aber wieder abziehen; denn der Priester führte ihn irre. Diesen Freundschaftsdienst war er dem hochwürdigen Gregorius schuldig. Als die Flüchtlinge durch eine gute Mahlzeit sich wieder gekräftigt hatten, blieben sie noch zwei Tage im Hause des Priesters. Dann brachen sie auf und kamen endlich zu dem heiligen Gregorius. Der Bischof war hocherfreut, die jungen Leute zu sehen und weinte am Halse seines Neffen Attalus. Leo und seiner ganzen Familie gab er die Freiheit und schenkte ihnen ein Gut, auf welchem dieser bis an sein Ende mit seiner Frau und Kindern lebte.

Attalus wurde später Graf von Autun.

(St. Gregorius von Tour, Kirchliche Geschichte der Franken. Buch III, Kap. 15.)

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