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Aus Ketten und Banden

F. Bernard: Aus Ketten und Banden - Kapitel 38
Quellenangabe
authorF. Bernard
titleAus Ketten und Banden
publisherVerlag von Herrmann Starke
year1897
printrunErstes Tausend
translatorA. Rudolph und Richard Otto
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171226
projectidff945610
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Rufin Piotrowski.

– 1846. –

Von den Zahllosen, die die russische Regierung seit einem Jahrhundert nach Sibirien geschickt hat, kennt man nur zwei, denen es gelungen ist, aus dieser Verbannung zu entweichen und die Freiheit zu erlangen. Dies sind Beniowski, dessen Entweichung wir bereits erzählt, und Piotrowski. Aber wenn die Abenteuer des ungarischen Magnaten wie ein Roman interessant und spannend, so flößt die Geschichte des bescheidenen und unerschrockenen polnischen Freiheitskämpfer ein ganz anderes Gefühl ein. Hier ist es nicht das Staunen über eine energievolle Inscenierung, es ist das bürgerliche Trauerspiel, das Zerreißen aller Fasern des durch lange Qualen gemarterten Herzens, – eine Erzählung, die wie die Geschichte eines Märtyrers, einfach und würdevoll ist. Beniowski, General und Kriegsgefangener, wird als solcher behandelt, er bewahrt sich in der Gefangenschaft eine verhältnismäßige Freiheit und beinahe die Privilegien seines Ranges. Piotrowski, der alte Kämpfer von 1831, der ein einfacher Sendbote seiner nach Frankreich geflüchteten Landsleute gewesen war, befindet sich in Sibirien unter der großen Menge der Sträflinge der Katorga, dem Bagno, ... er muß den Befehlen eines wegen Diebstahls verurteilten Züchtlings gehorchen; und die halbwilde Bevölkerung des Landes, in das man ihn gebracht, bezeichnet mit den Namen Warnak ebenso den wegen seiner Vaterlandsliebe verbannten Polen, wie auch den gemeinsten Fälscher oder Mörder.

Rufino Piotrowski ist der Silvio Pellico Polens. Das Buch von Silvio Pellico hat den Unwillen aller civilisierten Völker gegen Österreich herausgefordert. Die Erinnerungen dieses Sibiriers sind ein furchtbares Zeugnis gegen die Kerkermeister Sibiriens.

Piotrowski, von der Pariser polnischen Kolonie nach Rußland geschickt, hatte sich 1843 in Kamienice in Podolien unter dem angenommenen Namen Catharo als. angeblich englischer Unterthan niedergelassen. Er wohnte da seit neun Monaten als Sprachlehrer, als er als Pole erkannt, festgenommen und zur Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt wurde. Er kam 1844 in seinem Verbannungsort an und wurde nach der Spiritusbrennerei Ekaterininski-Zavod (Katharina-Etablissement), 300 Kilometer nördlich von Omsk geschickt. Dort mußte er sich ein volles Jahr lang den mühseligsten und widerlichsten Arbeiten unterwerfen. Ein Wort, eine Bewegung, oder nur die schlechte Laune derer, die ihm zu befehlen hatten, konnte ihn der Prügelstrafe, der Knute, aussetzen. Aber entschlossen, lieber den Tod, als einen einzigen Schlag zu erdulden, und immer den Gedanken an Flucht vor Augen, verstand er es, sich zu beherrschen und stets folgsam und sorgsam die ihm übertragenen Arbeiten auszuführen. So brachte er es auch dahin, daß man ihn endlich in den Contoren der Brennerei beschäftigte.

›Meine Schreibstube‹ erzählt er, war der Sammelplatz vieler Reisender, die teils wegen Verkaufs ihres Korns, teils wegen Einkauf von Spirituosen nach der Brennerei kamen: Bauern, Stadtbewohner, Kaufleute; Russen und Tartaren, Juden und Kirgisen. Ich erkundigte mich mit nie ermüdender Neugier bei den durchkommenden Fremden nach allen Verhältnissen Sibiriens. Ich sprach mit Leuten, die in Berezov, in Nertschinsk oder an der Grenze Chinas, in Kamtschatka, in der kirgisischen Steppe und in Buchara gewesen waren. Ohne aus der Schreibstube zu kommen, lernte ich so ganz Sibirien aufs Genaueste kennen. Die erlangten Kenntnisse sollten mir später bei meinem Fluchtunternehmen von höchstem Wert sein ... Eine andere Erleichterung meines Schicksals war die mir vom Inspektor erteilte Erlaubnis, außerhalb der Kaserne wohnen zu dürfen. Ich konnte nun diesen schlimmen Aufenthalt unter den Sträflingen verlassen und mit zwei Landsleuten in dem Hause von Siesicki wohnen. Dieser hatte es bei seinem langen Aufenthalte in Ekaterininski-Zavod dahin gebracht, aus den angesammelten Ersparnissen von seinem geringen Verdienste sich ein kleines Holzhaus zu bauen. Das Haus war noch nicht fertig, das Dach fehlte vollständig; aber dennoch brachten wir unsere Habseligkeiten hin. Der Wind pfiff durch alle Fugen, aber da das Holz so gut wie nichts kostete, zündeten wir jeden Abend ein großes Feuer im Kamin an. Wir waren da wenigstens unter uns und von der abscheulichen Gesellschaft der Sträflinge befreit; nur die überwachenden Soldaten, die wir zu bezahlen hatten, verließen uns nicht. Wir verbrachten die langen Winternächte damit, von der teuren Heimat zu plaudern und der Vergangenheit zu gedenken, oder sogar Pläne für die Zukunft zu entwerfen. Ach, wenn dieses Haus noch steht, und wenn es einen unglücklichen verbannten Bruder enthält, so möge er erfahren, daß er nicht der erste ist, der darin weint und des fernen Vaterlandes gedenkt!

Ich war ziemlich schnell von der niedrigsten bis zur höchsten Stufe, die ein Sträfling in unserem Etablissement an den Ufern des Irtisch erreichen konnte, aufgestiegen. Bei Beginn des Jahres 1846 konnte ich mir fast einbilden, ein einfacher Lehrling oder Anfänger in einer allmächtigen Bureaukratie zu sein, die leider nur nach einem fernen Landstriche und unter ein ungastliches Klima verwiesen ist. Wie verschieden war diese Zeit doch von dem schrecklichen Winter 1844, wo ich Gräben aushob, Holz trug oder spaltete und unter einem Dache mit dem Auswurf der Menschheit lebte? Wie viele meiner Brüder seufzten in diesem Augenblick in den Bergwerken von Nertschinsk oder in den Strafkompagnien. Wie viele selbst von denen, die zu einer weniger strengen Strafe wie ich verurteilt worden waren, würden sich nicht glücklich in der mir gewordenen Lage geschätzt haben. Dennoch war ich entschlossen, mich ihr zu entziehen, selbst auf die Gefahr hin, der Knute zu verfallen oder in die geheimnisvollen Verließe von Akatnia zu kommen! Der Kaiser Nikolaus hatte 1845 einen Ukas erlassen, der die Lage der nach Sibirien Verbannten zu verschlimmern bezweckte. Kommissionen besuchten die Strafansiedlungen, um neue, aber strengere Maßregeln vorzuschlagen. Vor allem war es das zwangsweise Zusammenwohnen der Sträflinge in den Kasernen der Punkt, worin man in erster Linie der argwöhnischen Gesinnung des Zaren entgegen kommen wollte. Alles dies bestärkte mich nur, bei dem seit langer Zeit gefaßten Plane zu beharren.

Im Jahre 1845 machte ich zwei ein wenig übereilte und nicht gut überlegte Versuche, die schon zu Anfang mißglückten, ohne indeß Verdacht zu erregen. Ich hatte im Monat Juni einen kleinen Kahn bemerkt, den man oft abends an das Ufer des Irtisch zu ziehen vergaß. Ich beabsichtigte, diesen Nachen zu benutzen und mich mit dem Flusse bis Tobolsk treiben zu lassen. Aber kaum hatte ich in einer finsteren Nacht das Boot losgebunden und einige Ruderschläge gemacht, als der Mond aus den Wolken hervortrat und die Gegend mit einem sehr gefährlichen Lichte erhellte. Gleichzeitig hörte ich vom Ufer die laute Stimme des Smotritel (Inspektors), der in Gesellschaft einiger Beamten spazieren ging. Ich kehrte vorsichtig ans Land zurück.

Im folgenden Monat bemerkte ich dieselbe Barke an einem wesentlich günstigeren Orte, auf einem See, der durch einen Kanal mit dem Irtisch in Verbindung stand, und zwar an einem von unserem Etablissement ziemlich entlegenen Punkte. Ein während dieser Jahreszeit auf den Gewässern Sibiriens sehr häufig vorkommendes Naturereignis setzte aber auch diesem zweiten Versuche ein unübersteigliches Hindernis entgegen. Infolge der plötzlichen Abkühlung der Luft bei Einbruch der Nacht erheben sich oft ungeheuere Nebelsäulen, die so nahe bei einander und so dicht sind, daß es unmöglich wird, in zwei Schritt Entfernung etwas zu unterscheiden. Bei einem diesmaligen Fluchtversuche ruderte ich nun die tötlich langen, angstvollen Nachtstunden mein Boot vergeblich nach allen Richtungen: der Nebel verhinderte mich, den Kanal zu entdecken, durch den man in den Irtisch einfahren kann. Erst mit Tagesanbruch fand ich endlich die so sehr gesuchte Ausfahrt; aber es war schon zu spät und ich mußte mich glücklich schätzen, ohne bemerkt zu werden meine Wohnung wieder zu erreichen. Von da an gab ich jeden Gedanken, mich nochmals den so ungnädigen Fluten des Irtisch anzuvertrauen, auf und beschäftigte mich nur damit, meinen Fluchtplan besser und gründlicher zu überlegen und vorzubereiten.

Nach langem Nachdenken und genauer Prüfung der verschiedenen Wege, die sich mir darboten, um aus dem russischen Reich herauszukommen, entschloß ich mich, mein Heil im Norden zu suchen und über den Ural, die Steppen der Petschora und Archangel zu entweichen.

Mit großen Mühen und langsam brachte ich die für die Reise unbedingt nötigen Dinge zusammen, zu denen in erster Linie ein Paß gehörte. Es giebt für die Bewohner Sibiriens zwei Arten von Pässen; einen Paß auf kurze Zeit und für nahe Bestimmungsorte, und einen anderen, weit wichtigeren, den nur die höchste Behörde auf Stempelpapier ausstellt, den Plakatny. Es gelang mir, von jedem einen anzufertigen. Ebenso verschaffte ich mir die zu meiner Verkleidung nötigen Kleider. Äußerlich und innerlich arbeitete ich währenddem daran, mich in einen Eingeborenen, einen Sibirier ( Sibirsko Schelovick), wie man in Rußland sagt, umzuwandeln. Bald nach meiner Abreise von Kiow hatte ich absichtlich meinen Bart wachsen lassen, der von einer respektablen Länge und ganz orthodox russisch wurde. Nach vielen Bemühungen kam ich auch in den Besitz einer sibirischen Perrücke. Ich war überzeugt, mich nunmehr beinah unkenntlich zu machen. Es blieb mir noch der Betrag von 180 Papierrubel (160 Mark), gewiß eine sehr bescheidene Summe für meine lange Reise, und diese sollte noch durch ein unangenehmes Vorkommnis bedeutend vermindert werden.

Ich täuschte mich durchaus nicht über die Schwierigkeit meines Unternehmens und die Gefahren, denen ich mich auf jeden Schritt aussetzte. Es hielt mich aber etwas aufrecht, das zwar meine Lage verschlimmerte, aber doch mein Gewissen beruhigte: ich hatte mir geschworen, niemanden früher mein Geheimnis zu entdecken, als bis ich in ein freies Land gekommen; weder Hilfe noch Schutz und Rat von einer menschlichen Seele zu verlangen, so lange ich nicht aus dem Gebiet des Zaren heraus sei und lieber auf meine Freiheit zu verzichten, als für meines Gleichen ein Gegenstand der Gefahr zu werden. Während meines Aufenthaltes in Kamienic hatte ich mehr als einen meiner armen Landsleute in mein trauriges Schicksal verwickelt, aber damals glaubte ich einen Auftrag von allgemeinem Interesse zu erfüllen. Jetzt handelte es sich nur um mein persönliches Schicksal, und ich durfte mich nur auf mich selbst verlassen. Gott hat die Gnade gehabt, mich bis zu Ende bei diesem Entschlusse zu erhalten, und vielleicht ist es in Anbetracht dieses zu Anfang geleisteten Gelübdes, daß er seinen schützenden Arm über mich gehalten.

In den letzten Januartagen 1846 waren meine Vorbereitungen beendet, und der Zeitpunkt schien mir um so günstiger, als bald die große Messe in Irbite, am Fuße des Urals, eine der großen Messen im östlichen Rußland, stattfinden sollte.

Ich hoffte mich inmitten dieser Völkerwanderung zu verlieren und beeilte mich, diesen Umstand zu benutzen.

Am 8. Februar machte ich mich auf den Weg. Ich trug drei Hemden, worunter ein farbiges, und eine dunkelgraue Tuchhose. Darüber hatte ich einen kleinen Burnus von Hammelfell, der gut mit Talg bestrichen war und mir bis an die Knie reichte. Große starkgeteerte Aufschlagstiefel vervollständigten meinen Anzug. Ein weiß-rot-schwarz gestreifter wollener Gürtel umgab meine Lenden. Auf meiner Perrücke saß eine rot-sammtne, mit Pelz besetzte runde Kappe, wie sie die Geschäftsreisenden und die wohlhabenden sibirischen Bauern an Festtagen tragen. Außerdem war ich in einen großen, langen Pelz eingehüllt, dessen Kragen in die Höhe geschlagen war und durch ein darum gebundenes Taschentuch gehalten wurde; dadurch schützte ich mich nicht nur vor der Kälte, sondern verbarg auch mein Gesicht. In einem Sacke, den ich in der Hand trug, hatte ich ein zweites Paar Stiefel, ein viertes Hemd, eine blaue Sommerhose, wie sie im Lande getragen werden, Brot und gedörrten Fisch. Im Schaft des rechten Stiefels hatte ich einen großen Dolch verborgen. Unter der Weste trug ich mein Geld in Scheinen von fünf und zehn Rubel. Die Hände wurden durch große Pelzhandschuhe – mit den Haaren nach außen – geschützt, und in meiner Rechten hielt ich einen festen, knorrigen Stock.

So ausgerüstet, verließ ich am Abend die Ansiedlung Ekaterininski-Zavod auf einem Fußpfade. Es fror stark und der Reif in der Luft glitzerte im Mondscheine. Bald hatte ich meinen Rubikon, den Irtisch, überschritten. Ich lief so schnell über die Eisdecke hinweg, wie es das Gewicht meiner schweren Kleidung zuließ und schlug den Weg nach Tara, einem 12 Kilometer entfernten Orte, ein. Die Winternächte sind in Sibirien sehr lang, und ich fragte mich, wie weit ich wohl bis zum Tagesanbruch und dem Bekanntwerden meiner Flucht kommen dürfte.

Kaum war ich über den Irtisch, als ich hinter mir einen Schlitten kommen hörte. Ich zitterte, aber ich entschloß mich, den nächtlichen Reisenden abzuwarten, und es zeigte sich, wie es mir mehr wie einmal bei meiner gefährlichen Fußwanderung vorgekommen ist, daß das, was ich als Gefahr befürchtete, mir ein unerwartetes Rettungsmittel bot. ›Wo willst Du hin?‹ fragte mich der im Schlitten sitzende Bauer und hielt an. ›Nach Tara.‹ ›Und wo kommst Du her?‹ ›Aus Zalivina.‹ ›Gieb mir sechzig Kopeken, dann bringe ich Dich nach Tara, wohin ich selbst fahre.‹ ›Nein, das ist zu teuer; fünfzig Kopeken, wenn Du willst.‹ ›Gut, meinetwegen ..., steige schnell auf.‹

Ich setzte mich neben ihm, und wir fuhren im Galopp weiter. Schon in einer halben Stunde waren wir in Tara. Sobald ich mich allein sah, ging ich an das Fenster des ersten besten Hauses und frug laut nach russischer Gepflogenheit: ›Giebt es Pferde?‹ ›Wohin?‹ ›Nach der Messe von Irbite.‹ ›Ja, es sind welche da.‹ ›Ein Gespann?‹ ›Ja, ein Gespann!‹ ›Wie viel die Werst?‹ ›Acht Kopeken.‹ ›Ich gebe nicht mehr wie sechs.‹ ›Meinetwegen! Ich komme gleich.‹ Nach einigen Minuten waren Pferde und Schlitten zur Stelle. ›Und wo sind Sie her?‹ fragte mich der Besitzer. ›Aus Tomsk ..., ich bin der Gehilfe von ...; mein Herr ist mir nach Irbite voraus. Ich hatte noch einige kleine Geschäftchen zu besorgen und bin sehr verspätet, ich fürchte, der Herr wird sehr böse sein. Wenn Du schnell fährst, Väterchen, will ich Dir ein gutes Trinkgeld geben!‹ Der Bauer pfiff und die Pferde sausten wie Pfeile davon. Schon ein gut Stück fort, umzog sich der Himmel und es fiel dichter Schnee. Der Bauer verlor plötzlich die Richtung und konnte sich nicht mehr zurecht finden. Nach langem Umherirren mußten wir anhalten und die Nacht in einem Walde verbringen. Ich stellte mich sehr aufgebracht und mein Fuhrmann bat mich demütig um Verzeihung.

Ich will nicht versuchen, die schreckliche Angst dieser Nacht auf einem Schlitten während eines Schneesturmes und in einer Entfernung von kaum vier Meilen von Ekaterinski-Zavod zu beschreiben. Jeden Augenblick glaubte ich das Klingeln der zu meiner Verfolgung ausgesandten Kibitkas zu hören. Endlich begann es Tag zu werden.

›Fahren wir wieder nach Tara zurück‹, sage ich scheinbar wütend zu dem Bauer, ›ich nehme dort einen andern Schlitten und Du Schafskopf bekommst natürlich nichts, – im Gegenteil, ich übergebe Dich der Polizei, weil Du mich die Zeit hast versäumen lassen.‹ Der Bauer machte sich nun ganz bestürzt auf den Weg nach Tara zu, aber kaum sind wir eine Werst gefahren, so hält er an, sieht sich nach allen Seiten um, zeigt auf eine schwache Wegspur unter den Schneemassen und ruft: ›Da ist der Weg, den wir hätten fahren sollen.‹ ›Nun, dann schnell darauf los, ... in Gottes Namen!‹ rufe ich aus. Der Bauer that sein Möglichstes, um die verlorene Zeit einzuholen. Da ging mir ein entsetzlicher Gedanke durchs Hirn. Mir fiel unser unglücklicher Oberst Wysocki ein, der wie ich während seiner Flucht eine ganze Nacht im Walde aufgehalten worden war und den sein Fuhrmann dann den Gendarmen ausgeliefert hatte. Meine Angst war aber unnötig. Der Bauer brachte mich bald in das nächste Dorf zu einem Bekannten, der mir mit Thee aufwartete und für die Weiterreise zu gleichem Preise Pferde lieferte. So kam ich glücklich weiter und erhielt stets zu mäßigen Preisen neue Pferde. Als ich am Abend in das Dorf Soldatskaia kam, hatte ich kein kleines Geld, um den Fuhrmann zu bezahlen. Um zu wechseln, gehe ich in ein Wirtshaus, in dem sich viele betrunkene Kerle im Zimmer herumtrieben. Ich hatte unter meiner Weste einige Scheine hervorgezogen und wollte sie eben dem Wirte zum Wechseln geben, als die Leute entweder zufällig oder absichtlich auf mich los drängen und von dem Tische wegstoßen, auf dem die Scheine lagen und – eine geschickte Hand hatte sie im Nu verschwinden lassen. Alles Schreien und Klagen half mir nichts, ich konnte den Dieb nicht entdecken, noch ernstlich daran denken, die Polizei zu rufen, und mußte mich deshalb in meinen Verlust ergeben. Ich wurde so um 45 Rubel Papier gebracht, aber was mein Bedauern, meinen Schreck sehr schmerzlich vermehrte, war, daß sich der Dieb gleichzeitig auch zweier Papiere von unschätzbarem Werte bemächtigt hatte: einen kleinen Zettel, worauf ich die Namen der Städte und Dörfer, die ich bis Archangel berühren mußte, geschrieben hatte, und – meinen großen Paß auf Stempelpapier, dessen Anfertigung mir so viel Mühe gekostet. Am Beginne und gleich am ersten Tage meiner Flucht hatte ich fast den vierten Teil meiner bescheidenen Ersparnisse verloren, die Notizen, die mich leiten sollten, und den Plakatny, das einzige Dokument, welches den ersten Verdacht eines Neugierigen abwehren konnte. Ich war verzweifelt ...«

Dennoch mußte er seine Reise fortsetzen. Jeder Schritt vorwärts brachte den Flüchtling der Freiheit näher, und ob er schließlich einige Werst von seinem Verbannungsorte oder an der russischen Grenze festgenommen wurde, blieb sich gleich. Unter der zahllosen Menge von Fuhrwerken, die die Straße nach Irbite bedeckten, kam er am dritten Tage seiner Flucht glücklich am Thore dieser Stadt an. Dank der außerordentlichen Geschwindigkeit der Schlitten hatte er seit dem Verlassen von Ekaterinski-Zavod eine Strecke von 1000 Kilometer durcheilt!

›Halt! Zeigen Sie den Paß vor!‹ rief der Posten am Thore. Glücklicherweise fügte er aber sofort leise hinzu: ›Geben Sie mir zwanzig Kopeken und fahren Sie durch.‹ Er genügte nur zu gern der derart ermäßigten gesetzlichen Vorschrift.

Am nächsten Morgen schon verließ Piotrowski die Stadt wieder. Da der Diebstahl aber seine Reisekasse auf 75 Rubel reduziert hatte, so konnte er nur noch zu Fuß weiter reisen.

»Hinter Irbite begann es so dicht zu schneien, daß man kaum sehen konnte. Das Gehen durch diese sich mit jedem Schritt anhäufenden Schneemassen war sehr ermüdend; erst gegen Mittag klärte sich der Himmel auf. Ich vermied die Dörfer, und wenn ich dennoch durch eins gehen mußte, ging ich ganz gerade durch, als wenn ich aus der Nachbarschaft sei und keine Auskunft brauchte. Ich wagte es höchstens, am letzten Hause eines Dorfes bisweilen einige Fragen zu stellen, wenn ich ernste Zweifel über die einzuschlagende Richtung hatte. Sobald ich hungerte, zog ich aus meinem Sacke ein Stück gefrorenes Brot; um den Durst zu löschen, suchte ich die Löcher auf, welche die Bauern, um ihr Vieh zu tränken, in das Eis der Flüsse und Teiche hacken; bisweilen begnügte ich mich auch, Schnee in den Mund zu nehmen. Der erste Tag meines Marsches von Irbite aus war sehr beschwerlich, und am Abend war ich gänzlich erschöpft. Meine schweren Kleider vermehrten die Anstrengung des Marsches, dennoch wagte ich es nicht, sie abzulegen. Bei Anbruch der Nacht ging ich tief in den Wald hinein, um mir ein Lager zu bereiten. Ich kannte das Verfahren, welches die Ostjaken anwenden, um sich während des Schlafes in ihren Eiswüsten zu schützen. Sie graben einfach ein tiefes Loch in eine Schneemasse und finden da eine allerdings unbequeme, aber vollkommen warme Lagerstätte. Das machte ich auch, und bald schlief ich nur zu fest.«

Am nächsten Tage verläuft er sich, und nachdem er fast den ganzen Tag umher geirrt ist, kommt er am Abend auf eine Straße, glücklicherweise die richtige. In einem kleinen Hause in der Nähe eines Dorfes bittet er um Obdach, was ihm auch gewährt wird. Er giebt sich für einen Arbeiter aus, der Beschäftigung in den Schmelzhütten von Bohotole im Ural sucht, und spielt seine Rolle so gut wie möglich. Man findet ihn aber für einen Arbeiter zu gut mit Wäsche versehen, und kaum ist er eingeschlafen, so wird er von den mißtrauischen Bauern wieder geweckt, die seinen Paß zu sehen verlangen. Er hilft sich kühn und zeigt ihnen den ihm allein verbliebenen Passierschein. Glücklicherweise genügte dieser Bauernpolizei der Anblick des Siegels. Sie entschuldigten sich und sagten, sie hätten ihn für einen entwichenen Sträfling gehalten.

»Der Rest der Nacht verging ruhig, und am nächsten Tage verabschiedete ich mich von den Leuten, deren Gastfreundschaft mir hätte verhängnisvoll werden können. Dieser Vorfall brachte mich auch leider zu der traurigen Überzeugung, daß ich nicht mehr auf menschlichen Schutz während der Nacht rechnen durfte, ohne mich ernster Gefahr auszusetzen, und daß das ostjakische Lager vorläufig meine alleinige Ruhestätte bleiben mußte. Und ich mußte mich thatsächlich damit während meines ganzen Überganges über den Ural, also von Mitte Februar bis Anfang April, begnügen! Drei oder vier Male wagte ich es, in abgelegenen Hütten um Unterkunft zu bitten, wenn ich durch ein paar im Walde verbrachte Wochen zu erschöpft war und kaum mehr genug Bewußtsein hatte, um zu wissen, was ich that. Alle anderen Nächte grub ich mich wie ein Hamster in einen Bau ein. Das Entbehren eines menschlichen Obdachs und warmer Nahrung, ja oft während ganzer Tage selbst – des gefrorenen Brotes, meiner alleinigen Nahrung, ließen mich die schrecklichen Gespenster Hunger und Kälte, welche Namen man so oft leichtfertig und ohne Anlaß nennt, in ihrer schrecklichen, nackten Wirklichkeit kennen lernen. In solchen Augenblicken fürchtete ich besonders die Schlafsuchtsanfälle, die mich plötzlich überfielen. Sie waren deutliche Boten des Todes, gegen den ich mit den wenigen mir noch gebliebenen Kräften ankämpfte. Das stärkste Bedürfnis war übrigens das nach warmer Nahrung, und ich widerstand nur schwer der Versuchung, in irgend eine Hütte zu gehen, um etwas Suppe von sibirischen Rüben zu erbitten.«

Dieser Bauernpolizei genügte der Anblick des Siegels. (Piotrowski.)

Nachdem er so langsam die Höhen des Ural erstiegen, überschritt er in einer schönen Nacht die Paßhöhe, aber seine Leiden waren auf der westlichen Seite dieselben. Eines Abends verirrte er sich während eines fürchterlichen Schneesturmes und verbrachte, vom Hunger gequält, eine schreckliche Nacht. Sobald es Tag wurde, versuchte er sich zu orientieren, fiel aber an einem Baume nieder. Schon fing der Schlaf, der Todesbote, an, ihn zu übermannen, als er von einem den Wald passierenden promychlenik (Trapper, Fallensteller) gefunden und gerettet wurde. Der wackere Mann gab ihm ein wenig Branntwein und einige Bissen Brot, flößte ihm Mut ein und führte ihn in die Nähe einer Schutzhütte ( izbutcha), dann verschwand er im Walde.

»Als ich die izbutcha erblickte, überstieg meine Freude jede Beschreibung. Ich würde hineingegangen sein, selbst wenn ich gewußt hätte, daß mich die Gendarmen dort erwarteten, um mich festzunehmen. Ich kam bis an die Thür, aber sobald ich die Schwelle überschritten hatte, konnte ich mich nicht mehr aufrecht erhalten und fiel unter eine Bank.«

Nach einigen Minuten vollständiger Besinnungslosigkeit kam er wieder zu sich, und ohne die Speise berühren zu können, die sein Wirt ihm anbot, schlief er ein. Vierundzwanzig Stunden lang blieb er in tiefem Schlaf versunken. Der gute Wirt pflegte ihn treulich und wurde noch mitleidiger, als er erfuhr, daß der Reisende ein Pilger sei, der sich zur heiligen Insel am weißen Meer begebe. Dies war der Stand, den der Flüchtling damals annahm; er war ein bahomolet (ein Gottesanbeter) geworden, der die heiligen Bilder des Kloster Solovetsk bei Archangel anbeten wollte. Durch die Achtung und Teilnahme geschützt, welche dieser Titel bei den russischen Bauern erweckt, kam Piotrowski endlich nach noch vielen Beschwerden und Mühseligkeiten nach Weliky-Ustjug und wurde da von seinen Mitbrüdern, den Bahomoleten, gut aufgenommen. Diese waren in großer Anzahl in dieser Stadt versammelt, um das Auftauen des Eises abzuwarten und sich auf der Dwina nach Archangel einzuschiffen. Nach einmonatlichem Aufenthalt in ihrer Mitte, als sein Ruf als guter Pilger durch die Pünktlichkeit, mit der er alle seine Pflichten erfüllte, begründet war, schiffte er sich auf einem der zahlreichen Boote, die zu ihrer Beförderung bereit lagen, ein, und verdang sich als Ruderer zu dem üblichen Preis von fünfzehn Rubel Papier für die Reise. Das war gerade die Summe, die er seit dem Weggange von Irbite für seinen Unterhalt verbraucht hatte. Ungefähr vierzehn Tage darauf kam er in Archangel an. Diese Stadt war das Ziel seiner Sehnsucht, denn er hoffte, daß er in diesem Hafen, den Schiffe aller Nationen besuchen, eins finden würde, welches ihm Zuflucht gewähren und nach Frankreich oder England bringen könne.

Ohne die religiösen Pflichten zu vernachlässigen, die sein Stand als Pilger ihm auferlegte, und ohne die nötigen Vorsichtsmaßregeln außer Acht zu lassen, deren Vergessen ihn verderben konnte, suchte er vergeblich während zweier Tage das rettende Schiff. Auf Deck jedes Fahrzeuges war Tag und Nacht eine russische Wache, und am Hafendamm war eine Kette von Posten, die von jedem, der ihn überschritt, Vorzeigung der Papiere und Erklärungen verlangten, die der Flüchtling aus der Katorga sich nicht abverlangen lassen konnte. Als er so, tief entmutigt, auf seine schönen Hoffnungen verzichten mußte, machte er sich auf den Weg nach Onega, wie ein Pilger, der nach Besuch der heiligen Bilder von Solovetsk sich nach Kiew begiebt, um das heilige Skelett zu verehren. Nach mancherlei mehr oder weniger angenehmen Erlebnissen kam er nach Wytegra. Am Hafen spricht ihn ein Bauer an und fragt, wohin er will, und auf seine Antwort schlägt er ihm vor, in seinem Boote mit nach Petersburg zu fahren. Er verdingt sich ihm als Ruderer und hat während der Fahrt Gelegenheit, einer armen, alten Bäuerin, die mit nach Petersburg fährt, einige Gefälligkeiten zu erweisen. Als man im Hafen ankommt, ist der unglückliche Flüchtling in großer Verlegenheit, wie er die Polizei beim Ausschiffen vermeiden kann und wo er wohnen soll. Da sagt die gute Frau, seine Schutzbefohlene, plötzlich zu ihm: ›Bleiben Sie bei mir, ich habe meine Tochter benachrichtigt, die mich abholen wird und die Ihnen eine gute Unterkunft angeben wird.‹ Er stieg ans Land, nahm den Koffer der Bäuerin auf die Schulter und ging mit ihr in dieselbe Herberge. Nun blieb noch die Frage des Passes und der Polizei übrig, er fürchtete, daß die Wirtin in diesem Punkte streng sein werde; aber als er sie wegen der zu erfüllenden Formalitäten fragte, sagte sie, wegen zwei oder drei Tage Aufenthalt brauche er nicht auf die Polizei zu gehen. Über diesen Punkt beruhigt, geht er am nächsten Tage längs des Hafendammes spazieren und liest verstohlen – denn ein echter russischer Bauer darf nicht lesen können – die Anzeigen, die an den verschiedenen Dampfbooten aushängen, um ihre Abfahrt anzuzeigen.

»Plötzlich fielen meine Augen auf eine Anzeige, die in großen Buchstaben, nahe beim Maste eines Dampfbootes, angebracht war. Dieses Schiff ging am nächsten Tage nach Riga. Auf dem Verdeck sah ich einen Mann, der nach russischer Gewohnheit ein rotes Hemd über den Hosen trug, auf und ab gehen. Ich wagte aber nicht, ihn anzurufen, und beschränkte mich darauf, ihn nicht aus den Augen zu lassen. Es war 7 Uhr abends und die Sonne im Untergehen, als der Mann mit dem roten Hemd den Kopf erhob und mich anredete: ›Willst Du zufällig nach Riga fahren, dann komm und nimm hier einen Platz.‹ ›Gewiß will ich nach Riga, aber wie soll ich armer Mann mit dem Dampfer fahren? Das wird teuer sein, das ist nichts für uns.‹ ›Warum denn nicht? Komm nur! Von einem Moujik wie Du nimmt man nicht viel.‹ ›Und wieviel?‹ Er sagte mir einen Preis, dessen ich mich nicht mehr recht erinnere, aber der mich wegen seiner Billigkeit erstaunen machte. ›Nun paßt Dir's? Worauf wartest Du noch?‹ ›Ich bin heute erst angekommen und die Polizei muß meinen Paß visieren.‹ ›Nun, da wirst Du drei Tage brauchen mit Deiner Polizei und das Schiff geht morgen.‹ ›Ja, aber ... was soll ich denn machen?‹ ›Nun zum Henker, mitfahren ohne ihn visieren zu lassen.‹ ›Was! Und wenn mir ein Unglück geschieht?‹ ›Schafskopf! Mir will ein Moujik lernen, was zu thun ist! Hast Du Deinen Paß bei Dir? Zeige ihn!‹ Ich zog aus meiner Tasche meinen sorgfältig nach Art der russischen Bauern in ein Taschentuch gehüllten Passierschein hervor; aber er sparte sich die Mühe ihn anzusehen und sagte nur: ›Komm morgen früh um 7 Uhr, und wenn Du mich nicht findest, so warte. Und jetzt mache, daß Du fortkommst!‹ –

Ich ging ganz vergnügt nach Hause und war am nächsten Tage pünktlich zur Stelle. Die Maschine hatte schon Dampf auf. Mein Mann sah mich bald und sagte nur: ›Gieb mir das Geld!‹ Er entfernte sich und brachte mir dann einen gelben Schein. Ich stellte mich natürlich, als begriffe ich dessen Bedeutung nicht, was mir eine weitere Höflichkeit einbrachte. ›Sei still, Bauer, und laß mich nur machen!‹ Die Glocke läutete dreimal. Die Passagiere drängten sich heran, und ein derber Stoß meines Mannes stieß mich zwischen sie, so daß ich der Hafenpolizei aus den Augen war. Nach einigen Minuten war der Dampfer in voller Fahrt, ... ich glaubte zu träumen.«

Von Riga aus erreichte Piotrowski dann zu Fuß ohne Schwierigkeiten die Grenze. Er hatte seinen Anzug etwas verändert, trug aber immer noch die charakteristische Kleidung der Russen, den kurzen Burnus (armjak) von Hammelfell. Er gab sich für einen Händler mit Schweinsborsten aus, was ihm gestattete, unterwegs die nötigen Erkundigungen einzuziehen, sowohl über den Weg als auch über die Schwierigkeiten beim Übergange nach Preußen. Es gelang ihm, am hellen Tage die Grenze zu überschreiten. Man sandte ihm wohl einige Flintenschüsse nach, die ihn aber nicht mehr erreichten. Er flüchtete sich in einen benachbarten Wald, schnitt sich da seinen Bart ab und zog seinen Burnus aus. Nach weiterer Fußwanderung kam er ohne Hindernisse endlich nach Königsberg. Aber da, gerade als er sich vollkommen sicher glaubte, wäre er beinahe für immer verloren gewesen. Er wollte auf einem Dampfer nach Elbing fahren, und setzte sich gegen Abend in die Nähe eines eingefallenen Hauses auf einen Steinhaufen; er beabsichtigte von da bei Dunkelwerden fortzugehen und sich in ein Getreidefeld bis zur Abfahrt des Dampfers schlafen zu legen. Von den vielen Anstrengungen erschöpft, schlief er ein, und wurde von einem Nachtwächter geweckt. Dieser war mit seinen Antworten nicht zufrieden, nahm ihn fest und brachte ihn zur nächsten Wache. Auf der Polizei gab er an, Franzose und Handarbeiter zu sein und seinen Paß verloren zu haben. Darauf steckte man ihn ins Gefängnis.

Einen Monat nachher wurde er wieder auf die Polizei geführt. Man bewies ihm da die Unrichtigkeit seiner Angaben und ließ ihn deutlich merken, daß man ihn sehr schwerer Verbrechen für schuldig halte. Der Verstellung müde und aufgebracht darüber, daß man ihn für einen Verbrecher hielt, erklärte er, wer er sei. Zwischen Preußen und Rußland war nun kurz vorher ein Vertrag geschlossen worden, wodurch beide Staaten sich verpflichteten, gegenseitig ihre Flüchtlinge auszuliefern. Als die preußischen Beamten nun Piotrowski's Erklärung hörten, waren sie sehr bestürzt, und es schien ihnen unmöglich, den Vertrag zu umgehen. Mittlerweile verwandten sich, da seine Geschichte bekannt geworden war, mehrere der angesehensten Einwohner Königbergs und hochgestellte Persönlichkeiten für ihn; die Behörde selbst verlangte augenscheinlich nur, daß man einen Druck auf sie ausübe. Wirklich wurde Piotrowski bald darauf benachrichtigt, daß zwar ein aus Berlin eingetroffener Befehl anordne, ihn den Russen auszuliefern, aber man wolle ihm Zeit lassen, auf seine Gefahr zu entfliehen. Er erhielt Unterstützung von edelmütigen Freunden und war am nächsten Tage schon nach Danzig unterwegs.

»Ich hatte«, erzählt er, »selbst noch Briefe für verschiedene Personen in den deutschen Städten, wo ich durchkommen mußte, und überall war man eifrig bemüht, mir meine Reise zu erleichtern. Dank der Hilfe, die mir nirgends gefehlt hat, kam ich schnell durch ganz Deutschland, und am 22. September 1846 befand ich mich wieder in demselben Paris, das ich vier Jahre vorher verlassen hatte.«

(Rufin Piotrowski – Erinnerungen eines Sibiriers)

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