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Aus Ketten und Banden

F. Bernard: Aus Ketten und Banden - Kapitel 36
Quellenangabe
authorF. Bernard
titleAus Ketten und Banden
publisherVerlag von Herrmann Starke
year1897
printrunErstes Tausend
translatorA. Rudolph und Richard Otto
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171226
projectidff945610
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Lavalette.

– 1815. –

Der Graf von Lavalette, am 18. Juli 1815 festgenommen und in der Conciergerie eingekerkert, wurde seines thätigen Anteils an der Rückkehr Napoleons von Elba wegen zum Tode verurteilt. Vergeblich hatte seine Frau Ludwig XVIII. zu erweichen gesucht, aber dieser wollte nicht auf seine Rache verzichten; vergeblich hatte sie gehofft, daß die Herzogin von Angoulême dem Mitleid zugänglicher wäre, auch hier war sie schroff abgewiesen worden.

Die Stunden von Lavalette waren gezählt: durch seinen Wärter hatte er erfahren, daß seine Hinrichtung Donnerstag früh stattfinden solle, und man war am Dienstag Abend.

»Meine Frau kam an diesem Dienstag, so erzählt er selbst, um sechs Uhr, um mit mir zu sprechen. Als wir allein waren, sagte sie schluchzend: ›Es scheint nur zu gewiß, daß wir nichts mehr zu hoffen haben; wir müssen deshalb zur List greifen, und ich schlage Ihnen folgendes vor. Sie entweichen morgen Abend um acht Uhr, von meiner Kousine begleitet, in meinen Kleidern und steigen in meine vor dem Gefängnis stehende Sänfte. Diese bringt sie nach der Straße St. Pères, wo Sie ein geschlossener Wagen erwartet und Sie nach einem vorbereiteten Versteck fährt. In diesem warten Sie so lange, bis Sie ohne Gefahr aus Frankreich fort können.‹

Dieser Plan schien Lavalette anfangs unausführbar. Seine Frau bestand aber so energisch darauf, daß er endlich einwilligte.

Er warf nur ein, daß der Wagen zu weit entfernt warte und er ihn nicht zeitig genug erreichen könne. Man könnte seine Flucht vorher entdecken und ihn wieder einfangen. Sie kamen deshalb überein, den Plan etwas zu ändern.

Der folgende Tag verging in fingierten, herzzerreißenden Abschiedsszenen.

»Um fünf Uhr abends kam meine Frau nochmals, zu meinem großen Erstaunen und größter Freude von Josephine, unserer Tochter, begleitet. ›Ich halte es für besser‹, – sagte Frau Lavalette, ›unser Kind zur Begleitung zu nehmen: sie wird meine Ideen gehorsamer ausführen.‹ Sie trug ein mit Pelz gefüttertes Marinokleid und führte in ihrem Beutel ein solches von schwarzem Taffet. ›Mehr ist nicht nötig, um Sie vollständig zu verkleiden. Genau um sieben müssen Sie angekleidet sein; alles ist hinreichend vorbereitet. Sie geben dann Josephine den Arm. Achten Sie darauf, langsam zu gehen, und bevor Sie durch das große Kanzleizimmer kommen, ziehen Sie meine Handschuhe an und halten Sie das Taschentuch vor das Gesicht. Ich wollte erst einen Schleier mitbringen, aber unglücklicherweise habe ich bei meinem Hiersein nie einen getragen, deshalb könnte er jetzt auffallen. Geben Sie wohl acht, wenn Sie durch die Thüren gehen; diese sind so niedrig, daß Sie leicht mit den Blumen des Hutes hängen bleiben; geschieht dies, so wäre alles verloren!‹

Dann gab meine Frau Josephinen die nötigen Anweisungen, und als sie eben damit zu Ende, kam Herr de Saint-Rose, ein guter Freund, um Abschied von mir zu nehmen. Man mußte ihn natürlich schnell fortschicken und that dies mit der Begründung, daß wir Gatten gern noch allein sein wollten.

Später brachte man das Diner. Dieses Mahl, das das letzte meines Lebens sein sollte, verlief langsam und kläglich; die Bissen blieben mir in der Kehle stecken und wir wechselten kein Wort. Als es dreiviertel sieben schlug, klingelte meine Frau und Bonneville, mein Kammerdiener, trat ein. Sie sagte ihm einige Worte ins Ohr und fügte sehr laut hinzu: ›Sorgen Sie, daß die Träger bereit sind, ich will fort ... Nun‹, wandte sie sich zu mir, ›muß ich Sie ankleiden.«

Hinter einem Wandschirme in meinem Zimmer kleidete sie mich mit Geschicklichkeit und Schnelligkeit um und wiederholte dabei: ›Vergessen Sie nicht den Kopf zu beugen, wenn Sie durch die Thüren gehen! Gehen Sie durch das Kanzleizimmer langsam wie eine von Kummer niedergedrückte Person! ... ‹ In wenigen Minuten war die Toilette fertig. Ich empfahl meiner Gattin noch: ›Wenn der Schließer gegen Abend kommt, vergessen Sie nicht hinter dem Schirm zu bleiben und ein wenig Geräusch zu machen; er glaubt dann, daß ich hinten bin.‹

So für alles verständigt, klingelten wir; sofort hörte man den Schließer kommen und meine Frau ging hinter den Schirm. Die Thür ging auf. Ich ging zuerst hinaus, gebeugt und leis schluchzend, meine Tochter folgte und Frau Dutoit (eine alte Amme von Madame Lavalette) schloß den Zug. Durch den Gang kamen wir durch zwei Thüren in die Kanzlei, wo ich mich plötzlich fünf herumstehenden Gefangnenwärtern gegenüber befand. Ich hielt mein Taschentuch vor die Augen und senkte, so angängig wie möglich, den Kopf; meine Tochter war an meiner linken Seite. Aus der Kanzlei heraus, kommt der Hausmeister die Treppe herab, legt seine Hand ehrerbietig auf meinen Arm und sagt: ›Sie gehen heute früh weg, Frau Gräfin.‹ Er schien selbst sehr bewegt und dachte ohne Zweifel, daß die »Frau Gräfin« ihrem Manne ein ewiges Lebewohl gesagt habe. Endlich kam ich an das Ende des Ausgangskorridors. Tag und Nacht sitzt dort in einem ziemlich engen Raume auf einem großen Lehnstuhl ein Pförtner, der gleichzeitig zwei Thüren zu schließen hat, eine eiserne Gitterthür nach innen und das sogenannte Pförtchen nach außen. Der Schließer saß apathisch da und öffnete nicht; ich streckte meine rechte Hand durch das Gitter, um ihn an meine Gegenwart zu erinnern: er drehte seine beiden Schlüssel und – wir waren draußen im Hofe, in dem sich das Wachtlokal der Gendarmen befindet. Einige zwanzig Soldaten und der Offizier hatten sich drei Schritt von uns aufgestellt, um Madame de Lavalette vorbeikommen zu sehen. Ich trat langsam in meine Sänfte, die ein paar Schritt vor der Wache stand und war zunächst geborgen. Aber kein Träger, kein Diener kam. Meine Tochter und die alte Amme stellten sich neben die Sänfte. Zehn Schritte davon war ein Posten, der seine Augen nicht von mir ließ. Auf meine erste Befangenheit folgte jetzt eine lebhafte Erregung. Meine Blicke waren auf das Gewehr des Postens gerichtet, wie die einer Schlange auf ihre Beute. Ich fühlte sozusagen diese Flinte in meinen geballten Händen. Bei der ersten Bewegung, beim ersten Lärm einer Entdeckung würde ich mich sofort auf diese Waffe gestürzt haben ... Diese schreckliche Lage dauerte ungefähr zwei Minuten, aber mir schien sie lang wie eine schlaflose Nacht. Endlich höre ich die Stimme meines Kammerdieners leise: ›Einer von den Trägern war fortgelaufen, aber ich habe jetzt einen andern.‹ Die Sänfte wurde nun anstandslos aufgehoben und man brachte mich zum Ausgange hinaus und durch einige Straßen.

Endlich setzte man die Sänfte ab, mein Freund Baudus öffnete die Thür, bot mir den Arm und sagte ganz laut: ›Sie wissen, Madame, daß Sie dem Präsidenten einen Besuch machen müssen.‹ Ich trete heraus, und er zeigt mir mit dem Finger ein Cabriolet, welches einige Schritte davon in einer engen Straße hielt. Ich steige schnell ein, und ein Ruck an den Zügeln läßt das Pferd in schnellem Trabe davoneilen. Josephine blieb zurück, Gott um Gelingen meiner Flucht anflehend. Wir durchjagten kreuz und quer einige Straßen, wobei ich mit Staunen in dem Kutscher den Grafen von Chassenon erkenne.

Wir befanden uns fünf Wärtern gegenüber. (Lavalette.)

›Was, – Sie sind es?‹ rufe ich ihm zu. ›Jawohl‹, versetzt er, ›und hinter sich haben Sie vier gut geladene Doppelpistolen, ich hoffe, daß Sie dieselben benützen.‹ Während der Fahrt hatte ich mein Frauenkostüm abgeworfen, einen Bedientenmantel umgehängt und einen runden gallonierten Hut aufgesetzt. In einer der Straßen der Vorstadt St. Germain hielten wir endlich, ich verabschiedete mich von Chassenon und folgte Herrn Baudus.

Es war acht Uhr. Der Regen floß in Strömen, die Nacht war finster und in diesem Teile der Vorstadt Saint-Germain herrschte vollkommene Stille. Das Gehen wurde mir schwer, und ich hatte Mühe, dem voranschreitenden Baudus zu folgen. Wir begegneten berittenen, galoppierenden Gendarmen, die wahrscheinlich schon nach mir suchten.

Endlich nach einer Stunde Gehens blieb Herr Baudus in der Grenelle-Straße stehen und sagte leise: ›Ich werde jetzt gleich in eines der Palais um die Ecke herum eintreten; während ich mit dem Portier spreche, gehen Sie schnell nach dem Hofe; dort finden Sie links eine Treppe, steigen bis zum letzten Stock hinauf, gehen dann einen dunklen Gang geradeaus, bis Sie an einen Holzstoß kommen. Dort warten Sie.‹ Wir gingen die Ecke herum, aber ich glaubte plötzlich ohnmächtig zu werden, als ich sehe, wie er den Klopfer an dem Thore des Ministeriums des Auswärtigen hebt. Er trat ein, und während er mit dem Portier sprach, der seinen Kopf aus der Loge herausstreckte, ging ich schnell vorbei. ›Wo will der Mann hin?‹ ruft der Portier. ›Es ist nur mein Bedienter‹, antwortet Baudus. Ich stieg die bezeichnete Treppe bis zum dritten Stockwerke hinan und kam an den bezeichneten Ort. Sofort höre ich auch schon das Rauschen eines Kleides. Ich fühle, wie man mich leise am Arm faßt, in ein Zimmer schiebt und die Thür hinter mir zuschließt.

Im Kamin brannte ein lustiges Feuer, und auf einem Tischchen stand ein großer Leuchter und Streichhölzer. Man konnte also ohne Gefahr Licht machen. Auf der Kommode lag ein Zettel mit der Bemerkung: ›Machen Sie keinen Lärm, öffnen Sie das Fenster nur nachts, ziehen Sie Filzschuhe an und warten Sie geduldig.‹ Neben diesem Papier stand eine Flasche ausgezeichneter Bordeaux, mehrere Bände Molière und Rabelais und ein sehr elegantes Toiletten-Necessair ...«

Einige Minuten später trat Baudus ein, umarmte seinen Freund und teilte ihm mit, daß er bei Bresson, dem Kassierer im Ministerium des Äußeren, sei. Herr Bresson und seine Frau, die unter der Schreckensherrschaft fliehen mußten, hatten damals bei wackeren Leuten, die sie mit Gefahr ihres eigenen Lebens versteckt hatten, eine Zuflucht gefunden; sie wollten jetzt auch einen Geächteten retten.

Lavalette blieb achtzehn Tage im Ministerium verborgen. Er hörte von seinem Zimmer aus auf der Straße die Befehle ausschreien, in denen man diejenigen, welche ihm Zuflucht gewähren würden, mit harten Strafen bedrohte. –

Madame de Lavalette wurde inzwischen bald durch die Wärter hinter dem Wandschirm entdeckt und die heroische Frau sah sich den Beschimpfungen und Beleidigungen elender Menschen ausgesetzt, die ihren Mut nicht zu würdigen verstanden. Sie wurde natürlich festgenommen und einstweilen in einem Zimmer der Frauen-Abteilung gefangen gehalten, später aber freigelassen.

Lavalette selbst gelang es, in der Uniform eines englischen Offiziers in Begleitung des Generals Wilson die Grenze zu erreichen und auf belgisches Gebiet überzutreten; er befand sich bald in Deutschland in dauernder Sicherheit.

(Memoiren von Lavalette 1831.)

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