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Aus Ketten und Banden

F. Bernard: Aus Ketten und Banden - Kapitel 35
Quellenangabe
authorF. Bernard
titleAus Ketten und Banden
publisherVerlag von Herrmann Starke
year1897
printrunErstes Tausend
translatorA. Rudolph und Richard Otto
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171226
projectidff945610
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Oberst de Richemont.

– 1809. –

Im Jahre 1807 wurde das Schiff, worauf sich der französische Oberst Baron de Richemont auf der Heimreise von Ile de France befand, von einem englischen Kaperfahrzeuge weggenommen. Er wurde nach England gebracht und ihm die Stadt Chesterfield als Aufenthalt angewiesen. Es waren schon ungefähr achtzehn Monate vergangen, seitdem Richemont in England war; alle Vorschläge zu einer Auswechselung waren abgeschlagen und seine Gefangenschaft schien sich ins Unendliche verlängern zu sollen, – da fand er eines Morgens in seiner Zeitung eine Nachricht, die einen tiefen Eindruck auf ihn machte.

»Ich hatte eben gelesen und nochmals gelesen, erzählt er in seinen Memoiren, daß der Oberst Crawford aus Verdun, wo er Gefangener auf Ehrenwort war, entflohen war, und daß er das Kommando seines Regimentes nicht eher wieder übernehmen wollte, als bis man seine Handlungsweise gebilligt. Er hatte ein Ehrengericht verlangt, – und dieses entschied, daß er, da er gegen Völkerrecht gefangen gewesen wäre, richtig gehandelt habe, wenn er die angebliche Verpflichtung, die man ihm auferlegt hatte, brach. Dieser Artikel beschäftigte mich vollständig, und ich las ihn sehr aufmerksam ein drittes Mal durch. Ich fand die Einzelheiten seiner Flucht erzählt und den Ausweg, welchen ihm das Bewußtsein seines Rechtes, wie er es auffaßte, an die Hand gegeben und die List, deren er sich bedient, um gefahrlos den Erfolg seines Beginnens zu sichern. Er hatte von der französischen Regierung die Erlaubnis erbeten, in Spa die Kur gebrauchen zu dürfen, aber versprochen, zurückzukehren und sich in Verdun als Gefangener zu melden. Diese Gunst, die man ihm im Vertrauen auf sein Ehrenwort bewilligt, hatte er benutzt, um nach England zurückzukehren. Man kann sich vorstellen, welche Gedanken ein solches Vorkommnis in mir erweckte. Ich wurde auch gegen Völkerrecht gefangen gehalten, und mein Fall war ein ganz anderer wie der des englischen Obersten, denn ein Urteil des hohen Admiralitätsgerichtes hatte die Neutralität des Schiffes ausgesprochen, auf welchem ich gefangen genommen worden war. Ich hatte in aller Form gegen die Ungerechtigkeit meiner Gefangenhaltung protestiert, natürlich konnte es mir nicht in den Sinn kommen, eine Reiseerlaubnis nachzusuchen, um meine Flucht zu erleichtern. Durch die Erklärung des Ehrengerichtes, welches den Oberst Crawford frei gesprochen, mußte ich mich jeder Verpflichtung enthoben fühlen. Nicht das geringste Bedenken noch Zartgefühl konnte mich zurückhalten.«

Nachdem Richemont einmal seinen Entschluß gefaßt hatte, verabredete er sich mit einem französischen Seeoffizier, der ihn schon früher zur Flucht aufgefordert hatte. Nach Festlegung ihres Planes schrieb er einen Brief an die Herren der Transport-Office, worin er ihnen seine Absicht erklärte, England verlassen zu wollen, die Gründe dafür anführte und erwähnte, daß ihn das Urteil des englischen Ehrengerichtes besonders dazu veranlaßte.

»Dieser Brief, den ich zwei Stunden, nachdem ich Chesterfield verlassen hatte, auf die Post gab, gelangte an demselben Tage, wo ich nach London kam, in die Hände der Herren der Transport-Office und ich habe England erst acht oder zehn Tage später verlassen Ich habe ihnen reichlich Zeit gelassen, um Nachforschungen anzustellen; aber sie durften wahrlich auch nicht erwarten, daß ich mich selbst ihrer Großmut überlieferte.«

Die beiden Flüchtlinge, die sich für Spanier ausgaben und die gut gefüllte Börsen hatten, erreichten glücklich London. Sie reisten sofort mit der Post nach Folkestone, wo sich ein Schmuggler befand, über den sich Richemont die genauesten Auskünfte verschafft hatte. Sofort nach seiner Ankunft begab er sich zu ihm.

»Ich klopfe an und werde von der mir öffnenden Tochter in ein kleines sehr sauberes und behaglich eingerichtetes Zimmer geführt, wo ich meinen Mann bei einem Glase Grog und mit der Pfeife im Mund allein antreffe. Ich begrüße ihn mit einer Kopfbewegung und frage, ob ich die Ehre habe, mit dem Herrn W. G. zu sprechen. › Yes Sir‹, antwortet er mir, › I am the man.‹ Darauf komme ich ohne Umstände zur Sache. Ich sage ihm, wir wären zwei Franzosen, die auf ihn gezählt hätten, um wieder nach Frankreich zu kommen. ›Für wen halten Sie mich?‹ brauste er auf. ›Kapitaine‹, versetzte ich sofort, ›regen Sie sich nicht auf, – sprechen wir ruhig. Wenn Sie nicht mit mir zufrieden sind, können Sie immer noch thun, was Sie für gut befinden, hören Sie mich aber erst an ... Wir sind zwei anständige und verschwiegene Gentlemen, die freundschaftlich mit Ihnen zu unterhandeln wünschen; ich muß Ihnen aber sagen, daß ich meine Vorsichtsmaßregeln getroffen habe, um Sie nötigenfalls zu zwingen oder auch eine hartnäckige Weigerung teuer bezahlen zu lassen, denn ich habe mich mit allen Dokumenten und Zeugnissen versehen, die vollkommen sicher feststellen, daß Sie zu einer gewissen Zeit nach Chesterfield gekommen sind, um Kapitain ... abzuholen, den Sie selbst in einem Postwagen entführt, dann einige Tage bei sich verborgen und endlich nach der anderen Seite des Kanals befördert haben. Jetzt habe ich Ihnen für einen ähnlichen Dienst hundert gute Pfunde anzubieten und die Dankbarkeit und Freundschaft zweier braver und biederer Männer.‹ ›Wenn man so spricht‹, antwortete er darauf und erfaßte dabei meine Hand, die er lebhaft schüttelte, ›wird man überall in der Welt bedient. Ihre Art und Weise gefällt mir; in Ihren Worten ist Offenheit und Entschlossenheit. Seien Sie willkommen! Ich bin Ihr Mann und Sie werden sich gern meiner erinnern. Seien Sie unbesorgt, wir sind die Herren der See und nicht the ships of the royal navy.‹ ›So ist es‹, erwidere ich und drücke ihm herzlich die Hand. ›Die Sache ist also abgemacht; jetzt gilt es nur, uns über die Ausführung zu verständigen.‹ Dann teilte ich ihm mit, wo wir abgestiegen waren, und daß jetzt das Wichtigste sei, einen sicheren Aufenthaltsort zu haben, wo wir ein entschieden günstiges Wetter abwarten könnten. Während unseres Aufenthaltes möchte er inzwischen alles vorbereiten. ›Das ist richtig‹, sagte der Mann, ›alles soll geschehen. Um die und die Stunde abends holen Sie mich hier ab, und ich führe Sie nach einem sicheren Ort, wo sie, ohne sich um etwas zu sorgen, ganz nach Belieben trinken, rauchen und schlafen können.‹

Zur angegebenen Stunde begaben wir uns zu dem uns erwartenden Schmuggler. Ich übergab ihm die vereinbarten hundert Pfund und sagte ihm, es sei zu erwarten, daß er einen Maueranschlag der Transport-Office lesen würde, worin eine Belohnung für den ausgesetzt sein werde, welcher uns festnähme. › Never mind‹, rief er erregt aus, ›man könnte mir die Krone Englands anbieten, aber eine Feigheit, einen Verrat wird man W. G. nie vorwerfen können.‹

Wir machten uns auf den Weg und traten in ein Haus von ziemlich dürftigen Aussehen, ein wahrer Schlupfwinkel der Schmuggler, mit einer Menge Thüren und Klappfenstern. Wenn man uns da hätte festnehmen wollen, hätten wir durch zehn oder zwölf Ausgänge entfliehen können. Das Haus war erhellt und sonach bewohnt. Wir fanden in der That eine Frau in reiferem Alter, die uns als Dienerin und Köchin vorgestellt wurde. ›Sie haben nur zu befehlen‹, sagte W., ›das Haus ist gut versehen: Bier, Porter, Wein ist in Überfluß und in den besten Sorten da.‹ Er führte uns nach zwei Schlafzimmern, die jedes außer dem Bett einen Tisch und einige Stühle hatten. In dem einen befand sich ein Schreibsekretär mit Tinte und Papier.

Wir waren da so gut versorgt und aufgehoben, wie es die beste Gastfreundschaft nur bieten kann, während wir nur in dem einfachsten Schlupfwinkel Sicherheit beanspruchen und erwarten konnten. Wir sagten unserem Befreier Dank und drückten ihm freundschaftlich die Hand, als er sich lachend von uns verabschiedete und uns gute Nacht wünschte.

Schon eine Woche lang suchten wir uns hier, so gut es eben ging, die Sorgen und die Langeweile zu vertreiben, als W. sich freudestrahlend einstellte und uns mitteilte, daß der Wind äußerst günstig mit allen Anzeichen von längerer Dauer geworden sei. Um zehn Uhr abends werde er uns Matrosenanzüge bringen und wir könnten mit den besten Aussichten unter Segel gehen. Wir packten auf diese gute Nachricht hin unsere Sachen und bezahlten unsere Rechnung, bedankten uns bei unserer Köchin und belohnten sie nach Verdienst. Wir fahren in die weiten Matrosenhosen und Blusen und verlassen mit einer kurzen Pfeife im Munde das Haus. Am Strande finden wir ein hübsches, leichtes, ungedecktes Fahrzeug, von 15 oder 16 Fuß Kiellänge, das wir ins Wasser bringen. Der Mast wird aufgerichtet, Klüverbaum und Segel befestigt, das Steuer eingesetzt, und dann springen wir mit zwei von W. geheuerten Matrosen hinein. Wir stoßen ab, das Segel setzt ein und fröhlich laufen wir aus. Ein im Hafen liegender Zollkutter bemerkt uns und giebt uns Signale, uns auszuweisen; – aber wir kümmern uns nicht darum, und ehe er ein Boot bemannt und ausgesetzt, hatten nur einen schönen Vorsprung, denn unser Boot war ein guter Segler, und bald hüllte uns auch die Nacht in dichte Finsternis. Jeder von uns vieren hatte seinen Posten: der eine am Steuer, der andere am Segeltau, der dritte vorn am Bug, der vierte endlich die Aufgabe, mit einem Nachtglas den Horizont zu durchforschen und etwaige Kreuzer zu beobachten. Es wehte eine gute Brise und das Meer war ruhig; in weniger als zwei Stunden waren wir unter dem Kap Gris-Nez. Wir fuhren immer der Küste entlang nach Süden zu, und jedes Mal, wenn eine Strandbatterie unsere Flagge sehen wollte, antworteten wir als Freunde, denn wir waren mit sämtlichen nötigen Signalzeichen versehen. Dem Kurse, den die Kreuzer gewöhnlich hielten, blieben wir vorsichtig fern, unser Fahrzeug blieb stets in der Nähe des Landes, sich so ihren Blicken entziehend. Übrigens konnten wir bei der ersten verdächtigen Annäherung schnell die Küste erreichen und trotz aller uns nachgesandten Boote landen.

Mit Tagesanbruch liefen wir endlich stolz in dem kleinen französischen Hafen Vimereux ein und ich springe als erster behend ans Land. Der Platzkommandant, auf einer frühen Ronde begriffen, kam gerade dazu. ›Wenn ich früher dagewesen wäre, würde man Sie am Landen verhindert haben‹, brummte er. ›Herr Kommandant‹, antwortete ich, ›wenn Se. Majestät der Kaiser, dem ich mit Leib und Seele ergeben bin, wie irgend jemand in Frankreich, mir wirklich den Boden der Heimat verbieten könnte, so wäre ich gelandet trotz seiner und seiner braven Garde, trotz Ihrer und Ihrer Besatzung ... Ich bin der Oberst Richemont und bitte, mich beim Rapport zu melden.‹ Richemont begab sich hierauf nach Boulogne, erlangte dort die Freiheit der beiden Matrosen, die ihn hergebracht, entließ sie und beschenkte sie reichlich.

(Memoiren des Baron von Richemont. Literarische Korrespondenz. Februar 1859.)

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