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Aus Ketten und Banden

F. Bernard: Aus Ketten und Banden - Kapitel 32
Quellenangabe
authorF. Bernard
titleAus Ketten und Banden
publisherVerlag von Herrmann Starke
year1897
printrunErstes Tausend
translatorA. Rudolph und Richard Otto
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171226
projectidff945610
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Beniowski.

– 1771. –

Der Graf Beniowski, ein ungarischer und polnischer Magnat, wurde durch die Russen gefangen genommen und nach Kamtschatka deportiert. Schon am Tage seiner Ankunft in der kleinen Stadt Bolsha oder Bolcherietzkoï, die ihm als Aufenthalt angewiesen war, hatte er mit sieben anderen Verbannten einen Fluchtplan verabredet; es handelte sich nur darum, sich ein Schiff zu verschaffen. Später sollten indeß die Dinge einen ganz anderen Verlauf nehmen. Beniowski war erst dreißig Jahre alt: außer körperlichen Vorzügen, wie Kraft, Geschicklichkeit und Schönheit, besaß er große Kenntnisse, wodurch er unter den Verbannten die erste Stelle einnahm und daher auch ohne Widerspruch zu ihrem Anführer gewählt wurde. Der Gouverneur ließ ihm seinen drei Töchtern Sprachunterricht geben, und die jüngste, Aphanasia, verliebte sich bald sterblich in ihren Lehrer. Beniowski bediente sich geschickt ihrer Leidenschaft, um seine Pläne zu fördern.

Die anfangs kleine Zahl der Verschworenen nahm bald bedeutend zu; es waren aber, um zu fliehen, große Schwierigkeiten zu überwinden. Vor allem brauchten sie zu ihrem Unternehmen Geld; glücklicherweise kam ihnen hierbei der Zufall und die Geldgier ihrer Hüter zu Hilfe. Die drei Hauptpersonen in Bolsha waren der Gouverneur, der Kanzler und der Kosakenhetman. Da die beiden Letzteren die Geschicklichkeit Beniowski's beim Schachspiel bemerkt hatten, so ließen sie ihn gern und oft mit den reichen Händlern der Umgegend um hohen Einsatz spielen, wobei der Graf fast stets gewann. Im Interesse seines Unternehmens und seiner Genossen war er gezwungen, sich zu diesen Angriffen auf die Geldbeutel der Gäste des Hetmans und des Kanzlers bereit zu finden. Die beiden sauberen Herren erhoben nämlich den Löwenanteil am Gewinne, und man wußte später sogar auch den Gouverneur daran zu beteiligen. Trotzdem enthielt die Kasse der Verschworenen bald ungefähr zwölftausend Rubel.

Eines Tages aber drohte die Rache eines Spielers alles zu verderben. Ein Kaufmann, namens Casarinow, der bei diesem Spiele bedeutende Summen verloren, schenkte Beniowski ein Quantum vergifteten Zucker als Neujahrsgabe, und als am 1. Januar 1771 die Verschworenen bei Beniowski versammelt waren, trank man Thee, zu dem der geschenkte Zucker genommen wurde. Kaum waren einige Tassen getrunken, als sie alle von den heftigsten Schmerzen befallen wurden. Einer von ihnen starb sogar noch in derselben Nacht, die anderen erholten sich wunderbarer Weise. Der Zucker wurde nun Tieren zu fressen gegeben, man erkannte so seine giftigen Eigenschaften und erfuhr dadurch, wer der Schuldige war, und die Sache wurde dem Gouverneur angezeigt. Dieser läßt Casarinow kommen und ihm in Gegenwart einer zahlreichen Gesellschaft Thee anbieten. Casarinow nimmt an, und als man ihm den Zucker reicht, sagt der Gouverneur zu ihm: ›Sehen Sie, was für gute Herzen die Verbannten haben, sie schickten mir diesen Zucker, den man ihnen gestern zum Geschenk gemacht hat.‹ Casarinow erbleicht, beklagt sich über plötzliches Unwohlsein und will fort. Man hält ihn aber zurück, und unter der Wucht der Beweise gesteht er ein, daß er Beniowski habe vergiften wollen, um ihn wegen eines Komplotes zu strafen: Beniowski wolle die Verbannten bewaffnen, sich eines Schiffes bemächtigen und mit ihnen entfliehen. Ein Verschworener, Pianitsin, hätte ihm alles verraten. Der Gouverneur war aber zu erregt, um auf diese Anschuldigung genügend zu achten. Er läßt Casarinow festnehmen, giebt dem Kanzler Befehl, die Güter des Schuldigen einzuziehen und ihn nach den Bergwerken zu schicken, wie es das Gesetz gegen die Giftmischer vorschreibt. Beniowski hatte in einem Nebenzimmer versteckt dem Auftritte beigewohnt, denn das Gesetz verbot den Beamten und selbst den einfachen Bürgern, mit den Verbannten zu verkehren. Es wurde aber, wie man oben gesehen, nur selten beobachtet, bisweilen kam man aber bei amtlichen Anlässen darauf zurück. Beniowski hatte also die Aussage von Casarinow gehört. Er ging nach Hause, versammelte den Rat der Verschworenen und entdeckte ihnen den Verrat des mitanwesenden Pianitsin. Die Versammlung verurteilt ihn einstimmig zum Tode, und läßt ihm zur Vorbereitung nur drei Stunden Zeit. Ein Priester, der sich unter den Verschworenen befand, blieb mit ihm allein; am Abend wurde er dann heimlich aus den Ort geführt und insgeheim erschossen.

Einige Zeit darauf erinnerte sich die Behörde der Aussage Casarinows, aber man suchte Pianitsin vergeblich und Casarinow wurde überwiesen, um sich zu rechtfertigen, eine falsche Angabe gemacht zu haben.

Wir können nicht alle einzelnen Episoden erzählen, die sich des Ferneren abspielten. Die Verschwörung wurde mehrfach entdeckt und die Verschworenen verdankten ihre Rettung nur der Geistesgegenwart ihres Anführers und der Dummheit und Bestechlichkeit ihrer Hüter. Indeß fehlte einmal wenig daran, daß sie selbst durch ihren Verdacht gegen Beniowski alles in Gefahr gebracht hätten. Einige Tage nach dem Vorfalle mit Casarinow erklärte nämlich die arme Aphanasia in Gegenwart ihres Vaters und einer Menge zu einem Feste eingeladener Personen ihre Liebe zu dem Grafen. Der Vater gerät anfangs in Zorn, beruhigt sich aber bald, als man ihn darauf aufmerksam macht, daß Beniowski's Freiheit ja nur von ihm abhängt. Sofort ist er zu allem bereit, alles ordnet sich, und Beniowski wird auf der Stelle für frei erklärt. Das Gerücht verbreitet sich bald, und als der Graf nach Hause kommt, findet er die vier Hauptverschworenen seiner warten. Mit finsterer Miene fordern sie ihn auf, sich zur Versammlung zu begeben. Er geht und findet den Eingang von zwei Männern mit gezogenem Säbel bewacht, und auf dem Tische in der Mitte einen Becher mit Gift: man klagte ihn an, seine Freiheit durch den Verrat seiner Genossen erlangt zu haben. Es gelingt ihm, sich ohne viele Mühe zu rechtfertigen, und sein Ankläger war der erste, der ihn herzlich umarmte und seinen Verdacht abbat.

Bald darauf erlangte Beniowski vom Gouverneur sogar, daß alle Verbannten für frei erklärt wurden, und man gestattete ihnen, sich zu einer Ansiedlung im Bezirke von Lopattka zu vereinigen. Aber während er so unentwegt auf sein Ziel lossteuerte, drang die Frau des Gouverneurs darauf, daß die Heirat ihrer Tochter mit dem Grafen bald stattfände ... Inzwischen verliebte sich einer der Verschworenen, Stephanow, in Aphanasia, wurde bis zur Raserei eifersüchtig, wollte Beniowski ermorden, und hätte beinahe das Komplot verraten. Man schüchterte ihn ein und verzieh ihm, hielt ihn aber gefangen.

Die Verschworenen waren jetzt vollkommen organisiert. Sie hatten Waffen und Munition, und warteten nur auf das Aufbrechen des Eises, um sich auf einem von den Eingeweihten bereit gehaltenen Fahrzeuge einzuschiffen, als neuer Verdacht die Behörden wiederum mißtrauisch machte. Beniowski, der an gewissen Anzeichen erkannte, daß alles von einem Augenblick zum andern gefährdet sein könne, bat die junge Aphanasia, die er in das Komplot eingeweiht hatte, ihm im Falle großer Gefahr ein rotes Band zu schicken. Am zweitfolgenden Tage schon erhielt Beniowski das rote Band, und gleich darauf kam ein Sergeant, um ihn im Namen des Gouverneurs zum Frühstück einzuladen. Man kann sich vorstellen, ob die Nachricht der Tochter ihm Lust machte, der Einladung des Vaters zu folgen. Er schützte Unwohlsein vor und versprach den Besuch für den nächsten Tag. Der Sergeant besaß die Dummheit, zu sagen, er käme noch im Guten, später würde man den Grafen mit Gewalt holen. Beniowski antwortete, daß, wenn man ihn noch einmal mit einem ähnlichen Auftrag zu ihm schicke, er vorher sein Testament machen möge.

Mittags kam der Hetman; er wurde höflich empfangen, aber sein zudringliches Auftreten, seine Höflichkeit und seine ungeschickt hervorgebrachten schönen Redensarten wurden von dem gesunden Verstande Beniowski's durchschaut. Auf des letzteren neuerliche Weigerung, in die Feste zu kommen, wurde der arme Hetman ganz aufgebracht, und drohte mit seinen beiden Kosaken. Beniowski lachte ihm ins Gesicht. Darüber wurde der Hetman noch wütender und ruft seine Leute. Beniowski pfeift, worauf fünf seiner Genossen erscheinen; der Hetman und seine beiden Kosaken werden entwaffnet und nach einem sicheren Gewahrsam gebracht.

Um fünf Uhr schickt der Gouverneur nochmals und läßt dem Grafen raten, sich der Gnade des Kaisers zu übergeben, und ihm mit dem Tode droht, wenn er nicht sofort den Hetman in Freiheit setzt. Der Graf antwortet schriftlich, um den Gouverneur hinzuhalten, und währenddem läßt er in Ermangelung des Kanzlers, den man nicht gefangen nehmen konnte, dessen Neffen und zwei andere hochstehende Personen aufheben. Der Krieg war erklärt. –

Am nächsten Tage schickte der Gouverneur einen Unteroffizier und vier Mann, um den Grafen festzunehmen. Dieser bemächtigt sich ihrer ohne einen Schwertstreich; unter dem Vorwande, ihnen zu trinken zu geben, sperrt er sie in seinen Keller. Bald darauf marschiert eine größere Abteilung vor das Haus, aus dem er inzwischen eine gut bewachte und besetzte Festung gemacht hatte. Er rückt gegen die Abteilung vor und tötet drei Leute, die anderen fliehen. Man schickt darauf eine noch größere Abteilung mit einer Kanone. Aber auch diese wird zurückgeschlagen, und die Kanone geht an die Aufständischen über. Inzwischen waren sämtliche Verschworenen zusammengeströmt, und im Besitze einer Kanone beschließt man, sich den Weg zum Fort frei zu machen. Der Posten, der sie mit der Kanone ankommen sieht, hält sie für die am Morgen abgesandte Abteilung, und läßt infolge dessen die Zugbrücke herunter, worauf Beniowski und die Seinen ohne Weiteres in das Fort dringen. Der Graf eilt sofort in die Wohnung des Gouverneurs, um ihn zu retten, aber dieser schießt mit der Pistole nach ihm, fehlt, und wütend springt er ihm an die Kehle. Beniowski sah sich genötigt, von seiner Waffe Gebrauch zu machen, – aber schon jagte ein anderer Verschworener, um den Grafen zu befreien, dem Gouverneur einen Pistolenschuß durch den Kopf. Inzwischen war die Nacht angebrochen. Die geflohenen Kosaken, die sich wieder gesammelt hatten, marschierten gegen das Fort, um es zu stürmen. Glücklicherweise zeigten sich ihre Leitern zu kurz. Das Feuer ihrer Flinten diente den Verschworenen, ihre Kanone zu richten, die unter den Belagerern große Lücken riß, während die Belagerten nur einen einzigen Mann verloren. Am nächsten Tage sperrten die Verschworenen etwa tausend Frauen und Kinder in die Kirche ein, und drohten den achthundert Kosaken, die das Fort belagerten, die Kirche in Brand zu stecken, wenn sie nicht die Waffen niederlegen und Geißeln geben würden. Die Kosaken nahmen nach langer Verhandlung die Bedingungen an, und die Verschworenen wurden Herren des Platzes. Sie hatten nur neun Mann verloren, und sieben waren schwer verwundet.

Einige Tage darauf konnten die Verbannten sich der Korvette »St. Peter und Paul« bemächtigen. Man bestattete nun noch den armen Gouverneur mit großer Feierlichkeit, und belud in den beiden nächsten Tagen das Schiff. Die Geißeln wurden dann in die Stadt zurückgeschickt, mit Ausnahme des Sekretärs, den man zum Schiffskoch machte, um ihn so für seine früheren Bosheiten zu strafen. Das war eine große Unvorsichtigkeit, aber es scheint nicht, daß die Verbannten es zu bereuen hatten. Am elften Tage endlich ging Beniowski an Bord, hißte die Flagge der polnischen Konföderation, die von den Kanonen der Korvette begrüßt wurde, und verließ Kamtschatka, – nicht wie ein fliehender Gefangener, sondern wie ein Herrscher, der durch sein Reich fährt.

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