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Aus Ketten und Banden

F. Bernard: Aus Ketten und Banden - Kapitel 31
Quellenangabe
authorF. Bernard
titleAus Ketten und Banden
publisherVerlag von Herrmann Starke
year1897
printrunErstes Tausend
translatorA. Rudolph und Richard Otto
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171226
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Latude.

– 1750-1784. –

Masers de Latude wurde 1725 im Schlosse Craisich bei Montagnac (Hérault) geboren; sein Vater war ein höherer Offizier und der junge Latude sollte ebenfalls in das Geniekorps der Armee eintreten. Als er in Paris studierte, hatte er 1749, im Alter von 24 Jahren, die unglückliche Idee, einen hinterlistigen Streich auszuführen, um die Aufmerksamkeit der Frau von Pompadour auf sich zu ziehen und ihre Unterstützung zu erlangen. Er gab eine kleine Pappschachtel mit einem unschuldigen Pulver an die Adresse der Madame Pompadour auf die Post, ging dann selbst nach Versailles und gab dort an, daß sie von zwei Personen vergiftet werden sollte; er habe das Geheimnis erfahren und wolle sie warnen. Die Marquise war anfangs dem jungen Manne sehr dankbar, wurde dann aber doch mißtrauisch. Sie ließ sich von ihm ein paar Zeilen schreiben, und da entdeckte man bald die Wahrheit: die Schrift war genau dieselbe wie auf der Schachtel. Einige Tage darauf war Latude in der Bastille.

Nach vier Monaten brachte man ihn nach Vincennes. Er hatte allen Grund anzunehmen, daß seine Gefangenschaft lebenslänglich sein würde, wenigstens wußte er, daß Madame de Pompadour sich betreffs seiner unerbittlich gezeigt hatte.

›Mein Muth‹, erzählt er in seinen Memoiren, ›wurde nur durch die Hoffnung aufrecht erhalten, daß ich mir eines Tages die Freiheit verschaffen könne. Ich sah ein, daß ich sie nur durch mich selbst erlangen konnte und dachte nur mehr an die Mittel, meinen Zweck zu erreichen. Ich hatte bemerkt, daß alle Tage ein älterer Geistlicher in einem zum Schlosse gehörenden Garten spazieren ging und erfuhr, daß er schon seit langer Zeit wegen Jansenismus gefangen gehalten werde. Der Abbé de Saint-Sauveur, Sohn eines früheren königlichen Verwalters in Vincennes, hatte die Erlaubnis, sich mit ihm in dem Garten zu unterhalten und benutzte sie oft. Unser Jansenist gab außerdem den Kindern mehrerer Schloßbeamten Unterricht im Lesen und Schreiben. Der Abbé und die Kinder kamen und gingen, ohne daß man viel darauf achtete. Die Zeit, wo diese Spaziergänge stattfanden, war ungefähr dieselbe, während welcher man mich in einem benachbarten Garten, der auch innerhalb der Schloßmauern ist, spazieren führte. Der Polizeilieutenant hatte angeordnet, daß man mich täglich zwei Stunden im Garten lasse, um Luft zu schöpfen und meine Gesundheit zu festigen. Zwei Schließer holten mich regelmäßig aus dem Gefängnisse ab und führten mich in den Garten. Bisweilen wartete auch der ältere dort schon und der jüngere schloß allein die Gefängnisthür auf. Ich gewöhnte ihn in einiger Zeit daran, daß ich die Treppen schneller wie er hinabstieg und, ohne auf ihn zu warten, seinen Kameraden aufsuchte. Wenn er dann in den Garten kam, fand er mich stets bei diesem.

Eines Tages, als ich entschlossen war, um jeden Preis zu entfliehen, hatte er kaum die Thür meiner Zelle aufgemacht, als ich die Treppe hinabspringe. Ehe er auch nur daran dachte, mir zu folgen, war ich schon unten im Turme angekommen. Ich schob den Riegel vor die Ausgangsthür und hob so jede Verbindung zwischen den beiden Schließern auf; inzwischen mußte ich meinen Plan ausführen. Es galt nun vier Wachen zu täuschen: die erste war an einem Thore, das zum Außenwall führte und das immer geschlossen war. Auf mein Klopfen öffnet die Schildwache, und ich frage nach dem Abbé Saint-Sauveur. ›Seit zwei Stunden erwartet ihn unser Priester im Garten, ich suche ihn überall, ohne daß ich ihn finden kann!‹ Dabei gehe ich schnell vorüber. Am Ende des Durchganges treffe ich auf einen zweiten Posten, den ich frage, ob es schon lange her ist, daß der Abbé Saint-Sauveur vorbeigekommen ist. Er antwortet, daß er von nichts wisse und läßt mich vorbei. Dieselbe Frage richte ich an den dritten an der Zugbrücke, der mir versichert, daß er ihn nicht gesehen habe. ›Ich werde ihn wohl bald finden!‹, rufe ich. Ganz außer mir vor Freude, laufe und springe ich wie ein Kind und komme so an die vierte Schildwache, die nun, entfernt davon, mich für einen Gefangenen zu halten, es nicht auffälliger findet wie die andern, daß ich hinter dem Abbé Saint-Sauveur herlaufe. Ich durchschreite die letzte Pallisade, laufe und entziehe mich den Blicken; ... ich bin frei. –

Ich lief durch die Felder und Weinberge und hielt mich so viel wie möglich fern von der Landstraße. In Paris mietete ich eine versteckte möblierte Wohnung und erfreute mich endlich nach vierzehn Monaten Gefangenschaft wieder der Freiheit.«

Da er die Thorheit beging, eine Eingabe an den König zu machen, um sich wegen seines Vergehens zu entschuldigen und zu bitten, dasselbe durch die erlittene Strafe als gesühnt zu betrachten, wurde er von neuem festgenommen und in die Bastille gebracht. Anfangs steckte man ihn in eine kleine Zelle, wo er achtzehn Monate verblieb. Dann ließ ihm der Polizeilieutenant Berryer ein geräumigeres Zimmer geben und er bekam auch bald darauf einen Genossen namens D'Alègre, der ungefähr von gleichem Alter war und dessen Verbrechen ebenfalls darin bestand, Madame Pompadour beleidigt zu haben.

»Unter ähnlichen Umständen blieben jungen Leuten nur zwei Wege: zu sterben oder zu fliehen. Für jeden aber, der nur die geringste Idee von der Bastille, ihren Mauern, Türmen und Einrichtungen hat, wird ein Plan, zu fliehen, ja schon der Gedanke daran, als Wahnwitz erscheinen ... Trotzdem war ich bei vollem Verstande, als ich mich zu einer Flucht entschloß; – nur war es eben nötig, eine außergewöhnliche Energie zu entfalten.

Man darf nicht daran denken, aus der Bastille durch die Thüren und Thore zu entfliehen. Alle physischen Unmöglichkeiten treffen zusammen, um diesen Weg gänzlich unmöglich zu machen. Es blieb also nur der Weg durch die Luft. Wir hatten nun in unserm Zimmer wohl einen Kamin, dessen Schornstein auf dem Turmdache mündete, aber wie alle Essen in der Bastille war sie so mit Gittern und Eisenstäben verbaut, daß an manchen Stellen kaum der Rauch hindurch konnte, und wenn wir wirklich auf die Höhe des Turmes gelangen konnten, so hatten wir einen Abgrund von 200 Fuß Tiefe vor uns. Unten war ein Graben, der durch eine sehr hohe Mauer beherrscht wurde; beides mußte überwunden werden. Aber alle diese Hindernisse und Gefahren schreckten mich nicht ab. Mein Kamerad, dem ich meinen Gedanken mitteilte, hielt mich für verrückt. Ich mußte mich deshalb zunächst allein mit dem Plane befassen, es galt trotz der Eisengitter im Schornsteine in die Höhe zu klettern; dann war, um von der Höhe des Turmes hinab zu steigen, eine Strickleiter von wenigstens 180 Fuß Länge nötig, und eine zweite, die naturgemäß von Holz sein mußte, um aus dem Graben wieder herauszukommen. Ich mußte, wenn ich mir Materialien verschaffen konnte, sie allen Blicken entziehen, ohne Geräusch arbeiten und eine Menge Aufpasser täuschen.

Das erste war zunächst, einen sicheren Ort zu entdecken, wo wir unsere Materialien und Werkzeuge verstecken konnten. Nach vielen Grübeln kam mir ein Gedanke, der sich vielleicht verwerten ließ. Ich hatte schon verschiedene Räume in der Bastille bewohnt und stets konnte ich das Geräusch hören, welches die Bewohner der Zellen über und unter mir machten. Nur in meiner jetzigen Zelle konnte ich zwar alle Bewegungen des Gefangenen über mir verfolgen, nicht aber die des unter mir Befindlichen, und ich wußte, daß jemand sich unter mir befand. Ich schloß aus dieser Beobachtung auf einen doppelten Boden, und um Gewißheit darüber zu erlangen, wandte ich folgendes Mittel an:

In der Kapelle der Bastille wurde jeden Tag eine Messe, des Sonntags deren drei gelesen. Die Erlaubnis, die Messe zu besuchen, war eine besondere Gunst, die man nur ausnahmsweise bewilligte. Herr Berryer hatte sie uns beiden, ebenso dem Gefangenen von Nummer 3, dem Zimmer unter uns, gewährt.

Ich beschloß nun, bei der Rückkehr von der Messe den Augenblick, wo der Herr unter uns noch nicht wieder eingeschlossen war, zu benutzen, um einen Blick in sein Zimmer zu werfen. D'Alègre erleichterte mir durch eine kleine List diesen Besuch. Ich ließ ihn sein Brillenfutteral in sein Taschentuch stecken, und er sollte im zweiten Stockwerk das Taschentuch herausziehen, so daß das Futteral die Treppe hinabglitt; der Schließer wurde dann gebeten, es aufzuheben. Dieses kleine Kunststück wurde ausgezeichnet ausgeführt. Während der Wärter nach dem Futterale lief, stieg ich schnell nach Nummer 3, schob den Riegel von der Thür, und schätze die Höhe der Wand nicht über 10½ Fuß. Schnell riegele ich die Thür wieder zu und zähle die Stufen bis zu unserem Zimmer, es sind 32. Ich messe die Höhe einer Stufe und berechne, daß zwischen der Decke des unteren Zimmers und unserem Fußboden ein Unterschied von fünfeinhalb Fuß ist. Dieser Zwischenraum konnte aber weder mit Steinen noch mit Holz ausgefüllt sein, das Gewicht würde zu groß gewesen sein. Es mußte füglich ein leerer Raum von etwa vier Fuß vorhanden sein. ›Lieber Freund‹, sage ich zu Alégre, ›wir sind gerettet, wir können unsere Stricke und Materialien verbergen.‹ – ›Stricke und Materialien? Wo sind sie denn? Wie verschaffen wir sie uns?‹ – ›Stricke haben wir mehr als wir brauchen, mein Koffer hier enthält mehr wie 1000 Fuß!‹ – ›Ihr Koffer? Ich weiß so gut wie Sie, was darin ist, jedenfalls aber nicht das kleinste Endchen Strick.‹ – ›Was? Habe ich nicht eine Menge Wäsche, zwölf Dutzend Hemden, Handtücher, Manschetten, Strümpfe und anderes? Wir zertrennen und zerschneiden sie und knüpfen daraus Stricke.‹

Wir hatten einen durch zwei eiserne Bänder festgehaltenen Klapptisch. Diese Bänder schliffen wir auf dem Boden scharf; auch machte ich aus einem Feuerstahl in kaum zwei Stunden ein ganz brauchbares Messer, mit dem wir zwei Griffe an die Bänder schnitzten, denn diese sollten hauptsächlich dazu dienen, die Gitter aus unserem Kamin herauszureißen.

Als am Abend die täglichen Inspektionen vorüber waren, hoben wir mit unseren Instrumenten eine Platte aus dem Boden und fanden richtig nach sechsstündigem Wühlen zwischen den beiden Dielen einen hohlen Raum von etwa vier Fuß. Darauf setzten wir die Platte wieder sorgsam ein.

Nach diesen ersten Operationen trennten wir zwei Hemden in Streifen, knüpften diese aneinander und flochten daraus einen 55 Fuß langen Strick, den wir dann zu einer Leiter von 20 Fuß Länge verarbeiteten. Diese Strickleiter hatte uns beim Auswuchten der eisernen Stäbe und Spitzen im Schornsteine in der Schwebe zu halten. Diese letztere Arbeit war die zeitraubendste und mühseligste; sie erforderte sechs Monate. Wir konnten nur mit gebeugtem Körper und in den unbequemsten Stellungen daran arbeiten und hielten es selten länger als eine Stunde aus, zumal man sich oft die Hände blutig riß. Die herausgemeiselten Eisenstangen brachten wir selbstverständlich jeweilig wieder an ihren Platz, um bei den zuweilen stattfindenden Inspektionen keinen Verdacht zu erregen.

Im siebenten Monat begannen wir die Holzleiter, die wir brauchten, um aus dem Graben auf die Brustwehr und von dieser in den Garten des Kommandanten zu kommen. Sie mußte 20 bis 25 Fuß Länge haben. Wir verwandten dazu das uns zum Einheizen gegebene Holz, Scheite von 18 bis 20 Zoll Länge. Wir brauchten auch Flaschenzüge und viele andere Dinge, wozu wir uns unbedingt eine Säge verschaffen mußten. Es gelang mir mittelst meines Feuerstahls eine solche aus einem eisernen Leuchter herzustellen. So konnten wir jetzt unsere Holzstücke bearbeiten, machten Zapfen und Zapfenlöcher, um sie aneinander zu setzen. Unsere Leiter hatte nur einen Arm und zwanzig Sprossen von je 15 Zoll Länge. Der Arm hatte 3 Zoll Durchmesser, und jede Sprosse stand auf beiden Seiten 6 Zoll heraus. An jedem Stück dieser Leiter hatten wir die dazu gehörige Sprosse nebst Pflock mit einem Faden befestigt, so daß wir sie während der Nacht leicht aufstellen konnten. Sobald wir eins dieser Stücke vollkommen fertig hatten, verbargen wir es unter dem Fußboden.

Ich habe schon erwähnt, daß außer den sehr häufigen Inspektionen, welche die Schließer und verschiedene Beamte der Bastille zu Zeiten machten, wo man es am wenigsten erwartete, eine der Gepflogenheiten des Ortes war, die Beschäftigungen und Unterhaltungen der Gefangenen auszuspionieren. Wir konnten deshalb unsere Arbeiten nur dadurch den Blicken entziehen, daß wir sie nachts machten und Sorge trugen, keine Spur davon sehen zu lassen, denn ein Spahn oder der geringste Abfall konnte uns verraten; außerdem galt es aber auch die Ohren der Spione zu täuschen. Wir unterhielten uns natürlich fortwährend von unseren Vorbereitungen, und da galt es zu vermeiden, Verdacht zu erregen oder ihn dadurch abzuwenden, daß wir die Gedanken etwaiger Lauscher irre leiteten. Deshalb nannten wir die Säge Faun, die Haspel Anubis, die Pflöcke Tubalcain, das Loch im Boden Polyphem, die Holzleiter Jacob, die Sprossen Nachkommen, die Stricke wegen ihrer weißen Farbe Tauben, den Fadenknäuel kleiner Bruder, das Messer Toto etc. ... Wir waren beständig auf unserer Hut, und es glückte uns, die Wachsamkeit unserer strengen Aufseher zu täuschen.

Nachdem die ersten erwähnten Vorbereitungen fertig, beschäftigten wir uns mit der großen Strickleiter, die wenigstens 180 Fuß Länge haben sollte. Wir begannen unsere ganze Wäsche, Hemden, Handtücher, Strümpfe, Manschetten, Unterhosen, Taschentücher aufzutrennen, und sobald ein Knäuel fertig war, verbargen wir ihn im Polpyhem; war eine genügende Anzahl Knäuel vorhanden, so flochten wir in einer ganzen Nacht einen Strick daraus. Der beste Seiler konnte ihn nicht fester machen.

Die obere Plattform der Bastille überragte ein 3-4 Fuß hoher Rand, wodurch naturgemäß unsere Leiter beim Abstiege stark ins Schwanken und Flattern kommen mußte, was ausgereicht hätte, den festesten Kopf schwindelig zu machen. Um diesem Übelstande abzuhelfen und zu verhindern, daß einer von uns beim Abstiege abfiel, flochten wir einen zweiten Strick von 360 Fuß Länge. Wir ließen ihn durch einen Flaschenzug gehen, das heißt durch eine Art Kloben ohne Rad, um zu vermeiden, daß der Strick sich zwischen dem Rad und den Seiten des Kloben verwickelte und der Absteigende in der Luft hängen blieb, ohne weiter abwärts steigen zu können. Außer diesen beiden Stricken machten wir noch einige kürzere, um die Leiter oben auf der Zinne an eine Kanone befestigen zu können, und für andere unvorhergesehene Bedürfnisse.

Als alle diese Stricke fertig waren, maßen wir sie, es waren 1400 Fuß. Dann machten wir zweihundertacht Sprossen, sowohl für die Strickleiter wie für die Holzleiter. Einen anderen Übelstand, den wir beachten mußten, war das Geräusch, das das Anschlagen der Sprossen gegen die Mauer verursachen würde. Um dem abzuhelfen, umwickelten wir die Sprossen mit dem Futter unserer Schlafröcke, Westen und Kamisole.

Wir brauchten volle achtzehn Monate fortwährender Arbeit zu allen diesen Vorbereitungen; aber damit war noch nicht alles fertig. Wir hatten wohl die Mittel vorbereitet, um auf den Turm und von da hinab in den Graben zu gelangen. Um aber aus diesem wieder heraus zu kommen, gab es zwei Wege: der eine war auf die Brustwehr zu steigen und von da hinab in den Garten des Gouverneurs und dann in den Graben bei dem St. Antons-Thor zu klettern. Die Brustwehr aber, über die wir hinweg mußten, war stets mit Schildwachen besetzt. Wir mußten vielleicht eine sehr dunkle Regennacht wählen, dann gingen die Schildwachen nicht auf und ab, und wir wären ihnen entgangen; es konnte aber in dem Augenblicke, wo wir in unseren Schornstein stiegen, regnen, und das Wetter dann auf der Brustwehr ruhig und klar sein. Auch konnten uns die Ronden treffen, die alle Augenblicke mit Laternen passierten, und dann wären wir sicher verloren gewesen.

Der andere Weg vergrößerte zwar die Beschwerden, aber er war weniger gefährlich: er bestand darin, einen Durchgang durch die Mauer, welche den Graben der Bastille von dem andern beim Antonsthor trennt, zu brechen ... Dazu brauchten wir einen Bohrer, um Löcher in den Mörtel zu bohren, und dann in diese zwei Eisenstangen einsetzen zu können. Mit diesen beiden Eisenstangen – aus unserem Schornstein genommen – vermochten wir die Steine auszubrechen und uns einen Durchgang zu erzwingen. – Wir entschieden uns für diesen Weg und schufen uns aus einem eisernen Pflock eines unserer Betten einen leidlichen Bohrer, an den wir in Kreuzform einen hölzernen Griff anbrachten. –

Der Zeitpunkt unserer Flucht war auf Mittwoch, den 25. Februar 1756 – Aschermittwoch Abend – festgesetzt. Der Fluß war damals ausgetreten und es standen vier Fuß Wasser in dem Graben der Bastille und dem des Antonthores. Ich packte in meinen ledernen Mantelsack einen vollständigen Anzug von jeden von uns beiden ein, um uns nach der Flucht umziehen zu können.

Kaum hatte man uns unser Mittagsmahl gebracht, als wir begannen, unsere Strickleiter herzurichten und die Sprossen zu befestigen. Hierauf brachten wir die Holzleiter in Ordnung, die in drei Teile zerlegt wurde, und steckten die Eisenstangen zum Durchbrechen der Mauer in Futterale, damit sie kein Geräusch verursachten. Wir versahen uns auch mit einer Flasche Skubac (eine Art Liqueur), um uns zu erwärmen und die Kräfte während der etwa neun Stunden, die wir im Wasser zu arbeiten hatten, anzuspannen. Nachdem alle Vorbereitungen getroffen und die Sachen wieder versteckt waren, warteten wir nur noch, bis man uns das Abendessen gebracht hatte ...

Ich stieg zuerst in den Schornstein. Ich hatte starke rheumatische Schmerzen im linken Arm, beachtete ihn aber wenig, denn bald stellte sich ein anderer heftigerer ein. Ich hatte keine der Vorsichtsmaßregeln beobachtet, welche die Schornsteinfeger anwenden, und wäre beinahe durch den abstäubenden Ruß erstickt. Auch riß ich mir Ellbogen und Knie auf; das Blut rieselte von Armen und Beinen herab, und in diesem Zustande kam ich oben auf dem Schornsteinkranz an. Ich ließ sofort einen Bindfaden hinab, und d'Alègre band an dessen Ende einen Strick und daran meinen Mantelsack. Ich zog ihn herauf, knüpfte ihn los und warf ihn auf das flache Dach der Bastille. Ebenso zogen wir dann die Holzleiter, die beiden Eisenstangen, alle unsere übrigen Packete und zuletzt die Strickleiter herauf, von der ich den einen Teil jedoch wieder hinabließ, um d'Alègre das Aufsteigen zu erleichtern. Ich legte einen eigens zu diesem Zwecke gefertigten starken Stecken quer über die Schornsteinöffnung und befestigte an ihm die herabgelassene Leiter; durch sie vermied mein Gefährte, sich, wie ich, blutig zu reißen. So standen wir beide in kurzer Zeit frei und ledig auf dem flachen Dache der Bastille.

Wir rollten und trugen nun unsre Sachen und die Leitern nach dem Schatzturme, der uns für den Abstieg am günstigsten erschienen war. Das eine Ende der Strickleiter wurde an eine Kanone befestigt und nun ließen wir die Leiter langsam und vorsichtig längs des Turmes hinabrollen. Dann befestigten wir unseren Flaschenzug und zogen das 360 Fuß lange Tau durch. Ich band mir das Tau um den Körper und Alègre ließ es im Verhältnis nach, wie ich abstieg. Trotz dieser Vorsicht schwankte ich bei jeder Bewegung, die ich machte, in schwindelnder Höhe in der Luft hin und her. Man kann sich meiner Lage nach den Schauder vorstellen, den allein der Gedanke daran macht. Endlich gelangte ich aber ohne irgend welchen Unfall in den Graben. Sofort ließ Alègre mir meinen Mantelsack und alle anderen Gegenstände herab. Glücklicherweise fand ich einen kleinen Vorsprung, welcher das den Graben anfallende Wasser überragte, wo ich sie hinstellen konnte. Darauf stieg mein Gefährte herab. Er hatte einen leichteren Abstieg wie ich, denn ich hielt das Ende der Leiter mit allen meinen Kräften, was sie hinderte, so stark wie bei mir zu schwanken. Als auch er unten angekommen, konnten wir uns eines leisen Bedauerns nicht erwehren, daß wir unsere schönen Stricke und die Gegenstände, deren wir uns bedient hatten, nicht weiter mitnehmen konnten Er fand sie am 15. Juli 1789, dem Tage nach der Erstürmung der Bastille. Die Leiter war im Archiv mit einem Aktenstück vom 27. Februar 1756, welches vom Major der Bastille und dem Kommissar Rochebrüne unterzeichnet war..

Es regnete nicht mehr und wir hörten die Schildwache in etwa 40 Schritt Entfernung von uns auf und ab gehen. Wir mußten also davon absehen, auf die Brustwehr zu steigen und uns durch den Garten des Kommandanten zu retten. Wir entschlossen uns daher, uns unserer Eisenstangen zu bedienen ... Wir näherten uns der Mauer, welche den Graben der Bastille von dem des St. Anton-Thores trennt und machten uns ohne Verzug an die Arbeit. Gerade an diesem Orte war ein kleiner Graben von etwa 6 Fuß Breite und 1½ Fuß Tiefe, was die Höhe des Wassers vermehrte. Überall anderswo hätten wir nur bis zur halben Körperhöhe im Wasser gestanden, hier aber hatten wir es bis unter die Arme. Es taute erst seit einigen Tagen, das Wasser war noch voller Eisschollen und wir mußten neun volle Stunden darin aushalten! Der Körper wurde durch die äußerst schwere Arbeit erschöpft und die Glieder waren vor Kälte erstarrt. Gleich bei Beginn sah ich zu meinem furchtbaren Schrecken zwölf Fuß über unseren Köpfen eine Ronde kommen, deren Laterne vollkommen den Platz erhellte, wo wir waren. Es blieb uns kein anderes Mittel, eine Entdeckung zu vermeiden, als – unterzutauchen. Dieses Manöver mußten wir jedes Mal wiederholen, sobald wir diesen Besuch erhielten, also alle halben Stunden! Endlich nach neun Stunden Arbeit und Angst, in denen wir die Steine alle einzeln mit der unglaublichsten Mühe herausgerissen hatten, sahen wir in der 4½ Fuß starken Mauer ein Loch vor uns, groß genug, um uns hindurch zu lassen. Wir krochen beide hindurch, und schon fingen wir an, zu frohlocken, als wir in eine Gefahr gerieten, die wir nicht vorausgesehen hatten und der wir beinahe erlegen wären. Wir gingen quer durch den Antons-Graben, um auf die Straße nach Bercy zu kommen, hatten aber kaum fünfundzwanzig Schritte gemacht, als wir in die Wasserleitung fielen, die dort den Graben schneidet. Wir hatten sofort das Wasser über unsern Köpfen und unter uns mindestens zwei Fuß Schlamm, der uns hinderte, bis ans andere Ufer der nur sechs Fuß breiten Wasserleitung zu kommen. D'Alègre stürzte sich verzweifelnd auf mich und brachte mich beinahe zu Fall. Wenn sich dies Unglück ereignet hätte, wären wir verloren gewesen. Wir hätten nicht Kraft genug gehabt, uns zu erheben, und wären in dem Sumpfloche erstickt oder ertrunken. Wie ich mich aber angepackt fühlte, versetzte ich ihm einen so starken Schlag mit der Faust, daß er mich los ließ. In dem gleichen Augenblick schwang ich mich vorwärts und es gelang mir, aus der Wasserleitung herauszuklettern. Dann strecke ich mich am Uferboden lang, ergreife d'Alègre bei den Haaren, ziehe ihn auf meine Seite und aus dem Graben heraus. Nun liefen wir zu und befanden uns, als es fünf Uhr schlug, auf der Landstraße.

Ich sah eine Ronde kommen. (Latude.)

Von gleichen Gefühlen ergriffen, fielen wir einander in die Arme und hielten uns fest umschlungen. Dann fielen wir beide auf die Knie, um Gott, der uns aus so vielen Gefahren errettet hatte, zu danken. Nach Erfüllung dieser ersten Pflicht dachten wir daran, unsere Kleider zu wechseln. Jetzt merkten wir erst, wie gut es war, daß wir uns mit einem Mantelsack und trockenen Sachen versehen hatten. Die Nässe hatte unsere Glieder erstarrt und wir empfanden jetzt die Kälte weit mehr, als während der ganzen neun Stunden, die wir im Wasser und Eis zugebracht hatten. Von allein waren wir außer Stande, uns aus- und anzukleiden, und wir mußten uns gegenseitig diesen Dienst leisten.

Ungehindert nahmen wir einen Wagen und ließen uns zu Herrn de Silhouette, Kanzler des Herzogs von Orleans, fahren, den ich gut kannte; unglücklicherweise war er aber in Versailles.«

Die Flüchtlinge fanden dann einen Zufluchtsort bei Freunden, die wie sie aus der Languedoc stammten. Nachdem sie dort einen Monat in Verborgenheit gelebt, reisten sie einzeln nach Brüssel. D'Alègre, der zuerst ankam, wurde jedoch sofort von französischen Agenten festgenommen. Man brachte ihn nach Frankreich zurück, und fünfzehn Jahre später traf ihn Latude in Charenton; er war verrückt geworden. Was Latude anlangt, so vermied er in Belgien zunächst die Fallen, welche ihm die Agenten der französischen Polizei legten, aber später wurde er doch in Amsterdam festgenommen; und nach der Bastille zurückgebracht. Man legte ihm jetzt an Händen und Füßen Ketten an.

Im Jahre 1764 führte man ihn nach Vincennes über, wo man ihm zunächst auf Befehl des Herrn de Sartine die grausamste Behandlung zu teil werden ließ. Nach einigen Wochen ließ ihn jedoch der Kommandant aus seinem Kerker herausnehmen, gab ihm ein bequemes Zimmer und gestattete ihm einen Spaziergang von zwei Stunden in den Gärten des Schlosses.

»Was mir diese Gunst noch wertvoller machte, war die Hoffnung, dadurch früher oder später die Möglichkeit zu finden, zu entfliehen. Während der ersten acht Monate konnte ich dies jedoch nicht ausführen, da ich zu streng überwacht wurde. Meine Freiheit sollte ich nur einem Zufalle verdanken.

Ich selbst schrie! Haltet ihn auf! (Latude).

Am 23. November ging ich gegen vier Uhr nachmittags spazieren. Das Wetter war ziemlich hell. Da trat plötzlich ein so dichter Nebel ein, daß mir sofort der Gedanke kam, er könne mir meine Flucht begünstigen. Aber wie sollte ich meine Wächter loswerden? ohne der verschiedenen Posten zu gedenken, die die Durchgänge besetzt hielten! Zwei Soldaten mit einem Unteroffizier begleiteten mich, sie verließen mich keine Minute. Ich konnte unmöglich mit ihnen ringen, noch zwischen ihnen hindurch schlüpfen oder mich ohne weiteres von ihnen entfernen, denn ihre Aufgabe war allein, mich zu begleiten und jede meiner Bewegungen, zu beobachten.

Schnell entschlossen wende ich mich da kühn an den Unteroffizier, beginne von dem plötzlich eingetretenen Nebel zu sprechen und sage: ›Wie finden Sie dieses Wetter?‹ – ›Ungemein schlecht‹, antwortet er. Ich erwidere sofort ganz ruhig und gelassen: ›Ich finde es ausgezeichnet, um zu entfliehen.‹ Bei diesen Worten schiebe ich aber schon die beiden Soldaten mit meinen Ellbogen auf die Seite, stoße den Unteroffizier stark auf die Brust und renne schnell aber lautlos davon. Ich war bereits an einem dritten Posten vorbei, der erst auf mich aufmerksam wurde, als ich schon weit fort war. Alles läuft dazwischen zusammen und schreit: ›Haltet ihn auf, haltet auf!‹ Bei diesen Rufen sammeln sich die Wachen, man öffnet die Fenster, alles rennt, jeder schreit und wiederholt: ›Haltet ihn auf!‹ So konnte ich nur sehr schwer entschlüpfen, und mir kommt sofort der Gedanke, dieses Schreien selbst zu benutzen, um mir einen Durchgang durch die Menge zu verschaffen, die bereit war, mich festzuhalten. Ich schreie stärker wie die andern: ›Haltet den Spitzbuben auf! Haltet ihn auf!‹ Mit der Hand mache ich eine Bewegung, um anzuzeigen, daß der Dieb vor mir ist. Alle werden durch diese List und den Nebel, der mich unterstützte, getäuscht. Man läuft, schreit und verfolgt den Flüchtling, welchen ich anzuzeigen scheine. Ich war allen anderen weit voran und hatte bald das äußere Ende des letzten, des Königshofes, erreicht. Ich brauchte nur noch an einem einzigen Wachtposten vorbei, aber dieser war kaum irre zu führen, da natürlich der erste, der ankam, ihm verdächtig scheinen mußte, und es war seine Pflicht, ihn festzuhalten. Meine Annahme war nur zu richtig. Bei den ersten Rufen, die der Posten gehört, stellte er sich mitten in den an dieser Stelle sehr schmalen Weg. Zudem aber kannte mich dieser Mann, er hieß Chenn, zufällig. Als ich mich nahe, befiehlt er mir, still zu stehen, sonst würde er mich mit dem Bajonett durchstoßen. ›Chenn‹, rufe ich dagegen, Sie kennen mich. Ihre Pflicht ist, mich festzunehmen, aber nicht, mich zu töten.‹ Dabei gehe ich langsam auf ihn zu, stürze mich dann plötzlich auf seine Flinte und entreiße sie ihm mit solcher Gewalt, daß der Mann durch die unerwartete Bewegung zu Boden stürzt. Ich sprang über ihn hinweg, renne wieder los und werfe dann die Flinte weit fort ...

Ich war abermals frei. Es war mir leicht, mich im Park zu verstecken, abseits vom Hauptwege an die Mauer zu kommen und diese zu überklettern. In der Nacht schlich ich mich vorsichtig nach Paris hinein.«

Er flüchtete sich zu zwei bekannten Damen, mit denen er vom Turme der Bastille aus einen Briefwechsel geführt und die ihn erfolglos zu unterstützen gesucht hatten. Nach langem Überlegen und vielen Plänen wußte er kein anderes Mittel, seine Freiheit sich zu sichern, als an Herrn de Sartine zu schreiben und diesen zu bitten, sein Beschützer zu werden.

Es scheint, als ob der rege und klare Geist, der in der Gefangenschaft so gut alle Chancen zu berechnen wußte und die Gelegenheiten mit so viel Geschick und Energie zu benutzen verstand, Latude in Stich ließ, sobald er in Freiheit war. Nicht zufrieden damit, die nur zu rege Aufmerksamkeit Sartines auf sich gezogen zu haben, wußte er, der Flüchtling, Geächtete, nichts Besseres zu thun, als sich eines Tages nach Fontainebleau zu begeben, um die beiden Minister de Choiseul und de la Voillière aufzusuchen und sich ihnen zu empfehlen. Man nahm ihn natürlich fest und führte ihn wiederum nach Vincennes, wo er in einen Kerker gesteckt wurde, den man das schwarze Loch nannte. 1775 wurde er nach Charenton gebracht und 1777 durch einen Kabinetsbefehl nach Montagnac, seinem Geburtsort, verwiesen. Er verzögerte seine Abreise erst, reiste aber schließlich doch ab. Aber sonderbarer Weise wurde er fünfzig Meilen vor Paris von neuem festgenommen und nach Bicêtre gebracht. Er war damals 53 Jahre alt und von seinem 24. Jahre an hatte er nur wenige Tage außerhalb des Kerkers verbracht. Endlich, 1784, gelang es dem Einflusse der Madame Necker, ihm die Freiheit zu verschaffen.

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