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Aus Ketten und Banden

F. Bernard: Aus Ketten und Banden - Kapitel 28
Quellenangabe
authorF. Bernard
titleAus Ketten und Banden
publisherVerlag von Herrmann Starke
year1897
printrunErstes Tausend
translatorA. Rudolph und Richard Otto
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171226
projectidff945610
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Stanislaus Leszczynski.

– 1734. –

Stanislaus Leszczynski, König von Polen, wurde durch die Russen in Danzig belagert. Da der unglückliche Fürst keine Hoffnung hatte, Hilfe zu erhalten, und wußte, daß der Feind mehr seine Person wie die Stadt begehrte, so entschloß er sich, im Interesse des Landes zu handeln und zugleich sich selbst in Sicherheit zu bringen. Man schlug ihm verschiedene Wege zur Entweichung vor. Die einen wollten, daß er die russischen Linien an der Spitze von hundert entschlossenen Männern durchbräche, aber die Umgebung der Stadt war überschwemmt und das Projekt unausführbar. Er entschied sich schließlich für den Vorschlag des französischen Gesandten, als Bauer verkleidet zu fliehen.

»Ich verließ«, erzählt er, »das Haus des französischen Gesandten durch eine geheime Treppe. Sobald ich einige Stufen hinabgestiegen war, kam mir der Gedanke, ihn über die Befürchtungen zu beruhigen, die er in Bezug meiner hatte, und die Thränen zu trocknen, die ich ihn hatte vergießen sehen. Ich stieg die Treppe wieder hinan und klopfte an die Thür, die er geräuschlos zugemacht hatte Er lag auf den Knien und flehte Gott an, mein Beschützer auf einer so gefahrvollen Reise zu sein. Ich komme, sagte ich, Sie nochmals zu umarmen und Sie zu bitten, wie ich der Vorsehung zu vertrauen.«

In Begleitung des Generals Steinflycht, der wie er als Bauer verkleidet, und des Platzmajors, der sich verpflichtet hatte, seine Flucht zu unterstützen, fuhr er in einem von drei Männern geruderten Boote über den Wallgraben. Man mußte an einem Posten vorüber, der von einem Sergeanten kommandiert wurde, und dieser, der sich streng an seinen Befehl hielt, wollte sie nicht passieren und sich nicht auf die Auseinandersetzungen des Platzmajors einlassen. Man mußte ihm schließlich alles gestehen. Der Sergeant grüßte darauf den König ehrerbietig und ließ ihn durch.

Die drei Führer von Stanislaus gehörten nicht dem ehrbarsten Teil der menschlichen Gesellschaft an. Zwei davon waren, was man damals Schnapphähne nannte Sie kannten die Wege genau, erwiesen sich als treu und auf das übrige kam es nicht an. Sie fingen damit an, den armen König die Nacht und den folgenden Tag in einer elenden Hütte in einem Sumpfe eine Viertelmeile von Danzig festzuhalten. Das war eine Sicherheitsmaßregel für sie, und Stanislaus sollte bald die Überzeugung gewinnen, daß diese braven Leute sich wenig um seine Bemerkungen und selbst seinen Rang kümmerten.

Am nächsten Abend schifften sich die Flüchtlinge wieder ein und fuhren langsam durch das Schilf. Gegen Mitternacht trennten sich die Führer in zwei Gruppen, wovon die eine den General auf der Landstraße dem Flusse entlang führte und die andere, die beiden Schnapphähne, den König im Boote weiter fuhr. Bei Tagesanbruch verbarg man ihn von neuem in einer Bauernhütte und gab ihm als Bett ein Bund Stroh. Bald traten unter großem Lärm Kosaken herein und der König glaubte sich schon verloren, – aber sie kamen einfach um zu frühstücken; sie blieben zwei tötlich lange Stunden sitzen. Die Wirtin beruhigte Stanislaus, obgleich sie nicht begriff, was ihn veranlaßte, die Kosaken zu meiden, statt mit ihnen zu zechen. Sie wurde ihrerseits ängstlich und hätte den König beinahe vor die Thür gesetzt, da sie befürchtete, seine Anwesenheit könne sie in böse Händel bringen. Sie beruhigte sich aber wieder und versprach, ihn im Hause zu behalten. Bei Anbruch der Nacht fuhr man im Boote weiter über das übrige überschwemmte Gebiet und kam dann nach einem langen ermüdenden Marsche auf aufgeweichtem Boden an ein Haus, dessen Besitzer beim Anblick des Königs laut aufschrie: »Es ist einer unserer Kameraden«, sagte der eine Schnapphahn, »was wundert Dich denn so?« »Nein, ich irre mich nicht«, antwortete der Bauer, »es ist der König Stanislaus.« »Ja, mein Freund«, sagte darauf Stanislaus mit fester und entschlossener Miene, »ich bin es selbst; aber Sie sind ein zu ehrlicher Mann, um mir die Hilfe zu versagen, die ich in meinem jetzigen Zustande nötig habe.« Der Mann war wirklich ehrlich, er versprach, den König über die Weichsel zu bringen und hielt Wort

Aber auch dieser Teil der Reise war nicht ganz ohne Abenteuer und Gefahren. Auf allen Wegen waren Kosaken, die alles durchsuchten und ausforschten. Alle Personen, die nur im entferntesten der Beschreibung, die sie von dem entflohenen Könige hatten, glichen, wurden angehalten. Oft war man von allen Seiten eingeschlossen. Einmal unter andern wollten ihn seine Führer im Stich lassen, sie sagten, ohne irgend welche Aussicht, ihn zu retten, hätten sie keine Lust, sich hängen zu lassen. Er hielt sie nur dadurch bei sich zurück, daß er ihnen drohte, er würde, sobald sie ihn verließen, selbst die Kosaken herbeirufen, wenn er auch mit ihnen ums Leben kommen sollte. In einem andern Falle konnte er, dank einer gewissen Geldsumme, die er glücklicherweise bei sich führte, mit Hilfe von Bier und Branntwein den sinkenden Mut seiner Reisegefährten wieder neu beleben. Über Steinflycht hatte er erfahren, daß er sich verirrt habe und alles ließ vermuten, daß er in die Hände der Russen gefallen sei. Endlich kam man an die Ufer der Weichsel. Der Mann, der Stanislaus beherbergt, versteckte ihn im Gestrüpp und holte selbst ein Boot. Ziemlich am andern Ufer wollte der König den getreuen Helfer im Unglück mit einer stattlichen Geldsumme belohnen, brachte ihn aber nur dazu, zwei Dukaten anzunehmen. Der biedere ehrliche Bauer sagte, er wolle sie als Andenken an das Glück, ihn gesehen und kennen gelernt zu haben, aufbewahren. Dann, erzählt Stanislaus, nahm er die Dukaten aus meiner Hand mit einer Geberde und einem Gefühlsausbruche, den ich nicht beschreiben kann. Aber noch über der Weichsel erwarteten ihn mancherlei Gefahren. Eines Tages betrank sich einer seiner Führer und verlangte mitten in einem Dorfe laut den Lohn dafür, daß er ihn mit Gefahr seines Lebens geführt habe. Glücklicherweise hatte das Oberhaupt seiner Begleiter so viel Geistesgegenwart, sich über den Betrunkenen lustig zu machen und den übelgesinnten, neugierigen Bauern weiß zu machen, wenn der arme Teufel zu viel trinke, würde er stets verrückt und sehe überall Prinzen. – So zogen sie sich aus der Geschichte, die schlimme Folgen hätte haben können. Schließlich gelangte man nach allerlei Wechselfällen an die Nogat, über die sich Stanislaus fahren ließ. Nun erst sah er sich von aller Sorge und auch von der Gesellschaft der Strolche befreit, die, wenn sie ihn auch nicht verrieten, nach seiner Erzählung doch dazu beitrugen, diese Reise inmitten so vieler Gefahren nur noch schrecklicher für ihn zu machen.

(Briefe von Stanislaus an seine Tochter, die Königin von Frankreich. – Proyard, Geschichte von Stanislaus Leszczinski.)

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