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Aus Ketten und Banden

F. Bernard: Aus Ketten und Banden - Kapitel 19
Quellenangabe
authorF. Bernard
titleAus Ketten und Banden
publisherVerlag von Herrmann Starke
year1897
printrunErstes Tausend
translatorA. Rudolph und Richard Otto
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171226
projectidff945610
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Der Herzog von Beaufort.

– 1648. –

Der Herzog von Beaufort, einer der Anführer der »Fronde«, wurde unter der Anschuldigung, beabsichtigt zu haben, den Kardinal Mazarin ermorden zu lassen, im Louvre auf Befehl der Königin Anna von Österreich festgenommen und in dem Turme von Vincennes eingekerkert. Nachdem er da fünf Jahre lang gewesen, gelang es ihm, mit Hilfe seiner Freunde zu entweichen. In den Memoiren der Frau von Motteville wird diese Flucht folgendermaßen erzählt:

»Am 1. Juni 1648, dem Pfingsttage, ungefähr gegen Mittag, entwich der Herzog von Beaufort, der seit fünf Jahren in Vincennes gefangen saß. Die Mittel, sich aus seinen Ketten zu befreien, fanden durch die Geschicklichkeit seiner Freunde und einiger der Seinen, die ihm bei diesem Anlaß treulich halfen. Er war von einem Offizier der Leibgarde und sieben oder acht Soldaten bewacht, die in seinem Zimmer schliefen und ihn nicht verließen. Königliche Lakeien bedienten ihn, und er hatte nur einen seiner Diener bei sich; außerdem war Chavigny, der Kommandant von Vincennes. nicht sein Freund. Der ihn bewachende Offizier namens La Ramée hatte, auf Bitten eines Freundes; einen Mann zu sich genommen, der angeblich um einer Strafe wegen Beteiligung an einem durch die königlichen Edikte verbotenen Zweikampfe zu entgehen, dieses Asyl aufgesucht hatte. Man muß aber fast annehmen, daß er durch die Freunde des Prinzen in die Citadelle gebracht wurde, vielleicht sogar im Einverständnis mit dem Offizier; denn der Anschein spricht dafür. Dieser Mann war anfangs, um sich als brauchbaren und guten Diener zu zeigen, mehr wie jeder andere bedacht, den Gefangenen streng zu überwachen, ja man erzählte sogar der Königin, daß er sich bis zur Rohheit versteige. Mag er nun von vornherein dagewesen sein, um den Herzog zu dienen oder hat er sich von diesem erst später gewinnen lassen, kurz, der Herzog bediente sich seiner, um seine Ideen seinen Freunden zu übermitteln und deren Pläne für seine Befreiung zu erfahren. Als alle Vorbereitungen zur Flucht getroffen, wählte man zur Ausführung den Pfingsttag, weil zur Feier dieses Festes alle Welt beim Gottesdienste war. Zur Zeit, wo die Wachen speisten, verlangte der Herzog von La Ramée in einer Gallerie, die ihm zu benutzen gestattet war, spazieren zu gehen. Diese Gallerie, unter dem Turme gelegen, wo er wohnte, war aber immer noch, vom Graben aus gerechnet, ziemlich hoch. La Ramée begleitete ihn bei diesem Spaziergange und blieb in der Gallerie mit ihm allein. Der für des Herzogs Sache gewonnene Mann gab sich den Anschein, mit den Soldaten zu Tisch zu gehen, stellte sich aber krank, trank nur ein wenig Wein und ging aus dem Zimmer. Die Thür schloß er hinter sich ab, ebenso noch einige andere Thüren, die sich zwischen der Gallerie und dem Speisezimmer befanden. Dann suchte er den Gefangenen und seinen Wächter auf, schloß die Gallerie beim Eintritt hinter sich ab und steckte den Schlüssel mit den übrigen zu sich. Der Herzog, ein sehr kräftiger Mann, und sein Vertrauter stürzten sich darauf sofort auf La Ramée, verhinderten ihn durch einen Knebel am Schreien und banden ihn an Händen und Füßen. Sie töteten ihn nicht, was zu unterlassen eigentlich gewagt gewesen ist, wenn er nicht gewonnen war. Darauf banden sie einen Strick an das Fensterkreuz und ließen sich nacheinander hinab, zuerst der Diener, weil er sicher am strengsten bestraft worden wäre, wenn er sich nicht in Sicherheit zu bringen vermochte. Der Strick reichte jedoch nicht bis auf den Grund des sehr tiefen Grabens, und sie mußten sich ein Stück herabfallen lassen, bei welcher Gelegenheit der Prinz stürzte und sich verletzte. Der Schmerz brachte ihm einen Ohnmachtsanfall und so blieb er eine Zeit lang im Graben liegen. Als er wieder zur Besinnung kam, warfen ihm einige seiner Leute, die schon sehr besorgt um ihn geworden, einen Strick zu, den er sich schnell um den Leib band und woran sie ihn auf die andere Seite des Grabens zu sich hinaufzogen. Der Diener war zufolge seines Versprechens, das er getreulich hielt, zuerst in Sicherheit gebracht worden. Der Herzog langte in jämmerlichem Zustande am Rande des Grabens an; außer der Verwundung durch den Fall hatte der um seinen Körper gewundene Strick ihm bei dem ruckweisen Anziehen den Magen eingeschnürt. Bald gab ihm sein Mut und die Furcht, die Früchte seiner Mühe wieder zu verlieren, Kraft genug, um aufzustehen und nach dem nahen Gehölze zu gehen, wo ihn fünfzig Berittene erwarteten. Einer seiner Kavaliere hat später erzählt, seine Freude, sich in Freiheit und inmitten der Seinen zu sehen, sei so groß gewesen, daß er einen Augenblick alle Schmerzen vergaß, kurzer Hand auf ein bereit gehaltenes Pferd sprang und wie der Blitz davonjagte, entzückt, die Luft der Freiheit wieder einzuatmen und gleich Franz I., als er, aus Spanien kommend, den französischen Boden betrat: »Ah! ich bin frei!« zu rufen.

Eine Frau und ein kleiner Junge, die in einem Garten am Rande des Grabens Kräuter sammelten, sahen alles, was in der Stille vorging. Die Leute, welche im Versteck lagen, hatten der Frau unter schweren Androhungen Schweigen anbefohlen, und da sie nicht interessirt war, die Flucht des Prinzen zu verhindern, so hatte sie und ihr Junge ruhig den Vorgängen zugesehen. Sobald der Herzog außer Sicht war, ging die Frau zu ihrem Manne, einem Gärtner, und erzählte ihm das Geschehene, darauf erst meldeten sie es der Wache. Es war aber zu spät, die Menschen konnten nicht mehr ändern, was Gott zugelassen hatte. Die Gestirne, die bisweilen den Herrschern Halt gebieten, hatten schon durch den Mund eines Astrologen mit Namen Goesel vielen Personen kund gethan, daß der Herzog an diesem Tage entfliehen würde. – Diese kaum glaubliche Neuigkeit überraschte den ganzen Hof, besonders diejenigen, denen sie nicht gleichgültig war, namentlich war der Minister darüber ärgerlich, aber seiner Gewohnheit nach ließ er sich nichts merken.« – Weiter fügt Frau von Motteville hinzu: »Die Königin und der Kardinal Mazarin sprachen sehr ruhig darüber und meinten lachend, daß Beaufort es ganz recht gemacht habe.« –

(Memoiren von Madame de Motteville.)

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