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Aus Ketten und Banden

F. Bernard: Aus Ketten und Banden - Kapitel 18
Quellenangabe
authorF. Bernard
titleAus Ketten und Banden
publisherVerlag von Herrmann Starke
year1897
printrunErstes Tausend
translatorA. Rudolph und Richard Otto
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171226
projectidff945610
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Grotius.

– 1621. –

In den Sturz Barnevelds verwickelt, dessen Bewunderer und eifriger Anhänger Grotius war, wurde er 1619 zu lebenslänglichem Gefängnis und Verlust seines Besitztums verurteilt und, 36 Jahre alt, in dem Schlosse Louvenstein bei Gorkum eingesperrt. Streng bewacht hatte er keinen anderen Trost, als das Studium und die Gesellschaft seiner Frau, Maria von Reygesberg, welche um die Erlaubnis nachgesucht hatte, um ihn sein zu dürfen. Man gab ihr die Genehmigung, das Gefängnis ihres Gemahls zu teilen, bedeutete ihr aber anfangs, daß einmal herausgegangen, man sie nicht wieder hineinlassen würde. Später jedoch wurde ihr erlaubt, zwei Mal wöchentlich auszugehen.

Diese Gefangenschaft währte bereits achtzehn Monate, als Muys van Holi, einer von Grotius' erklärten Feinden, der sein Richter gewesen war, die Generalstaaten benachrichtigte, daß er von glaubwürdiger Seite die Anzeige erhalten, ihr Gefangener suche nach Mitteln, sich zu befreien. Man schickte einen Beamten nach Louvenstein, um Nachforschungen und Untersuchungen anzustellen. Dieser fand aber nichts, was zur Annahme berechtigte, daß die Warnung begründet gewesen sei. Es war indeß richtig, – Maria von Reygesberg war nur mit dem einzigen Plane beschäftigt: ihrem Gatten die Freiheit zu verschaffen ...

Man hatte Grotius erlaubt, von seinen Freunden Bücher zu entleihen, und wenn er diese gelesen hatte, schickte er sie in einer Lade, gleichzeitig mit der zu reinigenden Wäsche, nach Gorkum zurück. Im ersten Jahre untersuchten die Wachtposten den Koffer beim Herausschaffen aufs Genaueste, aber daran gewöhnt, nichts darin zu finden wie Bücher und Wäsche, ließen sie im Durchsuchen nach, und nahmen sich endlich nicht einmal mehr die Mühe, ihn zu öffnen. Grotius' Frau bemerkte diese Nachlässigkeit wohl und beschloß, Nutzen daraus zu ziehen. Sie vertraute ihren Plan ihrem Gatten an und überredete ihn, sich dadurch zu befreien, daß er sich in dem Koffer verbarg. Um Erstickungsgefahr vorzubeugen, bohrte sie in die Wände kleine Löcher, die von außen schwer zu bemerken waren; sie bewirkte, daß er sich mehrere Male so lange in den Koffer einschließen ließ, wie man von Louvenstein nach Gorkum zu gehen Zeit brauchte, ja sie setzte sich selbst auf den Koffer, um zu probieren, wie lange er es in dieser beengten Lage aushalten könne. Als er sich genügend daran gewöhnt, wartete sie nur noch auf eine günstige Gelegenheit. – Diese sollte sich bald darbieten. Der Kommandant der Festung verreiste in Dienstsachen, und die Frau Grotius' beeilte sich, dessen Gemahlin einen Besuch abzustatten und ihr im Gespräche mitzuteilen, daß sie wieder einen Koffer mit Büchern zurückschicken wolle. Sie erwähnte auch, daß ihr Gemahl jetzt so schwach sei, daß sie ihn nur mit Sorgen arbeiten sehe. Nachdem sie so die Kommandantin in Kenntnis gesetzt hatte, kehrte sie in das Zimmer ihres Gatten zurück und schloß ihn vorsichtig in die Lade ein. Ein Diener und eine Dienstmagd waren im Geheimnis, und ihre Herrin ließ durch sie das Gerücht verbreiten, ihr Mann wäre unwohl, und zwar that sie das deshalb, damit man nicht überrascht sei, ihn nicht zu sehen. Zwei Soldaten holten bald darauf den Koffer, und einer von ihnen, der ihn schwerer wie gewöhnlich fand, sagte: »Es muß da ein Arminianer drin sein.« Er spielte damit auf eine Sekte jener Zeit an, zu welcher Grotius gehörte und deren Namen sprichwörtlich war. Die Frau von Grotius antwortete ruhig: »In der That, es sind arminianische Bücher darin.« Man ließ dann die Lade mit vieler Mühe auf einer Leiter hinabgleiten. Der nämliche Soldat bestand darauf, daß man den Koffer öffne, um zu sehen, was er enthalte. Er ging sogar zur Frau des Kommandanten und sagte, das Gewicht des Koffers gebe ihm zu denken, es wäre gut, ihn zu öffnen. Diese jedoch verbot es, sei es, daß es ihre Absicht war, ein Auge zuzudrücken, sei es aus Nachlässigkeit. Sie antwortete, nachdem, was Frau Grotius ihr versichert, befänden sich nur Bücher in der Lade, und man solle sie ruhig ins Boot tragen. Die beim Verladen anwesende Frau eines andern Soldaten sagte ganz laut, es hätten sich schon öfter Gefangene in Koffern gerettet. – Gleichwohl trug man den Koffer ins Boot. Grotius' Magd hatte Auftrag, ihn bis Gorkum zu begleiten und in einem ihr bezeichneten Hause absetzen zu lassen. Als der Koffer in Gorkum angelangt, wollte man ihn auf einen Rollwagen laden, aber die Magd versicherte dem Schiffsführer, daß sich zerbrechliche Sachen darin befänden und bat, vorsichtig damit umzugehen. Die Lade wurde darauf auf eine Tragbahre gesetzt und zu David Dazelâar getragen, einem Freunde Grotius' und ein Verwandter seiner Frau. Als die Magd sich allein sah, öffnete sie den Koffer und Grotius stieg heraus, ohne viel gelitten zu haben, obgleich er ziemlich lange Zeit in einem Raume von nur dreieinhalb Fuß Länge zugebracht hatte. Er zog schnell einen Maureranzug an, nahm Richtscheit und Kelle in die Hand, ging durch die Hinterthür des Hauses über den Marktplatz von Gorkum und zu dem nach dem Flusse führenden Stadtthore hinaus. Am Ufer angekommen, bestieg er ein Boot, das ihn in kürzester Zeit nach Valvic in Brabant brachte. Dort gab er sich einigen Arminianern zu erkennen und lieh von ihnen einen Wagen nach Antwerpen, wo er durch viele strenge Vorsichtsmaßregeln auch glücklich ankam.

Sie schloß ihren Mann in die Lade ein. (Grotius.)

Während dieser Zeit glaubte man ihn in Louvenstein krank, und seine Frau versicherte, um ihm Zeit zur Rettung zu geben, daß die Krankheit gefährlich sei; aber sobald sie durch die Rückkehr der Magd erfahren, daß ihr Mann in Brabant und somit in Sicherheit war, gestand sie den Wächtern, daß der Vogel entflogen sei. Der zurückgekehrte Kommandant eilte sofort wütend nach dem Gemache des Gefangenen und frug seine Frau nach seinem Verstecke. Sie ließ ihn erst eine Zeit lang suchen und erzählte ihm dann die List, deren sie sich bedient hatte. Man brachte sie darauf nach einem strengeren Gewahrsam, sie sandte aber ein Bittgesuch an die Generalstaaten, und einige Tage darauf wurde sie in Freiheit gesetzt.

*

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