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Aus Ketten und Banden

F. Bernard: Aus Ketten und Banden - Kapitel 15
Quellenangabe
authorF. Bernard
titleAus Ketten und Banden
publisherVerlag von Herrmann Starke
year1897
printrunErstes Tausend
translatorA. Rudolph und Richard Otto
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171226
projectidff945610
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Heinrich, König von Navarra, nachher Heinrich IV.

– 1572. –

Die Königin (Katharina von Medicis) traute dem ungestümen Geiste und der Thätigkeit ihres Schwiegersohnes nicht und hielt ihn deshalb durch Wächter gefangen, die aus ausgewählten Soldaten bestanden und als eifrige Katholiken bekannt waren; die meisten von ihnen waren mit bei der Sankt-Bartholomäusnacht thätig gewesen. Die höheren Hofbeamten in der Umgebung des Prinzen waren ebenfalls ihr ergeben, nur machte seine Höflichkeit und liebenswürdige Unterhaltung aus Kerkermeistern Untergebene und Diener und häufig auch Vollstrecker seines Willens. Er verstand es, die Spione doppelt arbeiten zu lassen und sich seiner Feinde zu bedienen ... Dagegen wurde sein Geist durch Liebesabenteuer, welche die Königin selbst einleitete, benommen, und diese Kette war es auch, die ihn in sein Gefängnis zurückzog, als er im Gehölze von Vincennes zu fliehen beabsichtigte. Viele derer, die ihm beigestanden hatten, wurden dabei in die Flucht getrieben, andere, die aus Anhänglichkeit bei ihm blieben, verloren das Vertrauen der Königin, so Jonquières, sein Haushofmeister, Aubigné, sein Stallmeister, und Armagnac, sein erster Kammerdiener. Von diesen drei wurde Jonquières nach der Pikardie verbannt ... Ebenso häufig wie man dem Könige von Navarra den Generallieutenantsposten versprach, wurden auch die Reisepläne verändert, und selbst die beiden Diener, welche ihm noch treu geblieben, bereiteten sich vor, ihn heimlich zu verlassen. Eines Abends, als ihr Herr in leichtem Fieber im Bette lag, hörten sie, wie er seufzte und den Vers des 88. Psalmen betete, welcher die Entfernung der treuen Freunde beklagt. Armagnac drang in seinen Genossen, die Gelegenheit zu benutzen und ein offenes Wort zu sprechen. Dieser Rat wurde sofort befolgt, und der Prinz bekam Folgendes zu hören:

... »Welche unbegreifliche Laune läßt Sie wählen, hier Diener zu sein, statt dort der Herr, hier der Verachtete der Verachtetsten, während Sie dort der erste sein könnten, den man fürchten muß. Sind Sie es nicht überdrüssig, sich vor sich selbst zu verstecken? Ist es einem geborenen Prinzen überhaupt erlaubt, sich zu verstecken? Sie freveln an Ihrer Herkunft und sind schuld an den Beleidigungen, die Sie ertragen müssen. Diejenigen, welche die Sankt-Bartholomäusmetzelei anstifteten, vergessen sie nicht und können nicht glauben, daß der andere Teil, welcher darunter gelitten hatte, sie vergißt. Sie haben nichts so sehr zu fürchten, als hier zu bleiben. Was uns angeht, so sprachen wir davon, morgen zu fliehen, als Ihr Gebet uns veranlaßte, den Schleier zu lüften. Denken Sie daran, Sire, daß, wenn wir fort sind, die Hände, welche Sie bedienen, nicht zurückschrecken werden, Gift und Dolch zu gebrauchen.«

Dies geschah um dieselbe Zeit, wo zwei Unzufriedene, Fervaques und Lavardin ihren Wunsch nach einer Aenderung denen vorstellten, welche die Abreise des Königs von Navarra betrieben. Ersterer entdeckte sich Aubigné, der andere ließ dieselben Versicherungen durch Roquelaure übermitteln. Um frei über die Sache sprechen zu können, fuhr der König von Navarra mit den beiden in einem geschlossenen Wagen durch die Straßen von Paris. Sie kamen überein, daß man sich an einem gewissen Tage nach dem Abendessen in der Wohnung von Fervaques treffen wolle ... Dort, nachdem man die Überflüssigen entfernt hatte, schlossen sich die Sieben ein und schwuren einen Eid: die Sechs dem König von Navarra und er ihnen, sich durch nichts von dem Unternehmen abhalten zu lassen und Todfeindschaft dem, welcher den Plan verraten würde. Nachher küßte der König von Navarra sie auf die Wangen und sie ihn auf die rechte Hand. Die Ausführung des Planes war auf den 20. Februar festgesetzt, achtzehn Tage nach der geheimen Absprache. Lavardin sollte sich Le Mans bemächtigen und Roquelaure, sein Lieutenant, dasselbe mit Cherburg thun. Ihr Herr, der immer unter der Beobachtung des Kämmerers Saint Martin d'Anglouse und des Gardelieutenants de Spalungue stand, wollte seine Jagdpartie bis in die Wälder von Saint Germain ausdehnen und dabei fliehen.

Am nächsten Tage begab sich der König von Navarra mit Tagesanbruch zum Herzog von Guise, und bei der Bekanntschaft, die sie als Edle und Gevattern verband, pflogen sie viele vertrauliche Reden. Die Heinrichs zielten dahin, durch eitle Prahlereien und Erzählungen von dem, was er machen würde, wenn er General wäre, den Herzog zu bestimmen, ihn beim Könige lächerlich zu machen, wie er vordem schon gethan hatte ... So täuschte er seinerseits durch denselben Kunstgriff die, die ihn irre geführt hatten. Es war sicher anzunehmen, ohne diesen Redeerguß würde man irgend einen Grund ausfindig gemacht haben, um ihn an der Jagd zu verhindern, an der von allen Verschworenen nur Armagnac teilnahm.

Aubigné befand sich an diesem Abend im Zimmer des Königs (Heinrich III.), um sich zu verabschieden, und bemerkte dabei, wie Fervaques diesem etwas eifrig erzählte. Der König hörte so aufmerksam zu, daß er seine Umgebung ganz vergaß. Dieses Interesse, welches der König für die Erzählung zeigte, rettete Aubigné das Leben. Trotzdem der König nach dem Eingange zu stand, gelang es Aubigné, unbemerkt das Freie zu gewinnen und Fervaques aufzulauern. Es war schon zwei Stunden nach Mitternacht, als dieser endlich aus dem Schlosse kam. Er packte ihn beim Arme und sagte: »Elender, was haben Sie gethan.« Dieser war so überrascht, daß er sich nicht verstellen konnte. Er zählte die Wohlthaten auf, die er vom Könige genieße, und die ein andrer Fürst nicht ersetzen könne und sagte dann: »Geht, rettet Ihr Euren Herrn.«

Um dies zu thun, mußte Aubigné nach dem Stalle gehen, wo man in weiser Voraussicht seit drei Wochen die Pferde zum Rennen dressiert hatte. Als man dabei war, die Pferde fertig zu machen, sah man den Maire vorbeigehen, welchen der König hatte holen lassen, um nichts aus den Thoren zu lassen. Aber bevor der Befehl zur Ausführung kam, befanden sich die Pferde schon außerhalb Paris. Roquelaure wurde sofort benachrichtigt, durch das Thor und auf der Straße nach Senlis fortzureiten, was er sich nicht zweimal sagen ließ. Unterwegs bei Luzarches traf er die Stallmeister und erfuhr, daß alles entdeckt sei. Er beeilte sich, die Nachricht dem Könige von Navarra zu bringen und die Notwendigkeit, eiligst aufzubrechen, vorzustellen. Der Prinz, der seit Sonnenaufgang auf der Jagd war, brach dieselbe sofort ab; er fand in einer Vorstadt von Senlis seine Pferde und Aubigné vor und dieser meldete ihm auf Befragen: »Herr, der König weiß alles durch Fervaques, der es mir gestanden hat. Der Weg zum Tode und zur Schmach führt nach Paris, der zum Leben und Ruhm überall hin; am bequemsten reiten wir nach Sedan und Alençon. Es ist Zeit, den Ketten Eurer Gefangnenwärter zu entfliehen und Euch in die Arme Eurer wahren Freunde und getreuen Diener zu werfen.« – »Dazu brauchts nicht viel«, antwortete der Prinz kurz.

Ohne viel Reden befreite er sich von Saint-Martin und de Spalungue, die schon von zwei der Seinen getötet werden sollten. Er zog vor, sich ihrer zu bedienen, um die Verfolgung des Königs aufzuhalten. Er rief Saint-Martin zuerst und befahl ihm, anzumelden, daß er durch Roquelaure erfahren habe, es liefen gewisse Gerüchte über ihn bei Hofe um. Es bedürfe nur ein Wort des Königs, damit er entweder an den Hof zurückkäme und diese Gerüchte zum Schweigen bringe oder die Jagd fortsetze. Nachdem der Abgesandte fort geritten, stellte er sich, als wolle er im Orte übernachten und die Schauspieler anhören, die gerade da waren. Er rief dann Spalungue, dem er sagte, der König hätte nach Beauvais gehen wollen, was er vergessen gehabt habe, als er Saint-Martin absandte. Er solle nach Charenton reiten und wenn der König da nicht durchgekommen sei, ihm die Bestätigung der ersten Botschaft nach Paris bringen. Das nützte sehr viel. Saint-Martin fand die Truppen schon alarmiert und zum Abmarsche bereit. Bei seiner Ankunft, beim Morgenempfang des Königs war schon Befehl gegeben, jedermann anzuhalten. Der andere Bote, der abseits der Hauptstraße ritt, verirrte sich bei Saint-Mans und kam erst nach dem Mittagsmahle an. Als die Königin den zweiten Kundschafter zurückkommen sah, zweifelte sie nun nicht mehr an dem gespielten Streich. Dabei ging der Tag zu Ende und wer konnte wissen, wo der König von Navarra schon war! – Dieser hatte am Abend vorher Umschau unter seinen Getreuen gehalten. Er nahm mit sich: den Grafen von Grammont, Caumont, den Sohn von La Valette und nachdem Herzog von Epernon, Chalandray, le Mont de Maras und Poudins, um sie entweder für seine Partei zu gewinnen oder doch die des Hofes zu verkleinern. Es war schwierig, bei einer so dunklen Nacht über den gefrorenen Boden durch die Wälder zu kommen. Die treue Hilfe Frontenacs kam ihm dabei sehr gelegen.

Mit Tagesanbruch kam man eine Meile von Poissy über den Fluß und durch das offene Feld von Beance, das mit leichter Reiterei übersäet war. In Chateauneuf rastete der Prinz zwei Stunden und nahm von da an seinen Quartiermeister L'Epine zum Führer. Am nächsten Tage ritt er zu früher Stunde in Alençon ein. Innerhalb drei Tagen kamen zweihundertfünfzig Edelleute nach Alençon, und darunter auch – Fervaques. Als nämlich die beiden Stallmeister ihre Pferde in Paris bereit machten, ritt Crillon im Trabe an ihnen vorbei. Einer von ihnen folgte ihm aus Neugier und sah, wie er vor der Wohnung von Fervaques anhielt und diesen an das Fenster rief, um ihm, mit einigen Schlagworten gewürzt, zu sagen: »Höre, seitdem Du aus dem Zimmer des Königs fort bist, hat sich dieser ganz wütend zu Bett begeben und dabei zu uns gesagt: ›Seht diesen Verräter, erst stiftet er meinen Schwager zur Flucht an und setzt ihm eine Menge verwünschter Pläne in den Kopf, und dann kommt er hierher, um beides mir zu verraten. Er ist zu schlecht, um ihm den Kopf abzuschlagen, er soll gehängt werden.‹ »Lebewohl«, fügte Crillon hinzu, »denke an Dich. Was mich anlangt, will ich nicht, daß man mich hier findet. Verderbe mich nicht, weil ich Dir diesen Freundschaftsdienst geleistet habe.« Jetzt war es auch für Fervaques an der Zeit, sich fertig zu machen und zu fliehen. Wenn auch der Kavalier, der ihn im Kabinett des Königs gesehen und nachher gesprochen hatte, seinen Verrat aufrecht hielt, so entschuldigte er sich in Alençon damit, daß Frau von Carnavalet die erste Nachricht überbracht habe und ihn gezwungen, sich zu entdecken. Der König von Navarra ließ diese Erklärung gelten und nahm ihn in seine Dienste.

(D'Aubigné, Weltgeschichte, Buch II, Kap. 20.)

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