Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > F. Bernard >

Aus Ketten und Banden

F. Bernard: Aus Ketten und Banden - Kapitel 13
Quellenangabe
authorF. Bernard
titleAus Ketten und Banden
publisherVerlag von Herrmann Starke
year1897
printrunErstes Tausend
translatorA. Rudolph und Richard Otto
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171226
projectidff945610
Schließen

Navigation:

Maria Stuart.

– 1568. –

Als die verbündeten schottischen Lords, denen sich Maria Stuart nach ihrer Niederlage bei Carberryhill ergab, den Beschluß gefaßt hatten, sie als Gefangene zu halten und zu entthronen, brachten sie sie nach Schloß Loch Leven, das auf einer Insel gleichen Namens liegt. Sie wählten diese Feste, nicht allein wegen ihrer Lage, sondern auch besonders, weil dort die königliche Gefangene unter der Obhut derjenigen Person war, welche sie am meisten haßte: Margarethe Erskine, Mutter von William Douglas, dem Besitzer von Loch Leven. Bei dieser Frau kam zu dem Groll des beleidigten Stolzes und enttäuschten Ehrgeizes das Feuer des Religionshasses. Sie war eine eifrige Presbyterianerin und ihr Charakter, ihr Glaube, ihre Verwandtschaft, ihre Ränkesucht machten sie zu einer unerbittlichen Wächterin der armen Königin.

Nachdem man Maria Stuart gezwungen hatte, zu Gunsten ihres Sohnes auf die Krone zu verzichten, überwachte man sie noch strenger, damit sie sich nicht an fremde Fürsten um Hilfe wende oder durch ihre Freunde in Schottland ihre Flucht bewerkstellige. – Sie war mitten auf einer kleinen Insel in einem engen, finsteren Turme eingeschlossen, die ihr kaum einen Raum von sechzig Fuß zum Spazierengehen bot. Schreiben konnte sie nur während der Mahlzeiten oder des Schlafes ihrer Hüter, deren Töchter selbst nachts bei ihr schliefen.

Aber alle diese Vorsichtsmaßregeln sollten sich als ungenügend erweisen, wie Wignet schreibt. Ihre Schönheit, ihre Anmut, ihr Unglück übten auf alle, die in ihre Nähe kamen, einen unwiderstehlichen Zauber aus. Der eine von Margarethe Erskines Söhnen, Georg Douglas, Halbbruder des Regenten Murray, ließ sich durch ihren Kummer rühren und durch ihre Sanftmut gewinnen. Bald hatte ihn die verführerische Gefangene so bethört, daß er beschloß, sie zu befreien. Das erste Mal täuschte er die Wachsamkeit seiner Mutter, indem er Maria Stuart in den Kleidern der Frau, welche die Wäsche nach Loch Leven brachte, aus dem Schlosse entweichen ließ. Die so verkleidete Gefangene hatte, ohne angehalten oder erkannt zu werden, alle Thore durchschritten. Sie war in das Boot gestiegen, welches sie an das andere Ufer des Sees bringen sollte, wo sie Georg Douglas und einige seiner Genossen erwarteten. Schon hielt sie sich für gerettet. Da mitten während der Überfahrt wollte einer der Bootsleute, der eine wirkliche Wäscherin vor sich zu haben glaubte, sich den Scherz machen und ihren Schleier in die Höhe heben. Maria hielt fest die Hand darauf, um ihr Gesicht nicht zu zeigen, aber die Weiße und Schönheit der Hand ließen den Bootsmann erraten, daß es die Königin sei. So entdeckt, zeigte Maria sich entschlossen und befahl den Bootsleuten, sie bei Todesstrafe an das gegenüberliegende Ufer zu bringen. Aber diese fürchteten die Strenge des Lairds von Loch Leven mehr wie die Drohungen einer entthronten Königin und brachten sie nach der Feste zurück.

Nach diesem unglücklichen Versuch vom 25. März mußte Georg Douglas die Insel verlassen. Er unterhielt aber Verbindung mit dem Schlosse durch einen Verwandten, einem Jüngling von fünfzehn bis sechzehn Jahren, der kleine Douglas genannt, welcher seiner Mutter als Page diente.

Die Gefangene bemerkte, wie man sie jeden Tag strenger überwachte und verzweifelte schon daran, ihre Freiheit wieder zu erlangen. Sie versuchte es überall, Beistand zu erhalten und schrieb auch an die Königin Elisabeth, an Katharina von Medicis und Karl IX.; sie bat, Mitleid mit ihr zu haben und ihr zu Hilfe zu kommen.

Da gerade, als sie sich zu einer endlosen Gefangenschaft verurteilt glaubte, bereitete Georg Douglas mit Hilfe seines Vetters, des jungen Pagen, ihre Flucht vor, während die Seatons und Hamiltons sich, von ihm benachrichtigt, bereit hielten, um die Königin nach dem Verlassen des Schlosses weiter zu geleiten. Der Sonntag (2. Mai) wurde zu dieser neuen Flucht gewählt, die besser wie die erste vorbereitet war. Die Mahlzeiten fanden in Loch Leven gemeinsam statt, während nach schottischer Sitte alle Thore des Schlosses geschlossen waren. Die Schlüssel wurden neben dem Schloßherrn auf den Tisch gelegt. Bei der Abendmahlzeit gelang es dem kleinen Douglas, als er ein Gericht vor dem Laird hin stellte, sich der Schlüssel zu bemächtigen. Er führte Maria und ihre Zofe aus dem Thurme, während alle Schloßbewohner noch beim Mahle waren. Die Thür schloß er hinter sich ab und nahm die Schlüssel mit, um zu verhindern, daß man sie verfolge. Er ließ die Königin und ihre Dienerin einen kleinen Nachen besteigen und ruderte sie mit all seinen Kräften ans andere Ufer. Die Schlüssel des Schlosses warf er zur Vorsicht mitten in den See. Bevor sie das Schloß verließen, stellte der Page ein Licht in ein Fenster, welches man von den entferntesten Punkten des Sees aus sehen konnte. Es war dies das verabredete Zeichen, um die Freunde zu benachrichtigen, daß der Plan gelungen war.

Lord Seaton und einige Mitglieder der Familie der Hamilton erwarteten sie an der Landungsstelle. Die Königin stieg sofort zu Pferd und ritt eilig nach Niddry, dem Wohnsitze der Seaton im westlichen Lothian, von wo aus sie sich, nachdem sie einige Stunden ausgeruht hatte, nach dem festen Schlosse von Hamilton begab. Sie wurde da vom Erzbischofe von St. Andrew und Lord Claude empfangen, die ihr mit fünfzig Berittenen entgegengekommen waren. Die Nachricht von dieser Flucht verbreitete sich wie der Blitz über ganz Schottland, wie Walter Scott berichtet. Überall wurde sie mit Begeisterung aufgenommen. Das Volk erinnerte sich nur der Leutseligkeit, der Anmut, der Schönheit und des Unglücks der Maria. Wenn man auf ihre Fehler zu sprechen kam, sagte man, sie sei dafür streng genug bestraft.

Er ruderte sie mit allen Kräften ans andere Ufer. (Maria Stuart.)

Am Sonntag war Maria noch eine betrübte Gefangene, hilflos in einem einsamen Turme eingesperrt, und am darauffolgenden Sonnabend stand sie an der Spitze eines mächtigen Bundes von neun Grafen, acht Lords, neun Bischöfen und zahlreichen Edelleuten, die sich verpflichtet hatten, sie zu verteidigen und ihr ihre Krone wieder zu verschaffen. Aber dieser Hoffnungsstrahl war leider nur von kurzer Dauer. –

Die Schlüssel, welche der Page in den See geworfen hatte, wurden 1805 von Fischern wieder aufgefunden und werden in Kinroß aufbewahrt. Die Stelle, wo die flüchtige Königin landete, nennt man noch jetzt Mary's Knowe (Marienplatz).

*

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.