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Aus Ketten und Banden

F. Bernard: Aus Ketten und Banden - Kapitel 12
Quellenangabe
authorF. Bernard
titleAus Ketten und Banden
publisherVerlag von Herrmann Starke
year1897
printrunErstes Tausend
translatorA. Rudolph und Richard Otto
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171226
projectidff945610
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Benvenuto Cellini.

– 1538. –

Benvenuto Cellini lebte seit beinahe zwanzig Jahren in Rom, wo er jene Meisterwerke der Goldschmiedekunst herstellte, von denen die meisten leider verloren gegangen sind und die die Päpste, Kirchenfürsten und andere große Herren bei ihm bestellten, wenn sie die ewige Stadt besuchten. Als ergebener Diener von Clemens VII. beteiligte er sich an der Verteidigung der Engelsburg, als diese durch das Heer des Connetable von Bourbon belagert wurde. Der Papst hatte so großes Vertrauen zu Cellini, daß er ihn beauftragte, die Edelsteine aus den Schatzstücken herauszubrechen und in das Futter seiner Kleider zu verstecken. Später gravierte er für diesen Papst und für seinen Nachfolger Münzen, die sich den schönsten antiken, die wir besitzen, würdig an die Seite stellen können. Der aufbrausende und gewaltthätige Charakter von Cellini hatte ihm aber zahlreiche und gefährliche Feindschaften zugezogen. Sein Lebenswandel erregte Ärgernis zu einer Zeit und in einem Lande, wo man in dieser Beziehung äußerst tolerant war. Die Memoiren, welche er hinterlassen hat, sind entfernt davon, ihn von den Lastern zu reinigen, welche ihm seine Zeitgenossen vorwarfen. Ein Goldschmied, namens Pomper, hatte ihn bei Clemens VII. zu stürzen versucht. Cellini war nicht der Mann zu verzeihen, und in der regierungslosen Zeit, die auf den Tod dieses Papstes folgte, erdolchte er Pomper am hellen Tage mitten in Rom. Paul III. begnadigte ihn aber und betraute ihn mit wichtigen Arbeiten, welche der jähzornige Künstler sofort in Angriff nahm. In dieser Zeit beschuldigte ihn einer seiner Arbeiter, während der Belagerung Roms einen Teil der Edelsteine des päpstlichen Schatzes entwendet zu haben. Paul III. verzieh leicht einen Mord, verstand aber keinen Spaß, wenn es seinen Schatz betraf. Außerdem war Peter Ludwig Farnese, der Sohn des Papstes, ein Todfeind Cellinis. Das war mehr wie genug, um den Künstler zu verderben.

Eines Morgens, erzählt er in seinen Memoiren, war ich ausgegangen, um einen Spaziergang zu machen, und kam in der Julia-Straße gerade an die Ecke der Chiarica, als der Häscherhauptmann Crespino mit seinen Knechten auf mich zu kam und sagte: »Du bist ein Gefangener des Papstes.« – »Crespino«, antwortete ich ihm, »Du hältst mich für einen anderen.« – »Nein«, versetzte er, »Du bist Benvenuto, der geschickte Künstler, ich kenne Dich sehr gut, und ich habe Befehl, Dich nach der Engelsburg zu bringen, wohin die Herren und Leute von Talent wie Du, kommen.«

Vier von seinen Gehilfen hatten sich auf mich gestürzt und wollten mir gewaltsam einen Dolch entreißen, den ich an der Seite hatte und die Ringe, die ich an den Fingern trug. Crespino rief ihnen aber zu: »Daß ihn keiner von Euch anfaßt, es ist genug, wenn Ihr Eures Amtes waltet und aufpaßt, daß er nicht entflieht.« Dann trat er an mich heran und forderte höflich meine Waffen. Als ich sie ihm gab, bemerkte ich, daß wir gerade an der Stelle waren, wo ich Pomper getötet hatte. Sie führten mich in die Burg und brachten mich in ein oberes Gemach des Turmes. Das war das erste mal in meinem Leben, wo ich Gefängnisluft atmete. Ich war damals siebenunddreißig Jahre alt. –

Cellini wurde es nicht schwer nachzuweisen, daß er das Verbrechen, dessen man ihn anklagte, nicht begangen habe. Dennoch behielt man ihn gefangen, wiewohl der französische Gesandte Montluc sich für ihn verwandte und ihn im Namen Franz I. für sich forderte. Der Schloßvogt oder Gouverneur von der Engelsburg war ein Florentiner und voll von Aufmerksamkeit für seinen unglücklichen Landsmann. Nachdem er ihm sein Ehrenwort abgenommen, nicht zu fliehen, ließ er ihm im Innern des Schlosses eine gewisse Freiheit. Nachher auf einen unbegründeten Verdacht hin befahl er ihn aber wieder strenger zu bewachen, doch bald darauf ließ er ihm abermals mehr Freiheit.

Als ich sah, erzählt Benvenuto, wie alles so streng zuging, fing ich an, mehr an mich selbst zu denken und sagte mir: Wenn dieser Mann wieder einen Zornanfall hat und mir nicht traut, nehme ich mein Wort zurück und werde meine Mittel ins Werk setzen, um mich zu befreien. Ich ließ mir neue Betttücher von starkem Leinen bringen, und wenn sie schmutzig waren, gab ich sie nicht zurück. Ich bat die Diener, nicht darüber zu sprechen, da ich sie an ein paar arme Wachsoldaten verschenkt hätte, und wenn man von der Sache erführe, liefen diese Gefahr, auf die Galeere zu kommen. Auch leerte ich nach und nach meinen Strohsack, der mir als Versteck dienen sollte und verbrannte das Stroh im Kamin meiner Zelle; endlich schnitt ich die Tücher in lange Streifen von ein Drittel Brasse (etwa 20 Ctm.). Als eine genügende Anzahl davon, die mir hinreichend schien, um von der Höhe des Turmes hinabzulangen, fertig war, sagte ich den Dienern wiederum, daß ich die groben Tücher verschenkt und jetzt gern feinere haben möchte, die ich nach Gebrauch ihnen überlassen würde.

Der Schloßvogt hatte jedes Jahr eine eigenartige Krankheit, die ihm vollständig den Verstand raubte. Wenn dieses Leiden begann, sprach und schwätzte er ohne Unterlaß. Seine Manie war jedes Jahr eine andere, so glaubte er einmal ein Ölkrug zu sein, ein andermal ein Frosch und hüpfte dann wie ein Frosch, wieder einmal hielt er sich für tot, und man sollte ihn begraben. So verfiel er jedes Jahr in einen anderen Wahn. Dies Jahr bildete er sich ein, eine Fledermaus zu sein, und während er ging, ließ er zuweilen halblaute Schreie wie eine solche hören. Er bewegte auch seine Hände und den Körper, als wenn er fliegen wollte. Seine Ärzte und seine alten Diener suchten ihn nun auf alle nur denkliche Weise zu zerstreuen, und da sie zu bemerken glaubten, daß meine Unterhaltung ihm gefiele, schickte man öfter nach mir und ließ mich zu ihm kommen. Eines Tages fragte er mich, ob ich je den Gedanken gehabt hätte zu fliegen, und auf meine bejahende Antwort wollte er wissen, wie ich es anfange. Ich antwortete ihm, von den Tieren, welche fliegen, könnte man nur einem nachahmen, der Fledermaus. Als der arme Mann das Wort Fledermaus hörte, um welches sich damals seine ganzen närrischen Gedanken drehten, schrie er laut auf. »Freilich«, rief er, »so ist es, so ist es.« Dann wandte er sich zu mir und sagte: »Benvenuto, wenn man Dir alles Nötige gäbe, würdest Du fliegen können?« »Ja, wenn Sie mich frei lassen, wäre ich im Stande, bis Prati zu fliegen, mit ein paar Flügeln, die ich selbst aus feiner Wachsleinwand mache.« – »Und ich auch«, sagte er, »könnte es, aber der Papst hat mir anbefohlen, Dich so sorgfältig zu hüten wie seinen Augapfel, und ich merke schon, Du bist ein durchtriebener Teufel, der ausreißen würde und deshalb werde ich Dich hinter hundert Schlössern verwahren, damit Du nicht entkommst.« Ich legte mich aufs Bitten und erinnerte ihn, daß ich schon hätte fliehen können, daß ich aber mein Wort nicht habe brechen wollen. Ich bat ihn, um Gottes willen und um all' des Guten willen, das er mir erwiesen habe, mir kein größeres Leid zuzufügen, als ich schon erdulde. Er befahl aber trotzdem gleich darauf, daß ich gebunden nach dem Gefängnis zurückgebracht und gut eingeschlossen würde. Als ich sah, daß nichts zu ändern war, sagte ich in Gegenwart seiner Leute zu ihm: »Laßt mich gut einschließen und hütet mich gut, denn ich entfliehe trotzdem.« Man führte mich fort und wurde mit größter Sorgfalt eingeschlossen.

Sobald ich mich wieder allein in der Zelle befand, begann ich ernstlich meine Flucht zu überlegen; ich untersuchte die Zelle genau, und als ich ein sicheres Mittel zum Entweichen gefunden zu haben glaubte, überlegte ich, wie ich von dem hohen Turme, den man Mastio nannte, hinabsteigen könne. Ich nahm die Streifen neuer Leinwand, die ich aus den Betttüchern gemacht und fest zusammengenäht hatte und rechnete mir darauf die Länge aus, die ich nötig hatte, um bis hinabzureichen. Dann, als dies geschehen und alles zu diesem Zwecke Erforderliche fertig war, verschaffte ich mir eine Zange, die ich einem zur Schloßwache gehörigen Savoyarden wegnahm. Dieser Mann hatte die Fässer und Wasserbehälter im Stand zu halten und machte zu seinem Vergnügen auch Tischlerarbeiten. Unter den Zangen, die er hatte, war eine sehr große, welche meinen Zwecken gut zu dienen schien. Ich nahm sie und verbarg sie in meinem Strohsack. Als die Zeit kam, wo ich sie brauchte, versuchte ich mich damit an den Nägeln der Thürbänder, aber da es eine Doppelthür war, konnte man die Spitzen der Nägel nicht sehen, sodaß ich anfangs viele Mühe hatte, den ersten herauszuziehen. Es gelang aber schließlich. Nun galt es ein Mittel zu finden, das Fehlen des Nagels zu verbergen. Ich mischte Grünspan und Wachs und erlangte so eine Farbe, die der des Nagels gleich kam und bediente mich derselben, um auf dem Thürgewinde die herausgezogenen Nägel nachzuahmen. Sobald ein Nagel herausgezogen war, wurde er stets sofort mit der Wachsmasse ersetzt.

An den Enden ließ ich die Bänder befestigt, indem ich einige der Nägel, die ich zuerst herausgezogen, wieder hineinsteckte, sodaß alles dem Anscheine nach in Ordnung war. All' dies war sehr schwierig auszuführen, denn der Schloßvogt träumte jede Nacht, daß ich entflohen sei und ließ deshalb die Zelle stündlich revidieren. Der Mann, der mit diesen Besuchen beauftragt war, hatte das Aussehen und das Auftreten eines Polizeispitzels. Er hieß Bozza (was sowohl Geschwür wie Lüge heißt) und brachte immer einen andern mit, der Giovanni hieß, mit Spitznamen Pedignone (Frostbeule). Dieser war ein Soldat, der Bozza war Bedienter. Giovanni kam nie in die Zelle, ohne mir Schimpfworte zu sagen. Er war aus Prato und war da Bursche bei einem Apotheker gewesen. Jeden Abend beschaute er aufmerksam alle Riegel und Bänder, und ich sagte ihm immer: »Bewacht mich ja streng, denn ich will um jeden Preis fort.« Diese Reden hatten mit der Zeit große Feindschaft zwischen uns gebracht. Ich verbarg daher mit größter Vorsicht im Strohsacke alle meine Werkzeuge, wie die Zange, einen großen Dolch und ähnliche Gegenstände, wie auch meine leinenen Bänder. Da ich stets auf Sauberkeit viel gehalten, fegte ich mir jeden Tag am frühen Morgen selbst mein Zimmer aus; jetzt war ich besonders peinlich in diesem Punkte. Nach dem Fegen machte ich sorgfältig mein Bett und schmückte es mit Blumen, die ich mir jeden Morgen von dem Savoyarden bringen ließ, dem ich die Zange entwendet hatte. Wenn der Bozza und der Pedignone kamen, untersagte ich ihnen, mein Bett anzurühren oder es schmutzig zu machen, noch es in Unordnung zu bringen. Wenn zuweilen einer, um mich zu ärgern, es berührte, schrie ich: »O Ihr faulen Taugenichtse, wenn ich nur einem von Euch den Degen wegnehmen könnte, wie wollte ich Euch für Eure Anmaßung züchtigen! Glaubt Ihr das Bett eines Mannes wie ich bin anrühren zu dürfen? Mir liegt wenig genug am Leben, aber ich bin sicher, Euch das Eure zu nehmen. Laßt mich doch mit meinem Kummer und Leid, vermehrt meine Qualen nicht, sonst sollt Ihr sehen, was ein Verzweifelnder wagt.« Sie berichteten meine Reden dem Schloßvogte, der ihnen dann ausdrücklich verbot, meinem Bette zu nahe zu kommen, noch ihre Degen mit in die Zelle zu bringen, wie er ihnen auch größte Vorsicht und Aufmerksamkeit bei ihrem Dienste anbefahl. Als mein Bett gegen jede Untersuchung sicher war, schien mir alles Uebrige gethan, denn meine Flucht hing einzig von diesem Bette ab.

Ich schnitt die Tücher in lange Streifen. (Benv. Cellini)

An einem Abende (es war gerade Festtag) war der Schloßvogt kränker denn je. Im Fieberwahn wiederholte er seinen Leuten unaufhörlich, daß er eine Fledermaus sei, und wenn sie hörten, Benvenuto wäre fortgeflogen, sollten sie ihn ruhig fliegen lassen, er würde mich gewiß einholen, denn er fliege nachts besser wie ich. Benvenuto, sagte er, ist eine falsche Fledermaus, aber ich bin eine echte, und da er mir zur Bewachung übergeben ist, laßt mich nur machen, ich fange ihn schon wieder. Dieser Zustand dauerte schon seit mehreren Nächten an. Die Dienerschaft war erschöpft von Anstrengungen, wie ich von verschiedenen Seiten gehört hatte, besonders von dem Savoyarden, der sich sehr für mich interessirte.

Entschlossen, diese Nacht auf alle Fälle zu entfliehen, begann ich damit, Gott inbrünstig zu bitten, mich zu beschützen und mir bei diesem gefahrvollen Unternehmen beizustehen. Dann beschäftigte ich mich mit dem, was noch zu thun übrig blieb und arbeitete die ganze Nacht. Ungefähr zwei Stunden vor Tagesanbruch hob ich die Thürbänder mit vieler Mühe aus. Die Thüreinfassung und die Riegel hinderten mich aber zu öffnen, und ich mußte das Holz ausmeiseln. Endlich konnte ich öffnen; ich nahm meine Leinenbänder, die ich auf zwei Holzstücke gerollt hatte und schlüpfte hinaus. Ich wandte mich nach der rechten Seite des Turmes und stieg, nachdem ich zwei Ziegel ausgehoben hatte, mit Leichtigkeit aufs Dach. Ich trug ein weißes Wamms, weiße Strümpfe und Halbstiefel. In einem derselben hatte ich meinen Dolch versteckt. An einem etwa vier Finger breit hervorstehenden alten Mauersteine befestigte ich mein Band, welches sich fest wie ein Steigbügel anschmiegte. Dann ließ ich es abrollen, wandte mich um und betete: »Herr, mein Gott, hilf mir, denn Du weißt, meine Sache ist gerecht, und ich muß mir selbst helfen.« Darauf begann ich behutsam und vorsichtig hinab zur Erde zu klettern. Der Mond schien nicht, aber die Nacht war ganz hell. Unten angekommen, blickte ich hinauf zur Höhe, die ich so verwegen herabgestiegen war. Ich war ganz fröhlich, denn ich glaubte mich frei, aber ich war es noch nicht.

Der Schloßvogt hatte auf dieser Seite zwei ziemlich hohe Mauern errichten lassen, die seine Stallungen und ein Geflügelhaus einschlossen. Von außen war alles durch große Riegel verschlossen. Ich verzweifelte aber durchaus nicht, da herauszukommen, und schlich aufs geradewohl vorwärts, über meine traurige Lage nachdenkend, als ich mit dem Fuß an eine große mit Stroh umwundene Stange stieß. Ich stellte sie mit großer Anstrengung gegen die Mauer auf und kletterte daran hinauf. Die Mauer lief aber oben in eine scharfe Kante aus, was mich hinderte, die Stange in die Höhe zu ziehen, aber ich befestigte an das Ende einen Teil meiner zweiten Bandrolle (die erste hing noch am Turme). Mit vieler Mühe kletterte ich über die Mauer und auf der andern Seite hinab. Meine Hände waren aufgerissen und ganz blutig. Nachdem ich mich etwas ausgeruht und neue Kräfte gesammelt hatte, stieg ich auf den Wall der äußern Umfassung, die nach Prati zu geht. Die Bandrolle hatte ich neben mich auf die Erde gelegt und wollte eben den Streifen oben an eine Mauerzinne befestigen, wie ich am Turme gethan hatte, als ich plötzlich dicht neben mir eine Schildwache bemerkte. So in meinem Beginnen aufgehalten und in Lebensgefahr, entschloß ich mich, den Soldaten anzugreifen. Aber als mich dieser mit gezücktem Dolche auf sich zukommen sah, floh er. Ich lief schnell nach meinem Bandstreifen zurück und sah noch eine andere Wache in der Nähe, aber diese schien mich nicht oder wollte mich vielleicht nicht sehen. Ich befestigte meinen Leinwandstreifen an einer Zinne und ließ mich hinabgleiten; aber war es Ermattung, oder glaubte ich schon die Erde erreicht zu haben, kurz, ich ließ die Hände los und fiel. Mein Kopf schlug auf den Boden, und ich blieb, so viel ich beurteilen konnte, während anderthalb Stunden ohne Bewußtsein.

Bei Tagesanbruch brachte mich die dem Sonnenaufgang vorangehende Kälte wieder zur Besinnung, aber meine Gedanken waren verwirrt und es war mir, als habe man mir den Kopf abgeschnitten, und ich sei im Fegefeuer. Nach und nach kam ich ganz zum Bewußtsein, sah mich außerhalb der Burg und erinnerte mich an das eben Geschehene. Ich brachte die Hände an den Kopf und bemerkte mit Schrecken, daß sie ganz blutig waren; doch ergab eine genauere Untersuchung, daß ich keine ernstlichen Wunden am Kopfe hatte. Als ich aber aufstehen wollte, fand sich, daß das rechte Bein drei Finger über der Ferse gebrochen war. Ohne deshalb den Mut zu verlieren, zog ich aus dem Stiefel meinen Dolch, dessen Scheide in einer großen Kugel endete. Der Druck dieser Kugel auf den Knochen hatte den Bruch veranlaßt. Ich warf die Scheide weg, schnitt mit dem Dolche ein Stück von dem übrig gebliebenen Leinwandstreif und suchte das Bein so gut es ging zu verbinden. Dann nahm ich den Dolch in die Hand und schleppte mich auf den Knien nach dem Stadtthore. Es war noch geschlossen, aber einer der Mauersteine am Boden war locker, ich brach ihn aus und kroch durch die Öffnung. Es waren von der Stelle, wo ich gefallen war, bis zum Thore mehr wie 500 Schritt.

Kaum war ich in Rom, als Hunde sich auf mich stürzten und mich grausam bissen, bis ich, mit dem Dolche nach ihnen stoßend, einen so gut traf, daß er heulend entfloh und die andern ihm folgten. Ich schleppte mich nun, so schnell ich konnte, auf den Knien in der Richtung der Kirche Traspontina zu.

Am Eingange der Straße, die nach Sankt Angiolo abbiegt, wandte ich mich nach Sankt Peter, aber es war schon heller Tag, und ich lief Gefahr, entdeckt zu werden, als ich einen Wasserträger sah, der seinen mit Krügen beladenen Esel führte. Ich rief ihn an und bat ihn, mich auf die Schultern zu nehmen und auf die Stufen von Sankt Peter zu tragen. »Ich bin ein armer Bursche, der, um die Ehre einer Dame zu retten, aus dem Fenster hat springen müssen und dabei gefallen ist und das Bein gebrochen hat«, sagte ich ihm, »da das Haus, wo ich herkomme, einer der ersten Familien gehört, laufe ich Gefahr, in Stücke gehauen zu werden. Trage mich also, ich bitte Dich, Du sollst auch einen Goldgulden für Deine Mühe haben«, dabei drückte ich ihm einen in die Hand. Darauf nahm er mich in seine Arme und trug mich auf die Stufen von Sankt Peter, ließ mich da liegen und eilte schnell nach seinem Esel zurück. Ich aber schleppte mich auf den Knien weiter nach der Wohnung des Herzogs Octavio zu. Die Frau des Herzogs war die Tochter des Kaisers und mit dem Herzog Alexander von Florenz verheiratet gewesen. Ich wußte, daß viele meiner Freunde mit dieser hohen Dame von Florenz nach Rom gekommen waren und daß sie mir wohlgesinnt war.

Ich ging also den Weg nach der Wohnung der Durchlaucht zu, wo ich in Sicherheit gewesen wäre. Aber da das, was ich vollführt hatte, für einen Menschen zu wunderbar ist, so wollte Gott nicht, daß ich so eitlen Ruhm hatte und er legte mir eine Strafe auf, die noch härter war als die, welche ich erduldet hatte.

Während ich auf den Stufen von Sankt Peter weiter rutschte, wurde ich von einem Diener des Kardinals Cornaro erkannt, der im Vatikan wohnt. Dieser Mensch lief zum Kardinal, weckte ihn und sagte: »Erlauchter Herr, Benvenuto, Euer Schützling, ist unten. Er ist aus der Burg entflohen und schleppt sich ganz blutig weiter. Es scheint, er hat ein Bein gebrochen und man weiß nicht, wie's ihm ergehen mag.« »Geht schnell«, rief der Kardinal, »und bringt ihn hierher in mein Zimmer.« Als man mich bei ihm niederlegte, sagte er mir, ich habe nichts zu fürchten und schickte sofort nach einem der ersten Ärzte Roms. Dann ließ er mich in ein verstecktes Zimmer bringen und ging zum Papste, um von diesem meine Begnadigung zu erbitten.

Inzwischen hatte sich die Nachricht von meiner Flucht über ganz Rom verbreitet, denn man hatte das leinene Band am Turme der Burg bemerkt und die Leute liefen, das Unglaubliche anzustaunen. Der Kardinal Cornaro traf im Vatikan den erlauchten Herrn Robert Puni, erzählte ihm die Einzelheiten meiner Flucht und daß ich bei ihm verborgen sei. Darauf gingen beide, um den Papst fußfällig um meine Begnadigung zu bitten. Dieser sagte gleich als er sie sah: »Ich weiß, was Ihr wollt.« »Heiliger Vater«, sprach Herr Puni, »wir bitten um die Gnade, uns diesen Mann zu lassen. Sein Talent verdient, daß man etwas Nachsicht mit ihm hat. Er hat eben einen Mut und Geschicklichkeit gezeigt, die übermenschlich scheinen. Wir wissen nicht, wegen welcher Vergehen Eure Heiligkeit ihn gefangen gesetzt hat, aber wenn sie zu verzeihen sind, bitten wir um seine Begnadigung.« Der Papst antwortete ein wenig verwirrt, man habe mich gefangen gesetzt, weil ich zu vermessen sei. »Aber«, sagte er, »sein Verdienst ist uns bekannt, wir wollen ihn bei uns behalten und sind entschlossen, ihm so viel Gutes zu erweisen, daß er nicht nötig hat, wieder nach Frankreich zu gehen. Ich bedauere, daß er krank ist; – sagt ihm, er solle bald gesund werden und wir wollen ihm dann die Leiden, die er erduldet hat, vergessen machen.«

Die beiden hohen Herren überbrachten mir diese gute Nachricht vom Papste. Im Verlauf seiner Erzählung läßt Benvenuto Paul III. sagen, er selbst sei in seiner Jugend aus der Engelsburg entwichen. Er führt die Ursache seiner Gefangensetzung und die Einzelheiten seiner Flucht als wohl bekannt an. Aber, abgesehen davon, daß die Daten nicht mit den Thatsachen, die Cellini anführt, übereinstimmen, haben wir nirgends einen Anhalt dafür finden können. Ein solches Vorkommnis im Leben eines Papstes und noch dazu bei Paul III. wäre doch zu wesentlich, um, wenn es wahr wäre, Spuren in der Geschichte hinterlassen zu haben.

Bald kam auch der Gouverneur von Rom, um zu fragen, ob mir Jemand bei der Flucht geholfen hätte.

Zum Papste zurückgekehrt, wiederholte er diesem in Gegenwart des Herrn Peter Ludwig Farnese, was ich ihm gesagt hatte. Alle Welt war erstaunt und der Papst sagte: »Das ist wirklich wunderbar!« – »Heiliger Vater«, versetzte Herr Peter Ludwig, »er wird noch andere Dinge vollführen, wenn Ihr ihn in Freiheit setzt; denn er ist ein unglaublich verwegener Mensch. Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen, die Sie nicht kennen. Ehe Sie ihn nach der Engelsburg bringen ließen, hatte dieser nämliche Benvenuto einen Wortwechsel mit einem Kavalier des Kardinal Santo Fiori und geriet so in Wut, daß er drohte, ihn zu schlagen. Als der Kardinal von der Sache erfuhr, sagte er, wenn er es sich einfallen lasse, wolle er diesen Narren schon kurieren. Benvenuto kam dies zu Ohren, und da der Palast des Kardinals seiner Werkstätte gegenüber liegt, nahm er seine Flinte, lud sie mit einer Kugel und legte auf den Kardinal an, der, gewarnt, sich noch rechtzeitig zurück zog. Benvenuto zielte dann auf eine Taube, die unter dem Dache des Palastes nistete und, merkwürdig genug, schoß ihr den Kopf ab. Jetzt möge Eure Heiligkeit mit ihm machen, was Ihr beliebt, ich wollte nur warnen. Diesem Manne, der sich unschuldig bestraft glaubt, könnte auch der Gedanke kommen, auf Eure Heiligkeit zu schießen. Es ist ein unbändiger Charakter, nichts hält ihn auf. Er hat Pomper zwei Dolchstiche in die Kehle versetzt, mitten unter zehn Leuten, die ihn bewachten.« Der Hofkavalier des Kardinal Santa Fiori war gegenwärtig und bestätigte, was der Sohn des Papstes erzählte.

Hunde stürzten sich auf mich und bissen mich grausam. (Benvenuto Cellini.)

Der Papst war noch unter dem schlechten Eindrucke von dem, was sein Sohn ihm mitgeteilt, als zwei Tage später der Kardinal Cornaro ihn für einen seiner Schützlinge, namens Andreas Cenaro, um ein Bistum bat. Der Papst hatte ihm für diesen ein Bistum versprochen, und da gerade ein solches frei war, erinnerte ihn der Kardinal an sein Versprechen. »Es ist wahr«, sagte der Papst, »ich will auch geben, was ich versprochen habe, nur stelle ich die Bitte dagegen, mir Benvenuto zu übergeben.« »Heiliger Vater«, erwiderte der Kardinal, »Ihr habt mir seine Begnadigung und Freiheit gewährt, was wird die Welt von Euch und mir sagen?« »Ihr wollt Euer Bistum«, versetzte der Papst, »und ich will Benvenuto, mag man sagen, was man will.« – »Möge Eure Heiligkeit mir das Bistum geben, und im übrigen thun, was Sie für gut findet.« Der Papst erwiderte: »Ich werde Benvenuto holen und ihn nach den unteren Zimmern in meinem Gartenhause bringen lassen. Seine Freunde können ihn da besuchen; alle Kosten seines Unterhaltes bezahle ich.« – Als der Kardinal nach Hause kam, ließ er mir durch Andreas sagen, daß mich der Papst ausgeliefert haben wolle, aber ich solle in seinem Privatgarten wohnen und könne meine Freunde empfangen. Ich bat darauf Herrn Andreas, dem Kardinal zu sagen, er möge mich nicht dem Papste ausliefern, sondern mich ausführen lassen, was ich beabsichtigte. Ich wolle mich in eine Matratze stecken und an einen Ort außerhalb Roms bringen lassen. Mich dem Papste überliefern hieße mich in den Tod schicken!

Der Kardinal würde sich sicher zur Ausführung meines Planes bereit gefunden haben, aber Herr Andreas, dem an seinem Bistum lag, teilte die Sache dem Papste mit und dieser ließ mich darauf sofort holen. –

Nachdem man Cellini in seinem neuen Gefängnis eine Zeit lang gut behandelt, wurde er plötzlich nach Torre di Nona gebracht und dann abermals nach der Engelsburg. Der Schloßvogt hatte immer noch seine Wahnanfälle, er bildete sich ein, daß sein Gefangener ihm trotzen wolle und ließ ihn in eine unterirdische Zelle bringen, wo das Licht täglich nur während ein und einer halben Stunde eindrang. Da blieb er vier Monate, ohne ein anderes Mittel zu haben, sich geistig zu beschäftigen, wie die Bibel zu lesen und die Chroniken von Villani, die ihm der Schloßvogt geschickt hatte. Dieser arme Wahnwitzige glaubte sein Ende nahe und schrieb dies Benvenuto zu. Zeitweilig verdoppelte er deshalb seine Grausamkeit gegen ihn, dann war er wieder eine Zeit lang milder. Aus dem ersten Gewahrsam ließ er ihn nach einem noch tieferen bringen, ein wahres Loch, das gefürchtet war, besonders, seitdem man einen jungen Priester, Foiano mit Namen, darin hatte Hungers sterben lassen. Währenddem bestürmte Montluc, der französische Gesandte, seitens seines Monarchen fortgesetzt den Papst, Cellini frei zu geben. Auch der Schloßvogt, der einige Tage vor seinem Tode wieder zur Vernunft gekommen war, hatte ihn der Gnade Paul III. empfohlen. Schließlich versuchte es der Kardinal von Ferrara, der nach Rom gekommen war, um dem Papste seinen Besuch abzustatten. Der Papst lud ihn zum Essen ein, da er, wie Cellini sagt, denken mochte, eine gute Mahlzeit löse die Zunge, und er könne ihn so besser über gewisse wichtige Fragen aushorchen. Der Kardinal nahm als geschickter Diplomat die Einladung an und erzählte dem Papste von den Vergnügungen am französischen Hofe. Als er ihn dabei am Schlusse guter Laune sah und so heiter, daß er voraussichtlich seinem Gaste nichts abschlagen würde, bat er ihn im Namen des Königs um die Begnadigung Cellinis. Der Papst gewährte sie und sagte unter lautem Lachen: »Ich will aber, daß Sie ihn auf der Stelle mitnehmen.« Die nötigen Befehle wurden gegeben, und ohne den nächsten Tag abzuwarten, ließ der Kardinal sogleich Cellini holen, der dieses Mal aus der Engelsburg herauskam, um nie wieder deren Schwelle zu überschreiten.

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