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Aus Ketten und Banden

F. Bernard: Aus Ketten und Banden - Kapitel 10
Quellenangabe
authorF. Bernard
titleAus Ketten und Banden
publisherVerlag von Herrmann Starke
year1897
printrunErstes Tausend
translatorA. Rudolph und Richard Otto
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171226
projectidff945610
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Jacob V., König von Schottland.

– Sechzehntes Jahrhundert. –

Sir Georg Douglas und sein Bruder, der Graf von Angus, welcher die Königin Margarethe geheiratet hatte, hatten sich der Person des jugendlichen Königs Jacob V. bemächtigt. Der Graf von Angus verwaltete das Königreich und übte die Funktion eines Regenten aus, wenn er auch nicht den Titel annahm. Kurz, diese beiden Herren arbeiteten dahin, ihre Familie an Stelle der regierenden auf den schottischen Thron zu bringen. Verschiedene Versuche, den König zu befreien, waren gescheitert, selbst zwei Schlachten waren ohne Erfolg für die Anhänger von Jacob V. geblieben. Bei Beginn der zweiten, als Georg Douglas bemerkte, daß der König eine Gelegenheit suchte, zu entfliehen, hatte er ihm gesagt: »Es ist unnütz, daß Eure Gnaden uns zu entfliehen suchen; wenn unsere Feinde Sie an einem Arm halten und wir am andern, würden wir Sie eher in Stücke zerreißen als loslassen.« Zu seiner Bewachung hatten sie eine Abteilung von hundert auserlesenen Leuten bestellt, die einer der Ihrigen, Douglas von Parkhead, befehligte.

Nachdem alle Versuche, durch offene Gewalt frei zu kommen, gescheitert waren, versuchte Jacob es mit der List. Er erreichte es bei seiner Mutter, der Königin Margarethe, daß sie ihm das Schloß Stirling abtrat, welches ihr als Wittwensitz überlassen worden war. Als Verwalter und Befehlshaber setzte er einen Edelmann ein, zu dem er volles Vertrauen haben konnte. Alles dies geschah ganz im Geheimen. Als er sich so einen Zufluchtsort vorbereitet hatte, spähte Jacob nur nach einer Gelegenheit, um sich dahin zu flüchten. Um die Wachsamkeit der Douglas einzuschläfern, zeigte er soviel Ehrerbietung gegen den Grafen von Angus, daß man nicht zweifelte, der junge König sei durch die fehlgeschlagenen Befreiungsversuche entmutigt und habe sich in sein Sklaven-Loos ergeben.

Es traf sich, daß einmal der Graf von Angus, Archibald und George Douglas nach verschiedenen Punkten des Königreichs fort waren, teils in Geschäften, teils auch zum Vergnügen. Bei dem Könige blieb nur Douglas von Parkhead und die hundert Männer, auf deren Wachsamkeit die Abwesenden sicher zählen konnten. Jacob hielt den Augenblick günstig zur Flucht. Um den Verdacht abzuwenden, erklärte er, er wolle am nächsten Morgen früh aufstehn und auf die Hirschjagd gehen. Douglas von Parkhead ahnte von nichts und zog sich in sein Zimmer zurück, nachdem er die Wachen ausgestellt hatte. Kaum war der König allein, so rief er John Hart, seinen getreuen Pagen: »John«, sprach er zu ihm, »liebst Du mich?« – »Mehr als mich selbst«, erwiderte der junge Diener. – »Willst Du alles für mich wagen?« – »Mein Leben, wenn es sein muß«, antwortete John Hart. – Darauf erklärte ihm der König seinen Plan. In der Kleidung eines einfachen Dieners begab er sich mit den Pagen in den Stall, als ob sie Vorbereitungen für die morgende Jagd treffen wollten. Die Wachen, durch die Verkleidung getäuscht, ließen den König ohne Hindernisse durch. Drei gute Pferde, fertig gesattelt, erwarteten sie, denn der König hatte einen Diener ins Vertrauen gezogen, der alles vorbereitet hatte.

Der König stieg aufs Pferd und galoppirte, von seinen beiden getreuen Dienern begleitet, die ganze Nacht hindurch. Er fühlte sich wie ein Vogel, der dem Käfig entweicht. Mit Tagesgrauen kam er an die Brücke von Stirling. Da man den Forth nur auf dieser Brücke oder im Boote überschreiten kann, so befahl Jacob die Thore zu schließen, sie zu verteidigen, und niemand, wer es auch sei, darüber zu lassen. Der von ihm selbst eingesetzte Befehlshaber ließ sofort alle Brücken aufziehen, stellte Wachen aus, kurz, traf alle Verteidigungsmaßregeln, die die Klugheit gebietet. Der König fürchtete so sehr, wieder in die Gewalt der Douglas zu kommen, daß er, trotz der großen Ermüdung, sich nicht früher niederlegen wollte, als bis er die Schlüssel des Schlosses in seinen Händen hatte und unter seinem Kopfkissen verwahren konnte.

Am nächsten Morgen war der Schrecken in Falkland groß. Georg Douglas war gegen elf Uhr an demselben Abend, wo der König entfloh, zurückgekommen. Bei seiner Ankunft fragte er nach Jacob, und man sagte ihm, er schlafe schon, weil er morgen zeitig auf die Jagd wolle. Darauf zog er sich seinerseits vollkommen beruhigt zurück. Aber als der Morgen kam, erfuhr er ganz andere Neuigkeiten. Ein gewisser Peter Carmichael, Amtmann von Abernethy, klopfte an seine Thür und frug, ob er wohl wisse, wo der König jetzt sei. »Er schläft in seinem Zimmer«, sagte Sir George. – »Sie irren sich«, versetzte Carmichael, »er ist heute Nacht über die Brücke von Stirling geritten.«

Douglas sprang vom Bette auf, eilte nach dem Zimmer des Königs, klopfte stark an, und als er keine Antwort erhielt, ließ er die Thür einschlagen. Wie er das Zimmer leer sah, schrie er: »Verrat! Der König ist fort!« sandte sofort Eilboten an seine Brüder und schickte nach allen Richtungen Botschaften, um seine Anhänger zu sammeln, damit man suche des Königs wieder habhaft zu werden.

Der König ließ aber mit Trompetenklang bekannt machen, er werde jeden als Verräter erklären, der es wage, im Umkreise von zwölf Meilen sich seiner Person im Namen von Douglas zu nähern oder sich an der Verwaltung des Königreichs zu beteiligen. Die Douglas mußten sich unterwerfen, und von da an begann der Verfall ihres Hauses.

(Walter Scott, Geschichte von Schottland, Serie I, Kap. 23.)

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