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Aus Jurte und Kraal

Gisela Etzel: Aus Jurte und Kraal - Kapitel 6
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authorGisela Etzel
titleAus Jurte und Kraal
publisherDie Lese-Verlag G.m.b.H.
editorGisela Etzel
year1911
illustratorBerthold Körting
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Eine Türe im Verhör

Kurdisch

Man erzählt, daß zur Zeit, als Tschedetschi – Abdallah – Pascha der Wali von Erserum war, ein Dieb nächtlicherweile in ein Haus drang und Geld und Waren stahl. Am nächsten Morgen machte der Eigentümer dem Tschedetschi Anzeige, daß während der Nacht Diebe bei ihm eingebrochen wären. Tschedetschi befragte den Mann, ob der Diebstahl mit Einbruch oder wie sonst begangen worden sei. Der Mann gab an, daß die Diebe den Rahmen der Türe ausgebrochen hätten, so eingedrungen wären und den Diebstahl begangen hätten. Tschedetschi befahl ihm, die Türe nebst dem Rahmen auszuheben und sie ihm durch einen Lastträger in den Palast bringen zu lassen. »Ich werde,« sagte er, »die Türe und den Rahmen befragen, so den Dieb entdecken und die gestohlenen Gegenstände wiederfinden.«

Der Mann schenkte diesen Worten keinen Glauben, konnte aber dennoch nicht umhin, nach Hause zu gehen und Türe und Rahmen einem Lastträger zu geben, der sie in den Palast brachte und gegen eine Mauer stellte. Tschedetschi hieß nun den Eigentümer fortgehen und am nächsten Tage zur Audienzzeit wiederkommen. »Ich will,« sagte er, »die Türe befragen und werde so den Dieb entdecken und die entwendeten Gegenstände wieder zur Stelle bringen.« Der Eigentümer ging nach Hause, und die Neuigkeit durchlief bald die ganze Stadt. Man erzählte, wie die Sache zusammenhänge, wie Tschedetschi die Türe und den Rahmen nach dem Palast habe bringen lassen, um sie über den Dieb zu verhören. Man war allgemein über solches Verfahren erstaunt und sagte, der Pascha müsse verrückt geworden sein; denn wie konnte eine Türe sprechen und den Urheber des Diebstahls entdecken? Die Diebe hörten gleichfalls von der Sache reden und scherzten untereinander, indem sie sagten: »Wahrlich, unser Pascha hat viel Geist.« So machte man sich über ihn lustig.

Am folgenden Tage drängte sich in dem Palasthof eine große Menschenmenge. Tschedetschi sah aus dem Fenster; er stellte neben die besprochene Türe einen Mann mit einer Keule, zu dem er sagte: »Wenn ich dir befehlen werde: Schlage! so gibst du der Türe mehrere Hiebe, dann hältst du inne und legst dein Ohr daran. Darauf werde ich dich fragen: Was sagt die Türe aus? und du antwortest mir: Sie wird gleich sprechen.«

So geschah es auch. Die Menge nahm immer mehr zu und lief von allen Seiten herbei, um zu sehen, wie der Pascha die Türe verhörte.

Dieser schickte mehrere verkleidete Männer aus, welche sich unter das Volk mischten und beauftragt waren, die Blicke zu beobachten und diejenigen festzunehmen und vor ihn zu bringen, welche, sobald die Türe etwas ausgesagt hätte, Blicke miteinander wechseln würden.

Es befanden sich nun auch wirklich zwei von den Dieben unter dem Volke.

Der Pascha wandte sich von neuem an den Mann, der den Befehl hatte, die Türe zu schlagen, und rief ihm zu: »Schlage auf die Türe hier zu, damit sie die Diebe entdecke; wenn sie dies nicht tut, so werde ich sie ins Feuer werfen lassen.«

Der Beamte schlägt noch einmal so stark auf die Türe los und legt sein Ohr an dieselbe, wie um eine Antwort zu erhalten. Das Volk, dessen Neugierde aufs höchste gespannt war, blickte unverwandt hin, indem es bald laut auflachte, bald seine Verwunderung zu erkennen gab.

Plötzlich rief der Beamte: »Ja, Herr, jetzt hat mir die Türe endlich die nähere Beschreibung der Diebe gegeben, sie befinden sich unter den hier Anwesenden, und jeder von ihnen hat eine Schlange um den Arm gewickelt.«

Kaum hatte der Beamte, welcher die Türe schlug, diese Aussage gemacht, so warfen die beiden überraschten Diebe einen Blick auf ihre Arme. Als die verkleideten Häscher diese Bewegung bemerkten, nahmen sie jene beiden sogleich fest und führten sie vor den Pascha, indem sie ihm berichteten, daß diese beiden Menschen, als der Beamte, welcher die Türe schlug, die Schlangen erwähnt habe, bestürzt auf ihre Arme geblickt hätten. Der Pascha befahl ihnen, ihr Verbrechen einzugestehen, sonst würde er sie alsbald hinrichten lassen.

Darauf bekannten die Spitzbuben, daß sie den Diebstahl begangen hätten, und gaben noch den Ort an, wo ihre zwei Spießgesellen waren, und den, wo die gestohlenen Güter sich befanden. Der Pascha ließ die beiden Spießgesellen aufsuchen, man nahm sie gefangen und führte sie vor, und dann brachte man die entwendeten Gegenstände herbei. Die vier Diebe wurden an den vier Ecken der Festung aufgeknüpft.

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