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Aus Jurte und Kraal

Gisela Etzel: Aus Jurte und Kraal - Kapitel 37
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authorGisela Etzel
titleAus Jurte und Kraal
publisherDie Lese-Verlag G.m.b.H.
editorGisela Etzel
year1911
illustratorBerthold Körting
correctorreuters@abc.de
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Der Hase und der Couroupas

Aus Mauritius

Papa Hase kam eines Tages an einem Schwarzholzbaume vorbei. Als er zufällig aufblickte, sah er ein Wespennest in einem Zweige hängen. Ich weiß nicht, was ihm durch den Kopf ging, aber er erstieg den Baum, befestigte ein Seil um das Nest, kletterte wieder herunter und setzte sich nieder, das Seil in den Händen. Da blieb er, ohne sich zu rühren.

Er saß da unbeweglich, als Gevatter Couroupas vorbeikam. Der sieht ein gutes Weilchen den regungslosen Hasen mit seinem Seil in der Hand an.

»Nun, Gevatter,« sagt schließlich der Couroupas, »was machst du denn da mit dem Seil?«

»Still, Freund, laß die Kinder arbeiten; weist du nicht, daß hier Schule ist? Ich bin beauftragt, die Glocke zu läuten: um acht Uhr, wenn die Kinder die Klasse betreten, läute ich; um zehn Uhr, wenn sie sie verlassen, läute ich. Sechs Piaster im Monat, einen halben Ballen Reis und Pökelfische. Es ist eine gute Stelle! Unglücklicherweise bin ich genötigt, sie aufzugeben. Mein Arzt hat mir Luftveränderung verordnet, ich gehe aufs Land.«

»Nun, Gevatter, da du genötigt bist, fortzugehen, so überlaß mir deine Stelle.«

»Ich würde gerne schon heute gehen, wenn ich jemanden fände, der mich ersetzen kann.«

»Nun, da bin ich ja!«

»Nun, schön, wenn ich dich aber meine Stelle einnehmen lasse, so hüte dich, daß du nicht versäumst, rechtzeitig zu läuten.«

»Fürchte nichts, Gevatter, ich werde mir niemals etwas zuschulden kommen lassen. Gib das Seil!«

Der Hase gibt ihm das Seil und sagt:

»Hör nun zu, es wird gleich zehn Uhr von der Kirche läuten; achte darauf und läute dann auch du!«

Der Hase geht, der Couroupas sitzt zu Füßen des Schwarzholzbaumes; er hält das Seil und horcht mit gespitzten Ohren. Die Kirche läutet: der Couroupas zieht an seinem Seil. Nichts! Die Glocke läutet nicht. »Mama, wie geht sie doch schwer, diese Glocke!«

Der Couroupas hängt sich ans Seil. Er zerrt und schüttelt. Plötzlich bricht der Zweig und das Nest stürzt herunter. Wütend schwärmen die Wespen aus, stürzen sich auf den Couroupas, zerstechen ihm Gesicht, Hände, Füße, Augen, kurz, übersähen ihn mit Stichen.

»Au, Mama!« Der Couroupas läuft davon, die Wespen hängen sich an ihn und stechen und stechen.

Ein oder zwei Monate gehen hin. Der Couroupas war geheilt. Eines Tages, als er durch einen Tannenwald ging, bemerkte er den Hasen. Sein Zorn erwachte.

»Heda, du Hundesohn, ich muß dich töten!«

Aber der Hase war durchtrieben. »Holla, Schwarzer, bist du toll, mich so anzuschreien, weißt du nicht, daß hier die Kirche ist? Schaue die Säule an (es waren die Palmenstämme, auf die er zeigte), ich bin der Kirchendiener und muß dich vor die Türe setzen, wenn du so laut sprichst.«

Der gescholtene Couroupas fand kein Wort der Erwiderung. Der Hase kommt und geht in der Kirche, tritt auf den Couroupas zu und sagt:

»Hier, Gevatter, koste mal dies Weihwasser!«

Es war Honig. Bei seinem Hin und Her hatte der Hase seinen Finger in eine Tasse getaucht, die er unter Farnkraut verborgen hatte. Der Couroupas kostet den Honig und macht große Augen:

»Mama, das ist kein gutes Weihwasser! Wo aber befindet sich denn das Weihwasser, hier in der Kirche?«

Der Hase führt ihn: »Hier!« Es war ein Bienenstock und die Bienen waren noch darin. Der Hase verläßt den Couroupas und drückt sich. Der Couroupas nähert sich dem Bienenstock.

»Ich möchte wohl mein Gebet verrichten, zuerst aber muß man Weihwasser nehmen.«

Er taucht die Hand in den Bienenstock: ein Schwarm, ein Schwarm von Bienen erhebt sich; sie stürzen auf ihn und hängen sich ihm wütend an. Er ist rasend, er wälzt sich auf der Erde, er rührt sich nicht mehr, er ist wie tot. Die Bienen halten ihn wirklich für tot und lassen von ihm ab.

Zwei oder drei Monate vergehen, der Couroupas ist geheilt.

Eines Tages begibt sich der Hase zur Tochter des Königs, um ihr Besuch zu machen, und während der Unterhaltung fragt sie ihn:

»Kennt Ihr den Couroupas?«

»Ihr fragt, ob ich den Couroupas kenne? Wie sollte ich nicht! Er ist ja mein Pferd. Um vier Uhr, nachher, wenn Ihr am Fenster seid, könnt Ihr mich auf ihm vorbeireiten sehen.«

Der Hase verläßt den Königspalast und geht in den Wald. Er kannte die Stelle, wo eine Henne brütete; er geht hin, nimmt drei faule Eier und steckt sie in die Tasche. Dann setzt er sich auf einen Stein am Weg, den der Couroupas zu nehmen pflegte. Der Couroupas kommt und sieht den Hasen:

»Elender Lump! Heut sollst du mir nicht entgehen! Ich werde dich töten!«

Der Hase tut, als ob er weint:

»Ach weh, mein Freund, du brauchst dir nicht die Mühe zu machen, mich zu töten. Ich bin sehr, sehr krank und werde gleich sterben. Weh, weh! Was ich leide! Verzeihe, Gevatter, verzeihe! Komm, hilf mir aufstehen. Ich will versuchen mich ins Krankenhaus zu schleppen; vielleicht kann der Arzt mir Erleichterung verschaffen. Weh, weh! Ich habe ein Feuer in der Brust!«

Der Couroupas nähert sich ihm und entsetzt sich über den gräßlichen Geruch: der Hase hatte heimlich ein faules Ei zerbrochen.

»Puh, wie du stinkst, du bist wirklich krank, man kann es nicht bei dir aushalten!«

»Ja, Bruder, es ist schon die Leiche. Ich werde sterben, ich fange schon an zu stinken. Ach, ich kann ja nicht mehr laufen, trag mich ins Hospital, mein Bruder und Gott wird dir's lohnen! Ach, ach!«

Der Couroupas hat ein gutes Herz, er nimmt ihn auf den Rücken.

»Gib mir einen Zügel, Bruder; ich bin zu schwach, zu matt, ich würde hinunterfallen.«

Der Couroupas gibt ihm einen Zügel.

»Gib mir eine Peitsche, lieber Bruder; ich werde dir mit dem Stiel zeigen, wie du zu gehen hast, denn der Weg zum Hospital ist schwer zu finden. Ach, wenn ich spreche, brennt es mich wie Feuer in dem Halse; du mußt mich nicht sprechen machen, lieber Bruder!

Als der Hase als Reiter auf dem Couroupas Zügel und Peitsche in der Hand hält, lenkt er ihn zum Königspalast. Der Couroupas geht und geht; es ist so seine Art, langsam zu gehen. Der Hase sagt:

»He du, das Hospital schließt um vier, du mußt galoppieren oder wir kommen zu spät.«

Der Couroupas bleibt bei seinem Gang. Doch der Zügel geht ihm durchs Maul, und der Hase zieht daran:

»He, du, Galopp, wenn ich dir doch sage!«

Der Couroupas ärgert sich: »Wenn du nicht ruhig bist, so werfe ich dich ab!«

Der Hase lacht: »Versuches, Kamerad, versuch's!«

Und der Hase gibt ihm einen Peitschenschlag. Der Couroupas will ihn abwerfen. Unmöglich! Die Zügel schneiden ihm ins Maul, die Peitschenschläge betäuben ihn, er muß sich wohl oder übel in Galopp setzen. So kommen sie an dem Fenster der Königstochter vorbei; der Hase zieht den Hut.

Man war nicht weit vom Meeresstrande. Der Hase drängt den Couroupas vorwärts und nötigt ihn mit Hilfe von Peitschenhieben, ins Wasser zu gehen. Der Couroupas, der nicht schwimmen kann, will stehen bleiben. Unmöglich! Der Hase zwingt und zwingt ihn weiter. Das Wasser geht ihm über den Kopf, er hebt die Arme, er öffnet den Mund zum Schreien, er schluckt Wasser und ertrinkt.

Der Hase kehrt ans Land zurück. Als seine Kleider trocken sind, geht er zur Tochter des Königs und sagt:

»Dieser Couroupas, du weißt schon, war ein trauriges Reittier! Ich habe ihn verkauft.«

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