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Aus Jurte und Kraal

Gisela Etzel: Aus Jurte und Kraal - Kapitel 18
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authorGisela Etzel
titleAus Jurte und Kraal
publisherDie Lese-Verlag G.m.b.H.
editorGisela Etzel
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illustratorBerthold Körting
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Aus Afrika

Der Nachträuber und der Tagräuber

Marokko

War einmal ein Mann, der hieß der Nachträuber; er war aus Marokko und galt für einen Dieb und schlimmen Gesellen. Ein andrer Mann hieß der Tagräuber; der war aus Fes.

Einst wurden beide durch göttliche Fügung zusammengeführt. Sie brachen nun auf und gelangten nach der Stadt eines Königs. Der war sehr streng. In der Stadt befand sich auch ein Kadi; der war ein sehr gerechter Mann. – Es gelangten die beiden in ein Kaffeehaus und setzten sich hin; dann zog ein jeder einen halben Brotfladen hervor und bestellte den Kaffee. Der Nachträuber bat hierauf den Tagräuber: »Bitte, teile mir doch mit, wer du bist!« Der Tagräuber entgegnete: »Ich bin der Tagräuber. Aber wer bist du?« Der Gefragte erwiderte: »Ich bin der Nachträuber. Doch,« fuhr er fort, »laß uns jetzt essen! Bestelle den Kaffee!« Beide bestellten also den Kaffee und zogen je einen halben Brotfladen hervor. Als der erste die Hälfte des Brotes seines Genossen sah, wunderte er sich darüber. Nun betrachteten sie das Brot zusammen. Der Nachträuber fragte: »Woher hast du dies Brot?« Der Tagräuber erwiderte: »Woher hast du das Brot?« Der Nachträuber versetzte: »Ich habe es von meiner Frau.« Der Tagräuber erklärte: »Ich habe es auch von meiner Frau«. Nun fragte der Nachträuber: »Wie heißt denn deine Frau?« Wieder fragte auch der Tagräuber: »Wie heißt denn deine Frau?« Der Nachträuber sprach: »Meine Frau heißt Jemina.« Darauf erklärte der Tagräuber: »Meine Frau heißt ebenfalls Jemina.« Der erste fragte weiter: »Wo wohnt denn deine Frau?« Der zweite tat die Gegenfrage: »Wo wohnt denn deine Frau?« Der erste sprach: »Meine Frau wohnt hier in der Stadt.« Der zweite versetzte: »Meine Frau wohnt ebenfalls hier in der Stadt.« Der erste rief: »Auf zu ihr!« Der zweite rief ebenfalls: »Auf zu ihr!«

Nun brachen sie zusammen auf und gelangten nach dem Hause, wo die Frau wohnte. Da rief der Nachträuber: »Hier wohnt meine Frau!« Der Tagräuber erwiderte: »Hier wohnt auch meine Frau.« Die Frau aber hatte zwei Kinder; darum verlosten die beiden Männer die Kinder untereinander, so daß ein jeder ein Kind erhielt, die Frau aber jagten sie fort.

Hierauf reisten sie nach einer andern Stadt, die einem Könige gehörte. Als sie in die Stadt gelangt waren, bezogen sie ein Haus. Dann hieß es: »Auf! Laß uns stehlen!« Sie gingen aus und fragten einander: »Wer soll beginnen?« Der Tagräuber versetzte: »Ich will beginnen!« Der andre sprach: »Wohlan denn!« Der erste begann wieder: »Wenn ich stehle, dann paß ja auf, wie ich das tue!« Der andre entgegnete: »Gut!« – Nun gingen sie weiter und trafen einen Mann, der gerade aus seinem Laden kam und das Tor abschloß. Der nahm eine ins Taschentuch eingewickelte Summe Geldes in die Hand und steckte sie dann in seine Tasche. Dann ging er fort, als er die Türe geschlossen hatte. Währenddem entwendete ihm aber der Tagräuber das Geld aus der Tasche und steckte eine Apfelsine in dieselbe und blieb dort in der Nähe des Ladens. Der Mann ging nun die Straße entlang, und als er mit der Hand in die Tasche griff, konnte er das Geld nicht mehr finden. Drum kehrte er nach seinem Laden zurück; denn er dachte, er habe es vergessen. Als er nun in seinen Laden treten wollte, nahm ihm der Tagräuber die Apfelsine wieder aus der Tasche und tat an ihre Stelle das Geld. Der Mann trat in den Laden ein; da fand er das Geld richtig in der Tasche und wunderte sich sehr. Er sprach bei sich: »Ich muß verrückt geworden sein!« Als hierauf der Mann wieder auf die Straße trat, entwendete ihm der Tagräuber zum zweiten Male das Geld und sprach zum Nachträuber: »Komm!«

Sie begaben sich hierauf nach Hause. Der Tagräuber fragte seinen Genossen: »Hast du gesehen, was ich fertig bekommen habe?« Sein Kamerad erwiderte: »Bravo! Du verstehst das Stehlen! Heute Nacht,« fuhr er fort, »werden wir wieder auf Diebstahl ausgehen!« Sie verließen nun in der Nacht ihr Haus und begaben sich nach dem eines Mannes; sie schlichen sich hinein und fanden eine Kiste voll Goldstücke. Die zählte der Nachträuber und fand, daß es 900 Pfund Sterling waren. Hundert tat er (von seinem eignen Gelbe) noch hinein, dann schloß er die Kiste wieder zu und machte sich daran, in diesem fremden Haus das Abendbrot zu bereiten. Hierauf begannen die beiden Diebe zu essen, und zwar aß der eine an zwei Stellen in der Schüssel, während der andere die Speise nur von einer Stelle nahm. Nachdem sie gegessen hatten, stellten sie die Schüssel wieder an den Ort, wo sie hingehörte, und begannen dann zu spielen.

Da wachte der Besitzer des Hauses auf und fand sie beim Damenspiel. Er fragte sie: »Was tut ihr hier?« Sie antworteten ihm: »Wir spielen.« Jetzt eilte der Mann nach der Tür und rief auf die Straße hinaus. Bald kamen Polizisten und fragten: »Was ist dir geschehen?« Er versetzte: »Zwei Diebe befinden sich in meinem Hause!« Die Polizeisoldaten betraten das Haus und forschten die beiden Räuber aus: »Was tut ihr hier?« Die Gefragten erwiderten: »Wir sind die Gäste dieses Mannes.« Der Mann aber erklärte den Polizisten: »Ich kenne die Leute ganz und gar nicht!« Da befahl der eine Polizist den Räubern: »Verlaßt dieses Haus!« Die beiden erwiderten: »Erst müssen wir unser Geld mitnehmen!« Der Herr des Hauses fragte: »Welches Geld ist dann euer?« Der eine Dieb, der Nachträuber, erklärte: »Die Kiste hier gehört mir!« Hierauf befahl der Polizist: »Verlaßt das Haus bis morgen früh und dann kommt vor Gericht!« Die Räuber erwiderten: »Gut!«

Sie verließen nun das Haus und am andern Morgen begaben sie sich vor Gericht; daselbst erklärten sie dem Richter: »Der Mann hier hat uns gestern bei sich aufgenommen; sobald er aber bei uns Geld erblickte, begann er nach der Polizei zu schreien, denn er wollte uns übertölpeln und uns unser Geld abnehmen!« Der Mann aber erklärte: »Ich habe euch beide niemals vorher zu sehen bekommen!« Da erklärten die beiden Räuber: »Wenn ihr Gerichtspersonen uns nicht glaubt, so begebt euch nur nach dem bezeichneten Hause! Daselbst wird sich die Schüssel vorfinden, aus der wir beide mit jenem Manne zusammen gegessen haben!« Man begab sich nach dem Hause und fand daselbst die Schüssel, aus der augenscheinlich drei Personen gegessen haben mußten. Die Räuber erklärten auch gleich: »Die Kiste gehört uns ebenfalls; es befinden sich 1000 Pfund Sterling in ihr.« Der Mann rief: »Die gehört mir! Übrigens befinden sich in ihr bloß 900 Pfund!« Nun machte man die Kiste auf und fand in der Tat 1000 Pfund darin. Da gab man das Geld den Räubern; den Mann aber nahm man und führte ihn ins Gefängnis.

Hierauf begaben sich die beiden Räuber heim. Der Nachträuber fragte den Tagräuber: »Hast du gesehen, wie schön dieser Diebstahl vor sich ging?« Alsdann brachen die beiden auf und reisten nach einer andern Stadt. Als sie des Weges dahin zogen, fanden sie einen Vogel, der Eier gelegt hatte. Der Tagräuber erklärte seinem Genossen: »Ich will die Eier dem Vogel unter dem Leibe wegstehlen!« Hiermit stieg er auf den Baum und nahm die Eier unter dem Vogel weg. Der Nachträuber aber schlich sich ihm nach und nahm sie seinem Freunde wieder aus der Tasche; als er sie ihm alle herausgestohlen hatte, glitt er wieder vom Baume herunter. Dann stieg auch der Tagräuber herunter. Nach einiger Zeit fragte der Nachträuber: »Wo sind denn die Eier, die du geholt hast?« Der Gefragte griff mit der Hand in die Tasche, aber fand keines darin. Da verwunderte er sich. Auf einmal rief der Nachträuber: »Hier sind die Eier, die du geholt hast!« Der Tagräuber erwiderte: »In dieser schlauen Art zu stehlen komme ich dir freilich nicht gleich!«

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