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Aus Jurte und Kraal

Gisela Etzel: Aus Jurte und Kraal - Kapitel 11
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authorGisela Etzel
titleAus Jurte und Kraal
publisherDie Lese-Verlag G.m.b.H.
editorGisela Etzel
year1911
illustratorBerthold Körting
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Der schlaue Betrüger

Aino auf Vezo

Vor langer, langer Zeit war einmal ein Schelm, der in die Berge ging, um Holz zu holen. Er wußte nicht, wie er sich lustig machen sollte, und kletterte hinauf zum Gipfel eines dicken Fichtenbaumes. Er hatte etwas Reis getaut und legte davon rings auf die Zweige, so daß es wie Vogelmist aussah. Dann ging er zum Dorfe zurück, zum Hause des Häuptlings, und sprach zu ihm: »Ich habe eine Stelle gefunden, wo ein schöner Pfauhahn nistet. Komm, laß uns hingehen! Ich bin ein armer Mann und fühle mich unwürdig, mich dem göttlichen Vogel zu nähern; du aber bist ein reicher Mann und sollst den Pfauhahn fangen. Es wird ein großer Schatz für dich sein. Laß uns also gehen!«

Der Häuptling ging mit ihm. Als sie hingekommen waren und der Häuptling hinsah, erblickte er wirklich viel Spuren von Vogelmist in der Nähe des Gipfels der hohen Fichte. Er glaubte daher, der Pfauhahn wäre da. Deshalb sprach er: »Ich verstehe es nicht, auf Bäume zu klettern. Du bist zwar arm, aber hiermit weißt du doch Bescheid. Klettere also hinauf und hole den Pfauhahn herunter, ich will dich gut belohnen. Geh und hole den Pfau!«

Als er halbwegs oben war, sprach der Schelm: »O Herr, dein Haus scheint in Brand zu stehen.«

Der Häuptling war sehr erschrocken und schickte sich an, nach Haus zu eilen. Aber der Schelm sprach zu ihm: »Bis dahin ist dein Haus längst niedergebrannt. Es nützt gar nichts, wenn du jetzt dorthin eilst.«

Der reiche Mann dachte bei sich, er wollte irgendwohin gehen, um zu sterben, und ging nach den Bergen zu. Nachdem er eine Strecke gegangen war, dachte er, ich will doch einmal gehen und wenigstens die Trümmer meines verbrannten Hauses sehen. Er ging also hin und sah, daß sein Haus gar nicht verbrannt war. Da wurde er zornig und wollte den Schelmen töten. Der kam gerade herzu. Der Häuptling befahl seinen Leuten und sprach: »Leute! Dieser Mann ist nicht nur ein Bettler, sondern auch ein nichtsnutziger Betrüger. Steckt ihn in eine Matte, wickelt ihn hinein, ohne ihn zu töten, und werft ihn in den Fluß. So geschehe ihm!« Also sprach der Häuptling.

Die Leute taten den Schelm in die Matte und banden diese ringsum fest zu. Dann trugen zwei die Bürde an einem Pfahl ans Flußufer. Als sie an den Fluß gekommen waren, sprach der Schelm: »Obgleich ich ein schlechter Mensch bin, so besitze ich doch kostbare Schätze. Geht und holt sie! Wir wollen dann sehen, wie ich solche unter euch verteile. Nachher könnt ihr mich in den Fluß werfen.« Als die beiden diese Worte hörten, machten sie sich auf und gingen nach des Schelmen Hause.

Inzwischen kam ein blinder alter Mann des Weges daher und stieß mit dem Fuße gegen etwas, das in eine Matte gewickelt war. Verwundert darüber, befühlte er es mit dem Stock. Da sprach der Schelm: »Blinder Mann, wenn du tust, was ich dir sage, will ich zu den Göttern beten, und deine Augen werden aufgetan werden.« Der alte blinde Mann freute sich sehr, knüpfte die Matte auf und ließ den Schelmen frei. Dieser sah, daß der Mann, obwohl alt und blind, wie ein Gott angekleidet war. Da sprach er zu ihm: »Ziehe deine Kleider aus und entblöße dich, dann werden deine Augen sofort aufgetan werden.« Der Blinde zog seine Kleider aus, der Schelm aber ergriff ihn, steckte ihn nackend in die Matte, schnürte sie ringsum zu, machte sich mit den Kleidern davon und versteckte sich.

Kurz darauf kamen die beiden Leute wieder und sprachen: »Du Schelm, du bist wirklich ein Betrüger. Schätze besitzest du zwar nicht, aber Überfluß an Verschlagenheit. Jetzt werden wir dich ins Wasser werfen.«

Da sprach der blinde alte Mann: »Ich bin ein blinder alter Mann und nicht jener Schelm. Tötet mich nicht!« Aber schon war er ins Wasser geschleudert worden. Darauf gingen die beiden zu ihrem Herrn nach Hause.

Der Schelm zog nun des blinden alten Mannes schöne Kleider an, begab sich zu des Häuptlings Haus und sprach: »Ich habe nur zum Schein wie ein Schelm gehandelt. Die Göttin, welche im Flusse wohnt, hatte mich sehr gern. Sie wünschte meinen Geist zu haben und zu heiraten, wenn ich in den Fluß geworfen und getötet sein würde. Meine Missetaten sind daher alle ihr Werk. Ich kam nun zwar zu jener Göttin, aber ich fühlte mich unwürdig ihr Gemahl zu werden, denn ich bin ein armer Mann. Ich habe mit ihr verabredet, daß du, der Häuptling des Dorfes, zu ihr kommen und sie heiraten würdest, und bin hergekommen, um es dir zu sagen. Daher habe ich auch diese prächtige Kleidung an, weil ich von der Flußgöttin komme.« So sprach er. Als der Dorfhäuptling sah, daß der Schelm in die schönsten Kleider gehüllt war, glaubte er, daß jener die Wahrheit spräche, und sagte: »Gut, laß mich in eine Matte binden und in den Fluß werfen!«

So geschah es, und der Häuptling ertrank.

Nun wurde der Schelm Häuptling im Dorfe und wohnte im Hause des ertrunkenen Häuptlings. So lebten auch in alten Zeiten sehr böse Menschen, wie erzählt wird.

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