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Aus jungen Tagen

Gustav Johannes Wied: Aus jungen Tagen - Kapitel 1
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typefiction
authorGustav Wied
titleAus jungen Tagen
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
translatorIda Anders
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Stengaarden, 23. Juli 18..

Liebe Binse!

Da ich keinen so flotten Zungenschlag habe wie Du, so muß ich schreiben. –

»Warum kannst Du nicht immer so gut sein wie jetzt?« – – – Diese zehn Worte sind die Quelle aller unserer Leiden. Denn wie bin ich, wenn ich in Deinen Augen »gut« bin? Ein Kind, das, körperlich und geistig müde, seinen Kopf an Deine Brust lehnt und sich willenlos Deinen Liebkosungen überläßt.

Und wenn die Müdigkeit vorbei ist und ich wieder zum Bewußtsein erwache – dann bin ich nicht mehr »gut«.

Du wirfst mir vor, daß ich so große Ansprüche mache, so ungeheure Wechsel auf Deine Liebe ziehe. Aber das ist wenig gegen das, was Du von mir verlangst; denn Du willst weiter nichts, als daß ich meine Persönlichkeit aufgeben soll. Ich soll Dein »Kind« sein, weiter wünschest Du nichts. Du willst mich zum »Ehemann« machen, aber ich will etwas mehr sein, etwas Größeres.

Miete Dir einen Dienstmann, wenn Du durchaus heiraten mußt. Mag sein, daß Deine Liebe für Dich das höchste ist; das ist meine Liebe für mich nicht. Für Dich ist die Liebe vielleicht das Ziel des Lebens. Für mich ist sie eines seiner Mittel.

Du hast keinen Ernst.

Ja, selbst in diesem Augenblick, während Du liest, was ich hier schreibe, lächelst Du über das »Kind«. Und weil Du das Leben für einen Scherz hältst, – einen etwas verletzenden vielleicht, aber immerhin einen Scherz, über den man für gewöhnlich mit ein wenig »Esprit« hinwegkommt – bist Du geneigt, alles mit leichtfertigen Blicken anzusehen.

Nun frage ich Dich: was glaubst Du, würde aus mir werden, wenn ich beständig »gut« wäre?

Und ist es Dir niemals eingefallen, daß ich denken könnte, auch wenn ich nicht sprach?

Du, die Du Dich Deiner Intelligenz rühmst, besitzest in der Beziehung nicht mehr Intelligenz als meine alte Tante.

– Die Intelligenz und der »Freisinn« der Frauen wohnt auf ihrer Zunge – beides ist ihnen nicht in Fleisch und Blut übergegangen, sie glauben die Menschen zu kennen, und sie kennen nicht einmal sich selbst.

Denn darin scheint mir die »Intelligenz« zu bestehen, daß sie uns unsere starken und schwachen Seiten wie in einem Spiegel zeigt. Besonders die schwachen – da die starken sich schon von selbst offenbaren werden – wenn sie vorhanden sind.

Das machen wir ja gerade den Alten und Dummen zum Vorwurf, daß sie für ihre eigenen Schwächen blind sind.

Denn es ist eine Weiber- und Priesterlüge, daß ein kluger Mann nicht »sich selbst kennen« solle.

Mit offenen Augen geziemt es uns, das Leben zu leben! Du wirfst es mir so oft ins Gesicht, daß ich mich von anderen beeinflussen lasse. – Und Du selbst?!

Und ich halte es übrigens nicht für die schlechteste Eigenschaft eines Menschen, daß er imstande ist, sich von anderen klarer Sehenden belehren zu lassen. Im Gegenteil! Denn das Entgegengesetzte ist fast immer das Zeichen eines gewissen geistigen Aufkeimens. Und Dir und mir tut Belehrung not. Denn – seien wir ehrlich – wir gehören doch sicherlich nicht zu den größten Geistern unserer Zeit.

Seltsam, daß Du so blind sein kannst. – Seltsam, daß Du nicht sehen kannst, wie der größte Teil des Weihrauches, den man Dir vor der Nase brennt, von den Männern gespendet wird, weil Du schön und Weib bist. – Und von den Weibern, weil Du eine scharfe Zunge hast.

Du verhöhnst freilich scheinbar das Urteil der Menge; aber im tiefsten Innern bebt Deine Seele in banger Erwartung.

Ich kann es nicht ertragen, Dich fröhlich zu sehen – nein. Denn jedes Wort aus Deinem Munde, jede Bewegung Deiner Hände und Deiner Augen scheint mir zu fragen: habe ich das nicht gut gemacht?

Du hast eine Art, Beifall zu fordern, die mich erröten macht!

Du kannst zuweilen – ich sage zuweilen – eine gute Antwort geben. Aber die Art, wie Du sie aussprichst, treibt mir für Dich das Blut ins Gesicht. Denn Deine naive Selbstgefälligkeit grenzt an – Dummheit.

Deshalb gehe ich ungern mit Dir zusammen aus. Denn es ist mir nicht lieb, wenn man Dich zum besten hat. Und ich habe Menschen hinter Deinem Rücken lächeln sehen.

Und wenn Dich auch kein anderer in solchen Augenblicken verspottet – so tue ich es! Ich sitze stumm und still, und während die Lippen von der Verachtung abwärts gezogen werden, schreit und weint es in meinem Herzen; und ich möchte Dich in meine Arme nehmen und forttragen, weit fort an einen einsamen Ort, wo ich Dich auf meine Knie setzen und Deinen Kopf an meine Brust legen und in milden, liebevollen Worten Dir erzählen würde, was uns beiden all diese aufreibende Qual und Sorge verursacht. – Und Du würdest die Arme um meinen Hals schlingen, mich küssen und liebkosen und – – und mir vorspielen. Und ich würde wieder »gut« werden und sagen, daß es mir mit keinem einzigen dieser garstigen Worte Ernst gewesen sei.

Und dann würden wir das alte Lied von vorn anfangen! Nein, Du, wenn dieser Brief Dir auch Schmerz verursacht, so mußte es doch gesagt werden, was darin gesagt ist. Du mußtest wissen, warum ich so oft »seltsam« bin. Du hattest ein Recht darauf, es zu hören, wie ich ein Recht darauf hatte, es zu sagen.

Glaube nun nicht, ich hätte all dies hier geschrieben, um Dich zu verletzen oder zu betrüben.

Es ist im tiefsten Ernst geschrieben und verlangt, ebenso aufgenommen zu werden.

Sollten wir nicht das vor den »anderen« voraus haben, daß wir die Fragen aufnehmen können, – auch wenn sie unser eigenes liebes Ich betreffen?

Du glaubst vielleicht jetzt aus meinem Briefe schließen zu können, daß meine Liebe zu Dir tot sei?

Darauf will ich erwidern: Nie habe ich an jemand geschrieben, wie ich hier an Dich geschrieben habe. Und das heißt von meinem Gesichtspunkt aus: Nie habe ich jemand geliebt, wie ich Dich geliebt habe.

Und ich meine, Du wirst mir glauben.
Dein Gunnar Warberg.

Die Droschke hielt vor dem Gitter. Aber der Mann drinnen im Wagen blieb sitzen und drückte sich fester in die Ecke, als würde er am liebsten bleiben, wo er war, wieder zum Bahnhof fahren, sich in den Zug setzen und davonrollen.

Der Kutscher krabbelte vom Bock hinab, wo der alte von Wind und Wetter mitgenommene Lederkoffer auf der Breitseite stand, mit einem Strick um den Leib; denn Schloß und Riemen waren schon langst entzwei und unbrauchbar.

»Bitte, Herr Warberg«, sagte Hansen und öffnete die Wagentür. Und da mußte der Mann ja hinaus.

»Der Koffer soll wohl in die Dachstube, Herr Kandidat?«

»Nein, ich wohne jetzt im Erdgeschoß.«

»Soo–oo, so.«

Der »Kandidat« stand jetzt auf dem Bürgersteig, seine Reisedecke über dem Arm, den Stock in der Hand. Er schielte zur Veranda empor, wo der wilde Wein jetzt im Halbdunkel gleich langen schwarzen Spitzen zwischen den Holzsäulen herunterhing. Hinter den Scheiben in der Verandatür brannte Licht; es leuchtete mit einem blutroten Schein durch die dünnen dunkelroten Gardinen, die vorgezogen waren.

»Hm«, murmelte er unwillig und wandte sich dem Wagen zu. »Ich hätte Lust, wieder mit Ihnen wegzufahren, Hansen!«

»Was?«

»Ich hätte Lust, mit Ihnen wieder zum Teufel zu fahren, Hansen!«

»Hä!« lachte der Kutscher, der stand und sich mit dem Koffer abquälte. »Es will wohl dem Herrn Kandidaten nicht recht behagen, jetzt wieder in der Wirtschaft zu leben?«

»Nein, bei Gott nicht!«

»Nee«, seufzte der Kutscher mitfühlend. »Aber wir müssen ja leben, wo wir hingehören, Herr Kandidat! Mir ist übrigens als ob der Herr Kandidat in der Mansarde zu residieren pflegte?«

»Ja, aber jetzt habe ich die Parterre-Wohnung gemietet, die ganze Wohnung! Fünf Zimmer mit Speisekammer und Klosett und Waschkeller und Holzboden und elektrischen Läuteapparaten!«

»Soso, sieh, sieh, das ist ja immerhin ein Fortschritt! Wo sind denn die Eltern des Herrn Kandidaten hingereist?«

»Nach Palästina, mein guter Hansen, nach Palästina oder dem heiligen Lande!«

»Ho!« brummte der Kutscher, nachdem er den Koffer auf die Schulter geladen hatte und nun hinter Warberg durch das schmale Streifchen Garten dem Hause zuschritt.

»Sie können den Koffer herstellen.«

Es war vor der Korridortür der Parterrewohnung, sie hatte matte Scheiben, und hinter diesen konnte man den Umriß einer weiblichen Gestalt sehen, die, die Hand auf das Schloß gelegt, dastand und wartete.

»Soll ich die Geschichte nicht ganz reintragen?«

»Nein, danke, da wird's schon ohnehin genug Geschichten geben.«

»Ja, denn er ist schwer!«

»Nein, danke, stellen sie ihn nur hin. Wieviel bekommen Sie?« »Ja–a, eine Krone macht's doch, Herr Kandidat. Aber es hat ja keine Eile, ich kann ja ...«

»Ja, danke, danke! Es ist sehr liebenswürdig von, Ihnen, Hansen, aber heute ist es nicht nötig. Bitte; und hier sind 25 Öre, dafür trinken Sie ein Glas Bier.«

»Vielen Dank, Herr Warberg! Vielen Dank! Und nun hoffe ich, daß der Herr Kandidat bald mal 'n Augenblick nach uns sieht, jetzt wo Sie zurückgekommen sind. Mutter redet immerzu von Ihnen; und die Kinder auch.«

»Das will ich, Hansen. Ich habe den ganzen Koffer voll schmutziger Wäsche.«

»Danke, danke, Herr Kandidat; denn nu kommt bald noch ein Mund zu, ja; Mutter is wieder ... sie erwartet doch bald wieder was ... wirklich ..«

»Hansen, Hansen«, sagte Warberg und drohte mit aufgehobenem Finger.

»Ja–a, Herrgott, ja – –« murmelte der Kutscher und sah verlegen vor sich nieder.

»Und das wievielte ist es nun?«

»Tja, Nummer vier, Herr Kandidat!«

»Das sind drei zuviel, mein guter Hansen! Was sollen wir mit all den Kindern?«

»Hä, ja, sie haben gut reden! Das kann man nicht selbst bestimmen.«

»Legen Sie sich Zügel an.«

»Hä, hä, hä, Sie haben gut reden«, lachte der Kutscher und begann die Treppe hinabzugehen. Es waren nur ein paar Stufen. »Nee, is man erst mal so anständig gewesen, eine Frau zu nehmen, dann .. Na, Adschö, Herr Kandidat, und vergessen Sie nicht nach uns zu sehen!«

»Nein, nein! Adieu!«

»Adschö, Adschö! ... Und Dank!«

Und die schwere Haustür fiel dröhnend zu.

Im selben Augenblick wurde die Flurtür ein wenig geöffnet, und der oberste Teil eines Frauenkopfes: die Augen (ein paar große strahlende graue Augen), die Stirn und ein Gewirr blauschwarzen Haares zeigte sich in dem Spalt.

»Aber Gunnar, mich hier stehen und warten zu lassen!«

»Guten Abend, Binse!« nickte Warberg ruhig.

Die Tür wurde ganz geöffnet, und die Wartende flog ihm um den Hals und küßte ihn leidenschaftlich auf Mund, Augen und Wangen.

Er schob sie behutsam von sich.

»Na, na, na«, sagte er. »Es könnte leicht jemand kommen.«

»Was täte das! Meinetwegen mögen alle Menschen sehen, daß ich dich liebhabe!«

»Warum kamst du dann nicht heraus, während der Droschkenkutscher hier war?«

»Nein, Lieber, du hast ja selbst gesagt, daß wir vorsichtig sein müssen«, sagte sie logisch. – »Ach, du Kleines, Kleines, wie bin ich froh, daß ich dich endlich wieder habe!«

Sie ergriff seine beiden Hände und drückte sie an ihre Brust.

»Oh, wir haben so ein gemütliches Zimmer für dich hergerichtet«, schwatzte sie los. »Deine Mutter hat alle deine Möbel hier herunterbringen lassen, ehe sie reiste, und nun haben Benjamin und ich sie so recht wild, so recht wahnsinnig schön angeordnet.«

Sie hatten den Koffer in den Korridor gebracht und die Tür geschlossen. Und nun half sie ihm voll Eifer den Überrock ausziehen. Sie hing ihn auf den Kleiderrechen und wandte sich darauf mit ausgebreiteten Armen zu Gunnar um:

»Nein, wie du sonnverbrannt und hübsch geworden bist«, sagte sie. »Küss mich! Ach, wie hab' ich mich doch nach dir gesehnt!«

Sie schlang ihre Arme um ihn und preßte ihn heftig an sich.

Er schloß die Augen.

»Ätna!« murmelte er.

»Ja«, lachte sie. »Und stets im Ausbruch begriffen!«

Dann zog sie ihn zur Tür des Verandazimmers.

»Komm und sieh!«

»Ist Benjamin drinnen?« fragte er.

»Nein, er ist ausgegangen, Brot und Portwein zu holen. Weißen Portwein! Und Krebse, du! Oh, das wird so ein feines Abendessen, paß auf. Und wie gutmütig Benjamin doch ist – und fett. Ich möchte dir beinahe von beiden Eigenschaften ein bißchen wünschen! was? Sieh nun, Gunnar!« Und sie machte die Tür weit auf.

Es sah unleugbar prachtvoll drinnen aus.

Die Lampe mit dem roten Papierschirm war in die Mitte des Zimmers gestellt und erfüllte es mit einem gedämpften Licht. Sie stand auf dem Flügel, der, mit der Rückseite nach vorn, an die Wand in der Ecke an der Verandatür gestellt war und mit drei Seiten ins Zimmer hineinragte. An der Rückseite des Flügels stand die »Chaiselongue«, ein eisernes Bettgestell, dessen Fußende entfernt worden und dessen Matratzen mit einer braungelben Decke verhüllt worden waren. Am Kopfende der Chaiselongue erhob sich stolz eine Fächerpalme auf einer hohen viereckigen Säule (eine längliche Packkiste, mit ein paar alten dunkelblauen Gardinen bedeckt). Ein kleines niedriges grünbezogenes Sofa stand in der Ecke rechts. Der Schreibtisch war an die Längswand zwischen dem Kamin (grün Majolika) und der zu dem anderen Zimmer führenden Tür gestellt. Und in der Ecke an der Korridortür war der große Empirespiegel im Mahagonirahmen angebracht. Er stand lose auf einem großen ovalen Mahagonitisch und lehnte sich an die Wand. Der Tisch war mit Wappen und Bildern, ausgestopften Vögeln, Steinblöcken und Präparaten in Spiritus bedeckt. Zwischen dem Tisch und der Chaiselongue standen Regale, in denen die Bücher ohne jede Ordnung eingereiht waren: einige mit dem Rücken nach innen und andere auf dem Kopf. Ganz oben unter der Decke standen ein ausgestopfter Adler und ein ägyptischer Wasserkühler. Bilder und Gemälde waren ringsum auf zufälligen Nägeln aufgehängt. Vor den zur Veranda führenden Glastüren waren ein paar lange dunkelrote Gardinen lose über eine vergoldete Gardinenstange gehängt worden, deren Gold an mehreren Stellen abgesprungen war, daß der weiße Gips hervorgrinste. An der Tür zwischen Sofa und Schreibtisch hing ein altes Maskenkostüm: ein Clownanzug aus Ballatlas, halb blau, halb gelb.

Gunnar war mitten im Zimmer stehengeblieben. Zuerst konnte er nur die Lampe und das Klavier sowie deren nächste Umgebung erkennen. Aber als seine Augen sich an das gedämpfte Licht gewöhnt hatten und er das ganze Chaos sah, lächelte er.

»Ja, ist das nicht wahnsinnig?« fragte Binse, ergriff ihn beim Arm und drehte ihn herum.

»Großartig! Aber wo ist das Klavier – wieder hergekommen?«

»Das hat Benjamin für dich gemietet. Ich war dabei. Er sagte, ohne Klavier würde es niemals dein Zimmer sein.«

»Hm! Wo mag er nur das Geld herbekommen haben?« Gunnar sah düster aus. »Wohl von der Braut, von der ›Prinzessin‹. Aber davon wollen wir jetzt nicht reden.«

Sie zog ihn auf die Chaiselongue nieder und setzte sich neben ihn.

»Dank für alle deine herrlichen Briefe«, sagte sie und küßte seine Hände.

»Herrliche?« fragte er und wandte das Gesicht ab.

»Ja, gerade herrliche, du! die guten und die bösen! denn so bist du ja, und so habe ich dich lieb! ... Aber du kommst mir so seltsam vor? Bist du gar nicht froh darüber, daß du mich wieder hast?«

»Umgekehrt, du hast mich!« murmelte er.

»Was sagst du?«

»Ich sage, ich bin ein wenig müde von der Reise, und außerdem habe ich Hunger.«

Sie erhob sich schnell.

»Ja, ich werde gleich Tee bereiten«, nickte sie. »Ich vergesse ja ganz meine Hausmutterpflichten vor Freude über mein Männchen ... Nun legst du dich hin und ruhst dich inzwischen. – Soll ich das Kindchen einkuscheln?«

Sie umfaßte mit ihren Armen seine Füße und legte sie auf die Chaiselongue.

»Liegt das Kind jetzt gut?« fragte sie und streichelte ihm Wange und Bart mit ihren großen weißen Händen.

Er packte sie um beide Handgelenke und zog sie zu sich nieder:

»Meines Lebens Fluch!« flüsterte er und preßte ihre Finger fest zusammen.

»Au, au! Aber Gunnar!«

»Meines Lebens Fluch!« murmelte er wieder.

Sie lachte, daß all ihre weißen Zähne zum Vorschein kamen.

»Ja–a«, sagte sie. »So jag' mich doch weg!«

»Du kommst doch wieder!«

»Ja–a, jedesmal komme ich wieder! Du kannst mich doch nicht entbehren!«

»Küsse mich!« bat er.

Sie warf sich vor ihm auf die Knie und drückte ihre Lippen gegen die seinen. Und es war, als sähe er tausend flimmernde Glühwürmchen hinter seinen geschlossenen Lidern.

»Mehr!« flüsterte er. »Mehr! Küß mich mehr!« Und er schlang seine Arme um sie und drückte sie fest an sich.

»Mein Kindchen!« sagte Binse, und wieder leuchteten ihre weißen Zähne. »Mein Kleiner! So will ich dich haben!«

Es läutete. Sie erhob sich schnell, ordnete ihr Haar und strich sich mit den Händen das Kleid glatt.

»Das ist Vetter Benjamin«, sagte sie und ging hinaus, um zu öffnen.

Gunnar schlug langsam die Augen auf und ließ sie rings im Zimmer umhergleiten. Er lächelte schwermütig: Hier lag er auf derselben »Chaiselongue«, hinter demselben Klavier, unter derselben Lampe. Was hatten ihm nun seine Reise, seine Briefe, seine »Abrechnungen« genützt? Nur die Stube war eine andere geworden. Sobald er mit Binse zusammenkam, machten seine Sinne ihn zu einem willenlosen Fetzen in ihren Händen ... Du bist ein Stockfisch, Gunnar Warberg!

Draußen im Korridor hörte er sie leise miteinander sprechen. Und er hörte sie frisch und keck lachen wie eine siebzehnjährige Unschuld, dieses ältliche Frauenzimmer mit den weißen Gliedern.

Dann wurde die Tür geöffnet, und Benjamin trat ein.

Auch er ist derselbe, dachte Gunnar, glattrasiert und lächelnd und fett und brav, wie ein kastrierter Gott.

»Guten Abend«, nickte der Vetter. »Und willkommen daheim.«

»Guten Abend, Mette«, sagte Gunnar und wollte sich erheben.

»Nein, bleib nur liegen, Lieber, bleib nur liegen!«

Und der Dicke zupfte seine Hosen ein wenig in die Höhe und sank in seiner seltsam-linkisch-affektierten Art auf die Chaiselongue nieder, vorsichtig und langsam, als ob er verurteilt wäre, sich auf eine rotglühende Eisenplatte zu setzen. Er streichelte Gunnar mit seiner feisten Hand freundlich den Arm und lächelte ihm zu.

»Es ist doch schön, daß mir dich wiederbekommen haben.«

»Tja–a«, sagte Gunnar, »irgendwo muß man doch sein.«

Und dann schwiegen sie beide eine Weile. Benjamin saß und beguckte seine Hände und drehte den Kopf wie eine alte Dame, die eine Haube aufprobiert. Er hatte überhaupt etwas Frauenzimmerhaftes an sich, weshalb Gunnar ihm auch den Kosenamen »Mette« gegeben hatte, was ihm zu schmeicheln schien.

»Hast du noch keine Stelle bekommen?« fragte Gunnar dann.

»Nein, aber jetzt habe ich eine so gut wie fest.«

»So?«

Der Dicke hatte immer eine Stelle so gut wie fest. Er schrieb ganze Ladungen von Stellengesuchen (das behauptete er jedenfalls), war aber immer ohne Beschäftigung. Und gelang es ihm zuweilen, eine Stelle zu bekommen, so tauchte er gewöhnlich nach einem Monat wieder in Kopenhagen auf. Er konnte die Menschen nicht ertragen, sagte er: sie besäßen keine Bildung! Er hatte das Forstfach studiert und war in Schweden, Rußland und Deutschland angestellt gewesen, aber immer wieder kehrte er nach Dänemarks Hauptstadt zurück.

»Wo sollst du die neue Stellung bekommen?«

»Auf Alsen.«

»Sind da drüben Wälder?«

»Ja–a, der Mann schreibt's doch. Und es hat ja keinen Zweck, das Bummelleben hier; man muß sehen, daß man was zu tun kriegt!« fügte er energisch hinzu und hantierte an seinem Schlips herum.

»Ja, ja, gewiß! Auf dem Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, wie unser witziger Freund, der Flachshändler, sagt.«

»Ho, ho!«

Und dann schwiegen sie wieder.

Draußen in der Küche hörte man Binse mit Tellern und Tassen klirren. Und auf der Straße fuhr eine Droschke rasselnd vorbei.

»Ich soll dich von deinen Eltern grüßen, Gunnar.«

»Danke. Es ist doch bei der Abreise alles glatt gegangen?«

»Ja. Und dann läßt dir der Wirt sagen, daß du keine Nägel in die Wände einschlagen darfst.«

»Das sagt wohl eher die Wirtin.«

»Ho!«

»Vetter!« ertönte plötzlich Binsens Stimme aus der Küche – »nun müssen Sie kommen und mir behilflich sein!«

Benjamin erhob sich langsam und schüttelte seine dicken Beine, damit die Hosen wieder richtig fielen. Sie waren etwas eng und sahen nicht aus, als ob sie für ihn angefertigt worden wären.

»Doch schön, daß ihr euch wieder vertragen habt«, sagte er.

»Wer?« fragte Gunnar scharf.

»Du und Fräulein Möller.«

»Ach, die Geschichte hast du also auch erfahren?«

»Ja, Fräulein Möller war so unglücklich.«

»Hm ...«

»Paß auf, ich hab' ein paar großartige Krebse erwischt, Gunnar.«

»Krebse?«

»Ja; Fräulein Möller sagte, du müßtest Krebse haben, denn das wäre dein Leibgericht. Ach, das war so eine famose Madame, bei der ich die Krebse kaufte. Sie hatte bloß ein Auge, und dann sagte sie die ganze Zeit: »Bitte, lieber Herr, Sie können selbst an die Biester riechen!' – Die mußt du dir mal ansehen! – Nein, bleib' nur liegen, wir werden ganz gut ohne dich fertig!«

Und Gunnar lag wieder allein. Er drehte sich auf die Seite, das Gesicht dem Klavier zugewandt, und schloß die Augen. Er lachte über sich selbst, streckte sich selbst die Zunge heraus. Aber es half nichts. Man ist, wie man ist – bis »die Zeit erfüllet«. Und dann sind es wohl eher die Umstände, die sich verändert haben, der Mensch ist derselbe geblieben.

Er hörte Binse und Benjamin aus der Küche durch den Korridor in die Stube kommen. Sie schlichen leise, tastend vorwärts und flüsterten, um ihn nicht zu stören, bevor die Mahlzeit fertig wäre. Sie glaubten, er wäre eingeschlafen.

Und sofort wurde er sentimental und dachte, daß diese beiden Menschen ihn doch eigentlich sehr lieb hätten ...

»Jetzt ist serviert, Herr Warberg«, ertönte Binses Stimme.

Gunnar drehte sich um und ließ die Beine von der Chaiselongue herabsinken.

»Nein, wie allerliebst«, sagte er.

Sie hatten einen kleinen viereckigen Tisch in die Mitte des Zimmers gestellt und mit einem weißen Tuch bedeckt. Auf dem Tisch standen zwei altmodische Messingleuchter mit brennenden Lichtern, und dazwischen ein Teller, auf dem sich eine Menge strahlender hochroter Krebse häufte. Und da waren Schüsselchen mit Aufschnitt und Käse und Butter, und drei Spiegeleier und Bier und eine ganze Flasche weißen Portweines.

»Wo habt ihr nur all die Menge Essen herbekommen?«

»Das ist Fräulein Möller«, sagte Benjamin. »Sie ist so fleißig gewesen während deiner Abwesenheit.«

Gunnar blickte zu ihr hinüber. Sie saßen jeder an einer Seite des Tisches.

»Ich mag das nicht«, sagte er und schüttelte nervös den Kopf.

»Ich mag das nicht – das weißt du doch!«

»Ja, aber lieber kleiner Schatz, du kannst uns ja ein andermal traktieren, wenn du reich bist.«

»Und das Klavier, Benjamin?«

»Aber, Herrgott, wollen wir nun nicht lieber essen und all das ein andermal besprechen? Nun soll Gunnar brav sein. Nicht wahr, Vetter?«

»Gewiß!« nickte der Vetter. Er saß schon und speiste mit den Augen.

Gunnar beugte den Kopf und schwieg.

Und dann machten sie sich an das Essen. Zuerst die Krebse mit Pfeffer und Essig. Dann Eier und Fleisch und Käse. Und Bier und Portwein tranken sie. Und dann kam Binse mit Tee. Und »Mette« präsentierte Mürbekuchen, die er in einer großen gelben Tüte vom Bäcker mitgebracht hatte. Er scherzte und lachte in seiner seltsam zimperlichen Weise und saß und erzählte und brachte die beiden anderen soweit, daß sie mitlachten. Er erzählte von seiner Verlobten, der »Prinzessin«, die reich war und ihm von ihrem Nadelgelde kleine Summen zusteckte.

Weder Gunnar noch Binse hatten sie jemals gesehen. Er hatte ihnen das Bild einer Dame in mittleren Jahren gezeigt, und als beide meinten, sie sähe ziemlich alt aus, wurde er beleidigt und erklärte, sie sei neunzehn Jahre. wie er ihre Bekanntschaft gemacht und in welcher Stadtgegend sie wohnte, darüber wollte er nichts verraten. Er sagte, daß sie das einzige Kind und daß ihr Vater reich wäre und Diener hielte und »etwas oben im Ministerium« gewesen sei. Ihre Mutter wäre tot, und das Hauswesen würde von einer unverheirateten Tante geleitet.

»Der alte Brummbär!« sagte Benjamin, »wenn sie bloß krepierte!«

»Wann werden Sie die ›Prinzessin‹ heiraten?« fragte Binse.

»Wahrscheinlich niemals!« seufzte Benjamin. »Denn jetzt hat mir der Brummbär geradezu das Haus verboten.«

»Dann laufen Sie mit dem Mädel weg!«

»Ja«, aber das will sie nicht!«

»Dann liebt sie Sie nicht, Benjamin. Ich würde mit Gunnar bis ans Ende der Welt laufen.«

Mettes fettes Gesicht strahlte.

»Ja, Sie!« sagte er und berührte ihre Schulter leicht mit dem Finger. – »Wenn Sie es noch wären, mit der ich ein Techtelmechtel hätte!«

Er neigte den Kopf zur Seite und blickte das Fräulein mit Taubenaugen an.

Sie lachte.

»Da, hör' nur!« sagte sie, beugte sich über den Tisch und streichelte Gunnar die Wangen.

Er blickte zu ihr hinüber. Und jetzt im Schein der Lichter sah er – zum erstenmal heut abend, ihr Gesicht klar und deutlich. Dieses Gesicht, das ihn zuweilen in einer Art von mystischem Schreck erschauern lassen konnte: dieser breite Mund mit den langen blutroten Lippen und den leuchtenden Zähnen (er hätte Jahre seines Lebens dafür gegeben, wenn sie falsch gewesen wären, denn dann wäre er der Stärkere gewesen!). Diese großen stahlgrauen Augen, die vor Begierde leuchten konnten wie die Augen einer Katze. Und dann dieses prachtvolle blauschwarze Haar, das in der ersten sinnberauschenden Zeit ihrer Liebe oder ihres »Verhältnisses« sie mit dem Namen Binse geschmückt hatte, Binse mit dem Rabengefieder. Aber er sah auch die Runzeln um ihre Augen und die tiefe Falte um ihre Mundwinkel. Und ihren Hals, den sie stets mit bis hoch unter Kinn und Nacken hinaufreichenden Bändern und Spitzen zu verdecken suchte. Dieser Hals, dessen Haut braunrot und runzlig war, und der so unbarmherzig ihr Alter verriet. – Aber Gunnar wußte auch, daß ihr Körper im übrigen fein und jung war wie der eines siebzehnjährigen Weibes – – und er schloß die Augen und wandte den Kopf ab, denn er sah ihren siegesgewissen Blick auf sich ruhen. Sie wußte ja, daß sie ihn in unlösbaren Ketten und Banden hielt durch die elastische mystische Jugend ihres Körpers, die ihn immer wieder den »Totenkopf« auf ihren Schultern vergessen ließ.

Sie stand auf und blies die Lichter auf dem Tisch aus.

»Nun will ich euch vorspielen«, sagte sie und ging um das Klavier herum. »Leg' du dich auf die Chaiselongue, Gunnar, dann wollen wir es haben wie in alten, alten Tagen dort oben in der Mansarde.«

Aber Gunnar zögerte. Begann sie erst zu spielen, so war all seine mühselig zusammenkonstruierte Widerstandskraft gebrochen, all die Versprechungen, die er sich selbst da draußen auf dem Lande gegeben hatte, all die Eide, die er geschworen hatte – sie waren aufgehoben und geschwunden, und er war wieder ihre wehrlose Beute. – – Und doch liebte er ihre Musik, liebte es, dort auf der Decke zu liegen, zu einem Klumpen zusammengerollt, die Knie unter das Kinn hochgezogen und die Augen geschlossen, und alles um sich her zu vergessen, zu vergessen, daß er lebte, ein Wesen war, das arbeitete, aß, schlief und litt. Er lauschte und lauschte nur und ließ sich von der Musik umbrausen wie von einem Meer von Tönen.

Benjamin hatte sich erhoben und legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Ja, leg' du dich auf die Chaiselongue hin«, sagte er. »Dann setze ich mich hier auf das Sofa und Binse spielt, daß alle Sorgen und alte Tanten sich zum Teufel scheren.«

Aber Gunnar zögerte noch.

Da ging das Fräulein wieder vom Klavier fort und kam zu ihm: »Will der Kleine zu Bett getragen werden?« fragte sie und strich ihm milde über das Haar mit ihrer großen weißen Hand. Und ihr Gesicht war jetzt in dem gedämpften Lampenschimmer jung und rund wie ihr holder Körper.

»Helfen Sie mir, Vetter«, sagte sie.

»Laßt mich zufrieden«, zankte Gunnar.

Aber sie hoben ihn lachend vom Stuhl auf und legten ihn behutsam auf die Chaiselongue. Und er leistete keinen Widerstand, er lächelte nur und ließ sie mit ihm machen was sie wollten.

Und dann setzte sich Binse und spielte: gedämpft und weich und tändelnd-mild, wie eine Mutter, die ihr Kind zur Ruhe bringt.

Und Gunnars Augen schlossen sich, und seine Gedanken wurden milde und gut wie die Töne der Saiten. Er dachte, er täte ihr doch wohl unrecht. Er war es ja, und er allein, der all dieses qualvolle Mißtrauen, all diese aufreibenden Kämpfe und dieses Auf-Posten-ziehen und Auf-der-Lauer-liegen in ihr Verhältnis hineingebracht hatte. Er bereute die bösen Briefe, die er geschrieben, während sie hier drinnen allein herumgegangen war und sich nach ihm gesehnt und gespart hatte, um ihm eine Freude bereiten zu können, wenn er heimkehrte. Sie war mild und gut und liebevoll gegen ihn; und er wußte doch, daß sie daheim von Mutter und Schwester böse Worte zu hören bekam seinetwegen.

Es war stets das Weib, das sich den tausend Unannehmlichkeiten aussetzte, die ein Verhältnis wie das ihre mit sich brachte. Und nun wollte er, von heute an wollte er versuchen, seine Launen zu zügeln und zu ihr sein wie sie zu ihm war: mild, liebevoll und gut! Denn schließlich hatte er sie ja doch lieb! All dies dachte er, während er lag und die Musik ihn umtönte, gedämpft und weich, wie das Sausen stiller Wälder. Und es erschien ihm reizend, was er dachte und was er hörte.

Und er fühlte einen weichen schwellenden Frieden seine Seele erfüllen ... Und auch das erschien ihm reizend.

Aber da erhob sie sich plötzlich, Binse mit dem Rabengefieder, und blies die Lampe aus, die auf dem Klavier stand. Und es war ihm, als höre er flüsternde Stimmen und schleichende Schritte, und eine Tür, die leise geöffnet und geschlossen wurde.

»Nun sind wir allein, Gunnar«, hörte er dicht an seinem Ohr flüstern.

Und in dem dunklen Zimmer, in das nur der Schimmer einer Laterne draußen auf der Landstraße vor dem Hause wie eine glühende Kohle hinter den roten Verandagardinen hineinleuchtete, sank sie an seiner Seite nieder und preßte ihre heißen, begehrlichen Lippen auf seinen Mund. Und er umschlang sie mit seinen Armen, preßte sie an sich.

Und in seinem geheimsten Innern, tief unten in dem verborgensten Verschlage seiner Seele, sprang eine Klappe auf, und ein kleiner grinsender Teufel mit schräg geneigtem Kopf steckte den Oberkörper hervor, zuckte die Achseln, schwenkte die Hände und sagte:

»Geschehe was da wolle!«

 

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