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Aus großen Höhen

Georg Freiherr von Ompteda: Aus großen Höhen - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Freiherr von Ompteda
titleAus großen Höhen
publisherVerlag Friedrich Rothbarth
year1940
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060323
projectide72a60fc
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1.

Grüß Gott! – klang es; und eine neue Gesellschaft trat in die Dreizinnenhütte.

»Grüß Gott!« antworteten die schon Anwesenden, die an den beiden Tischen in der kleinen Stube sahen und ihr Abendbrot verzehrten.

Die Neueingetretenen – zwei Herren und eine Dame – zögerten einen Augenblick und sahen sich um. Sie mußten sich erst an die veränderten Lichtverhältnisse gewöhnen, denn draußen war schon Dämmerung eingebrochen, und in der Hütte brannte die Lampe, ihre kargen Strahlen durch dichten Tabaksrauch werfend, der den Raum erfüllte.

Die drei suchten nach einem Platz am Tisch. Professor Hallbauer, der größere der beiden Herren, ein riesiger, kräftiger, breiter Mann mit ein paar auffallend glänzenden, schwarzen Augen, die unter der goldenen Brille blitzten, nahm seinen schweren Führerpickel zugleich mit dem leichten seiner Frau und stellte sie in die Ecke; den vollgepackten Rucksack hing er dazu:

»Dörstling, gib deinen Rucksack her, nein, nein, hier...«

Der andere, einen Kopf kleiner, ein zarter, weicher Mann mit schönen, feinen Zügen, die etwas Weibliches hatten trotz des Schnurrbartes und des modisch spitz geschnittenen am Kinn, reichte dem Professor den langen Bergstock, mit dem er gegangen, und einen ganz neuen, schmächtigen Rucksack. Es wurde zu den übrigen Sachen getan.

Der Professor machte eine kurze Handbewegung auf die eine Tischecke, und an der bezeichneten Stelle nahmen sie Platz.

Frau Hallbauer strich ihr kastanienbraunes, lockiges Haar zurück, das etwas wirr geworden war, und blickte dabei zu Joachim Dörstling, als fürchte sie, er möchte gefunden haben, die unordentliche Frisur stehe ihr nicht.

Nun trat der Hüttenwart, ein großer, starkknochiger Sertener in Hemdsärmeln, wie er war, hinzu und fragte, was die Herrschaften genießen wollten. Frau Hallbauer und Dörstling bestellten eine Konserve: »WÜrstl mit Kraut«. Der Professor dagegen nur eine Erbssuppe.

Dörstling wollte ihn bewegen, Wein zu trinken wie er, doch Klara Hallbauer meinte, während sie über ihren Mann einen flüchtigen Blick gleiten ließ, in dem ein Gemisch lag von Widerstreben und doch ihr abgerungenem Stolz:

»Karl trinkt nie Wein auf Hochtouren!«

»Das heißt, ich meide Alkohol überhaupt. Er regt nur an auf kurze Zeit, um schnell zu ermüden. Ich verwerfe Alkohol in jeder Form, sobald es sich um körperliche oder geistige Leistungen handelt.«

Dörstling hob sein Glas, in dem der rote Tiroler dunkel floß, trank einen Schluck und sagte:

»Du als Arzt mußt es ja wissen. Aber so einem elenden Talwanderer wie mir schadet's doch nichts.«

»Mäßig genossen – nein. Man darf auch nicht Pedant sein. Du bist einmal Wein gewohnt, also magst du ihn nur ruhig weiter trinken...«

Der Professor hielt einen Augenblick inne und blickte den andern freundlich an. Aus seinen Augen schoß zu dem hübschen, weichen jungen Mann ein Strahl der Zuneigung, der fast Liebe war. Klara aber meinte, indem sie dem Gatten die Hand auf den Arm legte:

»Nicht wahr, mit dem Talwanderer ist's doch nicht so schlimm, Männchen? Er ist doch ganz gut gestiegen heute!«

»Gewiß! Gewiß!« und der Professor klopfte Dörstling auf die Schulter.

Während die Suppe kam und die Würstl mit Kraut, zuckte der junge Mann ein paarmal fröstelnd zusammen. Sofort fragte der Professor, ob ihn friere, und als jener es zugegeben, holte er seinen Wettermantel, den er durch die Trageriemen des Rucksacks gezogen, und hing ihn dem Freunde um wie eine sorgende Mutter.

Am selben Tisch wie die drei hatten noch vier andere Bergsteiger Platz genommen. Zwei junge Leute, denen kaum der erste Flaum am Kinn wuchs, und zwei Herren Ende der Dreißiger. Die beiden jungen Leute saßen dicht beieinander, rauchten schweigend aus kurzen Pfeifen und warfen nur ab und zu einmal einen Blick zu den andern am Tisch. Die älteren unterhielten sich eifrig. Am Tonfall erkannte man die Österreicher. Die Unterhaltung drehte sich um Berge, Unterkunft, Führer, Entfernungen, Marschzeiten, schwierige oder gefährliche Stellen.

Während sie sprachen, trat aus dem Nebenraum, der zur kleinen Küche führte, wo der Hüttenwart bei den Vorräten, die dort aufgestapelt waren, seine Lagerstatt hatte, ein schlanker Führer mit blauen Augen und kleinem Schnurrbärtchen und blieb, die Hände in den weiten Taschen seiner Kniehose, schmunzelnd stehen, indem er sich umblickte und die Anwesenden musterte.

Der eine Herr am Tisch rief ihn an:

»Jörgl, was meinen S', wie schaut's mit dem Wetter aus?«

Jörgl Tschurtschenthaler, der beste Sextener Führer, einer der vorzüglichsten Kletterer der Dolomiten, nahm die Pfeife aus dem Mundwinkel, bewegte zweifelnd den Kopf hin und her und meinte:

»Sell kann man nit wissen. Wolken von Nord ischt nit schlecht!«

»Aber was meinen S', gehn tun wir doch sicher?«

»I mein' schon, Herr Rat! I denk, wann uns 's Wetter unterwegens derwuscht, lassn wir uns amol richtig abwaschn. Trocken wird ma wieder. Da fehlt nix. Und wann's morgen in der Früh glei beim Aufstehn tuat reg'n, wartn wir halt, und wird's gar nit besser, leg'n wir uns wieder schlof'n. Aber natierli, ganz wie die Herrn wolln. Mir is alles recht.« Als der Professor Jörgl Tschurtschenthalers Stimme hörte, setzte er seine Teetasse hin und drehte sich um:

»Grüß Gott, Jörgl!«

Der Führer betrachtete ihn eine Sekunde, dann streckte er ihm auch schon die Hand entgegen:

»Taifl! Der Herr Professor! Grüß Ihna Gott! Aber das freit mi! Sein S' a amal wieder bei uns in den Dolomiten?«

Jörgl Tschurtschenthaler trat näher an den Tisch heran. Nun reichte ihm auch Klara die Hand, während Dörstling ihn lächelnd betrachtete, in der halben Zurückhaltung des Dritten, wenn zwei andere, mit denen er zusammensitzt, einen alten Bekannten wiedergefunden haben, den er nicht kennt.

Das Gespräch ging hin und her, eigentlich bloß zwischen dem Professor und dem Führer. Erinnerungen wurden aufgefrischt, wie unter ehemaligen Kriegskameraden, die sich unverhofft wiedersehen und nun des Plauderns kein Ende finden.

Am Gspaltenhorn in der Schweiz hatten sie einmal miteinander in den Felsen die Nacht zugebracht, weil der Schneesturm ganze Steinlawinen auf ihren Weg geschüttet, so daß sie über achtzehn Stunden hatten an einem Fleck bleiben müssen, um nicht erschlagen zu werdem

Dann hatte der Jörgl an der Cima della Madonna seine Pfeife eingebüßt, die ihm ein unvermuteter Ruck des Seiles aus dem Munde geschlagen. Und wieder erinnerten sie sich an den Abbruch einer Eiswand am Großen Elend Ferner, keine halbe Minute, nachdem sie die Stelle überschritten.

»Da hättet ihr aber leicht weg sein können!« meinte Dörstling.

Der Professor antwortete nur nachdenklich, während der Führer zurückgetreten war und mit dem Hüttenwart sprach:

»Wenn man deswegen das Bergsteigen aufgeben wollte, ja, mein Gott, in der Stadt kann einem auch ein Ziegel auf den Kopf fallen, oder man kann überfahren werden. Du glaubst gar nicht, wieviel Menschen jährlich in großen Städten, wie Berlin, Paris, London, totgefahren werden. Ich habe mal die Statistik in der Hand gehabt. Jedenfalls viel mehr, als je in den Bergen verunglückt sind.«

Der eine der beiden Österreicher nickte:

»Sehr richtig, und die Abgestürzten sind noch dazu meist Edelweißsucher ...«

»Oder gänzlich Laien, ohne körperliche und geistige Eignung, ohne sachgemäße Ausrüstung ...« fügte der andere der beiden Herren hinzu. So kam die Gruppe am Tisch ins Gespräch, das sich nun allmählich von einem zum andern weiterspann. Nur die beiden jungen Leute beteiligten sich kaum. Sie hörten eifrig zu, nickten hier und da, verhielten sich aber sonst schweigsam.

Es wurde von den Bergen gesprochen, von schwierigen Besteigungen im allgemeinen und besonders von den Dolomiten, ihren abenteuerlichen, seltsamen Formen, ihrer Schroffheit und Steilheit, wie sie einzig ist in den gesamten Alpen.

Die beiden Österreicher meinten, Dolomitklettereien ohne Führer zu machen, wäre ein sträflicher Leichtsinn, und drüben aus der Ecke tönte eine Stimme herüber:

»Da haben Sie vollkommen recht!«

Die am Tisch blickten sich um nach dem, der gesprochen. Es war ein älterer Herr, der bei seiner Flasche Bier saß und nun wieder in seinem Reiseführer, einem Baedeker oder Meyer, las.

Der Professor hatte geschwiegen. Nun aber ergriff seine Frau das Wort und meinte halblaut, zu den beiden Österreichern gewendet:

»Mein Mann geht meist ohne Führer!«

Der Herr in der Ecke brummte wieder etwas, das man jedoch nicht verstehen konnte. Es entstand eine peinliche Pause. Klara erhob sich und flüsterte, wieder das ungefüge Haar aus den Schläfen streichend, ihrem Manne zu:

»Ich bin müde, Karl, ich möchte schlafen gehen!«

Sofort erhob sich Professor Hallbauer, und Klara verneigte sich leicht gegen die andern Herren am Tisch, ehe sie ging. Dann reichte sie Joachim Dörstling die Hand und blickte ihn flüchtig an:

»Gute Nacht! Auf Wiedersehen morgen mittag, wenn wir wiederkommen!«

Er machte eine Bewegung, als wollte er ihre Hand küssen, doch er unterließ es. Der Professor und seine Frau schritten voran in den Nebenraum, wo die Herren schliefen. Sie gingen durch bis in das letzte kleine Gemach, das Damenzimmer. Es war ein winziger Raum, in dem auf erhöhter Bretterlage vier Matratzen gebreitet waren, das Kopfende etwas höher. Wollene Decken lagen darauf. Ein Spiegel fehlte nicht, und Waschgeschirr stand auf einem Bord an der Wand.

»Brauchst du noch etwas, Klara?« fragte der Professor.

»Nein, danke schön. Aber du weckst mich zeitig genug!«

»Natürlich. Hast du denn immer Angst, du könntest nicht Zeit genug haben, du Närrchen?«

»Ich mag doch nicht unordentlich aussehen!«

Er gab ihr den Gutenachtkuß. Dabei verzog sich sein Mund zu einem Lächeln, und er, dessen Art Scherzen und Kosen fremd und schwer war, flüsterte ihr zu, indem er ihr mit dem Rücken der Hand die Wange strich:

»Meine Kläre ist doch immer eitel!«

Dann ließ er sie allein. Doch er kehrte noch einmal zurück:

»Wenn bis neun Uhr keine Dame mehr kommt, ist's möglich, daß mich der Hüttenwart mit hereinläßt, denn die Betten sind alle besetzt, und ich müßte sonst oben auf dem Heulager schlafen. – Jedenfalls paß auf das Licht auf und vergiß nicht auszulöschen!«

Nun ging er wirklich. Sie aber machte eine ungeduldige Bewegung und zog ein Mäulchen. Lange betrachtete sie sich im Spiegel, ehe sie sich auszog. Die Unterkleider behielt sie an, nur das Flanellhemd wechselte sie. Ihr Mann hatte ihr ein kleines Paket gebracht, das er seinem Rucksack entnommen: es enthielt in Wachstuch eingeschlagen alles, was sie brauchte für Nacht und Morgen.

Dann legte sie sich und wickelte sich in die Decken. Schon wollte sie einschlafen, als sie daran dachte, daß das Licht noch brannte. Bei dem Gedanken, sich aus den warmen Hüllen wieder erheben zu müssen, überschlich sie ein ärgerliches Gefühl gegen ihren, wie sie meinte, pedantischen Mann. Aber als sie sich in der Dunkelheit wieder legte und die Wolldecken zurechtzog, fühlte sie sich bald warm und versank in süße Träume.

Joachim Dörstling hatte dem Freunde gute Nacht gesagt. Er langweilte sich in der räucherigen Hütte und wollte lieber schlafen gehen. Der Professor blieb noch auf, um neun Uhr zu erwarten. Der Jüngere aber trat in den allgemeinen Schlafraum. Er hatte das letzte Lager bekommen, hart an der Wand des Damenzimmers, und als er sich zur Ruhe gelegt und sich noch einmal überzeugt, daß er auch allein im Zimmer sei, klopfte er an der dünnen Holzwand und lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit, bis von drüben das gleiche Klopfen antwortete.

»Gute Nacht!« sagte er ganz leise, den Mund an die Wand gepreßt.

»Gute Nacht!« klang es ebenso leise zurück. Und ein glückliches Lächeln auf den Lippen, schmiegte sich Joachim ganz nahe an die harte Holzwand und schloß die Augen.

Als die drei Neuankömmlinge den Eßraum der Dreizinnenhütte verlassen hatten, rief der Österreicher:

»Jörgl! Jörgl!«

Tschurtschenthaler erschien in der Tür:

»Woas wünschen S'?«

Wer der Herr sei, den der Jörgl »Herr Professor« angeredet? Der Führer nannte den Namen. Die beiden jungen Leute, die mit am Tisch saßen, horchten sofort auf. Nun fragten die Österreicher abwechselnd Jörgl aus: ob die Dame seine Frau sei – ja; wer der andere Herr wäre – er wußte es nicht; der Professor müßte wohl ein tüchtiger Steiger sein, da er allein ginge.

Tschurtschenthaler antwortete:

»Der beschte Tourischt ischt er schon, mit dem i gangen bin. Jetzt geht er halt immer allein und macht den Führer für die Frau ...«

Aber da trat der zweite Führer der beiden Herren in die Tür, ein kleiner, schwarzer Kerl mit dunklen Augen, Pacifico Menardi, ein Ampezzaner aus Cortina:

»Jörgl, dei Suppen wird kalt!«

Das Ladinische klang heraus, irgendein fremder Ton, obwohl die Worte gesetzt waren, wie es Jörgl nicht anders getan hätte.

Nun kamen die beiden jungen Leute mit den älteren österreichischen Touristen ins Gespräch. Sie wußten von Professor Hallbauer und redeten von ihm mit größter Bewunderung. Verehrung, fast Liebe klang daraus, hohe Begeisterung, beinahe etwas wie Scheu vor dem Mann, der einen der ersten alpinen Namen der Welt trug.

Sie erzählten, daß Professor Hallbauer in seiner Bergsteigerlaufbahn nahe an tausend Gipfel bestiegen, darunter in den letzten Jahren viele hundert führerlos. Er hatte über sechzig Erstbesteigungen oder doch Besteigungen auf durchaus neuen Wegen gemacht.

Die jungen Leute, die offenbar die alpine Literatur genau kannten, erzählten mehr und mehr von ihm. Einer nahm immer dem andern das Wort vom Mund. Der ältere sagte:

»Bei der Katastrophe vor zwei Jahren am Lyskamm hat er den einen verletzten Führer aus Lauterbrunnen, ich weiß nicht mehr, wie er hieß, ganz allein drei Stunden über den Gletscher geschleppt.«

»Er hat zum Beispiel den steinsicheren Felsenweg auf die Eroda rossa gefunden!« fiel der andere ein.

Doch sofort begann der ältere von neuem und fragte, ob die Herren nicht des Professors Beschreibungen kennten aus der Zeitschrift des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins und aus dem Jahrbuch des Schweizer Alpenklubs?

Der »Rat«, wie ihn Jörgl genannt, verneinte, zog aber das Notizbuch, um sich den Namen aufzuschreiben. Doch die jungen Bergsteiger rieten, die Herren möchten lieber das Werk Hallbauers lesen: »Tagebuch eines Bergsteigers«. Es sei so tief, so voll heiligsten Naturgefühls, voll gewaltigster Poesie und erhabenster Empfindung, wie nichts jemals über die Berge geschrieben worden. Es könne nur von einem großen, innerlichen Menschen stammen.

Wie so ein Wort das andere gab, stellten sich, als man bekannter und herzlicher wurde, mit einemmal die jungen Leute vor:

» Studiosus medicinae Julius, studiosus juris Eberhard Weber aus Jena.«

Zwei Brüder. Die Österreicher nannten gleichfalls ihre Namen, und im weiteren Verlauf des Gespräches fand sich Stand und Titel dazu: Dr. Lodinger, Statthaltereirat aus Graz, unb Alois Gstatter, Hof- und Gerichtsadvokat aus Wien.

Aber die Unterhaltung dauerte nicht mehr lange. Alle dachten ans Schlafengehen, und bald zog sich einer nach dem andern zurück. Zuletzt auch der ältere Herr vom andern Tisch, der in seiner Ecke gebrummt. Zwei weitere Touristen, die dort gesessen, ein paar Paßwanderer in langen Beinkleidern mit Bergstöcken bewehrt, der eine sogar in gesteiftem, nun natürlich gänzlich zerknittertem Leinenhemd, waren schon vorher zur Ruhe gegangen.

Auch die Führer hatten das Heulager auf dem Boden aufgesucht, das von außen über eine Leiter gewonnen werden mußte.

Der Professor stand vor der Hütte, abgehärtet, wie er war, im bloßen Rock. Für ihn war es frisch und kühl, aber nicht kalt. Er blickte in die brauenden Nebel hinaus, die sich um die drei Zinnen wanden, hin und her gezogen, je nachdem sie einmal ein Windhauch rechts oder links getrieben.

Dort ragten sie auf in jäher Schroffheit, gleich Kirchtürmen, die kleine links, schlank, scheinbar unbezwinglich, die große und westliche in furchtbaren Wänden mauerprall niedersetzend auf das Geröll, das sich an ihrem Fuß in steiler Halde hinabzog, in Jahrtausenden gebildet aus Trümmern, abgebrochenen Blöcken, vom Wasser losgesprengt und herabgestürzt.

Unwillkürlich dachte der Professor an vergangene Jahre, als er den Zinnen dort vor ihm zum erstenmal den Fuß aufs stolze Haupt gesetzt. Er dachte an Gefährten aus der Studentenzeit, wo sie noch mit Führer gegangen oder das erste Führerlose hier und da versucht.

Dieser und jener von den Genossen jener Zeit war nicht mehr. Einer war den Strohtod gestorben zu Haus im warmen Nest bei den Eltern. Einer lag auf dem Friedhof von Zermatt, wo das Matterhorn hereingrüßte auf den kleinen Leichenstein, den es verschuldet. Einen hatten sie in Heiligenblut verscharrt. Der Glockner blickte auf sein Grab und die Glocknerwand, die es gefügt, daß er dort unten zur letzten Ruhe gebettet worden.

Der Gefährten Ringen und Kampf um die Höhen war zu Ende, sein Mühen dauerte noch fort. Er war glücklicher gewesen. Er hatte eine Frau seitdem gefunden, die mit ihm ging, die sich ihm als Führer anvertraute auf seine geliebten Berge, wie er sie führen wollte durchs Leben mit sicherem Tritt, mit fester Hand, frei den Kopf von Schwindel, stark das Herz, das für sie schlug.

Der Professor setzte sich auf die Bank vor der Hütte und blickte in die Ferne hinaus: jetzt waren die Zinnen ganz nebelversteckt. Man konnte nur noch drüben die eine niedrige, vorgeschobene Spitze, einen Seitenturm der kleinen Zinne sehen: die Punta di Frida, und weit drüben rechts die Gruppe des Monte Cristallo, ganz verschoben, ein ungewohnter Anblick. Der Piz Popena, immer noch alleinstehend, als Riesenkegel, der Cristallo dann wie ein langer Rücken.

Hell stand der Mond am dunklen Nachthimmel, eine blendende Scheibe, wie nicht recht geputzt mit ihren Flecken, Gebirge wie hier unten das Dolomitenland, das gespenstische Lichter von ihm empfing, unsicher, die phantastischen, wilden Formen der zerfressenen Felsen durch tiefe Schatten noch phantastischer, unglaublicher machend.

In der Ferne zogen oben, hoch oben dunkle, schwere Wolken langsam hin. Unten über den Tälern lagen silbrige Nebel, Watte gleich. Das Plateau mit der kleinen Hütte von Menschenhand ragte aus dem Dunst, als wäre es eine verlassene Klippe im weiten Meer.

Und das Bild senkte sich tief in des einsamen Beschauers Seele. Ihm war es wie eine heilige Feierstunde. Alles schwieg. Er war ganz allein. Er konnte wähnen, ganz allein auf der Welt zu sein.

Wie in Erstarrung blieb er sitzen, als könnte er sich von dem Anblick nicht trennen.

Endlich riß er sich los. Es mußte zehn Uhr sein, und leise, um die andern nicht zu wecken, schlich er sich in die Hütte.

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