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Aus einer Reise in die Schweiz über Frankfurt, Heidelberg, Stuttgart und Tübingen im Jahre 1797

Johann Wolfgang von Goethe: Aus einer Reise in die Schweiz über Frankfurt, Heidelberg, Stuttgart und Tübingen im Jahre 1797 - Kapitel 1
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authorJohann Wolfgang von Goethe
booktitleKleinere Schriften
titleAus einer Reise in die Schweiz über Frankfurt, Heidelberg, Stuttgart und Tübingen im Jahre 1797
publisherCarl Hanser Verlag
seriessämtliche Werke
volumeWerke 4.2.
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editorKarl Richter
year1990
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Einleitendes

Aus Briefen, wenige Zeit vor der Abreise, an Meyer nach Florenz und Stäfa geschrieben.

 

Weimar den 28 April 1797.

Bisher habe ich immer, wenn ich ungeduldig werden wollte, Sie, mein wertester Freund, mir zum Muster vorgestellt: denn Ihre Lage, obgleich mitten unter den herrlichsten Kunstwerken, gewährte Ihnen doch keine Mitteilung und gemeinschaftlichen Genuß, wodurch alles was unser ist doch erst zum Leben kommt; dagegen ich, obgleich abgeschnitten von dem so sehr gewünschten Anschauen der bildenden Künste, doch in einem fortdauernden Austausch der Ideen lebte, und in vielen Sachen die mich interessierten weiter kam.

Nun aber gesteh' ich Ihnen gern, daß meine Unruhe und mein Unmut auf einen hohen Grad zunimmt, da nicht allein alle Wege nach Italien für den Augenblick versperrt, sondern auch die Aussichten auf die nächste Zeit äußerst schlimm sind.

In Wien hat man alle Fremden ausgeboten; Graf Fries, mit dem ich früher zu reisen hoffte, geht selbst erst im September zurück; der Weg von da auf Triest ist für jetzt auch versperrt und für die Zukunft wie die übrigen verheert und unangenehm. In dem obern Italien selbst, wie muß es da nicht aussehen! wenn außer den kriegführenden Heeren auch noch zwei Parteien gegen einander kämpfen. Und selbst nach einem Frieden, wie unsicher und zerrüttet muß es eine lange Zeit in einem Lande bleiben, wo keine Polizei ist, noch sein wird! Einige Personen die jetzt über Mailand heraus sind, können nicht genug erzählen, wie gequält und gehindert man überall wegen der Pässe ist, wie man aufgehalten und herumgeschleppt wird und was man sonst für Not des Fortkommens und übrigen Lebens zu erdulden hat.

Sie können leicht denken, daß unter diesen Umständen mich alles, was einigen Anteil an mir nimmt, von einer Reise abmahnt; und ob ich gleich recht gut weiß, daß man bei allen einigermaßen gewagten Unternehmungen auf die Negativen nicht achten soll, so ist doch der Fall von der Art, daß man selbst durch einiges Nachdenken das Unrätliche einer solchen Expedition sehr leicht einsehen kann.

Dieses alles zusammen drängt mir beinahe den Entschluß ab: diesen Sommer, und vielleicht das ganze Jahr, an eine solche Reise nicht weiter zu denken. Ich schreibe Ihnen dieses sogleich, um auf alle Fälle mich noch mit Ihnen darüber schriftlich unterhalten zu können. Denn was ich Ihnen raten soll weiß ich wahrlich nicht. So sehr Sie mir auf allen Seiten fehlen, und so sehr ich durch Ihre Abwesenheit von allem Genuß der bildenden Kunst getrennt bin, so möchte ich doch Sie nicht gern sobald von der Nahrung Ihres Talentes, die Sie künftig in Deutschland wieder ganz vermissen werden, getrennt wissen. Wenn mein Plan durch die äußern Umstände zum Scheitern gebracht wird, so wünschte ich doch den Ihrigen vollendet zu sehen.

Ich habe mir wieder eine eigne Welt gemacht, und das große Interesse, das ich an der epischen Dichtung gefaßt habe, wird mich schon eine Zeit lang hinhalten. Mein Gedicht Herrmann und Dorothea ist fertig; es besteht aus zweitausend Hexametern und ist in neun Gesänge geteilt, und ich sehe darin wenigstens einen Teil meiner Wünsche erfüllt. Meine hiesigen und benachbarten Freunde sind wohl damit zufrieden, und es kommt hauptsächlich nun darauf an: ob es auch vor Ihnen die Probe aushält. Denn die höchste Instanz von der es gerichtet werden kann ist die, vor welche der Menschenmaler seine Kompositionen bringt, und es wird die Frage sein, ob Sie unter dem modernen Costume die wahren echten Menschenproportionen und Gliederformen anerkennen werden.

Der Gegenstand selbst ist äußerst glücklich, ein Sujet wie man es in seinem Leben nicht zweimal findet; wie denn überhaupt die Gegenstände zu wahren Kunstwerken seltner gefunden werden als man denkt, deswegen auch die Alten beständig sich nur in einem gewissen Kreis bewegen.

In der Lage in der ich mich befinde, habe ich mir zugeschworen, an nichts mehr Teil zu nehmen als an dem, was ich so in meiner Gewalt habe wie ein Gedicht; wo man weiß, daß man zuletzt nur sich zu tadeln oder zu loben hat; an einem Werke an dem man, wenn der Plan einmal gut ist, nicht das Schicksal des Penelopeischen Schleiers erlebt. Denn leider in allen übrigen irdischen Dingen lösen einem die Menschen gewöhnlich wieder auf was man mit großer Sorgfalt gewoben hat, und das Leben gleicht jener beschwerlichen Art zu wallfahrten, wo man drei Schritte vor und zwei zurücktun muß. Kommen Sie zurück, so wünschte ich, Sie könnten sich auf jene Weise zuschwören, daß Sie nur innerhalb einer bestimmten Fläche, ja ich möchte wohl sagen, innerhalb eines Rahmens, wo Sie ganz Herr und Meister sind, Ihre Kunst ausüben wollen. Zwar ist, ich gestehe es, ein solcher Entschluß sehr illiberal und nur Verzweiflung kann einen dazu bringen; es ist aber doch immer besser, ein für allemal zu entsagen, als immer einmal einen um den andern Tag rasend zu werden.

Vorstehendes war schon vor einigen Tagen geschrieben, nicht im besten Humor, als auf einmal die Friedensnachricht von Frankfurt kam. Wir erwarten zwar noch die Bestätigung, und von den Bedingungen und Umständen ist uns noch nichts bekannt, ich will aber diesen Brief nicht aufhalten, damit Sie doch wieder etwas von mir vernehmen, und Eingeschlossenes, das man mir an Sie gegeben hat, nicht liegen bleibe. Leben Sie wohl und lassen Sie mich bald wieder von sich hören. In weniger Zeit muß sich nun vieles aufklären, und ich hoffe, der Wunsch, uns in Italien zuerst wieder zu sehen, soll uns doch noch endlich gewährt werden.

Weimar am 8 Mai 1797.

Am 28 April schrieb ich Ihnen einen Brief voll übler Laune, die Friedensnachrichten, die in dem Augenblick dazu kamen, rektifizierten den Inhalt. Seit der Zeit habe ich mir vorgesetzt, so sicher als ein Mensch sich etwas vorsetzen kann:

Daß ich Anfangs Juli nach Frankfurt abreise, um mit meiner Mutter noch mancherlei zu arrangieren, und daß ich alsdann, von da aus, nach Italien gehen will, um Sie aufzusuchen.

Ich darf Sie also wohl bitten in jenen Gegenden zu verweilen und, wenn Sie nicht tätig sein können, inzwischen zu vegetieren. Sollten Sie aber Ihrer Gesundheit wegen nach der Schweiz zurück gehen wollen, so schreiben Sie mir, wo ich Sie treffe. Ich kann rechnen, daß Sie diesen Brief Ende Mais erhalten; antworten Sie mir aber nur unter dem Einschluß von Frau Rat Goethe nach Frankfurt am Main, so finde ich Ihren Brief gewiß, und werde mich darnach richten. In der Zwischenzeit erfahren wir die Verhältnisse des obern Italiens und sehen uns mit Zufriedenheit, wo es auch sei, wieder. Ich wiederhole nur kürzlich, daß es mir ganz gleich ist, in welche Gegend ich mich von Frankfurt aus hinbewege, wenn ich nur erfahre, wo ich Sie am nächsten treffen kann. Leben Sie recht wohl! Mir geht alles recht gut, so daß ich nach dem erklärten Frieden hoffen kann, Sie auch auf einem befriedigten, obgleich sehr zerrütteten Boden wieder zu sehen.

Jena, den 6 Juni 1797.

Ihren Brief vom 13 Mai habe ich gestern erhalten, woraus ich sehe, daß die Posten zwar noch nicht mit der alten Schnelligkeit, doch aber wieder ihren Gang gehen, und das macht mir Mut Ihnen gleich wieder zu schreiben.

Seitdem ich die Nachricht erhielt, daß Sie sich nicht wohl befinden, bin ich unruhiger als jemals; denn ich kenne Ihre Natur, die sich kaum anders als in der vaterländischen Luft wieder herstellt. Sie haben indessen noch zwei Briefe von mir erhalten, einen vom 28 April und einen vom 8 Mai, möchten Sie doch auf den letzten diejenige Entschließung ergriffen haben die zu Ihrem Besten dient. Ihre Antwort, die ich nach dem jetzigen Lauf der Posten in Frankfurt gewiß finden kann, wird meine Wege leiten. Selbst mit vielem Vergnügen würde ich Sie in Ihrem Vaterland aufsuchen und an dem Züricher See einige Zeit mit Ihnen verleben. Möge doch das Gute, das Ihnen aus unserm freundschaftlichen Verhältnis entspringen kann, Sie einigermaßen schadlos halten für die Leiden, die Sie in der Zwischenzeit ausgestanden haben und die auch auf mich, in der Ferne, den unangenehmsten Einfluß hatten; denn noch niemals bin ich von einer solchen Ungewißheit hin und her gezerrt worden; noch niemals haben meine Plane und Entschließungen so von Woche zu Woche variiert. Ich ward des besten Lebensgenusses unter Freunden und nahe Verbundnen nicht froh, indes ich Sie einsam wußte und mir einen Weg nach dem andern abgeschnitten sah.

Nun mag denn Ihr nächster Brief entscheiden, und ich will mich darein finden und ergeben was er auch ausspricht. Wo wir auch zusammenkommen, wird es eine unendliche Freude sein. Die Ausbildung die uns indessen geworden ist, wird sich durch Mitteilung auf das schönste vermehren.

Schiller lebt in seinem neuen Garten recht heiter und tätig; er hat zu seinem Wallenstein sehr große Vorarbeiten gemacht. Wenn die alten Dichter ganz bekannte Mythen, und noch dazu teilweise, in ihren Dramen vortrugen, so hat ein neuerer Dichter, wie die Sachen stehen, immer den Nachteil, daß er erst die Exposition, die doch eigentlich nicht allein aufs Faktum, sondern auf die ganze Breite der Existenz, und auf Stimmung geht, mit vortragen muß. Schiller hat deswegen einen sehr guten Gedanken gehabt, daß er ein kleines Stück die Wallensteiner als Exposition vorausschickt, wo die Masse der Armee, gleichsam wie das Chor der Alten, sich mit Gewalt und Gewicht darstellt, weil am Ende des Hauptstücks doch alles darauf ankommt: daß die Masse nicht mehr bei ihm bleibt, sobald er die Formel des Diensts verändert. Es ist in einer viel pesantern und also für die Kunst bedeutendern Manier als die Geschichte von Dumouriez.

Höchst verlangend bin ich auch Ihre Ideen über das Darstellbare und Darzustellende zu vernehmen. Alles Glück eines Kunstwerks beruht auf dem prägnanten Stoff den es darzustellen unternimmt. Nun ist der ewige Irrtum, daß man bald etwas Bedeutendes, bald etwas Hübsches, Gutes und Gott weiß was alles, sich unterschiebt, wenn man doch einmal was machen will und muß.

Wir haben auch in diesen Tagen Gelegenheit gehabt manches abzuhandeln über das was in irgend einer prosodischen Form geht und nicht geht. Es ist wirklich beinahe magisch, daß etwas, was in dem einen Sylbenmaße noch ganz gut und charakteristisch ist, in einem andern leer und unerträglich scheint. Doch eben so magisch sind ja die abwechselnden Tänze auf einer Redoute, wo Stimmung, Bewegung und alles durch das Nachfolgende gleich aufgehoben wird.

Da man meine ganze Operation von Ihrer Antwort auf meinen Brief vom 8 Mai abhängt, so will ich nicht wieder schreiben, als bis ich diese erhalten habe, und Ihnen nachher gleich antworten wo ich bin und wie ich gehe. Sollten Sie auch auf diesen noch irgend etwas zu vermelden haben, so schicken Sie es nur auf Frankfurt an meine Mutter, wo ich schon das Weitere besorgen will.

 

Weimar, den 7 Juli 1797.

Sein Sie mir bestens auf vaterländischem Grund und Boden gegrüßt! Ihr Brief vom 26 Juni, den ich heut' erhalte, hat mir eine große Last vom Herzen gewälzt. Zwar konnt' ich hoffen, daß Sie auf meinen Brief vom 8 Mai gleich zurückkehren würden; allein bei meiner Liebe zu Ihnen, bei meiner Sorge für Ihre Gesundheit, bei dem Gefühl des Wertes den ich auf unser einziges Verhältnis lege, war mir die Lage der Sache äußerst schmerzlich, und mein durch die Lähmung unsers Plans ohnehin schon sehr gekränktes Gemüt ward nun durch die Nachricht von Ihrem Zustande noch mehr angegriffen. Ich machte mir Vorwürfe, daß ich, trotz der Umstände, nicht früher gegangen sei, Sie aufzusuchen; ich stellte mir Ihr einsames Verhältnis und ihre Empfindungen recht lebhaft vor, und arbeitete ohne Trieb und Behaglichkeit bloß um mich zu zerstreuen. Nun geht eine neue Epoche an, in welcher alles eine bessere Gestalt gewinnen wird. Aus unserm eigentlichen Unternehmen mag nun werden was will, sorgen Sie einzig für Ihre Gesundheit und ordnen Sie das Gesammelte nach Lust und Belieben. Alles was Sie tun ist gut, denn alles hat einen Bezug auf ein Ganzes.

Ihr Brief hat mich noch in Weimar getroffen, wohin mir meine Mutter ihn schickte. Der Herzog ist schon einige Monate abwesend, er will mich vor meiner Abreise noch über manches sprechen und ich erwarte ihn. Indessen habe ich alles geordnet und bin so los und ledig als jemals. Ich gehe sodann nach Frankfurt mit den Meinigen, um sie meiner Mutter vorzustellen, und nach einem kurzen Aufenthalte sende ich jene zurück und komme Sie am schönen See zu treffen. Welch eine angenehme Empfindung ist es mir, Sie bis auf jenen glücklichen Augenblick wohl aufgehoben und in einem verbesserten Zustande zu wissen!

Schreiben Sie nach dem Empfang dieses nur nach Frankfurt. Von mir erhalten Sie nun alle acht Tage Nachricht. Zum Willkomm auf deutschem Grund und Boden sende ich Ihnen etwas über die Hälfte meines neuen Gedichts. Möge Ihnen die Aura die Ihnen daraus entgegenweht angenehm und erquicklich sein. Weiter sage ich nichts. Da wir nun glücklicherweise wieder so viel näher gebracht worden, so sind nun unsere ersten Schritte bestimmt; und sind wir nur einmal erst wieder zusammen, so wollen wir fest an einander halten und unsere Wege weiter zusammen fortführen. Leben Sie tausendmal wohl!

 

Weimar, den 14 Juli 1797.

Seitdem ich Sie wieder in Ihr Vaterland gerettet weiß, sind meine Gedanken nun hauptsächlich darauf gerichtet: daß wir wechselseitig mit demjenigen bekannt werden was jeder bisher einzeln für sich getan hat. Sie haben durch Anschauung und Betrachtung ein unendliches Feld kennen gelernt, und ich habe indessen von meiner Seite, durch Nachdenken und Gespräch über Theorie und Methode, mich weiter auszubilden nicht versäumt, so daß wir nun entweder unmittelbar mit unsern Arbeiten zusammentreffen, oder uns wenigstens sehr leicht werden erklären und vereinigen können.

Ich schicke Ihnen hier einen Aufsatz, worin, nach einigem Allgemeinen, über Laokoon gehandelt ist. Die Veranlassung zu diesem Aufsatze sage ich hernach. Schiller ist mit der Methode und dem Sinn desselben zufrieden; es ist nun die Frage: ob Sie mit dem Stoff einig sind? ob Sie glauben, daß ich das Kunstwerk richtig gefaßt und den eigentlichen Lebenspunkt des Dargestellten wahrhaft angegeben habe? Auf alle Fälle können wir uns künftig vereinigen: teils dieses Kunstwerk, teils andere in einer gewissen Folge dergestalt zu behandeln, daß wir, nach unserm altern Schema, eine vollständige Entwickelung von der ersten poetischen Konzeption des Werks, bis auf die letzte mechanische Ausführung zu liefern suchen und dadurch uns und Andern mannichfaltig nutzen.

Hofrat Hirt ist hier, der in Berlin eine Existenz nach seinen Wünschen hat und sich auch bei uns ganz behaglich befindet. Seine Gegenwart hat uns sehr angenehm unterhalten, indem er bei der großen Masse von Erfahrung die ihm zu Gebote steht, beinah alles in Anregung bringt was in der Kunst interessant ist, und dadurch einen Zirkel von Freunden derselben, selbst durch Widerspruch, belebt. Er kommunizierte uns einen kleinen Aufsatz über Laokoon, den Sie vielleicht schon früher kennen und der das Verdienst hat, daß er den Kunstwerken auch das Charakteristische und Leidenschaftliche als Stoff vindiziert, welches durch den Mißverstand des Begriffs von Schönheit und göttlicher Ruhe allzusehr verdrängt worden war. Schillern, der auch seit einigen Tagen hier ist, hatte von dieser Seite gedachter Aufsatz besonders gefallen, indem er selbst jetzt über Tragödie denkt und arbeitet, wo eben diese Punkte zur Sprache kommen. Um mich nun eben hierüber am freisten und vollständigsten zu erklären, und zu weiteren Gesprächen Gelegenheit zu geben, so wie auch besonders in Rücksicht unserer nächsten gemeinschaftlichen Arbeiten, schrieb ich die Blätter, die ich Ihnen nun zur Prüfung überschicke.

Sorgen Sie vor allen Dingen für Ihre Gesundheit in der vaterländischen Luft und strengen sich, besonders durch Schreiben, ja nicht an. Disponieren Sie sich Ihr Schema im Ganzen und rangieren Sie die Schätze Ihrer Kollektaneen und Ihres Gedächtnisses; warten Sie alsdann bis wir wieder zusammenkommen, da Sie die Bequemlichkeit des Diktierens haben werden, indem ich einen Schreiber mitbringe, wodurch das Mechanische der Arbeit, welches für eine nicht ganz gesunde Person drückend ist, sehr erleichtert, ja gewissermaßen weggehoben wird.

Unser Herzog scheint sich auf seiner Reise zu gefallen, denn er läßt uns eine Woche nach der andern warten. Doch beunruhigt mich seine verspätete Ankunft, die ich erwarten muß, gegenwärtig nicht, indem ich Sie in Sicherheit weiß. Ich hoffe, Sie haben meinen Brief vom 7ten mit dem Anfange des Gedichtes richtig erhalten, und ich will es nunmehr so einrichten, daß ich alle Wochen etwas an Sie absende. Schreiben Sie mir, wenn es auch nur wenig ist, unter der Adresse meiner Mutter nach Frankfurt. Ich hoffe Ihnen bald meine Abreise von hier und meine Ankunft dort melden zu können und wünsche, daß Sie sich recht bald erholen möchten und daß ich die Freude habe, Sie, wo nicht völlig hergestellt, doch in einem recht leidlichen Zustande wieder zu finden. Leben Sie recht wohl, wertester Freund! Wie freue ich mich auf den Augenblick in welchem ich Sie wiedersehen werde, um durch ein vereintes Leben uns für die bisherige Vereinzelung entschädigt zu sehen!

Schiller und die Hausfreunde grüßen, alles freut sich Ihrer Nähe und Besserung.

Heut über acht Tage will ich verschiedene Gedichte beilegen. Wir haben uns vereinigt in den diesjährigen Almanach mehrere Balladen zu geben und uns bei dieser Arbeit über Stoff und Behandlung dieser Dichtungsart selbst aufzuklären; ich hoffe, es sollen sich gute Resultate zeigen.

Humboldts werden nun auch von Dresden nach Wien abgehen. Gerning, der noch immerfort bei jedem Anlaß Verse macht, ist über Regensburg eben dahin abgegangen. Beide Partien denken von jener Seite nach Italien vorzurücken; die Folge wird lehren wie weit sie kommen.

Die Herzogin Mutter ist nach Kissingen. Wieland lebt in Osmanstedt mit dem notdürftigen Selbstbetruge. Fräulein von Imhof entwickelt ein recht schönes poetisches Talent, sie hat einige allerliebste Sachen zum Almanach gegeben. Wir erwarten in diesen Tagen den jungen Stein von Breslau, der sich im Weltwesen recht schön ausbildet. Und so hätten Sie denn auch einige Nachricht von dem Personal das einen Teil des Weimarischen Kreises ausmacht. Bei Ihrer jetzt größeren Nähe scheint es mir, als ob man Ihnen auch hiervon etwas sagen könne und müsse. Knebel ist nach Bayreuth gegangen; er macht Miene in jenen Gegenden zu bleiben, nur fürchte ich, er wird nichts mehr am alten Platze finden; besonders ist Nürnberg, das er liebt, in dem jetzigen Augenblick ein trauriger Aufenthalt. Nochmals ein herzliches Lebewohl.

 

Weimar, den 21 Juli 1797.

Hier ist, mein werter Freund, die dritte wöchentliche Sendung mit der ich Ihnen zugleich ankündigen kann: daß mein Koffer mit dem Postwagen heute früh nach Frankfurt abgegangen und daß also schon ein Teil von mir nach Ihnen zu in Bewegung ist; der Körper wird nun auch wohl bald dem Geiste und den Kleidern nachfolgen.

Diesmal schicke ich Ihnen, damit Sie doch ja auch recht nordisch empfangen werden, ein paar Balladen, bei denen ich wohl nicht zu sagen brauche, daß die erste von Schillern, die zweite von mir ist. Sie werden daraus sehen, daß wir, indem wir Ton und Stimmung dieser Dichtart beizubehalten suchen, die Stoffe würdiger und mannichfaltiger zu wählen besorgt sind; nächstens erhalten Sie noch mehr dergleichen.

Die Note von Böttiger über die zusammenschnürenden Schlangen ist meiner Hypothese über Laokoon sehr günstig; er hatte, als er sie schrieb, meine Abhandlung nicht gelesen.

Schiller war diese acht Tage bei mir, ziemlich gesund und sehr munter und tätig; Ihrer ist, ich darf wohl sagen, in jeder Stunde gedacht worden.

Unsere Freundin Amelie hat sich auch in der Dichtkunst wundersam ausgebildet und sehr artige Sachen gemacht, die mit einiger Nachhülfe recht gut erscheinen werden. Man merkt ihren Produktionen sehr deutlich die soliden Einsichten in eine andere Kunst an, und wenn sie in beiden fortfährt, so kann sie auf einen bedeutenden Grad gelangen.

Heute nicht mehr. Nur noch den herzlichen Wunsch, daß Ihre Gesundheit sich immer verbessern möge! Schicken Sie Ihre Briefe nur an meine Mutter.

 

Frankfurt

Frankfurt, den 8 August 1797.

Zum ersten Mal habe ich die Reise aus Thüringen nach dem Mainstrome durchaus bei Tage mit Ruhe und Bewußtsein gemacht, und das deutliche Bild der verschiedenen Gegenden, ihre Charaktere und Übergänge, war mir sehr lebhaft und angenehm. In der Nähe von Erfurt war mir der Kessel merkwürdig worin diese Stadt liegt. Er scheint sich in der Urzeit gebildet zu haben, da noch Ebbe und Flut hinreichte und die Unstrut durch die Gera heraufwirkte.

Der Moment, wegen der heranreifenden Feldfrüchte, war sehr bedeutend. In Thüringen stand alles zum schönsten, im Fuldaischen fanden wir die Mandeln auf dem Felde und zwischen Hanau und Frankfurt nur noch die Stoppeln; vom Wein verspricht man sich nicht viel, das Obst ist gut geraten.

Wir waren von Weimar bis hier vier Tage unterwegs und haben von der heißen Jahreszeit wenig oder gar nicht gelitten. Die Gewitter kühlten Nachts und Morgens die Atmosphäre aus, wir fuhren sehr früh, die heißesten Stunden des Tags fütterten wir, und wenn denn auch einige Stunden des Wegs bei warmer Tageszeit zurückgelegt wurden, so ist doch meist auf den Höhen und in den Tälern wo Bäche fließen ein Luftzug.

So bin ich denn vergnügt und gesund am 3ten in Frankfurt angekommen und überlege in einer ruhigen und heiteren Wohnung nun erst: was es heiße in meinen Jahren in die Welt zu gehen. In früherer Zeit imponieren und verwirren uns die Gegenstände mehr, weil wir sie nicht beurteilen noch zusammenfassen können, aber wir werden doch mit ihnen leichter fertig, weil wir nur aufnehmen was in unserm Wege liegt und rechts und links wenig achten. Später kennen wir die Dinge mehr, es interessiert uns deren eine größere Anzahl und wir würden uns gar übel befinden, wenn uns nicht Gemütsruhe und Methode in diesen Fällen zu Hülfe käme. Ich will nun alles, was mir in diesen Tagen vorgekommen, so gut als möglich ist zurecht stellen, an Frankfurt selbst als einer vielumfassenden Stadt meine Schemata probieren und mich dann zu einer weiteren Reise vorbereiten.

Sehr merkwürdig ist mir aufgefallen wie es eigentlich mit dem Publikum einer großen Stadt beschaffen ist. Es lebt in einem beständigen Taumel von Erwerben und Verzehren, und das was wir Stimmung nennen, läßt sich weder hervorbringen noch mitteilen; alle Vergnügungen, selbst das Theater soll nur zerstreuen, und die große Neigung des lesenden Publikums zu Journalen und Romanen entsteht eben daher, weil jene immer und diese meist Zerstreuung in die Zerstreuung bringen.

Ich glaube sogar eine Art von Scheu gegen poetische Produktion oder wenigstens insofern sie poetisch sind, bemerkt zu haben, die mir aus eben diesen Ursachen ganz natürlich vorkommt. Die Poesie verlangt, ja gebietet Sammlung, sie isoliert den Menschen wider seinen Willen, sie drängt sich wiederholt auf und ist in der breiten Welt (um nicht zu sagen in der großen) so unbequem wie eine treue Liebhaberin.

Ich gewöhne mich nun, alles wie mir die Gegenstände vorkommen und was ich über sie denke aufzuschreiben, ohne die genaueste Beobachtung und das reifste Urteil von mir zu fordern oder auch an einen künftigen Gebrauch zu denken. Wenn man den Weg einmal ganz zurückgelegt hat, so kann man mit besserer Übersicht das Vorrätige immer wieder als Stoff gebrauchen.

Das Theater habe ich einige Mal besucht und zu dessen Beurteilung mir auch einen methodischen Entwurf gemacht; indem ich ihn nun nach und nach auszufüllen suche, so ist mir erst recht aufgefallen: daß man eigentlich nur von fremden Ländern, wo man mit niemand in Verhältnis steht, eine leidliche Reisebeschreibung machen könnte. Über den Ort wo man gewöhnlich sich aufhält wird niemand wagen etwas zu schreiben, es müßte denn von bloßer Aufzählung der vorhandenen Gegenstände die Rede sein: eben so geht es mit allem was uns noch einigermaßen nah' ist, man fühlt erst, daß es eine Impietät wäre, wenn man auch sein gerechtestes, mäßigstes Urteil über die Dinge öffentlich aussprechen wollte. Diese Betrachtungen führen auf artige Resultate und zeigen mir den Weg der zu gehen ist. So vergleiche ich z. B. jetzt das hiesige Theater mit dem Weimarischen; habe ich noch das Stuttgarter gesehen, so läßt sich vielleicht über die drei etwas Allgemeines sagen, das bedeutend ist und das sich auch allenfalls öffentlich produzieren läßt.

 

Den 8 August.

In Frankfurt ist alles tätig und lebhaft, und das vielfache Unglück scheint nur einen allgemeinen Leichtsinn bewirkt zu haben. Die Millionen Kriegskontribution, die man im vorigen Jahre den vorgedrungenen Franzosen hingeben mußte, sind so wie die Not jener Augenblicke vergessen, und jedermann findet es äußerst unbequem, daß er nun zu den Interessen und Abzahlungen auch das Seinige beitragen soll. Ein jeder beklagt sich über die äußerste Teuerung, und fährt doch fort Geld auszugeben und den Luxus zu vermehren, über den er sich beschwert. Doch habe ich auch schon einige wunderliche und unerwartete Ausnahmen bemerken können.

Gestern Abend entstand auf einmal ein lebhafter Friedensruf, inwiefern er gegründet sei, muß sich bald zeigen. Ich habe mich in diesen wenigen Tagen schon viel umgesehen, bin die Stadt umfahren und umgangen; außen und innen entsteht ein Gebäude nach dem andern, und der bessere und größere Geschmack läßt sich bemerken, obgleich auch hier mancher Rückschritt geschieht. Gestern war ich im Schweizerschen Hause, das auch inwendig viel Gutes enthält, besonders hat mir die Art der Fenster sehr wohl gefallen; ich werde ein kleines Modell davon an die Schloßbaukommission schicken.

Das hiesige Theater hat gute Subjekte, ist aber im Ganzen für eine so große Anstalt viel zu schwach besetzt; die Lücken, welche bei Ankunft der Franzosen entstanden, sind noch nicht wieder ausgefüllt. Auf den Sonntag wird Palmira gegeben, worauf ich sehr neugierig bin.

Ich lege eine Rezension einiger italiänischen Zeitungsblätter bei, die mich interessiert haben, weil sie einen Blick in jene Zustände tun lassen.

 

Italiänische Zeitungen

Es liegen verschiedene italiänische Zeitungen vor mir, über deren Charakter und Inhalt ich einiges zu sagen gedenke.

Die auswärtigen Nachrichten sämtlich sind aus fremden Zeitungen übersetzt, ich bemerke also nur das Eigne der inländischen.

L'Osservatore Triestino No. 58. 21 Juli 1797. Ein sehr gut geschriebener Brief über die Besitznehmung von Cherso vom 10 Juli. Dann einiges von Zara. Die Anhänge sind wie unsere Beilagen und Wochenblätter.

Gazzetta Universale No. 58. 22 Juli 1797. Florenz. Ein nachdrückliches Gesetz wegen Meldung des Ankommens, Bleibens und Abgehens der Fremden, im Florentinischen publiziert.

Notizie Universali No. 60. 28 Juli 1797. Roveredo. Ein Artikel aus Östreich macht auf die große bewaffnete Stärke des Kaisers aufmerksam.

Il Corriere Milanese. No. 59. 24 Juli 1797. Die italiänischen Angelegenheiten werden im republikanischen Sinne, aber mit großer Mäßigung, Feinheit und rhetorischer Stellung vorgetragen; es fällt einem dabei der Leidener Luzac ein.

In einer Buchhändler-Nachricht ist ein Werk: Memorie Storiche del Professore Gio. Battista Rottondo nativo di Monza, nel Milanese, scritte da lui medesimo, angekündigt. Wahrscheinlich eine romanhafte Komposition, durch welche man, so viel sich aus der Anzeige erraten läßt, den Revolutionisten in Italien Mäßigkeit raten will.

Giornale Degli Uomini Liberi. Bergamo. 18 Juli 1797. No. 5 Lebhaft demokratisch, welches sich in der Bergamasken-Manier sehr lustig ausnimmt; denn wer lacht nicht wenn er liest: Non si dee defraudare il Popolo Sovrano Bergamasco di dargli notizia etc.

Für den Platz aber und für die Absicht scheint das Blatt sehr zweckmäßig zu sein, indem es hauptsächlich die Angelegenheiten der Stadt und des Bezirks behandelt.

No. 6. Die Aufhebung eines Klosters durch die Mehrheit der Mönchsstimmen wird begehrt, die aristokratische Partei verlangt unanimia.

Die Sprachwendungen haben etwas Originales und der ganze Ausdruck ist lebhaft, treu, naiv, so daß man den Harlekin im besten Sinne zu hören glaubt.

Il Patriota Bergamasco No. 17. 18 Juli 1797. Ein Kompliment an die Bergamasker, daß ihre Nationalgarden bei dem großen Föderationsfest sich so ganz besonders ausgenommen haben: I Segni da esse manifestati di patriotismo e di giocondita attrassero la comune meraviglia, e loro meritarono il vanto de' piu energici republicani. Wenn man diese Stelle gehörig übersetzt, so wünschte man die Bergamasker bei dieser Gelegenheit mit ihrer giocondità gesehen zu haben. Den Nachrichten aus dem Kirchenstaat sucht man, durch Worte die Schwabacher gedruckt sind, eine komische Tournure zu geben.

Ein Brief des Generals Buonaparte an den Astronomen Cagnoli in Verona, der bei den Unruhen viel gelitten und verloren hatte, soll den Gemütern Beruhigung einflößen, da dem Manne Ersatz und Sicherheit versprochen wird.

No. 18 ist sehr merkwürdig; der Patriot beklagt sich daß nach der Revolution noch keine Revolution sei und daß gerade alles noch seinen alten aristokratischen Gang gehen wolle. Natürlicher Weise hat, wie überall, die liebe Gewohnheit nach den ersten lebhaften Bewegungen wieder ihr Recht behauptet und alles sucht sich wieder auf die Füße zu stellen; worüber sich denn der gute Patriot gar sehr beklagt.

 

Den 9 August.

Das allgemeine Gespräch und Interesse ist heute die Feier des morgenden Tages, die in Wetzlar begangen werden soll; man erzählt Wunderdinge davon. Zwanzig Generale sollen derselben beiwohnen, von allen Regimentern sollen Truppen dazu gesammelt werden, militärische Evolutionen sollen geschehen; Gerüste sind aufgerichtet und was dergleichen mehr ist. Indessen fürchten die Einwohner bei dieser Gelegenheit böse Szenen; mehrere haben sich entfernt; man will heute Abend schon kanonieren gehört haben.

Bei alle dem lebt man hier in vollkommener Sicherheit und jeder treibt sein Handwerk eben als wenn nichts gewesen wäre; man hält den Frieden für gewiß und schmeichelt sich, daß der Kongreß hier sein werde, ob man gleich nicht weiß wo man die Gesandten unterbringen will. Wenn alles ruhig bleibt, so wird die nächste Messe über die Maßen voll und glänzend werden; es sind schon viele Quartiere bestellt und die Gastwirte und andere Einwohner setzen unerhörte Preise auf ihre Zimmer.

Was mich betrifft, so sehe ich nur immer mehr ein daß jeder nur sein Handwerk ernsthaft treiben und das übrige alles lustig nehmen soll. Ein paar Verse die ich zu machen habe interessieren mich jetzt mehr als viel wichtigere Dinge, auf die mir kein Einfluß gestattet ist, und wenn ein jeder das Gleiche tut, so wird es in der Stadt und im Hause wohl stehen. Die wenigen Tage die ich hier bin hat mich die Betrachtung so mancher Gegenstände schon sehr vergnügt und unterhalten, und ich habe für die nächste Zeit noch genug vor mir.

Ich will hernach unsern guten Meyer, der am Zürichersee angekommen ist, aufsuchen und, ehe ich meinen Rückweg antrete, noch irgend eine kleine Tour mit ihm machen. Nach Italien habe ich keine Lust, ich mag die Raupen und Chrysaliden der Freiheit nicht beobachten; weit lieber möchte ich die ausgekrochenen französischen Schmetterlinge sehen.

Gestern war ich bei Herrn von Schwarzkopf, der mit seiner jungen Frau auf einem Bethmannischen Gute wohnt; es liegt sehr angenehm eine starke halbe Stunde von der Stadt vor dem Eschenheimer Tore auf einer sanften Anhöhe, von der man vorwärts die Stadt und den ganzen Grund worin sie liegt und hinterwärts den Nitagrund bis an das Gebirg übersieht. Das Gut gehörte ehemals der Familie der von Riese und ist wegen der Steinbrüche bekannt, die sich in dem Bezirk desselben befinden. Der ganze Hügel besteht aus Basalt und der Feldbau wird in einem Erdreiche getrieben das aus Verwitterung dieser Gebirgsart sich gebildet hat; es ist auf der Höhe ein wenig steinig, aber Früchte und Obstbäume gedeihen vortrefflich. Bethmanns haben viel dazu gekauft und meine Mutter hat ihnen ein schönes Baumstück, das unmittelbar daran stößt, abgelassen. – Die Fruchtbarkeit des herrlichen Grundes um Frankfurt und die Mannichfaltigkeit seiner Erzeugnisse erregt Erstaunen, und an den neuen Zäunen, Staketen und Lusthäusern, die sich weit um die Stadt umher verbreiten, sieht man, wie viel wohlhabende Leute in der letzten Zeit nach größern und kleinern Stücken eines fruchtbaren Bodens gegriffen haben. Das große Feld, worauf nur Gemüse gebaut wird, gewährt in der jetzigen Jahreszeit einen sehr angenehmen und mannichfaltigen Anblick. Überhaupt ist die Lage, wie ich sie an einem schönen Morgen vom Turme wieder gesehen, ganz herrlich und zu einem heitern und sinnlichen Genusse ausgestattet, deswegen sich die Menschen auch so zeitig hier angesiedelt und ausgebreitet haben. Merkwürdig war mir die frühe städtische Kultur, da ich gestern las, daß schon 1474 befohlen ward, die Schindeldächer wegzutun, nachdem schon früher die Strohdächer abgeschafft waren. Es läßt sich denken, wie ein solches Beispiel in dreihundert Jahren auf die ganze Gegend gewirkt haben müsse.

 

Frankfurt, den 14 August.

Gestern sah ich die Oper Palmira, die im Ganzen genommen sehr gut und anständig gegeben ward. Ich habe aber dabei vorzüglich die Freude gehabt einen Teil ganz vollkommen zu sehen, nämlich die Dekorationen. Sie sind von einem Mailänder Fuentes, der sich gegenwärtig hier befindet.

Bei der Theater-Architektur ist die große Schwierigkeit, daß man die Grundsätze der echten Baukunst einsehen und von ihnen doch wieder zweckmäßig abweichen soll. Die Baukunst im höhern Sinne soll ein ernstes, hohes, festes Dasein ausdrücken, sie kann sich, ohne schwach zu werden, kaum aufs Anmutige einlassen; aber auf dem Theater soll alles eine anmutige Erscheinung sein. Die theatralische Baukunst muß leicht, geputzt, mannichfaltig sein, und sie soll doch zugleich das Prächtige, Hohe, Edle darstellen. Die Dekorationen sollen überhaupt, besonders die Hintergründe, Tableaux machen. Der Dekorateur muß noch einen Schritt weiter als der Landschaftsmaler tun, der auch die Architektur nach seinem Bedürfnis zu modifizieren weiß.

Die Dekorationen zu Palmira geben Beispiele woraus man die Lehre der Theatermalerei abstrahieren könnte. Es sind sechs Dekorationen die auf einander in zwei Akten folgen, ohne daß eine wieder kommt; sie sind mit sehr kluger Abwechselung und Gradation erfunden. Man sieht ihnen an, daß der Meister alle Moyens der ernsthaften Baukunst kennt; selbst da, wo er baut wie man nicht bauen soll und würde, behält doch alles den Schein der Möglichkeit bei, und alle seine Konstruktionen gründen sich auf den Begriff dessen was im Wirklichen gefordert wird. Seine Zierraten sind sehr reich, aber mit reinem Geschmack angebracht und verteilt; diesen sieht man die große Stukkaturschule an, die sich in Mailand befindet, und die man aus den Kupferstich-Werken des Albertolli kann kennen lernen. Alle Proportionen gehen ins Schlanke, alle Figuren, Statuen, Basreliefs, gemalte Zuschauer gleichfalls; aber die übermäßige Länge und die gewaltsamen Gebärden mancher Figuren sind nicht Manier, sondern die Notwendigkeit und der Geschmack haben sie so gefordert. Das Kolorit ist untadelhaft und die Art zu malen äußerst frei und bestimmt. Alle die perspektivischen Kunststücke, alle die Reize der nach Direktionspunkten gerichteten Massen zeigen sich in diesen Werken; die Teile sind völlig deutlich und klar ohne hart zu sein, und das Ganze hat die lobenswürdigste Haltung. Man sieht die Studien einer großen Schule und die Überlieferungen mehrerer Menschenleben in den unendlichen Details, und man darf wohl sagen, daß diese Kunst hier auf dem höchsten Grade steht; nur schade daß der Mann so kränklich ist, daß man an seinem Leben verzweifelt. Ich will sehen daß ich das, was ich hier nur flüchtig hingeworfen habe, besser zusammenstelle und ausführe.

 

Erste Dekoration

Auf niedrigen, nicht zu starken, alt-dorischen blauen Säulen und ihren weißen Kapitälen ruht ein weißes einfaches Gesims, dessen mittlerer Teil der höchste ist, es konnte auch für einen eigens proportionierten Architrav gelten; von diesen geht ein Tonnengewölb über das ganze Theater, das wegen seiner ungeheuern Höhe und Breite einen herrlichen Effekt macht. Da das Tonnengewölbe von den Coulissen nicht herüber laufen kann, so scheint es oben durch blaue Vorhänge verdeckt, auf dem Hintergrunde aber erscheint es in seiner Vollkommenheit. Gleich wo das Gewölbe auf dem Gesimse ruht sind Basreliefs angebracht. Das übrige ist mit einfachen Steinen gewölbt. Das Tonnengewölbe läuft auf ein Kreisgebäude aus, das sich wieder im Kreuze am Tonnengewölbe anschließt, wie die Art der neuern Kirchen ist; nur trägt diese Rundung auf ihrem Kranze keine Kuppel, sondern eine Galerie, über die man hinaus einen gestirnten Himmel sieht.

 

Schilderung einiger Personen des Frankfurter Theaters

 

Frauen

Demois. Woralek. Frauenzimmerliche Mittelgröße, wohlgebaut, etwas stark von Gliedern, jung, natürliche Bewegungen, mit den Armen gewisse Gesten die nicht übel wären, wenn sie nicht immer wieder kämen; ein zusammengefaßtes Gesicht, lebhafte schwarze Augen; ein lächelndes Verziehen des Mundes verstellt sie oft; eine schöne und gut ausgebildete Stimme, im Dialog zu schnell; daher sie die meisten Stellen überhudelt.

Rollen. Erste Liebhaberin in der Oper: Constanze, Pamina, die Müllerin.

 

Demois. Boudet. Weibliche Mittelgestalt; gutes lebhaftes Betragen, rasche Gebärden. Gewisse natürliche Rollen spielt sie gut, nur drücken ihre Mienen und Gesten zu oft Härte, Kälte, Stolz und Verachtung aus, wodurch sie unangenehm wird. Sie spricht deutlich und ist überhaupt eine energische Natur.

Rollen. Muntere, naive: Margarethe in den Hagestolzen. Einen Savoyarden.

 

Madame Aschenbrenner. Nicht gar groß, sonst gut gebaut; ein artiges Gesicht, schwarze Augen. In ihrer Deklamation und Gebärden hat sie das weinerlich Angespannte was man sonst für pathetisch hielt. Sie tanzt gut; es hat aber diese Kunst keine günstige Wirkung auf sie gehabt, indem sie in Gang und Gebärden manieriert ist.

Rollen. Affektuose, sentimentale Liebhaberinnen; singt auch ein wenig. Cora in der Sonnenjungfrau. Ophelia in Hamlet.

 

Madame Bulla. Mittelgröße, etwas größer als Madame Aschenbrenner, gute Gesichtsbildung; ihre Aktion ein wenig zu ruhig, der Ton ihrer Stimme ein wenig zu hell und scharf.

Rollen. Edle Mütter, Frauen von Stande, heitere humoristische Rollen: Elvira in Rollas Tod. Die Frau in dem Ehepaar aus der Provinz. Fräulein von Sachau in der Entführung.

 

Madame Bötticher. Etwas über Mittelgröße, wohlgebaut, mäßig stark, angenehme Bildung; sieht für ihre Karikaturrollen etwas zu gut aus.

Rollen. Karikaturen und was sich denen nähert: Oberhofmeisterin in Elise von Valberg. Frau Schmalheim. Frau Griesgram.

 

 

Männer

Herr Prandt. Wohlgebaut, nicht angenehm gebildet, lebhafte schwarze Augen die er zu sehr rollt; sonore tiefe Stimme, gute Bewegungen.

Rollen. Helden. Würdige Alte: Rolla. Zar. Seekapitän im Bruderzwist. Molai in den Tempelherren.

 

Herr Schröder. Mittelgröße, wohlgestaltet, gute jugendliche Gesichtsbildung, lebhafte Bewegung; singt baritono, im Dialog tiefe etwas schnarrende, heftige, rauhe Stimme.

Rollen. Erste Liebhaber in der Oper: Don Juan. Deserteur. Figurierende Rollen im Schauspiel. Fürst in Dienstpflicht. Philipp der Schöne in den Tempelherren.

 

Herr Lux. Gedrängte gut gebildete Mittelgestalt; weiß seine Kleidung und Gebärden nach den Rollen zu motivieren, hat einen guten doch nicht recht vollklingenden Baß; spielt zu sehr nach dem Souffleur.

Rollen. Erster Buffo in der Oper. Im Schauspiel ähnliche Rollen: Den Bedienten des Kapitäns im Bruderzwist. Den Amtmann in der Aussteuer.

 

Herr Schlegel. Wohlgebaut, hat aber bei aller Beweglichkeit etwas Steifes. An der Bewegung seiner Beine sieht man, daß er ein Tänzer ist; singt als zweiter Baß noch gut genug. Es mag ihm an Geschmack und Gefühl fehlen, drum übertreibt er leicht.

Rollen. Zweite Buffos auch z. B. Knicker, sodann Sarastro, und den Geist in Don Juan.

 

Herr Demmer. Gut gebaut, oberwärts etwas dicklicht, vorstehendes Gesicht, blond und blaue Augen; hat was Meckerndes in der Stimme und einen leidlichen Humor.

Rollen. Erste Liebhaber in der Oper: Tamino. Infant. Karikatur-Rollen: Stöpsel in Armut und Edelsinn. Posert im Spieler.

 

Herr Schmidt. Hager, alt, schwächlich, übertreibt; man bemerkt an ihm weder Naturell noch Geschmack.

Rollen. Schwache, verliebte, humoristische Alte: von Sachau in der Entführung, Brandchen im Räuschchen.

 

Herr Düpré. Ziemliche Größe, hager aber gut gebildet, starke Gesichtszüge; im Ganzen steif.

Rollen. Launige Rollen, Halb-Karikaturen, Bösewichter. Kerkermeister im Deserteur. Noffodei in den Tempelherren.

 

Herr Stentzsch. Jugendlich wohlgebildet. Figur und Wesen sind nicht durchgearbeitet, Sprache und Gebärden haben keinen Fluß; im Ganzen ist er nicht unangenehm, aber er läßt den Zuschauer völlig kalt.

Rollen. Erste Liebhaber, junge Helden: Ludwig der Springer. Hamlet. Bruder des Mädchen von Marienburg.

 

Herr Grüner. Von dessen Händeln mit der Königsberger Schauspieldirektion im 3ten Stück des 2ten Bandes des Hamburger Theaterjournals von 1797 viel erzählt wird, spielte hier einige Gastrollen. Er hat Gewandtheit auf dem Theater und eine leichte Kultur, ist aber nicht mehr jung und hat kein günstiges Gesicht. Seine Sprache ist äußerst preußisch und auch sein Spiel (ich sah ihn als Sichel) hat eine gewisse anmaßliche Gewandtheit; seine Stimme ist von keiner Bedeutung.

 

Frankfurt, den 15 August 1797.

Über den eigentlichen Zustand eines aufmerksam Reisenden habe ich eigne Erfahrungen gemacht und eingesehen, worin sehr oft der Fehler der Reisebeschreibungen liegt. Man mag sich stellen wie man will, so sieht man auf der Reise die Sache nur von Einer Seite, und übereilt sich im Urteil; dagegen sieht man aber auch die Sache von dieser Seite lebhaft und das Urteil ist im gewissen Sinne richtig. Ich habe mir daher Akten gemacht, worin ich alle Arten von öffentlichen Papieren die mir jetzt begegnen: Zeitungen, Wochenblätter, Predigtauszüge, Verordnungen, Komödienzettel, Preiskurrente einheften lasse und sodann auch sowohl das was ich sehe und bemerke als auch mein augenblickliches Urteil einschalte. Ich spreche nachher von diesen Dingen in Gesellschaft und bringe meine Meinung vor, da ich denn bald sehe, in wiefern ich gut unterrichtet bin, und in wiefern mein Urteil mit dem Urteil wohlunterrichteter Menschen übereintrifft. Sodann nehme ich die neue Erfahrung und Belehrung auch wieder zu den Akten, und so gibt es Materialien, die mir künftig als Geschichte des Äußern und Innern interessant genug bleiben müssen. Wenn ich bei meinen Vorkenntnissen und meiner Geistesgeübtheit Lust behalte dieses Handwerk eine Weile fortzusetzen, so kann ich eine große Masse zusammenbringen.

Ein paar poetische Stoffe bin ich schon gewahr geworden, die ich in einem feinen Herzen aufbewahren werde, und dann kann man niemals im ersten Augenblick wissen, was sich aus der rohen Erfahrung in der Folgezeit noch, als wahrer Gehalt aussondert.

Bei dem allem leugne ich nicht, daß mich mehrmals eine Sehnsucht nach dem Saalgrunde wieder angewandelt, und würde ich heute dahin versetzt, so würde ich gleich, ohne irgend einen Rückblick, etwa meinen Faust oder sonst ein poetisches Werk anfangen können.

Hier möchte ich mich nun an ein großes Stadtleben wieder gewöhnen, mich gewöhnen nicht mehr zu reisen, sondern auch auf der Reise zu leben; wenn mir nur dieses vom Schicksal nicht ganz versagt ist, denn ich fühle recht gut, daß meine Natur nur nach Sammlung und Stimmung strebt und an allem keinen Genuß hat was diese hindert. Hätte ich nicht an meinem Herrmann und Dorothea ein Beispiel, daß die modernen Gegenstände, in einem gewissen Sinne genommen, sich zum Epischen bequemten, so möchte ich von aller dieser empirischen Breite nichts mehr wissen.

Auf dem Theater, so wie ich auch wieder hier sehe, wäre in dem gegenwärtigen Augenblicke manches zu tun, aber man müßte es leicht nehmen und in der Gozzischen Manier traktieren; doch es ist in keinem Sinne der Mühe wert.

Meyer hat unsere Balladen sehr gut aufgenommen. Ich habe nun, weil ich von Weimar aus nach Stäfa wöchentlich Briefe an ihn schrieb, schon mehrere Briefe von ihm hier erhalten; es ist eine reine und treu fortschreitende Natur, unschätzbar in jedem Sinne. Ich will nur eilen ihn wieder persönlich habhaft zu werden, und ihn dann nicht wieder von mir lassen.

 

Frankfurt, den 18 August 1797.

Ich besuchte gestern den Theatermaler, dessen Werke mich so sehr entzückt hatten, und fand einen kleinen, wohlgebildeten, stillen, verständigen, bescheidenen Mann. Er ist in Mailand geboren, heißt Fuentes, und als ich ihm seine Arbeiten lobte, sagte er mir: er sei aus der Schule des Gonzaga, dem er, was er zu machen verstehe, zu verdanken habe. Er ließ mich die Zeichnungen zu jenen Dekorationen sehen die, wie man erwarten kann, sehr sicher und charakteristisch mit wenigen Federzügen gemacht und auf denen die Massen mit Tusche leicht angegeben sind. Er zeigte mir noch verschiedene Entwürfe zu Dekorationen die zunächst gemacht werden sollen, worunter einer zu einem gemeinen Zimmer mir besonders wohlgedacht erschien. Er ließ mich auch die Veränderungen bemerken, die zwischen den Zeichnungen und den ausgeführten Dekorationen zu Palmira sich fanden. Es ist eine Freude einen Künstler zu sehen der seiner Sache so gewiß ist, seine Kunst so genau kennt, so gut weiß was sie leisten und was sie wirken kann. Er entschuldigte verschiedenes das er an seinen Arbeiten selbst nicht billigte, durch die Forderungen des Poeten und des Schauspielers, die nicht immer mit den Gesetzen der guten Dekoration in Einstimmung zu bringen seien.

Bei Gelegenheit der Farbengebung, da bemerkt wurde, daß das Violette bei Nacht grau aussähe, sagte er: daß er deshalb das Violette, um ein gewisses leuchtendes und durchsichtiges Grau hervorzubringen, anwende. Ferner, wie viel auf die Beleuchtung der Dekorationen ankomme.

Es ward bemerkt welch eine große Praktik nötig sei, um mit Sicherheit einer studierten Manier die Farben aufzusetzen, und es kam nicht ohne Lächeln zur Sprache, daß es Menschen gebe, die von einem Studium, wodurch man zur Gewißheit gelangt, so wenig Begriff haben, daß sie die schnelle und leichte Methode des Meisters für nichts achten; vielmehr denjenigen rühmen, der sich bei der Arbeit besinnt und ändert und korrigiert. Man sieht die Freiheit des Meisters für Willkür und zufällige Arbeit an.

 

Frankfurt, den 18 August 1797.

Wenn man Frankfurt durchwandert und die öffentlichen Anstalten sieht, so drängt sich einem der Gedanke auf: daß die Stadt in frühern Zeiten von Menschen müsse regiert gewesen sein, die keinen liberalen Begriff von öffentlicher Verwaltung, keine Lust an Einrichtung zu besserer Bequemlichkeit des bürgerlichen Lebens gehabt, sondern die vielmehr nur so notdürftig hinregierten und alles gehen ließen wie es konnte. Man hat aber bei dieser Betrachtung alle Ursache billig zu sein. Wenn man bedenkt was das heißen will, bis nur die nächsten Bedürfnisse einer Bürgergemeinde, die sich in trüben Zeiten zufällig zusammen findet, nach und nach befriedigt, bis für ihre Sicherheit gesorgt, und bis ihr nur das Leben, indem sie sich zusammen findet und vermehrt, möglich und leidlich gemacht wird; so sieht man daß die Vorgesetzten zu tun genug haben, um nur von einem Tag zum andern mit Rat und Wirkung auszulangen, Mißstände, wie das Überbauen der Häuser, die krummen Anlagen der Straßen, wo jeder nur sein Plätzchen und seine Bequemlichkeit im Auge hatte, fallen in einem dunklen gewerbvollen Zustande nicht auf, und den düstern Zustand der Gemüter kann man an den düstern Kirchen und an den dunkeln und traurigen Klöstern jener Zeit am besten erkennen. Das Gewerb ist so ängstlich und emsig, daß es sich nicht nahe genug an einander drängen kann; der Krämer liebt die engen Straßen, als wenn er den Käufer mit Händen greifen wollte. So sind alle die alten Städte gebaut, außer welche gänzlich umgeschaffen worden.

Die großen alten öffentlichen Gebäude sind Werke der Geistlichkeit und zeugen von ihrem Einfluß und erhöhteren Sinn. Der Dom mit seinem Turm ist ein großes Unternehmen; die übrigen Klöster, in Absicht auf den Raum den sie einschließen, sowohl in Absicht auf ihre Gebäude, sind bedeutende Werke und Besitztümer. Alles dieses ist durch den Geist einer dunklen Frömmigkeit und Wohltätigkeit zusammengebracht und errichtet. Die Höfe und ehemaligen Burgen der Adeligen nehmen auch einen großen Raum ein, und man sieht in den Gegenden wo diese geistlichen und weltlichen Besitzungen stehen, wie sie anfangs gleichsam als Inseln dalagen und die Bürger sich nur notdürftig dran herumbauten.

Die Fleischbänke sind das Häßlichste was vielleicht dieser Art sich in der Welt befindet; sie sind auf keine Weise zu verbessern, weil der Fleischer seine Waren, so wie ein anderer Krämer, unten im Hause hat. Diese Häuser stehen auf einem Klumpen beisammen und sind mehr durch Gänge als Gäßchen getrennt.

Der Markt ist klein und muß sich durch die benachbarten Straßen bis auf den Römerberg ausdehnen. Verlegung desselben auf den Hirschgraben zur Meßzeit.

Das Rathaus scheint früher ein großes Kaufhaus und Warenlager gewesen zu sein, wie es auch noch in seinen Gewölben für die Messe einen dunkeln und dem Verkäufer fehlerhafter Waren günstigen Ort gewährt.

Die Häuser baute man in frühern Zeiten, um Raum zu gewinnen, in jedem Stockwerke über. Doch sind die Straßen im Ganzen gut angelegt, welches aber wohl dem Zufall zuzuschreiben ist; denn sie gehen entweder mit dem Flusse parallel, oder es sind Straßen, welche diese durchkreuzen und nach dem Lande zu gehen. Und das Ganze lief halbmondförmig ein Wall und Graben, der nachher ausgefüllt wurde; doch auch in der neuen Stadt ist nichts Regelmäßiges und auf einander Passendes. Die Zeile geht krumm, nach der Richtung des alten Grabens, und die großen Plätze der neuen Stadt ist man nur dem Unwerte des Raums zu jener Zeit schuldig. Die Festungswerke hat die Notwendigkeit hervorgebracht, und man kann fast sagen, daß die Mainbrücke das einzige schöne und einer so großen Stadt würdige Monument aus der frühern Zeit sei; auch ist die Hauptwache anständig gebaut und gut gelegen.

Es würde interessant sein die Darstellung der verschiedenen Epochen der Aufklärung, Aufsicht und Wirksamkeit in Absicht solcher öffentlichen Anstalten zu versuchen; die Geschichte der Wasserleitungen, Kloaken, des Pflasters mehr auseinander zu setzen, und auf die Zeit und vorzüglichen Menschen, welche gewirkt, aufmerksam zu sein.

Schon früher wurde festgesetzt, daß jemand der ein neues Haus baut, nur in dem ersten Stock überbauen dürfe. Schon durch diesen Schritt war viel gewonnen. Mehrere schöne Häuser entstanden; das Auge gewöhnte sich nach und nach ans Senkrechte, und nunmehr sind viele hölzerne Häuser auch senkrecht aufgebaut. Was man aber den Gebäuden bis auf den neusten Zeitpunkt, und überhaupt manchem andern ansieht, ist: daß die Stadt niemals einen Verkehr mit Italien gehabt hat. Alles was Gutes dieser Art sich findet ist aus Frankreich hergenommen.

Eine Hauptepoche macht denn nun zuletzt das Schweitzerische Haus auf der Zeile, das in einem echten, soliden und großen italienischen Style gebaut ist und vielleicht lange das einzige bleiben wird. Denn obgleich noch einige von dieser Art sind gebaut worden, so hatten doch die Baumeister nicht Talent genug mit dem ersten zu wetteifern, sondern sie verfielen, indem sie nur nicht eben dasselbe machen wollten, auf falsche Wege, und wenn es so fortgeht, so ist der Geschmack, nachdem ein einziges Haus nach richtigen Grundsätzen aufgestellt worden, schon wieder im Sinken.

Die beiden neuen reformierten Bethäuser sind in einem mittlern, nicht so strengen und ernsten, aber doch richtigen und heitern Geschmack gebaut und, bis auf wenige Mißgriffe in Nebendingen, durchaus lobenswert.

Die neuerbaute Lutherische Hauptkirche gibt leider viel zu denken. Sie ist als Gebäude nicht verwerflich, ob sie gleich im allermodernsten Sinne gebaut ist; allein da kein Platz in der Stadt weder wirklich noch denkbar ist, auf dem sie eigentlich stehen könnte und sollte, so hat man wohl den größten Fehler begangen, daß man zu einem solchen Platz eine solche Form wählte. Die Kirche sollte von allen Seiten zu sehen sein, man sollte sie in großer Entfernung umgehen können, und sie stickt zwischen Gebäuden die ihrer Natur und Kostbarkeit wegen unbeweglich sind und die man schwerlich wird abbrechen lassen. Sie verlangt um sich herum einen großen Raum und steht an einem Orte wo der Raum äußerst kostbar ist. Um sie her ist das größte Gedräng und Bewegung der Messe, und es ist nicht daran gedacht wie auch irgend nur ein Laden stattfinden könnte. Man wird also wenigstens in der Meßzeit hölzerne Buden an sie hinanschieben müssen, die vielleicht mit der Zeit unbeweglich werden, wie man an der Katharinenkirche noch sieht und ehemals um den Münster von Straßburg sah.

Nirgends wäre vielleicht ein schönerer Fall gewesen, in welchem man die Alten höchst zweckmäßig hätte nachahmen können, die, wenn sie einen Tempel mitten in ein lebhaftes Quartier setzen wollten, das Heiligtum durch eine Mauer vom Gemeinen absonderten, dem Gebäude einen würdigen Vorhof gaben und es nur von dieser Seite sehen ließen. Ein solcher Vorhof wäre hier möglich gewesen, dessen Raum für die Kutschen, dessen Arkaden zur Bequemlichkeit der Fußgänger und zugleich, im Fall der Messe, zum Ort des schönsten Verkehrs gedient hätte.

Es wäre ein philanthropisches Unternehmen, das freilich in diesem Falle von keinem Nutzen mehr sein könnte, vielleicht aber bei künftigen Unternehmungen wirken würde, wenn man noch selbst jetzt hinterdrein Plane und Risse von dem was hätte geschehen sollen, darlegte; denn da eine öffentliche Anstalt so viel Tadel ertragen muß: wie man es nicht hätte machen sollen, so ist es wenigstens billiger, wenn man zu zeigen übernimmt: wie man es anders hätte machen sollen. Doch ist vielleicht überhaupt keine Zeit mehr Kirchen und Paläste zu bauen, wenigstens würde ich in beiden Fällen immer raten: die Gemeinden in anständige Bethäuser und die großen Familien in bequeme und heitere Stadt- und Landhäuser zu teilen, und beides geschieht ja in unsern Tagen schon gewissermaßen von selbst.

Was die Bürgerhäuser betrifft, so würde ich überhaupt raten: der italienischen Manier nicht weiter zu folgen und selbst mit steinernen Gebäuden sparsamer zu sein. Häuser deren erster Stock von Steinen, das übrige von Holz ist, wie mehrere jetzt sehr anständig gebaut sind, halte ich in jedem Sinn für Frankfurt für die schicklichsten; sie sind überhaupt trockner, die Zimmer werden größer und luftiger. Der Frankfurter, wie überhaupt der Nordländer, liebt viele Fenster und heitere Stuben, die bei einer Façade im höheren Geschmack nicht stattfinden können. Dann ist auch zu bedenken, daß ein steinernes, einem Palast ähnliches kostbares Haus nicht so leicht seinen Besitzer verändert, als ein anderes das für mehr denn einen Bewohner eingerichtet ist. Der Frankfurter, bei dem alles Ware ist, sollte sein Haus niemals anders als Ware betrachten. Ich würde daher vielmehr raten: auf die innere Einrichtung aufmerksam zu sein, und hierin die Leipziger Bauart nachzuahmen, wo in einem Hause mehrere Familien wohnen können, ohne in dem mindesten Verhältnis zusammen zu stehen. Es ist aber sonderbar! noch jetzt baut der Mann, der bestimmt zum Vermieten baut, in Absicht auf Anlegung der Treppen, der offenen Vorsäle u. s. w. noch eben so als jener, der vor Zeiten sein Haus, um es allein zu bewohnen, eingerichtet; uns so muß z. B. der Mietmann eines Stockwerks, wenn er ausgeht, dafür sorgen, daß ein Halbdutzend Türen verschlossen werden. So mächtig ist die Gewohnheit und so selten das Urteil.

Die verschiedenen Epochen in denen öffentliche heitere Anstalten z. B. die Allee um die Stadt angelegt ward, und wie der öffentliche Geist mit dem Privatgeist sich verband, wodurch ganz allein ein echtes städtisches Wesen hervorgebracht wird, wären näher zu betrachten. Die Erbauung des Schauspielhauses, die Pflasterung des Platzes vor demselben, die Ausfüllung der Pferdeschwemme auf dem Roßmarkt, und vor allem das unschätzbare Unternehmen der neuen Straße an der Brücke wäre zu erwähnen, welches denen die es angaben, anfingen, beförderten und, gebe der Himmel! in seinem ganzen Umfange ausführen werden, zur bleibenden Ehre gereichen wird.

In früheren Zeiten das Abtragen der alten Pforten nicht zu vergessen.

Über die Judengasse, das Aufbauen des abgebrannten Teils und ihre etwaige Erweiterung nach dem Graben zu wäre zu denken und darüber auch allenfalls ein Gedanke zu äußern.

Eines ist zwar nicht auffallend, jedoch einem aufmerksamen Beobachter nicht verborgen, daß alles was öffentliche Anstalt ist in diesem Augenblicke still steht, dagegen sich die Einzelnen unglaublich rühren und ihre Geschäfte fördern. Leider deutet diese Erscheinung auf ein Verhältnis das nicht mit Augen gesehen werden kann, auf die Sorge und Enge in welcher sich die Vorsteher des gemeinen Wesens befinden: wie die durch den Krieg ihnen aufgewalzte Schuldenlast getragen und mit der Zeit vermindert werden soll; indes der Einzelne sich wenig um dieses allgemeine Übel bekümmert und nur seinen Privatvorteil lebhaft zu fördern bemüht ist.

Die Hauptursache von den in früherer Zeit vernachlässigten öffentlichen Anstalten ist wohl eben im Sinne der Unabhängigkeit der einzelnen Gilden, Handwerke und dann weiter in fortdauernden Streitigkeiten und Anmaßungen der Klöster, Familien, Stiftungen u. s. w. zu suchen, ja in den von einer gewissen Seite lobenswürdigen Widerstrebungen der Bürgerschaft. Dadurch ward aber der Rat, er mochte sich betragen wie er wollte, immer gehindert, und indem man über Befugnisse stritt, konnte ein gewisser liberaler Sinn des allgemein Vorteilhaften nicht stattfinden.

Es wäre vielleicht eine für die gegenwärtige Zeit interessante Untersuchung, darzustellen: wie das Volk den Regenten, die nicht ganz absolut regieren, von jeher das Leben und Regiment sauer gemacht. Es wäre dieses keineswegs eine aristokratische Schrift, denn eben jetzt leiden alle Vorsteher der Republiken an diesen Hindernissen.

Ich habe in diesen Tagen darüber nachgedacht wie spät sich ein Zug von Liberalität und Übersicht eben über das städtische Wesen in Frankfurt manifestieren konnte.

Was wäre nicht eine Straße die vom Liebenfrauenberg auf die Zeile durchgegangen wäre, für eine Wohltat fürs Publikum gewesen! Eine Sache, die in frühern Zeiten mit sehr geringen Kosten ja mit Vorteil abzutun war.

 

Frankfurt, den 19 August 1797.

Die französische Revolution und ihre Wirkung sieht man hier viel näher und unmittelbarer, weil sie so große und wichtige Folgen auch für diese Stadt gehabt hat, und weil man mit der Nation in so vielfacher Verbindung steht. Bei uns sieht man Paris immer nur in einer Ferne, daß es wie ein blauer Berg aussieht, an dem das Auge wenig erkennt, dafür aber auch Imagination und Leidenschaft desto wirksamer sein kann. Hier unterscheidet man schon die einzelnen Teile und Lokalfarben.

Von dem großen Spiel, das die Zeit her hier gespielt worden, hört man überall reden. Es gehört diese Seuche mit unter die Begleiter des Kriegs, denn sie verbreitet sich am gewaltsamsten zu den Zeiten, wenn großes Glück und Unglück auf der allgemeinen Wagschale liegt; wenn die Glücksgüter ungewiß werden, wenn der Gang der öffentlichen Angelegenheiten schnellen Gewinst und Verlust auch für Particuliers erwarten läßt. Es ist fast in allen Wirtshäusern gespielt worden, außer im Roten Hause. Die eine Bank hat für einen Monat, nur fürs Zimmer, 70 Carolin bezahlt. Einige Banquiers haben Frühstück und Abendessen aufs anständigste für die Pointeurs auftragen lassen. Jetzt da man nach und nach von Seiten des Rats diesem Übel zu steuern sucht, denken die Liebhaber auf andere Auswege. Auf dem Sandhofe, auf deutschherrischem Grund und Boden, hat man eine kostbare Anstalt einer neuen Wirtschaft errichtet, die gestern mit 130 Couverts eröffnet worden. Die Meubles sind aus der Herzoglich Zweibrückischen Auktion, so wie die ganze Einrichtung überhaupt sehr elegant sein soll. Dabei ist alles zuletzt aufs Spielen angesehen.

Das Hauptinteresse sollte eigentlich gegenwärtig für die Frankfurter die Wiederbezahlung ihrer Kriegsschulden und die einstweilige Verinteressierung derselben sein; da aber die Gefahr vorbei ist, haben wenige Lust tätig mitzuwirken. Der Rat ist hierüber in einer unangenehmen Lage: er und der wackere Teil der Bürger, der sein bares Geld, sein Silbergeschirr, seine Münzcabinete und was sonst noch des edlen Metalls vorrätig war, freiwillig hingab, hat nicht allein damals hierdurch und durch die persönlichen Leiden der weggeführten Geisel die Stadt und den egoistischen flüchtigen Teil der Reichen vertreten und gerettet; sondern ist auch gutmütig genug gewesen, für die nicht Schutzverwandten, als die Stifter, Klöster und deutschen Orden u. s. w. die Kontributionen in der Masse mitzuerlegen. Da es nun zum Ersatz kommen soll, so existiert weder ein Fuß, wornach, noch ein Mittel, wodurch man eine so große Summe, als zu dem Interesse- und dem Amortisations-Fonds nötig ist, beibringen könnte. Der bisherige Schatzungsfuß ist schon für den ordinären Zustand völlig unpassend, geschweige für einen außerordentlichen Fall; jede Art von neuer Abgabe drückt irgend wohin, und unter den hundert und mehr Menschen die mitzusprechen haben, findet sich immer ein und der andere der die Last von seiner Seite wegwälzen will. Die Vorschläge des Rats sind an das bürgerliche Kollegium gegangen; ich fürchte aber sehr, daß man nicht einig werden wird und daß, wenn man einig wäre, der Reichshofrat doch wieder anders sentieren würde. Indessen bettelt man von Gutwilligen Beiträge, die künftig berechnet werden, und, wenn man bei erfolgender Repartition zu viel gegeben hat, verinteressiert werden sollen, einstweilen zusammen, weil die Interessen doch bezahlt werden müssen. Ich wünsche daß ich mich irre, aber ich fürchte, daß diese Angelegenheit so leicht nicht in Ordnung kommen wird.

Für einen Reisenden geziemt sich ein skeptischer Realism; was noch idealistisch an mir ist wird in einem Schatullchen, wohlverschlossen, mitgeführt wie jenes Undinische Pygmäenweibchen. Sie werden also von dieser Seite Geduld mit mir haben. Wahrscheinlich werde ich jenes Reisegeschichtchen auf der Reise zusammenschreiben können. Übrigens will ich erst ein paar Monate abwarten. Denn obgleich in der Empirie fast alles einzeln unangenehm auf mich wirkt, so tut doch das Ganze sehr wohl, wenn man endlich zum Bewußtsein seiner eigenen Besonnenheit kommt.

Ich denke etwa in acht Tagen weiter zu gehen und mich bei dem herrlichen Wetter, das sich nun bald in den echten mäßigen Zustand des Nachsommers setzen wird, durch die schöne Bergstraße, das wohlbebaute gute Schwaben nach der Schweiz zu begeben, um auch einen Teil dieses einzigen Landes mir wieder zu vergegenwärtigen.

 

Frankfurt, den 20 August 1797.

Die hiesige Stadt mit ihrer Beweglichkeit und den Schauspielen verschiedener Art, die sich täglich erneuern, so wie die mannichfaltige Gesellschaft, geben eine gar gute und angenehme Unterhaltung; ein Jeder hat zu erzählen wie es ihm in jenen gefährlichen und kritischen Tagen ergangen, wobei denn manche lustige und abenteuerliche Geschichten vorkommen. Am liebsten aber höre ich diejenigen Personen sprechen, die ihrer Geschäfte und Verhältnisse wegen vielen der Hauptpersonen des gegenwärtigen Kriegsdramas näher gekommen, auch besonders mit den Franzosen mancherlei zu schaffen gehabt, und das Betragen dieses sonderbaren Volkes von mehr als Einer Seite kennen gelernt haben. Einige Details und Resultate verdienen aufgezeichnet zu werden.

Der Franzos ist nicht einen Augenblick still, er geht, schwätzt, springt, pfeift, singt und macht durchaus einen solchen Lärm, daß man in einer Stadt oder in einem Dorfe immer eine größere Anzahl zu sehen glaubt, als sich drin befinden; anstatt daß der Östreicher still, ruhig und ohne Äußerung irgend einer Leidenschaft, gerade vor sich hinlebt. Wenn man ihre Sprache nicht versteht, werden sie unwillig, sie scheinen diese Forderung an die ganze Welt zu machen; sie erlauben sich alsdann manches um sich selbst ihre Bedürfnisse zu verschaffen; weiß man aber mit ihnen zu reden und sie zu behandeln, so zeigen sie sich sogleich als bons enfans und setzen sehr selten Unart oder Brutalität fort. Dagegen erzählt man von ihnen manches Erpressungsgeschichtchen unter allerlei Vorwänden, wovon verschiedene lustig genug sind. So sollen sie an einem Ort, wo Kavallerie gelegen, beim Abzuge verlangt haben, daß man ihnen den Mist bezahle. Als man sich dessen geweigert, setzten sie so viel Wagen in Requisition als nötig waren, um diesen Mist nach Frankreich zu führen; da man sich denn natürlich entschloß lieber ihr erstes Verlangen zu befriedigen. An einigen andern Orten behauptet man: der abreisende General lasse sich jederzeit bestehlen, um wegen Ersatz des Verlustes noch zuletzt von dem Orte eine Auflage fordern zu können. Bei einer Mahlzeit sind ihre Forderungen so bestimmt und umständlich, daß sogar die Zahnstocher nicht vergessen werden. Besonders ist jetzt der gemeine Mann, obgleich er genährt wird, sehr aufs Geld begierig, weil er keins erhält, und er sucht daher auch von seiner Seite etwas mit Façon zu erpressen und zu erschleichen. So hält z. E. auf dem Wege nach den Bädern jeder ausgestellte Posten die Reisenden an, untersucht die Pässe und ersinnt alle erdenklichen Schwierigkeiten, die man durch ein kleines Trinkgeld gar leicht hebt; man kommt aber auch, wenn man nur Zeit verlieren und sich mit ihnen herum disputieren will, endlich ohne Geld durch. Als Einquartierung in der Stadt haben sie sowohl das erste als zweite Mal gutes Lob, dagegen waren ihre Requisitionen unendlich und oft lächerlich, da sie wie Kinder, oder wahre Naturmenschen, alles was sie sahen zu haben wünschten.

In den Kanzleien ihrer Generale wird die große Ordnung und Tätigkeit gerühmt, so auch der Gemeingeist ihrer Soldaten und die lebhafte Richtung aller nach Einem Zweck. Ihre Generale, obgleich meist junge Leute, sind ernsthaft und verschlossen, gebieterisch gegen ihre Untergebnen und in manchen Fällen heftig und grob gegen Landsleute und Fremde. Sie haben den Duell für abgeschafft erklärt, weil eine Probe der Tapferkeit, bei Leuten die so oft Gelegenheit hätten sie abzulegen, auf eine solche Weise nicht nötig sei. In Wiesbaden forderte ein Trierischer Offizier einen französischen General heraus, dieser ließ ihn sogleich arretieren und über die Grenze bringen.

Aus diesen wenigen Zügen läßt sich doch gleich übersehen, daß in Armeen von dieser Art eine ganz eigene Energie und eine sonderbare Kraft wirken müsse, und daß eine solche Nation in mehr als Einem Sinne furchtbar sei.

Die Stadt kann von Glück sagen daß sie nicht wieder in ihre Hände gekommen ist, weil sonst der Requisitionen, ungeachtet des Friedens, kein Ende gewesen wäre. Die Dörfer in denen sie liegen werden alle ruiniert, jede Gemeinde ist verschuldet und in den Wochenblättern stehen mehrere, welche Kapitalien suchen; dadurch ist auch die Teuerung in der Stadt sehr groß. Ich werde ehestens eine Liste der verschiedenen Preise überschicken. Ein Hase z. B. kostet 2 Gulden und ist doch für dieses Geld nicht einmal zu haben.

 

Frankfurt, den 21 August 1797.

Es liegen drei Bataillons des Regiments Manfredini hier, unter denen sich, wie man an gar mancherlei Symptomen bemerken kann, sehr viel Rekruten befinden. Die Leute sind fast durchaus von einerlei Größe, eine kleine aber derbe und wohlgebaute Art. Verwundersam ist die Gleichheit der Größe, aber noch mehr die Ähnlichkeit der Gesichter; es sind, so viel ich weiß, Böhmen. Sie haben meist lang geschlitzte kleine Augen, die etwas nach der ganzen Physiognomie zurück, aber nicht tief liegen; enggefaßte Stirnen, kurze Nasen, die doch keine Stumpfnasen sind, mit breiten, scharf eingeschnittenen Nasenflügeln; die Oberwange ist etwas stark und nach der Seite stehend, der Mund lang, die Mittellinie fast ganz grad, die Lippen flach, bei Vielen hat der Mund einen verständig ruhigen Ausdruck; die Hinterköpfe scheinen klein, wenigstens macht das kleine und enge Casquet das Ansehen. Sie sind knapp und gut gekleidet, ein lebendiger grüner Busch von allerlei täglich frischem Laub auf dem Casquette gibt ein gutes Ansehen, wenn sie beisammen sind. Sie machen die Handgriffe, so weit ich sie auf der Parade gesehen, rasch und gut; am Deployieren und Marschieren allein spürt man mitunter das Rekrutenhafte. Übrigens sind sie sowohl einzeln als im Ganzen ruhig und gesetzt.

Die Franzosen dagegen, die manchmal einzeln in der Stadt erscheinen, sind gerade das Gegenteil. Wenn die Kleidung der Östreicher bloß aus dem Notwendigen und Nützlichen zusammengesetzt ist, so ist die der Franzosen reichlich, überflüssig, ja beinahe wunderlich und seltsam. Lange blaue Beinkleider sitzen knapp am Fuße, an deren Seite unzählige Knöpfe auf roten Streifen sich zeigen; die Weste ist verschieden, der blaue lange Rock hat einen weißen, artigen Vorstoß; der große Hut, der in der Quere aufgesetzt wird, ist mit sehr langen Litzen aufgeheftet, und entweder mit dem dreifarbigen Büschel oder mit einem brennend roten Federbusch geziert; ihr Gang und Betragen ist sehr sicher und freimütig, doch durchaus ernsthaft und gefaßt, wie es sich in einer fremden noch nicht ganz befreundeten Stadt geziemt. Unter denen, die ich sah, waren keine kleinen, und eher große als mittelgroße.

 

Frankfurt, den 23 August 1797.

 

Noch etwas von den Franzosen und ihrem Betragen.

Als bei Custines Einfall der General Neuwinger die Tore von Sachsenhausen besetzen ließ, hatten die Truppen kaum ihre Tornister abgelegt, als sie sogleich ihre Angeln hervorrafften und die Fische aus dem Stadtgraben herausfischten.

In den Ortschaften, die sie noch jetzt besetzen, findet man unter den Offizieren sehr verständige, mäßige und gesittete Leute, die Gemeinen aber haben nicht einen Augenblick Ruh', und fechten besonders sehr viel in den Scheunen. Sie haben bei ihren Compagnien und Regimentern Fechtmeister, und es kam vor kurzen darüber, welcher der beste Fechtmeister sei, unter seinen Schülern zu großen Mißhelligkeiten. Es scheint im Kleinen wie im Großen: wenn der Franzose Ruhe nach Außen hat, so ist der häusliche Krieg unvermeidlich.

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