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Aus der Triumphgasse

Ricarda Huch: Aus der Triumphgasse - Kapitel 7
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleAus der Triumphgasse
publisherEugen Diederichs
printrunErstausgabe
year1902
firstpub1902
illustratorHeinrich Vogeler
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
created20180524
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Buchschmuck: Heinrich Vogeler

VI

Dieselben Glockenschläge, die den Pilgern das Zeichen zum Aufbruch gaben, schreckten in der Triumphgasse ein Liebespaar aus seiner Umarmung auf, nämlich die kleine Nanni und ihren Verlobten, dessen Schiff eben aus Smyrna zurückgekehrt war und für einige Tage im Hafen lag. Die beiden hatten den Umstand benutzt, daß die Gasse wegen der Wallfahrt fast verödet war, und sich in der Dachkammer, die Nanni mit Vittoria zusammen bewohnte, ein Stelldichein gegeben, wobei sie den Tugendpreis samt allen Hoffnungen, die die Farfalla daran knüpfte, gänzlich vergessen hatten. Um zwölf Uhr mußte sich der junge Mann wieder auf dem Schiffe einfinden, verabschiedete sich eilig und lief mit langen, vorsichtigen Schritten das Triumphgäßlein hinunter, während das Mädchen den Kopf ein paarmal ins Kissen hineindrückte und einschlief, so daß das einsame, kleine Liebesfeuer schon heruntergebrannt und ausgeglüht war, als ich kurz nach Mitternacht Riccardo bis zu seiner Wohnung begleitete.

Gleich darauf ereignete sich ein ganz anders geartetes Abenteuer. Riccardo, der besonders in den Sommermonaten häufig an Schlaflosigkeit litt, pflegte dann, um der stickigen Luft in den niedrigen Zimmer zu entgehen, auf dem Hausflur zu schlafen, wo zu diesem Zweck immer ein mit Maishaar gefüllter Sack lag. Das erklärte er auch diesmal thun zu wollen, als ich ihm die beschwerliche Treppe hinaufhelfen wollte, und ohne irgend welches Bedenken, da ich seine Gewohnheiten kannte, ließ ich ihn auf seiner Matratze hinter der Hausthür. Die wenigen Menschen, die mit uns zugleich von dem Platz aufgebrochen waren, um in die Römerstadt zurückzukehren, hatten sich bald verlaufen, und es war schon wieder tief still, als ich zur Stadt hinunterstieg; Riccardo fiel sogleich in einen festen Schlaf, aus dem er aber schon nach wenigen Minuten, wie es ihm schien, erwachte. Er hatte die Empfindung, von einem Geräusch erweckt zu sein, und horchte in das Haus hinauf, wo aber alles still blieb, als er sich aufrichtete und durch die Thür auf die Straße hinausblickte, sah er an der gegenüberliegenden Seite der Gasse, dicht der Mauer entlang, etwas durch die Dunkelheit huschen; der Mond war schon hinter den Häusern untergegangen. Zuerst schlug er ein Kreuz in der Meinung, daß es eine arme Seele sei, die die Stätte ihrer Irrsale wieder aufsuchte; als er sich aber weiter vorbeugte und schärfer hinsah, erkannte er Torquato, den Bruder des Jurewitsch. Er mußte erfahren haben, daß der Schuster Bonalma gelegentlich der Wallfahrt von Hause fort war, und wollte den Umstand dazu benutzen, den Laden auszuplündern, wenigstens hielt er gerade dort an und schwang sich an dem niedrigen Fenster empor. Riccardo erzählte mir, er hätte einmal in einer Menagerie einen gewaltig großen Raubvogel gesehen, mit breiten, schwarzen Flügeln und langem, nacktem, fleischigem Halse, aus dem ein kleiner, nackter Kopf mit gierig stoßendem Schnabel und lüsternen Augen saß. So, sagte er, hätte Torquato ausgesehen, wie er an das Fenster angeklammert die Gasse hinunterspähte und horchte. In diesem Augenblick rief Riccardo leise seinen Namen, worauf Torquato zusammenfuhr, und als er den Lahmen erkannte, außer sich vor Wut mit der Faust drohte, noch unentschlossen, ob er sich durch diesen hilflosen Menschen in seinem Unternehmen wollte stören lassen. Riccardo sah, was in ihm vorging, und sagte, einer plötzlichen Eingebung folgend, noch leiser als vorher: »Soll ich verraten, wer der Mörder des Benvenuto ist?« Die Wirkung dieser Worte war über Erwarten stark, hauptsächlich wohl darum, weil da so plötzlich aus der Nacht hervor, unbegreiflicher-, ja fast unmöglicherweise ein Wisser dieser That auftauchte, die ganz ohne Augenzeugen geschehen war, zu der sich kein Kläger gefunden hatte. Bis dahin hatte Riccardo nur eine Art neugieriges Grauen vor der häßlichen Erscheinung empfunden, jetzt, als sich Torquato mit einem Sprung von dem Fenster herabließ, wurde ihm mit einem Male klar, daß sich der Mörder nun auf ihn stürzen und ihn töten würde, und eine rasende Todesangst ergriff ihn. Wie ein einziger Blitz durchfuhren ihn tausend Vorstellungen: daß seine Mutter, wenn sie vom heiligen Berg zurückkäme, ihr Gebet schon erhört finden würde, ob Carmelo nicht vergessen würde, ihm seinen Oleanderbaum aufs Grab zu pflanzen, und daß er sterben müsse, ohne ein einzigesmal die Insel gesehen zu haben –; aber, mochte es nun der jähe Schreck sein, Torquato beachtete Riccardo nicht weiter, sondern eilte die Gasse hinunter und war im nächsten Augenblick verschwunden.

Riccardo hatte also doch von dem Schicksal des Benvenuto Bescheid gewußt; in einer schlaflosen Nacht, wo es ungewöhnlich still war und der Wind aus der Richtung des Winkelgäßchens herwehte, wo der Mord geschah, hatte er streitende Stimmen gehört und die Torquatos erkannt. »Es hat kein Zweiter solche Stimme und man vergißt sie nicht, wenn man sie einmal gehört hat«, sagte er; »damals wollte er sie unterdrücken, aber weil er nicht leise sprechen kann, klang sie wie ein heiseres Bellen.« Da es nun Riccardo außerdem bekannt war, daß Benvenuto in seiner Gutmütigkeit dem Torquato Geld geliehen hatte, aber selbst in Verlegenheit geriet und sich gezwungen sah, es zurückzuverlangen, fehlte es auch an der Begründung des Zankes und der darauffolgenden Gewaltthat nicht, und er war zu seinem Verdachte vollauf berechtigt gewesen.

Ich sprach meine Mißbilligung aus, daß Riccardo aus Rücksicht für den Jurewitsch sein Wissen von der That verheimlicht habe. »Viele wissen etwas vom Torquato«, sagte Riccardo, »aber keiner verrät ihn, obgleich wir uns nie deswegen verabredet haben.«

»Glaubt ihr denn«, fragte ich verwundert, »daß ihr dem frommen Manne damit einen Dienst thut? Kann es ihm lieb sein, daß andere durch die Schlechtigkeit seines Bruders leiden, muß er nicht vielmehr wünschen, daß er bestraft wird und vielleicht zur Einsicht seiner Verbrechen kommt oder wenigstens verhindert wird, weiter zu sündigen?«

Riccardo schüttelte den Kopf und sagte: »Der Jurewitsch weiß alles, was sein Bruder thut, auch daß er den Benvenuto ermordet hat, und vielleicht noch vieles, was wir nicht wissen, aber alle seine Mühe geht dahin, es zu verdecken und den Verdacht von seinem Bruder abzulenken.« Wie der Pfarrer von seines Bruders Thaten wissen sollte, die jener ihm gewiß nicht beichtete und die ihm auch kein anderer hinterbrachte, das konnte mir Riccardo nicht sagen; er glaubte aber, so wie man an der Handschrift erkennte, wer etwas geschrieben hätte, so erkennte er an den Thaten ihren Urheber.

»Und so sollte denn«, sagte ich, »ein gefährlicher Bösewicht alle seine Missethaten ungehindert und ungestraft begehen, weil er der Bruder eines angesehenen, beliebten Mannes ist?« Worauf Riccardo entgegnete: »Ein Verräter ist immer gemein, wenn er auch zum besten Zweck verriete. Und was wäre denn auch geändert, wenn Torquato im Gefängnis säße? Solange es Armut und Elend giebt, wird mancherlei Verzweifeltes begangen werden; von uns hütet sich jeder, nicht nur den Torquato, sondern überhaupt irgend einen Schuldigen anzugeben oder nur zu schelten, denn er weiß nicht, ob er nicht morgen schon an seiner Stelle steht.«

Ich war über diese Philosophie erstaunt, enttäuscht, entrüstet, und besonders erzürnte es mich, daß ich dergleichen von Riccardo hören mußte, den ich geneigt war, für einen unschuldigen, sittlich stolzen Menschen zu hatten. »Seid ihr denn Bälle«, rief ich in heller Wut, »die Dämonen blindlings umherwerfen? Tappt ihr blind durch Leben, ohne zu wissen, ob ihr unterwegs Kräuter oder Würmer zertretet? Giebt euch ein Teufel das Messer in die Hand und sagt: stoß zu! und ihr könnt euch nicht wehren? Ist keiner von euch so weit Herr über sich, daß er bürgen kann, es werde kein Spitzbube oder Totschläger aus ihm werden?«

»Können Sie bürgen?« fragte Riccardo statt aller Antwort und sah mich mit einem unbefangenen Lächeln ernsthaft an.

»Ich will Ihnen sagen, was mir Galanta von Torquato erzählt hat; er ging mit sechzehn Jahren als Maurer auf die Wanderschaft und hatte damals, wenn er auch wild und jähzornig war, noch nichts eigentlich Verbrecherisches begangen. Da ging er eines Abends im Herbste querfeldein einer Stadt zu, deren Lichter er schon von ferne blinken sah, und fand sich plötzlich in der Nähe eines Galgens, an dem ein Erhenkter hing. Fürchten that er sich weder vor Gott, noch vor dem Teufel, und da er noch nie einen Galgen gesehen hatte, blieb er stehen, betrachtete sich alles genau und auch das Gesicht des Toten, so gut er es in der Dämmerung erkennen konnte. Er wußte noch nach Jahren, daß kleines, schwarzes Gewölk über den Himmel geeilt war und daß es ihm vorgekommen war wie Raben, die stumm und gierig zur Richtstätte geflogen kämen. Da ging er seines Weges ruhig weiter, als er aber etwa hundert Schritte gegangen war, hörte er ein Pfeifen hinter sich in der Art, wie sich Kameraden als Erkennungszeichen zupfeifen. Daß kein Mensch weit und breit war, wußte er, da er sich eben erst nach allen Seiten umgesehen hatte, und der Pfiff eines Vogels war es auch nicht gewesen; es lief ihm kalt den Rücken hinunter, und er mußte einen Augenblick stehen bleiben, weil er sich wie gelähmt fühlte. Kaum war er einige Schritte weiter gestolpert, als derselbe Pfiff zum zweiten Male hinter ihm erklang, deutlich von der Richtung des Galgens her, und er mußte alle seine Kraft zusammennehmen, um von der Stelle zu kommen, so schüttelte ihn das Entsetzen. Als es zum dritten Male pfiff, kehrte er sich seiner eigenen Angst zum Trotze um und sah, daß der Leichnam ebenso straff und bewegungslos herunterhing wie vorher, aber daß er sich gedreht hatte, so daß er ihm mit dem Gesichte nachblickte, was erst nicht der Fall gewesen war. Nun zweifelte er nicht mehr, daß der Tote es war, der ihm gepfiffen hatte, und er verfiel infolge des Schreckens in Sinnlosigkeit und Krämpfe, die ihn seitdem von Zeit zu Zeit heimsuchen. Er ist überzeugt, daß er von der Seele des Erhenkten besessen ist und hat auch gleich nachher sein erstes Verbrechen begangen. Als nämlich gegen den grauenden Morgen ein Mann mit einem Karren in der Nähe vorbeikam und sich über den scheinbar leblosen Torquato beugte, um ihm im Notfalle Hilfe zu leisten, sprang der unversehens auf, stieß ihm sein Messer in die Brust und raubte ihm alles, was er bei sich hatte. Er hatte das gleichsam ohne seinen Willen, wie von einer plötzlichen Eingebung getrieben und zu seiner eigenen Ueberraschung gethan, ja zu seinem eigenen Schrecken, allmählich aber stumpfte er sich ab und konnte dergleichen sogar nicht mehr entbehren, wie ein anderer den Wein oder Tabak nicht missen kann.«

Durch diese greuliche Geschichte, die Riccardo so treuherzig erzählte, daß es mir vergeblich schien, ihre Wahrhaftigkeit zu bestreiten, wurde mir Torquato mitsamt seiner Schwester Galanta vollends unheimlich, und ich hielt es für das beste, Riccardo von dem Umgang mit ihr abzubringen.

Es hatte sich nämlich an jene nächtliche Begegnung mit Torquato Riccardos Bekanntschaft mit Galanta geknüpft. Galanta, die mit ihrem Bruder zusammen hauste, wußte von allem, was er that, Bescheid, und erfuhr auch den Ausgang des beabsichtigten Einbruchs in der Triumphgasse. Als nun Torquato nachträglich das Versäumte nachholen und an Riccardo Rache nehmen wollte, redete sie ihm das aus, was keine leichte Sache war und wodurch sie sich seine unbedingte Anhänglichkeit verscherzte. Bisher hatte sie sich immer leicht von der Notwendigkeit oder gar Vortrefflichkeit seiner Frevelthaten überzeugen lassen, und besonders gegen Männer empfand sie so viel Widerwillen und Geringschätzung, daß sie getrost einen jeden warm aus ihren Armen etwaigen Mordgelüsten Torquatos ausgeliefert hätte. Riccardo indessen, den sie flüchtig von Ansehen kannte, war in ihren Augen kein Mann, und eine Art Ritterlichkeit, die sie an Stelle ihres Bruders empfand, ließ sie vor dem Gedanken zurückschrecken, er könnte sich an dem blassen, hinkenden Menschen mit den Kinderaugen vergreifen. Dagegen versprach sie ihm, dafür zu sorgen, daß Riccardo ihn nicht verraten würde, denn ihren Einfluß auf alles Männliche hielt sie für unbegrenzt und davon doch auch Riccardo nicht ausgeschlossen.

Die Bekanntschaft begann so, daß Galanta eines Tages Riccardo mit seiner Harmonika vor der Hausthüre sitzend fand und ihn einlud, ihr in ihre Wohnung zu folgen, wo eine lustige Gesellschaft versammelt wäre, der nur die Tanzmusik fehlte; er könne sich dabei die ganze Tasche voll Kreuzer verdienen. Um diesen Preis wäre Riccardo auch dem Beelzebub in die Hölle gefolgt und hätte einer Horde junger Teufel zum Tanz aufgespielt, und da es sich obenein um eine schöne Frau handelte, war er sehr guter Dinge, stand auf und humpelte mit. So wohl es ihm aber bei ihr gefiel, ließ er sich doch kein Versprechen von ihr abdringen, denn er hatte zwar keine Absicht, Torquato zu verraten, wollte aber nicht gebunden sein und das noch um so weniger, wenn der Bösewicht etwas gegen ihn im Schilde führte. Seitdem war Riccardo häufig bei Galanta, noch öfter aber sie bei ihm, denn da sie Verstellung, Scham, Heuchelei verachtete, lief sie ihm unbedenklich überall nach und folgte ihm bis in seine Wohnung, wo sie unter den Augen der Nachbarschaft ganze Stunden bei ihm zubrachte. Im allgemeinen verhielt er sich schweigsam über diese Besuche, mir hingegen erzählte er zutraulich mit umständlicher Ausführlichkeit alles, was vorging, bis zu den gewagtesten Punkten, besonders beschrieb er immer wieder, wie sie aussah, und zwar mit unbefangener, zärtlicher Bewunderung, wie etwa ein Kind eine nackte Marmorschönheit schildern würde, die es zufällig in einem Park oder Saal gesehen hat.

Sie sei niemals wie andere Frauen nackt, sagte er, denn ihre sammetbraune Haut hülle sie ein und sie brauche sich so wenig zu schämen wie ein Reh im Walde. Ihr Gesicht liebte er nicht, weil es ihn an Torquato erinnerte und an viel Häßliches, was sie gethan hätte, aber ihr warmes, sonniges Fleisch, das sich anrührte, wie der Flaum auf dem Kopfe neugeborener Kinder. »Warum hat sie das Gesicht einer diebischen Zigeunerin?« sagte er. »Ein irdischer Künstler hätte einen Kopf wie ein Stern auf ihren Hals gesetzt; aber Gott thut ungeheure Dinge, die der Mensch nicht wagt.«

Für die wildgewachsene Schönheit ihres Gesichts hatte er nicht viel Sinn. Einmal traf ich sie bei ihm und sah, daß sie allerdings verbrauchter und erniedrigter aussah, als es mir zuerst bei flüchtiger Begegnung geschienen hatte. Die Art, wie sie mich begrüßte, ihr dreist verführerisches Lächeln, mit dem sie bei den Herren der höheren Klassen im allgemeinen Glück haben mochte, ihre vertraulichen Blicke waren beinahe abstoßend und waren es noch weit mehr für Riccardo; denn während er, als ich eintrat, wohlig und glückselig an sie gelehnt gesessen hatte, stieß er sie plötzlich, wie ein gereiztes Kind, unmutig von sich, schimpfte sie mit groben Worten und hieß sie augenblicklich fortgehen und nicht wiederkommen. Wie sie seine bösen Worte erwiderte, aber mehr zornig über sich selbst als über ihn, ihn auslachte und doch traurig war, dann wie ein wildes, ungebändigtes Tier hinausjagte, das alles hatte so viel Schwung und Anmut und Wärme, daß es mich wieder mit ihr aussöhnte und ich sie, wenn das nicht gegen meinen Plan gewesen wäre, sogar Riccardo gegenüber verteidigt hätte, was freilich auch überflüssig gewesen wäre.

Trotzdem ich mich völlig überzeugt hatte, daß das Verhältnis zart und unschuldig war, und auf ihrer Seite sogar löblichen Gefühlen entsprang, Mitleiden und unbewußter Freude an dem Umgang mit einem jungen Manne, der nichts von ihrer Sinnlichkeit verlangte, drang ich doch fortwährend in Riccardo, sich nicht mit ihr abzugeben, erstens weil die Berührung mit dem Geschwisterpaare doch in irgend einer Weise verderblich auf ihn wirken konnte, dann, weil es ihm bei seiner Bekanntschaft schadete. So nachsichtig man in der Heidenstadt gegen jede Art von Liebessünden war, so hart urteilte man über Frauen, die sich aus Berechnung oder Genußsucht oder gewohnheitsmäßig den Männern hingeben. Dazu galt Galanta als herzlos und hochmütig, welch letzteres Riccardo auch zugab, was ihm aber an ihr wohlgefiel. Das mißlichste war, daß Carmelo, der Frauen überhaupt nicht leiden mochte, solche von Galantas Art aber verabscheute, sich über diesen Verkehr seines Bruders ärgerte und ihm entfremdete, wodurch der bisher herrschende Friede des Hauses zerstört zu werden drohte.

Er war aber meinen darauf bezüglichen Ermahnungen unzugänglich, sogar mein Versprechen, ihn lebenslänglich mit Zigaretten zu versorgen, vermochte nichts über ihn; mit einem Einfall anderer Art hatte ich mehr Glück. Eine Frau, die ich liebte, hatte mir etwas Geld für meine Schützlinge gegeben, und ich glaubte deshalb der Wahrheit nicht zu nahezutreten, wenn ich Riccardo zuweilen eine Kleinigkeit, wovon ich wußte, daß es ihm Freude bereitete, mitbrachte und dazu sagte: dies schickt dir Lisabella. So hieß sie nicht in Wirklichkeit, doch stand ihr der Name wohl an und ich glaubte mit einem alltäglicheren keinen großen Eindruck auf ihn machen zu können. Auf seine Frage, wer Lisabella sei, antwortete ich: meine Nichte, der ich von ihm erzählt hätte und der er dadurch lieb geworden sei. Ich sprach ihm nun häufiger von ihr, schilderte ihm ihre blonde Schönheit und erreichte bald, daß seine Phantasie ganz von ihr erfüllt wurde.

Es kam vor, daß er, wenn er ausgegangen war, sie gesehen haben wollte, und als einmal eine Dame an ihm vorübergegangen war, dann sich umgesehen hatte, zurückgekommen war und ihm ein Geldstück in die Hand gedrückt hatte, stand es für ihn fest, daß es Lisabella gewesen sei. Seitdem traten seine Gefühle für Galanta hinter der Schwärmerei für Lisabella zurück, die seine Phantasie in etwas barbarischem Geschmack mit allen Reizen der Weiblichkeit, des Adels und Reichtums überlud. Nie kam ihm der Gedanke, wie ich oft befürchtete, weshalb sie mich nicht einmal begleitete, um ihn oder seine Mutter zu besuchen, etwas, wozu ich das Urbild der Lisabella nie hätte bewegen können. Sie hatte kein unempfindliches Herz, aber um nicht etwa gerührt und in ihrem Wohlbehagen erschüttert zu werden, vermied sie den Anblick des Unglücks und wollte nichts davon hören. »Ist das Unglück eine Tugend?« sagte sie; »sollen alle unglücklich sein, weil es einige sind? Mein Beruf ist das Glück, laß mich dich lieben und glücklich sein.«

Zuweilen begegnete es mir, daß ich, Riccardos göttliche Selbstlosigkeit im Sinne, mit der er in der Vorstellung von Lisabellas Glück selig, als wäre es sein eigenes, herumwühlte, den heiteren Gleichmut ihrer Stirne, an der nie ein Wölkchen hängen blieb, mit Groll und Empörung ansah. Aber solche Bitterkeiten zerrannen unter ihrem Rosenlächeln, und sowie ihr Herz gegen meine Brust schlug, war es mir, als hätte ich den Mittelpunkt der Allmacht angefaßt, und ihr Sinn offenbarte sich mir in Liebe und Liebesglück als dem einzig wahren Dasein unter der Sonne.

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