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Aus der Triumphgasse

Ricarda Huch: Aus der Triumphgasse - Kapitel 3
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleAus der Triumphgasse
publisherEugen Diederichs
printrunErstausgabe
year1902
firstpub1902
illustratorHeinrich Vogeler
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
created20180524
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Buchschmuck: Heinrich Vogeler

II

In dieser Sturmnacht verhalf die Farfalla, der es eigentümlich war, alles zu können, was der Augenblick gerade erforderte, dem vaterlosen Kinde der Anetta ans Licht und stellte mit Genugthuung fest, daß es zwar nicht tot, aber doch dem Tode näher als dem Leben war, was sie für ein außerordentliches Glück sowohl für das Kleine selbst, wie auch für die Mutter ansah. Bei dem bedenklichen Zustande des elenden Wurmes mußte es ohne Verzug getauft werden, und am liebsten hätte die Farfalla es selbst über die Taufe gehalten; doch seit sie im Elend war, konnte sie ihren Bekannten diesen kostspieligen Dienst nicht mehr leisten. An Rat fehlte es ihr aber nicht: sobald der Morgen graute lief sie zum Fleischhauer Toni, der nie nein sagte, wenn es sich darum handelte, Pate zu sein; er hatte etwa zwei Dutzend Patenkinder in der Römerstadt, alle blutarm, weil gerade die ganz verlassenen und notleidenden Eltern zu ihm ihre Zuflucht nahmen. Unter lauter Kundgebungen freudiger Ueberraschung und die kümmerliche Beschaffenheit des Neugeborenen mißbilligend, sagte er denn auch sogleich zu, und da die Sache Eile hatte, trocknete er sich rasch die Hände ab und folgte, ohne nur die blutige Schürze abzubinden, der Farfalla in die Kirche. Dort wurde der kleine Menschenwurm unter häufigem betrübten Kopfschütteln des Toni schleunig getauft, und es fehlte nicht an einem reichlichen Patengeschenk, obgleich sein Ableben jeden Augenblick erwartet wurde.

Der Toni war keineswegs reich, wenn es ihm auch etwas besser ging als den meisten Bewohnern der Altstadt; aber er hatte ein Söhnchen, das er sehr liebte und um welches er, als einziges, in beständigem Fürchten und Bangen war. Deshalb hatte er angefangen sich armer kleiner Kinder werkthätig anzunehmen, damit Gott, wie er, der Toni, für Gottes Schützlinge, die Armen, sorgte, hinwiederum sein Kind, den kleinen Berengar, in Schutz nähme. Diese Erklärung gab der Toni den Leuten und namentlich seiner Frau, die nicht immer mit der Freigebigkeit ihres Mannes einverstanden war; aber die Farfalla sagte, die Hauptsache sei vielmehr, daß er die Kinder liebte und ein goldenes Herz hätte. Er war auch der einzige, der sich aufrichtig freute, als das neue Patenkind sich, allen Prophezeiungen zum Trotz, zum Leben zu entschließen schien; denn die kleine Anetta war zu sehr in ihren Kummer versunken, um Notiz davon zu nehmen. Die Farfalla war ihr tröstend, aber ungerührt zur Seite und meinte, so leidenschaftlich Anetta jetzt auch zu sterben und zu ihrem Manne zu gehen verlangte, würde sie doch in Kurzem wieder guter Dinge sein. »Sie ist jung und gesund«, sagte sie, »arbeitet gern und lacht gern, so kann sie ein großes Stück Elend verschlucken, ohne sich den Magen zu verderben.«

Anetta, armes, liebes, thörichtes Geschöpf! Ohne Charakter, ohne Grundsatz, ohne Größe, ohne Stolz und Einsicht und Treue, was hatte sie, was war sie, daß ich nie an sie denken konnte, ohne daß mein Herz warm und traurig wurde? Sie galt für leichtsinnig und war es auch, wenn man diese kindische Liebe zum Leben so nennen wollte, diese kindische Sucht nach Fröhlichkeit und Freude, die sie immer aus der Geborgenheit in Gefahr und Schmerzen lockte. Man hätte sie hundertmal retten und in einen netten, bequemen Käfig setzen können, sie wäre immer wieder, neugierig und sehnsüchtig, ins Freie geflogen, ohne daran zu denken, daß sie sich draußen tothungern oder von der Katze gefressen werden würde. In der maßlosen Traurigkeit um ihren Mann, der sie einstweilen hingegeben war, war sie ohne Falsch, dennoch konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, als litte sie unter dem Traurigseinmüssen ebenso sehr, wie unter dem Verlust des guten Benvenuto. Sicherlich vermißte sie sein liebes Gesicht und seine Sorgfalt, aber nicht minder die Fröhlichkeit und das Lachen, das früher trotz der Armut bei ihr zu Hause gewesen war. Sie trug die Traurigkeit wie ein Kleid, das ihr nicht paßte, und die kleine, schmächtige Person noch rührender machte, die ebenso hilflos aussah wie der zweijährige Junge, der sich erschrocken an sie drückte, und das festgewickelte staunende Kind in der Wiege. Ihre äußere Lage war indessen eher besser als früher, denn abgesehen von dem Fleischhauer Toni, der als Gevatter für sie that, was er konnte, fand sich ihr noch ein unvermuteter Beschützer im Pfarrer Jurewitsch.

Ungeachtet meines gegenteiligen Entschlusses und innerlichen Widerwillens stieg ich schon am folgenden Tage nach meinem ersten Besuche wieder in die Altstadt hinauf, sei es, daß Mitleid für die kleine Anetta, oder der Wunsch, den schönen Pfarrer kennen zu lernen, die treibende Ursache war. Er erschien mir übrigens in seinem Zimmer, als er von einem Stuhle aufstand und mir entgegenkam, weniger schön, weniger erhaben und auch weniger jung, dagegen kindlicher und liebenswürdiger, so daß ich, was mangelte, nicht eben vermißte. Sein Liebreiz hatte etwas Mädchenhaftes auch insofern, als er wohl davon Bescheid zu wissen schien und sich dessen freute. Aus seinen Augen sprach bescheiden und doch dringlich die Bitte, man möchte ihn hübsch finden und ihm gut sein, was denn wohl auch kaum jemand hätte unterlassen können, wenigstens ich fand nichts Gefallsüchtiges oder gar Geckenhaftes in seiner Eitelkeit, die sich unbefangen zeigte und die sein Lächeln leiser Wehmut selbst thöricht hieß. Immerhin konnte ich mir nun vorstellen, daß er auch der garstigen Gradella für ihre Bewunderung dankbar war und nicht umhin konnte, sie mit offener Grundsatzlosigkeit mit süßen Augen anzusehen. Vor allen Dingen war er in Gesicht und Gestalt, Art und Wesen von solcher Feinheit, daß die nackte Dürftigkeit des Zimmers, in dem er sich befand, einen halb lächerlichen, halb abstoßenden Eindruck in seiner Unangemessenheit machte. Was man von seiner vornehmen Geburt sagte, war sicherlich kein Märchen: bis auf die stark ausgeprägten und dabei schlaffen Züge, auf die Geistesenge und den fein verschwiegenen Hochmut glich er dem Abkömmling eines hochgeborenen Geschlechtes, das sich nie durch heißes Blut aus dem Volke erfrischt hat.

Als ich auf die Sache zu sprechen kam, die mich zu ihm führte, und ihm ein kleines Sümmchen für die Anetta einhändigte mit der Bitte, es ihr zuzuwenden, wurde er verlegen, und es schien fast, als ob er mein Geld am liebsten zurückgewiesen hätte; über den Fall zu sprechen, war ihm augenscheinlich unlieb. Mir gingen allerlei Gedanken durch den Kopf: nützte er doch vielleicht die Verliebtheit der Weiber aus? legte er es etwa gar darauf an? dachte er daran, diese nun ledige Anetta, die für lustig und leichtsinnig galt, für sich zu gewinnen? besaß er sie vielleicht schon? wenn nun etwa das arme neugeborene Kind sein eigenes wäre? Ich betrachtete sein hübsches Gesicht forschend; aber die Feinheit und Bildung seiner Atmosphäre war so mächtig, daß sie einen zwang, alles Verletzende zu umgehen und jeder Verlegenheit im Gespräch schnell vorzubeugen.

Diesem Einfluß nachgebend, ging ich auf etwas anderes über und erkundigte mich nach den Lebensverhältnissen seiner armen Gemeinde, mußte aber zu meiner Verwunderung bemerken, daß er hier nicht sonderlich Bescheid wußte. Er kam wohl seinen seelsorgerischen Verpflichtungen nach, aber ohne dabei das Wesentliche ins Auge zu fassen, und die Leiden der Armut machten keinen Eindruck auf ihn, entweder weil er selbst dazwischen aufgewachsen war, oder weil er sich als den Adligen fühlte, der es für selbstverständlich ansieht, daß die Armen arm sind und entbehren. Allmählich sah ich klar, daß dies letztere der Fall war: im Grunde verachtete er sie alle, die er beständig durch seinen Liebreiz an sich lockte und von denen er sich so willig anbeten ließ. Um Anetta bekümmerte er sich nur, weil er wußte oder ahnte, daß sein Bruder es war, der ihren Mann getötet hatte, verlieben hätte er sich in eine Frau aus dem Volke nicht können. Er hatte keine Liebe zu seiner Gemeinde, überhaupt gar keine Menschenliebe. Aber geliebt zu werden sehnte er sich über alle Maßen, und nicht das kleinste Genügen gab ihm das Anschmachten und die Verehrung und die Anbetung der Männer und Weiber in der Altstadt. Sein vornehmes Wesen, die Ahnung seiner hohen Geburt und schließlich seine Priesterwürde hatte sein lebenlang solche Zuneigung, deren er bedurfte, in dem Kreise, wo er sich bewegte, von ihm ferngehalten: eine rücksichtslos zugreifende, herrisch über seine Person verfügende Liebe, die ihn wie ein warmer Sturm umschlungen und mitgerissen hätte, der hätte er sich hingeben und sich darin verlieren mögen. Dies äußerte er nie, noch deutete er es an, aber ich fühlte bald heraus, daß es der eigentlichste tiefste Schmerz seines Lebens war, und es rührte mich, wie schon mein warmes, aber von jeder Scheu und Ehrerbietung freies, handfestes, freundschaftliches Entgegenkommen, und die Art, wie ich mich seines Vertrauens bemächtigt, ihm wohlthat, und wie gern er sich bei mir gehen ließ.

Einmal gegen Abend traf ich ihn auf einem Platze, wo Musik spielte und die elegante Gesellschaft vor den Kaffeehäusern saß und plauderte. Ich fragte ihn, ob er die Musik liebe, aber er verneinte es und schien sie nicht einmal bemerkt zu haben. Er grübelte über einer theologischen Frage, die er schriftstellerisch bearbeiten wollte und die mir, nach seiner Erklärung, uninteressant und unwichtig vorkam. Wir waren kaum einige Minuten nebeneinander hergegangen, als uns an der Seite eines Soldaten ein Mädchen entgegenkam, die schon von weitem meine Blicke fesselte, nicht nur durch ihre zigeunerhaft auffallende Kleidung, sondern weil ich eine solche Erscheinung noch niemals gesehen hatte. Als ich ihrer ansichtig wurde, lachte sie, wodurch ihr Gesicht kinderhafter erschien, als sie war; ein schlankes, schmales, strahlendes Kindergesicht, in dessen Lachen man einstimmen, das man hätte küssen mögen aus Freude an seinem Glück und seiner Unschuld. Das Wunderbarste daran war aber die goldbraune Farbe von einer Wärme und einem Schmelz, wie ich keine ähnliche in der Natur je gesehen habe. Gewachsen war sie schlank und gerade wie ein Schilf und ebenso biegsam; es sah aus, als ob der Wind sie uns entgegenwehe. Dazu war in ihrer Haltung ein leidenschaftlicher Stolz wie von einer Person, die sich nie unter einer Regel der Gesellschaft gebeugt und immer in wilder, aber nicht unedler Freiheit gelebt hat. Ich wollte eben eine Bemerkung über das wundervolle Mädchen machen, als ich sah, daß sie den Pfarrer an meiner Seite erblickt hatte und daß sich der Ausdruck ihres Gesichtes gleichzeitig in überraschender Weise verwandelte. Mit dem Blick überlegenen, kränkenden Hohnes, den sie absichtlich starr auf ihn heftete, sah sie viel weniger reizend und kindlich aus, ja, es war unleugbar etwas Rohes in der Art und Weise, wie sie ihm mit ihrem Blick förmlich ins Gesicht schlug, indem sie mit dem Soldaten dicht an uns vorbeiging. Der Jurewitsch, den ich erstaunt und erschrocken von der Seite ansah, war bleich wie eine Wand geworden und sagte, wobei ihm der Mund ein wenig zitterte, erklärend zu mir: »Das war meine Schwester Galanta.« Ich hatte nicht geglaubt, daß ihn etwas so erschüttern könnte: im Gefühl, daß seine Kniee wankten, daß ich irgend etwas für ihn thun müßte, zog ich ihn mit mir auf eine Bank, die in den Anlagen ein wenig versteckt stand. Ich sagte: »Lieber Freund, dies ist schrecklich, schrecklich traurig, nicht nur, daß Sie eine solche Schwester haben, sondern daß sie so reizend, so strahlend und ich möchte sagen so unschuldsvoll ist, und, so wie sie ist, im Schlamm untergehen soll; wenn das geschieht, ist es wirklich ein Sieg des Teufels über Gott gewesen.« Die Entschlossenheit, mit der ich sein Vertrauen als etwas mir Gebührendes in Anspruch nahm, gewann ihn mir, und ich glaube, daß er in diesem Augenblick so offen von sich sprach, wie er überhaupt konnte.

Er war, wie ich schon von Farfalla wußte, ein Findelkind, auf dessen vornehme Geburt man daraus geschlossen hatte, daß das Tuch, worin das Kleine eingewickelt war, eine Krone über dem Buchstaben zeigte. Die Leute, die es auflasen, ein Briefträger und seine Frau, glaubten nach Art des Volkes bereitwillig an eine märchenhafte Lösung des Rätsels, durch die sich ihre Gutthat einst belohnen würde; doch geschah es auch aus warmer, mitleidiger Gesinnung und von seiten der Frau aus frommem Glauben an die Vorsehung, daß sie das verlassene Kind zu sich nahmen und behielten. Sie waren zu der Zeit noch kinderlos und hatten ihr leidliches Auskommen, und der kleine Findling, den sie für einen heimlichen Prinzen ansahen, wurde liebevoll, sogar mit Ehrfurcht behandelt. Allmählich verschlechterten sich die Verhältnisse durch die Schuld des Mannes, der ein schöner, leidenschaftlicher, aber zügelloser Mensch war, im allgemeinen zuverlässig und fleißig, sich aber hier und da durch unbegreifliche Versäumnisse und Nachlässigkeiten verfehlte. Als er einmal wegen einer groben Unpünktlichkeit seines Dienstes auf eine Zeitlang enthoben wurde, hatte das nicht etwa die Folge, daß er sich besserte, sondern er verbitterte sich, warf sich auf das Trinken und wurde in der verborgenen Unzufriedenheit mit sich selbst launenhaft und herrschsüchtig gegen seine Umgebung.

In dieser Zeit wurde Galanta geboren, und in den fünf Jahren, die bis zur Geburt Torquatos verliefen, kam die Familie immer mehr herunter und schließlich in große Armut. Der Mann verlor seinen Posten und damit die bisherige Einnahme, gelangte zu keinem regelmäßigen Erwerbe mehr und drückte durch Gereiztheit, tyrannische Laune und Wutanfälle auf die Frau und die Kinder. Die Frau, die sich mit frommer Ergebung in alles fügte, hörte nicht auf, eine wunderbare Rettung durch das Erscheinen der Eltern ihres Findlings zu erhoffen, erzog ihn selbst in dieser Aussicht und prägte ihm eine Art von andächtiger Ehrfurcht vor seiner vornehmen Abkunft und eigentlich vor sich selber ein.

Trotzdem er durch Roheit und Häßlichkeit in seiner Umgebung unbeschreiblich gelitten hatte, was er nicht sagte, was sich aber leicht verstehen ließ, liebte er doch seine Pflegeeltern. Besonders der unglückliche Mann, reich veranlagt, warm und gut von Natur, mit der verhängnisvollen Heftigkeit seiner Triebe, hatte einen Eindruck in seinem Herzen gemacht, den auch die abscheulichste Verwilderung der späteren Zeit nicht ganz verwischen konnte. Aber seine Liebe war immer von oben herabgekommen und stets war er sich bewußt, daß es eine göttliche Regung in ihm war, so niedrigen Leuten Zuneigung zu schenken. Er fühlte sich, das sprach mich vornehmlich aus seiner Erzählung an, als der rechtmäßige König, der, etwa von Feinden oder Empörern vertrieben, bei armen Holzhauern im Walde Versteck und Schutz gefunden hat. Daß er diese lieb hatte, während ihn das übrige Volk in der Altstadt im Grunde anwiderte, war zum großen Teil Herablassung, wenn er sich auch keine Rechenschaft davon gab, weil sie sich durch die Treue zu ihm geadelt hatten. Er war es doch eigentlich, von dem ein Licht auf sie fiel und sie auszeichnete, und es war der wesentliche Inhalt aller seiner Träume, daß durch ihn zeitliches und ewiges Glück über sie kommen sollte. Wenn er sich den Hoffnungen seiner Pflegemutter, die sie in Bezug auf ihn hegte, hingab, war es hauptsächlich, weil er wünschte, diese Armen, die ihn bei sich aufgenommen hatten, königlich belohnen, überschütten zu können. Nichts hätte er durch sie leiden können, was das Gefühl der Dankbarkeit in ihm aufgehoben hätte; denn er war nicht nur von Herzen dankbar, sondern hielt das auch für die vornehmste Pflicht, die sein Adel ihm auferlegte. Wie er sich jetzt des Wenigen, das er hatte, beraubte, um seinen Geschwistern etwas zukommen zu lassen, wie er Laufbahn und Zukunft ihnen geopfert hätte, so hätte er als Kind, obwohl zart und furchtsam, ohne Besinnen sein Leben in ihrer Verteidigung hingegeben. Freilich hatte er damals auch die kleinen Geschwister geliebt, das einzige Mal in seinem Leben, mit einer Liebe, die in seinem Blute saß, in seiner Natur festwurzelte, nicht wie jede spätere Neigung willkürlich und lose in seinem Herzen steckte. Sie war das einzige Feuer, an dem sich seine nackte, frierende Seele einmal ganz durchwärmt hatte, und sie flatterte noch immer dahin zurück, um sich aufzutauen und sich lebendig zu fühlen.

Seine Pflegemutter hatte ihm, wenn sie arbeiten ging, die Geschwister anvertraut und sein hochmütiges Pflichtgefühl noch dadurch angespornt, daß sie betonte, wie nun nicht nur die beiden kleinen Körper, sondern auch die Seelen in seiner Hand lägen. Dies Gefühl, nicht nur der Höherstehende, sondern thatsächlich der Herr über die arglosen kleinen Wesen zu sein, die alles von ihm zu erwarten hatten, öffnete sein Herz gegen sie, die übrigens auch völlig dazu angethan waren, sich durch allerlei kindlichen Reiz beliebt zu machen.

Besonders Galanta mußte schön und eigenartig gewesen sein; sie war wie aus Gold gemacht, erzählte mir Jurewitsch. Er kannte ein Märchen vom Marienkind, das seinen Finger in das Schlüsselloch der Saalthür gesteckt hatte, hinter der die heilige Dreieinigkeit saß, und ihn vergoldet wieder herauszog. So war Galanta am ganzen kleinen Körper gewesen, vor allem hatten ihre braunen Augen solchen Goldglanz, daß er, selbst noch ein Kind, wenn sie nach dem Schlafe die Augen wieder aufthat, denken mußte, sie käme nun aus jenem himmlischen Saale wieder auf die Erde zurück. Lange glaubte er, daß sie in Wirklichkeit ein Engelskind wäre, dem er nicht ohne Anbetung die glänzenden Füße küßte, und wenn sie ihn so freundlich ansah, wurde ihm das Herz so warm, als ob die Sonne ihn auf die Stirn geküßt hätte. Dabei war sie wild und übermütig in Freude, Zärtlichkeit und Trauer, wenn sie die winzigen Arme um seinen Hals schlang oder wenn sie weinte und gewaltig schrie, sobald er ohne sie aus dem Zimmer zu gehen Miene machte.

Torquato, behauptete der Jurewitsch, wäre als Kind noch schöner gewesen als Galanta, aber dunkel und ohne Glanz. Er war kränklich geboren und meistens unzufrieden, obgleich er niemals weinte; wegen der Pflege, die das erforderte, konnte sich der Jurewitsch wenig mehr um Galanta bekümmern. Anfangs gab es wilde, eifersüchtige Schmerzen, mit der Zeit aber sah sie mit erwachender mütterlicher Fürsorge auf das schwarze, traurige Ding in der Wiege und übertrug alle Wärme von dem älteren auf den jüngeren Bruder. Was den Jurewitsch immer wieder beschäftigte und bekümmerte, war, daß Torquato niemals lachte; er war schon über ein Jahr alt und noch war der kleine Mund immer trüb verschwiegen, schwer von Melancholie. An einem warmen, aber dunklen und stürmischen Frühlingstage schleppte er den Kleinen, der so weit nicht laufen konnte, bis ans Meer, wo die Segelschiffe und Dampfschiffe, das Lärmen und Treiben eine kurzweilige Unterhaltung für ihn versprachen. Erfreut darüber, daß dem Kinde das Bild zu gefallen schien, trug ihn der Aeltere, so schwer ihm die Last auch wurde, weiter und weiter bis dahin, wo eine kleine weiße Landzunge sich ins offene Meer erstreckt. Hier sprang an jenem Tage das Meer in starken, schwarzgrünen Wellen in die Höhe, toste und schäumte, daß blitzende Wassertropfen in die stürmische Luft sprühten, so daß es sich wie ein prächtiger Freudenreigen ausnahm unter dem Triumphgesang des schweifenden Windes. Torquato starrte eine Weile mit aufgerissenen Augen in das Rauschen hinein, breitete plötzlich beide kleine Arme aus und lachte, ein lautes, schreiendes, wildes unmelodisches Lachen. Der Jurewitsch, der, wie es zu gehen pflegt, gerade jetzt nicht an das Lachen, das ihn sonst so viel beschäftigte, gedacht hatte, war von Ueberraschung und Freude dermaßen überwältigt, daß er, der kaum je, was ihn innerlich bewegte, nach außen zu zeigen pflegte, sich mitsamt dem Kleinen in den weißen Sand warf und um ein Haar mit ihm in das anstürmende Meer gerollt wäre.

Wie nun diese beiden Kinder, die sein alles waren, allmählich angefangen hatten, ihn zu hassen, brauchte er mir kaum zu erklären. Ihnen hatte ihn schon die Mutter dadurch verleidet, daß sie ihn beständig als etwas Hohes und Edles, Vorbildliches vor sie hingestellt hatte; denn sie wollten durchaus nicht gelten lassen, daß der schüchterne Bruder, den sie beherrschten und wie einen jüngeren ansahen, etwas Besseres als sie wäre.

Als dann seine Schönheit, Feinheit und Liebenswürdigkeit die Aufmerksamkeit auf ihn lenkte und es ihm durch fremde Unterstützung ermöglicht wurde, ein Seminar zu besuchen, damit er sich dem geistlichen Stande widmete, wurde das Verhältnis immer schlimmer. Je mehr er sich bildete und weiterkam, desto heftiger stieß ihn ihr wildes Treiben ab, und sie ihrerseits verachteten ihn noch gründlicher als früher, weil er über den Büchern hockte und den Frommen und Tugendhaften spielte – denn so faßten sie es auf – um sich Gönner zu erwerben. Das Schlimmste war, daß die zärtliche Liebe, die er fortwährend für sie hatte, ihn doppelt schwach ihnen gegenüber machte: er sah, daß böse und gefährliche Triebe sie ins Verderben führten; aber die Angst, sich ihnen verhaßt zu machen, hielt ihn ab, ihnen ernstlich zu wehren. Machte er ihnen aber einmal Vorstellungen, so kam ihnen das bei der Stellung, die sie zu ihm einzunehmen gewohnt waren, als lächerliche Anmaßung vor, und sie entwaffneten ihn durch Hohn und Grobheit. Das geistliche Gewand machte ihn in ihren Augen vollends zu etwas Weibischem, das den Spott herausforderte, und sie hätten sich geschämt, einen Rat von ihm anzunehmen, ja sie hielten es für anständig, zu thun, was ihm mißfallen mußte. Ihrer Ansicht nach war er ein Heuchler und Müßiggänger, der sich vom Staate dafür bezahlen ließ, daß er mit ihm gemeinsame Sache gegen das arme Volk machte.

Nun war es längst so, daß er kaum mehr in unmittelbare Berührung mit ihnen kam. Torquato beutete ihn zwar zuweilen aus, mußte das aber sorgfältig vor Galanta geheimhalten, die es als eine Schande betrachtet hätte, Geld von ihm anzunehmen. Sein Gewissen ermahnte ihn unablässig, sich ihnen aufzudrängen, sie zu bekehren, sie zur Umkehr zu zwingen, aber er traute sich nicht; denn er wollte ihnen als der Höhere und Unantastbare gegenüberstehen und fühlte doch, daß sie die Stärkeren waren, und daß er weit mehr Kraft und Liebe in sich haben müßte, um etwas über sie zu vermögen. Sie waren die kleinen Kinder nicht mehr, die so fest in seinem Herzen gesessen und es warm gemacht hatten, und er liebte vielleicht die Erinnerung an sie mehr als sie selber. Aber die Ermahnung der Mutter, daß sie ihre beiden Seelen in seine Hand gelegt hätte, wirkte so in ihm fort, als ob sie gestern ausgesprochen wäre, und ließ ihm nicht Ruhe. Als er in seinen Jünglingsjahren die Hoffnung aufgegeben hatte, daß in Hoheit und Reichtum sein Vater oder seine Mutter erscheinen und ihn in Stand setzen würde, denen, die ihm wohlgethan hatten, in großartiger Weise zu lohnen, war ein anderer Traum an jene Stelle getreten: daß er dereinst seiner verklärten Pflegemutter im Jenseits die Seelen ihrer Kinder zuführte. Du hast sie mir vertraut, und sieh, ich bringe sie dir beide, wollte er sagen und still zurückstehen; aber es ging doch alles Licht in dem Bilde von ihm aus und er fühlte, daß er ihnen gegenüber wie Gott sein würde, der seine Schöpfung spielen läßt, ohne sich einzumengen. Dennoch ergriff es mich im Innersten, als er sagte: »Ich darf nicht ohne diese beiden Seelen kommen; sie sind mir anvertraut und ich bin verloren, wenn ich sie nicht vor Gott bringe;« er sah dabei aus, wie er als armer kleiner Junge gethan haben mochte, wenn die Mutter ihm ihre Kinder auf das zarte Gewissen lud und sein Herz vor Stolz und großer Furcht geschwellt war.

Ich sagte: »Wissen Sie, daß Sie beneidenswert sind? Ihr Leben hat den edelsten Zweck, Menschenseelen für das Gute zu gewinnen, und zwar eben die, welche Ihnen am liebsten auf der Welt sind. Kein Augenblick ist für Sie leer, unbedeutend, lästig, jeder ist von diesem reinen Wunsche beseelt und Sie fühlen sich nie vergeblich auf der Welt.« Meine Worte, die ihm wohlthun sollten, schienen ihn vielmehr zu quälen, aber ehe mir das klargeworden war, hatte ich schon weitergefragt, ob er Einfluß auf seine Geschwister gewonnen hätte und was er thäte, um sie an Arbeit, Redlichkeit und Sitte zu gewöhnen. Er errötete tief, doch zu stolz, um mir auszuweichen, sagte er mit einem Anflug anmutiger priesterlicher Würde, wovon er vorher nichts hatte merken lassen: »Ich verkehre nicht mit ihnen, außer wenn sie mich aufsuchen; aber ich bete für sie.« In diesem Augenblicke erschien er mir auf einmal verlogen, unecht, leer und geckenhaft; als putzte er sich mit erkünstelten Leiden und benützte Jammer und Schande, um sich vor dem geblendeten Volke in einem zierlichen Heiligenschein sehen zu lassen. Ich sagte, rasch diesem Eindruck nachgebend: »Sie beten? Wenn Ihre Worte zu schwach sind, um Menschenseelen zu bekehren, glauben Sie, daß Sie Gott damit zwingen können?« bereute aber gleich darauf, es gethan zu haben. Keiner kannte ja seine Ohnmacht so gut als er selber, warum sollte er sein ganzes Elend mir Fremdem offenbaren? Was ich aber nun auch sagte, um meine unbedachte Härte wieder gut zu machen, es gelang mir nicht, ihm wieder nahe zu kommen; ich war so dicht bei ihm gewesen, daß ich ihn tief hatte treffen und verletzen können, und als ich gleich darauf lindernd zufassen wollte, war er mir sternenweit und ich konnte ihn nicht mehr berühren.

Wir wechselten noch ein paar höfliche Worte und verabschiedeten uns voneinander; wie ich ihn in der Dämmerung sich im abendlichen Menschengetümmel der Straße verlieren sah, war mir zu Mute, als müßte ich ihm nachlaufen und bei ihm bleiben, weil seine Seele allein in der Einöde wäre.

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