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Aus der Triumphgasse

Ricarda Huch: Aus der Triumphgasse - Kapitel 21
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleAus der Triumphgasse
publisherEugen Diederichs
printrunErstausgabe
year1902
firstpub1902
illustratorHeinrich Vogeler
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
created20180524
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Buchschmuck: Heinrich Vogeler

XX

Das Haus, wo ich jene Frau, die ich liebte, zu treffen pflegte, lag an einer der ehemals allervornehmsten Straßen, die jetzt wegen ihrer Enge und Dunkelheit gemieden werden; denn die mächtigen grauen Paläste stehen dicht nebeneinander, und gegenüber und im Innern sind große und hohe, aber feierlich traurige Räume. Ich setzte mich, da sie noch nicht.gekommen war, in einen Sessel und blätterte in einem Buche, ohne zu lesen, als ein Gesang von der Straße her meine Aufmerksamkeit erregte. Eine tiefe Stimme sang ein schwermütiges Lied, dessen Melodie von so eigentümlich packender Art war, daß sie sofort in jene bange Stimmung versetzte, wie etwa, wenn man im Frühling aus der Ferne einen Leierkasten hört, nur daß sie kräftiger und bestimmter war. Ich trat ans Fenster und sah einen Mann, der vielleicht blind oder sehr alt war, denn er wurde von einem andern geführt und setzte trotzdem einen Fuß langsam und beschwerlich vor den andern; beide waren schwarz gekleidet und besonders der Alte, der, welcher sang, hielt und trug sich mit auffallender Würde. Von Zeit zu Zeit öffneten sich Fenster und es wurden Münzen heruntergeworfen, und während der Führer sie auflas, stand der Alte unbeweglich mitten in der Straße, augenscheinlich unfähig, allein auch nur einen Schritt zu thun. Indem ich auf ihn heruntersah und die dicke, ein wenig gebeugte, sehr edel gebaute Gestalt betrachtete, fiel mir ein, daß dies der Elendgraf sein müßte, von dem die Farfalla mir einmal erzählt hatte. Wenn er aufblickte, würde ich wahrscheinlich in das hitzig-rote, widerliche Gesicht eines alten Trunkenboldes sehen, der seine Weise absang, ohne etwas anderes zu fühlen, als gierige Ungeduld, den Klang der auf das Pflaster schlagenden Münzen zu hören. Er wußte nichts von der ungeheuren Melancholie der einsamen, graden, langen Straße starrer Paläste, durch die sein dunkles Lied sich ewig wiederholend hinrollte, und zankte vielleicht in der nächsten Stunde mit dem Sohne, dem er nicht traute, um die gesammelten Almosen.

Wenn man längere Zeit in einem dunklen Zimmer allein war, hat man oft plötzlich das Gefühl einer menschlichen Gegenwart, obwohl man sicher weiß, daß niemand hereingekommen ist; und so ging es mir in diesem Augenblicke. Es war mir gerade, als hätte jemand mich lange angesehen, oder als hätte jemand sich neben mich gestellt, ein häßlich unheimliches Gefühl, das ich nicht sofort abzuschütteln vermochte. Wer weiß, dachte ich, ob in eben diesem Hause die Vorfahren des alten Bettlers wohnten, der ja einem sehr alten und vornehmen Geschlecht unserer Stadt entstammte, und ob einer von ihnen jetzt geisterhaft neben mir steht und mit durchdringenden Augen auf diesen Sohn seines Geschlechtes heruntersieht? Wer mag je das Rätsel lösen, wie ihre Seelen sich berühren und ineinander übergehen? Oder er selber war vor Jahrhunderten ein prunkender, überstolzer Herr in diesen Räumen, und wie man oft, ohne es zu merken, den bekannten Weg nach einem Hause einschlägt, wo man früher lange wohnte, zog es ihn in diese finstere Straße von Palästen und seine Seele singt das dünne Lied des Heimwehs, das der trunkene alte Bettler nicht begreift.

Es faßte mich so stark der Wunsch, ihn zu sehen, daß ich die Münzen, die ich schon geraume Zeit in der Hand hielt und doch, ich weiß nicht warum, hinunterfallen zu lassen gezögert hatte, hinter ihm her warf, der inzwischen langsam bis zum nächsten Hause gekommen war. Er hörte das Klappern des Geldes oder fühlte meinen Blick, kurz, er drehte den Kopf und blickte zu mir hinauf, und ich sah ein fahles, faltig hängendes Gesicht mit zwei großen, lichten, ein wenig geröteten, glasig stieren Augen. Sie waren vorstehend, aber keineswegs unschön, nur entstellt, mehr stumpfsinnig als traurig und doch über allen Ausdruck traurig; es kam mir vor, als sähen sie mich eine Viertelstunde lang an, während es in Wirklichkeit kaum mehr als eine Minute gewesen sein konnte. Dann ging er singend weiter; er wechselte die Melodie niemals, ließ auch die Töne nicht an- oder abschwellen, noch wandte er sonst irgend ein Mittel an, um den Ausdruck zu verstärken. Seine Stimme strömte gleichmäßig eintönig die schwermütige Melodie des Liedes herunter, als gäbe es für sie keinen anderen Weg; nur im ganzen wurde der Gesang langsam leiser, je mehr er die Straße hinabging.

Ich stand und horchte und fühlte immer noch den gläsernen Blick der geröteten Augen; es ging etwas Sonderbares mit mir vor. In einer Stadt am Meere wurde in alten Zeiten ein Sommerfest in der Art gefeiert, daß ein Schiff, flach wie ein Floß gebaut, in einer Mondnacht ins offene Meer hinausfuhr, voll von Männern und Frauen, die übermütig genug waren, an dem Feste teilzunehmen. In der Mitte des Schiffes stand eine holzgeschnitzte Figur, die einst etwas Göttliches bedeutet haben mochte, zu ihren Füßen gab es Musik und Speisen, Früchte und Getränke aller Art, und darum her wirbelte Tanz und Gesang, wovon die leichten Bretter ins Schwanken kamen, und es geschah oft, daß diejenigen, die bei dem leidenschaftlichen Treiben an den Rand gedrängt wurden, ins Wasser stürzten und ertranken. Niemand durfte das beachten, niemand durfte helfen, kein Ton des Jammers sollte das wilde Fest stören, schmetternd und jauchzend glitt das Schiff weiter, während die Ertrinkenden einsam und gottverlassen mit dem Tode rangen. In späterer Zeit beteiligte sich nur tolles Gesindel an der gefährlichen Fahrt, bis sie wegen des Unfugs, der dabei stattfand, untersagt wurde; neuerdings wurde sie wieder aufgenommen, aber ohne den geheimnisvoll grausamen Charakter der Vorzeit, nur als ein reizendes Freudenfest sommernachts auf dem Meere.

In dem Augenblicke, als der bettelnde Sänger zu mir heraufsah, kam mir plötzlich dies sagenhafte Schiff, von dem ich vor Jahren einmal, ich weiß nicht wo, gehört hatte, in den Sinn. Ich stand auf dem purpurbehangenen Schiffe und beugte mich über den Rand und sah in das durchsichtige Wasser hinunter, aus dem die Augen eines Ertrunkenen weit offen mich anstarrten. Er war eben noch mitten unter uns lebendig gewesen, und nun sah ich seinen entkräfteten Körper von ekelhaftem Gewürm und klebrigem Tang der Untiefe umstrickt, und seine hervorquellenden Augen, die meine nicht losließen, erzählten mir die Qualen, die er litt. Ob er die süßen Stimmen der Geigen und das krystallene Klingen der Gläser, den übermütigen Schall auf unserem Schiffe hörte? Wie kannst du, sagten seine Augen zu mir, goldenen Schaum aus blanken Pokalen trinken und seidene Frauenkleider in deinen Armen knistern hören, nachdem du meine Angst und mein Grauen gesehen hast und weißt, daß ich unter dir verschmachte?

O rätselhafte, entsetzliche und wonnevolle Fahrt! Ja, ich werde mich abwenden von dem Schrecken dort unten, mich in das Gedränge werfen, dahin, wo die Musik lockt und die Frauen lächeln, werde vor dem Abgott knieen, mit Entzücken die krachenden Bretter und das quellende Wasser unter mir spüren und nicht beachten, daß das Heer der Ertrunkenen, gleich Schwärmen von Möven, dem Schiffe nachfliegt, um sich wieder unter uns Lebende zu mischen und uns über den Schiffsrand hinunter ins Meer zu drängen.

So tief war ich in meinen Träumereien, daß ich Lisabellas Eintreten nicht hörte und ihrer erst gewahr wurde, als sie die Hand auf meine Schulter legte. Weißt du, daß mich jetzt eben, wo ich dich erwartete, eine Sehnsucht faßte wie ein Schwindel, mich hinabzustürzen zu den Gescheiterten? Und daß die roten Augen eines alten Trunkenboldes mir tiefer ins Herz rührten, als deine? Du siehst mich an, und die Melodie des Glückes, die mich hundertmal in deine Arme gelockt hat, atmet von deinen Lippen: laß uns lieben und selig sein! Aber horch! es ist ein anderer Ton laut geworden und ich muß mich über den Rand des Schiffes beugen, um dem Chor der Untergegangenen zu lauschen, die das Thränenlied ihres Schicksals singen.

O Lisabella, was wird aus dir und mir, wenn mein Herz deine Stimme überhört! Ich weiß nicht, warum ich mich nicht in deine Arme werfe; warum ich weinen muß, wenn ich an dich denke!

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Maschinensatz und Druck der Spamerschen Buchdruckerei, Leipzig.

 

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