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Aus der Triumphgasse

Ricarda Huch: Aus der Triumphgasse - Kapitel 20
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleAus der Triumphgasse
publisherEugen Diederichs
printrunErstausgabe
year1902
firstpub1902
illustratorHeinrich Vogeler
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
created20180524
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Buchschmuck: Heinrich Vogeler

XIX

Ehe ich: abreiste, fragte ich die Farfalla, ob sie während meiner Abwesenheit mir den Hausverwalter machen, nämlich den fälligen Zins allwöchentlich einziehen wollte. Ich dachte ihr dadurch etwas zuzuwenden, da ich ihr die Mühe natürlicherweise vergütete, und zugleich den Parteien einen Dienst zu erweisen, die sich leichter mit ihr, als mit einem fremden rücksichtslosen Manne auseinandersetzen konnten, wenn es etwa galt, einen Aufschub zu erlangen oder Aehnliches.

Sie nahm meinen Vorschlag, wie sie immer that, in einer Weise an, als ob sie es wäre, die mir damit eine Wohlthat erwiese, versicherte mir, daß ich alles in bester Ordnung finden würde, da ich ja ohnehin den Zins allen zur Zufriedenheit niedrig genug angesetzt hätte, kurz betrug sich so, daß ich mit der Ueberzeugung abreiste, meine Angelegenheit den zuverlässigsten und geschicktesten Händen anvertraut zu haben.

Da ich sie als durchaus nicht schreibfertig kannte, überraschte es mich nicht, keine Nachricht von ihr zu bekommen, so lange ich unterwegs war; ohnehin hatten wir verabredet, daß ich das Geld bei meiner Rückkehr in Empfang nehmen würde. Als ich, zu Hause angelangt, wieder bei ihr anklopfte, öffnete nicht sie mir, sondern eine schöne, dunkle, etwas schlottrige Frau, die mir nicht fremd vorkam und die ich doch nicht unterzubringen wußte, bis ich in ihr Vittoria, die jüngste Tochter der Farfalla, erkannte. Sie hatte eine graublasse, ungesunde Gesichtsfarbe und war nicht schön mehr in dem gemeinen Sinne; Sorge, Gram, Furcht und was für Schmerzen es sonst noch waren, hatten ihre Seele mit Marterwerkzeugen aus der Tiefe ans Licht gezerrt, und wie diese wund, angstvoll, flehend durch ihr Gesicht schimmerte, das gab ihr jetzt eine neue, fast beängstigende Schönheit. Ueber die Ursache dieser Veränderung war ich nicht im Zweifel: man hatte ja voraussehen können, daß der vormalige Jammer ihrer Ehe wieder eintreten würde, und ich nahm ohne weiteres an, sie hätte sich samt ihrem Kinde, denn ich sah ein kleines Bett in einem Winkel des Zimmers stehen, zu ihrer Mutter geflüchtet. Dem war aber nicht so, sondern die Farfalla war, wie sich nun herausstellte, schon seit längerer Zeit fort und zu Galanta auf die Insel gezogen, wogegen sie sich anfänglich mit so viel Entschiedenheit gewehrt hatte. Sie hatte ihrer Tochter, als sie auszog, die Wohnung übergeben, sie verpflichtet, fernerhin an ihrer Stelle den Zins einzuziehen und mir das Geld nebst einem Gruße auszuhändigen.

Es war nichts Unbegreifliches, daß die Farfalla zu ihren Kindern gegangen, daß sie noch jünger und lebenslustiger war, als sie selbst gemeint hatte, und die Gesellschaft eines Toten auf dem Kirchhofe ihr doch nicht genügte; vielleicht hatte Galanta ihrer sogar wirklich bedurft, und in jedem Falle konnte man ihren Entschluß nur billigen und erfreulich finden. Trotzdem stand ich peinlich überrascht mit dem Päckchen Geld in der Hand und fühlte mich, ehe ich die Sache noch recht überblickt hatte, zum Narren gehalten. Ich mußte das Geld zweimal zählen bevor mir zum Bewußtsein kam, wieviel es war und wieviel es hätte sein sollen: es fehlte eine im Verhältnis zum Ganzen nicht unbeträchtliche Summe. Es folgte nun eine lange Erklärung, warum diese und jene Partei ihren Verpflichtungen nicht ganz hatte nachkommen können; die Hauptsache war, daß Vittoria und ihr Mann gar keinen Zins gezahlt, sondern die Wohnung, die sonst ja leer gestanden hätte, nur gewissermaßen aus Gefälligkeit übernommen hätten, um die Aufsicht und Verwaltung der Farfalla zu ersetzen Die Farfalla hatte also den übrigen Hausbewohnern gegenüber auf meine Kosten die Großmütige gespielt oder sich mit meinem Gelde ihre Dienste erkauft, hatte ihrer Tochter eine kostenlose Wohnung zugewendet, wobei sie aber den Schein aufrecht zu erhalten gewußt hatte, als wäre das einzig zu meinem Besten geschehen. Vittoria machte einen Versuch, mir alle diese Dinge in ihrer drolligen Weise vorzutragen und dadurch genießbar zu machen; aber in ihrer Verlegenheit und weil ihr die alte Munterkeit fehlte, kam es doppelt ungeschickt heraus. Es war mir, als hörte ich die Farfalla über meine gutmütige Dummheit lachen, und in meinem Aerger sagte ich: »Ihre Mutter hat treulos und undankbar an mir gehandelt, ihre Schuld ist es, wenn ich künftig statt freundlich und vertrauend, mißtrauisch und unzugänglich sein werde.« Kaum hatte ich es ausgesprochen so reute es mich, und es überlief mich ein schreckliches Gefühl, als hätte ich einem blutenden, halb zu Tode gepeitschten Opfer am Pranger noch einen Hieb in seine Wunden versetzt. Ehe sie mir noch etwas entgegnen konnte, zwang ich mich, zu lächeln sagte, die Sache wäre nun gut und abgethan und bat sie, eine Ablenkung suchend, mir ihr Kind zu zeigen. Vittoria nahm das kleine Geschöpf, das wachend, aber ganz still auf dem Bett gelegen hatte, sogleich in die Arme und hielt es mir hin: es war ein zierliches Mädchen mit auffallend weißem Gesicht und großen strahlenden Augen, die mich schreckenvoll, ja ich möchte sagen mit Entsetzen ansahen. Einen häßlichen Eindruck an einem so kleinen Kinde machten die graugrünen Schatten unter den Augen, wie man sie bei Frauen sieht, die viel gelitten oder gelebt haben. Unter den Schmeicheleien und Liebkosungen Vittorias fing das kirschrote, zahnlose Mündchen an zu lächeln, ein kleines, scheues, fragendes Lächeln von besonderer Lieblichkeit, das in ein helles, freies Lachen nicht überging. Es hatte dieselben seidenschwarzen Löckchen wie das erste, früh verstorbene Kind; aber während jenes mir wie ein pelz- und schwanzloses Aeffchen vorgekommen war, konnte ich dies, obwohl es krank aussah, unumwunden für schön erklären, welche Anerkennung Vittoria überaus befriedigte. Ueberhaupt sah sie, seit sie das Kind im Arme hatte und mit demütiger Zärtlichkeit an sich drückte, jünger, frischer und glücklicher, eigentlich beseligt aus, und als ich hörte, daß die hübschen Kleider, Bänder und Zierrate, mit denen die Kleine geschmückt war, von dem Onkel Kapitän herrührten, fühlte ich mich so ziemlich über ihr Schicksal beruhigt und zögerte nicht länger, mich zu entfernen. Ich war nicht in der Laune, jetzt näher auf sie einzugehen oder gar etwas für sie zu thun; so lebhaft ich Vittoria auch bemitleidet hatte, ich war übersatt und angewidert von meinem Hause und der Triumphgasse und der ganzen Heidenstadt.

Diese alte Frau, für die ich soviel gethan hatte, nicht nur durch Geld, sondern indem ich ihr Schicksal in meinem Herzen aufgenommen hatte mit dem Besten, was ich hatte, spielte mir übel mit, wie einem, den man auslacht, dem man gerne einen Tort anthut oder der einem völlig gleichgültig ist. Das war es, gleichgültig war ich ihr, nicht mehr wert, als was ich ihr genützt oder soviel wie ich sie unterhalten hatte. Keine Anhänglichkeit an meine Person, gar keine war vorhanden, und so mußte wohl die ehemalige Herzlichkeit, die treuherzig geäußerte Dankbarkeit, alles zusammen Verstellung oder halb unbewußtes Spiel gewesen sein. Wer weiß, ob sie nicht an anderen ähnlich gehandelt und ob ihr nicht das Leben nun vergolten hatte, was sie anderen zufügte. Mit Unrecht, sagte ich mir, klagt man das Schicksal an, es handelt sich da um kein Mysterium, man durchschaut nur nicht immer gleich seine Folgerichtigkeit: was einer ist, das wird ihm, es giebt einem zurück, was man selber den anderen giebt. Ich hatte ihrer freilich nicht bedurft; aber selbst wenn ich krank und hilflos gewesen wäre, würde es ihr nicht in den Sinn gekommen sein, mich aus freien Stücken zu trösten und zu pflegen; sie hatte nicht das kleinste warme und gute Gefühl für mich, weil ich zu den Feinden, zu der großen Gegenpartei gehörte, die man ausnützte, oder wenn auch nicht haßte, so doch nicht liebte.

Auf diesem Punkte angekommen besänftigte sich mein Groll allmählich. Was berechtigte mich, Unmögliches zu verlangen und in einer aufs Geradewohl aus der Gasse aufgelesenen alten Frau, die schon nach verschiedenen Seiten merkwürdig und bedeutend war, etwas Vollkommenes, eine Heilige sehen zu wollen? Es fiel mir ein, was sie mir von jenem Kirchenbesuch erzählte, wo sie zum erstenmal betrachtend auf ihr verflossenes Leben geblickt hatte, und von dieser Frau, die nie Zeit für sich gehabt hatte, erwartete ich, sie sollte Zeit finden, sich in mein Leben, in ein fremdes zu vertiefen? Und wenn sie es gethan hätte, wie gering mußte ich ihr erscheinen neben der grauen riesigen Not, die Jahr für Jahr auf der Schwelle ihres Hauses gesessen hatte. Ihr altes Gesicht mit den erschöpften blauen Augen, die nichts mehr vom Leben verlangten als Schlaf und Thränen, tauchte wieder in meiner Erinnerung auf, und ich bemühte mich, alles andere, was stören und entstellen konnte, zurückzudrängen. So viele Hunderte und Hunderte von Menschen hatte ich gesehen, arm, hilflos, blind, hungernd, deren Anblick das Mitleid anschrie, und hatte nichts für sie gethan oder ihnen ein Almosen hingeworfen und sie in der nächsten Minute vergessen, und ich verlangte, daß die Farfalla sich meiner erinnerte, mich berücksichtigte, mir womöglich etwas opferte? Verfluchte Selbstsucht und verächtliche Blindheit! Wir zetern über den Armen, der für einen hingeworfenen Bettel nicht dankt, und wir verkehren höflich und achtungsvoll mit Menschen, die, von Eltern oder Freunden mit Liebe und Reichtum in Fülle überschüttet, ihnen nicht nur mit Undank, sondern wohl gar mit Geringschätzung und Gleichgültigkeit lohnten, Was hatte ich überhaupt Nennenswertes für sie gethan? Ja, wenn ich, was ich besaß, ihr in den Schoß geworfen und zu ihr gesagt hätte, nimm du jetzt mein Wohlergehen, ich will deine Plage tragen! Aber ich war mir so sehr selbst das Wichtigste, daß ich mein altes Familienhaus zu verkaufen trachtete, nur um die Altstadt mit ihrem Schmutz und Greuel vergessen zu können, von der aus die Welt bald wie eine Pfütze voll Ungeziefer, bald wie ein blutiges Schlachtfeld unter Wetterwolken sich ausnahm.

Als ich im Laufe des Winters Gelegenheit hatte, es zu verkaufen gab ich es mit Verlust weg, empfahl meine Zinsleute, besonders Vittoria, dem neuen Besitzer, der mir den Eindruck eines gutmütigen Menschen machte, und schlug den Weg zur Altstadt nicht mehr ein. Doch sollte ich die Triumphgasse und das Haus zum heiligen Antonius noch einmal wiedersehen.

Im Frühling las ich in der Zeitung unter der Abteilung Unglücksfälle und Verbrechen, die ich nur flüchtig zu durchlaufen pflegte, von einem abscheuerregenden, vom Vater am eigenen kleinen Kinde begangenen Morde, der in der Altstadt vorgefallen war. Irgend etwas bewog mich, genauer hinzusehen: es war der Name des Unmenschen, der mich festgehalten hatte, weil er mir bekannt klang und mich an etwas mahnte. Wirklich verhielt es sich so: Vittorias Mann war der Mörder und das ermordete Kind war jenes weiße mit den großen, angstvollen Augen, das seine Mutter mit so anbetender Liebe an sich gedrückt hatte. Er hatte sich häufig damit belustigt, es auf alle erdenkliche Art zu quälen und zu martern und die verzweifelte Frau gezwungen zuzusehen; jetzt nun hatte er es aus dem offenen Fenster hinausgehalten, als wollte er es fallen lassen, sich eine Weile an Vittorias Todesangst geweidet und es schließlich wirklich auf das Pflaster geworfen, wo das arme kleine Leben sofort erloschen war.

Die Zeitungsnotiz berichtete, daß der Mann als träge, unordentlich und roh in seinen Sitten beleumundet sei, seine eigene Familie konnte ihm kein besseres Zeugnis ausstellen. Die Nachbarn sagten einmütig aus, er hätte seine Frau von jeher grob behandelt, hauptsächlich aber seit der Geburt des Kindes, das er nicht leiden konnte, weil es ein Mädchen war, wohl noch mehr, weil es ihm überhaupt ungelegen kam. Einmischen hätten sie sich nicht können, denn die Frau hätte die Wahrheit ihrer Vermutungen bestritten und, wahrscheinlich aus Furcht vor dem Manne, ihn in Schutz genommen. Er hielte sich viel in den Wirtshäusern auf, sei aber nicht eigentlich ein Trunkenbold; ob man es mit Geistesstörung zu thun hätte, sei noch ungewiß.

Mein Grauen überwindend, machte ich mich noch am selben Nachmittage auf in die Triumphgasse. Es war der Donnerstag vor Ostern ein warmer, fast ein Sommertag, und dazu einer der ersten. Nach vorangegangenem Regen waren die Bäume plötzlich über und über grün geworden, goldgrüner Schimmer stieg an ihren Kronen aufwärts und goldene Himmelsbläue rann von oben auf die Erde. Ein Strom von Menschen rauschte aus den Häusern auf die freien Plätze und Alleen, Frauenschönheit, froh, sich wieder in bewundernden Augen spiegeln zu können, lächelnde Blumengesichter über fliederblauen und apfelsinengelben und granatroten Kleidern, dazwischen die kleinen Kinder in rosenroten Schärpen und weißen Schuhen, rosenrote Federn auf den weißen Mützen, die dreist in den Sonnenschein hineintrippelten. In die Altstadt war der Frühling noch nicht hineingedrungen: Lachen, Rauschen und Farbenzauber blieb hinter mir zurück und es schauderte mir fast in der sonnenlos lauwarmen, unreinen Luft.

Als ich bei dem Triumphbogen angekommen war, blieb ich stehen; es war mir so zu Mute, als wäre dies das Thor, durch das man aus dem Frühlingsreiche in das Land des Elends einzöge. Ein paar Kinder, in schmutzige Lumpen gehüllt, spielten um die dicken Pfeiler herum, die meisten blaß und hungrig, einige mit spitzbübischen Gesichtern, die mich frech und doch ängstlich aus pfiffigen Augen ansahen. In den Schmutz des Lebens geworfen, geschlagen, verwahrlost, eine Zukunft voll Entbehrung, roher Lust und Verbrechen vor sich; sie waren häßlich und wild, aber doch auch Kinder, die lüstern nach Süßem ausschauten, und ich sah die Bitterkeit, die endlose Mühe und Quälerei, die ihrer wartete. Unwillkürlich blickte ich an dem Triumphbogen in die Höhe, ob da nicht geschrieben stände, daß wer hindurchgeht, die Hoffnung fahren lassen muß.

Ja, hier war der verhängnisvolle Eingang, den die Völker in schauerlichen Gebirgen oder wüsten Heiden suchten; nahe bei uns, so daß wir ihren Jammer hören konnten, waren die Verdammten, gequält von Teufeln die vielleicht auch nur arme Seelen in der Pein waren. Täglich, durch ein geheimnisvolles Gericht getrieben, liefern sich neue Opfer an die Hölle aus, in der sie spurlos versinken und an der die Glücklichen vorbeigehen wie an einem Gefängnis oder Irrenhause, ohne auf die Wehklage zu achten, ohne zu retten, was Gott verdammt hat.

Im Hause, auf der Treppe und in den Gängen waren viele Menschen, die ich absichtlich nicht beachtete, die im Zimmer waren, sahen alle mit Neugierde und Entsetzen auf Vittoria, die auf der Erde lag und mit ihrem Leibe den Kinderleichnam bedeckte, von dem man nur ein winziges Aermchen sah, das in die Luft starrte. Man hörte keinen Laut im Zimmer, als Vittorias Jammern, Töne, die einem die Seele wie Folterwerkzeuge auseinanderrissen. Es war ein Heulen oder ein Verwünschen oder ein Schreien, so wie ich mir denke, daß wilde Tiere in der Wüste, wo Meilen und Meilen nichts Lebendes ist, schreien und um ihre Jungen klagen. Da, unter dem dunkelblauen Himmel voll großer Sterne, inmitten der unermeßlichen Stille, wäre es vielleicht von schauerlicher Schönheit gewesen; aber in dem engen Zimmer hier war es gräßlich, nichts als gräßlich und unerträglich. Ich hätte meine Seele herausbrechen und aus Ekel am Leben sterben mögen Es fiel mir ein, wie sie in der Sommermondnacht mit siegreich strahlenden Augen über das Meer geblickt hatte, wie hoffnungsvoll, wie prahlerisch jung und schön sie gewesen war; was für eine Verbindung war zwischen jenem Gestern und diesem Heute, was für eine Verbindung war zwischen jenem Siegerblick und diesem unmenschlichen Geheul? Sie lag unbeweglich, nur daß ihr Körper zuweilen durch und durch von krampfhaften Zuckungen erschüttert wurde, und ihr Gesicht blieb immer fest gegen den Fußboden gedrückt; ich stand und fürchtete wie einer, der kein Blut sehen kann, sie möchte den Kopf aufrichten und ich müßte ihr in die Augen sehen.

Erst nach einer geraumen Weile sah ich, daß in einer Ecke des Zimmers zusammengekrümmt auf einem Stuhle der Kapitän saß, das Gesicht in die Hände gedrückt und ganz leise weinend wie ein Kind, mit Leib und Seele, willens, nie mehr mit Weinen aufzuhören. Ich zog mir leise einen Stuhl an ihn heran, legte die Hand auf seinen Arm und flüsterte seinen Namen, worauf er mir sein rotes, thränenüberströmtes Gesicht zuwandte und mich ansah. Ich that irgend eine Frage, ob er das Kind sehr lieb gehabt hätte und dergleichen, die ihm seinen Schmerz vollends zur Besinnung zu bringen schien; denn nun brach er erst recht in heftiges Schluchzen aus, so daß ich in der Verlegenheit meiner Rührung aufstand und in dem engen Raume, der frei war, auf- und abging. Dann setzte ich mich wieder zu ihm und sagte, in der Hoffnung, seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben, es diente mir zur Beruhigung, daß er hier sei und der unglücklichen Vittoria ein Beschützer und Berater sein könnte. Kaum hatte ich ausgesprochen so richtete er sich auf und rief laut: »Unglückliche, sagst du? Verfluchte, sage ich, Verfluchte, die lebt, wo ihr Kind zu Tode gemartert ist! Mißhandelt ist ihr Kind und sie hat zugesehen! Vielleicht hat sie sich anfassen lassen von denselben Händen, die ihr Kind getötet haben, hat sich umarmen lassen von dem Teufel, der ihr Kind geschlachtet hat. Ja«, sagte er immer heftiger, mit schreiender Stimme, ohne Atem zu schöpfen »ich hätte sie beschützt, wenn sie ihr Kind beschützt hätte! Wenn sie den wölfischen Buben ermordet hätte, um ihr Kind zu retten, ich hätte ihr nichts geschehen lassen, niemand hätte sie angreifen dürfen, und wenn man sie in die Hölle hineingegraben hätte, ich hätte sie herausgeholt und wie eine Königin auf den Thron gesetzt.« Es gelang mir nach anfänglichem Erschrecken den rasenden Mann am Arme zu packen, aus dem Zimmer und die Treppe hinunterzuzerren, dann schleppte ich ihn ohne Aufenthalt die Triumphgasse hinab auf den Domplatz bis an die Mauer über dem Meere. Hier blieb ich stehen und sagte: »Kapitän, Sie sind zu grausam. Wer so unglücklich ist, den darf man dreist dem Gerichte Gottes überlassen.« Ich stellte ihm vor, daß Vittoria unter den ihrem Kinde zugefügten Qualen mehr gelitten haben müßte, als das Kind selbst und als wir Männer uns vorstellen könnten. Auch den ärgsten Verbrecher müßte man schonen, wenn er seinen Frevel schrecklich verbüße.

Aber er unterbrach mich heftig und rief: »Nein, nein und wenn sie ewig in der Hölle brennte, ich würde kein Mitleid mit ihr haben. Eine Mutter wirft sich in einen offenen Löwenrachen für ihr Kind, und mehr als töten konnte er sie nicht. Feige, feige, überflüssige Seele! Sie war dazu in der Welt, um sich für ihr Kind zu opfern, und wenn sie das nicht konnte, ist sie nichts als Fleisch, Weiberfleisch, Dreck, Unrat!«

»Schämen Sie sich!« sagte ich. »Glauben Sie, die eigene Mutter hätte ihr Kind weniger lieb als Sie?« Der kleine, starke Mann war jetzt von dem Wutanfall erschöpft; seine Augen funkelten und sprühten noch, aber er war blaß geworden und trocknete sich mit seinem Taschentuch die Stirn ab. »Ich weiß«, sagte er ruhig, »daß ich für jedes hilflose Kind, das ich von einem Wüterich mißhandelt sähe, mein Leben in die Schanze schlagen würde.« Und nach einer Weile setzte er hinzu: »Warten Sie ein paar Jahre, ob Sie das Weib nicht wieder mit ihrem Manne an der Seite sehen oder, wenn der unschädlich gemacht ist, mit einem andern. Mich werden Sie nicht wiedersehen.« Er wollte in fremde Länder fahren und nicht zurückkehren. Auf meine Frage: »Wollen Sie den schönen Garten des Lebens hassen, weil eine kleine Blume daraus abgerissen und zertreten ist?« sagte er leise: »Es war meine kleine Blume«, ballte die Hände zu Fäusten und sah mit glitzernden Augen auf das Meer hinaus. Wir sprachen noch hin und her und er wurde freundlicher gegen mich, blieb aber meinem Zureden unzugänglich. Ich habe im Gedächtnis behalten, daß er sagte: »Die Erde ist ein schauerliches Dickicht voll wilder Tiere, die sich fressen und die hübschen kleinen Kinder machen es zu einem lustvollen Walde, wo es Sonnenschein und Vogelgezwitscher und Blumen und Quellen giebt;« dann besann er sich einen Augenblick und fuhr die Stirne runzelnd fort: »Aber später werden sie auch Bestien und beißen und fressen sich.«

Am folgenden Nachmittage hatte ich den guten Willen, Vittoria noch einmal aufzusuchen; als ich aber vor der Thüre dem kleinen schneeweißen, mit Goldflitter verzierten Sarge begegnete, der aussah wie eine Schachtel voll Blumen und Spielzeug für das arme Kind, das als zertretener Keim selber hineingelegt werden sollte, in die häßliche Dunkelheit, vor der sich alle kleine Kinder fürchten, kehrte ich um. Die geputzten Menschen, die sich in die Domkirche drängten, erinnerten mich daran, daß es Charfreitag war und daß bald das Miserere beginnen würde. Ich trat ein und es glückte mir, mich nahe beim Eingang in eine Ecke zu schieben, wo ich einigermaßen unbehelligt stehen konnte. Durch das fortwährende Herausdrängen einiger und das Hereinwollen neuer Besucher war die festgestopfte Menschenmasse in schwankender Bewegung und man erhielt empfindliche Püffe, die ich aber lieber aushielt, als die verdorbene Luft, der man nicht entgehen konnte, und den Anblick des Gesindels, das sich unter dem Vorwande der Andacht hier zusammenfand. Hätte festliche Heiterkeit auf ihren Gesichtern gestanden, würde ich mich lächelnd mit ihnen ausgesöhnt haben, aber es war nichts zu finden als Eitelkeit, Blödheit, Langeweile und tierisches Gaffen. Junge Frauen mit rauschenden Kleidern und gemalten öden Gesichtern, die sich einfältig, süßlich verzogen, wenn einer sie ansah, alte Weiber, die sich zankend mit den Ellbogen weiterkämpften, vornehme Herren voll seelenlosen Dünkels, stumpfe, bleiche Arbeiter oder brutale mit stechendem Blick, Heuchelei, Häßlichkeit, Gemeinheit und Schmutz.

In einer dunklen Nische hing über einem roten Lämpchen ein Gekreuzigter, vor dem zwei schwarze, unbewegliche Gestalten Wache hielten; dorthin mußte ich immer wieder sehen und denken: Gottmensch, sie rotten sich zusammen, nicht um dich anzubeten, sondern um dich von neuem zu ermorden. Wenn du das niedrige Schauspiel der Menschengeschichte sehen kannst, mußt du bitterere Schmerzen empfinden als Todesschmerzen. Ihre schlechten Thaten, ihre schnöden Worte, ihre lieblosen Blicke schlagen dich ewig von neuem ans Kreuz, die Qual deines Martyriums wächst und die Hoffnung schwindet, daß sie, die du erlöst hast, jemals dich erlösen könnten. Hunderte und Hunderte von Jahren vorüber und immer dieselben Menschentiere.

Ich mußte an das denken was der Kapitän gesagt hatte; ja, Tiere sind es, aber Tiere ohne Unschuld und ohne Würde, und ein Thor, wer sie für etwas anderes nimmt. Ein paar Klumpen Erde aufs Geratewohl in Form gebracht, die sich bewegt, um ihre Sinne zu sättigen, wozu ein Oellämpchen im Kopfe kläglich leuchtet.

Die ganze Zeit über, während ich betrachtete, was mich umgab und meinen Abscheu und meine Verachtung hegte, hatten Priester und Chorknaben in der Tiefe der Kirche gesungen, ohne daß ich eine zusammenhängende Folge von Tönen deutlich vernommen hätte. Auf einmal erhoben sich aber die Stimmen lauter, in einer Melodie von großartiger Traurigkeit, die gleich darauf in einem breiten Akkorde abriß und ausklang; die wenigen Töne waren so überirdisch an Schmerz und Schönheit, daß sie die Welt voll Schmutz und Niedrigkeit, die sich unter ihnen wälzte, damit überschütteten und verhüllten. Ich hörte den Akkord nicht nur, sondern sah ihn wie eine Blume aus Gold sich langsam öffnend zu einer Schale entfalten, aus der sich Gnade auf die elenden Menschen ergießt. Eine andere, unsichtbare Welt hatte sich aufgethan, die ebenso lauter, süß, wahr und selig war, wie die unsere falsch, unflätig, verdorben, verzweifelt. Es gab also etwas Hohes und Schönes, etwas, das unendlich höher über mir stand, als ich über den Unglücklichen, die ich verabscheute, und dies Göttliche beugte sich mit wärmster, liebendster Seele auf uns alle herab.

Es geht einem zuweilen so, daß man eine Sache kennt und weiß, ohne sie begriffen zu haben und zu besitzen, bis plötzlich ein Licht auf sie fällt und sie so zeigt, daß wir sie uns zu eigen machen können. So verstand ich in diesem Augenblicke die Geschichte von Jesus, der sich das Herz zu der ungeheuren Erlösungsthat faßte, die Menschen zu lieben, alle Menschen, die häßlichen, gemeinen und schwachen Würmer, die unter dem Himmel im Schlamm kriechen. Wäre es auch eine Legende, daß der Menschenengel lebte, die Thatsache, daß der Glaube an ihn da war und an eine Allmacht des Herzens, daß man das schwindelnde Unterfangen, alle Menschen zu lieben, für möglich hielt, war mir eine Bürgschaft für Gott und die hohe Zukunft der Menschen. Ich hätte auf die Kniee stürzen und Thränen der Anbetung vergießen mögen und allen, die in der Kirche waren, das himmlische Geheimnis entdecken. Als ich bald nachher im Haufen herausgedrängt wurde und die Menschen in der hellen durchsichtigen Abendluft stehen und schwatzen sah, löste sich das Wonnegefühl langsam von mir ab, und es war mir, als faltete sich mein Herz, das eben blühend weit offen gestanden hatte, mit einem widrigen Gefühle wieder zu. Es klang mir in den Ohren, was vor kurzem der Kapitän von seinem Bruder gesagt hatte: Gott mag ihm verzeihen ich bin stolz, daß ich ihn hassen kann.

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