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Aus der Triumphgasse

Ricarda Huch: Aus der Triumphgasse - Kapitel 17
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleAus der Triumphgasse
publisherEugen Diederichs
printrunErstausgabe
year1902
firstpub1902
illustratorHeinrich Vogeler
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
created20180524
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Buchschmuck: Heinrich Vogeler

XVI

Es gelang mir doch leichter, als ich gedacht hatte, Riccardo zu überreden, daß er sich ins Spital führen ließe, und zwar deshalb, weil er gerade jetzt, dicht vor seinem Ende, neue Hoffnung schöpfte, nicht nur zu leben, sondern gesund zu werden, und annahm, daß das im Krankenhause schneller von statten gehen würde. Einen gewissen Anhalt seiner Hoffnung sah er darin, daß die Wunden in seinem kranken Bein sich geschlossen hatten, was seine Mutter im Gegenteil als ein schlimmes Zeichen betrachtete. In früherer Zeit pflegte er regelmäßig an das Meer zu gehen und dort an einer versteckten Stelle das Bein zu waschen und nach der im Spital empfangenen Vorschrift zu behandeln; denn nicht einmal seiner Mutter hätte er gestattet, die Wunden zu sehen, die nur dem Arzte, der ihn operiert hatte, vor Augen gekommen waren. Während des heißen Sommers hatte er sich zu kraftlos gefühlt, um in gewohnter Weise damit fortzufahren, und das war nach der Meinung der Farfalla die Ursache, warum die Wunden sich geschlossen hatten und die Krankheit nach innen getreten war. Zuweilen schien es mir doch, als wüßte er klar, daß er sterben sollte, aber sei es, daß das nur blitzartig aufzuckende Gefühle waren oder daß er es unwillkürlich zurückdrängte, er machte keine darauf bezügliche Aeußerung mehr. Als ich mit einem Wagen kam, um ihn abzuholen, packte seine Mutter einige Kleinigkeiten, die er mitnehmen sollte, in ein Bündel, und er selbst war unruhig beschäftigt, die Habseligkeiten, die er zurückließ, in guter Ordnung zusammenzulegen. Schwer wurde ihm der Abschied von seinen Tieren, besonders weil Carmelo nicht mehr da war, der sie gehegt und gepflegt hätte, und er seiner Mutter darin nicht traute. Er bemühte sich aber, augenscheinlich meinetwegen nichts davon merken zu lassen, und gab dem Papageien, der laut und grell sein Addio krähte, keine Antwort. An der Thür blickte er noch einmal zurück, und da er in einer Ecke des Zimmers seine Krücke lehnen sah, bat er seine Mutter, sie an sein Bett zu stellen, wo immer ihr Platz gewesen war. Sie willfahrte seinem Wunsche, machte es aber nicht ganz so, wie er haben wollte, denn er errötete vor Aerger und Ungeduld und sagte gereizt: »An das Kopfende, Mama, wo sie immer gestanden hat! Da will ich sie holen, wenn ich wiederkomme.« Es war ein trüber, regenschwerer Tag, Wolken, Vögel und Menschen bewegten sich schläfrig durch die feuchte Luft; langsam, wie ich es dem Kutscher anbefohlen hatte, fuhren wir unter dem Triumphbogen hindurch. Nur ein einziges rotes Blatt saß noch wie ein Blutstropfen an den schlaff herunterhängenden Ranken des wilden Weines, der daran wuchs; es sah aus, als schlügen Peitschenstränge an das Wagenfenster, indem wir vorbeikamen. »Wenn ich wiederkomme, werden sie grün sein«, sagte Riccardo und sah mit herausforderndem Lächeln seine Mutter an, die keine Erwiderung fand.

Der dem Krankenhaus, in das Riccardo gebracht wurde, vorstehende Arzt war ein sympathischer Mann; es wurden dorthin meistens nur solche Kranke gebracht, für die wenig Hoffnung mehr auf Heilung war, und ich weiß nicht, ob er jemals bedeutende Kuren gemacht hatte; aber er war höchst gutmütig und verständig, erfaßte die Menschen mit einem Blicke innen und außen und behandelte sie, ohne sich viel Rechenschaft darüber abzulegen, dementsprechend, so daß sie sich wohl und zu Hause bei ihm fühlten und die Bitterkeit des heimatlosen Sterbens weniger fühlten. Während er Riccardo flüchtig untersuchte, sichtlich bemüht, ihm überflüssige Schmerzen zu ersparen, denn er mochte gleich gesehen haben, daß hier nur noch das Ende der Auflösung zu erwarten war, plauderte er munter mit ihm, ließ sich seine Krankheitsgeschichte erzählen und zuletzt streichelte er ihm freundlich die schwarzen Locken und sagte: »Nun sollst du das letztemal in unsere Hände gefallen sein. Halte dich noch einmal so brav, mein Junge, damit du gesund wirst; dann trinken wir ein volles Glas miteinander und du kehrst mir den Rücken und siehst keinen meinesgleichen wieder!«

Als er mit mir und der Farfalla allein war, sagte er, daß er ihr keine Hoffnung machen könne. »Schade«, fügte er gutmütig hinzu, »um einen so guten Jungen mit solcher Brust und solchen Lungen!«

»Werden Sie denn nichts mehr thun, um ihm zu helfen?« fragte die Farfalla bittend, worauf er freundlich antwortete: »Das werde ich, aber Ihr müßt keine Hoffnungen daran knüpfen. Gönnen wir dem armen Jungen nach so viel Leiden seine Ruhe.«

Die Farfalla war, während alles dies vor sich ging, in einer Spannung und Aufregung, die sie zu beherrschen suchte, die ich ihr aber leicht aus den Augen ablas. Trotzdem sie den Arzt gebeten hatte, auch jetzt noch nichts unversucht zu lassen, was retten könnte, zitterte sie im Innersten davor, daß die Todesnähe vorübergehen könnte, und das nicht nur aus dem Grunde, den sie mir angegeben hatte, sondern weil sie die Last nicht mehr tragen zu können glaubte; sie wünschte seinen Tod, um frei zu sein von der täglichen Angst, ob sie die Bedürfnisse des Kranken würde erfüllen können. Es mußte sich nun entscheiden, was sie Tag für Tag und Jahr für Jahr erwartet hatte, es handelte sich um das allerwichtigste in ihrem Leben, ob Gott die Bürde, mit der sie sich beinahe ein Menschenleben lang geschleppt und gequält hatte, von ihr weg in die eigenen allmächtigen Hände nehmen würde. Sie hatte oft gesagt, wie viel leichter sie es haben würde, wenn Riccardo nicht wäre; wahrscheinlich hatte sie eine unklare Vorstellung vom Ausruhen, von dem Stillstehen eines Triebwerks, das sie rastlos marternd mit sich zog, so lange sie wußte, daß er zu Hause auf dem Bette lag und fragte: was hast du mir mitgebracht, Mama?

Sie kam zweimal täglich, ihn zu besuchen, auch die kleine Nanni und allerlei Frauen und Freunde aus der Triumphgasse kamen, nur der Bucklige erklärte der Farfalla, daß er es nicht vermöchte, Riccardo sterben zu sehen, sondern saß zu Hause an seinem leeren Bett und weinte. Es machte für Riccardo auch wenig Unterschied, ob sie kamen oder nicht, denn sein Denken und Fühlen hatte sich ausschließlich auf seine Mutter gerichtet. Im Gespräch mit andern verlor er bald den Faden und fragte, mit dem Blick eines verirrten Kindes sich umsehend: Wo ist Mama? Wann kommt Mama? Und kam sie, so that er zwar die Frage, ob sie etwas mitgebracht hätte, schenkte aber dann den Blumen und Erfrischungen, die sie vor ihn hinstellte, keine Beachtung, sondern war zufrieden, wenn sie ihn ein wenig aufrichtete und er den Kopf an ihre Schulter legen konnte.

Ich gab mir auch jetzt noch Mühe, Riccardo seine Harmonika wieder zu verschaffen, fand aber den Polizeibeamten, mit dem ich schon einmal von der Sache gesprochen hatte, nicht in günstiger Stimmung. Er erinnerte sich der Umstände nicht mehr genau, nannte meine Teilnahme Leichtgläubigkeit und Mangel und Sachkenntnis, geriet in Eifer und rief, mit der Faust auf den Tisch schlagend: »Aufhängen! Aufhängen sollte man sie allesamt! Man macht zu viel Federlesens mit diesen Leuten! Sie sind alle Trunkenbolde, Diebe, Räuber und Mörder, und die es nicht sind, sind Ausnahmen und bestätigen die Regel!« Ich that einen glücklichen Griff, indem ich, ohne seine Behauptung anzufechten, die Leute mit ihrer Dummheit und Unwissenheit entschuldigte; denn nun kam er auf die Priester zu sprechen, die an allem schuld wären, indem das Volk in der Kirche, wo es sich auf den Bänken räkelte und sinnlosen Firlefanz angaffte, sich zur Faulheit gewöhnte und durch das Beichtwesen völlig zum Sündenschlendrian erzogen würde. Da sein Zorn nun abgeleitet war, hatte er offeneren Sinn für meine Schilderung Riccardos, ja die runden Augen wurden ihm naß vor Rührung, und ich bekam Erlaubnis, die Harmonika ohne weiteres mitzunehmen.

Als ich sie Riccardo aufs Bett legte, lächelte er zwar, als ob er sich freute, schien aber keine klare Vorstellung mehr damit zu verbinden; auf meine Frage, ob er nicht spielen wollte, sah er mich groß und forschend an und sagte: morgen. Auch für Lisabellas Namen war er nicht mehr empfänglich; obwohl er hörte, was ich sagte, horchte er doch darüber hinaus, als hätte er schon angefangen Erdensprache und Erdentöne zu verlernen. Die Verwandten und Freunde hatten ihn gebeten, zu sagen, ob er sich keine Erquickung wünschte, es möchte so teuer sein, wie es wollte, und er hatte Champagner genannt, den er noch nie in seinem Leben getrunken hatte; aber als man ihm das schäumende Glas an die Lippen führte, wandte er den Kopf weg. Am letzten Tage beklagte er sich, daß es so dunkel im Saal sei, und daß, sowie er allein wäre, ein großer, schwarzer Priester an sein Bett käme und, so viel er auch mit den Händen wehrte, sich nicht verscheuchen ließe; doch war er, wie sich von selbst versteht, weder je allein, noch gab es einen Priester im Krankenhause. Er starb ohne Kampf in den Armen seiner Mutter, die ihn, wie er es liebte, halb aufgerichtet umfaßt hielt, die er aber nicht mehr wahrnehmen konnte. »Wo ist Mama?« fragte er, und wenn sie ihm sagte: »Hier bin ich, Riccardo«, blieb er einen Augenblick ruhig, um dann wieder zu fragen: »Wo ist Mama?« Kurz ehe er einen letzten tiefen Seufzer that und verschied, gingen seine brechenden Augen noch nach der Thür, durch die sie zu ihm einzutreten pflegte.

Sie war noch in derselben Aufregung, die sich ihrer, seit Riccardo im Spital war, bemächtigt hatte, und wozu sich noch eine fast unerträgliche Abspannung gesellt hatte. Ihre Augen waren trocken und fiebernd, sie äußerte kein Wort des Schmerzes, blieb überhaupt keinen Augenblick ruhig, sondern beschäftigte sich mit den Vorbereitungen des Begräbnisses. Von mir erbat sie sich ein altes Hemd, um den Toten damit zu bekleiden, einen alten Anzug aber, den ich ihr anbot, schlug sie aus; denn sagte sie, er hätte nie einen neuen gehabt, so lange er lebte, so sollte er wenigstens im Tode einen tragen. Mitten unter diesen Zurüstungen bethätigte sie sich noch fortwährend für andere; so lange Riccardo lebte, hatte sie oft den Krankenpflegerinnen beigestanden und mit ihrer Kraft und ihrem praktischen Sinne sich nützlich erwiesen; jetzt beschäftigte sie ein alter, etwa gleichzeitig mit Riccardo verstorbener Mann der keine Angehörigen zu haben schien – wenigstens bekümmerte sich niemand um ihn – und keinen Kreuzer zurückließ. Es ließ ihr keine Ruhe, daß der Alte ohne Schuhe in den Sarg gelegt werden sollte. »Soll er darum, weil er ein Bettler war und nichts auf Erden besessen hat, auch auf bloßen Füßen in den Himmel gehen?« sagte sie und veranstaltete unter den Frauen der Altstadt eine Sammlung, zu der jede einen Kreuzer beisteuerte und mit der ein Paar der für diesen Zweck üblichen Schuhe gekauft wurden.

Endlich lag Riccardo so gekleidet, wie sie es für gut fand, im Sarge, auf dem Kopfe einen Kranz von roten und weißen Rosen, aus steifem Stoff gefertigt, der fratzenhaft grell über dem hageren feierlichen Totengesichte saß. »Er sieht aus wie ein Bräutigam«, sagte sie zufrieden, während ihre Augen mich erschöpft, verschmachtet, fast entseelt ansahen.

Wie ich es Riccardo versprochen hatte, sang über seinem Sarge ein Chor von Knaben das Auferstehungslied :

Nicht wie hier in Schmerzen leb ich,
Wenn ich einst gestorben bin,

das er sich während jener unglücklichen Spazierfahrt ausgewählt hatte. In die hellen Stimmen hinein glaubte ich sein schwaches Singen von ferne tönen zu hören, und zu sehen, wie er, entzückt und hingerissen von der Musik, den Blick nach oben wendete und selbstvergessen den Kopf wiegte. Ob er jetzt vor dem großen Triumphthor des Paradieses steht, immergrüne Zweige winken sieht und denkt: ich bin zu Hause! Es hatte mich innige Rührung und auch Weh ergriffen und ich sah mich bedenklich nach der Farfalla um, ob der Eindruck nicht allzu stark für sie wäre, da sie das Lied doch auch von ihm hatte singen hören müssen; aber sie stand in völliger Abwesenheit des Geistes da, mit demselben abgespannten Gesicht, in dem nicht einmal die Augenlider zitterten. Als nun die kurze Feier vorüber war und der Sarg aufgenommen wurde, sah ich etwas Merkwürdiges: die Farfalla, die vor einem Kranz von Cypressen mit weißen und lila Astern stand, griff schnell und wie verstohlen nach einer der Blumen und pflückte sie; erst als sie sich nahe dem Ausgang der Kirche befand, schien sie sich auf etwas zu besinnen und ließ die Blume fallen; sie hatte sie vermutlich Riccardo mit nach Hause bringen wollen.

Auf dem Rückwege vom Kirchhof gingen wir schweigend nebeneinander her; ihre Erschöpfung war so groß, daß sie gewiß zusammengebrochen wäre, wenn man sie angerufen und darauf aufmerksam gemacht hätte. Vor einem kleinen Gewölbe in der Altstadt blieb sie stehen und sagte, daß sie Oel auf ein Lämpchen kaufen wollte, das von nun an beständig für Riccardo brennen sollte. Ich wunderte mich, daß eine sonst so vorurteilslose Frau diese überflüssige Ausgabe machen wollte, und riet ihr vor allen Dingen sich die Ruhe zu gönnen, die sie so nötig hätte; worauf sie sagte: »Als meine Kinder noch klein waren, hatte ich oft nur wenig Geld, wenn ich abends nach Hause kam, und pflegte zu ihnen zu sagen: seht, hier sind zehn Kreuzer, was wollt ihr, daß ich dafür kaufe, Brot oder Licht? dann riefen sie einstimmig: Licht! Licht! und ich ging und holte für zehn Kreuzer Petroleum für die Lampe. So will ich es auch jetzt machen und Licht für Riccardo, statt Brot für mich kaufen.«

Sie erzählte mit demselben anmutigen Lächeln, das alle ihre Geschichten begleitete, aber es schlotterte jetzt jämmerlich über dem grauen eingesunkenen Gesichte. Es gelang mir, ihr Brot zum Oel hinzu aufzudringen, aber ich hatte den Eindruck, daß sie nur aus körperlicher Schwäche nachgab.

Auf dem Heimwege verteilte ich alle Münzen die ich bei mir hatte, an die schmutzigen kleinen Straßenkinder, von denen einige schon schläfrig auf den Steinen hockten, während andere noch unermüdlich mit großen Augen und stolpernden Beinchen ihre Spiele spielten. Vielleicht haben sie auch kein Licht zum Ersatz für die Sonne, die nun untergeht, und ducken sich mit ihrer Brotkruste und bang klopfendem Herzen traurig in die Dunkelheit der niedrigen Kammern, dachte ich; wurde aber auch nicht böse, als einige von den kleinen Schelmen sogleich unter Jubelgeschrei mit ihren Kreuzern in das nächste Gewölbe liefen um Kandiszucker oder Johannisbrot zu kaufen.

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