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Aus der Triumphgasse

Ricarda Huch: Aus der Triumphgasse - Kapitel 15
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleAus der Triumphgasse
publisherEugen Diederichs
printrunErstausgabe
year1902
firstpub1902
illustratorHeinrich Vogeler
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
created20180524
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Buchschmuck: Heinrich Vogeler

XIV

An einem Oktobertage kam die Farfalla mit einem Brief zu mir, der, in englischer Sprache geschrieben weder ihr noch ihren Bekannten in der Altstadt verständlich war. So selten wie die Post dorthin kam, war ein Brief an sich schon ein Ereignis, das ihren Geist in muntere Bewegung gesetzt hatte, und da er aus so weiter Ferne kam, nämlich aus Amerika, war sie doppelt geneigt, zu denken, er brächte das vielbesprochene Glück, den plötzlichen Sonnenaufgang, der alle Nebel zerstreute. In einem unzugänglichen Winkel ihres Herzens saß die Hoffnung fest, daß ihr verschollener Mann noch einmal bedeutend in ihrem Leben werden müsse, vielleicht eine reuevolle Heimkehr mit Säcken voll Gold, eine Hinterlassenschaft, so etwas lag ihr im Sinne; zwar hätte sie das nie, nicht einmal sich selber zugegeben ja sie verlachte bei jeder Gelegenheit dergleichen alberne Einbildungen, dennoch wußte ich, daß sie jetzt ganz unter dem Zwange einer solchen stand und in der Erwartung zitterte, dieser Brief müßte es bringen, das Wunder kundmachen. In der That betraf er ihren Mann und enthielt die Mitteilung, daß er in dem Spital einer Stadt Nordamerikas todkrank darniederliege, ganz mittellos sei und an seine Familie die Aufforderung ergehen lasse, ihn zu unterstützen womöglich heimzuholen.

Es war der Farfalla keinerlei Enttäuschung anzumerken und im Grunde bestätigte sich auch nur, was ihre Einsicht ihr vorhergesagt hatte: so kam es im Leben, das andere kam in den Büchern. Sie selber kannte ja ihren Mann am besten, wußte, daß er nur auf Genuß ausging und durch keinen Antrieb – sei es Ordnungssinn, Sorge für andere, Ehrgeiz oder Ehrgefühl – zu einem haushälterischen Leben bewogen werden konnte; wie es gekommen war, so hatte es kommen müssen; alles andere wäre weniger ein Wunder, als ein Unding, ein Wahnsinn gewesen. Aber das hinderte nicht ein geheimes, lautloses Zusammenbrechen in ihrem Innern. Nach der vorhergegangenen Erregung stieg die Müdigkeit wieder grau und schwer in ihr auf; es war wieder etwas zu Ende in ihrem Leben häßlich, zwecklos, trostlos ausgelaufen.

Ich fragte, was sie antworten würde. »Nichts«, sagte sie; »er hat kein Mitleid mit seinen Kindern gehabt, ich habe keins mit ihm.« Ich konnte mich nicht enthalten zu sagen: »Aber wenn er die Taschen voll Gold nach Hause gekommen wäre, dann hätten Sie ihn aufgenommen?« »Ja«, antwortete sie ruhig, »für die armen Kinder; mir hätte er nicht mehr helfen können.« Und das war so; Tonnen voll Goldes hätten ihr Leben nicht wesentlich verschönern können. Alle Bedürfnisse nach erleseneren sinnlichen Genüssen hatte sie sich längst abgewöhnt, sie that alle Arbeit mit demselben Ordnungssinn und mit derselben Energie eines stolzen Willens, der das Notwendige ohne Zaudern thut und gut macht, sie aß viel oder wenig, trockenes Brot oder Leckerbissen ohne Unterschied, sie hatte sich allem angepaßt und schlief auf hartem Holz oder im Bette gleich ruhig und fest.

Unerwarteterweise erklärte die kleine Nanni, ihrem Vater eine Antwort geben zu wollen. Sie hatte den Schmerz nicht vergessen, den ihr Kinderherz erlitten hatte, als der heimlich angebetete Vater auf ihren Brief mit ihrem Bilde nicht ein Wort, nicht ein flüchtiges, hingeworfenes Wort gehabt hatte, und schrieb, ohne sich zu besinnen, mit großen steifen deutlichen Buchstaben nieder, was ihr auf der Zunge brannte. »Er wird bis in den Tod nicht vergessen, was sie ihm geschrieben hat«, sagte die Farfalla und blickte halb bewundernd auf die zierliche Frau mit dem feurigen Gesicht, das der ungewöhnliche Ernst noch kindlicher als sonst erscheinen ließ. Es wurde mir erlaubt, den Brief zu lesen: »Ich habe Dir einmal geschrieben als ich noch klein war und glaubte, Du müßtest uns lieb haben, weil Du unser Vater warest. Da hast du nicht geantwortet, obgleich ich kein Geld von Dir wollte, sondern nur ein freundliches Wort. Jetzt bin ich kein Kind mehr und nenne Dich nicht Vater. Wir kennen Dich nicht, wir haben nichts für dich, kein Geld und keine Liebe. Wir sind unserer Mutter Kinder, nicht Deine. Wenn Du arm und verlassen im Spitale stirbst, so ist es Gottes Gerechtigkeit.«

Ich las laut, während die beiden Frauen mich mit weit offenen Augen ansahen und den Eindruck in sich aufnahmen den das Schreiben machte. Nach einer Pause sagte ich: »Das ist entsetzlich für einen alten kranken Mann, der in der Fremde stirbt«, ohne in diesem Augenblick daran zu denken wie es mich früher fast hatte ärgern wollen, daß die Farfalla ihren Mann nicht ausdrücklicher haßte und verwünschte. Sie sah mich fest und kalt aus ihren hellen blauen Augen an und sagte: »Ich werde auch im Spital sterben; aber ich hätte ihm kein böses Wort geschrieben, so wenig wie ein gutes. Seine Tochter hat geschrieben, was sie fühlte, darum soll es stehen bleiben ,und er soll es hören.«

Auf Riccardo hatte die Nachricht von seinem Vater, den er nur gefürchtet und dessen Verschwinden für ihn eine Erleichterung bedeutet hatte, keinen Eindruck gemacht. Auch geschah gerade jetzt etwas, was die Mitte seines Herzens traf, was ihn umwarf wie eine Mutter der Verlust ihres einzigen Kindes, nämlich der Verlust seiner Harmonika. Als er sich eines Tages wohler fühlte, beredeten ihn ein paar Freunde, die ihn erheitern wollten mit seiner Harmonika in ein gewisses Wirtshaus zu gehen, wo eine Hochzeit gefeiert wurde, und sich mit seinem Spiel einige Kreuzer zu verdienen. In vergnügter Stimmung ging er mit, und so bekannt und beliebt wie er war, erntete er denn auch reichlich Beifall und Belohnung. Im Augenblick, als er am Arm eines Freundes glückselig das Wirtshaus verließ, trat ihm ein Polizeisoldat entgegen und fragte, ob Riccardo die Erlaubnis, öffentlich zu spielen besäße. Riccardo, dem die Möglichkeit einer Lüge oder einer Ausflucht nie in den Sinn kam, sagte nein, er besitze keine; fügte aber bescheiden hinzu, daß er das erstemal in einem Wirtshaus gespielt habe, daß er es nicht wieder thun würde, und bat, ihn zu entschuldigen. Der Polizist, der kaum hörte, was Riccardo sagte, geschweige denn Auge für den Liebreiz und die feine Offenheit seines Wesens hatte, schrieb seinen Namen und seine Wohnung auf und nahm ihm die Harmonika weg, die dem Gesetze nach nun konfisziertes Gut war. Seitdem lag Riccardo still, die Augen gegen die niedrige Decke gerichtet, auf seinem Bette, ohne zu essen und ohne zu sprechen; es war leer und unheimlich im Zimmer, als ob jemand gestorben wäre. »Sie war die Gefährtin seines traurigen Lebens«, sagte die Farfalla zu mir, »sie blieb immer bei ihm, wenn ich ihn verlassen mußte, ihr sagte er alles, was er fühlte, auch was er mir verschwieg, um mir nicht weh zu thun.«

Sofort war mir eingefallen daß ich Riccardo versprochen hatte, ihm die Erlaubnis zum öffentlichen Spiel zu erwirken Du Erbärmlicher, sagte ich zu mir, du kannst ihm Flügel wünschen und ihm Sterbelieder versprechen, aber keine Handvoll Worte sprechen, um ihm ein Stück Brot zu schaffen. Wenn er auch kein einzigesmal Gebrauch von der Erlaubnis mehr hätte machen können, so hätte er doch die Freude des erfüllten Wunsches gehabt. Wenn es ein Lächeln von Lisabellas Lippen gälte, ja dann hättest du die Leiter an die Sterne gelegt, um einen Schmuck für ihr Haupt herunterzuholen; aber wo du einen Tropfen Glücks in dies arme, bescheidene, liebende Herz unter den Strom seiner Thränen hättest mischen können, da warst du vergeßlich.

Jetzt gab ich mir wirklich Mühe, zu erreichen, daß Riccardo seine Harmonika zurückgegeben würde; aber ob ich nicht die richtigen Mittel anwandte oder ob es wirklich so schwierig war, ich drang mit meinem Begehren nicht durch. Ein Polizeibeamter mit vorspringenden gutmütigen Augen und dunkelrotem Gesicht bewies mir polternd und auf den Tisch schlagend, daß alle Leute in der Altstadt Gesindel seien und daß man mit größter Strenge gegen sie verfahren müßte. Ob es mir gefallen würde, wenn vor jedem Hause Blinde mit Orgeln, Lahme mit Harmonikas, Taubstumme mit dem Dudelsack ständen. Sowieso klagte das Publikum beständig über die verfluchten Leierkasten. Wenn man nicht streng auf Ordnung hielte, würden die Hausbewohner, um nicht rasend zu werden, den Bettlern einen Tribut zahlen müssen, damit sie zuweilen eine Pause machten.

Ich bat, in diesem Falle Gnade für Recht ergehen zu lassen und die Harmonika zurückzugeben, da es sich um einen Todkranken handelte und ich mich außerdem verbürgen wollte, daß er ohne Erlaubnis nie mehr öffentlich spielen würde. Der Polizeibeamte murrte, daß eine Harmonika für Todkranke keinen Wert hätte und daß jedenfalls Riccardo selbst kommen müsse; worauf mir nichts übrig blieb, als mich zu bescheiden und unverrichteter Sache fortzugehen.

Wer die Naturgesetze des Schicksals kennte! Einige Seelen scheinen wie Magnete das Unglück an sich zu ziehen andere das Glück; zuweilen scheint das Uebermaß des Glückes das Unglück herbeizurufen zuweilen scheinen Glück und Unglück sich zu sondern, und wenn einmal ein Regentropfen gefallen ist, so folgen mehr, Wolken sammeln sich und Tag um Tag stürzt sich die trübe Nässe auf die Erde. Es war jetzt so im Hause der Farfalla; denn nun kam auch noch eine blinde That Carmelos, eigentlich mehr Zufall als That zu nennen, und nahm das Gefühl des Unbescholtenseins, das bisher der kahlen Armut einen Wert gegeben hatte, daraus weg.

Es soll häufig vorkommen daß Mörder durch eine verhängnisvolle Anziehungskraft immer wieder zu der Stelle hingezogen werden, wo sie Blut vergossen haben, und das mag auch der letzte Grund gewesen sein, warum Torquato wieder in unserer Stadt erschien, von niemandem im Tageslichte gesehen und erst erkannt, als er leblos, schrecklich zugerichtet, im Straßenstaube gefunden wurde. Er hatte, sowie er angekommen war, seine Schwester Galanta aufgesucht, die ihn aus Angst, er könnte gesehen und dem Gericht ausgeliefert werden, heftig von sich wies und den entstellt und verkommen aussehenden heimatlosen Mann dadurch aufs äußerste reizte. Daß er ihren Zustand sah, gab ihm den Vorwand, ihre Vorwürfe mit Vorwürfen zu erwidern, wie sich von selbst versteht, nicht aus empörtem Sittlichkeitsgefühl, sondern weil er darin die Ursache ihrer Feindseligkeit gegen ihn sah. Als er nach dem Vater des Kindes fragte, nannte sie Carmelo unbedenklich, der ihr zu gleichgültig war, als daß sie zur Angst um ihn geneigt hätte, und weil sie nicht klar sah, daß Eifersucht, allgemeine Zerrüttung und Verzweiflung ihn in eine Verfassung versetzt hatten wo er ein Opfer suchte. Er lauerte Carmelo auf, überhäufte ihn mit Beschimpfungen stieß Drohungen gegen ihn wie gegen Galanta aus, bis Carmelo, den wütend zu machen es in letzter Zeit weniger als das bedurft hätte, sich auf ihn warf und nach wildem Ringen ihn tötete. Wie besinnungslos und seiner selbst nicht mächtig auch Carmelo gewesen war, ging daraus hervor, daß er, ein durchaus friedfertiger und gutartiger Mensch von Natur, nachdem er seinen Gegner im Handgemenge auf die Erde geworfen hatte, dessen Kopf mit der jähen Kraft eines Rasenden auf das Pflaster schlug und noch an dem Toten seine zerstörende Wut ausließ. Wie wenn er ein Werwolf wäre, hatte er sich plötzlich in ein reißendes Tier verwandelt und gehorchte einer fremden Natur; denn mit einem Male trat eine solche Erschöpfung ein, daß er kaum bis nach Hause gehen konnte und dort augenblicklich einschlief, beim Erwachen aber sich des Vorgefallenen kaum erinnerte.

Sein langes, totenähnliches Schlafen und seine blutige Kleidung hatten die Farfalla, noch ehe er wach wurde, auf etwas Außergewöhnliches, Schreckliches vorbereitet, und sowie Carmelo ihr alles gesagt hatte, sann sie auf Mittel, die Folgen des Unglücks abzuwenden, seine Thäterschaft zu verbergen; aber er im Gegenteil war ungeduldig, sich anzuzeigen und ließ sich nicht abhalten, es zu thun. Dazu trieb ihn weniger Reuegefühl, als das Bewußtsein der Unfähigkeit, sich gegenüber dem Gerede, das in der Altstadt entstehen mußte, zu verstellen hauptsächlich aber das Bedürfnis, alles von sich abzuwälzen, auszuruhen nach der fruchtlosen Quälerei der letzten Monate, andere etwas mit sich machen zu lassen, da er selbst mit sich fertig war, keinen Ausweg aus seiner Verirrung und keinen Weg in ein neues Leben hinein wußte.

In den ersten Tagen weinte er viel, mit dicken reichlich fließenden Thränen wie ein Kind, nicht Galantas und noch weniger des Mordes wegen, sondern weil er seine Mutter während so langer Zeit in ihrer Not allein gelassen hatte. Er hatte wieder sein breites, aufrichtiges Gesicht mit den Glücksaugen, die jetzt ratlos umherblickten, wie um eine Erklärung zu suchen, warum diese langen, wüsten, schweren Monate hatten sein müssen. Uebrigens empfand er die Haft wie eine Wohlthat; er war wie einer, den ein Fluch wider seinen Willen rastlos umgetrieben und den plötzlich eine mächtige Hand gefaßt und stillstehen gemacht hat. Abgesehen von einer furchtsamen Verwunderung über die Mordwut, die ihn übermannt hatte, fühlte er keine Reue, noch machte ihm jemand anders, was er gethan hatte, zum Vorwurf. Einzig der Umstand, daß Torquato der Bruder des Jurewitsch war, für dessen Seele zu beten er jeden Sonntag die Gemeinde aufforderte, beunruhigte ihn, aber doch nur wenig. Die Farfalla bekam Erlaubnis, ihn täglich zu besuchen, und ihre Bemühungen, ihn durch tröstlich unbefangenes Geschwätz zu erheitern und in einer zufriedeneren Stimmung zu befestigen, hatten bald Erfolg.

Sie sah jetzt ruhiger und lebendiger aus als im Hochsommer, was ich weniger dem Nachlassen der Hitze zuschrieb, als den vergrößerten Ansprüchen, die von ihren Kindern an ihr Herz und ihre Thatkraft gestellt worden. Fast den ganzen Tag war sie in Bewegung, von einem zum andern eilend und ihre Redegabe erschöpfend, um maßgebende Persönlichkeiten für Carmelo günstig zu stimmen. Dabei war ihr Gang am Abend spät so elastisch wie am Morgen, und man mußte lange und aufmerksam in ihren Augen suchen, um die Müdigkeit zu sehen, die auf den tiefsten Grund zurückgedrängt war.

Eines Nachmittags traf ich sie vor der Kirche, wo ich mich auf die niedrige Mauer, die den Domplatz an einer Stelle einfriedigt, gesetzt hatte, um die Aussicht auf das Meer zu genießen. Indem wir miteinander plauderten, trat das Kirchenweib aus dem Heidenmünster, faßte die Farfalla ins Auge, ging gerade auf sie zu und fragte sie, ohne sich durch meine Gegenwart stören zu lassen, ob sie nach dem Unglück, was Carmelo angerichtet habe, an seiner Statt beichten solle; sie würde es aus Freund- und Nachbarschaft um die Hälfte des üblichen Preises thun. Die Farfalla lachte belustigt und sagte, da Carmelo längst alles eingestanden hätte, sei das überflüssig; worauf die Alte unbeirrt, mit ruhiger Ueberlegenheit, entgegnete, das Geständnis habe mit der Kirchenbeichte nichts zu thun, die Richter seien keine Priester, und nur die Priester könnten Sünden vergeben. »Ich glaube nicht«, sagte die Farfalla, »daß er dir anvertrauen wird, was auf seinem Gewissen ist; denn du weißt, er kann weder die jungen noch die alten Weiber leiden«

»Braucht er es denn zu wissen?« sagte die Alte; »ich beichte nach der Ordnung, nicht zu viel und nicht zu wenig, und werde schon dafür sorgen, daß ich die Absolution für ihn bekomme.«

Ich fragte, ob denn Priester eine Beichte annähmen, die man durch jemand anders ablegen ließe.

»Brauchen sie es denn zu wissen?« sagte das Kirchenweib und sah mich streng und mißbilligend an. »Ich mache die Beichte und bekomme die Absolution, das ist die Hauptsache.« Durch diese Erklärung war mir die Sache eher dunkler als klarer geworden; um so mehr wunderte ich mich, daß die Farfalla augenscheinlich weicher wurde.

Sie sagte ärgerlich, aber doch, als wollte sie sich damit rechtfertigen: »Ich halte nichts vom Kirchengehen. Wollte ich so viel auf den Knieen liegen und beten, wie die sogenannten Frommen thun, so weiß ich nicht, wie ich meinen Pflichten nachkommen könnte.«

»Darum bete ich«, sagte das Kirchenweib, »damit die andern ihren Pflichten nachkommen können.«

Mehr zu mir als zu der Alten gewendet, sagte die Farfalla: »Ich glaube nicht an den Papst, noch an Christus, noch an die meisten Heiligen, aber an den alten Gott glaube ich, obgleich er nicht gerecht gegen mich gewesen ist; wenn ich wüßte, daß er mich hörte, möchte ich eine Nacht durch beten damit er Carmelo seine Sünde nicht anrechnet.«

»Ueberlaß das mir«, sagte das Kirchenweib mit nachdrücklichem Ernst. »Wenn du es lieber willst, werde ich die Heiligen stehen lassen und es mit dem alten Gott allein ausmachen.«

Die Farfalla zog Geld aus der Tasche und der Handel wurde abgeschlossen »Soll ich auch ein Gebet für Riccardo sprechen?« fragte das Kirchenweib, indem sie die erhaltenen Münzen in ein schmutziges Säckchen schob. »Warum?« lachte die Farfalla; »Riccardo hat Zeit genug zum Beten und außerdem, so lange er auf der Welt ist, keinem Menschen oder Tiere je etwas zu leide gethan.«

»Das weiß ich«, sagte die andere, »ich dachte nur, weil er krank ist, könnten wir mit den Sterbegebeten anfangen. Wenn du aber willst, daß wir noch damit warten, so warten wir.«

Die Farfalla schien in diesen Worten nichts Verletzendes zu sehen, vielmehr schloß sie sich der Alten an, da sie denselben Weg miteinander hatten.

Die Sonne war inzwischen tiefer hinabgesunken und über das Meer glitten leise, wollüstige Schauder unter der Strahlenberührung, die sich breit darauf ergoß. Natur und Menschen, alles schien still nur damit beschäftigt, die letzten langen Wellen dieses schönen Tages in sich einzuatmen Aus dem offenen Portal des Domes traten von Zeit zu Zeit Menschen, die einen Augenblick stehen blieben, sich umschauten und dann langsam weitergingen; unter ihnen war der Jurewitsch, der aber mit gesenktem Haupte sogleich auf die Mauer zuschritt, wo ich saß. Ich erinnerte mich des langen Gespräches, das ich früher mit ihm gehabt, und des Eindruckes, den es auf mich gemacht hatte, und dachte voll Teilnahme an den Schmerz, den der häßliche Tod seines Bruders ihm bereitet haben mußte. Sein schönes Gesicht sah abgespannt und kummervoll aus; er blickte, in Gedanken verloren, ohne mich oder überhaupt irgend etwas wahrzunehmen, über das Meer hinaus. Bedenkend, daß ihm damals mein Anteil willkommen gewesen war, trat ich auf ihn zu und redete ihn an, der mich denn auch sofort wiedererkannte und meinen Gruß freundlich erwiderte.

Ich sagte, ich hätte in den letzten Tagen oft an ihn gedacht und hoffte, daß der Tod die ärgste Qual gelöst habe und daß er über den Hingang seines unseligen Bruders versöhnt und in Frieden sei. »Nein«, sagte er, »Frieden habe ich nicht und werde ich nie haben, denn jetzt ist alles aus und keine Hoffnung mehr. Er ist verloren, seine Seele ist jenseits der Grenzen, wo unsere Gebete wirken, in den bodenlosen Abgrund gestürzt, um durch alle Ewigkeit zu sinken.« Er hatte seinen Bruder am Tage vor dem Ende an einer einsamen Stelle des Meeres gesehen, wohin jener ihn bestellt hatte, um Geld von ihm zu erpressen. Er zeigte mir den weißen Kiesstreifen hart am Wasser, wo sie zusammen eine Stunde gegangen waren, nachdem die Sonne untergegangen war, er, den Bruder beschwörend, sich zu Gott zu bekehren, in ein Kloster einzutreten oder sich wenigstens einem anderen Geistlichen anzuvertrauen und dessen Befehl zu folgen, in welchem Falle er ihm alle seine Liebe, Fürsorge und Unterstützung versprach. Als sie unversehens an jene Stelle kamen, wo sie als Kinder zusammen gesessen waren, und Torquato, wenig über ein Jahr alt, zum erstenmal gelacht hatte, fiel es dem Jurewitsch heiß aufs Herz, wie anders es jetzt war als damals, und er sagte, fassungslos seiner Trauer hingegeben: »Wären wir doch damals im Meere ertrunken, beide Kinder, glücklich und unschuldig.« Diese Worte mochten eine dunkle Erinnerung in Torquato wecken, ein Anklingen aus der mystischen Traumwelt unbewußter Kindheit; denn es geschah das Unerhörte, daß er in wildes, zorniges Weinen ausbrach. »Es waren wohl keine guten Thränen«, sagte der Pfarrer, »denn er warf sich dabei auf die Erde, knirschte mit den Zähnen und schlug mit den Armen um sich, wie von einem fürchterlichen Krampfe befallen; aber Thränen waren es doch, die ein großer Schmerz losgelöst haben mußte und die mir ein Gefühl gaben als hätten sie etwas gebrochen und umgeworfen, was zwischen seinem Herzen und Gott gesessen hatte, und als könnte nun noch alles gut werden. Ich warf mich neben ihn in den Sand, umfaßte seine Schulter und rief schluchzend vor Erregung: Torquato! sei mein Bruder! laß uns beten! höre mich! laß uns beten! Einen kurzen Augenblick schien es, als ob er auf etwas horchte oder sich auf etwas besänne, was ihm wohlthäte; aber plötzlich richtete er sich halb auf, stieß mich mit beiden Armen heftig von sich und stammelte: ›Pfaff!‹ So voll Haß und Abscheu, daß ich einen körperlichen Schmerz davon fühlte und unfähig war, ihn zurückzuhalten, als er von mir fortging.« Nach dieser Begegnung hatte der Jurewitsch den schrecklichen bejammernswerten Menschen nicht wiedergesehen.

Ich wünschte durchaus etwas Tröstendes für ihn zu finden und sagte: »Wer will sich vermessen über Schuld und Unschuld einer Seele zu entscheiden? Wer weiß, welche unsichtbare Geißel Torquatos Willen zum Verbrechen gepeitscht hat? Was die heilige Schrift von der Besessenheit durch böse Geister erzählt, ist vielleicht nicht ganz ein Märchen«

Er sah mich aus seinen feuchten liebreizenden Augen groß an und sagte: »Es ist kein Märchen. Gott weiß, wie ich gerungen habe, um den Dämon auszutreiben; ich habe versucht, meinen Willen anzuschwellen, bis ich ohnmächtig wurde, meine ganze Kraft habe ich in Gebeten erschöpft, die wirkungslos wie Seufzer verhallt sind. Entweder das Böse hatte sich allzu fest in seine Seele eingekrallt, oder mir mangelte die Kraft, es zu vernichten.«

Ich betrachtete die liebliche, aber schwache Seitenlinie seines Gesichtes. Das war in der That nicht der Kopf eines reckenhaften Gotteshelden, vor dem das Böse sich scheu verkriecht und der das Widerstrebende zermalmt; in seinen Augen konnte wohl auf Augenblicke das Feuer einer leidenschaftlichen Seele aufglühen, aber es war nur der Widerschein eines verlorenen Gestirnes, das nicht im Mittelpunkte seines Wesens stand und ihn von dort aus mit wirksamen Strahlen bis in die Fingerspitzen erfüllt hätte.

Ich suchte ihn zu überzeugen, daß Gott den Willen das Gute zu thun, den er gehabt hätte, dem Gethanen gleich achte; aber er schüttelte traurig den Kopf. »Nein«, sagte er, »das bloße Wollen genügt nicht vor Gott; denn ich hätte nur mehr und standhafter wollen sollen, dann hätte ich auch das Vermögen gehabt. Als er und Galanta noch klein waren, hätte ich anfangen müssen, dem Bösen in ihnen mit Härte entgegenzutreten, unterließ es aber, weil ich fürchtete, sie würden mich weniger lieb haben, wenn ich strenger wäre. Allmählich sah ich dann, daß sie sich ohnehin von mir abwendeten, aber trotzdem faßte ich mir nicht das Herz, sie anzugreifen ohne Nachsicht. Ich habe wie der Königssohn gehandelt, der die Prinzessin nicht erlöste, weil er den Mut nicht hatte, ihr weh zu thun und sie in den Brunnen zu werfen Ich sah sie wie wahnsinnige Selbstmörder dem Abgrunde zueilen und suchte sie mit sanften Worten zurückzuhalten, anstatt daß ich mich in ihren Weg warf, mit ihnen rang und sie rettete oder mit ihnen stürzte. Nun ist einer verloren und von mir wird Gott seine Seele fordern.«

Fast ungeduldig bat ich ihn, sich nicht mit solchen Selbstquälereien zu schaden, zu denken, daß Gott der Herr der Gnade sei und auch den verhärtetsten Sünder nicht in Ewigkeit verdammen würde. Aber es war unmöglich, ihn aus seinem Vorstellungskreise herauszubringen »Es giebt eine Sünde, die nie verziehen wird«, sagte er; »jeder kann wählen zwischen Licht und Finsternis, zwischen Himmel und Hölle, und solange noch ein Funken Licht in einem ist, ist noch Hoffnung. Wer aber frevelmütig das Licht selbst auslöscht, gehört der Finsternis an, und nicht einmal Gott könnte ihn mehr aus dem Abgrund reißen; denn er ist nichts mehr, er ist ein Teil des Nichts, des ewig in die Unendlichkeit Sinkenden.« Wie er mich bei diesen Worten selbst erschrocken ansah, überlief auch mich ein Grauen, etwa wie wenn ich in weiter Ferne den ersten silbernen Posaunenton gehört hätte, der die Toten vor das jüngste Gericht ruft. Vielleicht war das, was er sagte, Wahrheit; Wahl ist vielleicht die Unsterblichkeit, und immerwährend ringen vielleicht im Geisterreiche Lichtmassen gegen das Leben, während das Erloschene hinabsinkt, schwer und bewußtlos, hinunter ohne Wiederkehr, tot.

Es hatten sich unterdessen allerhand Frauen angesammelt, ältere und jüngere, die ihren Pfarrer ehrfurchtsvoll und neugierig betrachteten und von denen eine ein Anliegen an ihn zu haben schien. Kaum hatte er sie erblickt, so nahm sein Gesicht den liebenswürdigen Ausdruck an, und es war sogar Koketterie in dem Lächeln, mit dem er den Gruß der Weiber erwiderte. Nachdem er sich kurz von mir verabschiedet hatte, ging er mit leichten Schritten auf die Frau, die sich ihm schüchtern näherte, zu, wie ein König, der weiß, daß seine Berührung die Gebrechen des Pöbels heilt und seinen Segen gleich Münzen, die ihn nichts kosten, mitleidslos, aber voll Anmut, unter die Bettler wirft; ich hörte seine schmeichelnde Stimme in sanften Wellenbewegungen auf- und niedergehen.

Ich wendete mich nach der anderen Seite gegen das Meer, das jetzt im Dunkeln lag, und dachte über das nach, was der Jurewitsch gesagt hatte. Indem ich mich bemühte, mir Torquato vorzustellen, den ich ein einzigesmal flüchtig gesehen hatte, kam anstatt dessen plötzlich, ohne daß ich es gerufen hatte, Lisabellas Gesicht vor mich, lächelnd, wonnig und makellos. Ich sah mit Deutlichkeit ihre hellen Augen im schwarzen Saum der Wimpern nicht blau, nicht grün, nicht grau, etwa wie durchsichtiges Regenwasser in gefärbtem Glase; ein Vergleich, den ich häßlich, dumm und geschmacklos fand und doch nicht loswerden konnte. Sie blieben vor mir und ich mußte in sie hineinsehen und fragen: bist du eine Seele, die dem Tode geweiht ist? bist du eine Seele, die sich vom Geiste Gottes losreißt, um ohne Spur, eine Lüge des Augenblickes, in toter Finsternis zu erlöschen? Und es war mir, als sähe ich sie selbst, ihren rosigen Leib in das Nichts hinunterstürzen und stände am Rande des Abgrundes, die Hände ringend, und könnte nicht nach, Grausen im Herzen und übermenschliches Mitleid.

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