Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ricarda Huch >

Aus der Triumphgasse

Ricarda Huch: Aus der Triumphgasse - Kapitel 14
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleAus der Triumphgasse
publisherEugen Diederichs
printrunErstausgabe
year1902
firstpub1902
illustratorHeinrich Vogeler
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
created20180524
Schließen

Navigation:
Buchschmuck: Heinrich Vogeler

XIII

Die Herren des Festes erreichten ihren Zweck insofern, als die Wahl in ihrem Sinne ausfiel, denn die Leute, die sich die Leutseligkeit der Herren gefallen lassen und ihren Wein getrunken hatten, wenn auch mit der Brust voll Groll und Erbitterung, glaubten ihnen nun nicht entgegenhandeln zu dürfen. Der Haß war weit größer als vorher, weil das Bewußtsein dazu kam, daß sie erbärmlicher als Hunde, auf ein Pfeifen und hingeworfene Knochen herbeigekrochen waren und sich geduckt hatten; aber er glimmte unterirdisch verstohlen weiter und trat höchstens in Selbstmorden zu Tage oder in Messerstichen, mit denen sie sich untereinander überfielen. So wurde jener Wucherer ermordet, der der Blutsauger der Altstadt gewesen war, und als Mörder wurde eben jener einfältige junge Mensch verurteilt, den ich an Riccardos Lager im Hausflur gesehen hatte. Unter seinen Bekannten war es ausgemachte Sache, daß nicht er der Thäter war, sondern ein Freund von ihm, der Frau und Kinder hatte und in den Schlingen des Wucherers erstickt wäre, wenn er sich nicht in der Verzweiflung gewaltsam befreit hätte. Der arme Schwachkopf, auf dem zufällig starker Verdacht haftete, hatte sich nicht ausreden können und, da es nun so gekommen war, auch nicht wollen; denn da er allein stand, sein Freund aber für Frau und Kind zu sorgen hatte, fand er es natürlich, daß er die Strafe an seiner Stelle übernahm. Ueberhaupt fiel mir auf, wie beiläufig der Mord und die Verurteilung und das freiwillige Opfer des Unschuldigen angesehen und besprochen worden, ja der Mord wurde eigentlich als eine löbliche That aufgefaßt. Auch die Geschworenen hätten den Angeklagten gern freigesprochen, den man als harmlos und gutartig gleich erkannte, während der Ermordete ein hämischer, lasterhafter alter Mensch war, von niemandem geliebt und von vielen gehaßt, und sie verurteilten ihn, da das nicht wohl möglich war, unter Annahme aller erdenklichen Milderungsumstände zu wenigen Jahren Zwangsarbeit.

Riccardo war wieder kraftlos und dazu niedergeschlagen und reizbar. Er konnte fast nichts mehr zu sich nehmen, behauptete aber, daß seine Mutter daran schuld sei, weil sie ihm die Gerichte unschmackhaft zubereite. Täglich hatte er neue Gelüste, und sie machte es immer möglich, ihm zu bringen, was er haben wollte, obgleich er es kaum mit den Lippen berührte und dann beiseite schob. Dabei erging er sich in kindischen Klagen, daß sie ihm absichtlich nichts Gutes kochte, damit er verhungerte und sie seiner ledig sei. »Das möchte ich freilich«, sagte sie, »denn du wirst mich ganz aufzehren, bis auf das Seegras in deiner Matratze wirst du mich aufzehren.« »Aber dann werde ich sterben und du brauchst es nicht mehr«, antwortete er. Andere Streitpunkte waren, daß er keine Flicken auf seinen Anzügen dulden wollte, die aber doch nicht zerrissen sein durften, und daß er immer die neuen Strümpfe tragen wollte, anstatt vorher die alten aufzutragen. »Die alten Strümpfe sind so gestopft und geflickt«, sagte er, »daß ich auf Kartoffelschalen zu gehen glaube.«

»Die Wallfahrer zum heiligen Berg gehen sogar auf Erbsen«, entgegnete die Farfalla. »So laß die alten Strümpfe liegen, bis ich wallfahrten gehe«, erwiderte er, und sie: »Wenn du stets die neuen trägst, wirst du bald nur noch alte haben.« »Bis die neuen alt sind, werde ich keine mehr gebrauchen«, sagte er immer noch im Tone des trotzigen Kindes, so daß man dazu lachen konnte, wenn man auch sah, daß er recht hatte.

Es bemächtigte sich meiner eine Unruhe und ein großer Schmerz, nicht weil ich ihn lieb gewonnen hatte und er sterben mußte, sondern weil er sterben mußte, ohne jemals glücklich gewesen zu sein. Ich brachte ihm wohl allerlei, was ihn freute, Süßigkeiten, Zigaretten, Blumen, Bücher und Bilder, aber wie hell auch sein Gesicht mir dankte, ich sah doch, daß es zu spät kam, daß es überhaupt nicht das Rechte war, daß er immer das arme kranke Kind blieb, das nie in der Sonne geblüht hatte. Einmal fiel es mir ein, mit ihm spazieren zu fahren, und ich zürnte mir selber, daß ich nicht früher daran gedacht hatte: da konnte sich sein Herz ganz anfüllen mit glänzenden Bildern von Gärten, Palästen, Meer und Schiffen, wie mit Spielzeug, das er in der Einsamkeit um sich her aufbauen könnte. Ich war gerade damals von einem Freunde gebeten worden, unser berühmtes Kinderspital am Meere zu besichtigen und ihm die Einrichtung desselben zu beschreiben, wozu mir auch die Erlaubnis bereits erteilt worden war. Da nun Riccardo als kleines Kind mehrere Sommer dort zugebracht und mir oft wie von einem Paradiese davon erzählt hatte, und da die Fahrt am Meere entlang gerade für ihn überaus anziehend sein mußte, schlug ich ihm vor, mich zu begleiten Ich hatte die Genugthuung, daß er sich freute, so sehr, daß ich selbst davon überrascht war und beinahe erschrak; er freute sich in einer Neigung seines Herzens zur Freude, in einem unwillkürlichen Wahne, einer Einbildung, es müßte ihm dort ein dunkles Heimweh gestillt werden, wo er einmal zu Hause war, und weder er noch ich dachten daran, daß er nicht als ein Genesener kam, der mit schwellendem Hochgefühl die Stätte früherer Leiden, nun überwundener, aufsucht, sondern als ein Sterbender, der endlich eingesehen hat und weiß, daß alle Hoffnung vergeblich war, daß er schon damals, ein kleines, unwissendes, hilfloses Kind, zum Martertode verdammt war.

Ein ungeschickter Zufall wollte, daß wir gleich im Beginn unserer Fahrt einem Leichenwagen mit zahllosem Gefolge begegneten, den wir, da wir wegen der zudrängenden Menschenmenge nicht weiterfahren konnten, an uns vorüberziehen lassen mußten. Begraben wurde ein alter, steinreicher Mann, der die Stadt und allerlei fromme Stiftungen mit erheblichen Legaten bedacht hatte und deshalb mit großem Gepränge zu Grabe getragen wurde. Voran gingen Priester aus sämtlichen Pfarrgemeinden in violetten und gelben Gewändern mit Spitzenumhängen einige pomphaft und würdig, die meisten mit stieren verschlossenen Gesichtern und schlürfendem Altweibergange. Von den Köpfen der sechs Pferde, die den Leichenwagen zogen, nickten hohe schwarze Federn und schwarzgekleidete Knaben trugen auf Sammetkissen die Orden des Toten. Dann kamen Wagen voll Blumen, zitternde Haufen von weißem und lila Flieder, weißen Rosen und Kamelien, Hyazinthen und Tuberosen, Ströme von Duft aushauchend, bestimmt, über dem Gebein eines alten Lebemannes zu vermodern, der nach langem Schwelgen an üppiger Tafel voll und schläfrig sich zu Bette gelegt hatte. Riccardo betrachtete die Komödie mit unbefangener Bewunderung, und ich hätte sie mit einem Lächeln abgethan, wenn nicht plötzlich die Musik eingesetzt hätte; auf einen dumpfen traurig feierlichen Marsch folgte eine süße Melodie, gleichsam die Wonne des Lebens, die klagend, sehnsüchtig, schmeichelnd und sich selber beweinend dem Toten nachschwebte, dessen Sinne sie nicht mehr an sich reißen konnten.

Meine Stimmung veränderte sich mit einem Schlage, ich vergaß, wer dieser Tote hier gewesen war, und fühlte nur die große Klage des Lebens um seine Schönheit und seine Vergänglichkeit und seine Blindheit. Warum, wenn ich schön bin, muß ich vergehen und wenn ich schrecklich bin, warum bin ich? Ich blieb eine lange Weile in Gedanken verloren und als ich mich wieder nach Riccardo umsah, bemerkte ich sofort, daß auch seine Stimmung gewechselt hatte; er starrte mit leerem Blick auf die langsam vorbeischreitenden schwarzen Menschen und sagte, als ich meine Hand auf seine Schulter legte: »Wissen Sie, wie es sein wird, wenn ich begraben werde? Ich werde in einen geschlossenen Wagen geschoben mit anderen zusammen, denn ich sterbe im Spital, und ein paar häßliche, alte Pferde werden schnell durch Seitengassen mit mir zum Kirchhof laufen, so daß meine Mutter kaum mitkommen kann.«

Ich unterdrückte das Jammergefühl, das in mir heraufkroch, und sagte: »Riccardo, wenn du einmal tot bist, werden alle unsere Veranstaltungen wie das Gewimmel in einem Ameisenhaufen für dich sein; aber doch verspreche ich dir«, dies setzte ich lächelnd hinzu, »wenn du vor mir sterben solltest, daß wir dich anständig und reichlich begraben wollen mit einer schöneren Musik als diese, die du dir jetzt selbst aussuchen sollst.«

Damit hatte ich wirklich das düstere Bild verscheucht; er lachte vergnügt wie ein Kind und summte mir den Gesang vor, den er an seinem Grabe gesungen haben wollte, der so lautete:

Nicht wie hier in Schmerzen leb ich,
Wenn ich einst gestorben bin;
Unter hohen Geistern schweb ich
Durch den Glanz des Himmels hin.
Leichter als die Lerche flieg ich,
Frei vom engen Erdenkleid,
Wie im Arm der Mutter lieg ich
Eingehüllt in Seligkeit.

Er legte dabei den Kopf zurück und wiegte ihn in entzückter Bewegung leise hin und her, über die bittere Traurigkeit des vorigen Augenblickes weit hinweggehoben. Vollends als wir in die Nähe des Meeres kamen, lockte Sonnenwärme und Freude die Erinnerungen alles Lieblichen, was er erlebt hatte, wie Blumen ans Licht. Er erzählte mir, wie einmal, als er ganz klein war, eine reiche Dame seiner Mutter erlaubt hatte, ihre Kinder einen Tag lang in ihrem Park spielen zu lassen, und wie er dort einen Hügel ganz blau von Veilchen gesehen hatte und ein Beet, groß wie ein Garten voll gelber und roter Tulpen, die sich wie wehende Flammen vor dem Winde geneigt hatten. Dann erzählte er, wie er im Meerspital bei der alljährlichen Gründungsfeier ein Gedicht aufgesagt und allerlei Fragen beantwortet hatte und von allen Seiten gelobt worden war; und wie einmal, als er allein wegen seiner kranken Beine auf einem Bänkchen saß, während die anderen Kinder spielten, eine wunderschöne Frau kam, ihn aufforderte, zu sagen, was er am liebsten haben möchte, und ihm auf seinen Wunsch ein Schiffchen schenkte, gemacht wie ein großes, und inwendig angefüllt mit Leckerbissen. Ferner erzählte er von dem kleinen Guido, den seine Mutter in der Kost gehabt hatte, wie bitterlich er weinte, wenn Riccardo die Augen zumachte und spielte gestorben zu sein, und wie er kleine Trompetentöne des Jubels ausstieß, wenn Riccardo wieder lebendig wurde und ihn beim Kopfe nahm und küßte.

Inzwischen hatten wir uns dem Spital genähert und ich machte Riccardo auf das stattliche Gebäude aufmerksam, erwartungsvoll, ob er es wiedererkennen und was er äußern würde. Da geschah etwas Ueberraschendes: im ersten Augenblick schien er erfreut und richtete die Augen groß, forschend auf das Haus und den Garten. Dann ging etwas in ihm vor: sein Gesicht, das sich in der Erregung vorhin gerötet hatte, verlor die Farbe, und ein Ausdruck von Angst, ja von Schauder kam und wuchs, bis er plötzlich, gerade als der Wagen hielt, in Thränen ausbrach. Weinend klammerte er sich an mich und schluchzte heftig: fort! fort! fort! so daß ich, erschrocken dem Kutscher winkte zu wenden und zurückzufahren. Es ging mir schon eine Ahnung auf von dem, was er durchmachte, und ich suchte ihn zu beruhigen, ohne daß ich fragte; doch sagte er von selbst erklärend unter seinen Thränen: »ich habe so viel dort gelitten, so viel gelitten«, und es brauchte weiter nichts, damit ich alles verstände. Aus dem großen steinernen Hause waren seine Kinderjahre ihm entgegengekommen, graue, leidende Gespenster, hatten ihn angesehen und gefragt: kennst du uns nicht mehr? hast du uns vergessen mit unserem Schmerz und unserer Entsagung und Entbehrung? Wir haben auf dich gewartet, um dich noch einmal zu grüßen, ehe du auf immer fortgehst. Wir saßen um dich her auf der großen grünen Wiese, wir saßen nachts neben deinem Bette, wir haben alle deine Thränen in unseren tiefen Augen begraben.

Er hatte nun seinen Traum verloren, daß er einmal in dem Garten am Meere glücklich war; vertrieben war er aus dem Paradiese der Erinnerung und stand frierend in der Einöde. Die Erde, die er so lieb hatte, war immer grausam gegen ihn gewesen – ja, das war es, warum er so bitterlich weinte, daß er nicht geliebt wurde von dem unbegreiflichen Wesen, aus dessen Hand die Welten und Schicksale rollen, daß er sich niemals als Liebling in göttlichen Armen hatte ruhen fühlen, obgleich sein Herz warm war und sich keiner Schuld bewußt. Ich verwünschte meinen Einfall, ihn hierhergebracht zu haben und ballte meine Hände in heftiger Empörung über die Gottheit, in heißem Groll über meine Ohnmacht, sie zu begreifen. Hätte ich das große Geheimnis gewußt, das alle Rätsel löst, hätte ich ihm mit einem schlichten Worte lächelnd sagen können, warum es so sein mußte, und warum es gut so war! Nun fuhren wir stumm den Weg zurück, den wir gekommen waren, an blühenden Bäumen, schimmernden Häusern, an den grauen Bergen vorüber, die in die gelbe Lichtmasse des Himmels hineinstarrten. Mußte er die Majestät der Natur nicht hassen, die für ihn nur Dornen und Steine getragen hatte und ihn, den Bettler, mit ihrer Schönheit und ihrem Ueberfluß zu verhöhnen schien? Solche Gedanken lagen ihm fern, wie mich ein Blick auf ihn sogleich überzeugte; er sah beruhigter aus und sein Auge hing nicht mehr verstört und geängstigt, sondern freundlich an der Landschaft. Ich faßte wieder Mut, mit ihm zu sprechen, und indem ich ihm versprach, zu versuchen ob ich ihm die Erlaubnis, an öffentlichen Plätzen und in Wirtshäusern Harmonika zu spielen erwirken könnte, gelang es mir sogar, ihn etwas heiter zu stimmen. Als er wieder zu Hause auf seinem Bette lag, erzählte er seiner Mutter unermüdlich tausend von mir unbemerkte Dinge, die er gesehen hatte, bis er spät in der Nacht plötzlich wie ein übermüdetes Kind in tiefen Schlaf fiel.

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.