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Aus der Triumphgasse

Ricarda Huch: Aus der Triumphgasse - Kapitel 11
Quellenangabe
authorRicarda Huch
titleAus der Triumphgasse
publisherEugen Diederichs
printrunErstausgabe
year1902
firstpub1902
illustratorHeinrich Vogeler
senderbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
created20180524
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Buchschmuck: Heinrich Vogeler

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Rätselhaft war das Schicksal, durch welches sie bald nachher zu Grunde ging. Es war etwas, was ich in keiner Weise begründen oder rechtfertigen könnte: es paßte nicht zu ihr und ging doch aus ihr hervor, es traf sie wie ein vom Dach fallender Ziegelstein und doch hätte man es nicht Zufall nennen können. Wie ich gesagt habe, war Antonietta seit geraumer Zeit mit einem jungen Angestellten verlobt, wie es hieß, einem tüchtigen, arbeitsamen Manne, den sie sehr liebte. Dieser nun gab ihr plötzlich den Abschied und zwar, nach seiner eigenen Angabe, weil sie zu lustig und frei mit jedermann verkehrte. Von eigentlicher Eifersucht konnte keine Rede sein, weil sie niemals einen einzelnen bevorzugt und aus ihrer Liebe zu ihrem Bräutigam kein Hehl gemacht hatte; sie war von so tadellosem Rufe, wie kaum ein anderes Mädchen in der Römerstadt. Er machte ihr auch nichts zum Vorwurf, als ihre Fröhlichkeit, recht eigentlich ihr liebliches Taubenlachen das alle Leute, die es hörten verführte, mitzulachen und ihr gut zu sein. Ihr fehle der Ernst, hatte er gesagt, ohne den ein Mädchen keine gute Frau sein könnte; die Ehe sei nicht zum Lachen, alles habe seine Zeit, und vor allen Dingen dürfe ein Mädchen nicht für jeden Beliebigen Scherz und Gelächter und gute Worte auf der Zunge haben, sie mache keinen Unterschied zwischen den Menschen und sähe ihren Mann nicht mit anderen Augen an als eine Schwalbe unter dem Dache oder einen lahmen Bettelmann unter der Kirchenthüre.

Obgleich mir das Ganze ziemlich abgeschmackt vorkam, gab ich mir doch Mühe, es zu verstehen und ich kam zu dem Urteil, solche Art der Eifersucht sei immerhin etwas Verfeinertes, das bei Leuten dieses Schlages überraschen müßte. Es war hier doch der Ansatz zu einer anderen, mehr innerlichen Liebe, die sich mit der körperlichen Treue nicht genügen lassen wollte, sondern auch das Zartere der Geliebten, ihren hellen Geist, ihr anmutiges Wohlwollen für sich allein haben wollte. Die Farfalla, der ich diese Gedanken möglichst verständlich eingekleidet, mitteilte, sah mich mit einem Lächeln an, das im Grunde ein unverhohlenes Auslachen war. Entweder, sagte sie, wäre der Bräutigam ein Mucker und Querkopf, der den Uebermut der Antonietta für Leichtfertigkeit hielte, oder es Versteckte sich hinter allen diesen Redensarten die aufs äußerste gereizte Heißblütigkeit des begierigen Mannes. Und das letztere, sagte sie, sei das wahrscheinlichere. Die Antonietta sei ein sehr ordentliches, zurückhaltendes Mädchen gewesen, wie es in jetziger Zeit kaum zu finden sei, sie hätte mit ihrem Liebhaber, so herzlich lieb er ihr wäre, vor der Hochzeit nur in erlaubter Weise verkehren wollen, und das hätte ihn so aufgebracht, daß er schließlich mit ihr gebrochen hätte. »Denn«, sagte sie, »sie waren fast ein Jahr lang miteinander versprochen, ohne daß er etwas von ihr erreicht hätte, und das ist mehr, als man von einem Manne erwarten kann. Wenn heutzutage ein Mädchen heiraten will, so muß es zuvor einen Geliebten haben, aber keiner bleibt ihr länger als einige Wochen, wenn sie seinen Willen nicht thut; das liegt in der Natur, und es hilft nichts, sich zu widersetzen.«

Es war eine der Gelegenheiten wo ich mich über die Farfalla ärgerte, ebenso über das, was sie von den Männern behauptete, wie darüber, daß sie es dienstfertig beschönigte. Ich wandte ein, sie hätte ja selber gesagt, so sei es heutzutage; ob denn die Männer früher anders gewesen wären. »Ja«, sagte sie, »wir waren noch dumm und unerfahren; die Menschen von heute haben keine Angst vor der Sünde mehr. Mein Mann und ich, wir waren nie bei einander vor der Hochzeit, und Sie wissen wohl, daß er übrigens nicht der beste war.«

Und ob sie glaubte, daß er eine andere Natur gehabt hätte, als die der Männer von heute wäre, fragte ich. Sie dachte eine Weile nach und sagte dann: »Die Sache ist die, daß er während der ganzen Zeit, daß wir verlobt waren, andere Frauen hatte; da mochte er wohl denken, er brauchte es mit meiner Mutter, die sehr streng war, nicht zu verderben. Ich komme also doch wieder auf das, was ich im Anfang sagte, daß die Natur nun einmal so ist und man sich darein finden muß.«

Ich dachte bei mir, daß man, solange man alles Natürliche gelten läßt, allerdings lauter Schmutz und Niedertracht haben wird, äußerte es aber nicht, da die Farfalla in jedem Dispute doch zuletzt Recht zu behalten wußte, sondern sagte ablenkend, es sei trotzdem nicht glaublich, daß ein Mann ein so liebes, braves Mädchen aus einem solchen Grunde fahren ließe. Er hätte sie ja heiraten können; was denn im Wege gestanden hätte, worauf sie gewartet hätten?

»Bei uns in der Altstadt«, erklärte mir die Farfalla, »heiratet niemand, bevor ein Kind in Sicht ist. Vorher bedenken sie sich; jedes für sich hat sein Verdienst und schlägt sich durch; wozu soll man eine Veränderung wagen? Kommt aber ein Kind, so ist es entschieden und man muß sich fügen und es muß gehen ob sie Geld haben oder nicht.«

Ich sagte: »Hier lag doch aber die Sache anders. Sie hatten einander lieb, sie wollte vor der Hochzeit nicht ganz die Seinige werden, bei seinem Gehalt und ihrer Ordnung und Sparsamkeit konnten sie es eher als viele andere, für die das Gottesgericht entscheidet, wagen zu heiraten. Warum also nicht den Entschluß fassen, der sie beide zufriedengestellt hätte?«

»Ja«, sagte die Farfalla, »wenn jeder so gut von sich selber Bescheid wüßte, wie die andern von ihm! Er selbst hat sich vielleicht wirklich eingebildet, daß er ihre Heiterkeit nicht leiden könnte. Vielleicht war er schon lange gereizt durch sein heißes Blut, das ihm keine Ruhe ließ; übelgelaunt, wie er war, ärgerte ihn vielleicht ihre Unbefangenheit und ihr fröhliches Lachen; er machte ihr Vorwürfe, die sie, da sie den wahren Grund seiner Verstimmung nicht begriff, unberechtigt und ungereimt fand, sie nahm es ihrer Natur nach leicht und lachte ihn aus, ein Wort gab das andere, und so kamen sie auseinander, ohne daß eines von ihnen genau weiß, warum.«

Man dachte in der Altstadt allgemein, Antonietta mit ihrem heiteren Sinn würde sich die Trennung nicht übermäßig zu Herzen nehmen; konnte sie doch alle Tage einen anderen finden, der vielleicht sogar ihren Wert besser zu schätzen wußte, als jener. Anstatt dessen war sie fassungslos vor Schmerz, nicht mit lautem Jammer, sondern als wenn sie ein Keulenschlag getroffen hätte und das ganze Triebwerk ihres Lebens ins Stocken gekommen wäre. Nachdem ihre Freundinnen den Versuch, sie aufzuheitern und auf andere Gedanken zu bringen, vergeblich gefunden hatten, ließen sie sie allein, indem sie unter sich sagten, es wäre besser, sie eine Weile sich selber zu überlassen, dann würde sie sich allmählich hindurchkämpfen und hernach die alte lustige Antonietta sein.

Aber nun war es ja eben die Fröhlichkeit, die ihr verderblich geworden war, gerade ihr Lachen, das aus der reinsten Quelle der Gesundheit und des Seelenfriedens perlte, hatte sie um den Geliebten gebracht. Begreifen konnte sie es nicht, daß er sie um deswillen zu hassen angefangen hatte, was alle anderen an ihr liebten; sie konnte lange nichts thun, als mit Staunen und Erstarren auf die plumpe Thatsache blicken. Wie sie dann das Vorgefallene sich erklären wollte, wurde sie vollends verwirrt und ihr Glaube an sich selber erschüttert; vielleicht, dachte sie, war sie wirklich leichtsinnig, oberflächlich, aufrichtiger Liebe nicht fähig, wenn sie sich auch bis jetzt für gut und zuverlässig gehalten hatte und das Herz ihr so weh that. Gerade dadurch war gewiß die erlittene Kränkung verhängnisvoll, weil es die erste war, die schreckhaft plötzlich wie ein Ueberfall ihre Arglosigkeit und geistige Unschuld störte. Der erste ungeschickte Versuch, in das verschlossene Innere einzudringen, sich selber zu untersuchen, war für sie wie etwas Verbotenes, ein Einbruch in ein Heiligtum, Kirchenraub und Kirchenschändung, obwohl sie sich dessen natürlicherweise nicht bewußt war. Erschüttert, aus ihrem sicheren Zusammenhang gerissen, mit sich selber uneins muß sie gewesen sein, wie wäre sonst alles das möglich, was in der darauffolgenden Nacht geschah: daß sie in der Dunkelheit des späten Abends, was sie noch nie gethan hatte, in den Straßen umherirrte und daß sie sich von Pasquale, der sie zufällig sah und erkannte, in ein Wirtshaus begleiten, berauschen und verführen ließ. Es gehört zu den Ereignissen, die man sich nur durch eben das Widerspruchsvolle, was darin liegt, erklären kann. Das unter dem Druck des plötzlichen Schmerzes erstarrte Blut hatte sich vielleicht wieder losgemacht und ergoß sich wütend, wie ein eingedämmtes Wasser, das man entfesselt, mit vernichtender Ueberschwemmung über ihr Herz und ihre Gedanken. Wer enträtselt überhaupt je völlig den Sinn des Schicksals? Warum begegnete sie diesem Manne, der mit der Witterung der Hyäne oder des Aasgeiers gleich spürte, daß hier etwas in Gärung war, etwas Angesengtes, ein dünner, noch kaum ganz gesammelter Geruch von Verwesung? Während andere sich aus Liebesgram wohl ins Meer stürzen, warf dies lachende, kindliche Mädchen sich in eine ekelhafte, schlammige Pfütze.

Am Tage, der auf die traurige Nacht folgte, ging Antonietta langsam und sehr aufrecht übrigens in nichts auffällig, durch eine belebte Straße in der Nähe des Hafens. Plötzlich hörte sie ihren Namen rufen, und da sie die Stimme Pasquales erkannte, fuhr sie ein wenig zusammen, drehte sich aber nicht um, sondern ging, ihren Schritt nur wenig beschleunigend, weiter. Pasquale stimmte, immer hinter ihr hergehend, ein augenscheinlich sehr bekanntes, unanständiges Lied an, das ungefähr lautete: ein Viertel Wein hat mich Antonietta gekostet; auch mehr hätte ich für das reizende Mädchen gegeben, aber wer seine Ware billig feil hat, ist einer so thöricht, ihm mehr zu bieten?

Um sich den Spaß zu erhöhen, pfiff er ein paar Gassenbuben, warf ihnen Kupfermünzen hin und wies sie an das Mädchen unter Absingung dieses beschimpfenden Liedes eine gute Strecke zu begleiten. Die Kröten ließen sich das nicht zweimal sagen und liefen mit johlenden kreischenden Stimmen singend hinter Antonietta her, die keinen Blick auf das Ungeziefer warf, nicht schneller ging, geschweige denn ein Wort äußerte. Ein Herr, den der Haufen schreiender Buben belästigte, verjagte sie und sie ging nun ungekränkt weiter, als ihr zufällig einige von den Freundinnen entgegenkamen, die am vorhergehenden Tage vergeblich versucht hatten, sie zu trösten und sie seitdem nicht wiedergesehen hatten. Obgleich diese Mädchen nichts anderes erwarten konnten, als sie traurig zu finden, erschraken sie doch über ihren Anblick: sie sah aus wie einer, dem ein Gespenst aus der anderen Welt begegnet ist. Sie waren im Begriff, auf sie zuzulaufen und zu fragen: was ist dir? woher kommst du? wovor fürchtest du dich? als Antonietta sie erkannte und sie anlachte, wobei sich ihr Gesicht veränderte, so daß ihnen der erste Eindruck wie eine Täuschung vorkam und sie dachten, ein Schatten oder irgend eine Einbildung müsse sie irregeführt haben. Antonietta drückte ihnen lebhaft die Hand, fragte, wohin jene wollten, und als sie antworteten, zur Arbeit, sagte sie, es wäre Feiertag – denn es war der Tag eines beliebten Heiligen – sie möchten heute die Arbeit ruhen lassen und mit ihr lustig sein, die Zeche wollte sie zahlen. Die beiden Mädchen gingen darauf ein, besonders auch, weil sie sich freuten Antonietta wieder so fröhlich zu sehen. Sie beglückwünschten sie, daß sie sich den Kummer so bald aus dem Sinne geschlagen hätte, wunderten sich aber doch insgeheim, daß sie wie von einer ganz gleichgültigen fast vergessenen Sache ruhig davon sprach. Es sei nur der erste Schreck gewesen, sagte sie, weshalb sie sich gestern nicht hätte fassen können, und die beiden anderen bemerkten, bis dahin sei ihr eben alles geglückt, aber sie wüßte auch alles gut zu nehmen und richtig anzufassen, deswegen würde sie schon bald wieder in das rechte Fahrwasser einlaufen.

Inzwischen waren sie zu einem freigelegenen Wirtshause gekommen, wo Antonietta Wein und Brot bestellte; sie saßen in einem kahlen Gärtchen – denn es war noch kaum Vorfrühling – wo es um diese Zeit ganz leer war. Antonietta trank schnell ein volles Glas auf einmal, dann aber nichts mehr und sprach fast kein Wort, was die anderen nicht beachteten, da sie selbst durch den Wein in eine lustige Stimmung kamen und unausgesetzt lachten und plauderten. Nach etwa einer halben Stunde erst fiel es ihnen auf, daß Antonietta so still war, und sie fragten sie um den Grund; statt der Antwort starrte sie sie einen Augenblick mit großen Augen an, schluchzte laut auf, legte den Kopf und die Arme auf den Tisch und brach in herzzerreißendes Weinen aus. Die erschrockenen Mädchen brachten mit allem Zureden und Fragen nichts anderes aus ihr heraus, als in abgerissenen Worten die Klage, daß alles so häßlich, so furchtbar häßlich sei: die Welt, das Leben, die Menschen, sie selber. Als die Mädchen die durchaus nicht verstanden was sie meinte, sie dringend baten, sich nicht so gehen zu lassen, damit die Vorübergehenden nicht aufmerksam würden, richtete sie sich auf, gab ihnen ihre Geldbörse und bat sie, ins Haus zu gehen und den Wirt für sie zu bezahlen, wie auch ihr ein Glas frisches Wasser mitzubringen. Sie richteten das aus, verloren aber viel Zeit dabei, besonders da sie auch ihre Mutmaßungen unter einander äußerten, was Antoniettas sonderbares Benehmen zu bedeuten haben könnte. Unterdessen war sie fortgegangen und nicht mehr einzuholen, wahrscheinlich weil sie bald in ein Seitengäßchen eingebogen war, um nicht verfolgt zu werden.

Es ergab sich später, daß verschiedene Personen sie unterwegs gesehen hatten, denen sie dadurch aufgefallen war, daß sie im Gehen unablässig, ohne aufzuhören oder aufzublicken vernehmlich vor sich hin weinte. Einige hatten dem schlanken Mädchen das langsam, mit tiefgesenktem Kopfe, in der Mitte der Straße vorwärts schritt, nachgesehen und gezaudert, ob sie nach der Ursache ihres Kummers fragen sollten; aber es scheint, daß etwas so Pathetisches in dem lauten Schluchzen lag, das ungeachtet des Lärmens, Lachens und Angaffens seine Thränenspur durch den Schmutz und die Frechheit der Gasse zog, daß man sie ziehen ließ wie eine nächtliche Geistererscheinung, die sich niemand anzureden getraut und vor der selbst die ahnenden Tiere zurückschaudern.

Auch durch die Altstadt, obgleich sie von mehreren Bekannten gesehen wurde, gelangte sie unangefochten; jeder hatte, wie verschieden sich auch alle ausdrückten, das Gefühl, ein solcher Jammer dürfe nicht angesprochen werden. Es war ein Anblick, als wanderte der erste Mensch aus dem Paradiese, wo es Schmerzen nicht gab, in das Elend aus und machte die Straße der Verbannung auf ewige Zeiten zu einem Thale der Thränen. Ohne sich aufzuhalten, stieg die Weinende, als sie vor ihrem Hause im Triumphgäßchen angekommen war, die vier Treppen bis zu dem Stübchen empor, das sie bewohnte, ging auf das geöffnete Fenster zu und stürzte sich hinunter auf das Pflaster. Eine Frau, die sie ins Haus hatte eintreten sehen, sagte aus, es könnten von dem Augenblick an, wo sie die Schwelle betrat, bis sie sterbend davor lag, höchstens zwei Minuten vergangen sein Die Menschen, die herzueilten und sich über sie beugten, sahen daß sie die Augen noch einmal weit öffnete, dann kam ein leises, kurzes Aufschluchzen und dann nichts mehr.

Pasquale nahm sich diesen traurigen Tod Antoniettas durchaus nicht zu Herzen, sondern erzählte seinen Kameraden umständlich, was sich zwischen ihm und ihr zugetragen hatte, ohne welche Gesprächigkeit seinerseits der Zusammenhang gar nicht an den Tag gekommen wäre. Weil aber der Bruch mit ihrem Geliebten vorangegangen war, ließ es sich leicht so darstellen, als habe das den Selbstmord veranlaßt, was vor allen Dingen Vittoria gegenüber geschah, der man verhehlen wollte, welchen Anteil ihr Mann an dem Vorgange hatte. Es war ihr erst kürzlich hinterbracht worden daß Pasquale in früheren Jahren mit einer Geliebten hauste, die sich infolge seiner höhnischen und grausamen Behandlung, als er ihrer satt war, durch Erhängen den Tod gegeben hatte; vielleicht weil Antonietta ihre liebste Freundin war, fand sich doch keine Zunge in der klatschsüchtigen Römerstadt, um ihr den neuen Stich zu versetzen. Außerdem befand sie sich gerade zu dieser Zeit im Spital, wohin sie hatte gebracht werden müssen, weil ihr Zustand, durch den inzwischen erfolgten Tod des Kindes noch verschlimmert, immer besorgniserregender wurde und es ihr zu Hause an Pflege fehlte.

Nach einigen Wochen entließ sie der Arzt, der sie behandelt hatte, indem er Pasquale einschärfte, ihr noch durch längere Zeit die größte Schonung angedeihen zu lassen, was gänzlich in den Wind geredet war. Sie mußte sehr bald wieder ins Spital zurückkehren und zwar in einer solchen Verfassung, daß ein operativer Eingriff notwendig war. Es wurde damit gewartet, bis sie einigermaßen wieder zu Kräften gekommen wäre; denn bei ihrer Erschöpfung hätte auch eine leichte Operation gefährlich werden können. Während dieser Zeit empfing sie Besuche von Verwandten und Bekannten, deren Erkundigungen und Trostreden sie mit schwachem Lächeln anhörte, ohne sich über ihre Leiden jemals zu äußern. Nur in Gegenwart einer Freundin sagte sie einmal wie jemand, der aus tiefem Traum erwacht, über sich selbst erstaunt und sich nur mühsam in seiner Umgebung wiedererkennt: »Ich habe so viel gelitten«, mehrere Male und mit einer solchen Betonung, daß jene, die fast noch ein Kind war, von unbestimmtem Schrecken vor den dunklen Möglichkeiten des Lebens ergriffen wurde. Uebrigens klagte sie nie, und nicht ein Wort der Beschuldigung gegen ihren Mann oder nur der schlichten Mitteilung etwaiger Kränkungen von seiner Seite kam über ihre Lippen. Anfangs glaubte man daraus schließen zu müssen, sie sei immer noch in ihn verliebt, aber daß das nicht der Fall war, zeigte sich sehr bald, als seine Besuche, die nie häufig gewesen waren, ganz ausblieben. Es war augenscheinlich, daß sie sich dadurch erleichtert fühlte, und die Farfalla konnte ihr getrost von den Ungeheuerlichkeiten erzählen, die er neuerdings verübte: er verkaufte nämlich nacheinander alles, was sie mit einander besaßen: Wäsche, Gerätschaften, Möbel, zuletzt die Betten, was man wohl als eine Andeutung betrachten konnte, daß er ein weiteres Zusammenleben mit ihr nicht wünschte. Er hoffte vielleicht, daß sie an den Folgen der Operation sterben würde, oder er hatte keine andern Gedanken und Absichten, als daß er Geld brauchte; gearbeitet hatte er seit langem nicht und man sah ihn mehr als je in den Wirtshäusern. Mir war es unbegreiflich, daß diese sonst so heftigen und rachsüchtigen Leute Pasquale in so unverantwortlicher Weise mit dem, was nur zum kleinsten Teil sein Eigentum war, schalten ließen und konnte es mir nur dadurch erklären, daß sie sich freuten ihn los zu sein, und jede Anknüpfung mit ihm vermeiden wollten.

Als ich Vittoria kurze Zeit nach der glücklich vollzogenen Operation im Spital besuchte, sah sie so schlecht aus, daß ich kaum den Mut fand, ihr zu dem guten Ausgang Glück zu wünschen. Während ich an ihrem Bette saß und die ausgemergelte, vor Müdigkeit gleichgültige Frau ansah, die kaum zwanzig Jahre alt war, kamen mir allerhand trübe Gedanken: was für eine schöne lodernde Flamme war da mit einem Haufen Asche zugeschüttet worden; was war der Inhalt dieses Lebens: eine himmelhohe, sich selbst nicht verstehende Hoffnung, leidenschaftliches Wünschen und mit der Erfüllung zugleich das Ende; da lag sie, abgeblüht, auf den Schutt geworfen einsam im Staube wie ein gelähmter Vogel, der seine Gefährten nicht begleiten kann. Nicht einmal ein Kind war ihr geblieben, nichts von dieser abscheulichen Ehe, als bittere, schmähliche Erinnerungen. Wiederverheiraten konnte sie sich, als Katholikin, nicht; so mußte sie das Leben, das für sie eigentlich erst beginnen sollte, allein zubringen, wenn sie nicht dem Leichtsinn und der Schande verfiel.

Ich muß nun gleich hinzusetzen, daß diese Tragik meiner Betrachtung schon sehr bald nicht mehr zu der Wirklichkeit paßte. Gut gepflegt, bei der vollkommenen inneren und äußeren Ruhe, erholte sich Vittoria schnell und schien wieder in den vollen Besitz ihrer Gesundheit zu gelangen. Die jungen Spitalsärzte hielten sich gern an ihrem Bett auf, angezogen durch ihre Schönheit und drollige Laune, auf allen Seiten zeigte sich Wohlwollen und freundliche Besorgtheit um ihr Schicksal, und dieser Sonnenschein, in dem sie sich behaglich entfaltete, warf auch auf die Vergangenheit Licht und ließ sie ihr weniger trostlos erscheinen. Allmählich fing sie an über ihren Mann und alles, was sie mit ihm durchgemacht hatte, zu spotten und zu scherzen, nannte es ein Glück, daß er das Weite gesucht hatte – denn auch seine Familie wußte nicht, wo er sich aufhielt – und freute sich, mit ihrer Schwester Nanni zusammen zu leben, deren Mann den größten Teil des Jahres von Hause fort war. Sie wurde dick und bekam rote Backen, dicker als sie früher gewesen war; die Farfalla fand, daß sie noch nie so schön gewesen sei. Ich dagegen konnte durchaus nicht in ihr wiederfinden, was mich vor nur einem Jahre so entzückt hatte: es waren noch dieselben großen strahlenden Augen voll Lebensluft und der prächtige Schnitt des blühenden Gesichtes, und doch mußte etwas ausgelöscht oder verändert, verschwunden sein. Vielleicht war es nur das, daß sie damals etwas wollte, feurig, um jeden Preis, mit jedem Opfer, während sie sich jetzt weitertreiben ließ wie Blätter, die die Natur, so grün sie auch einmal waren, schließlich zu einem feuchten braunen Hügel zusammenwirft, wo sie verfaulen.

Der Kapitän gehörte zu den Leuten, die sich weder durch äußere Schönheit bestechen noch durch ihren Verfall abschrecken lassen. Vor und nach der Operation war er Vittorias unermüdlicher Besucher, brachte ihr Geschenke, sprach ihr Hoffnung ein und tröstete sie. Er sagte zu ihr: »Als du meinen Bruder heiratetest, hast du eins nicht bedacht, daß nämlich der sich besudelt, der Pech angreift. Du mußt nun wie ein kleines Kind geputzt werden, wobei es ohne Thränen nicht abgeht; hernach aber werden wir unsere Dummheiten vergessen und das neue Leben gescheiter anfangen.« Er ließ sich ernstlich von ihr versprechen, daß sie sich nie wieder mit seinem Bruder einlassen wollte, wohingegen sie in ihm einen Vater finden sollte. Ich äußerte, als ich mit ihm allein war, es sei doch schade, daß er Vittoria nicht heiraten könne, die ihm offenbar so lieb sei; worauf er mich erschrocken ansah und herausfuhr: »Lieber sollte mich ein Haifisch verschlucken! Ich hasse nichts auf der Welt als die Weiber«, und nach einer Pause mit Thränen in den Augen hinzufügte: »Das hübsche kleine Kind hätte ich gern zu mir genommen, warum mußte es sterben ehe es noch einmal gelacht hatte auf der Welt?« Vittoria hatte sich indessen schon in den Tod des Kindes gefunden, ja sie sah ihn für einen Glücksfall an, da sie für sich allein viel mehr Aussicht hatte, sich mit ihrer Arbeit leidlich durchs Leben zu schlagen.

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