Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Rudolf Baumbach >

Aus der Jugendzeit

Rudolf Baumbach: Aus der Jugendzeit - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorRudolf Baumbach
titleAus der Jugendzeit
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
year1913
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080519
projectidb146bdbd
Schließen

Navigation:

Einbein

Über baumartiges, mit tausend und abertausend weißen Blütenglöckchen bedecktes Heidekraut erheben sich die uralten, riesigen Stämme, und ihre dunklen Schirme schwanken leise im Wind, der kühlend und labend von der nahen See herüberstreicht. Die Pinien von San Rosore rauschen dasselbe Lied wie die Edeltannen des Thüringerwaldes, – das hohe Lied von der Waldeinsamkeit.

Waldeinsamkeit! Keine Sprache besitzt ein Wort, welches alle Wonne des Waldes in vier Silben einschließt.

Waldeinsamkeit – das klingt wie Vogelgesang und Quellenrauschen.

Sei mir gegrüßt, Waldeinsamkeit, und laß mich träumen in deinem Reich, träumen von meiner tannenumrauschten Heimat im Norden!

Sieh da, Rotkehlchen, du Liebling der Thüringer Kinder, bist du gekommen, meinen schweifenden Gedanken eine bestimmte Richtung zu geben? Willst du mich erinnern an längst Vergangenes, halb Vergessenes? Schau mich nicht so ängstlich an mit deinen großen Augen, hier läufst du nicht Gefahr, erdrosselt, gebraten und zur Polenta verzehrt zu werden; der sonnverbrannte Vagabund, der da im Moos liegt, ist unter Leuten aufgewachsen, welche die Tötung eines Singvogels zu den Verbrechen zählen – und nun gar eines Rotbrüstchens!

Das Rotkehlchen ist ein heiliger Vogel wie die Schwalbe. Wenn es einen Erschlagenen im Wald findet, so trägt es ihm Blumen auf das Angesicht, bis es ganz verdeckt ist, und wer ein Rotkehlchen umbringt, der hat kein Glück in der Welt.

So erzählte mir die arme Marie, die Tochter des alten Klaus, und die wußte es, denn sie war im Wald aufgewachsen, und der Vater betrieb neben allerlei Künsten auch die eines Vogelstellers.

Der alte Klaus wohnte in einem kleinen Häuschen vor dem Dorfe, in welchem ich meine sonnige Kindheit verlebte, und wir waren gute Freunde, trotzdem daß er ein »verschrieener« Mann war, dem die Leute gern aus dem Weg gingen.

Auch ich hatte immer eine gewisse Scheu vor dem alten Wilderer gehabt, denn ein solcher war er ehemals gewesen, und überdies ging im Dorf die Rede, er könne mehr als Brot essen. Aber von der Zeit an, da ihn mein Vater, der Landarzt war, an einem Beinbruch behandelte, bei welcher Gelegenheit ich zum erstenmal zu ihm ins Haus kam, war er mir zugetan wie ich ihm, und trotz des mütterlichen Verbotes war ich ein fast täglicher Gast in dem Hause des alten Klaus.

Der Magnet, der mich dahin zog, war ein Rotkehlchen, – ein Rotkehlchen, wie es kein zweites unter der Sonne gab. Abgesehen von seiner Stimme und seiner fast menschlichen Klugheit war es noch dadurch merkwürdig, daß es nur ein Bein besaß; das andere hatte es bei dem räuberischen Überfall einer Katze eingebüßt, aber der geschickte Klaus hatte ihm den Verlust durch einen Federkiel ersetzt, mit dem es herumhumpelte, wie ein alter Invalide mit seinem Stelzfuß.

Als mein Vater an dem Vogelsteller die Kur zu beiderseitiger Zufriedenheit vollendet hatte und letzterer nach seiner Schuldigkeit fragte, sagte mein Vater scherzend: »Gebt mir das Rotkehlchen.« Aber der alte Klaus erklärte, lieber wolle er sein Haus und alle seine Habseligkeiten hergeben als sein Einbein, und mein Vater mußte mit leerer Hand abziehen. Klaus zeigte sich übrigens für die Behandlung seines Fußes doch erkenntlich, indem er mir, nicht eben zur Freude meiner Mutter, ein Eichhörnchen verehrte – aber alle Eichhörnchen des Thüringerwaldes hätte ich um das einbeinige Rotkehlchen gegeben, und seit jener Zeit zog es mich nach dem Haus des Vogelstellers, wie es ein Gespenst nach dem Ort zieht, wo es bei Lebzeiten einen Schatz vergraben hat.

Beim alten Klaus gab es aber auch noch andere Merkwürdigkeiten als das einbeinige Rotkehlchen. Er war ein Tausendkünstler, er verfertigte alle möglichen Geräte aus Holz, dazu Fleckseife, Klettenwurzel- und Spinnenöl, Kitt, Laxierpillen und Schnupftabak aus Maiglöckchen; der war gut gegen Kopfschmerzen. Wurde dann in der Stadt Jahrmarkt abgehalten, so zog er dahin und bot seinen Kram feil, und seitdem ich ihn einmal bei einem Besuche des Marktes hinter seinem Tischchen hatte stehen sehen, wie er mit schnarrender Stimme seine Sachen den Bauern anpries, war mein Respekt vor dem alten Klaus ein ganz gewaltiger geworden.

Er war meist einsilbig, wenn ich ihn in seiner Behausung aufsuchte, duldete es aber gern, daß ich ihm bei seiner Beschäftigung zusah, und beantwortete meine kindischen Fragen mit großer Bereitwilligkeit.

Gesprächiger war die Marie, seine Tochter. Sie trug sich halb städtisch, halb ländlich und war fast immer mit Weißnäherei beschäftigt. Als ich die Bekanntschaft ihres Vaters machte, war sie bereits seit einem Jahre aus der Schule, also ungefähr fünfzehn Jahre alt. Ob sie schön war, weiß ich nicht; ich zählte damals erst fünf Jahre. Sie muß es aber wohl gewesen sein, denn sonst wäre es vielleicht anders gekommen als es kam.

Dieses Mädchen war es, welches mich in die Geheimnisse der Vogelwelt einweihte. Stundenlang saß ich neben ihr auf einem Bänkchen und ließ mir erzählen vom Schwarzspecht, der eigentlich eine verwunschene Frau Gertrud ist, von dem geizigen Bäckerknecht, der am Brot der Armen knauserte und dafür in einen Kuckuck verwandelt wurde, und von den Kreuzschnäbeln, die sich die Schnäbel krumm bogen, als sie die Nägel aus dem Kreuz des Heilands zu ziehen versuchten. Sie lehrte mich auch die Vogelsprache verstehen, und bald hörte ich so gut wie sie und der alte Klaus, was die Vögel sangen.

»Mädel, Mädel, wie blüht's!« rief ganz deutlich der Golmer (Goldammer) im Frühling, und zur Erntezeit zwitscherte er: »Wenn ich ein' Sichel hätt', Sichel hätt', wollt' ich mit schnied'!« »Bück den Rück'!« oder »Schmeckt der Weck?« sagte die Wachtel im Kornfeld, und der Edelfink sang: »Fritz, Fritz, Fritz, wir wollen zum Wein gehn!«

Auch schaurige Geheimnisse wurden mir kundgetan. Eines Abends, als ich neben Klaus saß, schrie im Wald der Kauz, und der Vogelsteller sagte zu mir: »Gib acht, in ein paar Tagen stirbt die alte Müllerin, erzähl's aber keiner Menschenseele.« Und richtig, wenige Tage später war die alte Müllerin tot. Damals erfuhr ich auch, daß das Rotkehlchen einem, der erschlagen im Walde liegt, das Gesicht mit Blüten zudeckt und daß, wenn der Hausherr stirbt, auch alle Stubenvögel verenden, so man es unterläßt, ihnen den Tod des Hausherrn anzusagen.

Gruselig war solches anzuhören, aber wunderschön.

Ich hatte den alten Mann ordentlich ins Herz geschlossen, und was die Marie, seine Tochter, betrifft, so will es mich jetzt bedünken, als sei sie meine erste Liebe gewesen.

So verstrichen Sommer, Herbst und Winter. Der Schnee schmolz, die Zugvogel kehrten wieder, das einbeinige Rotkehlchen sang sein Frühlingslied schöner denn je, und ich vergoß in der Dorfschule über den fünf Vokalen a, e, i, o, u manche heiße Träne.

Da kam ein Fremder in das Dorf, und da mein elterliches Haus nächst der Pfarre das wohnlichste war, so mietete er sich in demselben ein, und ich und er wurden gleich am ersten Tag gute Freunde.

Er hieß Vaillant, was die Bauern und auch ich Feilant aussprachen, und war ein lustiger Herr, den jedermann gut leiden konnte.

Unter seinen Effekten, bei deren Auspacken ich ihm selbstverständlich hilfreich zur Hand ging, war auch ein schwarzer Stock, den man auseinanderziehen konnte, so daß er lang wurde wie eine Bohnenstange, welchen Zweck er hatte, das zeigte sich schon am nächstfolgenden Tage, wo ich den Herrn Feilant nach dem Ellerbach führen mußte. Dort befestigte Herr Feilant an dem dünnen Ende des Stockes eine Angelschnur, ich mußte unter den Steinen Würmer hervorkratzen, und dann wurden Forellen gefischt.

Das war wieder etwas Neues. Die alte Margret, unsere Magd, erhob zwar ihre Warnerstimme und meinte:

»Fischfang und Vogelfang
Ist aller Laster Anfang,

aber ich schlug die gute Lehre in den Wind und begann nunmehr auch Fischstudien zu treiben. Die Vogelstudien wurden übrigens, obwohl sie der Schulunterricht und das Forellenangeln bedeutend einschränkten, nicht aufgegeben, ja es gelang mir sogar, meinen neuen Freund, Herrn Feilant, für die Vogelwelt zu interessieren.

Ich führte ihn beim alten Klaus ein, und bald hatte dieser alle Hände voll zu tun, für Herrn Feilant Vögel und Käfige zu besorgen. Mir war dies aus zwei Gründen lieb, denn erstens freute ich mich, daß der arme alte Klaus einen guten Verdienst bekam (Herr Feilant zahlte nämlich ohne zu handeln jeden Preis) und zweitens hegte ich den Hintergedanken, es dürfe vielleicht dem Fremden gelingen, den Einbein zu erhandeln, dann wäre der wunderbare Vogel doch wenigstens unter einem Dach mit mir gewesen.

So verstrich der Frühling und ein Teil des Sommers. Die Dorfschule wurde geschlossen und ich faßte den löblichen Entschluß, das verhaßte Abc so schnell als möglich zu vergessen, um bei Klaus und seiner Marie meine unterbrochenen Studien wieder aufzunehmen. So rannte ich denn gleich am ersten Tag der Vakanz nach dem Haus des Vogelstellers und stürzte mit Jubel zur Tür hinein.

Marie war allein in der Stube, sie saß wie gewöhnlich am Fenster und nähte. Freundlich hieß sie mich willkommen, aber zum Erzählen schien sie keine Lust zu haben; sie stand auch bald auf und begab sich in die Küche. So unterhielt ich mich denn auf eigene Faust, besichtigte die Schnitzereien des alten Klaus, die Vögel in den Käfigen und neckte den Einbein mit einem Mehlwurm, bis ich des Spiels überdrüssig mich nach einer andern Beschäftigung umsah. Im Nähkörbchen der Marie gab es zuweilen bunte Läppchen, die ich meiner kleinen Schwester mitzubringen pflegte; ich machte mich also über den Korb her und wühlte ihn um.

Auf einmal kam mir eine glänzende Kette unter die Finger. Ich zog sie hervor und betrachtete sie neugierig. Meine Mutter hatte eine ähnliche, und wenn man an dem runden Ding, welches daran hing, drückte, ging es auf wie eine Uhr, und innewendig war eine Haarlocke meines verstorbenen Bruders. Ähnliches war vielleicht auch hier der Fall. Ich drückte auf die Feder des Medaillons und es ging auf. Aber es lag keine Haarlocke darin, sondern das wohlgetroffene Bild des Herrn Feilant sah mir entgegen.

In diesem Augenblick trat Marie in die Stube.

»Unnützer Junge!« rief sie zornig, riß mir die Kette aus der Hand und schlug mich derb auf die Finger.

So etwas war mir in diesem Haus noch nicht widerfahren.

»Wart, Marie, das sag' ich meinem Vater!« rief ich heulend und lief nach der Tür.

Aber das Mädchen hielt mich zurück und suchte mich zu beschwichtigen.

»Es war nicht bös gemeint – geh, laß das weinen – komm, ich erzähl' dir was, ich erzähl' dir von der Schlangenkönigin mit dem goldnen Krönle – –«

Aber ich wollte nichts hören. »Du hast mich geschlagen, das lasse ich mir nicht antun, das sag' ich meinem Vater.«

»Sei still,« mahnte Marie, »sei still um Gottes willen – ich schenk' dir, was du willst, wenn du nichts verrätst.« Ich trocknete meine Tränen.

»Schenkst du mir den Einbein?« fragte ich.

»Was, den Einbein? Nun ja, in Gottes Namen. Aber du darfst keinem Menschen verraten, was geschehen ist.«

Um den Preis des Rotkehlchens mit dem Stelzfuß wäre mir meiner Seele Seligkeit feil gewesen; ich versprach mit dem landesüblichen Schwur »wahrlich, wahrhaftig« das tiefste Stillschweigen. Dann ward der Einbein gefangen und wenige Minuten später trug ich ihn, zitternd vor Freude und Angst, im Schnupftuch davon.

Glücklich gelangte ich mit meiner Beute nach Hause, und da ich mich nicht getraute, das Rotkehlchen meinen Eltern zu zeigen, so verbarg ich es in dem hintersten Winkel einer Bodenkammer, welche nur selten betreten wurde.

Mehrmals des Tages, wenn ich mich unbelauscht glaubte, schlich ich zu meinem Vogel wie ein Geizhals zu seinem Geldkasten, aber ich wurde meines Besitzes nicht froh; der Vorwurf, den armen alten Klaus seines Lieblings beraubt zu haben, lastete schwer auf meinem Gewissen.

Am Abend desselben Tages, da ich den Einbein entführt hatte, gab es im Dorf ein Laufen und Rennen, als ob Feuer ausgebrochen sei, Natürlich blieb ich nicht daheim, sondern schloß mich den übrigen an. Vor dem Haus des Vogelstellers, wohin die Leute strömten, stand ein Trupp Weiber schreiend und wehklagend.

»Er bringt sie um, er schlägt sie tot,« schrieen sie durcheinander.

Drinnen hörte man den alten Klaus toben und dazwischen die arme Marie wimmern und um Hilfe rufen.

Ein paar Männer faßten sich endlich ein Herz und drangen in das Haus. Gleich darauf kam Marie herausgestürzt; ihr Haar war zerrauft und ihr Gesicht mit Blut bedeckt. Die Frauen umringten sie und führten sie weg, Klaus aber schrie und raste noch fort, bis der Herr Pfarrer kam und ins Haus ging, dann wurde es ruhig.

Ich sah und hörte das alles mit an mehr tot als lebendig. »Daran bin ich schuld,« dachte ich, »weil ich den Einbein genommen habe,« und zitternd eilte ich nach Hause mit dem festen Vorsatz, den Unglücksvogel morgen zurückzubringen.

Zu Hause traf ich die Eltern in großer Verstimmung. Sie sprachen leise miteinander und Gegenstand des Gespräches schien Herr Feilant, unser Mietsmann, zu sein. Von meinem Gewissen gedrückt, wagte ich endlich die schüchterne Frage: »Warum hat denn wohl der Klaus seine Marie blutig geschlagen?« erhielt aber den Bescheid: »Kinder brauchen nicht alles zu wissen.«

Am folgenden Morgen trat ich, den Vogel im Tuch, den schweren Gang zum Haus des Vogelstellers an. Mit Herzklopfen klinkte ich die Tür auf und blickte in die Stube.

Klaus war allein darin, er saß auf der Ofenbank und hielt die Hände vors Gesicht.

»Klaus,« sagte ich, »hier bringe ich den Einbein wieder, aber nun sei nicht mehr auf die arme Marie bös.«

Der Alte sah mich an, nickte und schwieg.

»Hier ist der Einbein,« fuhr ich fort, löste die Zipfel des Tuches und ließ das Rotkehlchen auf den Boden hüpfen. »Bist du noch immer bös, Klaus?« fragte ich und die Tränen traten mir in die Augen.

Klaus schüttelte schweigend den Kopf.

Es wurde mir unheimlich zu Mute und ich ging meiner Wege, froh, des Vogels ledig zu sein.

Als ich heimkam, standen gepackte Koffer in der Hausflur, und man sagte mir, Herr Feilant werde morgen früh abreisen.

Aber er reiste nicht ab.

Abends, als wir beim Nachtmahl saßen, kam der Flurschütz zu meinem Vater und sagte ihm etwas ins Ohr. Er stand rasch auf und ging mit dem Boten davon, ich natürlich hinterdrein, wieder wie am gestrigen Abend war das ganze Dorf auf den Beinen, diesmal aber ging es nicht nach dem Haus des alten Klaus, sondern nach dem Brand, das war eine Lichtung im Gemeindewald.

Dort auf dem Moos lang ausgestreckt lag der leblose Körper des Herrn Feilant. Er hatte den Mund offen und seine starren Augen glänzten schauerlich im Licht der Laternen.

Die Rotkehlchen hatten ihm keine Blumen aufs Antlitz gestreut.

Mein Vater kniete an der Leiche nieder und begann seine Untersuchung; nach einer Weile sagte er: »Er ist durchs Herz geschossen.«

Darauf setzte sich die Menge wie auf ein Kommando wieder in Bewegung, nur ein paar Männer blieben bei dem Toten zurück. Diesmal ging es nach dem Hause des Vogelstellers. Vor der Tür angekommen, zog der Flurschütz seinen rostigen Säbel, dann traten er, der Schultheiß, mein Vater und noch ein paar Männer in das Haus hinein. Die übrigen mußten zurückbleiben, ich aber schlüpfte durch das Gedränge und betrat hinter meinem Vater die Stube.

Der alte Klaus saß am Tisch, auf welchem etwas mit Kreide geschrieben stand; sein Haupt war nach vorn gesunken, und auf dem Boden war eine große Blutlache.

Mein Vater hob ihm den Kopf empor und sagte: »Tot.« Dann las er die Worte, die auf den Tisch geschrieben waren; sie lauteten: »Ich habe ihn erschossen. Gott sei meiner armen Seele gnädig.«

Die Männer redeten mancherlei, was ich nicht verstand. Überhaupt begriff ich das wenigste von dem, was ich gesehen. Der Anblick der beiden Leichen, der die Männer erbleichen machte, hatte nicht erschreckend, sondern betäubend auf mich gewirkt. Es war mir zu Mute, als ob ich einen Traum träume, einen grausig schönen Traum. Aber mitten aus meiner Betäubung heraus gedachte ich des Rotkehlchens. Richtig, dort hockte es in der Fensterecke, wo es Abends gewöhnlich saß, und machte große Augen. »Jetzt darfst du es nehmen,« sagte ich mir; »der alte Klaus ist ja tot und Marie hat es mir ohnedies schon einmal geschenkt.« Es ließ sich ruhig aufnehmen, und ich hatte es bereits in mein Tuch praktiziert, als mein Vater, der bisher bei der Leiche beschäftigt gewesen, meiner ansichtig wurde. Er fuhr mich hart an und hieß mich nach Hause gehen. Gerne befolgte ich sein Gebot, denn ich hatte ja meinen Einbein wieder und jetzt durfte ich ihn mit gutem Gewissen behalten.

Ich schlief nach den schrecklichen Ereignissen einen tiefen, gesunden Schlaf, und als ich am andern Morgen erwachte, war es mir, als ob das blutige Schauerstück von gestern sich schon vor langen Jahren abgespielt habe.

An meinem Einbein aber erlebte ich wenig Freude; er starb trotz des ausgesuchten Futters, das ich ihm bot, schon nach drei Tagen. Ich hatte vergessen, ihm den Tod seines Herrn anzusagen.

Marie, die Tochter des alten Klaus, sah ich zwei Jahre später wieder, als mich meine Mutter in die Stadt auf eine Schule brachte. Sie trug ein blauseidenes Kleid und einen Hut mit einer langen weißen Feder. Ich rief sie bei Namen, und sie drehte sich auch nach mir um; aber als sie mich und meine Mutter sah, wandte sie den Kopf und ging schnell weiter.

Das ist die Geschichte von dem alten Klaus, seiner Tochter Marie und dem Rotkehlchen Einbein, die sich vor mehr als einem Vierteljahrhundert in einem thüringischen Dorf zugetragen hat, so wie ich sie erzählte.

Wie die Begebenheit vergessen ist von den Bewohnern des Dorfes, so war sie vergessen von mir. Aber wenn man im Wald liegt und zu den flüsternden Baumwipfeln emporschaut, dann entrollen sich dem träumenden Auge alte Bilder aus den Kinderjahren, und die Weisen, die man uns an der Wiege sang, klingen leise durch unser Gemüt.

 << Kapitel 3 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.