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Aus der Jugendzeit

Rudolf Baumbach: Aus der Jugendzeit - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorRudolf Baumbach
titleAus der Jugendzeit
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
year1913
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080519
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Die Nonna

Wenn man vom Marktplatz der Stadt Hackelburg nach dem Schwabentor gelangen will, so muß man durch den sogenannten Zwinger gehen. Es ist dies eine enge, winkelige Gasse, die aber ihrer alten, mit Bogentüren, Erkern und allerlei Schnörkelwerk versehenen Giebelhäuser halber einen gar nicht ungünstigen Eindruck macht. Am Ende des Zwingers, nahe bei dem schönen, von einem respekteinflößenden Turm überragten Schwabentor, steht ein großes, aber niedriges Gebäude. Während die Wände der Nachbarhäuser meistens aus Fachwerk bestehen, ist dieses durchaus massiv, auch entbehrt es der architektonischen Verzierungen, welche im Zwinger allenthalben angebracht sind, so daß es finster, beinahe unheimlich aussieht. Der einzige Schmuck, welchen ihm der Erbauer verliehen hat, ist ein über der Torfahrt befindliches, aus Stein gemeißeltes und vergoldetes Beil. Daher führt das alte Haus den Namen »das goldene Hackmesser«.

Der geneigte Leser schaudert und meint: das wird eine Scharfrichtergeschichte wie die von Hinko dem Freiknecht.

Nein, geneigter Leser, was wir zu erzählen haben, ist eine ganz harmlose Geschichte, die man noch Abends vor dem Einschlafen lesen kann, ohne böse Träume befürchten zu müssen, und wenn sie, was wir einmal nicht vermeiden können, einen Beigeschmack von Blut hat, so rührt derselbe nur von dem Blut jener nützlichen, grunzenden Geschöpfe her, von denen soeben ein von Todesahnungen durchschauertes Häuflein seinen Einzug in den Hof des steinernen Hauses hält. Leicht könnten wir die Gelegenheit benützen, um in das Innere zu gelangen; da wir aber augenblicklich nichts darin zu suchen haben, so wollen wir lieber unsere Aufmerksamkeit noch ein paar Augenblicke der Außenseite des Hauses widmen; es gibt da noch etwas anderes zu sehen als das goldene Hackmesser, dem das Gebäude seinen Namen verdankt.

Über dem Wahrzeichen befindet sich nämlich ein großes Schild, dessen Goldbuchstaben weithin leuchten. Zuoberst prangt das sauber gemalte Landeswappen, darunter steht in schön geschwungenen Schriftzügen:

»Fürstlich – – sche Hofwurstfabrik.
Hackelburg. Verona.
Leberecht Blechschmied und
Carlo Vicenzi.«

Und diese Worte umgeben in symmetrischer Anordnung acht kolossale Preismedaillen.

Die schimmernde Reklame auf der geschwärzten Mauer des ehrwürdigen Hauses nimmt sich aus wie ein goldenes Binokel auf der Nase eines geharnischten Ritters, aber dem Chef der Wurstfabrik und den Hackelburger Stadtkindern gefällt das Schild ausnehmend gut und andere Leute geht's nichts an.

Auch wir würden uns keine Bemerkung über dasselbe erlaubt haben, wenn es nicht in Beziehung stände zu der kleinen Geschichte, die wir erzählen wollen.

Um der Ordnung gemäß mit dem Anfang derselben zu beginnen, müssen wir um einige Jahre zurückgehen. Damals trug das Haus über dem goldenen Hackmesser nur eine bescheidene schwarze Tafel, auf welcher mit weißer Ölfarbe geschrieben stand:

»Leberecht Blechschmied, Metzgermeister.«

Aber auch schon in jenen Tagen wurden die aus dem »Hackmesser« hervorgehenden Würste nach allen Richtungen der Windrose hin exportiert und der Name »Blechschmied« hatte damals wie heute einen guten Klang, soweit die deutsche Zunge schmeckt und noch etwas weiter.

Herr Leberecht Blechschmied war ein ganzer Mann, gesund an Körper und Geist. Sein Geschäft war, wie gesagt, blühend, und wenn sein Vermögen auch nicht so bedeutend war, wie man glaubte (man nannte ihn nämlich einen Millionär), so war er immerhin der Wohlhabendsten einer in Stadt und Ländchen.

Von einem wirklichen Unglück war Herr Blechschmied während der fünfzig Lebensjahre, die er auf den breiten Schultern trug, nur ein einziges Mal betroffen worden. Das war damals, als seine Frau in der Blüte der Jahre starb.

Als Unglück wollte er anfangs auch den Umstand betrachten, daß sein einziger Sohn keine Lust bezeigte, das Metzgerhandwerk zu erlernen. Es ging hart her zwischen Vater und Sohn, und erst als sich gewichtige Persönlichkeiten ins Mittel schlugen, gab ersterer zu, daß sein Sohn das Gymnasium besuchte und später Medizin studierte. Der junge Blechschmied wurde aber während seiner Studienzeit ziemlich knapp gehalten und eine völlige Aussöhnung zwischen Vater und Sohn trat erst dann ein, als letzterer bei seiner Promotion die Trichinen zum Gegenstand seiner Dissertation machte. Das schlug ins Handwerk ein und der Alte sagte gerührt: »Mein Sohn, der Doktor, ist ein ganzer Kerl; der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.«

Daß sich der Meister damals ein Mikroskop anschaffte und sich von seinem Sohn im Gebrauch desselben unterweisen ließ, erwähnen wir nur nebenher. So hatte denn das, was er als ein Familienunglück angesehen hatte, einen günstigen Ausgang genommen und Blechschmieds Lebenshimmel war wieder wolkenlos.

Da zog es noch einmal gewitterdunkel herauf. In Hackelburg tauchte nämlich plötzlich ein verloren gegangenes Schaf wieder auf. Es war dies ein Mensch, der in seiner Jugend ein Tunichtgut gewesen, dann nach Amerika ausgewandert und verschollen war. Wie der verlorene Sohn im Gleichnis, hatte er seine Tage unter dem Borstenvieh, und zwar in Cincinnati, zugebracht, jedoch kehrte er nicht mit dem Bettelsack, sondern mit einem schweren Geldsack und guten Wechseln in seine Heimat zurück. Hier gründete er eine Schweinemetzgerei, die er zur Erinnerung an die Stadt, wo er zu Vermögen gekommen war, »Zur Stadt Cincinnati« nannte.

Anfangs lachte der Besitzer des »Hackmessers« über den Schwindler, wie er den Amerikaner nannte; als aber dieser, dank geschickter Reklamen, zu einem gefährlichen Konkurrenten wurde, da lachte Herr Leberecht Blechschmied nicht mehr, sondern rumorte in seinem Geschäft herum, daß ihm jedermann gern aus dem Weg ging.

Es mußte etwas geschehen, das »Hackmesser« mußte etwas Ungewöhnliches, etwas Großes leisten, sonst war es vorbei mit seinem Renommee. Das stand fest, aber über die zu ergreifenden Maßregeln war der Meister noch im unklaren.

Mißmutig saß er eines Vormittags in seiner Schreibstube (heute heißt sie Kontor) und hielt in den Händen die neueste Nummer des »Hackelburger Tageblatts«, in welcher ein in hochtönenden Phrasen abgefaßtes Eingesendet über die Metzgerei zur »Stadt Cincinnati« stand. Mit ingrimmigem Lächeln las er die übertriebenen Lobsprüche und je weiter er las, desto finsterer wurde sein Blick. Als er aber an den Schluß kam, wo der Einsender behauptete, daß jeder, der seinen Bedarf an Schweinefleischwaren aus einem andern Geschäft als aus der »Stadt Cincinnati« entnehme, einen subtilen Selbstmord begehe, da war es zu Ende mit der Geduld des Lesers.

»Tod, Teufel und Blutwurst!« schrie er auf und dabei fiel seine Faust so schwer ans den Tisch nieder, daß das Tintenfaß in bedenkliches Schwanken geriet. »Und das wagt dieses sonst so anständige Blatt zu drucken? Schmach und Schande über diese Zeitungsschreiber! Aber ich will –«

Ja, da lag eben der Hase im Pfeffer; wenn Herr Leberecht Blechschmied nur gewußt hätte, was er wollte!

Er erhob sich seufzend und öffnete einen kleinen Geldschrank, in welchem sich mehrere eckige, mit verschiedenfarbigen Flüssigkeiten gefüllte Flaschen befanden. »Wacholder« stand auf derjenigen, aus welcher er sich ein kleines Glas, einen sogenannten Stummel, vollgoß, ein erprobtes Mittel gegen des Ärgers schädliche Einflüsse auf Milz und Leber.

Halb besänftigt verließ der Meister seine Schreibstube und ging in das Magazin, wo die geräucherten Fleischwaren aufgespeichert waren. Beim Anblick der aalglatten Zervelatwürste, die wie Tropfsteine von der Decke niederhingen, nahm das runde Antlitz des Meisters wieder seinen gewöhnlichen, menschenfreundlichen Ausdruck an. Er nahm eine Riesenwurst in die Hand, beroch sie und sprach für sich: »So etwas bekommt man doch nur im ›goldenen Hackmesser‹.« Weiter schritt er, stolz wie ein Feldherr, der ein sieggewohntes Elitekorps mustert, bis er bei einer großen, mit geräucherten Würsten verschiedener Gattung gefüllten Kiste angelangt war. Zwei junge Leute waren im Begriff, dieselbe ihres Inhalts zu entleeren.

Der Meister nahm ein braunes Wurstungetüm auf und betrachtete es mit einer gewissen Andacht. Es war eine echte Veroneser Salami.

»Spitzbuben, diese Italiener!« sagte er dann und nickte mit dem Kopf. »Unsereiner versteht doch auch sein Metier, aber eine richtige Salami zustande zu bringen, die eine geübte Zunge von einer Veroneser nicht unterscheiden kann, das geht über unsere Kräfte. Wurst aus Verona – Geigen aus Cremona – darin liegt ihre Force.«

»Ich habe einmal gehört,« bemerkte altklug der eine der jungen Männer, welche die Kiste auspackten, »die Italiener täten Eselfleisch in die Salami.«

»Das behauptet man,« nickte Herr Blechschmied, »aber ich habe, um der Sache auf den Grund zu kommen, eine Veroneser Salami mit meinem Sohn, dem Doktor, chemisch und mikroskopisch untersucht – Analyse heißt man das – und nichts dergleichen gefunden.«

Die beiden Gehilfen hielten in ihrer Arbeit inne und blickten mit Ehrerbietung zu ihrem Meister empor.

»Woher mag denn wohl der Name Salami kommen?« fragte der eine wieder.

»Auch darüber,« versetzte Herr Blechschmied, »bin ich im stand, euch zu belehren. Um aber der Wahrheit die Ehre zu geben, muß ich gestehen, daß ich es nicht infolge eigener Untersuchung weiß. Vor ein paar Jahren, als mein Sohn, der Doktor Blechschmied, der, wie ihr wißt, ein Werk über die Trichinen geschrieben hat, noch studierte, habe ich ihn einmal auf der Universität besucht. Bei dieser Gelegenheit lernte ich einen sehr interessanten jungen Mann kennen, der gleichfalls Student war. Dieser erbot sich, da mein Sohn am Vormittag im Spital zu tun hatte, mir die Stadt zu zeigen. Da sahen wir denn unter anderem auch ein Bild von einem berühmten Maler, welches eine Seeschlacht vorstellte, und mein Führer, der Student, explizierte mir die ganze Begebenheit. Der, welcher die Schlacht verlor, war kein anderer als der König Xerxes, den jeder Gebildete aus dem Abcbuchvers kennt; den Namen des Siegers habe ich vergessen, der ist auch Nebensache, die Insel aber, bei welcher die Schlacht geschlagen wurde, hieß Salamis.«

»Aha!« machten die beiden Zuhörer.

»Als nun die Geschichte vorüber und Viktoria geblasen war, lud der Admiral sämtliche Marineoffiziere zu einem großen Festessen ein. Man hatte den Küchenwagen oder vielmehr das Küchenschiff des Königs Xerxes erbeutet und da gab es alles mögliche Gute. Namentlich fand eine besondere Gattung geräucherter Würste großen Beifall, und da man den Namen derselben nicht kannte, so beschloß man, sie zur Erinnerung an die Schlacht bei Salamis Salami zu nennen, und so heißen sie noch bis auf den heutigen Tag. Aber nun,« fuhr der Meister fort, »ist genug geschwatzt. Es ist recht schön, daß ihr euch bestrebt, gebildet zu werden, denn Bildung macht frei, steht als Motto auf der Hildburghausener Groschenbibliothek, die meine Tochter besitzt, aber man darf über der Bildung das Geschäft nicht vernachlässigen, das bleibt die Hauptsache.«

Und um der Lehre, die er gespendet, durch gutes Beispiel Nachdruck zu geben, zog Herr Blechschmied seinen Rock aus, band eine Leinwandschürze vor und legte beim Auspacken der Würste selbst Hand an.

Plötzlich hielt er inne und fragte: »Führt der da drüben« (er deutete mit der Hand nach der Gegend, wo die Metzgerei zur »Stadt Cincinnati« lag) »auch italienische Fleischwaren?«

Die beiden Gehilfen wußten es nicht.

Der Meister murmelte etwas Unverständliches vor sich hin, dann strich er sein glänzendes Doppelkinn und sagte lachend: »Wart, Amerikaner, ich krieg' dich!«

Hastig entledigte er sich dann seines Schurzes, zog seinen Rock wieder an und begab sich in seine Schreibstube zurück, wo er bald vor einem Briefbogen saß und an der Feder kaute.

Lassen wir den Meister bei seiner Beschäftigung und sehen wir uns ein wenig in den Wohnräumen des »Hackmessers« um; vielleicht begegnen wir der Tochter des Hauses, von der wir wissen, daß sie im Besitz der Hildburghausener Groschenbibliothek ist.

Wir steigen die etwas dunkle Treppe hinauf und stehen nun in einem langen Korridor. Aus einer halbgeöffneten Tür schallt das Zwitschern eines Kanarienvogels und hier wollen wir eintreten.

Das Zimmer, welches uns umfängt, ist groß und hell. Es enthält schwere, in gotischem Stil gearbeitete Möbel und auf den Tischen liegen in malerischer Unordnung Bücher und Papiere, dazwischen zusammengeknäulte Handschuhe, ein seidener Sonnenschirm und verschiedene Toilettenstücke einer Dame. An den Wänden hängt eine Anzahl guter und mittelmäßiger Bilder, auf welchen Szenen aus der deutschen Vergangenheit dargestellt sind. Auf dem einen sieht man ein paar in Tierhäute gekleidete Germanen, welche, im Schatten einer Eiche ruhend, sich aus Büffelhörnern zutrinken. Auf einem zweiten Bild erblickt man den Kaiser Heinrich IV. im Schloßhof von Canossa; darunter steht, offenbar von einer Damenhand geschrieben:

»Armer Heinrich der vierte,
wärst du doch in deinem lieben
Tannenwald-durchrauschten Deutschland,
wärst du doch zu Haus geblieben. T. B.«

Ein drittes Bild zeigt die Hinrichtung Konradins und ein viertes den schlafenden Kaiser Barbarossa. Dann folgen Darstellungen aus der neuesten Zeit, verschiedene Schlachtenbilder, die Germania auf der Wacht am Rhein, die Gefangennahme Napoleons u.s.w. Mehr aber als diese Abbildungen fesselt unsern Blick ein großes, mit Glas und Rahmen versehenes Blatt, welches aus der Ferne fast wie eine Schützenscheibe aussieht. Der äußerste Ring wird gebildet durch einen Lorbeerkranz, der zweite durch die Photographien der deutschen Heerführer, im Zentrum aber ist eine Nummer des »Hackelburger Tageblattes« aufgeklebt. In fetter Schrift steht da zu lesen:

»Festgruß, den ruhmgekrönten Heldensöhnen
der Stadt Hackelburg dargebracht
von Tusnelda Blechschmied.«

Das Gedicht, in welchem sich Glockentöne auf Heldensöhne, Wonnen auf Kanonen und Vaterland auf welschen Tand reimen, können wir wegen Raummangel nicht wiedergeben, aber es hat seinerzeit Sensation gemacht.

Die Verfasserin des Festgrußes ist nicht etwa Meister Blechschmieds Tochter, sondern dessen unverehelichte Schwester Tusnelda. Wenn aber der geneigte Leser aus dem, was wir vorausschickten, sich besagte Schwester als eine lange, hagere, mit Hobelspanlocken und Hornbrille versehene Dame vorstellt, so irrt er sich gewaltig.

Die Gestalt, die vor dem Schreibtisch steht und mit halblauter Stimme ein noch nasses Manuskript überliest, hat von dem hergebrachten Äußern eines Blaustrumpfes nichts weiter an sich, als jenen eigentümlichen seherhaften Ausdruck im Auge. Fräulein Tusnelda ist groß und ziemlich stark. Ihr rundes, von Gesundheit blühendes Gesicht wird von dicken, blonden Strähnen umrahmt, welche im Nacken in einen kunstlosen Knoten geschlungen sind. Bekleidet ist die Dame mit einem bis an den Hals geschlossenen Tuchkleid von dunkler Farbe; sie trägt keinerlei Schmuck, nicht einmal eine Schleife von lebhafter Farbe oder etwas dergleichen.

Vor einer Reihe von Jahren galt Tusnelda Blechschmied für eine Schönheit ersten Ranges, und auch noch heute ist sie, obwohl nur wenige Jahre jünger als ihr Bruder, eine das Auge fesselnde Erscheinung, warum sie trotz ihrer körperlichen Vorzüge und ihres nicht unbeträchtlichen Vermögens zu den perennierenden Jungfrauen der Stadt Hackelburg zählt, darüber sind die Ansichten geteilt. Hämische Leute behaupten, Tusnelda habe alle Männer durch ihre Verrücktheit abgeschreckt, nach einer andern Angabe hatte sie freiwillig auf die Freuden des Ehestandes verzichtet, als sie einsah, daß die Verwirklichung des Ideals, welches sie sich von einem Mann machte, auf Erden nicht zu finden sei, und wir glauben den zweiten Grund umsomehr für den wahren halten zu müssen, da Tusnelda selbst ihn als solchen zu bezeichnen pflegte.

Da Tusnelda bis zum Tod ihrer Schwägerin für einen Haushalt nicht zu sorgen hatte (jetzt glaubte sie im Hause ihres Bruders unentbehrlich zu sein), so suchte sie sich auf andere Weise nützlich zu machen.

Anfangs war sie ein tätiges Mitglied des Frauenvereins gewesen, hatte als solches die Waisenmädchen stricken und nähen gelehrt und alten Weibern Flachs zum Spinnen zugemessen. Hierauf nahm der Tierschutzverein ihre Haupttätigkeit in Anspruch (Tusnelda Blechschmied war es, welche in Hackelburg Schabracken für die Kettenhunde beantragte und durchsetzte), und bald nachher nannte sie der Verein für Bildung der weiblichen Dienstboten sein eifrigstes Mitglied. Bei dieser Gelegenheit geriet sie in den Kreis einer mystisch-religiösen Gesellschaft und eine Zeitlang trug sie ein pfundschweres goldenes Kreuz auf dem Busen. Die Darwinsche Theorie aber, die damals, wie allerorten, so auch in Hackelburg großes Aufsehen machte, bestimmte Tusnelda, mit der religiösen Gesellschaft zu brechen und sich in den naturwissenschaftlichen Verein aufnehmen zu lassen. In jener Epoche war ihr Zimmer geschmückt mit ausgestopften Vögeln und Skeletten, auch besaß sie einen imitierten Gorillaschädel, der auf einem Sammetpolster unter einer Glasglocke ruhte. Beim Ausbruch des Krieges mit Frankreich wanderten diese Schätze in das naturhistorische Museum, denn Tusnelda hatte ihren wahren Beruf erkannt, sie ward ein germanisches Heldenweib. Ums Leben gern wäre sie dem Heer als Krankenpflegerin nachgezogen, aber das litt ihr Bruder nicht. So blieb sie denn daheim und rührte wacker die Hände. Nebenher aber blieb auch ihr Geist nicht untätig. Früher hatte sie ihre poetischen Ergüsse bescheiden in der Mappe gelassen, jetzt trat sie als weiblicher Barde in die Öffentlichkeit, und der Festgruß, den wir vorhin sahen, war keineswegs die einzige Blüte ihrer patriotischen Muse. Letztere feierte auch nicht, nachdem der Siegesjubel verhallt war. Tusnelda begann ein Heldengedicht, welches das Leben der Cheruskerfürstin, ihrer Namensschwester, schilderte, und zwar bediente sie sich, als der dem Gegenstand am meisten entsprechenden Form, des Stabreims. Das Epos schien aber der Dichterin Schmerzenskind werden zu wollen, denn erstens machte ihr die Alliteration große Schwierigkeit und das Gedicht rückte aus diesem Grund nur langsam vor, zweitens hatte ihr unruhiger, für alles Neue empfänglicher Geist bereits etwas anderes erfaßt. Tusnelda, die Schwester des Metzgermeisters Leberecht Blechschmied, huldigte seit kurzem dem Vegetarianismus. Die Extreme berühren sich eben überall, so auch im »goldenen Hackmesser«. Jetzt war Tusneldas schriftstellerische Tätigkeit geteilt zwischen dem Epos und einer nach Quellen bearbeiteten Geschichte des Vegetarianismus. Natürlich litt ersteres darunter und zwar umsomehr, als sich die Dichterin genötigt sah, eine Anzahl Stellen völlig umzuarbeiten. Die blonden germanischen Frauen, die in der früheren Fassung sich an saftigem Speck und würzigem Bärenschinken gelabt und Auerochsenrippen abgeknabbert hatten, wurden jetzt auf Milch, Honig und Eichelkaffee gesetzt, wogegen sie freilich nichts mehr einwenden konnten.

Das Manuskript, welches Tusnelda in der Hand hielt, war die Einleitung zu der Geschichte des Vegetarianismus.

»Wenn,« las sie jetzt mit erhobener Stimme, »wenn wir den roten Kommantschenkrieger, der auf seinem Mustang die Prärie durchrast und nur vom Fleisch wilder Tiere lebt, einen Barbaren, einen Wilden nennen, so verdienen wir, die wir friedliche Tiere, die sanfte Kuh, das harmlose Schaf und das stillzufriedene Schwein töten und verzehren, den Namen Halbbarbaren, Halbwilde. Man möge immerhin das Morden uns freundlicher und dienstwilliger Geschöpfe, die ebenso wie wir des Lebens Lust und Leid empfinden, beschönigen; das Verzehren von Blut und Leichen ist Barbarismus, eine Ironie auf die Humanität, eine traurige Vorleuchte unserer Mord- und Kriegslust. Solange Tierleichenkost, dieser Hauptquell so mannigfacher Roheit, allgemeine Unsitte bleibt, werden auch massenhafte Menschenmassacres nicht aufhören.«

Während Tusnelda mit geröteten Wangen und leuchtenden Augen die letzten Zeilen las, wurde die Zimmertür noch etwas mehr geöffnet und ein blonder Mädchenkopf ward sichtbar. Die Trägerin desselben schien nicht übel Lust zu haben, ihn wieder zurückzuziehen, als sie die Lesende gewahrte, aber es war zu spät; Tusnelda hatte sie bereits bemerkt und rief: »Emma, du kommst zu gelegener Zeit, tritt nur näher,«

Die Angerufene war ein blühendes Mädchen mit rotem, lachendem Mund und niedlichem Stumpfnäschen. Sie mochte noch nicht zwanzig Jahre zählen, ihr Wuchs war eher klein als groß zu nennen und vielleicht war ihre Taille ein bißchen zu stark. Jedenfalls aber war sie ein hübsches Kind und die einfache, häusliche Tracht hob ihre körperlichen Reize. Das war Fräulein Emma, die Tochter des Hauses.

»Höre zu, Kind,« sagte Tante Tusnelda, »ich hoffe, du wirst nicht länger sitzen, da die Spötter sitzen, nachdem du mich angehört hast.« Und nun begann sie das Geschriebene noch einmal von Anfang an zu lesen.

Emma machte sich unterdessen im Zimmer zu schaffen. An die umherliegenden Bücher wagte sie nicht Hand anzulegen, aber sie wies den zerstreut liegenden Toilettengegenständen den gehörigen Platz an und wischte mit einem Tuch den Staub von den Möbeln. Als sie eben im Begriff war, auch in einem offenstehenden Schränkchen Ordnung zu schaffen, ließ Tusnelda schnell ihr Manuskript fahren und stürzte auf ihre Nichte zu.

»Laß das, Emma!« rief sie.

Aber es war zu spät. Emma hielt der Tante mit triumphierender Miene einen Teller entgegen, auf welchem appetitliche, mit rosenrotem Schinken belegte Buttersemmeln aufgeschichtet waren.

»Aber, Tantchen, was ist denn das?«

Tante Tusnelda glühte wie eine Päonie.

»Das – das,« stammelte sie, – »das sind Buttersemmeln.«

»Mit Schinken –«

»Allerdings mit Schinken –.« Tusnelda hatte sich gefaßt. »Und was ist dabei Wunderbares?« fragte sie möglichst unbefangen. »Törichtes Kind, siehst du denn nicht ein, daß ich, um die Wirkung der Tierleichenkost auf den Organismus zu studieren, zuweilen neben vegetabilischer Rost auch animalische zu mir nehmen muß? Sieh her« – sie nahm aus einem Fach ihres Schreibtisches ein kleines Buch, dessen Blätter mit roten und blauen Linien versehen waren – »sieh her, hier habe ich täglich die Anzahl der Millimeter aufgezeichnet, um die mein Körperumfang abgenommen hat, seitdem ich nur von Vegetabilien lebe. Morgen, nachdem ich jene Schinkenbrötchen verzehrt habe, werde ich – ich bin dessen sicher, mindestens wieder um zwei Millimeter stärker geworden sein und mein Seitenstechen wird sich wieder rühren. Ich bin, wie gesagt, fest davon überzeugt, dennoch aber bin ich willens, der guten Sache dieses Opfer zu bringen. Verstehst du mich nun, du Törin?«

Die Törin biß sich mit ihren weißen Mauszähnen auf die Unterlippe.

»Ein Wort im Ernst gesprochen,« fuhr Tante Tusnelda fort, »du tätest wohl daran, meinem Beispiel zu folgen. Ganz abgesehen von allen anderen nachteiligen Einflüssen der Fleischnahrung, befördert sie zweifelsohne die Korpulenz und du bist für deine Jahre offenbar viel zu stark.«

»Jetzt kommt bald der Winter,« entgegnete Emma, »da wird tüchtig getanzt und das zehrt,«

Tusnelda betrachtete ihre Nichte mit einem Blick tiefster Verachtung.

»Die germanischen Jungfrauen,« sagte sie bestimmt, »tanzten nie.«

»O ich bitte, Tantchen,« wandte Emma ein, »woher hast du diese Neuigkeit?«

Tusnelda sann nach.

»Wenn es auch nirgends ausdrücklich gesagt wird, so widerstrebt doch die Annahme, daß diese hehren Gestalten, diese Brunhilden, Sieglinden und Wulfintruden getanzt haben, der gesunden Vernunft. Jedenfalls aber haben sie nicht Lanciers und Quadrille á la Cour getanzt und wie diese welschen Tänze alle heißen, so viel ist sicher; und du, die du bei dem Einzug unserer Heldensöhne unter der Zahl der Festjungfrauen warst, solltest dich in deine Seele hinein schämen, daß du an dergleichen fremdem Tand Vergnügen findest.«

Emma tat, wie sie stets zu tun pflegte, wenn die Tante eine ihrer sonderbaren Ideen verfocht, sie schwieg. Tusnelda hätte wohl noch lange fortgepredigt, wenn nicht Herrn Blechschmieds Kommen eine seiner Tochter höchst willkommene Störung verursacht hätte.

Der Meister hatte, was er stets tat, wenn er seiner Schwester Zimmer betrat, sich seiner Arbeitskleidung entledigt. Er hegte, trotzdem daß er sie zuweilen eine Närrin nannte, großen Respekt vor ihren Kenntnissen und behandelte sie mit einer Aufmerksamkeit, die an Hochachtung streifte.

Emma benutzte die Gelegenheit und schlüpfte zur Tür hinaus.

Herr Blechschmied zog aus seiner Brusttasche einen Bogen Papier und breitete ihn, ohne ein Wort zu sagen, auf dem Schreibtisch aus, Tusnelda tauchte gleichfalls schweigend die Feder in das Tintenfaß und ließ sich nieder.

Zum Verständnis dieser stummen Szene muß bemerkt werden, daß Herr Blechschmied mit der Orthographie einigermaßen im Streit lag. Daher pflegte er damals, als er seine Bücher und Korrespondenzen noch selbst führte, den Entwurf eines jeden Briefes seiner Schwester vorzulegen, damit diese die Schreibfehler korrigiere, so auch jetzt.

Tusnelda hatte aber kaum ein paar Zeilen gelesen, als sie wie von einer Natter gebissen in die Höhe fuhr.

»Leberecht, ums Himmels willen, was sinnst du? Du willst einen Italiener, einen Welschen, in dein Geschäft nehmen?«

»Ja, das will ich. Ich schreibe an meinen Geschäftsfreund in Verona, er soll mir einen tüchtigen Burschen, der seine Profession aus dem ff versieht, hierher schicken – mag es kosten, was es will. Ich werde italienische Würste loco fabrizieren, damit schlage ich alle meine Konkurrenten aus dem Feld, denn so was ist noch nicht dagewesen!«

»Armer Bruder! So weit hat dich also der unselige Brotneid getrieben, Ich weiß wohl, die ›Stadt Cincinnati‹ ist es, welche dich auf diesen Gedanken gebracht hat, laß ihn fahren, Leberecht! Gib das blutige Handwerk lieber ganz und gar auf, es ist ja ohnehin der Würde des Menschen zuwiderlaufend, daß er unschuldige Nebengeschöpfe –«

»Unsinn,« fiel der Meister seiner Schwester ärgerlich in die Rede, »Ich kümmere mich nicht um deine Angelegenheiten – meinetwegen magst du Baumwolle und Strumpfgarn essen – aber in meinen Kram lasse ich mir auch nicht dreinreden.«

»Leberecht,« hub Tusnelda in beschwörendem Ton an, »du ziehst das Unglück in das Haus, wenn du einen Italiener engagierst!«

Sie faßte ihren Bruder beim Arm und zog ihn bis dicht vor die Wand.

»Sieh hier, Leberecht, den jungen Konradin, der unter dem welschen Henkerbeil sein Blut verspritzte; betrachte hier den unglücklichen Kaiser Heinrich den Vierten im Schloßhofe von Canossa – du kennst die Geschichte beider –«

»Ja, du hast sie mir einmal erzählt, aber wieso gehört das hierher?«

»Wisse ferner,« fuhr Tusnelda fort, »daß wenigstens ein Dutzend deutscher Kaiser in Italien vergiftet worden ist – die Oper Lukrezia Borgia hast du selbst gesehen – du solltest doch wissen, daß ein Italiener ohne Gift und Dolch gar nicht denkbar ist. – Ha, ich sehe ihn bereits im Geist, den tückischen Veronesen mit dem gelben Gesicht und den unstet funkelnden Augen, wie er, den Dolch im Gewände, im Busen das Fläschchen mit Arsenikwasser, hier im Hause herumschleicht, wartend auf eine Gelegenheit, seine schwarzen Anschläge auszuführen – Leberecht, ich beschwöre dich –«

»Tusnelda, du bist verrückt,« sagte der Meister mit Gemütsruhe, »trinke ein Glas Wasser und dann besorge mir meinen Brief, er muß mit der nächsten Post fort.«

Tusnelda blickte schmerzlich nach dem Plafond und murmelte:

»warum gabst du mir zu sehen,
was ich doch nicht wenden kann?
Das Verhängte muß geschehen.
Das Gefürchtet muß nahn.

»Leberecht, du beharrst auf deinem Entschluß?«

»Ja, und nun in Kuckucks Namen gib Ruhe und mach mir den Brief fertig!«

»Das geschieht nimmermehr!« erklärte Tusnelda bestimmt. »Meine Hand bleibt aus dem Spiel; tue, was du nicht lassen kannst, aber trage die Folgen allein!«

Meister Leberecht Blechschmied raffte mit einem unterdrückten Fluch sein Schreiben auf und ging, nicht ohne die Tür etwas unsanft hinter sich ins Schloß zu werfen.

»Heute ist sie wieder einmal arg!« sagte er draußen zu seiner Tochter und tippte sich dabei mit dem Zeigefinger auf die Stirn. Er dachte einen Augenblick daran, sein Kind mit der Korrektur des bewußten Briefes zu betrauen, aber dadurch wäre, wie er meinte, das väterliche Ansehen geschädigt worden. So wanderte der Brief auf die Post wie er war.

vierzehn Tage später finden wir Herrn Leberecht Blechschmied in freudiger, seine Schwester Tusnelda aber in schmerzlicher Aufregung. Von dem Geschäftsfreund in Verona war eine Antwort eingelaufen, welche die Erwartung des Meisters bei weitem übertraf, Signor Antonio Vicenzi schrieb, er glaube zwar nicht, daß es Herrn Blechschmied je gelingen werde, eine tadellose Salami zu produzieren, jedoch sei er bereit, ihm einen in der Verfertigung derselben wohl erfahrenen Menschen zu schicken, und zwar mache er ihm folgenden Vorschlag: Sein Sohn und Nachfolger im Geschäft hege seit Jahren den Wunsch, sich in fremden Ländern umzusehen. Er, der Vater, könne dies zwar nicht begreifen, da einer, der Italien kenne, das Beste von der Welt gesehen habe, indessen habe er beschlossen, dem Drängen des Sohnes nachzugeben und ihn auf Reisen zu schicken. Um es kurz zu machen, Signor Vicenzi erklärte, er rechne es sich zur Ehre an, wenn Herr Blechschmied seinen Sohn für einige Zeit als Volontär in das Geschäft nehmen wolle.

Als der Metzgermeister dieses schmeichelhafte Anerbieten gelesen hatte, nahm er sich nicht Zeit, einen Brief zu schreiben, sondern er eilte auf das Telegraphenbureau und sandte eine Depesche am seinen Geschäftsfreund, in welcher er sich für das ihm geschenkte Zutrauen bedankte und den Wunsch aussprach, den Herrn Sohn recht bald begrüßen zu können. Das Telegramm hatte sechzig Worte.

In das »Hackmesser« zurückgekehrt, begab sich Herr Blechschmied in sein Magazin, wählte das Delikateste von allen Delikatessen aus, packte es in ein Kistchen und schickte dieses dem Herrn Doktor Müller – dies war der Redakteur des »Hackelburger Tageblattes« – ins Haus, indem er seinen Besuch ankündigen ließ.

Am andern Morgen lasen die Hackelburger folgende Notiz in ihrem Blatte: »Wie wir vernehmen, wird demnächst der Chef einer renommierten Veroneser Salamifabrik, Signor Antonio Vicenzi, seinen Sohn nach Deutschland senden, damit dieser daselbst seine Kenntnisse bereichere. Nach kurzem Aufenthalt in den Hauptstädten Österreichs und Deutschlands wird der junge strebsame Mann unsere Stadt besuchen und längere Zeit – man spricht von einem Jahr – in dem Etablissement des Herrn Leberecht Blechschmied als Volontär tätig sein. Fürwahr ein eklatanter Beweis für das Ansehen, welches die Fabrikate unseres verehrten Mitbürgers im In- und Ausland genießen. – Ehre wem Ehre gebührt!«

Die bevorstehende Ankunft des jungen Italieners lieferte einige Abende hintereinander den Stoff für das Gespräch der beim Abendschoppen versammelten Stadtkinder.

Es war wohl schon manch seltener Gast nach Hackelburg gekommen, verschiedene reisende Engländer hatten der schönen Umgebung halber für längere Zeit daselbst ihr Quartier genommen, auch einen russischen Hofrat hatte die Stadt einmal einen ganzen Winter lang beherbergt, nicht zu gedenken des ungarischen Grafen, der sich hinterher als Schneidergeselle entpuppt hatte – aber ein Italiener, der eigens nach Hackelburg kam, um sich auszubilden – so etwas war noch nicht dagewesen. Die Wage der öffentlichen Meinung, welche sich bisher der »Stadt Cincinnati« stark zugeneigt hatte, geriet ins Schwanken und senkte sich zu Gunsten des »goldenen Hackmessers«.

Der Chef des letztern, Herr Leberecht Blechschmied, trug den Kopf aufrecht wie in seinen besten Tagen. Ein hübsches Zimmer wurde für die Aufnahme des Gastes hergerichtet und Fräulein Emma entwickelte bei dieser Gelegenheit im Anheften der Vorhänge und im Arrangement der Einrichtungsstücke einen lobenswerten Eifer. Auch kaufte sie, damit der Fremde beim Eintritt in seine neue Behausung sofort an seine Heimat erinnert werde, von ihrem Taschengeld ein Kunstblatt, die letzten Tage von Pompeji betitelt, und schmückte damit das Zimmer.

Fräulein Tusnelda regte keinen Finger. Sie hielt sich zurückgezogen und arbeitete mit erneutem Eifer an ihrem Epos. Wenn sie sich aber ihren Hausgenossen zeigte, trug sie die Miene der Kassandra zur Schau, deren Warnungen ungehört im Wind verhallten, als sie den verblendeten Trojern Unheil verkündete.

Vater und Tochter vermieden es, in Tusneldas Gegenwart über den Gast zu sprechen, desto häufiger war letzterer der Gegenstand ihres Zwiegesprächs. Herr Blechschmied dachte sich den Italiener als einen gelben Burschen mit pechschwarzen Haaren, angetan mit einem Radmantel und einem breitkrempigen Hut. In Fräulein Emmas Phantasie nahm der Gast die Gestalt des Fra Diavolo aus der Oper an und in unbewachten Augenblicken summte sie leise vor sich hin:

»Für ein einfaches, ländliches Mädchen
Bin ich wohl recht zierlich gebaut.«

Auch kaufte sie sich in der Buchhandlung ein italienisches Wörterbuch und »die Kunst, in vierzehn Tagen fertig Italienisch lesen, schreiben und sprechen zu lernen«.

Sie wollte den Dolmetsch zwischen dem Italiener und ihrem Vater machen.


Der ersehnte Gast traf ein. Er zeigte zwar weder die Physiognomie eines Banditen, noch trug er die bunte Kalabreser Tracht eines Fra Diavolo, aber er hatte etwas Apartes. Man sah es ihm auf den ersten Blick an, daß seine Wiege nicht in Hackelburg gestanden hatte; er war – man erlasse uns die Detaillierung – ein hübscher Junge, dessen Erscheinung alle Insassen des »goldenen Hackmessers« im Augenblick für sich einnahm. Ausgenommen blieb Tante Tusnelda, die sich bei der Ankunft des »Welschen«, wie sie ihn nannte, in ihre Gemächer einschloß.

Der junge Herr – Carlo war sein Name – konnte sich bereits in der deutschen Sprache verständlich machen, nur das sch verursachte ihm einige Schwierigkeit, aber das war eben pikant, wenigstens kam es so der Tochter des Hauses vor. Sein Benehmen war sehr bescheiden und was die Hauptsache war, das Geschäft, in welches er gleich am Tage nach seiner Ankunft eingeführt wurde, verstand er von Grund aus, so daß dem Meister bei der Perspektive, die sich ihm öffnete, dicke Freudentränen in die Augen traten.

Es versteht sich von selbst, daß die Stellung des Volontärs im »goldenen Hackmesser« nicht die eines gewöhnlichen Fleischergesellen war. Signor Carlo speiste mit der Familie und begleitete dieselbe auf sonntäglichen Ausflügen; auch war er von seinem Chef in die »Harmonie« eingeführt worden, wo er bald sowohl seiner Liebenswürdigkeit im allgemeinen halber als auch im besondern wegen seiner Kunstfertigkeit im Billardspiel ein geschätztes Vereinsmitglied wurde.

Ja sogar Tante Tusnelda begann den Fremden mit weniger Gehässigkeit zu betrachten. Anfangs hatte sie der Magd, welcher es oblag, das Zimmer des Gastes zu reinigen, anbefohlen, ein achtsames Auge auf die Effekten des letztern zu haben, ob es ihr vielleicht gelingen möchte, einen Dolch oder sonst etwas Verdächtiges zu erspähen. Da aber die alte, brave Hanne trotz wiederholter Nachforschung außer einem Rasiermesser und zwei eisernen Stiefelhaken keinerlei Gewaffen zu entdecken vermochte, so beruhigte sich Tusnelda einigermaßen. Zu Gunsten des »Welschen« stimmte sie ferner der Umstand, daß er eine ausgesprochene Neigung für Gemüse und Mehlspeisen an den Tag legte. Die Vegetarianerin gewann die Oberhand über die germanische Heldenjungfrau, ja Tusnelda ging so weit, daß sie dem Italiener hin und wieder ein Gericht Makkaroni oder Polenta nach eigens zu diesem Zweck angeschafften Rezepten bereiten ließ.

Übrigens gewöhnte sich Signor Carlo mit überraschender Schnelligkeit an die neuen Verhältnisse und von Tag zu Tag wurde er einem Hackelburger Bürgerssohn ähnlicher. Sein kühner Knebelbart verschwand, er fand Geschmack am schäumenden Gerstensaft, und als der Winterfrost eingetreten war, lernte er schlittschuhlaufen. Auch entsagte er den Spagnoletti, wie er seine selbstgewickelten Zigaretten nannte, und rauchte leichten Portorico aus einem Porzellankopf, der mit dem Brustbild Moltkes geziert war. Seine Germanisierung schritt mit Riesenschritten vorwärts.

Hingegen machte Fräulein Emma im Italienischen sehr geringe oder vielmehr gar keine Fortschritte, und das hatte zwei Gründe. Erstens sprach der neue Hausgenosse nachgerade ein ganz erträgliches Deutsch, so daß ein Dolmetsch völlig überflüssig war, und zweitens war Emma bald zur Einsicht gekommen, daß sie trotz des vielversprechenden Titels ihrer Grammatik ohne mündlichen Unterricht nicht weit kommen werde. Zwar hatte sich Signor Carlo mit der größten Bereitwilligkeit als Lehrer angetragen und Emma diesen Vorschlag mit noch größerem Eifer angenommen, da aber legte Herr Blechschmied sein Veto ein – er wolle nicht, daß Herr Carlo und seine Tochter in einer Sprache miteinander reden, die er nicht verstehe; Deutsch möchten sie zusammen schwatzen, soviel sie immer wollten, dagegen habe er nichts einzuwenden. So plauderten sie denn Deutsch und der Meister saß dabei und hörte zu.

Herr Blechschmied trägt sich mit Plänen ganz besonderer Art.

Wie aber stand es denn eigentlich mit der Salamifabrikation?

Die erste Serie der Wurstungetüme, die unter der Assistenz des jungen Veronesen im »goldenen Hackmesser« bereitet worden waren, wurde von maßgebenden Persönlichkeiten als vortrefflich anerkannt; vortrefflich fanden sie auch Herr Blechschmied und Signor Carlo, aber sie mußten sich doch gestehen, daß zwischen einer Blechschmiedschen und einer echten Salami noch ein gewaltiger Unterschied sei.

»Es liegt an der Rasse der Schweine,« meinte Signor Carlo, und nun ließ der Meister mit großen Kosten einen Transport jener kleinen, mageren Tiere kommen, wie sie in Oberitalien gezüchtet werden. Das Resultat war glänzend. Keine Zunge vermochte mehr eine importierte Salami von einer loco fabrizierten zu unterscheiden, aber wenn Herr Blechschmied berechnete, wie hoch ihm eine derartige Wurst zu stehen kam, so mußte er sich seufzend sagen, daß er binnen Jahr und Tag ein ruinierter Mann sein würde, wenn er die Preise nicht mindestens um das Doppelte erhöhte – und das ging nicht an. So verfiel denn Herr Blechschmied auf ein Auskunftsmittel, welches dem grundehrlichen Mann freilich keine geringen Skrupel verursachte. Er hielt sich auf einem vor der Stadt gelegenen Grundstück eine Anzahl der kostspieligen Tiere und fabrizierte seine Salami aus dem Fleisch inländischen Borstenviehes. Kein Mensch außer den Eingeweihten ahnte den wahren Sachverhalt, die Blechschmiedschen Fabrikate fanden guten Absatz und der Glanz der Metzgerei »zur Stadt Cincinnati« erblich vor den Strahlen des »goldenen Hackmessers«. Herr Blechschmied stand groß da.

»Doch in der Seele will der Wurm nicht schlafen.«

Der Gedanke, daß er im Grunde doch keine veritable Salami zu produzieren vermöge, ließ ihm keine Ruhe.


Der Frühling war ins Land gekommen. Durch die offenstehenden Fenster des »goldenen Hackmessers« strich linde Luft und die Stäubchen tanzten lustig in den Sonnenstrahlen.

Fräulein Emma, angetan mit einer weißen Latzschürze, lief geschäftig hin und her, sie schleppte ihre Topfgewächse, welche den Winter glücklich überstanden hatten, nach den Fenstern, die in den Hof gingen, denn dort hatten sie die Morgensonne. Indem sie hier und da ein vergilbtes Blatt entfernte und die schwanken Zweige festband, sang sie mit halblauter Stimme das Lied, welches das junge Volk ihrer Vaterstadt am liebsten singt:

»Ach, wie wär's möglich dann,
Daß ich dich lassen kann –«

Und:

»Hab' dich von Herzen lieb,
Das glaube mir,«

antwortete von unten eine Stimme, hell wie die einer Amsel, und in einem offenen Fenster des Hinterhauses ward die schlanke Gestalt des Signor Carlo sichtbar.

Das war ein Grüßen und winken von unten und oben!

Und beider Augen leuchteten von innerer Glückseligkeit.

Da berührte plötzlich eine Hand die rundliche Schulter des Mädchens, und als sich Emma erschrocken umwandte, stand hinter ihr, der Veleda zu vergleichen, die drohende Gestalt der Tante Tusnelda.

»Es ist gekommen, wie ich es voraussah,« sprach sie mit Grabesstimme und verschränkte die Arme über der Brust. »Unglückliche, du liebst den Welschen?«

»Ja, Tantchen,« antwortete Emma, zwar etwas bleich, aber ruhig – »und Carlo liebt mich auch.«

Tusnelda sank auf einen Sessel.

»Unglückseliger Gedanke meines Bruders,« stöhnte sie – »Salamiwurst, du bist teuer bezahlt – Komm mit,« fuhr sie auf, »komm auf der Stelle mit zu deinem Vater! Er soll wissen, was hier vorgeht.«

»Tante, du wirst doch nicht?«

»Ja, ich werde,« rief Tusnelda mit starker Stimme. »Glaubst du etwa, daß ich wie eine Komödientante dieses schmähliche Verhältnis vertuschen, begünstigen werde? Dein Vater soll retten, was noch zu retten ist.«

Und sie zog ihre Nichte mit sich fort.

Herr Leberecht Blechschmied saß in seiner Schreibstube. Er hatte soeben ein kräftiges Frühstück, gewürzt durch einen kleinen Doppelkümmel, eingenommen und streckte sich nun behaglich in einem ehrwürdigen, ledergepolsterten Sessel, als seine Schwester ihm die Verbrecherin vorführte.

Tusneldas Bericht war kurz und bündig. Herr Blechschmied blickte seiner Tochter prüfend in die Augen, dann nahm er sie bei der Hand und sagte in ruhigem Ton! »Tusnelda, laß mich mit ihr ein paar Minuten allein.«

Tante Tusnelda ging. Auf der Schwelle drehte sie sich aber noch einmal um und ihre Stimme klang plötzlich weich, als sie sagte: »Leberecht, verfahre mild mit ihr; bedenke, daß sie dein Kind ist!« Der Meister brummte etwas und Tusnelda entfernte sich. Sie hätte gern ein wenig an der Tür gelauscht, aber da fortwährend Menschen in der Hausflur ab und zu gingen, schien ihr solches nicht tunlich. Sie nahm daher an einem Fenster Platz und beobachtete die Tür der Schreibstube.

Es dauerte nicht lange, so ging diese auf und Tusnelda sah, wie ihr Bruder heraustrat und seinen Weg nach dem Gelaß nahm, wo sich Signor Carlo aufhielt.

»Aha,« dachte sie, »jetzt geht es über den Welschen her.«

Es verging eine ganze Viertelstunde, welche der Wartenden entsetzlich lang vorkam.

»Wer weiß, was der Bruder in seiner Aufregung tut? – Am Ende verstößt er die Unglückliche und gibt sie dem Elend preis.« – Tusnelda wischte sich eine Träne aus dem Auge. Sie sah im Geist bereits ihre Nichte mit dem Bettelstab aus dem Schwabentor ziehen. – Nein, das darf er nicht, dagegen will sie Einsprache erheben.

Endlich kam Herr Blechschmied in Begleitung des Italieners zurück. Beide gingen in die Schreibstube.

»Jetzt findet die Konfrontation statt,« sagte sich Tusnelda.

Die Konfrontation dauerte nicht lange. Nach wenigen Minuten trat, gefolgt von den beiden Missetätern, Herr Blechschmied aus der Schreibstube. Die drei Personen wandten sich nach dem Wohnhause und kurze Zeit darauf hörte Tusnelda Schritte vor der Tür ihres Zimmers.

»Was soll das geben?« fragte sich die Denunziantin – »soll ich vielleicht Zeugnis ablegen?«

Herr Leberecht Blechschmied trat bei seiner Schwester ein. Er sah ernst und würdevoll aus.

»Tusnelda,« sagte er mit sanfter Stimme, – »du hast mir einen wichtigen Dienst geleistet, indem du mich aufmerksam machtest auf die Dinge, die in meinem Haus vorgehen. Ich habe die Sache in Ordnung gebracht und ich hoffe, du wirst mit meiner Entscheidung einverstanden sein.«

»Du wirst deine Tochter doch nicht verstoßen wollen?« fragte Tusnelda ängstlich.

»Nein,« erwiderte Herr Blechschmied, »das werde ich bleiben lassen.«

»Oder willst du den Welschen dem Arm der strafenden Gerechtigkeit übergeben?«

»Auch das nicht, liebe Schwester; ich habe einen andern Ausweg gefunden,«

»Nun, so laß hören, was du beabsichtigst, du bist der Herr im Hause und als Vater der betörten Tochter mußt du wissen, was du zu tun hast.«

»Es freut mich, dich so vernünftig reden zu hören,« entgegnete Herr Blechschmied und öffnete die Tür. »Kommt herein, Kinder,« rief er, und Carlo trat mit der freudestrahlenden Emma in das Zimmer.

»Hier, liebe Schwester,« sagte Herr Blechschmied mit feierlicher Stimme, »hier stelle ich dir Herrn Signor Carlo Vicenzi als Bräutigam meiner Tochter Emma vor.«

Tante Tusnelda stand wie versteinert.

»Aber ums Himmels willen, Leberecht,« stieß sie hervor; da flog ihr Emma an den Hals und erstickte ihre Worte durch Küsse.

Der kluge Meister aber zog seinen zukünftigen Schwiegersohn schnell aus der Stube und sprach draußen zu ihm: »Laß nur das Mädel machen. Sie wird am besten mit meiner Schwester fertig. Und, mein lieber Junge, mach dir nichts draus, wenn sie, meine Schwester nämlich, dich anfangs ein bißchen schief ansieht. Du weißt, sie hat ihre Schrullen. Später wird sie noch deine beste Freundin, ich kenne sie. Daß du mir der liebste Schwiegersohn bist, den ich mir denken kann, das hab' ich dir schon vorhin gesagt, und an meinem Sohn, dem Doktor, der das Buch über die Trichinen geschrieben hat, bekommst du einen Schwager, der sich gewaschen hat.«


Die Verlobung wurde vorläufig nicht publiziert, denn sobald es in Hackelburg bekannt geworden wäre, daß Fräulein Emma Blechschmied und der Italiener Brautleute seien, hätte letzterer nach der guten alten Sitte nicht länger unter einem Dach mit seiner Verlobten wohnen dürfen. Nun aber beabsichtigte Herr Blechschmied mit Carlo eine Reise nach Verona anzutreten, um mit dem Vater Antonio Vicenzi, der seine Zustimmung zu der Verbindung bereits auf telegraphischem Wege gegeben hatte, verschiedene wichtige Angelegenheiten ins reine zu bringen – und wegen der paar Tage, meinte Herr Blechschmied, verlohne es sich nicht der Mühe, daß Carlo ein anderes Quartier beziehe. Die Verlobung wurde also, wie gesagt, geheimgehalten.

Tante Tusnelda hielt sich wieder zurückgezogen. Gegen das Fait accompli konnte sie nichts mehr ausrichten und so ließ sie es denn bei einem energischen Protest, den ihr Bruder mit Gleichmut zur Kenntnis nahm, bewenden. Für ihr Epos wurde das Ereignis von Bedeutung, Tusnelda flocht nämlich in das Gedicht eine Episode, wie eine Nichte der Cheruskerfürstin zu dem römischen Centurio Titus in Liebe entbrennt und von diesem auf das schmählichste betrogen wird. Tusnelda suchte sich, wie Goethe, die fatale Geschichte aus dem Sinn zu schreiben.

Die bräutliche Stimmung der blonden Emma unterlassen wir zu schildern. Fröhlich wie eine Heidelerche und geschäftig wie eine Biene flog sie umher; es gab viel zu tun, denn der Vater, der selten über die Grenzen seines engern Vaterlandes hinausgekommen war, rüstete sich zu der bevorstehenden Reise wie zu einer Expedition nach Zentralafrika. Es gab Einkäufe aller Art zu machen, und da Tante Tusnelda prinzipiell keine Hand regte, so blieb die Sorge für Blechschmieds Reiseausstattung der Tochter allein überlassen. Auch ließ sich Emma noch in aller Eile photographieren, denn Carlo mußte doch dem Vater seine Braut wenigstens im Bild zeigen können – kurzum, sie hatte alle Hände voll zu tun.

Eben jetzt war der neue Reisekoffer, den Emma selbst ausgesucht hatte, ins Haus gebracht worden, und Emma lief, um ihren Vater zu rufen, damit er das Stück begutachtete.

Ihr Weg führte sie am Zimmer ihres Verlobten vorüber, und da die Tür offen stand, so unterließ sie es nicht, einen Blick in das Innere zu werfen. Carlo war nicht anwesend. Auf dem Tisch lag ein Bogen Papier, offenbar ein angefangener Brief – und von verzeihlicher Neugier getrieben, schlich sich das Mädchen näher, um zu sehen, was und an wen Carlo schreibe. – –

Tusnelda stand vor ihrem Schreibtisch. Sie las mit lauter Stimme die Verse, die sie soeben zu Papier gebracht:

»Trauernd vernahm es Tusnelda, die Hehre,
Trat zu der törichten Tochter des Bruders,
warnte vergebens mit warnender Stimme:
Wonne verwandelt sich öfter in Weh!«

und bei jedem Liedstab klopfte sie mit der Papierschere auf die Tischplatte.

Da wurde die Tür stürmisch aufgerissen, Emma stürzte herein und warf sich an den Busen der Dichterin. »Ach, Tante!« rief sie verzweiflungsvoll aus – »ach, Tante, hätte ich auf dich gehört! O, der Falsche, der Schändliche!«

»Ha!« rief Tusnelda und faßte die Papierschere fester, »hat er die Maske endlich fallen lassen, der tückische Welsche? – Er hat ein Attentat auf deine Ehre versucht, er verfolgt dich? – Sprich, mein Kind. – Du bist bei Tusnelda, deiner Tante, und Tusnelda wird dich zu schützen wissen.«

Das Auge der Sprecherin flammte, ihre Gestalt wuchs um mehrere Zoll.

»Nein, Tante, das war's nicht. – O, ich kann's kaum sagen – der Verräter hat –«

»Was hat der Elende?«

»Eine zweite Geliebte!« stieß Emma hervor und weinte, daß es einen Stein in der Erde hätte erbarmen müssen.

»O du Unglückliche!« rief Tusnelda aus und strich dem zitternden Mädchen liebreich über die blonden Flechten. »Meine Ahnung hat mich nicht betrogen. Armes, armes Kind! – Aber woher ums Himmels willen kam dir die entsetzliche Kunde?«

»Ich habe die sichersten Beweise,« schluchzte Emma.

Tante Tusnelda ging, aufs höchste erregt, im Zimmer auf und ab.

»Ha!« rief sie aus – »ich sehe sie mit dem geistigen Auge, die glutäugige Italienerin mit den schwarzen Locken, wie sie, die Mandoline im Arm, hingegossen auf eine Ottomane, unter der rebenumlaubten Veranda –«

»Hör auf, Tantchen, hör auf!« wimmerte Emma.

»Ich höre,« fuhr Tusnelda fort, »ich höre ihr diabolisches Lachen, wenn der falsche Veronese ihr erzählt von dem blonden deutschen Mädchen, mit dem er sein Spiel getrieben – wenn er Vergleiche anstellt zwischen dir und seiner Bianca oder Laura –«

»Nonna heißt sie,« stöhnte die arme Emma.

»So, also auch den Namen hast du erfahren? Gestehe, Kind, wie bist du hinter die Schliche des Nichtswürdigen gekommen?«

Unter Tränen sagte Emma aus, sie sei aus Neugierde in das offenstehende leere Zimmer ihres Verlobten getreten und habe daselbst einen angefangenen Brief vorgefunden.

»Die Überschrift,« berichtete sie weiter, »lautete ›Cara Nonna‹ und ›cara‹ heißt auf Deutsch ›teure‹, dann folgten ein paar Zeilen, die ich nicht verstand, in der zweiten Zeile aber stand das Wort ›Amore‹, das heißt auf Deutsch –«

»Liebe,« ergänzte Tusnelda mit dumpfer Stimme. »Ja, es ist kein Zweifel mehr, der tückische Welsche hat dich schmählich hintergangen, aber du sollst gerochen werden, so wahr ich Tusnelda Blechschmied heiße! Warte hier, mein armes Kind, ich werde für dich handeln!«

Sie entfernte sich und kam gleich darauf mit dem Corpus delicti, dem Brief an die »Cara Nonna«, zurück.

»In einem Fall wie der vorliegende, ist mein Handeln gerechtfertigt,« erklärte sie ihrer Nichte, die halb gebrochen in der Sofaecke lag.

»Was willst du tun?« fragte Emma.

»Das wirst du gleich sehen,« erwiderte Tusnelda.

Sie verließ abermals das Zimmer und kam nach einer Weile mit ihrem Bruder zurück. Es brauchte viel Zeit, bis Herr Blechschmied wußte, um was es sich handle; er war sehr bestürzt.

»Aber kann denn diese Person nicht am Ende eine Cousine sein oder etwas dergleichen?« fragte er. »Nein, nein,« schluchzte Emma, »er hat mir mehr als einmal erzählt, daß er weder Schwestern noch Cousinen habe, es kann nur seine Geliebte sein. O, ich bin das unglückseligste Geschöpf auf Gottes Erdboden!«

»Das bist du,« bestätigte Tante Tusnelda – »leider nicht ohne dein eigenes Verschulden. Doch Vorwürfe sind jetzt nicht am Platz. – Jetzt, Leberecht, ist es an dir, den verräterischen Welschen zu entlarven und zur Rechenschaft zu ziehen.«

Herr Blechschmied konnte das Ungeheuerliche noch nicht recht fassen. Sollte der Junge, den er so liebgewonnen, fast so lieb wie seinen Sohn, der das Buch über die Trichinen geschrieben hatte, – sollte Carlo wirklich so bodenlos schlecht sein? Nein, das traut er dem Jungen nicht zu, – aber Aufklärung muß er haben, Carlo soll sich gegen die Anklage verteidigen, und wenn er dies nicht kann, dann – dann weiß Herr Blechschmied nicht, was er dem Kerl antut. Er ballte die Fäuste und rollte die Augen.

»Carlo soll augenblicklich hierher kommen!« befahl er, und Tusnelda ging, um den Verbrecher holen zu lassen.

Der junge Mann kam und machte ein sehr verdutztes Gesicht, als er die strenge Miene des Geschwisterpaares und seine Braut in Tränen sah.

»Was ist denn geschehen?« fragte er besorgt. »Meiner Emma ist doch nichts zugestoßen?«

»Hm,« räusperte sich Herr Blechschmied, »zugestoßen ist ihr allerdings etwas.« Er machte einen Schritt gegen Carlo, so daß er dicht vor ihm stand. »Hat der Herr Signor ein gutes Gewissen, so sehe Er mir einmal in die Augen, ohne zu zwinkern!«

Der ob dieses Ansuchens hoch erstaunte Carlo tat wie ihm geheißen.

»Das ist ein hartgesottener Sünder,« dachte Tusnelda.

»Er hat eine Geliebte!« donnerte Herr Blechschmied.

Carlo wandte sein Gesicht nach Emma.

»Diese meine ich nicht,« fuhr der Meister fort. »Er hat noch eine zweite, eine Italienerin, mit der Er fortwährend in Korrespondenz steht. – Nur nicht geleugnet! Wir wissen alles!«

»Aber, verehrter Herr Blechschmied, wie kommen Sie auf diesen Gedanken?«

»Tusnelda,« herrschte der Meister, »tritt vor und sage es ihm ins Gesicht!«

Tusnelda richtete sich in ihrer ganzen Größe auf; majestätischer konnte die Cheruskerfürstin nicht ausgesehen haben.

»Wollen Sie es in Abrede stellen,« rief sie, »daß zwischen Ihnen und einer jungen Dame, einer Italienerin, ein Verhältnis besteht? Soll ich Ihnen den Beweis liefern?«

»Den möchte ich allerdings sehen,« entgegnete Carlo.

»Wohlan, hier ist er!« sprach Tusnelda und reichte dem Missetäter den verhängnisvollen Brief hin. »Werden Sie auch jetzt noch leugnen?«

Carlo griff hastig nach dem dargereichten Blatt, warf einen Blick auf dasselbe und lachte laut auf.

»O Gott, er ist wahnsinnig geworden!« schrie Emma, »o der Bejammernswerte!«

Die Geschwister standen erstarrt.

Noch immer lachend wandte sich Carlo, Herr Blechschmied aber stellte sich breitspurig vor den Ausgang.

»Hoho, Herr Signor,« rief er mit zorniger Stimme, »aus dem Ausreißen wird nichts – dageblieben und Rede gestanden!«

Carlo schien auch gar nicht an Flucht zu denken; er schritt nach der Wand, wo sich ein Büchergestell befand, nahm einen Band heraus und fing an darin zu blättern. Mit sprachlosem Erstaunen sahen die drei Personen dem Gebaren des jungen Mannes zu und auch in Herrn Blechschmied stieg der Gedanke auf, der Italiener habe plötzlich den Verstand verloren. Jetzt schien Carlo gefunden zu haben, was er suchte. Er trat auf Tusnelda zu und reichte ihr ein aufgeschlagenes Buch; es war das italienische Diktionär.

»Bitte, mein Fräulein, lesen Sie dies,« sagte er und deutete mit dem Finger auf eine Stelle.

Verwundert empfing Tante Tusnelda das Buch und las: » Nonna = Avola, f., Großmutter.«

»Also an deine Großmutter ist der Brief gerichtet, mein Junge?« schrie Herr Blechschmied.

»Ja, an meine liebe, alte Großmutter,« bestätigte Carlo, »der ich mein Glück mitteilen wollte.«

In seiner Freude packte der Meister den jungen Mann an den Schultern und schüttelte ihn wie einen Zwetschgenbaum.

»Ihr aber,« wandte er sich zu Schwester und Tochter, »seid zwei Gä–«

Ein Hustenanfall des gefälligen Schwiegersohnes verhinderte die Damen, den ihnen verliehenen Ehrentitel zu vernehmen. Tusnelda stand ein paar Augenblicke lang da wie ein Steinbild, dann warf sie das Wörterbuch auf den Tisch und rauschte mit einem wütenden Blick auf die Zurückbleibenden aus dem Zimmer. Emma aber näherte sich mit gesenktem Kopf ihrem Verlobten und fragte leise: »Carlo, mein geliebter Carlo, bist du mir böse?«

»Nicht länger blieben sie stehen,
Das eine vom andern fern.
Was weiter nun geschehen,
Das wüßtet ihr wohl gern?

Und wollt' es ein Mädchen wissen,
Dem tät' ich's plötzlich kund.
Dürft' ich sie umfahn und küssen
Auf den rosenroten Mund.«

Der geneigte Leser erinnert sich noch an das über dem Tore des »goldenen Hackmessers« angebrachte Schild, auf welches wir ihn beim Beginn unserer Wurstgeschichte aufmerksam machten. Zu Verona an einem Hause der Via Montebello hängt das Schwesterschild, doch nimmt auf diesem der Name des Signor Carlo Vicenzi den ersten, der des Herrn Leberecht Blechschmied den zweiten Platz ein. Die Fusion der beiden Geschäfte fand gleichzeitig mit der Hochzeit des jungen Paares statt und dem Brautvater fiel, als die neue Firmatafel aufgehißt wurde, ein zentnerschwerer Stein vom Herzen; jetzt erst durfte er, ohne Gewissensbisse zu verspüren, sagen, daß aus seinem Geschäft echte und gerechte Salami hervorgehen.

Am Tage nach der Trauung folgte Emma ihrem Gatten nach Italien, und wenn wir, von unserer Kunst als Erzähler Gebrauch machend, uns in diesem Augenblick in das Haus des Signor Carlo versetzen, so finden wir dort in einem kühlen Zimmer ein junges, rundliches Weibchen mit dicken, blonden Flechten, und eine alte Frau mit schneeweißen Haaren, welch letztere einen kleinen dicken Buben liebkost. Das ist die Nonna, welche einst ohne ihr Verschulden der jungen Frau eine fürchterliche Stunde bereitete. Der Knabe heißt Hermann oder, wie er in der Familie genannt wird, Arminio. Tante Tusnelda hat diese Bedingung gestellt, als sie bei dem Erstgeborenen ihrer Nichte Patenstelle vertrat.

Es ist nämlich eingetroffen, was Herr Blechschmied vorausgesagt hatte; seine Schwester hat mit Carlo Frieden geschlossen. Die musterhafte Aufführung des jungen Ehemannes und die zarte Aufmerksamkeit, die er seiner Gegnerin erwies, hatten wohl Anteil an dem Umschwung in ihrer Gesinnung, es kamen aber auch noch andere Motive hinzu.

Das Epos »Tusnelda« war endlich fertig geworden und, da kein Buchhändler Verständnis für diese Perle nationaler Dichtung zeigte, im Selbstverlag der Verfasserin erschienen. Die Kritik aber – doch schweigen wir von dieser unerquicklichen Angelegenheit – es sei nur so viel gesagt, daß Tusnelda mit der Bitterkeit eines verkannten Genies ihre Leier an den Nagel hing und ihre germanischen Studien plötzlich aufgab. Dem Vegetarianismus hatte sie schon zuvor entsagt, da ihre Taille trotz der magern Kost von Tag zu Tag an Umfang zunahm. Sie, Tusnelda nämlich, ist jetzt eine enthusiasmierte Verehrerin Schliemanns und hat kürzlich mehrere höchst beachtenswerte Aufsätze über den Schatz des Priamus im Hackelburger Tageblatt veröffentlicht. Auch eine Sammlung von Altertümern aller Art hat sie angelegt, und als ihr eine Einladung des Signor Carlo die Aussicht eröffnete, auf dem klassischen Boden Italiens ihre archäologischen Kenntnisse zu erweitern, so sagte sie zu und beglückte das junge Paar mit ihrem Besuch. In Verona schwand der letzte Rest des Vorurteils, welches sie gegen die Welschen im allgemeinen und Signor Carlo im besondern gehegt hatte, und sie blieb bei ihrer Nichte, bis diese eines Knaben genas.

Den Umstand, daß man ihrem Wunsche nachkam und dem Kleinen den Namen Hermanns des Cheruskerfürsten gab, betrachtete sie als einen glänzenden Sieg. Nach der Taufe (Tusnelda konnte das Kindergeschrei nicht gut vertragen) reiste sie mit zerbrochenen Krügen, Marmorbruchstücken und Münzen reich beladen wieder in ihre Heimat, nicht ohne ihrer Nichte das Versprechen abzunehmen, daß sie das zweite Kind, falls es ein Mädchen sei, Tusnelda nennen wolle.

Im »goldenen Hackmesser«, welches nach der Abreise des jungen Paares einigermaßen verödet war, geht es jetzt wieder laut her, denn der junge Blechschmied, der das Buch über die Trichinen geschrieben hat, wohnt mit seiner Frau und zwei Kindern darin. Der älteste Junge ist präsumtiver Nachfolger seines Großvaters, dessen Kräfte noch so jugendlich frisch sind, daß er nicht daran zweifelt, so lange das Regiment im »Hackmesser« führen zu können, bis der Enkel sein Meisterstück gemacht hat.

Eine besondere Genugtuung gewährt es Herrn Blechschmied, obwohl er nicht schadenfroh ist, daß die Metzgerei »zur Stadt Cincinnati« eingegangen ist. Der Gründer derselben hat unglücklich an der Börse spekuliert und lebt jetzt von dem Ertrag einer Frühstücksstube, in welcher – o Ironie des Schicksals! – Wurst aus dem »Hackmesser« zu haben ist.

Wenn der geneigte Leser einmal nach Hackelburg kommen sollte, so möge er nicht versäumen, jenes Restaurant zu besuchen; er wird sich alsdann von der Vortrefflichkeit der Blechschmiedschen Fabrikate und der buchstäblichen Wahrheit unserer Wurstgeschichte überzeugen können, denn letztere lebt in aller Hackelburger Gedächtnis.

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