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Aus der Jugendzeit

Rudolf Baumbach: Aus der Jugendzeit - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorRudolf Baumbach
titleAus der Jugendzeit
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
year1913
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Das Habichtsfräulein

Die Einöd ist ein langgestrecktes Dorf, welches in einem grünen Tal am Fuße des Donnersbergs gelegen ist. Letzterem gegenüber erheben sich die Spitzen des Bielsteins und des Drachenbergs, und ihre Vorspränge, deren einer mit den Trümmern einer Burg gekrönt ist, verengen das Tal stellenweise so sehr, daß der Bach, welcher es durchfließt, sich hin und her winden muß, um aus der Klemme herauszukommen. Es ist ein Winkel, wo sich nach dem landläufigen Ausdruck Fuchs und Hase gute Nacht sagen, und selbst in der nächsten Stadt wußte man von dem Ort lange Zeit nicht viel mehr, als daß er die schmackhaftesten Forellen des Gebirgs liefere.

Erst vor einigen Jahren wurde die Einöd sozusagen entdeckt; es kam nämlich ein gelehrter Mann in das Tal, von dem die Bauern bald heraus hatten, daß er ein Professor sei. Der Herr Professor, Werner war sein Name, kletterte auf allen Bergen herum, kroch in jede Hohle, beguckte jeden Stein, grub hie und da tiefe Löcher in den Boden und ließ sich Abends Lieder vorsingen und Geschichten erzählen. Dann reiste er nach Hause, und als er im folgenden Jahr wiederkam, brachte er dem Förster Ditmar, bei dem er gewohnt, ein Buch mit, welches er über die Einöd geschrieben hatte.

Kuriose Sachen waren darin zu lesen; da stand zum Beispiel, daß der sogenannte Hexentisch auf dem Donnersberg nichts anderes als ein Altar des Heidengottes Thor gewesen wäre, daß die Bewohner der Einöd ehemals Menschen und Pferde geschlachtet hätten und dergleichen haarsträubende Dinge mehr.

Der Förster hatte seine Freude an dem schnurrigen Zeug, und wenn er auch nicht alles glaubte, was der Verfasser behauptete, so gab er sich doch den Anschein, äußerte ja auch der Herr Professor seinerseits nie den gelindesten Zweifel hinsichtlich der Jagdgeschichten, welche ihm der Förster auftischte. Den Bauern der Einöd fiel das Buch nicht in die Hände, und das war gut, denn wer weiß, wie sie sich für die üble Nachrede bedankt haben würden. Und doch beruhte das, was der Gelehrte über das Tal geschrieben hatte, größtenteils auf Wahrheit. Wenn die drei Berge, die das Tal einschlossen, nur hätten sprechen wollen, sie würden noch ganz andere Dinge berichtet haben.

Es war einmal eine Zeit – der Drachenberg meint, es sei erst vorige Woche gewesen – da waren die Berge noch gar keine Berge, sondern drei kleine, erbärmliche Inselchen, und ringsherum brauste das Wasser, in welchem dreißig Schuh lange Eidechsen herumplätscherten und sich gegenseitig auffraßen.

Mit den Jahrtausenden wurden die Inselchen höher und höher, und die Eidechsen machten anderen, zierlicheren Geschöpfen Platz, wie Nashörnern und Elefanten, welche die Palmen und Farren des Bielsteins abweideten.

Wieder etwas später, als die Berge schon recht ansehnliche Bursche geworden waren, hausten unten im Tal kleine, dickköpfige Menschenkinder. Sie bauten sich Hütten mitten ins Wasser hinein und eröffneten den Krieg gegen die Torfschweine, Bären und Riesenhirsche. Hei, wie schmetterten die Steinbeile auf die Schädel der Bestien nieder, wie krachten die armsdicken Knochen der Bären zwischen den Kinnladen der Pfahlbauern!

Vorbei, vorbei! – Die plattköpfigen Männer verschwanden, und ein neues, hochgewachsenes Geschlecht mit hellen Augen tobte durch die Urwälder. Zischend flog der Wurfspieß in die Weichen des grimmen Schelchs und des Wisents, und aus den Hörnern des letzteren tranken die wilden Jäger am Feierabend schlechtes Bier. Damals wurde der Altar auf dem Donnersberg aufgerichtet, und in der Zwergenhöhle am Bielstein wohnte ein gelbhaariges Weib, vor dem die wilden Bewohner des Tales die Kniee beugten. In den heiligen Nächten rauchten die Opferaltäre von Blut, und dann zogen hoch über die Scheitel der Berge auf donnerndem Wagen die Asen, labten sich am aufsteigenden Duft und segneten das nebelige Land.

Das ging so eine Zeitlang fort. Eines Tages erschienen in dem Tal anders redende Männer. Ihr Haupt und ihre Brust waren in Erz gehüllt, und Adler wurden vor ihnen hergetragen, die blinkten im Sonnenlicht. Sie gebärdeten sich wie die Herren des Landes und zwangen die Einwohner zu hartem Dienst. Über den Rücken des Gebirgs hinweg bauten sie eine steinerne Straße und die Flüsse und Bäche überspannten sie mit hochbogigen Brücken. Immer neue Scharen der Fremdlinge rückten nach, und die starken, blauäugigen Männer mußten den klugen Eindringlingen, die von Mittag gekommen waren, dienen – bis sich eines Tags die Knechte erhoben und ihre Zwingherren bis auf den letzten Mann abschlachteten.

Dann wurde der Spieß umgekehrt; die Bewohner des Tales zogen mit Mann und Maus, Kind und Kegel gen Mittag und suchten ihre ehemaligen Unterdrücker im eigenen Land auf. Sie verheerten ihre Felder, verbrannten ihre Städte und zertrümmerten mit der Streitaxt ihre schönen weißen Götterbilder. Keinen von denen, die ausgezogen waren, sahen die alten Berge wieder, dafür aber rückten andere Männer nach und hausten in den Schluchten und Wäldern wie ihre Vorgänger lange, lange Jahre hindurch.

Wieder kamen Fremdlinge ins Land. Diesmal aber trugen die Ankömmlinge kein Erz auf der Brust, sondern langwallende Gewänder, und statt der Schwerter Kreuze in den Händen. Und die Fremden legten die Axt an die Eiche des Thor und verkündeten einen neuen Gott. Grollend verließen die Asen ihre Heimstatt, und die starken Männer beugten sich in Demut vor dem Kreuz, welches die Fremden aufrichteten. Andere kamen nach, wiesen ein Pergament vor und bauten am Fuß des Bielsteins ein steinernes Haus mit einem Turm, darinnen hing eine Glocke. Und sie zwangen die Ansässigen, von jedem Wild, das sie erjagten, von jedem Gerstenmaß, das sie ernteten, den zehnten Teil in das steinerne Haus abzuliefern.

Das ertrugen die Leute einige Zeit, dann machten sie sich auf, erschlugen die Mönche, rissen das Steinhaus nieder und richteten die Altäre der alten Götter wieder auf.

Da aber kam es herangezogen wie Ungewitter eiserne Männer auf gepanzerten Rossen, unzählig wie die Sterne am Himmel. Die drei Berge hallten wider von Kampfruf und Waffengeklirr. Hunderte wurden erschlagen und der Rest in das blutig gefärbte Wasser getrieben. Die wenigen, die heil ans andere Ufer kamen, waren, wie man ihnen sagte, aufs neue Christen geworden und mußten das steinerne Haus wieder aufbauen und sich vor dem Kreuz beugen. Auf dem Bielstein aber erhob sich ein zweites Steinhaus mit dicken Mauern, hohen Türmen und tiefen Kellern. Dort saß der Vogt des Landes mit seinen Knechten; der teilte den Wald und das Feld ein, zog Marken und Grenzsteine, erhob Zölle und sprach Gericht, und die Leute mußten's zufrieden sein.

Wieder verstrichen Jahrhunderte. Da entstand im Tale eine seltsame Bewegung. Die Tore der Burg öffneten sich und der Graf zog heraus mit seinen Mannen. Hell funkelte das Gewaffen und die Fähnlein flatterten lustig im Wind. Und der Bauer verließ seinen Pflug, der Schmied seinen Amboß, der Fischer sein Netz, um ihrem Herrn zu folgen. Auf dem Gewand trugen sie rote Kreuze, und statt der lustigen Klänge des Hifthorns erschollen Psalmen und Bußgesänge aus der Schar. Sie zogen aus dem Tal hinaus auf die Heerstraße, immer weiter, nach Welschland, über die See ins heiße Morgenland hinein, und die Berge sahen keinen wiederkehren.

Dann kam eine lustige Zeit. Auf der Habichtsburg saß ein ehrenfester Rittersmann, der sich den Teufel um den Landfrieden, um Kaiser und Reich kümmerte. War er nicht anderweitig beschäftigt, so lugte er von seinem Felsennest ins Tal hinab, wo sich eine holperige Straße durch Hohlweg und Geklüft hinzog. Und wenn die Kaufleute des Weges gezogen kamen, um ihre Pfeffersäcke auf die Messe zu bringen, da erklang ein Hörnlein von der Zinne, der Ritter stieß nieder auf das Krämerpack, wie der Habicht auf das Hühnervolk, und nahm sich, was er für den Hausbedarf brauchte. Er brauchte aber viel.

Wie gesagt, es war eine lustige Zeit, auch für die Bauern in der Einöd, namentlich für ihre Weiber und Töchter. Der Ritter war ein gar spaßhafter Herr und veranstaltete seinen Hörigen allerhand Kurzweil, lustige Jagden, wobei die Hufe der Rosse die Maulwurfshaufen auf den Feldern auseinandertraten, Wettrennen, bei welchen der größern Sicherheit halber der Reiter auf den Hirsch festgeschmiedet wurde und dergleichen mehr.

Undank ist der Welt Lohn. Die Bauern, die nur wenig Verständnis für die väterliche Liebe ihres Herrn hatten, rotteten sich eines Tages zusammen und zogen mit ihren Sensen und Morgensternen vor die Habichtsburg. Der rote Hahn schwang seine Flügel und Ritter und Troßbub fanden ihr Grab unter den Trümmern des Felsennestes.

Dafür wurden später die aufständischen Bauern geköpft, gerädert und gevierteilt. Die alten Berge hatten das kommen sehen und schauten mit Gleichmut zu.

Sie haben noch manches Interessante in der Einöd wahrgenommen bis auf heute, denn viel ist seitdem über das Tal gekommen; ruhige Jahre und Kriegsnot, Mißernte, neue Steuern, Feuersbrünste, Einquartierung, Landesvermessung und eine projektierte Eisenbahn. Die Berge aber sind sich gleichgeblieben, und wenn auch ihre Rinde seit der Zeit, da die Pfahlbauern sich ihre Steinmesser an den Abhängen schlugen, etwas morsch und bröckelig geworden ist – die alten Herren können's schon noch ein paar Jahrtausende mit ansehen, ohne befürchten zu müssen, daß ihnen der Regen durch den Paletot dringt.

Da stehen sie also, Donnersberg, Bielstein und Drachenberg, blicken nieder in das grüne Tal und denken der Vergangenheit. Man sollte fast meinen, daß ihnen die Zeit lang wird. Am Tag vielleicht, aber Nachts sicherlich nicht, denn da beginnt ein sonderbares Regen in den Schluchten und Wäldern.

Die versteinerten Knochen am Drachenberg fügen sich zusammen und die ungefügen Saurier spielen um die Felsen wie vor Jahrtausenden. In der Zwergenhöhle wird's lebendig; die dickköpfigen Männchen kommen an die Luft und breiten ihren sorgsam gehüteten Hort im Mondschein aus. Droben am Hexentisch sitzen riesige Männer in Tierfelle gekleidet und durch die Luft ziehen brausend und sausend die entthronten Asen. »Das ist die wilde Jagd,« sagen die einfältigen Bauern. – Und wenn im fernen Norden der Götterzug verschwunden ist, dann gleitet es schattenhaft auf der Römerstraße einher; die Adler und die Panzer blinken im Mondlicht, aber die Waffen klirren nicht, der Huf der Rosse schallt nicht auf dem Steine. Unabsehbar ist der Zug, der endlich in Nebel zerfließt. Unten im Tal, in der Klosterruine, wandelt langsamen Schrittes durch Gebüsch und Farnkraut ein Mönch; er sucht etwas unter den Trümmern und verschwindet gegen Morgen hinter einer verborgenen Türe. Drüben aber auf der Habichtsburg sitzt eine schöne, bleiche Jungfrau auf einem Stein; sie ringt die Hände und harrt dessen, der sie erlösen soll. Am lustigsten geht es auf einem Vorsprung des Donnersbergs zu. Dort, an der Stätte, wo ehemals der Rabenstein gestanden, tanzt eine ausgelassene Bande; das sind die einst gefürchteten Rädelsführer der aufständischen Bauern. Sie tragen teilweise die Köpfe unter dem Arm und ihre zerbrochenen Gebeine klappern den Takt. So unterhält man sich in der Einöd um Mitternacht, und die alten Berge schauen zu und würden beifällig mit dem Kopf nicken, wenn das ihr steifer Nacken zuließe.

Geehrter Leser! Wenn Du bis hierher gekommen bist und aus der Einleitung auf eine Gespenstergeschichte schließend nicht weiter liest, so bringst du dich um einen großen Genuß. Lies also geduldig noch ein paar Zeilen weiter, und du wirst dich sofort überzeugen, daß die Personen, die ich dir vorzuführen gedenke, Fleisch und Bein, Kattunkleider und Tuchröcke, kurz alles besitzen, was ein anständiges Gespenst als weltlichen Tand verschmäht.

Die Häuser der Einöd stehen zerstreut und ziehen sich am Berg hinauf bis dahin, wo der Wald der Wiesenkultur eine Schranke zieht. Dort steht das größte und freundlichste Haus des Dorfes, und das Hirschgeweih am Giebel belehrt uns, daß hier die Försterwohnung ist. Scheune und Schuppen, sowie Stallungen sind auch vorhanden und mit dem Wohnhaus durch einen kleinen Garten verbunden, in welchem Liebstöckel, Fuchsschwanz, Eibisch und Nelken, die gewöhnlichen Zierpflanzen der Bauerngärten, ihre Häupter über das unscheinbare Gemüse emporheben.

Es war ein Junimorgen, und die Sonne, die in diesem Monat viel zu schaffen hat, war bereits seit einigen Stunden auf dem Weg. Im Försterhaus rief der Kuckuck der Schwarzwälderuhr sechsmal. Mit dem letzten Ruf öffnete sich die Tür und heraus sprangen eins, zwei, drei, vier Kinder, zwei Jungen und zwei Mädchen, welche sämtlich Bücher und Schiefertafeln unter dem Arm trugen. Zuletzt kam noch ein Mädchen, das war offenbar nicht mehr im schulpflichtigen Alter. Dafür sprachen die jungfräulichen Formen, welche die eckigen Linien der Backfischperiode bereits überall siegreich zurückgedrängt hatten, und überdies das lange Kattunkleid, welches bis auf die Füße herabreichte. Ob die Füße Füßchen, das heißt klein und zierlich waren, ließen die derben Lederschuhe, offenbar aus der Hand des Dorfkünstlers hervorgegangen, nicht erkennen.

»Gebt in der Schule hübsch acht!« sagte das Mädchen, »und ihr, Jungen, rauft euch nicht auf dem Heimweg! Wenn wieder einer seine Schiefertafel zerbricht, so kaufe ich ihm keine neue, sondern sag's dem Vater, und dann setzt's einen Katzenkopf!«

»Adjes, Ev'!« riefen die Kinder und sprangen den Abhang hinunter, daß die Schwämmchen, welche an ihren Tafeln mit langen Bindfäden befestigt waren, lustig hin und her flogen. Eva, die ältere Schwester des kleinen Volkes, rief ihnen zwar nach: »Langsam, langsam!«, aber ihre Stimme verhallte ungehört.

Sie ging in das Haus und kam zurück mit einem Leintuch über dem Kopf und einem verdeckten Speisekorb am Arm. Hinter ihr in der Tür wurde ein Mann sichtbar, das war der Förster Ditmar, der Vater der Kinder. Er war groß und breitschultrig, sein rötlicher Bart reichte in zwei Spitzen bis auf die Brust herab, und hätte er statt der grauen Joppe ein Bärenfell getragen, der Donnersberg würde bei seinem Anblick geglaubt haben, die guten alten Zeiten, da noch der Altar des Thor von Opferblut rauchte, seien zurückgekehrt.

Der Förster hielt eine Feder in der Hand, denn er mußte einen Brief an seine Behörde aufsetzen, was, beiläufig gesagt, nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen gehörte. Jetzt nahm er die Feder zwischen die bärtigen Lippen, legte beide Hände auf die Schultern seines Kindes und sah ihr in die blauen Augen, dann strich er ihr behutsam, als fürchte er, dem lieben Geschöpf weh zu tun, mit der Rechten über den Kopf und sagte mit tiefer Stimme: »Mach's gut, Eva!«

Eva stellte sich auf die Zehen, der Förster ließ die Feder los und küßte seine Tochter auf den Mund. Dann zog sie die Schleife ihres Kopftuches fester und schritt den Berg hinan.

Dort besaß der Förster eine Waldwiese, welche heute gemäht wurde, und die Wiese war Evas Ziel. Der Vater schaute ihr nach, bis ihr lichtes Kleid hinter den Baumstämmen verschwunden war, hob dann die Feder auf und ging zu seiner Schreiberei zurück.

Eva war der Liebling ihres Vaters. Er hatte das Opfer gebracht, ihr eine bessere Erziehung geben zu lassen, als dies in der Einöd möglich war. Seit Weihnachten war sie aus dem nächsten Städtchen, wo sie drei Jahre lang mit einer Büchertasche alle Morgen in das Institut der Mamsell Winter gegangen war, zurückgekehrt und besorgte nun im Verein mit einer ältern Verwandten dem Vater die Wirtschaft. Die Mutter ruhte schon seit Jahren auf dem Donnersberg.


Wenn einer, sei es durch Abstammung, sei es durch Entschließung der Gemeinde, Bürger oder vielmehr Nachbar in der Einöd wird, so erhält er neben vielen anderen schätzenswerten Rechten auch die Erlaubnis, an drei Wochentagen, Dienstag, Donnerstag und Sonnabend, dürres Holz in den Gemeindewaldungen zu sammeln, eine Einrichtung, die nicht nur in der Einöd, sondern im ganzen Land besteht.

In Frankreich, wo sich die Armen einer gleichen Vergünstigung erfreuen, verehrt man als Urheberin derselben die gute Königin Blanche. In Deutschland kennt das Volk den, der die wohltätige Einrichtung getroffen hat, nicht, und wenn es seinen Namen wüßte, so würde es kaum in Liebe seiner gedenken, denn es glaubt nicht nur auf das dürre Holz, sondern auf den ganzen Wald Anspruch zu haben. Wald und Wild ist frei – diese Ansicht wurzelt fest und wird von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzt. Der Waldfrevler, der sich schämen würde, einen Pfennig zu stehlen, macht sich kein Gewissen daraus, mit der Holzaxt in den Wald zu schleichen und sich zu holen, was ihm beliebt; und wenn er von seinem Feind, dem Förster, ertappt und vom Gericht ins Loch gesteckt wird, so schadet die Strafe seinem guten Ruf ebensowenig, wie der Karzer dem des Studenten.

Die Bewohner der Einöd standen hinsichtlich des Waldfrevels in keinem besonders guten Ruf und die Forstbeamten hatten mit den Holzdieben ihre liebe Not.

Auch heute war dafür gesorgt, daß jemand den Holzsuchern auf die Finger sehe, damit sie nicht Klafterscheite für dürre Aste nahmen und dieselben künstlich unter Reisig versteckt auf ihren Schubkarren entführten.

Auf einem der vielen Pfade, die den Tannenwald des Bielsteins durchkreuzen, schritt ein junger Jäger bergan. Er war hochgewachsen, und die ausgebildete Muskulatur seines Körpers, die einen Bildhauer in Ekstase versetzt haben würde, ließ auf eine ungewöhnliche Kraft schließen. Sein regelmäßiges Gesicht trug den Ausdruck der Offenheit und der Gutmütigkeit, und dies im Verein mit seinem elastischen Gang verliehen ihm trotz seiner Stämmigkeit etwas Knabenhaftes. Er war mit einem Wort ein prächtiger Bursche, und das schien er auch zu wissen, denn er hatte auf sein Äußeres offenbar viel Sorgfalt verwendet. Seine graue Joppe mit dem grünen Kragen und seine mit einer Spielhahnfeder geschmückte Mütze waren von feinem Tuch, seine Büchsflinte, sein Weidmesser und die kleine Holzpfeife zeigten eine Eleganz, die man sonst nur bei Sonntagsjägern antrifft. Wer aber nach dem ersten Eindruck auf einen solchen hätte schließen wollen, den mußte ein Blick auf die rote Saffianbrieftasche, die drohend aus der Joppe hervorschaute, bald eines Bessern belehren, und wir können, so leid es uns tut, dem Leser nicht verhehlen, daß der junge Jägersmann in diesem Augenblick ein Stück Waldpolizei repräsentiert.

Die Waldpolizei machte ein sehr wichtiges Gesicht, zuweilen blieb der Jäger stehen und lauschte in den Wald hinein, ob sich nicht irgend ein verdächtiges Geräusch vernehmen lasse, und in der Tat ließ ein solches auch nicht lange auf sich warten. Aus dem Dickicht drang ein Ton, wie ihn ein brechender Ast von sich gibt, und der wilde Jäger schlug alsbald die angezeigte Richtung ein.

Er war noch nicht weit gegangen, als er eine Gestalt entdeckte, die mit einem langen Haken einen dürren Ast von einer Tanne herunter zu reißen bemüht war. Das war erlaubt, aber der Jäger schritt nichtsdestoweniger näher.

Die Gestalt erwies sich als ein kleiner, alter Mann. Er zog die abgegriffene Mütze vom Kopf und sagte mit demütigem Ton: »Weidmannsheil, Herr Förster!«

Der wilde Jäger, dem diese Anrede nicht übel gefiel, griff gleichfalls an seine Mütze und erwiderte herablassend: »Guten Morgen, Friederle,« und mit einer gnädigen Handbewegung fügte er hinzu: »Setzt nur auf,« worauf der Alte sein Haupt wieder bedeckte.

Der Weidmann ging prüfend um den Schubkarren herum, auf welchen der Alte das gesammelte Holz gepackt hatte, fand aber nichts Verdächtiges.

»Ihr habt doch keine Axt bei Euch?« fragte er.

»Gott soll mich bewahren!« versetzte der Friederle; »ich eine Axt! Ein alter Soldat tut nichts Ungesetzliches, denn es steht geschrieben: Seid Untertan eurer Obrigkeit, die Gewalt über euch hat, wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet und hätte sie Flügel der Morgenröte.«

»Ihr seid ja erstaunlich bibelfest,« bemerkte der junge Mann.

»Das kommt davon, Herr Förster, weil ich früher Totengräber gewesen bin; da hört man, was der Herr Pfarrer an den Gräbern spricht, und da bleibt einem manches im Kopf hängen. Aber, Herr Förster, Sie rauchen einen verflucht feinen Tabak; das ist kein schwarzer Reuter, gelt? Leichter Portoriko, he? Ja, so was kommt freilich nicht an unsereinen. Na, wenn's Ihnen nur schmeckt, Herr Förster!«

Der wilde Jäger lächelte, dann zog er einen mit Eichenlaub gestickten Tabaksbeutel aus der Tasche und reichte ihn dem Alten. »Da stopft Euch eine,« sagte er in huldvollem Ton, und der Friederle tat, wie ihm geheißen.

»Ja, das ist ein Kraut,« schmunzelte er, nachdem er seinen mächtigen Maserkopf in Brand gesteckt hatte. »Jetzt noch ein Glas Schnaps und ein Stück Brot und dann einen, der mir meinen Schubkarren nach Hause fährt, und zu Hause eine ordentliche Mahlzeit auf dem Tisch und ein Federbett und eine Räubergeschichte zum Lesen, weiter hätte ich keinen Wunsch auf Erden, denn so ihr Nahrung und Kleidung habet, so lasset euch genügen, denn die da reich werden wollen, die fallen in Versuchung und Stricke und lauter törichte und schädliche Lüste, wie geschrieben steht Matthäi am letzten, der da hütete die Schafe seines Vaters und konnte doch seiner Länge keine Elle zusetzen–« »Hört auf, hört auf!« rief der Jäger lachend, »Übrigens kann ich Euch einen Eurer Wünsche erfüllen.« Er schnallte seine Jagdtasche auf und entnahm derselben Brot und Wurst, sowie eine kleine Flasche. »Jetzt setzt Euch, Friederle,« fuhr er fort, »Ihr seid von mir zum Frühstück eingeladen.«

»O, der junge Herr Förster ist außerordentlich gnädig; ich habe zwar erst gestern gegessen, aber ich will keine Umstände machen; eure Rede sei ja ja, nein nein, was darüber ist, ist vom Übel! Also ich sage ja, Herr Förster.«

So sprach der Alte und setzte sich aufs Moos nieder. Der Jäger tat's ihm nach und teilte das Essen in zwei gleiche Teile.

»Was habt Ihr denn da in dem Tuch?« fragte er sein Gegenüber, während dieses beschäftigt war, mit den Resten seines Gebisses das etwas harte Brot zu zermalmen.

»Das sind Johannishände.«

»Johannishände? Was ist das?«

Als Antwort löste der Friederle den Knoten des Tuches und zeigte dem neugierigen Jäger eine Anzahl handförmiger Wurzelknollen.

»Das sind Johannishände?« Der Friederle nickte.

»Warum haben sie diesen Namen?«

»Weil man sie in der Johannisnacht graben muß, wenn sie wirksam sein sollen. So eine Johannishand bringt Glück ins Haus und Geld in die Tasche, darum trage ich seit zwanzig Jahren eine bei mir und –«

»Und ist das Glück noch nicht bei Euch eingekehrt?«

»Bis jetzt noch nicht, aber es kommt schon, vielleicht wenn ich einmal alt bin.«

Der junge Weidmann verbiß das Lachen, als er das gebrechliche Männchen so sprechen hörte, und sagte mit strafendem Ton: »Ei, ei, Friederle, wer wird so abergläubisch sein!«

»Abergläubisch?« erwiderte der Alte, »ja, so heißen sie's. Wer aber, wie ich, Totengräber gewesen ist, der spricht anders. Irret euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten, denn ein Kamel geht leichter durch ein Nadelöhr, als zwei Rehzwillinge, die unter Rosen weiden –«

Der Jäger unterbrach ungeduldig den Sermon. »Bleibt bei der Sache, Friederle! Was für Erfahrungen habt Ihr als Totengräber gemacht?«

»Das sag' ich nicht,« versetzte der Alte wichtig und schälte seinen Wurstanteil, »übrigens braucht man nicht Totengräber zu sein, um merkwürdige Dinge sehen zu können. Sind sie schon einmal Nachts im Wald gewesen?«

»Das will ich meinen,« antwortete der Jäger mit einem verächtlichen Lächeln, »aber außer Eulen, Spitzbuben und hin und wieder einem Fuchs ist da nichts zu spüren.«

»Na, na,« schüttelte der Friederle. »Man erzählt sich so allerlei, und wenn ich's auch nicht vor Gericht beschwören kann, so weiß ich doch, was ich weiß. Da ist zum Exempel dort oben die Habichtsburg. Ich bin heute nacht in der Nähe gewesen, hab' mich aber wohl gehütet, meine Nase in Dinge zu stecken, die mich nichts angehen. Denn gerade jetzt in der Sonnwendzeit ist alles los und ledig, und das Habichtsfräulein geht ungeniert im Wald um, wie ein Stadtfräulein, das eine Landpartie macht, wie sie's heißen.«

»Was ist das für eine Geschichte von dem Habichtsfräulein?« fragte der Jäger gespannt.

»Ach, du lieber Himmel, kennt der Herr Förster das Habichtsfräulein nicht? Ja, Sie sind freilich noch nicht lange in der hiesigen Gegend. Das Habichtsfräulein also – ist noch ein Tropfen in der Flasche? Danke gehorsamst, Herr Förster – das Habichtsfräulein ist ein Gespenst, von denen geschrieben steht: Sie säen nicht, sie spinnen nicht und sammeln nicht in die Scheunen, sie gehen herum wie die brüllenden Löwen und suchen –«

»Laßt Euer Gefasel!« sprach ärgerlich der Jäger, »und sagt, was Ihr wißt.«

»Das Habichtsfräulein also,« hub der Alte wieder an, »ist ein Gespenst mit einem Gesicht wie Spinnenweben und einem weißen Kleid mit Kartäusernelken verposamentiert, was aber eigentlich Blutflecken sind, und es kann keine Ruhe im Grab finden, bis es einer erlöst. Es niest nämlich hundertmal, und wenn dann jemand hundertmal Gott helf' sagt, dann tut's einen gewaltigen Kracher und die Geschichte ist aus.«

»Das Erlösungswerk ist gerade nicht schwierig,« meinte der Jäger, »und es wundert mich, daß es bis jetzt noch keiner vollbracht hat.«

»Einer, ein Holzhauer,« fuhr der Friederle fort, »war einmal nahe dran. Er hatte bereits neunundneunzigmal Gott helf' gesagt, wie sie aber zum hundertstenmal geniest hat, da ist der Mann ungeduldig geworden und hat geschrien: ›Ei, so nies' du und der Teufel!‹ Und da war das arme Habichtsfräulein wieder verschwunden. Ein andermal hat auch einer das Niesen gehört und mit Gott helf' geantwortet, weil ihm aber das ewige Gotthelfsagen langweilig geworden ist, so hat er eine Abwechslung hineinbringen wollen und hat beim nächsten Nieser Prosit gerufen. Und da war's wieder nichts mit der Erlösung, denn die Gespenster können das Französische nicht leiden.«

Der Jäger lachte, fuhr aber im nächsten Augenblick zusammen, denn dicht neben ihm nieste jemand laut und vernehmlich.

»Gott helf'!« brüllte der Friederle und zitterte dabei am ganzen Leib.

»Hazi!« erklang es wieder aus den Wacholderbüschen, und der Alte antwortete, wie es sein mußte. Der junge Weidmann aber war aufgesprungen und blickte spähend nach der Stelle, von wo der Laut kam.

»Hazi!« erscholl es zum drittenmal, doch folgte diesmal dem Niesen ein schadenfrohes Kichern und aus den Büschen tauchte das Mädchen auf, dessen Bekanntschaft wir vorhin gemacht haben.

»Eva!« rief der Jäger halb ärgerlich, halb erfreut.

»Ach, das ist köstlich!« lachte Eva und schlug die Hände zusammen. »Das gibt eine Geschichte für den Vater und die Muhme. Nein, wie der Herr Forstgehilfe dasteht! O, Hans, wenn du dich nur sehen könntest!«

»Unband!« drohte der Jäger, »wart nur, die Strafe bleibt nicht aus – aber du denkst doch nicht, daß ich im Ernst geglaubt habe –«

»Wer weiß!« sagte Eva neckend. »Hast du nicht Gott helf' gerufen?«

»Der Friederle war's,« entgegnete der Jäger in entrüstetem Ton, »Friederle, bezeugt mir das!«

»Ja, Jungfer Evchen, es ist so,« gab der Alte zur Antwort. »Aber nehmen Sie mir's nicht übel, es ist nicht wohlgetan, mit solchen Dingen Spaß zu machen, das hat schon mancher bereut. Es steht geschrieben: Sitzet nicht, da die Spötter sitzen, denn ihnen wäre besser, man hinge ihnen einen Mühlstein an den Hals und versenkte sie ins Meer, allwo ist Heulen und Zähneklappern.«

Der alte Friederle brummte noch viel vor sich hin. Er war offenbar verstimmt darüber, daß sich das vermeintliche Habichtsfräulein als des Försters Tochter entpuppt hatte. Er hätte recht gern hundertmal Gott helf' gesagt, denn die Gespenster pflegen das Erlösungswerk nicht schlecht zu honorieren, und wenn das Honorar aus einer Handvoll Steine oder ein paar Tannenzapfen besteht, man fährt darum doch nicht schlecht, denn wenn man in seiner Behausung angekommen ist, haben sich Tannenzapfen und Steine in Gold verwandelt oder in Diamanten, groß wie die Hühnereier.

Da sich die beiden jungen Leute nicht weiter um den Friederle kümmerten, so wandte sich dieser, zumal da auch das Frühstück bis auf die Wurstschalen verzehrt war, wieder zu seiner Arbeit. Da aber ereignete sich etwas, was ein nicht eben günstiges Licht auf den Charakter des alten Friederle warf. Als er sich nämlich bückte, um das Holz auf dem Schubkarren mit einem Strick zu befestigen, fiel ihm ein kleines Beil aus der Jacke, wo er es beim Nahen des Jägers verborgen hatte. Er beeilte sich zwar, das verpönte Werkzeug wieder zu verstecken, aber es war zu spät. Die Forstpolizei sprang hinzu, ergriff es und rief: »Hab' ich dich, alter Spitzbube! Na warte, das soll dir angestrichen werden.«

»Herr, gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht!« rief der Friederle und hob flehend seine Hände empor. »Der Gerechte sündigt des Tages siebenmal – zeigen Sie mich nicht an, Herr Förster, ich will's gewiß nicht wieder tun.«

»Geh, Hans,« bat Eva, »gib dem Friederle sein Beil wieder und zeig ihn nicht an.«

»Geht nicht,« versetzte der wilde Jäger mit gerunzelter Stirn, während er den Namen des Straffälligen in seine blutrote Schreibtafel eintrug; »geht nicht, Strafe muß sein. Komm, Eva!« Damit schritt er voran.

Eva machte dem Alten ein beruhigendes Zeichen und folgte dem Jäger nach. Dieser hatte einen Augenblick daran gedacht, seiner Begleiterin den Korb abzunehmen, hatte sich aber noch zu rechter Zeit besonnen, daß dies für einen mit der blanken Wehr angetanen Forstmann nicht schicklich sei. Er erwies sich aber dadurch aufmerksam, daß er die über den Pfad hängenden Zweige zurückbog und auf diese Weise dem Mädchen den Weg bahnte.

»Du bist im ganzen genommen doch ein guter Kerl, Onkel Hans,« sagte Eva, seine Dienstfertigkeit anerkennend.

Über das Gesicht des Burschen flog ein Schatten. »Nenne mich nicht Onkel, Evchen, du weißt, daß ich das von dir nicht leiden kann.«

Eva lachte. »Das kann ich dir nicht erlassen,« sagte sie. »Du hast ja alles, was zu einem Onkel gehört, daß ich dich so nennen würde, auch wenn du nicht der Vetter meiner seligen Mutter wärest. Verschwendest du nicht dein halbes Einkommen in Lebzeiten und Hampelmännern für die Kinder? Und wenn du den Karl auf dem Knie reiten läßt und dazu mit deiner greulichen Stimme krähst:

›Troß, troß, trill, Der Bauer hat ein Füll' –‹

so muß man unwillkürlich denken, dem lieben Gott habe bei deiner Erschaffung das Urbild eines guten Onkels vorgeschwebt.«

Hans brummte etwas Unverständliches vor sich hin.

»Weißt du, Hans, worauf ich mich freue?« fuhr Eva fort.

»Auf eine neue Puppe vielleicht, du Kindskopf.«

»Geh! Nein, ich freue mich darauf, wenn ich einmal Großmutter bin. Denk dir, dann sitz' ich in einem großen Lehnstuhl und habe ein Kleid von großgeblümtem Kattun an und eine Haube mit einer mächtigen weißen Krause und vielleicht auch eine Schnupftabaksdose. Und meine Enkel spielen und lärmen um mich herum und ziehen mir die Nadeln aus dem Strickzeug und verschleppen meine Brille. Da geht die Tür auf und die Kinder schreien: ›Onkel Hans, Onkel Hans!‹ und hängen sich dir an die Rockschöße. Du bist natürlich, während ich Großmutter geworden bin, Urgroßonkel geworden, hast schneeweiße Haare und ein Doppelkinn und eine ellenhohe Halsbinde. Da greifst du in die Tasche und ziehst Hampelmänner hervor und Bleisoldaten und Puppen, für mich aber hast du ein Glas mit eingemachten Früchten oder sonst etwas mitgebracht. Und dann sitzen wir uns gegenüber, du hältst mir das Garn und ich erlaube dir, eine Pfeife anzuzünden, denn bis dahin hast du das Rauchen doch wohl ordentlich gelernt und es wird dir nicht mehr übel wie neulich. Dann unterhalten wir uns von der guten alten Zeit, und den Kindern erzählst du Jagdgeschichten aus dem Bielsteinwald und vom Habichtsfräulein und – was weiß ich –«

Der Jäger lachte und sein Gesicht hatte in diesem Augenblick in der Tat etwas onkelhaft Gutmütiges.

Der Pfad wurde jetzt steil und die Unterhaltung stockte. Bald drang das Rauschen eines Wassers an das Ohr der beiden jungen Leute und wenige Minuten später standen sie an einer Schlucht, in welcher der Bach, der die Einöd durchfließt, schäumend über die dunkelfarbigen Felsen hinweg sprang. Über den Bach führte ein Jägersteg, der nur aus einem roh behauenen Baumstamm bestand. Hier hielten die beiden an.

»Du gehst jetzt auf die Wiese,« sagte Hans, »und ich muß hinüber in den Schlag, wenn du eher nach Hause kommst als ich, so sag dem Vater, wo du mich getroffen hast.«

»Das soll geschehen. Aber, Hans, wie unordentlich du wieder einmal aussiehst. Komm her, ich will dir dein Halstuch ordentlich binden. Bück dich gefälligst, du Goliath!«

Hans schmunzelte und ließ sich das Halstuch in Ordnung bringen.

»Du bist ein liebes Ding, Eva,« sagte er herzlich.

»Und du bist mein guter Hans – aber eh' ich's vergesse, du mußt mir einen Gefallen tun.«

»Tausend für einen.«

»Gelt, Hans, du zeigst den armen Friederle nicht an? Du streichst seinen Namen wieder aus?«

»Geht nicht, geht nicht,« versetzte der Jäger und zog die Augenbrauen in die Höhe; »die Pflicht, das Gewissen! – Tut mir leid, aber es geht wahrhaftig nicht.«

»Tu's, Hans, ich will dich auch nicht mehr Onkel nennen.«

»Aber, Eva, du, die Tochter eines Försters, willst mich verleiten, meine Pflicht zu verletzen? Nein, Eva, daraus wird nichts.«

Das Mädchen warf trotzig die Lippen auf: »Onkel Hans, du mußt, ich zwinge dich.«

»Hoho!« lachte der wilde Jäger, »das wollen wir sehen.«

Ein Griff, ein Sprung und Eva stand auf dem Steg, der über den Bach führte, und hielt triumphierend die rote Brieftasche in die Höhe. Die Brücke ächzte und schwankte, aber das Försterkind stand fest und schwindelfrei und lachte, daß es laut durch den Wald hallte.

Es war ein herrlicher Anblick, die jungfräuliche Gestalt im hellen, flatternden Gewand hoch über dem finstern Abgrund, und Hans schaute bewundernd und schaudernd zugleich auf das furchtlose Mädchen.

»Komm,« bat er, »laß es gut sein, komm zurück, du bist in Gefahr.«

»Versprich mir, Hans, daß du den Friederle nicht anzeigen willst, oder ich werfe die Brieftasche in den Bach.«

In dem wilden Jäger regte sich der Trotz. »Tu's, Eva,« sprach er, »die Brieftasche wird wieder zu holen sein, ehe sie in das Meer schwimmt, und wenn nicht, so schadet es auch nichts, ich weiß den Namen des Spitzbuben auswendig.«

Eva ließ die Hand, welche die Brieftasche hielt, sinken. »Du bist unausstehlich, Onkel Hans,« sagte sie ärgerlich.

»Komm nur herüber,« mahnte der Jäger, »abtrotzen lasse ich mir nichts, aber vielleicht können wir uns vergleichen. So, da bist du. Zuerst – das ist die Vorbedingung – gibst du mir meine Brieftasche zurück.«

Die Bedingung wurde mit einem Seufzer erfüllt.

»Und nun gib acht!« fuhr Hans fort. »Ich verpflichte mich diesmal, aber nur diesmal, ein Auge zuzudrücken und Gnade für Recht ergehen zu lassen. Dafür versprichst du, Eva Ditmar, erstens unverbrüchliches Schweigen.«

»Zugestanden,« sagte Eva.

»Zweitens schwörst du, keiner Seele die heutige Habichtsfräuleingeschichte mitzuteilen.«

»Das ist hart,« seufzte Eva, »aber es sei.«

»Und drittens,« schloß der Jäger und seine Stimme wurde unsicher – »drittens gibst du mir einen Kuß.«

»Oho, mein Hänschen!« rief Eva entrüstet, »So einer bist du? Geh, schäm dich!«

»Warum soll ich mich schämen?« versetzte Hans mit gut angenommenem Biederton. »Was ist dabei Schlimmes, wenn ein Kind seinem Onkel einen Kuß gibt?«

»So,« erwiderte Eva, »muß jetzt auf einmal der Onkel herhalten? Nein, daraus wird nichts.«

»Eva,« sagte Hans, »du willst das kleine Opfer nicht bringen und verlangst von mir, daß ich mein Gewissen belaste! Gut – wie du willst. Der alte Friederle wird angezeigt und kommt drei Tage ins Loch, bei Wasser und Brot vermutlich, oder gar in Dunkelarrest mit Entziehung des weichen Lagers und einem Fasttag – was weiß ich. Dafür behältst du deinen Kuß und ich mein reines Gewissen. Unschuld und ein gut Gewissen sind ein sanftes Ruhekissen. Es ist besser so.«

Er steckte die Brieftasche ein und nickte zufrieden mit dem Kopf.

War es nun die Gefängnisschilderung des wilden Jägers oder etwas anderes, was Eva in ihrem Entschluß wanken machte, kurz, sie sagte mit einem Seufzer: »Hans, du bist fürchterlich – da – nun aber lösche den Namen aus und mache, daß du weiter kommst.«

Sie waren beide rot geworden, als die letzte Bedingung erfüllt wurde, und blickten sich scheu um; aber da war niemand, der hätte plaudern können.

Hans zog die verhängnisvolle Brieftasche noch einmal aus der Joppe und während er einen dicken Bleistiftstrich durch den Namen des Friederle machte, flog ein tyrannenhaftes Lächeln über sein gutmütiges Gesicht. So lächelt der asiatische Despot, wenn er seiner Fatme oder Suleika zuliebe ein paar Christenhunde begnadigt hat.

Eva nahm ihren Korb auf, um nun endlich die Wiese zu erreichen; Hans wandte sich, um dem Friederle mitzuteilen, daß er für diesmal Gnade walten lassen wolle.


Der Bielstein trennt die Einöd von einem breiten Paralleltal, in welchem der durch seine Industrie weit und breit bekannte Ort Kaltenbrunn liegt. Ehedem beschränkte sich die dortige Industrie auf die Verfertigung kunstloser Holzschnitzereien, seit einem Jahrzehnt aber, seitdem in dem Flecken eine Zeichenschule besteht, gehen aus den Händen der fleißigen Arbeiter wahre Kunstwerke hervor, und die ehemaligen Werkstätten führen jetzt den stolzen Namen Ateliers.

Wegen seiner freundlichen, gesunden Lage war Kaltenbrunn schon seit geraumer Zeit eine beliebte Sommerfrische und wurde namentlich von solchen Personen heimgesucht, deren bescheidene Mittel ihnen den kostspieligen Aufenthalt in einem Modebad unmöglich machten. Die Familien der in den benachbarten Städten angestellten Beamten, pensionierte Offiziere, alte, alleinstehende Junggesellen fanden in Kaltenbrunn gegen mäßige Bezahlung bequeme, stille Wohnungen, eine gesunde, reichliche Kost und überdies gratis Sauerstoff, soviel ihre Lungen aufnehmen konnten.

Jetzt ist es freilich anders geworden. Ein spekulativer Kopf kam nämlich auf den Gedanken, in Kaltenbrunn eine Badeanstalt zu gründen, und da trotz aller Bohrversuche keine Mineralquelle zum Vorschein kommen wollte, so mußten die Fichtennadeln, sowie das kalte Gebirgswasser herhalten, und die Kuranstalt war fertig. Das Etablissement war nicht ohne Geschmack angelegt. Es befand sich auf einer Anhöhe mit schönem Rundblick, und die Gartenanlagen, welche die Gebäude umgaben, zogen sich allmählich in den Wald hinein, wo es selbstverständlich an »schönen Aussichten«, »Elisen-, Sophien- und Emilienruhen« nicht fehlte. Schaukeln zur Belustigung der Kinder, eine Kegelbahn und ein Schießstand für die Erwachsenen waren gleichfalls vorhanden, und denen, welche größere Ausflüge in die Berge unternehmen wollten, standen ein paar Esel, wahre Hiobe von Geduld, jederzeit zur Verfügung. Erwähnen wir schließlich noch einiger schneeweißer Ziegen, welche angeblich die für die Molkenkur nötige Milch lieferten (sie wurde aber alle Morgen aus dem Flecken herbeigeschafft), so haben wir der Beschreibung der Anstalt nichts weiter hinzuzufügen, als daß sie es, abgesehen von einigen höchst gelungenen Kuren, glücklich so weit gebracht hatte, daß der Aufenthalt in Kaltenbrunn bereits ebenso kostspielig war als in einem Modebad. Kaltenbrunn war eben selbst in die Mode gekommen.

Die Perle des Tales war aber nicht die Badeanstalt, sondern das sogenannte italienische Schloß, wie es in der Gegend genannt wurde.

Vor einer Reihe von Jahren verbrachte der alte General von Helmhoff mit seiner wunderschönen Frau und einer zahlreichen Dienerschaft die Sommermonate in Kaltenbrunn, und kurz nach seiner Abreise ging die Rede, der General werde sich in der Nähe ein Landhaus bauen. Das Gerücht war auch nicht aus der Luft gegriffen. Es erschien bald ein Bevollmächtigter des Generals, der Rentmeister Stark, um ein Grundstück zu erwerben. Dann kamen Baumeister in das Tal und mit überraschender Schnelle erhob sich am Fuße des Bielsteins ein Landhaus in italienischem Stil. Villa Feodora stand in goldenen Buchstaben über der Einfahrt, aber im Mund des Volks hieß das Haus das italienische Schloß, denn wie ein schimmerndes Märchenschloß, nicht wie ein Landhaus kam es den Kaltenbrunnern vor.

Als der Bau vollendet war und die Badesaison begonnen hatte, war man begreiflicherweise auf den Einzug der Herrschaft sehr gespannt, und die Spitzen von Kaltenbrunn hatten bereits viel über den dem General zu bereitenden Empfang debattiert; da erschien der Rentmeister Stark wieder, und von ihm erfuhr man, daß der General schwer leidend in Italien verweile und diesen Sommer nicht kommen werde. Die Villa blieb verschlossen; für das Instandhalten des Parkes aber wurde ein Gärtner angestellt, welcher mit seiner kleinen Familie das Wirtschaftsgebäude bezog, Da der Gärtner ein Fremder, das heißt nicht aus Kaltenbrunn, sondern ans der nächsten Stadt gebürtig war, so machten die Eingeborenen lange Gesichter, welch letztere jedoch wieder ihre gewöhnliche Rundung annahmen, als Herr Stark den alten Weber, einen einarmigen Invaliden, der der Gemeinde sehr zur Last war, als Parkwächter anstellte. Jetzt wohnte der alte Herr seit einem Jahr in dem italienischen Schloß, und man konnte ihn täglich sehen, wie er in einem langen, mit Medaillen gezierten Rock würdevoll im Garten umherwandelte. Wenn ein Neugieriger ihn nach der Herrschaft fragte, so zuckte er die Achseln und tat sehr wichtig, als ob es irgend ein Geheimnis zu bewahren gebe. Auch aus dem Gärtner war nicht viel über den General herauszubringen. Ob dieser in Italien oder anderswo lebe, wußte er ebensowenig wie der Invalide, war ihm auch dies völlig gleichgültig; er bezog regelmäßig seine Besoldung und so lebte er denn unter seinen Bäumen und Blumen ein behagliches Stilleben.

In diesem Sommer sollte Leben in das italienische Schloß kommen. Der Rentmeister erschien wieder in Kaltenbrunn und ließ die Villa in stand setzen für den Sommeraufenthalt der Generalin Feodore von Helmhoff. Der General war im letzten Winter in Nizza verschieden.

»Keine Empfangsfeierlichkeiten,« hatte der Rentmeister gesagt, »die gnädige Frau wünscht ganz zurückgezogen zu leben,« und das fanden die Kaltenbrunner in Anbetracht des Trauerfalls ganz begreiflich, wenn sie schon ein recht buntes Treiben im italienischen Schloß lieber gesehen hätten – denn da kommt Geld unter die Leute.

Geld kam aber auch so unter die Kaltenbrunner; Herr Stark händigte nämlich dem Bürgermeister eine namhafte Summe ein, so viel für die Armen, so viel für die Schule und so weiter. Die Kaltenbrunner erhoben die Frau Generalin über die Sterne. – –

Es war am Nachmittag des Tages, in dessen Morgenstunden wir uns in der Einöd ergingen. Vor der Villa Feodora stand der Rentmeister, ein untersetzter Mann mit klugem Gesicht und graugesprenkeltem Haupthaar; er betrachtete die Front des Hauses. Alle Fenster waren geöffnet und hin und wieder sah man an denselben weibliche Gestalten, die mit Besen und Scheuerlappen herumwirtschafteten. Die Wege des Parkes waren frisch besandet, die Blumenbeete sorgfältig hergerichtet und die Veranda prangte im Schmuck tropischer Topfgewächse. Der Rentmeister nickte zufrieden.

Da kam eine alte, vorsintflutliche Kalesche herangerumpelt und hielt vor dem Tor.

»Was soll denn das bedeuten?« fragte sich der Rentmeister.

Im nächsten Augenblick aber eilte er raschen Schrittes auf den Wagen zu und half einem Herrn beim Aussteigen.

»Der Herr Professor,« sagte er wie fragend, aber der Klang seiner Stimme war ein freudiger.

»Ja, ich bin es,« sagte der Ankömmling. »Ist Feodore schon eingetroffen?«

»Sie kommt frühestens übermorgen.«

»Desto besser, Stark. Ich habe ihr eine Überraschung zugedacht.« Er zeigte mit der Hand auf eine breite, niedrige Kiste, welche hinten auf dem Wagen befestigt war. »Lassen Sie das gefälligst hinaufschaffen, Sie werden gleich sehen, was es ist.«

Der Rentmeister rief den Gärtner herbei, welcher mit Hilfe einer Magd die Kiste ins Haus trug. Die Männer wechselten unterdessen die üblichen Begrüßungsworte. »Sie werden im Kurhaus absteigen?« fragte der Rentmeister schließlich.

»Nein, ich werde überhaupt nicht hier in Kaltenbrunn bleiben, sondern gedenke mein altes Standquartier drüben in der Einöd wieder zu beziehen.«

»Ah, das ist das merkwürdige Tal, über welches Sie ein Buch geschrieben haben?«

»Allerdings. Sobald also Feodore angelangt ist, teilen Sie ihr mit, wo ich mich aufhalte. Wünscht sie mich dann zu sprechen, so mag sie es mich durch einen Boten wissen lassen. Jetzt wollen wir hinaufgehen und sehen, wo wir den Inhalt der Kiste am besten anbringen.«

Die beiden Männer verschwanden im Haus. Nach einiger Zeit hörte man ein Pochen und Hämmern im oberen Stockwerk, dann kamen sie zurück.

»Du fährst die Straße nach der Einöd und hältst vor dem Forsthaus,« sagte der Professor zu dem Bauernknecht, der ihn hierher gefahren hatte, »ich werde den Fußweg über den Bielstein nehmen.«

»Aber jetzt, beim Anbruch der Dämmerung!« wandte Stark ein.

Der Professor lachte: »Da oben kenne ich jeden Stein und jeden Baum, übrigens ist der Weg so kurz, daß ich gleichzeitig mit diesem Rumpelkasten an Ort und Stelle gelangen werde. Guten Abend, Stark, auf baldiges Wiedersehen.«

Die Männer schüttelten sich die Hände und der Professor begann auf einem steilen Pfad bergauf zu steigen. Er war ein großer, etwas hagerer Mann, sein Haar und sein Vollbart, welcher ein edles, scharfgeschnittenes Gesicht umrahmte, waren stark ergraut, aber sein Gang und alle seine Bewegungen hatten etwas jugendlich Rasches. Er trug einen breitrandigen Filzhut, eine bequeme graue Joppe und an den Füßen starke, genagelte Schuhe; so schritt er, gestützt auf einen Schlehdornstock, in den dämmerigen Wald hinein.

Der Rentmeister blickte ihm lange nach, dann nickte er mit dem Kopf wie einer, der seine Befriedigung ausdrücken will, und ging in das Haus.


Drei Tage später langte die Generalin auf der Villa an. Ihre einzige Begleiterin war eine ältliche Dame, die sie nach dem Tod ihres Gemahls als Gesellschafterin engagiert hatte. Die Dienerschaft, unter welcher der Rentmeister zu seinem Erstaunen kein bekanntes Gesicht entdeckt hatte, war schon vor Ankunft ihrer Herrin eingetroffen und hatte sich, vervollständigt durch den Gärtner und den alten Invaliden, am Tor aufgestellt, um die Generalin zu begrüßen. Die Empfangsszene war kurz, Feodore reichte dem Rentmeister die Hand und bat ihn in französischer Sprache, er möge den Leuten ihren Dank ausdrücken, sie bedürfe dringend der Ruhe. Dann schritt sie grüßend an den Dienstboten vorüber und begab sich in ihre Gemächer, wo sie sich den Händen der Kammerjungfer, einer kleinen, hübschen Person, überließ. Als diese ihr Werk vollendet und sich zurückgezogen hatte, schob Feodore den Riegel vor die Tür und atmete tief auf.

»Frei, frei!« sprach sie mit gedämpfter Stimme. Sie streckte die Arme empor, als ob sie schwerer Fesseln entledigt wären, und ging mit raschen Schritten im Zimmer auf und ab. »Endlich, endlich frei nach jahrelanger Sklaverei! Nun komm, Leben, und zeige mir, was du dem zu bieten hast, der dich genießen will! – will! will!« rief sie laut und ballte die Hände. »Jetzt kommt, ihr Quälgeister, ihr frommen Tanten, ihr blutarmen Cousinen, ihr verlebten Vettern! Jetzt bin ich Ich, und wer es wagt, mir etwas in den Weg zu legen, der soll erfahren, wie ein Sklave, der seine Ketten gebrochen hat, an seinen Peinigern Vergeltung übt! – Weh mir,« stöhnte sie, »wer gibt mir meine verlorenen Jahre zurück? Sieben Jahre, sieben lange Jahre –«

Sie sank in einen Sessel und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. So lag sie lange.

Als sie sich wieder erhob, war sie ruhiger geworden, »Willst du dich um das Verlorene härmen?« murmelte sie, »Der Frühling ist dahin, aber der Sommer ist mein; es soll ein langer Sommer werden.«

Sie trat vor den Spiegel und musterte ihre Gestalt.

»Noch bin ich schön. Die Jahre des Grams haben nur am Kern genagt, nicht an der Schale.« Sie löste ihr reiches blondes Haar auf und schüttelte das Haupt, daß die schimmernden Strähnen sich wie Schlangen über Nacken und Busen hinabringelten, Ihr dunkelblaues Auge blitzte und ihre Zähne knirschten aufeinander. Rasch entledigte sie sich ihrer Trauerkleider und entnahm einem der Garderobeschränke ein Kleid von meergrüner Seide. Es war ein phantastisches Gewand und mochte wohl einmal auf einem Kostümball geprangt haben. Sie hüllte ihre schöne Gestalt in dasselbe, und während sie es vor dem Spiegel ordnete, wich der dämonenhafte Ausdruck ihres Gesichts dem der kindlichen Freude, wie sie ein junges Mädchen empfindet, das sich zum ersten Ball schmückt.

Ihr Auge glitt von ihrem Spiegelbild auf ein eingelegtes Kästchen, welches man ihr bei ihrer Ankunft aus dem Wagen nachgetragen hatte. Sie erschloß es und entnahm ihm mehrere Etuis, die sie nacheinander öffnete. Sie enthielten Juwelen auf dunklen Samt gebettet. Unruhig funkelten sie im Kerzenlicht und schienen mit den Augen der schönen Frau wetteifern zu wollen, welcher sie zum Schmuck dienen sollten. Mit geschäftigen Fingern begann Feodore die Kleinodien anzulegen, und binnen kurzem stand sie da, übersät mit leuchtendem Geschmeide, anzuschauen wie die Königin der Unterirdischen, von der die Sagen der Bergleute melden.

Sie musterte ihre Gestalt und lächelte. Aber um die lichtdurstigen Edelsteine zu befriedigen, genügten die beiden Kerzen nicht, die neben dem Spiegel brannten. Feodore ergriff einen Leuchter und entzündete wandelnd durch die lange Flucht der Gemächer alle Kerzen, die ihr Arm erreichen konnte. Als sie die Tür des letzten Zimmers öffnete, blieb sie wie gebannt stehen. Das Licht, welches hinter ihr in den dämmerigen Raum einströmte, fiel auf ein Ölgemälde, welches eine schöne, bleiche Frau darstellte, deren Augen mit unbeschreiblicher Milde auf die phantastische Gestalt herabblickten.

»Mutter, meine Mutter!« rief Feodore leidenschaftlich und sank schluchzend vor dem Bild auf die Kniee nieder. »Mutter, meine liebe Mutter!«

Sie barg ihr Gesicht in den Händen und heller als die Demanten, welche den zuckenden Leib der schönen Frau bedeckten, funkelten die Tränen, die zwischen ihren Fingern hervorquollen.

»O Mutter, warum hast du dein Kind verlassen – so früh verlassen! Es wäre vieles anders geworden, wenn du bei mir geblieben wärest. Hast du im Jenseits wohl gewußt um die Leiden deines Kindes? Nein, nein, du hättest kommen müssen und mich trösten. – Ach, Mutter, was haben sie mir angetan!«

Ein Edelstein, der nur lose im Haar gehaftet hatte, rollte auf den Boden, und das Geräusch, welches sein Fall verursachte, gab den Gedanken der Klagenden eine andere Richtung, Beschämung und Unwillen über ihr törichtes Gebaren überkam sie und sie blickte wie ein Kind, das sich eines Vergehens bewußt ist, zu dem Bild auf.

»Verzeihe mir, liebe Mutter!« rief sie und hob die Hände flehend empor. »Ich will dein gutes Kind sein« – und unwillkürlich kam ihr ein altes, halbvergessenes Kindergebet auf die Lippen. –

Als die Kammerjungfer nach einiger Zeit, durch die Glocke gerufen, in das Zimmer ihrer Herrin trat, fand sie diese wieder in ihrer einfachen Trauerkleidung.

»Geh und erkundige dich, wer das große Bild, welches in dem Eckzimmer hängt, gebracht hat!« befahl Feodore.

Die Kammerjungfer entfernte sich und kam bald mit der Meldung zurück, daß ein fremder Herr – Herr Stark habe ihn Professor tituliert – das Bild gebracht habe.

»Werner,« sagte Feodore leise, »der getreue Eckart. – Es ist gut,« wandte sie sich dann an die Dienerin. »In einer Stunde will ich den Tee nehmen; ich lasse den Herrn Rentmeister ersuchen, mir Gesellschaft zu leisten.« Im Försterhaus in der Einöd war großer Jubel; der Herr Professor war wieder da. Am Abend war er angelangt und hatte von seinem Zimmer im oberen Stock Besitz genommen.

Jetzt finden wir sämtliche Insassen des Hauses bei der Abendmahlzeit in der Wohnstube vereinigt, nur Hans, der Forstgehilfe, war noch nicht aus dem Wald zurückgekommen.

Es ist ein gar behaglicher Raum, in welchen wir eintreten, halb ländlich, halb städtisch. Die in der Einöd üblichen Holzstühle hatten bequemen Rohrstühlen weichen müssen, aber das alte braune Ledersofa, die Bank, die den riesigen Kachelofen umgab, die tickende Schwarzwälderin im Winkel und die grellbunten Bilder, welche des Jägers Begräbnis und die Geschichte der armen Genovefa darstellten, gehörten der Bauernstube an. Daß wir uns in der Behausung eines Weidmanns befinden, verkünden uns ein mit allerhand Jagdgeräten angefüllter Glasschrank und zahlreiche, zum Teil monströse Rehgeweihe, die an den Wänden angebracht waren. Beiläufig bemerkt war der Förster Ditmar auf diese Sammlung sehr stolz, aber mehr noch war er es auf einen gewaltigen ausgestopften Adler, der, ein Rehkitzchen in den Fängen tragend, mit ausgespannten Flügeln von der Decke niederhing.

An dem großen Eichentisch saß am oberen Ende der Förster, denn das Ansehen des Hausherrn erheischt dies; neben ihm der Professor und Eva. Aber sowohl diese als auch die alte Katharine, oder die Frau Muhme, wie sie von aller Welt genannt wurde, gönnten sich wenig Ruhe, sondern liefen ab und zu, um die hungrigen Männer zu bedienen. Die Kinder saßen am unteren Ende des Tisches. Es kam ihnen heute doppelt schwer an, Ruhe zu halten, denn nicht weit von ihnen, auf der Nußbaumkommode, lag ein großes Paket, welches der Herr Professor aus der Stadt mitgebracht hatte, und welches aller Wahrscheinlichkeit nach geöffnet wurde, sobald man abgespeist hatte.

Das Mahl wurde nach der löblichen Landessitte, die allenthalben Nachahmung verdiente, schweigend eingenommen. Als der Hunger gestillt war, füllte der Förster sein Deckelglas bis zum Rande mit Bier, erhob sich und rief mit seiner dröhnenden Baßstimme:

»Keinen Menschen hab' ich gerner
Als den Herrn Professor Werner,
Denn kein Mensch ist besser
Als der Herr Professer! – Hurra hoch!«

Und »hoch!« schrie die ganze Gesellschaft, daß der kleine krummbeinige Dachshund, Fex genannt, der nicht wußte, was das zu bedeuten habe, kläffend aus seinem Winkel fuhr.

»Bravo!« sagte der Professor, »haben Sie das gedichtet?«

»Ganz allein,« versicherte der Förster mit stolz.

»Leider,« fuhr Werner fort, »bin ich kein Dichter, und ihr müßt mir schon erlauben, daß ich meinen Trinkspruch in Prosa ausbringe. Also angestoßen, Herr Förster! Komm her, Evchen, und auch Sie, Frau Muhme, müssen Bescheid tun. Hoch das Försterhaus in der Einöd, hoch alle seine Bewohner vom Hausherrn bis zum Dachshund Fex, hoch und abermals hoch!«

Jetzt war der Gast erst zu Hause. Eva und die Muhme räumten den Tisch ab, der Förster steckte seinen Pfeifenkopf in Brand und der Professor öffnete, umdrängt von dem kleinen Volk, das Paket.

Es waren nur Geschenke von geringem Wert, die es enthielt, aber die Kleinigkeiten wurden mit Jubel empfangen und gingen bewundert von Hand zu Hand. Ganz zuletzt kam noch ein großes Buch zum Vorschein. Der Professor schlug es auf und ließ die Kinder einen Blick hinein tun. Da war gleich auf dem ersten Bild ein Elefant, der hatte mit dem Rüssel einen Tiger gepackt und hielt ihn in die Höhe; auf dem zweiten Blatt sah man ein Krokodil, welches einen zappelnden Mohren verschlingen wollte; dann aber klappte der Professor das Buch zu und sprach sehr ernst: »Als ich im vorigen Jahr von euch wegging, habt ihr mir versprochen, ihr wolltet euch alle Sprüche, die ihr gelegentlich von euren Spielkameraden hört, genau merken; habt ihr das getan?«

»Ja,« antworteten die Kinder im Chor, »Schön. Nun gebt acht, was ich euch sage. Dieses Buch gehört euch allen gemeinschaftlich, wer aber von euch den schönsten Spruch weiß, der darf es in seiner Schublade aufheben, Verstanden?« »Ja.«

»Nun, so laßt einmal hören, was ihr wißt. Karl, du bist der Kleinste, du magst anfangen.«

Der Kleine stellte sich in Positur und deklamierte:

»Maikäfer, flieg aus.
Flieg ins Bäckenhaus,
Hol drei Wecken 'raus!
Mir ein', dir ein',
Andern Kindern gar kein'.«

»Gut,« nickte der Professor, »aber weißt du nichts anderes?«

Wieder begann das Kind:

»Maikäfer, flieg,
Dein Vater ist im Krieg,
Dein' Mutter ist in Pommerland,
Pommerland ist abgebrannt.«

»Nun, du bist ja in der Maikäferlyrik recht gut bewandert, mein Junge; aber weißt du nicht vielleicht doch etwas Besseres?«

»Nein. Halt, ja, ich weiß noch eins:

›Eins, zwei, drei,
In der Försterei
Steht ein Teller auf dem Tisch,
Kommt die Katz' und holt den Fisch,
Kommt der Jäger mit der Gabel,
Sticht die Katze in den Nabel;
Schreit die Katz' miau,
Will's nicht wieder tau!‹«

»Hm,« meinte der Professor, »ist zwar auch nicht brauchbar für mich, indessen hoffen darfst du. Nun vivat sequens! Marie, was hast du?«

Marie begann:

»Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben,
Wo sind die Franzosen geblieben?
Zu Moskau in dem tiefen Schnee,
Da schreien sie o weh, o weh!«

»Das läßt sich hören,« murmelte der Professor. »Lebhafte Erinnerung beim Volk an die Zeit der Fremdherrschaft – tief eingewurzelter Franzosenhaß – Marie, du hast Aussichten auf das Buch. Was weißt du, Emma?«

Emma deklamierte:

»Es kommen drei Herrn aus Nonnavie – «

»Halt!« unterbrach sie Werner, »Woher kommen die drei Herrn?«

»Aus Nonnavie.«

»Vermutlich Ninive,« brummte der Gelehrte; »weiter!«

»Es kommen drei Herrn aus Nonnavie,
Heisa, vivat Lazarus!
Was woll'n die drei Herrn aus Nonnavie?
Heisa, vivat Lazarus!
Sie woll'n die jüngste Tochter han,
Heisa, vivat Lazarus!«

»Da soll einem nicht der Verstand stillstehen,« murmelte der Professor. »Offenbar sehr korrumpiert, aber nicht ohne Interesse, – Nun Fritz, mein Sohn, du hast gewiß etwas ganz Besonderes in Bereitschaft?«

»Ja,« bestätigte Eva lachend. »Er hat etwas, aber er tut sehr geheimnisvoll und verrät niemanden, was für einen Spruch er sich gemerkt hat.«

»Nun, so laß einmal hören,« sagte der Gelehrte gespannt.

Fritz warf sich in die Brust und schmetterte siegesgewiß:

»Willst du nicht das Lämmlein hüten,
Lämmlein ist so fromm und sanft –«

»Oho, oho!« rief der Professor lachend, »Wo hast du denn das her?«

»Der Herr Lehrer hat ein Buch,« antwortete der verdutzte Junge, »da steht es drin – –«

»Na, laß es gut sein,« beschwichtigte Werner den Jungen, dessen Mund sich bereits zum Heulen verzog; »du hast's gut gemeint. Ihr habt alle vier das Eurige getan, und es fällt mir schwer, zu entscheiden, wer seine Sache am besten gemacht hat. Wir werden es so halten: das Buch gehört, wie gesagt, euch allen zusammen, und derjenige, der sich am besten aufführt, solange ich bei euch wohne, der darf es dann in seiner Schublade aufheben. Bis dahin hebt es Eva auf, Punktum!«

Mit dieser Entscheidung waren die Kleinen einverstanden, und alsbald fielen sie über das Bilderbuch her. Der Forstgehilfe Hans erschien, und Werners Auge ruhte mit Wohlgefallen auf dem jungen, kräftigen Mann mit dem offenen, frischen Gesicht. Unwillkürlich aber schweifte sein Blick von Hans auf Eva hinüber, und der innige Ausdruck in den Zügen des Mädchens ließ ihn ahnen, daß sich die beiden jungen Leute nicht gleichgültig seien.

Spät am Abend, als er mit dem Förster, der eine lange Jagdgeschichte endlich doch fertig gebracht hatte, allein war, erkundigte er sich, wer der junge Mann sei, und erhielt zur Antwort Hans Grubenhofer sei ein weitläufiger Verwandter der leider nicht die Mittel besitze, theoretische Forststudien zu treiben, und der wohl zeitlebens in einer untergeordneten Stellung verbleiben werde.

»Es ist schade um den Burschen,« meinte der Förster, »er hat gute Schulzeugnisse und auch sonst das Zeug zu einem tüchtigen Forstmann. Im Dienst ist er unermüdlich, ja er ist mir viel zu diensteifrig. Ein Förster hier zu Lande muß zuweilen ein Auge zudrücken, das wird sogar oben gewünscht. Glauben Sie mir, Herr Professor, wenn alle Waldfrevler in der Einöd hinter Schloß und Riegel kämen, wir beide blieben allein ledig.«

Werner zuckte die Achseln. »Wer weiß.«

»Gott straf' mich!« rief der Förster aus. »Am Ende sind auch Sie unter die Holzdiebe gegangen? Oder haben Sie gewildert?«

»Einen Stock habe ich mir heute abend im Bielsteinwald geschnitten.«

»Na, dann seien Sie froh, daß Sie der Hans nicht erwischt hat,« lachte der Förster. »Er hat erst kürzlich zwei Holzfrevler auf der Tat ertappt, und noch jetzt sitzen die Kerle im Loch. Mir war's kein Gefallen, denn wenn die Spitzbuben loskommen, so stehe ich für nichts. Können sie es dem Hans heimzahlen, so tun sie es; es sind gar verwegene Burschen. Ich möchte deshalb am liebsten den Jungen aus dem Haus und aus der Gegend haben, wiewohl er mir sehr abgehen wird.«

Der Professor nickte. »Das wäre vielleicht auch aus einem andern Grunde gut. Er ist ein hübscher, frischer Bursch und Eva – –«

»Die ist brav,« sagte der Förster bestimmt.

»Das ist sie,« bestätigte Werner, »und sie wird es auch bleiben. Aber wenn die beiden jungen Leute Neigung zueinander fassen, so kann das allein Unheil genug über das Forsthaus in der Einöd bringen. Halten Sie die Augen auf, Förster – und geben Sie mir morgen den jungen Mann zur Begleitung mit, wenn ich auf den Bielstein gehe. Ich will mir selber ein Urteil über ihn bilden – und dann – ich verspreche nichts – läßt sich vielleicht etwas für ihn tun.«

Die beiden Männer drückten sich stumm die Hände. So verschieden sie waren nach ihrem Bildungsgang, nach ihren Anschauungen und ihrem Berufe, so waren doch zwei Eigenschaften ihnen gemein: natürlicher Verstand und ein warmes Herz, und darum fühlte sich einer vom andern angezogen. –

»Mein Kind!

»Ich fühle, daß es schnell mit mir zu Ende geht; die Ärzte und die Verwandten wollen es mir verhehlen, aber sie wissen es ebensogut wie ich, daß meine Tage gezählt sind. Als neulich die Sonne das Gewölk durchbrach und freundlich zu mir ins Krankenzimmer blickte, mußte ich ausrufen: ›Ach, wie freue ich mich auf den Frühling!‹ Ich bemerkte recht wohl den raschen Blick, den Deine Tante mit dem Arzt wechselte; ich weiß auch, obwohl ich es nicht hörte, was sie später geäußert haben. Sie sagten: ›Die Arme hofft vergebens; sie wird den Frühling nicht mehr erleben.‹ Ich glaube es selbst. Aber so lange wird der Funke hoffentlich noch glimmen, bis ich Dich, mein liebes Kind, gesegnet habe. Komm zu Deiner Mutter und komme nicht mit verweinten Augen, hörst Du, mein Kind! Sei mein starkes Mädchen und erschwere mir nicht das Sterben. Erst wenn ich tot bin, dann weine, weine Dich aus. Den Brief überbringt Werner. Er und die alte, treue Marie werden Dich begleiten zu

Deiner Mutter.

»Ich weiß nicht, wie mir ist. Ich habe das Wort ›Lebewohl‹ nicht schreiben können: es überkam mich wie Todesgrauen. Sollte ich Dich wirklich nicht wiedersehen? Nein, ich werde aushalten, ich werde. – Aber doch, für den Fall, daß ich sterbe, bevor ich Dich noch einmal gesehen habe – noch ein Wort. Du wirst nach meinem Tode unter die Vormundschaft Deines Onkels gestellt werden, und die Tante wird für Dich sorgen wie für ihre eigene Tochter. Du wirst in guten Händen sein. Aber, mein Herzblatt – solltest Du je einmal in eine Lage kommen, in welcher Du bei Deinen Blutsverwandten keinen Halt fändest, so vertraue Dich ohne jeden Rückhalt dem Professor Werner an. Er wird seine starke Hand über Dir halten. Das ist der Wille Deiner sterbenden Mutter.

»Kleide Dich für die Reise recht warm an und nimm Dich vor der Zugluft in acht, mein Herzchen!«

Es war ein vergilbtes Blatt, welches die vorstehenden Zeilen enthielt. Feodore von Helmhoff hatte die Hände, welche es hielten, in den Schoß sinken lassen, ihr Auge starrte in die blaue Ferne, und vor ihrem Geiste zogen Bilder der Vergangenheit vorüber.

Sie war ein Kind von dreizehn Jahren, aber ein frühreifes Kind, als sie den Brief ihrer Mutter erhielt, der sie an das Sterbebett derselben rief. Damals, als Werner kam, um sie aus dem Pensionat abzuholen, hatte sie geweint und gewehklagt, daß man einen Krämpfeanfall befürchtete, und jetzt erinnerte sie sich, wie ihr mitten in ihrem Schmerz auf einmal der Gedanke gekommen war, daß sie nun der klösterlich-strengen Überwachung entzogen werde – wenigstens auf einige Zeit, vielleicht, hoffentlich für immer. Sie rief sich die Gestalten der Personen, die sie damals umgeben hatten, ins Gedächtnis zurück, die magere Directrice mit den falschen Locken, die Engländerin mit den schmalen Lippen und dem langen Kinn, die lebhafte Französin, die mit den ihrer Hut anvertrauten Backfischen um die Wette Possen trieb und manche Ungehörigkeit mit Milde vertuschte, den salbungsvollen Geistlichen, der sich auf sein Organ und seine weißen Hände so viel einbildete, und den guten Professor der Naturgeschichte, dem die Diables des Pensionats unter die für den botanischen Unterricht bestimmten Pflanzen Disteln und Brennesseln mischten; sie vergegenwärtigte sich ihre Freundinnen aus der damaligen Zeit, denen sie Liebe und Treue über Tod und Grab hinaus geschworen und die sie nach vielwöchentlicher Trennung vergessen hatte; sie frischte die Erinnerung an alle jene Streiche auf, durch welche sich die losen Mädchen an ihren strengen Aufseherinnen rächten, und sie lächelte, ja sie lachte einigemal laut auf, als ob sie noch ein übermütiges Kind von dreizehn Jahren wäre.

Feodore hatte den Brief, den ihre sterbende Mutter geschrieben, am heutigen Morgen hervorgesucht, weil sie nach der Erschütterung vom vorigen Abend das Bedürfnis fühlte, Einkehr bei sich zu halten; nun war sie auf ihrem Gedankengang bei ihrer sonnigen, sorglosen Jugendzeit angelangt, und weiter kam sie nicht.

Durch die geöffneten Fenster drang erquickende Morgenluft, strömten Dunstwolken, entquollen den blühenden Sträuchern des Parkes; in den Räumen und Hecken zwitscherte und zankte das lustige Gesindel des Spatzenvolkes, und aus dem Bielsteinwald ertönte der Amsel lieblich-monotoner Ruf.

Feodore sprang auf und verschloß den Brief. Dann setzte sie einen breitrandigen Strohhut auf und ging in den Garten hinunter. Überall Leben, überall Freude! Der Tau war bereits von der Sonne aufgesogen, die Blumen hatten ihre Blätter entfaltet und badeten sich im Licht. Bunte Schmetterlinge schwebten um die Pflanzen und senkten ihre Zungen in die duftenden Kelche, um die Dolden des Flieders schwirrten, trunken von Blütenhonig, grüngoldene Käfer, während das Getier, dem die Gabe des Fliegens nicht zu teil ward, geschäftig über die Kieswege rannte.

Außer dem Gärtner und dem Invaliden, die aus der Ferne ehrerbietig grüßten, war kein Mensch im Park. Feodore eilte durch die gewundenen Gänge, froh wie ein der Aufsicht entronnenes Kind, und nach Art der Kinder pflückte sie die schönsten Blumen und vereinigte sie zu einem kunstlosen Strauß.

Der Park zog sich weit am Bielstein hinauf, und ein Teil des Waldes war noch in die Anlagen hineingezogen. In der Grenzmauer entdeckte Feodore eine Tür, die nicht verschlossen war, und als sie ihr Gebiet verlassen hatte, sah sie sich auf einem wohlgebahnten Weg, der in Windungen allmählich bergan führte. Hier war es stiller als im Garten, denn am Morgen sucht die Kreatur das Sonnenlicht auf und meidet den Schatten. Nur der Waldnachtigall Rufen, das Klopfen des Spechtes und zuweilen der wilde Schrei eines Falken mischte sich in das leise, eintönige Rauschen der Tannen.

Feodore nahm den Strohhut ab und ließ die kühle Lust um Stirn und Schläfe spielen. So schritt sie weiter, immer höher, die Labe der Waldeinsamkeit in tiefen Zügen einschlürfend.

Plötzlich sah sie vor sich eine Waldblöße, und hier endete auch der breite Weg, aber sie bemerkte einen schmalen Fußpfad, der die Lichtung durchschnitt und sich jenseits derselben in den Wald verlor. Hohes, saftiges Gras, untermengt mit tausend und abertausend Blüten, bedeckte die Stelle. Feodore betrat die Waldwiese und weidete sich an dem Anblick. Dann betrachtete sie den Strauß in ihren Händen.

»Fort, ihr zahmen Blumen!« rief sie, »ihr hinfälligen Teerosen, für den Salon mögt ihr taugen, Porzellanvasen und falsche Haare, die mögt ihr zieren, dahin gehört ihr, aber nicht hierher.«

Sie warf die Gartenblumen fort und pflückte sich, während sie über die Wiese schritt, einen Strauß von Waldblumen.

»Gefüllte Blumen,« sprach sie in sich hinein, »sind kranke Blumen; es ist ein Vorurteil, daß das gefüllte Veilchen schöner sei als das einfache. Wenn man es aus dem Gartenbeet in die freie Natur übersetzt, wird es wieder einfach, es genest. – Ich will auch genesen!«

Wieder betrat Feodore den Wald, und nach kurzer Zeit hatte sie den Gipfel des Berges erreicht, von welchem sie in das Tal der Einöde blicken konnte. Nicht weit unter dem Scheitel, auf einem Vorsprung, sah sie die Trümmer einer Burg, und entdeckungslustig, wie sie heute einmal war, begann sie den ziemlich steilen Abhang hinabzuklimmen. Sie gelangte bald an das alte Gemäuer, und da dasselbe vielfach geborsten war, brauchte sie nicht das Tor aufzusuchen, sondern sie schlüpfte durch die Büsche, welche die Mauerlücken ausfüllten, in das Innere. Ein verfallener Turm, der dem Anschein nach nur durch das Netz, welches der Efeu um ihn gesponnen hatte, zusammengehalten wurde, Mauerreste mit Spitzbogenfenstern und einige kunstlos zusammengefügte, mit Moos bekleidete Steinbänke erhoben sich über das Grün, welches allenthalben bestrebt war, das nackte Gestein zu verhüllen. Um die gestürzten Pfeiler ringelten sich Schlingpflanzen, und verkrüppelte Kiefern hielten die Steinblöcke mit starken Wurzelkrallen umschlungen. – Hier war der Ort, ein Waldmärchen zu träumen.

Plötzlich hörte Feodore eine Stimme, deren Klang ihr bekannt vorkam. Der Sprecher mußte ganz in der Nähe sein.

Sie ging leise an das nächste Bogenfenster und lehnte sich hinaus; schnell aber fuhr sie wieder zurück, denn in geringer Entfernung von sich sah sie drei Männer, deren einer kein anderer war als der Professor Werner.

Feodores erster Gedanke war, hinauszueilen, um den Freund zu begrüßen, aber dann hätte sie sich genötigt gesehen, über das Wie und Warum ihrer einsamen Wanderung Auskunft zu geben. Sie fühlte bereits den stummen Vorwurf Werners – sie blieb.

Ein zweites Fenster war fast ganz durch einen Busch verdeckt. Dorthin schlich Feodore und beobachtete die Männer aus ihrem Versteck.

Werner sah freudig erregt aus. Er hielt in der Hand einen Gegenstand, welcher der frisch aufgegrabenen Erde entnommen schien, und betrachtete ihn mit prüfenden Blicken. Neben ihm stand, auf einen Spaten gestützt, ein alter, kleiner Mann in bäuerischer Tracht, der den Fund neugierig anglotzte. Der dritte, ein junger Mann in Jägerkleidung, stand auf einem erhöhten Felsblock, und seine ebenmäßige Gestalt hob sich wie ein dunkles Steinbild von dem lichten Horizont ab.

»Das ist zwar kein wertvoller Fund,« ließ sich die Stimme des Professors vernehmen, »aber da er so dicht unter der Oberfläche lag, dürfen wir hoffen, in dem Schutt des Brunnens noch mancherlei zu finden.«

»Ja,« sagte der alte Bauer, »ich habe es gewußt, daß hier noch viel in der Erde steckt. Suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan, aber im Schweiße eures Angesichts sollt ihr euer Brot essen – Herr Professor, haben sie keinen Hunger?«

Werner lachte. »Wir wollen es für heute dabei bewenden lassen und ins Tal zurückkehren,« sagte er. »Werft die Erde wieder über das Loch, Friederle, und am besten würde es sein, wenn man einen tüchtigen Stein auf die Stelle wälzte, damit kein Unberufener unsern Schatz hebt.«

Der Alte befolgte das Geheiß, dann mühte er sich ab, einen der umherliegenden Steinblöcke auf die Stelle zu wälzen, aber der Stein war ihm zu schwer. Mit einem Sprung war der junge Jäger neben dem Alten.

»Laßt mich das besorgen, Friederle,« sagte er; dann hob er den Steinblock mit den Armen auf und ließ ihn niederfallen, daß die Erde dröhnte.

»Gott steh' mir bei!« rief der Alte, »er hat Kräfte wie der Simson, über dessen Haupt nie ein Schermesser gekommen ist, bis ihn die Delila schor. Nehmen Sie sich vor der Delila in acht, junger Herr!«

Feodore stand schwer atmend in ihrem Versteck. Sie ist mitten in einem Waldmärchen. Der Alte, der die wunderlichen Reden im Munde führt, ist ein Klausner, vielleicht auch ein Erdmännlein oder ein Waldzwerg; Werner ist ein weiser Meister, der ausgezogen ist, den Geheimnissen der Natur nachzuforschen, und der junge Jäger wird in den Augen des aufgeregten Weibes zum Heldenjüngling.

»Siegfried, Siegfried,« flüsterte sie, »so muß der Siegelint Sohn ausgesehen haben, der den Nibelungenhort gewann und die Walküre Brunhild überwand!«

Ihr Auge sog sich fest an der jugendlichen Reckengestalt. Werner und der alte Bauer schickten sich zum Gehen an. Sie verabschiedeten sich von dem Jäger und verschwanden bald im Wald. Der junge Weidmann warf die Flinte über die Schulter und schritt geradeswegs auf die Ruine zu.

Feodore bebte. »Was tun, wenn er hier eindringt und mich findet?« In ihrem Kopfe wirrte sich alles zusammen, und ohne sich Rechenschaft von ihrem Tun zu geben, ließ sie sich auf einer der steinernen Bänke nieder, stützte den Kopf auf ihren Arm und schloß die Augen, als ob sie schlafe.

Der Forstgehilfe Hans, um den kürzesten Weg über den Gipfel des Bielsteins zu nehmen, bog die Büsche auseinander und betrat den innern Raum der Burg.

»Alle guten Geister!« stieß er erschreckt hervor, als er die Gestalt erblickte. »Alle guten Geister, das Habichtsfräulein! – Schäm dich,« setzte er aber sogleich leise hinzu, »das ist eine Dame, die sich wahrscheinlich der Badekur wegen in Kaltenbrunn aufhält. Ein Glück, daß die Eva nicht in der Nähe ist, das wäre wieder etwas für sie gewesen. Schäm dich, so abergläubisch zu sein.«

Er trat leise näher. Als Jäger, der den Auerhahn zu beschleichen gelernt hat, wußte er jedes Geräusch zu vermeiden.

Nein, eine verzauberte Jungfrau ist das nicht, das ist ein lebendes Weib, aber ein Weib, so schön, wie der arme Hans in seinem Leben noch keins gesehen hat.

Er beugte sich über die Schlafende, und es kam ihm vor, als werde sie bleicher und bleicher.

Getreuer Eckart, wo bist du?

»Das ist die Dornrose, die ein Jäger aus ihrem Zauberschlaf erlösen muß,« flog dem Jüngling durch den Kopf. Er wußte nicht, was er tat. Er neigte sich über die Schlafende und küßte ihre Lippen. Dann aber fuhr er erschrocken über seine Kühnheit empor und flüchtete hinter einen Busch; dort stand er regungslos, um abzuwarten, ob die Dame erwachen werde.

Nein, sie schlief ruhig weiter, und es kam dem armen, verwirrten Jungen vor, als ob um ihren Mund ein Lächeln spiele.

»Noch einmal, und wäre es mein Tod!« flüsterte Hans, und wieder näherte er sich dem schönen Weib, und wieder küßte er es auf den Mund.

Da umschlangen zwei weiße Arme seinen Hals, und der Jüngling, dessen starke Hand eine junge Eiche zu biegen vermochte, besaß nicht die Kraft, sich loszuwinden. – –


Was der Herr Professor für schöne Geschichten weiß! Freilich, er kommt aus der Stadt, und da ist alles besser als auf dem Land, die Wecken, die Schieferstifte und natürlich auch die Geschichten. Heut abend hat er wieder so eine Stadtgeschichte erzählt, und jung und alt ist mäuschenstill dagesessen wie in der Kirche, die Kinder, Eva, die Frau Muhme und der Vater. Jetzt ist die merkwürdige Geschichte von den vier Haimonskindern und ihrem großen Pferd zu Ende, leider zu Ende, aber die Kinder setzen sie nun selber in Szene. Der Sägebock wird herbeigeschleppt, mit einem Bindfaden kunstgerecht aufgezäumt, und bald sitzen die vier Kinder stolz auf dem hölzernen Beyart und spornen ihn an durch Zuruf und Stiefelabsatz.

»Wo nur der Hans bleibt?« fragte Eva und sah ängstlich nach dem Pfade, auf welchem er kommen mußte.

»So etwas ist noch gar nicht dagewesen,« brummte der Förster, »vom Morgen bis Abend ist er noch niemals ausgeblieben; da steckt etwas dahinter. Ich meine, ich mache mich auf den Weg und sehe selbst einmal zu.«

»Ach ja, Vater,« bat Eva, und der Förster ging in das Haus, um sich für den Gang in den Wald fertig zu machen.

Werner sah das Mädchen mit seinen milden Augen an und fragte: »Du bist wohl dem Hans recht gut?«

Eva beugte den Kopf tiefer. »Ja,« sagte sie leise.

»Nun, das konnte ich mir denken,« erwiderte Werner und faßte Eva bei der Hand. »Aber der Hans muß noch in die Welt hinaus und muß noch viel lernen, bevor er dir sagen darf, daß auch er dir gut ist. Verstehst du mich, Evchen?«

Eva nickte stumm.

»Holla, da kommt er!« rief der Förster, der eben wieder aus dem Haus trat. »Na, jetzt bin ich neugierig, wo der gesteckt hat.«

Hans langte vor dem Forsthaus an und wollte nach kurzem Gruß durch die Tür schreiten, aber der Professor hielt ihn auf.

»Halt!« kommandierte er. »Erst Rede gestanden, wo man war. Weiß der junge Herr, daß man seinetwegen in Sorge war, he?«

»Ich war – ich war im Wald,« gab Hans zur Antwort.

Alle lachten.

»Das können wir uns denken,« sagte Werner, »aber-«

»Und da,« fuhr Hans fort, »– und da – es ist mir mein Lebtag noch nicht passiert – da bin ich eingeschlafen, und wie ich wieder erwachte, war alles in mir so verdreht, daß ich anstatt in die Einöd hinunter nach Kaltenbrunn gekommen bin.«

»Ei, ei, mein junger Freund,« neckte Werner, »offenbar sind Sie vom Habichtsfräulein verzaubert und in der Irre herumgeführt worden.«

Hans lachte laut auf; er konnte sich gar nicht wieder beruhigen.

»St!« machte die Frau Muhme. »Um Johanni herum ist es nicht gut, an solche Dinge zu rühren. Es gibt eine Wurzel, wer unversehens auf sie tritt, der muß in der Irre gehen bis zum ersten Hahnenschrei. Darum heißt man sie Irrwurz. Wer aber einen Wacholderzweig in seinen Schuh legt, dem hat der Zauber nichts an.«

»Unsinn,« brummte der Förster. Er hatte zwar auch seine besonderen Ansichten über dergleichen Sachen, vor dem Professor aber mochte er nicht abergläubisch erscheinen.

»Unsinn, Irrwurz! – Das kann einem jeden zustoßen, daß er einmal rechts und links oder oben und unten verwechselt. Mir zum Beispiel passiert es zuweilen, daß ich in der Nacht aufwache und meine, das Bett steht verkehrt. – Was übrigens die Kraft des Wacholders betrifft, so hat die Frau Muhme läuten gehört und nicht zusammenschlagen. Wer einen Wacholdertrieb im Schuh trägt, der geht sich keine Blasen. Das ist eine Tatsache, sozusagen ein Faktum, das steht baumfest.«

»Ich weiß, was ich weiß,« versetzte die Muhme, »aber die Menschen von heute glauben nichts mehr.«

»Sie sind also drüben in Kaltenbrunn gewesen?« fragte Werner den Forstgehilfen.

»Ja, Herr Professor.«

»Haben Sie vielleicht erfahren, ob die verwitwete Generalin von Helmhoff schon angekommen ist? Ich meine die Besitzerin des italienischen Schlosses,« fügte er hinzu, als er bemerkte, wie Hans die Augen aufriß.

»Ach die – ja, die ist gekommen, wie – man mir gesagt hat.«

»Das ist mir angenehm zu hören,« erwiderte Werner. »Da werde ich wohl nächster Tage einmal hinübergehen müssen.«

Hans ging in das Haus und Eva folgte ihm, um ihn mit Speise und Trank zu laben.

»Sie kennen die Generalin?« fragte der Förster seinen Gast.

»Ich kenne sie seit ihrer frühesten Jugend,« antwortete Werner. »Ich war der Erzieher ihres einzigen Bruders, der leider früh starb.«

Die Frau Muhme rückte näher. »Ich hab' sie gesehen, die Generalin,« berichtete sie. »Damals, als sie zum ersten Male mit ihrem Mann in Kaltenbrunn war, hab' ich sie ganz in der Nähe gesehen – eine schöne Frau! So schön gibt's keine zweite in der Welt. Aber es hat mich erbarmt, das junge Blut am Arm des alten, lahmen Herrn. Ja, ja, bei den hohen Herrschaften geht es oft wunderbar zu. Man sagt auch, sie seien nicht glücklich miteinander gewesen,« schloß die Muhme und sah den Professor fragend an.

Werner aber antwortete nichts. Er war nachdenklich geworden, und da durfte man ihn nicht stören.

Am folgenden Tag brachte ihm ein Bote ein Billett von der Hand Feodores.

Sie freue sich, schrieb sie, den väterlichen Freund in der Nähe zu wissen, sie hoffe ihn nächstens begrüßen zu können und werde ihm ihren Wagen schicken. Augenblicklich sei sie etwas angegriffen, glaube aber, daß sie schon nach wenigen Tagen im stande sein werde u.s.w. In der Nachschrift dankte sie mit warmen Worten für die Aufmerksamkeit, die er ihr mit dem bewußten Bilde erwiesen habe.

Es verstrich aber ein Tag um den andern, ohne daß Werner eine Einladung nach der Villa Feodore erhalten hätte. Anfangs fragte er regelmäßig, wenn er von seiner Wanderung aus den Bergen in das Försterhaus zurückkehrte, ob kein Brief von der Generalin gekommen sei, dann unterließ er es.

Im Park der Villa Feodore ging etwas vor, was die Dienstboten veranlaßte, die Köpfe zusammenzustecken und allerlei Glossen zu machen. Von dem Rentmeister Stark, dem einzigen, der die Generalin von früher her kannte, hätte man wohl erfahren können, ob die Dame immer so sonderbare Liebhabereien gehabt habe, aber Herr Stark war im Auftrag der Generalin plötzlich abgereist.

Vor einer mit jungen Spalierbäumen bekleideten Mauer stand der Gärtner mit Tränen in den Augen, neben ihm der alte Invalide Weber.

»Seht, Weber,« sagte der Gärtner, »heuer haben die Pfirsichbäume zum erstenmal angesetzt. Ist es nicht Sünde, die armen, unschuldigen Bäume auszurotten?«

»Sünde,« versetzte der Alte, »ist es meiner unmaßgeblichen Meinung nach nicht, aber schade ist es, das sage ich selber. Könnt Ihr denn die Bäume nicht verpflanzen?«

»Versucht muß es werden,« erwiderte der betrübte Gärtner, »aber ich weiß es im voraus, daß sie zu Grunde gehen. Sagt mir nur, Weber, wie in aller Welt kommt die Gnädige auf den Gedanken, einen Schießstand anlegen zu lassen? Wenn sie durchaus nach der Scheibe schießen will, so mag sie es im Kurgarten tun.«

Der Invalide schüttelte den weißen Kopf. »Meiner unmaßgeblichen Meinung nach würde sich das nicht schicken; eine Generalin und noch dazu eine Witfrau!«

»Schickt es sich denn für eine Witwe, die noch in Trauer ist, schickt es sich überhaupt für eine Dame, nach der Scheibe zu schießen?« fragte der Gärtner schüchtern.

»Meiner unmaßgeblichen Meinung nach, ja,« entschied der alte Weber. »Man nennt das Emanzipation, und es gibt viele Exempel von hochgestellten Damen, die mit Pulver und Blei so gut umzugehen wußten wie unsereiner. Da waren zum Beispiel die sogenannten Amazonen, die verstanden das Schießen aus dem f-f.«

»Gott straf' mich!« rief der Gärtner aus.

»Dann,« fuhr der Alte fort, »war eine Dame namens Schanndark, die gleichfalls mit der Muskete umzugehen wußte. Dafür wurde sie zum Feuertode verurteilt, das heißt, sie geriet in Gefangenschaft und wurde von den Feinden verbrannt, was meiner unmaßgeblichen Meinung nach sehr schuftig war. So gibt es noch viele Exempel, und die Frau Generalin tut meiner unmaßgeblichen Meinung nach nichts Unerlaubtes, wenn sie sich im Schießen übt, denn man weiß nicht, wozu man so etwas später einmal brauchen kann. Und wenn sie etwa von mir wünschen sollte, daß ich ihr dabei an die Hand gehe, so werde ich es ohne Bedenken tun.«

Aber diese Anforderung wurde an den braven Weber nicht gestellt; die gnädige Frau hatte bereits einen andern Lehrmeister gefunden, nämlich den Forstgehilfen aus der Einöd.

Als der Schießstand fertig war und die eleganten Scheibenstutzen aus der Stadt angelangt waren, kam der junge Jäger. Seine Schülerin zog sich mit ihm in den abgelegenen Teil des Parkes zurück, wo die Scheibe aufgestellt war, und bald knallten die Schüsse, daß die gefiederten Sänger angstgeschreckt in die Höhe flatterten.

Ob aber die Generalin eine sichere Hand und ein gutes Auge habe, wofür sich namentlich der alte Weber sehr interessierte, das konnte niemand sehen, denn Feodore hatte es untersagt, daß während der Schießübungen jemand in die Nähe komme, natürlich in der wohlgemeinten Absicht, ein Unglück zu verhüten.

Dreimal in der Woche kam Hans über den Bielstein herüber in die Villa, um seine Lektion zu geben, und wenn diese zu Ende war, so begleitete er seine Gönnerin in das Innere des Hauses, wo, wie der Invalide erklärte, der Unterricht theoretisch fortgesetzt wurde. Es war dann außer dem Lehrer und der Schülerin niemand zugegen, denn die Gesellschafterin hatte eine unüberwindliche Furcht vor Schußwaffen und war froh, daß ihre Anwesenheit weder bei dem praktischen noch bei dem theoretischen Unterricht verlangt wurde.

In das entlegene Försterhaus drang keine Kunde von dem, was in der Villa vorging. Wenn Hans spät nach Hause kam, so wußte er stets einen trefflichen Entschuldigungsgrund. Einmal hatte er eine verdächtige Gestalt durch das Holz schleichen sehen und war ihr pflichtschuldig nachgegangen, ein andermal hatte er einem Fuchs nachgespürt, kurzum er wußte immer etwas Glaubwürdiges vorzubringen, Daß er nach solchen Streifungen müde war und keine Lust bezeigte, an den abendlichen Unterhaltungen der Männer teilzunehmen, fanden alle begreiflich, nur Eva blickte nach dem wortkargen Hans oft verstohlen und fragend hinüber. Dieser aber bemerkte es nicht. Still saß er in einem Winkel und spielte mit dem langen Behänge des Dachshundes, und nur wenn der Förster oder der Professor sich direkt an ihn wandten, stand er Rede. Eva merkte, daß mit Hans etwas vorgehe; sie zersann sich und mühte sich ab, um den Grund seines veränderten Wesens zu finden, aber es gelang ihr nicht.


Feodore stand auf der Terrasse der Villa. Statt des schwarzen Trauerkleides, in welchem sie angekommen war, trug sie ein lichtes Gewand ohne jede Verzierung. Ihr Haar war in einen kunstlosen Knoten geschlungen und eine einzige dunkle Blüte schmückte es. Sie hielt einen Feldstecher in den Händen und betrachtete aufmerksam eine Lichtung des Bielsteinwaldes, über welchen dunkle Gewitterwolken sich tiefer und tiefer senkten.

»Er kommt doch,« sagte sie vor sich hin, »er kommt, und wenn sich ein Sturm erhöbe, der Tannen und Eichen knickt, er kommt doch. Und wenn ein Meer zwischen uns läge, er schwämme herüber, und ich dürfte nicht zittern wie Hero. Ihm kann der Sturm nichts anhaben, er ist ein Mann, das Urbild des Mannes, er ist ein Siegfried, ein herrlicher Siegfried, den nur Hinterlist fällen kann.«

Die Kammerjungfer trat aus dem Salon auf die Terrasse und überreichte ihrer Herrin eine Karte.

»Graf Czernohorsky,« las Feodore und zuckte zusammen.

»Ich bin nicht zu Hause,« sagte sie hastig, die Kammerjungfer aber legte den Finger auf den Mund, und in demselben Augenblick wurden Männertritte, gedämpft durch die Teppiche, welche den Fußboden des Salons bedeckten, hörbar.

»Der Unverschämte,« zürnte Feodore, aber sie konnte nicht anders, sie mußte den Besuch empfangen.

Der Herr, welcher sich Graf Czernohorsky nannte, war ein eleganter Mann, dessen Züge und Haltung unbestreitbar schön waren.

»Gnädige Frau verzeihen,« sagte er, »daß ich mich ohne weiteres bei Ihnen einführe; wir sind auf dem Land, wo die konventionellen Förmlichkeiten – – – «

»Auch nicht ganz beiseite gesetzt werden dürfen, Herr Graf. Indessen der Überfall ist Ihnen, dank der Unachtsamkeit meiner Kammerfrau, gelungen, und nun sprechen Sie, was Sie zu der Witwe des Generals Helmhoff führt.«

Sie verschränkte die Arme und blieb in der Mitte des Salons stehen.

Der Graf biß sich auf die Lippe.

»Nicht doch, meine Gnädige,« sagte er mit einer leisen Neigung seines Kopfes, »das ist der Ton nicht, in dem wir zum Akkord gelangen.«

»Akkord? – Ich verstehe Sie nicht.«

»Sie werden mich verstehen, wenn Sie mir auf ein paar Minuten Gehör schenken.«

»Graf!« knirschte Feodore, »beleidigen Sie mich nicht. Sie haben sich – damals – getäuscht, vollständig getäuscht.«

»Und wenn ich mich getäuscht hätte, war die Täuschung nicht verzeihlich? Sie wissen, schöne Frau, was wir Männer unter Entgegenkommen, unter Aufmunterung verstehen.«

Feodore schlug die Augen nieder.

»Wir sind demaskiert,« fuhr der Graf fort und lächelte. »Die Generalin von Helmhoff hat also damals ihr Spiel mit dem armen Aventürier getrieben?«

Feodore schwieg.

Der Graf zuckte die Achseln und zog wie spielend den rechten Handschuh ab. »Das Geständnis tut weh, gnädige Frau, es schneidet schärfer als das Messer des Chirurgen.« Er hob seine rechte Hand empor und betrachtete sie aufmerksam.

Feodore wandte sich schaudernd ab. An der Hand fehlten Daumen und Zeigefinger.

»Der verstorbene General hatte trotz seiner Gebrechlichkeit eine sichere Hand und fehlte nie sein Ziel,« sprach der Graf und lachte bitter.

Es trat eine lange Pause ein.

Endlich hatte sich Feodore gefaßt und sagte mit leiser Stimme: »Graf, ich wiederhole es Ihnen, Sie waren in einem unseligen Irrtum befangen. Sie haben Ihr Fehl schwer gebüßt – aber ich bin frei von Schuld. Warum kommen Sie, meinen Frieden zu stören?«

»Warum ich gekommen bin?« rief der Graf und seine Augen funkelten. »Weil ich dich liebe, du schöne Frau, unsäglich liebe, und weil ich geschworen habe, dich zu besitzen,«

Feodore war erschrocken einen Schritt zurückgetreten.

»Hören Sie mich, Feodore,« bat der Graf und seine Stimme zitterte, »warum wollen Sie es leugnen? – Ich war Ihnen nicht gleichgültig. Ich lernte Sie kennen, eine junge, schöne Frau, gekettet an einen kraftlosen Greis – –«

»Halten Sie ein!« rief Feodore. »Beleidigen Sie den Toten nicht!«

»Ich sah Sie,« fuhr der Graf fort, »ich bedauerte Sie und liebte Sie. Und Sie, Feodore – Hand aufs Herz – auch Sie fühlten für mich. Ihre verstohlenen Blicke, der leise Druck, wenn Sie mir in der Quadrille die Hand reichten – das alles soll berechnete Koketterie gewesen sein? – Nein, beim Himmel, das war es nicht!«

Feodore war totenbleich geworden.

»Verlassen Sie mich, verlassen Sie mich!« rief sie angstvoll.

»Hören Sie mich bis zu Ende an, Sie müssen mich hören, ich will ruhiger sein. Es war nicht zu rechtfertigen, es war verwegen von mir, bei der Gemahlin des Generals Helmhoff einzudringen, um ihr meine Liebe zu gestehen. Sie kennen den weitern Verlauf. Ich büßte meine Unbesonnenheit – meine Schuld ist gesühnt. Und nun trete ich vor die Witwe des Generals, vor die unabhängige Frau und frage: ›Feodore, wollen Sie mein Weib werden?‹ Ich bin nicht mehr der unbemittelte Aventürier, dem nur seine persönlichen Vorzüge den Eintritt in die Salons Ihres Kreises verschafften – ich bin reich und angesehen in meinem Vaterland. Ich will dich zur Herrin machen über alles, was ich besitze, zur Herrin über mich, deinen Sklaven. – Feodore, willst du mein Weib werden?«

Feodore schüttelte das Haupt. »Nein,« sagte sie leise, aber bestimmt. »Gehen Sie, Graf, und treten Sie mir nie wieder in den Weg. Ich habe Sie nie geliebt und werde Sie nie lieben lernen, leben Sie wohl.«

Sie ging nach einer Seitentür, um den Salon zu verlassen. Die Augen des Grafen leuchteten unheimlich, sein Atem ging schwer. Er vertrat ihr den Weg.

»Halt!« knirschte er, »So entkommst du mir nicht, du schönes, kokettes Weib. Besitzen muß ich dich, und sollte ich darüber zu Grunde gehen.«

Feodore schrie auf und eilte nach dem Glockenzug.

»Halt, schöne Frau,« rief der Graf höhnisch und vertrat ihr abermals den Weg. »Meine rechte Hand ist kraftlos, aber die linke vermag noch immer eine Frau zu zwingen.«

Feodore stürzte nach der Terrasse, um nach Hilfe zu rufen, aber der Graf sprang wie ein Panther auf sie zu und umschlang ihren Leib mit dem Arm.

Da legte sich plötzlich eine Hand, fest wie eine Eisenzange, um seinen Hals und im nächsten Augenblick fühlte er sich mit solcher Kraft zu Boden geschleudert, daß ihm die Sinne vergingen.

Als er sich aufraffte, war Feodore verschwunden und vor ihm stand, die Hand am Hirschfänger, ein junger Jäger, ruhig und starr wie eine der Bronzefiguren, die in den Nischen des Salons standen. Der erste Gedanke des Grafen war, sich auf den Jäger zu stürzen, aber beim Anblick der Siegfriedgestalt verging ihm alle Lust, noch einmal die Kraft des jungen Mannes zu erproben. Er sagte daher mit gezwungenem Lächeln: »Ei, ei, guter Freund, wer wird denn einen harmlosen Spaß für Ernst nehmen! Sie haben mir zwar übel mitgespielt, aber ich verzeihe es Ihnen, sie haben als treuer Diener Ihrer Gebieterin gehandelt und konnten natürlich nicht wissen, daß ich mir nur einen Scherz erlaubte. Hier, junger Mann, eine Kleinigkeit zur Belohnung Ihres Diensteifers und« – er legte den Finger auf den Mund. »So nehmen sie doch –« Der Jäger sah seinen Gegner, der ihm in der Hand ein paar Goldstücke hinhielt, mit unbeschreiblicher Verachtung an, dann hob er den Arm, deutete nach der Tür und sagte das eine Wort: »Hinaus!«

»Aber, guter Freund!«

»Hinaus!« sagte der Jäger mit verstärkter Stimme und der Graf folgte zähneknirschend der erhaltenen Weisung.

Seine Goldstücke sollte er aber noch an den Mann oder vielmehr an das Weib bringen; die kleine, schwarzäugige Zofe, mit welcher er sich in ein Gespräch einließ, nahm die Dukaten dankend in Empfang und berichtete dafür, was der Graf zu wissen wünschte und noch manches andere, was sich das schlaue Mädchen kombiniert hatte.

»Das also war es,« sprach der tödlich beleidigte Mann zu sich und biß die Zähne aufeinander. »Das war es, Phyllis und Damon, ein Schäferspiel aus Arkadien, Hüte dich, Phyllis, hüte dich, Schäfer! Das Spiel dürfte einen tragischen Ausgang nehmen.«

Rache brütend ging er weiter. Er hatte eine Wohnung nächst dem Badeetablissement gemietet, aber er schritt in entgegengesetzter Richtung fort. Er wollte allein sein mit seinen Gedanken.

Der Himmel umnachtete sich. Die Landleute, die auf dem Feld gearbeitet hatten, beeilten ihre Schritte, um ein beschützendes Dach zu erreichen. Sie sahen dem eleganten Herrn verwundert nach, der bei solchem Wetter einen Spaziergang machte.

Vom Donnersberg herüber zuckte Wetterleuchten, erscholl dumpfes Grollen wie das Murren eines lechzenden Löwen und einzelne, schwere Tropfen fielen klatschend auf die Straße. Das Wetter paßte zu der Stimmung des einsamen Wanderers; weiter, immer weiter schritt er auf dem Weg, der die Fluren des Tales verlassend in den Tannenwald einbog. Die Bäume ächzten und knarrten im Wind, der bald von dieser, bald von jener Seite durch ihre Wipfel fuhr; er glich einem gefangenen, wilden Tier, welches einen Ausweg aus seinem Käfig sucht. Das Rollen des Donners kam näher und näher, plötzlich stand der ganze Wald in Flammen und ein prasselnder Donnerschlag folgte; der Käfig war gesprengt, und der losgelassene Sturm durchraste den Wald.

Jetzt sah sich der Graf nach einem Obdach um, aber so weit sein Auge reichte, sah er nichts als Bäume vor sich. Er verließ den Weg und ging in den Wald hinein, um in dem Dickicht Schutz zu suchen. Wirklich fand er auch bald einen etwas überhängenden Fels, an dessen Fuß dichtes Gestrüpp wucherte. Er bog die nassen Zweige auseinander, um zu der schützenden Wand zu gelangen, und stand im nächsten Augenblick einer Gestalt gegenüber, deren Äußeres eben nicht vertrauenerweckend zu nennen war.

Es war ein langer, in seiner Kleidung sehr verwahrloster Kerl, der zum Überfluß ein breites Messer in der Rechten hielt. Der Graf trat erschrocken einen Schritt zurück, aber der Mann mit dem Messer rief: »Halt, Herr, oder es geht Ihnen an den Kragen, was hat der Herr hier zu schaffen?«

»Ich suche Schutz vor dem Regen,« antwortete der Graf. Er war gerade nicht mutlos, aber die Situation war doch so unbehaglich, daß er sich eines bänglichen Gefühls nicht erwehren konnte.

»Laßt mich wieder meiner Wege gehen,« fuhr er fort, »für zwei ist ohnehin kein Raum unter dem Felsen.«

Er griff in die Tasche und zog seinen Geldbeutel hervor. »Hier nehmt, was ich bei mir trage, und laßt mich gehen.«

Der verwegene Bursche lachte, »Hält mich der Herr für einen Räuber? Das bin ich gerade nicht, wenn ich auch geraden Weges aus dem Zuchthaus komme. Behalten Sie Ihr Geld; wenn Sie mir aber ein Trinkgeld geben wollen, so will ich's gern nehmen und Ihnen dafür einen Unterschlupf zeigen, wo Sie vor dem Regen geschützt sind. Sie gehören nicht zum Forstpersonal, wie ich sehe, und werden einen braven Burschen nicht in die Tinte bringen – sonst!« –

Er hob sein Messer drohend in die Höhe.

»Das ist ein Wilddieb,« sagte sich der Graf und ein Gedanke durchzuckte ihn. »Nein, guter Freund, vor mir seid Ihr sicher,« sprach er lachend, »kommt und zeigt mir den weg ins Trockene, es soll Euer Schade nicht sein.«

Der Wilddieb steckte zwei Finger in den Mund und pfiff. Nach einiger Zeit tauchte ein zweiter Mann, dem anderen ähnlich an Gestalt und Kleidung, aus dem Gebüsch auf.

»Was gibt's, Franz?« fragte er.

»Wir kriegen Besuch,« berichtete der erste, »Es ist ein fremder Herr da, der sich verirrt hat, und den habe ich eingeladen, Er ist nicht gefährlich und will uns ein gutes Trinkgeld geben, wenn wir ihn ins Trockene bringen. Kriech du voran und zeig ihm den Weg.«

Der Graf folgte seinem Führer. Vor dem Felsen angekommen, bog dieser eine dichte Brombeerhecke auseinander und verschwand in einer schmalen Spalte.

»Vorsicht, Herr!« mahnte der zweite der beiden Burschen, der die Nachhut bildete. »Nehmen sie Ihren Kopf in acht, bücken sie sich tiefer, die Decke ist niedrig, aber der Gang ist nicht lang und sie werden sich gleich wieder aufrichten können.«

Nach einer Minute, die dem Grafen eine Stunde deuchte, drang rötlicher Lichtschimmer in die Spalte, und gleich darauf stand er und seine Begleiter in einer geräumigen Grotte, in deren Hintergrund ein Feuer brannte.

»Ist das nicht ein prächtiges unterirdisches Schloß?« fragte der eine Bursche. »Und was das Merkwürdigste daran ist, das ist dieses – kommen sie einmal hierher« – er führte seinen Gast zu der Feuerstelle und zeigte mit dem Finger nach oben, »sehen sie diese Spalte? sie führt wie ein Schornstein durch den ganzen Berg, und wenn man droben, wo das Loch ist, – es kennt's aber niemand außer mir und meinem Bruder – einen Stein hineinwirft, so kann man bis Zwanzig zählen, bis er unten ankommt,«

»Wenn da unversehens einer hineinstürzte!« sagte der Graf.

»Na, der hätte ausgepfiffen,« lachte der Bursche. »Aber der Herr zittert vor Frost. Ziehen Sie Ihren Rock aus und wickeln Sie sich in unsere Schlafdecke.«

Er holte eine Pferdedecke herbei und der Graf leistete der Aufforderung seines Wirtes Folge. Dann wurde ein Stein herbeigewälzt und der Graf mußte am Feuer Platz nehmen.

»Was kocht denn in dem Topf, der über dem Feuer steht?« fragte er, um die Konversation zu eröffnen.

Als Antwort hob sein Nachbar einen Gegenstand vom Boden auf, es war die Haut eines Rehkitzchens.

»Das lasse ich mir gefallen,« sagte der Graf, »ihr lebt nicht schlecht.«

»Und zu trinken gibt es auch, freilich nur Schnaps. Ernst, reiche einmal die Flasche her, dem Herrn wird ein Schluck wohltun.«

Der, welcher Ernst angeredet wurde, reichte dem Gast eine Branntweinflasche. Der Graf bezwang seinen Widerwillen und trank; er wollte die Kerle bei guter Laune erhalten.

»Heute bin ich euer Gast,« sagte er scherzend; »wenn ihr mich in Kaltenbrunn besucht, sollt ihr die meinen sein.«

»Redensarten,« fiel sein Nachbar ihm barsch ins Wort, »wenn ich oder mein Bruder Ihnen morgen begegnete, würden Sie tun, als ob Sie uns nie gesehen hätten. Solange ihr uns braucht, macht ihr Katzenpfoten, hinterher rümpft ihr die Nase über das gemeine Pack. So seid ihr Vornehmen.«

Er lachte dem Grafen höhnisch ins Gesicht.

»Warum,« fuhr der Sprecher fort, »warum glauben Sie wohl, daß ich mich Ihrer angenommen habe? Ich will's Ihnen sagen: weil es mir Vergnügen macht, wenn ich einen von euch finde, der sich nicht zu helfen weiß, und wenn ich ihn dann fühlen lassen kann, daß ich Meister bin. – Sie brauchen sich aber nicht zu fürchten; wir tun Ihnen nichts. Wir könnten Ihnen zwar hier den Hals abschneiden und es krähte kein Hahn nach Ihnen, aber wir tun's nicht, es macht uns nur Spaß, daß wir's tun könnten.«

Der Graf war bei dieser Auseinandersetzung blaß geworden; er zwang sich zu einem Lachen. »Was würde es euch nützen, wenn ihr mich hier ermordetet? Mit dem Geld, das ich bei nur habe, würdet ihr nicht weit kommen. Und damit ihr seht, daß ich mir aus dem Bettel nichts mache – hier habt ihr mein Geld, ich schenke es euch.«

»Herr, so war's nicht gemeint,« lenkte der Wilddieb ein; »wir sind keine Räuber.«

»Nehmt nur,« sagte der Graf und warf dem Menschen seine Börse zu, »Es sind ungefähr zwanzig Dukaten darin, ich schenke sie euch gern.«

Der Wilderer kämpfte einen schweren Kampf. Sein Bruder stieß ihn an und raunte ihm zu: »Nimm's, Franz,« aber dieser reichte das Geld doch zurück.

»Herr,« sagte er, »wir sind arme Teufel und mit dem Geld könnten wir von hier fort und anderwärts etwas anfangen. Wenn es Ihr Ernst ist, uns das Geld zu schenken, so geben Sie es uns draußen auf der offenen Straße, wo Menschen dabei sind, aber hier in der Höhle nehmen wir es nicht.«

»Ihr seid brave Burschen,« sprach der Graf.

»Das sind wir auch,« bestätigte der Wilderer, »und es ist Sünde und Schande, daß man zwei solche Kerle, wie wir sind, wegen ein paar lausiger Bäume monatelang einsperrt, – O du Hund von einem Jäger!« knirschte er und schwang drohend sein Messer.

»Hat euch ein Jäger ins Unglück gebracht?« forschte der Graf.

»Der Hund, der Gelbschnabel ist's gewesen. Der Alte hätte uns auch diesmal durch die Finger gesehen; er ist ein vernünftiger Kerl, der einsieht, daß unsereins auch leben muß, aber der Junge, der gottverdammte Grünspecht! – Und Glück hat die Kanaille! – Jetzt scharmuziert er mit seiner Prinzessin im italienischen Schloß, und unsereins muß Schlingen legen, um nicht zu verhungern.«

»Ihr sprecht von dem jungen Jäger, der die Generalin von Helmhoff im Schießen unterrichtet?«

Der Wilderer machte einen rohen Witz, den er und sein Bruder laut belachten.

»Ja, den meine ich, den Forstgehilfen aus der Einöd. Wäre er vorhin an Ihrer Statt gekommen, sein letztes Brot wäre gebacken gewesen.«

»So aber,« bemerkte der Graf, »wird er aller Wahrscheinlichkeit nach noch lange Brot essen oder vielmehr Pasteten von den silbernen Schüsseln der Generalin.«

»Ersticken soll er daran!« knirschte der Wilderer.

»Wenn ihr das abwarten wollt, könnt ihr lange warten, und der Jäger kann euch noch viel schaden, warum macht ihr den Kerl nicht unschädlich?«

»Wenn wir es ihm heimzahlen könnten, was er uns angetan – beim Teufel und seiner Großmutter! es sollte geschehen. Aber wenn man heute den Hans mit eingeschlagenem Schädel finden würde, so säßen wir morgen in Nummer Sicher.«

»Wenn ihr euch erwischen laßt, allerdings.«

»Was sollen wir armen Teufel anfangen? Heutzutage ist das Ausreißen für einen, der kein Geld hat, nicht leicht.«

»Aber mit Geld läßt es sich machen. Denkt euch einmal, der Hans, so heißt er doch? – verschwindet heute oder morgen; vierundzwanzig Stunden und wohl noch mehr Zeit vergeht, ehe man ihn sucht. Mittlerweile seid ihr schon weit von hier, und wenn ihr einen Freund findet, der euch verborgen hält, bis die Nachforschungen der Gerichte aufgehört haben, und euch dann mit einem guten Stück Geld nach Amerika schafft, wie dann?«

Der Wilderer Franz schwieg, dessen Bruder aber erhob sich von seinem Sitz, trat dicht an den Gast heran, und indem er diesem mit unheimlich glänzenden Augen ins Gesicht sah, sagte er leise: »Die Generalin im italienischen Schloß soll eine sehr schöne, reiche Frau sein, he?«

Der Graf zuckte zusammen, und die beiden Strolche lachten, »wir sollen Ihnen die Kastanien aus dem Feuer holen?« sprach der schlaue Bursche weiter, »Der Hans ist Ihnen im Weg. Ist es nicht so?«

»Nun denn, weil ihr doch einmal so scharfsinnig seid, so denket, es wäre so. Wenn der Jäger demnächst einmal droben auf dem Berg« – er deutete nach der Spalte, auf welche ihn seine Wirte vorhin aufmerksam gemacht hatten – »wenn er zufällig dort oben einen Fehltritt täte und sich den Hals bräche, ich würde mich nicht darüber grämen. Und was das Beste dabei wäre, es würde keinem Menschen einfallen, daß er anders als durch Zufall ums Leben gekommen sei. Man findet droben am Rand des Abgrundes seinen Hut oder seine Flinte, und jedermann wird glauben, der Jäger sei verunglückt.«

Es trat eine lange Stille ein.

Endlich fragte Ernst, der jüngere Bruder: »Sind Sie reich, Herr?«

»Ja, mein Freund, ich habe Geld und Güter, und wenn es euch einmal hier nicht mehr gefällt, so kommt zu mir, dort sucht euch niemand. Ich habe Wälder, viele Meilen lang und breit, und könnte zwei so tüchtige Burschen wie euch recht gut brauchen. Das wäre wohl ein anderes Leben, wenn ihr als Jäger in meinem Dienst jagen könntet, so viel ihr wollt, anstatt daß ihr hier Hasen und Rehe in Schlingen fangt. Überlegt euch das einmal.«

»Mit einem Wort,« sprach der Wilderer, »Sie schaffen uns von hier fort und geben uns Geld und Wald und Wild darin, sobald Sie erfahren, daß der Forstgehilfe –«

»Still!« unterbrach ihn der Graf. »Ihr sprecht zu viel. Hier nehmt diese Goldstücke als Handgeld. Seid aber vorsichtig und laßt sie nicht vor den Leuten sehen. Morgen früh, wenn die Sonne aufgegangen ist, werde ich hier im Wald spazieren reiten, dann haltet euch in der Nähe; ich werde mehr Geld mitbringen, fünfhundert Taler morgen, das vierfache – später.«

Er reichte den Wilddieben sein Portemonnaie, und jetzt nahmen sie das Geld. Sie waren sehr dienstfertig geworden. Der eine ging aus der Höhle, um zu sehen, ob der Regen nachgelassen habe, und kam bald zurück mit der Meldung, daß das Gewitter vorüber sei. Der Graf zog seinen leidlich getrockneten Überrock wieder an und ließ sich ins Freie geleiten.

Die beiden Wilderer aber setzten sich, nachdem sie zurückgekehrt waren, wieder am Feuer nieder und besprachen sich eifrig über die zu ergreifenden Maßregeln.


Seitdem der Professor Werner den verschütteten Brunnen der Habichtsburg aufgedeckt hatte, war kein Tag vergangen, an dem er nicht mit Hilfe des alten Friederle, welcher sich als ehemaliger Totengräber trefflich auf Erdarbeiten verstand, seine Nachforschungen fortgesetzt hätte. Er hatte aber außer einigen Bruchteilen von Schwertklingen noch nichts gefunden.

Heute war Werner glücklicher gewesen. Der Friederle hatte nämlich eine ziemlich gut erhaltene Blechhaube zu Tage gefördert und für seinen Fund ein gutes Trinkgeld erhalten. Jetzt saßen die beiden Männer am Rand der Grube und frühstückten. Der Alte war ganz in sein Geschäft vertieft und hatte nur Augen für den Speisevorrat, der zu seinem Leidwesen rasch zusammenschmolz. Seufzend wandte er sich an Werner, der sein Frühstück beendigt zu haben schien, mit der Frage: »Herr Professor, essen Sie nichts mehr?«

»Nein, Friederle,« antwortete gutmütig lächelnd der Gelehrte; »ich bin satt, esset Ihr nur das übrige auf,« und der Friederle ließ sich das nicht zweimal sagen.

Werner, dem nach der Arbeit, bei welcher er sich oft hatte bücken müssen, die Rast wohltat, zündete sich eine Zigarre an und betrachtete die verrostete Blechhaube mit liebevollen Blicken. Dann legte er sie sanft, als ob sie von Glas sei, neben sich auf den Boden und ließ seinen Gedanken freien Lauf.

Das ist auch eine Art Schlaf, aus welchem man neugestärkt erwacht.

Gras und Kraut um ihn her wiegte sich leise im Wind, in der Luft tanzte allerlei kleines Getier und auf der Erde rannten bunte Käferchen geschäftig hin und her, während andere geschickt an den Halmen emporkletterten. Häuserschnecken zogen wie müde Karrengäule langsam ihres Weges, und die grüne Kavallerie der Flur sprang lustig über jedes Hindernis hinweg. Werner betrachtete die Welt im kleinen, dann fiel sein Blick wieder auf die alte Blechhaube und er lächelte still vor sich hin:

»Das Alte stirbt, es ändert sich die Zeit,
Und neues Leben sprießt aus den Ruinen.«

Auch der alte Friederle ließ seine Gedanken spazierengehen, sie waren realistischer. Er dachte, während er die letzten Bissen in den Mund schob, an die nimmer alle werdenden Brote und Käse, mit welchen weise Waldfrauen in leider längst vergangenen Zeiten glückliche Sonntagskinder zu beschenken pflegten, an die Blätter dachte er, die sich im Magen der Ziege in Gold verwandelten, und er seufzt.

»Herr Professor,« hub er an, »Sie sind ein gelehrter Herr und ich glaube schon, daß solch altes Eisengerümpel für die Stadtherren einen Wert hat, aber ich meine, es liegt noch manches da herum in der Erde, was auch unsereins brauchen könnte. Zwar es steht geschrieben: ›So ihr Nahrung und Kleidung habt, so lasset euch genügen, denn es ist leichter, daß ein Kameel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher in das Himmelreich eingehe‹ – aber wenn man paar Pfund Gold fände, das wäre doch so übel nicht.«

»Armer Friederle, Gold werden wir schwerlich finden.«

»Wer weiß, wer weiß,« sagte der Alte geheimnisvoll. »Sehen Sie,« – er deutete auf den Boden – »hier wächst Goldmilz und Widerton; die zwei Kräuter zeigen allemal an, daß Gold verborgen unter der Erde liegt; wer's aber haben will, der muß mehr können als Brot essen, Kleider, Schuh, Haus, Hof, getreue Nachbarn und desgleichen. Die Geschichte von der Schlüsselblume und dem Schatz im Turm kennen Sie ja?«

»Ja, Friederle, Ihr habt sie mir schon einmal erzählt. Aber laßt Euch solche Gedanken vergehen.«

Friederle schüttelte den Kopf. »Mein Ältervater,« begann er wieder, »hat einmal eine Ente geschlachtet, die hat drei Goldkörner im Magen gehabt, groß wie Bohnen. Dann hat er unten im Bach nachgesucht und hat auch wirklich noch ein Paar Stückchen Gold gefunden.«

»Ei,« sagte Werner, »das ist interessant.« Er zog seine Schreibtafel und machte sich eine Notiz.

»Gelt,« nickte der Alte, »das hätten Sie nicht gedacht? Ja, ja, wie ich sage, es liegt noch manches hier unter der Erde. Drüben am Donnersberg gibt es steinerne Kugeln –«

Werner nickte.

»Wenn man sie entzweischlägt, sind glitzerige Steine darin wie Eiszapfen. Diese Steinkugeln sind noch nicht reif, aber mit der Zeit werden sie reif und dann wächst Gold darin.«

»Wer hat Euch das gesagt, Friederle?«

»Das ist eine alte Geschichte, das weiß jedermann.«

»Und kennt Ihr einen, der Gold in einer solchen Kugel gefunden hat?«

»Einen lebendigen Menschen nicht, aber in alten Zeiten, noch lange vor der Schwedenzeit, sind manchmal Fremde ins Land gekommen, die sahen es den Steinen an, wenn sie reif waren. Die unreifen vergruben sie wieder, die reifen aber zerschlugen sie und fanden Gold die Hülle und Fülle. Das Gold schleppten sie hernach nach Welschland, wo sie herrliche Schlösser bauten.«

»Also Welsche waren die Männer?« fragte Werner, indem er von seinem Notizbuch aufblickte.

»Ja, Welsche aus Welschland,« bestätigte der Alte.

»Weiter, Friederle! Erzählt mir, was Ihr von den Goldsuchern wißt.«

»O Jerum, das ist eine alte Geschichte, die weiß jedermann. Es ist einmal ein Köhler gewesen, der hat drüben am Donnersberg seine Hütte gehabt und das war just in der Zeit, wo die Welschen alle Sommer in die Einöd gekommen sind, um Gold zu graben, Einmal in der Nacht hört der Köhler ein Schreien und Lamentieren, und wie er hingeht, findet er einen solchen Welschen, der hatte in der Dunkelheit einen bösen Fall getan und hat nicht mehr vom Fleck gekonnt. Da hat ihn denn der Kohlenbrenner aufgehoben und an ihm getan, was Christenpflicht ist, denn es steht geschrieben: ›Liebet euren Nächsten wie die Schlangen, aber ohne Falsch wie die Tauben.‹ Und von der Zeit an sind die beiden gut Freund gewesen. Jeden Morgen ist der Welsche mit seinem Arbeitszeug in die Berge gegangen und am Abend in die Hütte zurückgekommen, wo er auf drei Fellen, einer Schweinshaut, einer Hirschhaut und einer Bärenhaut abwechselnd geschlafen hat, damals hat's nämlich noch Bären in der Einöd gegeben. Wenn der Winter kam, zog der Welsche fort, aber im Frühjahr kam er wieder, just wie die Schwalben und der Storch. Von seinem heimlichen Treiben aber hat er niemals einen Pieps getan, und der Köhler hat auch nie gefragt. Das ging so ein paar Jahre lang fort. Endlich ist der Fremde ausgeblieben und nicht wieder gekommen.

»Mittlerweile war des Köhlers Sohn ein Bursch geworden und ist als Vogelhändler in die Fremde gegangen. Auf seiner Wanderschaft ist er auch in die prächtige Stadt Venedig gekommen. Das ist eine Stadt, zweimal so groß wie die Einöd und Kaltenbrunn zusammengenommen, und die Häuser sind dort alle aus dem weißen Stein gebaut, wovon im Kurgarten von Kaltenbrunn die zwei nackten Weibsbilder gemacht sind.

»Wie nun der Bursche dort seine Finken und Kreuzschnäbel feilgeboten hat, da kommt auf einmal ein vornehmer Herr gegangen, und das war kein anderer als der Welsche, der bei dem Köhler gewohnt hatte. Der Welsche hat sich auch gar nicht geschämt, sondern er hat den Vogelhändler bei der Hand gefaßt und hat ihn in ein wunderschönes Schloß geführt, wo alles von Gold nur so gefunkelt hat. Da ist es hoch hergegangen. Bier und Bratwurst hat er haben können, soviel er nur gewollt hat, und des Nachts hat ihn der Welsche in eine Kammer gefühlt, da sind drei Betten gestanden; das eine hat einen Hirsch, das andere einen Bären und das dritte ein wildes Schwein vorgestellt, und alle drei sind aus purem Gold gewesen. Darin mußte der Bursche abwechselnd schlafen. Dann hat ihm der Welsche erzählt, daß er all das Gold in unseren Bergen gefunden hat und hat ihm alle seine Vögel abgekauft und obendrein so viel Geld geschenkt, daß er genug gehabt hat für sein Lebtag.«

Werner hatte aufmerksam zugehört und sich Aufzeichnungen gemacht.

»Ich danke Euch, Friederle,« sprach er, als der Alte zu Ende war, »Das ist einmal etwas, was ich brauchen kann. Und Euch wünsche ich von Herzen einen so guten Freund wie den Welschen in Venedig, aber in unserer Zeit geschehen dergleichen wunderbare Sachen nicht mehr.«

Der Alte lächelte verschmitzt. »Warum denn nicht? Wenn man jung ist und schön und stark, so kann man auch noch heutzutag Wunderdinge erleben und zu Glück und Reichtum kommen, man weiß nicht wie. Aber die da reich werden wollen, die fallen in Versuchung und Stricke und lauter törichte und schädliche Lüste, welche versenken den Menschen in Verderben und Verdammnis, allwo ist Heulen und Zähneklappen – –«

»Wie meint Ihr das, Friederle?«

»Es ist kein Geheimnis, die ganze Welt weiß es, und wahr ist es auch, was man erzählt von dem Hans und der schönen Witfrau im italienischen Schloß – –«

»Wovon redet Ihr?« fragte der Professor und stand rasch auf, »sprecht, Friederle!«

»Ich hab's von dem Weber, dem Invaliden. Wir sind Gevattersleute und obendrein alte Kameraden vom Militär her, wir haben zusammen in einer Kompanie gestanden von Anno sechsundzwanzig bis – –«

»Was hat Euch Euer Kamerad erzählt?«

»Was die ganze Welt weiß. Der Hans kommt die Woche dreimal in das italienische Schloß. Da schießen sie zusammen nach dem Ziel, und die Generalin ist verliebt in den Hans, weil er ein schöner, stattlicher Bursche ist, und sie will ihn mit sich nehmen, fort von hier, und der Hans wird ein vornehmer Herr, ein Graf, ein Prinz – was weiß ich,«

Werner stand da wie vom Donner gerührt. Der Wald, die Felsen, alles drehte sich um ihn im Kreise »Und Ihr glaubt den Unsinn?« fragte er, nachdem er sich einigermaßen gefaßt hatte.

Der Friederle lachte, »Ob ich es glaube? Herr Professor, sie kennen das Weibervolk nicht. – Wie ich noch ein junger Bursche war und als Jäger in der Residenz lag, da – ja, wenn ich wollte, ich könnte Geschichten erzählen!« –

»Wir wollen nach Hause gehen, Friederle,« sagte der Professor mit tonloser Stimme und hob seinen Fund, die Blechhaube, auf.

Der Alte sah seinen Gönner verwundert an.

»Und hört,« fuhr Werner fort, »ich habe noch eine Bitte an Euch zu richten, verschweigt, was Ihr erfahren habt. Euer Freund hat sich sicherlich geirrt – und, wißt Ihr – das Gerede könnte viel Unglück anrichten. Am Ende bekämt Ihr gar mit dem Landgericht zu tun, bedenkt das, Friederle! – Ich weiß, Eva hat es mir erzählt – der Hans hat Euch kürzlich ertappt, wie Ihr ein Handbeil bei Euch hattet, er hat Euch nicht angezeigt. Vergeltet ihm das und sorgt, daß niemand im Försterhaus etwas von dem Gerücht erfährt, – Übrigens bin ich Euch noch Dank schuldig für die Geschichte, die Ihr mir von dem Welschen erzählt habt. Da, nehmt das.«

Er gab dem Alten einen Taler und ging raschen Schrittes zu Tal.

Der Friederle beguckte seinen Taler mit flimmernden Augen. Dann belud er sich mit seinem Arbeitszeug und folgte, allerlei vor sich hinmurmelnd, dem Gelehrten nach.

Ein heißer Tag ging zu Ende, die Sonne neigte sich zum Niedergang und von den Bergen herüber wehte kühle, erquickende Luft.

Die Kinder des Försters, die sich lange vor dem Haus herumgetummelt hatten, saßen müde und hungrig in der Küche und warteten auf das Abendbrot. Seither hatte ihnen der Herr Professor die Zeit des Wartens durch eine seiner wunderschönen Geschichten verkürzt, heute aber fehlte er. Anscheinend verstimmt war er gegen Mittag aus dem Bielsteinwald zurückgekehrt, dann hatte er zum Haltenwirt nach dessen Fuhrwerk geschickt und war am Nachmittag nach Kaltenbrunn gefahren. Die Kinder hatten das neue Bilderbuch bereits von Anfang bis Ende durchblättert und nun – ja was nun?

Der Hans war auch nicht da, und was hätte der auch zur Vertreibung der Langweile getan? Mit dem war ja schon längst nicht mehr auszukommen. Sonst spielte der Onkel Hans mit den Kindern, als ob er selbst noch eins sei, schnitzte Schwerter aus Holz, Schiffchen aus Baumrinde und Teufel aus Kartoffeln, aber seit einiger Zeit war er so mürrisch, daß sich die Kinder vor ihm beinahe fürchteten.

»Ist das Essen noch nicht bald fertig?« fragte endlich der Älteste.

»Geduld,« erwiderte die Frau Muhme, welche Schwarzbrot in eine große Schüssel schnitt, »Evchen, setze doch die Milch ans Feuer, damit wir die hungrigen Mäuler sättigen können.«

Eva stand am Herd und starrte in die Flamme, die sie eben entfacht hatte. Beim Anruf der Muhme fuhr sie auf wie aus dem Schlaf aufgeschreckt. »Gleich, gleich,« rief sie und tat wie ihr geheißen, dann verfiel sie wieder in Nachdenken.

Es war heute zum ersten Male, seitdem Hans in der Einöd lebte, zwischen ihm und dem Vater zu einem Wortwechsel gekommen. Der überaus gutmütige Förster hatte ihn wegen einer Nachlässigkeit sanft zur Rede gestellt, Hans hatte sich verteidigt und zwar in einer keineswegs höflichen Weise. Dabei hatte er so sonderbare Reden geführt; er sei nicht willens, sich wie einen dummen Jungen behandeln zu lassen, er wisse schon, wo Bartel den Most hole – wenn er dem Förster nicht recht sei, so wolle er seiner Wege gehen – ein Kerl wie er finde überall sein Brot und was dergleichen Redensarten mehr waren. Hierauf hatte der Förster in gereiztem Ton erwidert, er seinerseits halte den Herrn Hans Grubenhofer durchaus nicht – so einen finde er leicht wieder –, Hans möge gehen, wohin er wolle. Darauf hatte Hans seine Flinte genommen und war trotzig in den Wald gegangen. Daß er wiederkommen werde, daß der Wortwechsel überhaupt keine weiteren Folgen haben werde, davon war Eva überzeugt und darüber machte sie sich keine Sorgen, wohl aber gingen ihr die trotzigen Worte, die Hans gesprochen hatte, im Kopf herum; sie brachte sie in Zusammenhang mit dem zurückhaltenden, fast scheuen Wesen, welches er seit einiger Zeit zur Schau trug – und die Tränen traten ihr in die Augen.

»Mich hungert ganz fürchterlich,« ächzte der kleine Karl. »Ev', erzähl du uns eine Geschichte!«

»Geh, laß mich in Ruh', ich weiß keine, auch muß ich auf die Milch acht geben, daß sie nicht anbrennt.«

»Wenn ihr still sein wollt,« sagte die Frau Muhme, »so will ich euch eine Geschichte erzählen. Also aufgepaßt! Es war einmal ein König, der hatte eine Tochter, die war eine Prinzessin. Sie war wunderschön, aber noch kein Mensch hatte sie jemals lachen sehen – – –«

»Ach, Frau Muhme, die Geschichte kennen wir,« riefen alle vier Kinder.

Die Muhme dachte nach. »Gut, so will ich von dem Fischer und der Nixe erzählen. Habt ihr die Geschichte auch schon einmal gehört?«

»Nein, nein.«

»Also. Es war einmal ein Fischer, ein armes, junges Blut und brav war er auch. Er besaß nichts als eine Hütte von Schilf, einen Kahn und seine Netze. Aber eine Braut hatte er auch, die war das schönste und fleißigste Mädchen weit und breit und im Herbst sollte die Hochzeit sein.

»Bei dem Dorf war ein großer, unergründlicher See, auf den fuhr der junge Fischer alle Tage hinaus und fing Fische, und keinem gingen so viele ins Netz als ihm.

»Da kam Pfingsten heran. Vor dem Dorf war ein Maibaum gepflanzt, um den herum tanzten die Burschen und die Mädchen Hopser, Schottisch und Zweitritt, und die Musikanten bliesen und fiedelten und die Baßgeige rumpelte, daß es eine Lust war.

»Auf einmal ist unter den Mädchen eine wunderschöne Jungfer gewesen und niemand hat sie kommen sehen. Ihr Kleid war schneeweiß und mit Schilfblättern und Korallen verziert, auf dem Kopf hat sie einen Kranz von weißen Heckenrosen getragen und in jeder war eine Perle, so groß, daß man dafür ein Königreich hätte kaufen können.

»Und die weiße Jungfer ist auf den Fischer zugegangen, als ob sie alte Bekannte wären und hat zu ihm gesagt: ›Tanz mit mir!‹ Und da haben die beiden zusammen getanzt, so wunderschön, daß alles stehen geblieben ist und hat zugesehen, So haben sie fortgetanzt, hinaus aus dem Kreis und hinaus aus dem Dorf bis an den See. Da ist die Jungfer stehen geblieben und hat gesagt: ›Hier bin ich daheim, komm mit!‹ Den Fischer aber hat's gegruselt und er hat gemerkt, daß es die Nixe des Sees ist.

»Die Nixe aber hat ihn so rührend gebeten und hat ihm versprochen, es soll ihm kein Leid widerfahren, und da ist er denn mit ihr in den See hinuntergestiegen. Unten aber auf dem Grund war ein gläsernes Schloß und Gärten mit Blumen und Bäumen darin, viel tausendmal schöner als auf der Erde. Und die Nixe hat dem Fischer die ganze Herrlichkeit gezeigt und ist so holdselig gegen ihn gewesen, daß er es nicht hat lassen können und hat ihr einen Kuß gegeben. Und wie er das getan hat, da hat er auf einmal alles vergessen, was er droben auf der Erde gehabt hat, seine Schilfhütte, seine Netze und seine Braut, und es hat ihn nicht mehr verlangt, zurückzukehren.

»Im Dorf aber sind die Leute zum Tod erschrocken gewesen, als der Fischer mit der fremden Jungfer verschwunden ist, und jetzt ist's allen wie Schuppen von den Augen gefallen, daß es die Nixe gewesen ist. Und des Fischers Braut hat geweint und gejammert, daß es zum Erbarmen war.

»Nun ist im Dorf eine weise Frau gewesen, die hat zu dem armen Mädchen gesagt: ›Dein Bräutigam kann erlöst werden, wenn‹ – Herr Gott, Eva, was ist dir?«

Eva lehnte leichenblaß an der Wand und war keines Wortes mächtig.

»Ev', Ev',« zeterten die Kinder und liefen auf ihre Schwester zu.

»Es ist nichts,« sagte Eva mit schwacher Stimme und richtete sich auf.

»Die Hitze ist die Ursach',« beruhigte die Muhme. »Komm mit hinaus, Evchen, und trink ein Glas frisches Brunnenwasser, das wird dir helfen, komm, komm!«

Sie zog Eva ins Freie und gab ihr zu trinken.

»Das hat nichts auf sich,« sprach die Alte tröstend, »es kommt vom Blut, ist mir auch oft so geschehen, als ich ein junges Ding war wie du. Trink noch einmal, so, und nun setze dich hier auf die Bank. Die Abendluft wird dir gut tun. Ich will unterdessen die hungrigen Mäuler zur Ruhe bringen.«

Sie ging wieder in das Haus und ließ Eva allein.

»Das ist's,« jammerte das Mädchen, »das ist's, jetzt weiß ich's. O Hans, mein lieber, armer Hans.«

Sie schlug die Hände vors Gesicht und weinte bitterlich.

»Jungfer Evchen, Jungfer Evchen,« rief eine keuchende Stimme.

Eva blickte auf. Eine kleine Gestalt, die sie in der zunehmenden Dunkelheit nicht deutlich erkennen konnte, kam eiligen Laufes auf das Haus zu. Eva stand auf und trocknete schnell ihre Tränen. Der alte Friederle langte atemlos vor dem Försterhaus an.

»Jungfer Evchen, geschwind – es geht ihm ans Leben, wo ist der Förster?«

»Nicht zu Hause –«

»O weh, o weh!« stöhnte der Friederle. »Es ist um ihn geschehen! – Herr, sende deine himmlischen Heerscharen, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen!«– –

»Was gibt's, Friederle? So redet doch!«

»Sie wollen ihn ermorden. Ich hab's gehört – ich war droben bei der Habichtsburg – die alte Fichte mit der dürren Spitze ist so nicht mehr viel wert – was liegt mir dran, ob ich eingesperrt werde – aber der Hans wird mich nicht anzeigen – ich bin ja seinetwegen gelaufen, daß mir der Odem schier ausgeht. – Droben habe ich alles mit angehört – mit einer Drahtschlinge wollen sie ihn fangen, wenn er über den Bielstein gegangen kommt– –«

»Wer denn, wen denn?«

»Die beiden Lumpen, der Franz und der Ernst Hübner. Sie lauern auf den Hans in der Habichtsburg und wollen ihm den Garaus machen. Die Schufte wissen, er ist im italienischen Schloß bei der schönen Witfrau, ich soll's nicht verraten, hat der Professor gesagt – er hat mir auch einen Taler geschenkt – aber Not bricht Eisen – jetzt ist alles eins – wenn keine Hilfe kommt, ist er ein Kind des Todes.«

Eva hatte genug gehört. Aus dem verworrenen Bericht des alten Friederle war ihr klar, daß Hans in Todesgefahr schwebe.

»Fritz!« schrie sie in das Haus hinein.

Der Gerufene erschien, an einem Stück Brot kauend, in der Tür.

»Lauf, Fritz,« sagte Eva zu dem Jungen, »lauf, was du kannst, zum Haltenwirt. Findest du den Vater dort, so sag ihm, er solle schnell mit ein paar Männern nach der Habichtsburg eilen – droben sind die beiden Hübner und lauern auf den Hans. Ist der Vater nicht im Wirtshaus, so sage es dem ersten Besten, den du findest – spring, so schnell du kannst!«

Der Junge rannte fort.

»Ihr, Friederle,« wandte sich Eva wieder an den Alten, »müßt hier bleiben. Es ist möglich, daß der Vater nicht im Dorf ist, daß er von einer anderen Seite nach Hause kommt.«

Und mit diesen Worten eilte sie den Abhang hinunter, dem Bielsteinwalde zu. Daß sie, das wehrlose Mädchen, dem Bedrohten keine Hilfe bringen konnte, daran dachte sie nicht.


Werner war nach Kaltenbrunn gefahren.

Als er die Villa Feodore betrat, kam ihm die Kammerjungfer entgegen. Sie hatte für ihre Unvorsichtigkeit von neulich, da sie den Grafen Czernohorsky in den Salon geführt hatte, ohne sich zuvor von ihrer Herrin Instruktion zu holen, einen scharfen Verweis erhalten und sie war daher auf der Hut.

»Ich bitte um Ihre Karte,« sagte sie mit einem Knix und musterte die Gestalt des Professors.

»Visitenkarten führe ich nicht,« erwiderte dieser. »Melden Sie der Frau Generalin, Professor Werner sei da.«

Die Zofe verschwand und kehrte bald zurück mit der Meldung, der Herr Professor sei willkommen.

Als Werner in den Salon trat, kam ihm Feodore heiter lächelnd entgegen und bot ihm beide Hände.

»Seid gegrüßt, würdiger Gelehrter!« rief sie mit dem Ton eines übermütigen Mädchens. »Der Anachoret hat wohl daran getan, seine Waldeinsamkeit einmal zu verlassen, um nachzusehen, wie es um die Kinder der Welt bestellt ist. Strecket Eure müden Glieder aus auf dieser Bärenhaut,« fuhr sie mit einer Handbewegung nach einem Sessel fort, »und berichtet mir von den Geheimnissen, so Ihr dem Wald abgelauscht habt, ehrwürdiger Klausner.«

Der gekünstelte Humor in der Anrede der Generalin berührte den Gelehrten schmerzlich; er durchschaute die Maske.

»Wir haben uns lange nicht gesehen, Feodore,« sprach er ernst, »Sie schrieben mir kürzlich, Sie seien leidend – sind Sie wieder hergestellt?«

»Vollkommen, mein väterlicher Freund, und ich war willens, Sie morgen in Ihrer Eremitage zu überraschen, Sie wohnen doch in der Försterei, nicht wahr? So sagte mir wenigstens der Jägerbursche aus der Einöd, den ich als Sachverständigen zu Rate zog, als ich auf die Idee kam, mir im Park einen Schießstand errichten zu lassen. Ja, ja, Werner, sehen Sie mich nur verwundert an – ich schieße bereits wie ein weiblicher Wilhelm Tell und freue mich königlich auf den Beginn der Jagdsaison. – Mein Gott, das Landleben ist doch gar zu einförmig – und immer promenieren, lesen und Stramin ausfüllen – bah!«

Sie lehnte sich im Sessel zurück und wehte sich mit dem Fächer Kühlung zu, aber über den Schwanenbesatz des Fächers flog ihr Auge verstohlen nach dem Gelehrten hinüber. Sie ahnt den Grund seines Hierseins. Der Kampf beginnt. Sie selbst hat ihn eröffnet.

»Feodore,« begann Werner – seine Stimme klang tief aus der Brust heraus. »Feodore, Sie nannten mich soeben Ihren väterlichen Freund –«

»Und das sind Sie, Werner. Sie haben es mir kürzlich wieder bewiesen, indem Sie mich mit dem Bild überraschten. Ich besaß bisher nur ein kleines Medaillon mit dem Brustbild meiner verewigten Mutter, wo in aller Welt haben Sie das Ölgemälde hergenommen? Eine Meisterhand muß es geschaffen haben. Das warme Kolorit des Gesichts und der Hände, der lebendige Ausdruck im Auge und die Technik, die sich in der Behandlung des Faltenwurfes ausspricht, das alles – – – «

Unwille malte sich auf Werners Gesicht.

»Feodore,« sprach er leise und senkte sein Auge tief in das ihre. Die schöne Frau zuckte und schwieg.

»Feodore,« begann Werner wieder, »Sie wissen, weshalb ich gekommen bin.«

»Sprechen Sie weiter,« sagte sie tonlos und preßte die Lippen aufeinander.

»Feodore, es gehen seltsame Gerüchte über Sie. Soll ich sie nennen?«

Feodore schwieg.

»Ich brauche sie nicht zu nennen. Wenn ich bis zu dem Augenblick, da ich Ihnen gegenübertrat, Zweifel hegte, so habe ich jetzt die Gewißheit, daß das Gerücht nicht aus der Luft gegriffen ist. Feodore, ich frage sie, was soll das Getändel mit dem ›Jägerburschen‹, wie Sie ihn selbst nennen?«

Die Visiere waren geöffnet.

Feodore stand auf und machte ein paar rasche Schritte, dann blieb sie dem Professor gegenüber stehen und stemmte die Hand fest auf den Tisch, der zwischen beiden stand.

»Ich will nicht fragen, Werner,« sprach sie, »ob sie das Recht haben, mich über mein Tun und Lassen zu Rede zu stellen –«

»Ich habe es, Feodore,« sagte der Gelehrte bestimmt, »es ist mir von einer Sterbenden übertragen worden.«

»Auch die Rechte, die eine Mutter über ihr Kind hat, erlöschen bei dessen Großjährigkeit, Werner, ich bin kein Kind mehr, bedenken Sie das?«

Ihre Stimme klang drohend.

»Sie sind kein Kind mehr, aber auch nicht das im Leben erstarkte Weib, welches der Leitung entbehren kann. Aus der klösterlichen Einschränkung des Pensionats traten Sie in das Haus Ihres Oheims ein, Ihre Tante beurteilte das Kind ganz richtig, Sie waren und sind noch ein Kind von weichem Gemüt, zugänglich allem, was gut und schön ist, aber es fließt ein Tropfen Blut in Ihren Adern, der sie – wären sie, anstatt in einer wohlgeordneten Häuslichkeit, in Verwahrlosung und Entbehrung aufgewachsen, in Elend und Verderben geführt hätte. – Um der strengen Beaufsichtigung Ihrer Tante, die wohl auch nicht die geeigneten Mittel, Ihren Charakter zu befestigen, anwandte – um dieser Fessel zu entgehen, legten sie sich aus freier Wahl eine schwerere an, Sie wurden die Gemahlin des Generals Helmhoff. Damals, eingedenk des Versprechens, welches ich Ihrer sterbenden Mutter gegeben hatte, machte ich den Versuch, Sie, die ich liebte wie mein Kind, von dem Schritt, den Sie zu tun im Begriff waren, zurückzuhalten – vergebens. Sie reichten dem körperlich und geistig zerrütteten Greis die Hand – in der Hoffnung, das Leben genießen zu können, und gerieten in die Knechtschaft der argwöhnischen, überdies durch die Heirat beeinträchtigten Verwandten des Generals.«

»O still, still!« rief Feodore schmerzlich. »Warum erinnern Sie mich an jene furchtbare Zeit – sieben Jahre, sieben Jahre! Ach, Werner, mein getreuer Eckart, warum habe ich nicht auf Sie gehört?«

Der Professor reichte der Ergriffenen die Hand.

»Armes Kind,« sagte er mit einer Stimme, die zum Herzen sprach. »Sie haben schwer gebüßt, aber noch lacht Ihnen das Sonnenlicht des Lebens. – Sie können und sollen es genießen. – Aber, Feodore, Sie sind auf dem Irrweg. Der Weg, den Sie, Ihrem Kerker entronnen, geblendet von dem ungewohnten Licht der Freiheit, eingeschlagen haben, führt nicht zum Glück – wissen Sie, Feodore, wohin er führt?«

Seine Stimme wurde zum Flüstern. »Er führt zur Selbstverachtung, zur Schande.«

Feodore entzog ihm rasch ihre Hand.

»Nein, Werner,« sagte sie mit klarer Stimme, »Sie sind im Unrecht, Sie beurteilen mich falsch. Hier hebe ich meine Hand auf und schwöre bei dem Andenken meiner verklärten Mutter, daß ich mir keiner Handlung bewußt bin, die mich in meinen Augen verächtlich erscheinen lassen müßte. Sie fragten mich vorhin: ›Was soll das Getändel mit dem Jäger?‹ Wohlan, Werner, ich will Ihnen Rede stehen!«

Sie richtete sich stolz auf und rief mit leuchtenden Augen: »Ich liebe den Jäger, in dem mir das Urbild männlicher Jugendkraft entgegengetreten ist, ich liebe ihn mit der ganzen Glut meiner Seele – ich habe noch keinen Mann geliebt – er ist der erste. Ich will brechen mit Tradition und Konvention, will Rang und Namen von mir werfen und mit dem Mann meiner Wahl, mit meinem Gatten in süßer Verborgenheit leben, und niemand, niemand, auch Sie nicht, Werner, soll mich daran verhindern!«

Diese Wendung kam dem Professor unerwartet. Er hatte sich gerüstet, ein von niederer Leidenschaft ergriffenes Weib zu bekämpfen und traf auf eine heldenhafte Gegnerin, die ihren Irrtum mit dem Schild der Hochherzigkeit verteidigte.

»Feodore,« sprach er nach langer Pause, »ist das Ihr Ernst? Sie, die feingebildete Frau, wollen einem Manne die Hand reichen, der außer einer schönen, männlichen Erscheinung, einem normalen Verstand und einem guten Herzen nichts besitzt, um die weite Kluft ausfüllen zu können, welche sich zwischen Ihnen und ihm befindet?«

»Und das sagen sie?« fragte Feodore bitter. »Das sagt der Professor Werner, der jederzeit für die Gleichberechtigung aller in die Schranken getreten ist?«

»Gleichberechtigung! Es handelt sich hier nicht um Gleichberechtigung, sondern um gleiche gesellschaftliche Stellung. Verstehen sie mich nicht falsch, Feodore. Ich glaube, oder vielmehr ich weiß, daß es zahlreiche Individuen unter der Aristokratie gibt, die jener junge Mensch, was intellektuelle Befähigung anbelangt, weit hinter sich läßt. Ich glaube, daß sich dem Forstgehilfen binnen kurzem jener Schliff geben ließe, den er für die Welt, für den Salon braucht – aber darum taugt er noch nicht zu Ihrem Gatten. Er steht auf einer anderen Bildungsstufe, ist in anderen Verhältnissen aufgewachsen als sie, und er würde in Ihnen stets die Gönnerin, die gnädige Frau erblicken, die ihm in geistiger Beziehung – ich betone nur diesen Unterschied – weit überlegen ist. – Ist es schon für einen Mann ein gewagter Schritt, sich an eine Gefährtin zu binden, die an Bildung und Erziehung unter ihm steht, wie viel mehr für eine Frau, die an dem Mann eine Stütze, einen Lenker finden soll! – Eine Liebelei zwischen der gebildeten Aristokratin und dem schlichten Jäger wäre moralisch nicht, aber physisch zu rechtfertigen, eine Ehe zwischen beiden ist undenkbar, ist wider die Natur.«

»Er ist bildungsfähig,« wandte Feodore ein, »er ist wißbegierig, er wird lernen.«

Um den Mund des Professors spielte ein unmerkliches Lächeln.

»Das soll er allerdings, aber Sie, Feodore, können seine Ausbildung nicht übernehmen. Mathematik, Physik, Chemie, das muß er treiben, aber nicht Shakespeare, Byron und dergleichen. Er ist eine junge Tanne, die in den Waldboden gehört und nicht ins Glashaus. Sie machen sich und ihn unglücklich, wenn Sie Ihren Vorsatz ausführen und vielleicht noch eine dritte Person.«

»Wieso, Werner? Welche dritte Person haben Sie im Sinn?«

»Der Förster, in dessen Diensten Hans steht, hat eine Tochter, ein einfaches, gutes Kind. Sie liebt ihn, und er –«

»Und er?« schrie Feodore auf.

»Er liebt sie auch. Und wenn er auch durch das leuchtende Gestirn, welches seine Bahn kreuzte, mächtig angezogen und aus seiner Sphäre gerissen wurde, so wird er doch, sobald sich das Meteor, welches ihn zur Abirrung vermochte, entfernt hat, dahin zurückkehren, wohin es ihn früher zog. Das ist meine feste Überzeugung.«

Die Lippen des leidenschaftlichen Weibes zuckten.

»Ist sie schön?« stieß sie bebend hervor.

»Sie ist ein liebes, anmutiges Kind.«

»Und Sie sagen, daß sie meinem – daß sie dem Jäger nicht gleichgültig sei?«

»Ich weiß es.«

Feodore biß die Zähne aufeinander, daß man das Knirschen hörte.

»Ich muß sie sehen, ich muß sie sehen,« keuchte sie.

»Lady Milford!« sagte der Professor leise und blickte Feodore ernst an.

Sie sank in einen Sessel und brach in lautes Weinen aus.

Werner nickte mit dem Kopf wie ein Arzt, der einen Kranken beobachtet und die Krisis nahen sieht.

»Ich kann ihn nicht lassen,« schluchzte sie. »Werner, ich kann nicht – o, ich habe ihn ja so lieb, so unsäglich lieb –«

»Armes Kind,« sagte der Gelehrte mild und legte seine Hand beruhigend auf ihre glühende Stirne. »Du kannst es, Mut, Feodore, Mut!«

Sie tastete nach seiner Hand und weinte leise fort.

»Ich will Ihnen,« sprach Werner weiter, »einen Fall erzählen, der mit dem Ihrigen viel Ähnlichkeit hat. Sie werden beim Zuhören Ruhe gewinnen. – Es sind jetzt fünfundzwanzig Jahre her, daß der Tod eine Ehe trennte, welche der Ihrigen insofern glich, als der Mann – er stammte ans einem alten freiheitlichen Geschlecht und bekleidete hohe Ämter und Würden – weit mehr Jahre zählte als seine Gattin. Er hinterließ eine reiche, junge und schöne Witwe, sowie zwei Kinder, einen Knaben von sechs und ein Mädchen von zwei Jahren.

»Zur Erziehung des ersteren berief die Baronin einen jungen Gelehrten, der ihr als unterrichteter, gewissenhafter Mann empfohlen war. Er kam und gewann in kurzer Zeit die Liebe des Knaben und das Vertrauen der Mutter.

»Der Erzieher stand an der Grenze des Jünglingsalters und verband mit einem gesunden Verstand und den Kenntnissen, die er sich auf Hochschulen und auf Reisen angeeignet hatte, eine nicht unvorteilhafte Erscheinung. Er war, ich darf es sagen, ein Mann.

»Weniger diese Eigenschaften, die ihn keineswegs über die Mittelmäßigkeit, über die Durchschnittsmenschen erhoben, als das zurückgezogene Leben der Baronin, welche nach dem Tode ihres Gatten selten mit einem ihr an Bildung nahestehenden jungen Mann in Berührung kam, bewirkten, daß der Erzieher in den Augen seiner Gönnerin von Tag zu Tag mehr dem Ideal gleich kam, welches sich die junge, dem Leben angehörige Witwe von einem Manne machte –«

Feodore hatte ihre Tränen gestillt und lauschte mit weit geöffneten Augen den Mitteilungen des Freundes. Werner fuhr fort: »Die zarte Aufmerksamkeit, welche die Baronin dem Erzieher erwies, die Annäherungsversuche, die sie machte, mußten diesen bald über die Gefühle der Mutter seines Zöglings aufklären. Mit richtigen Takt hielt er sich fortan möglichst von ihr fern und zog sich mit seinem Schüler in das Studierzimmer zurück. Es zeigte sich jedoch, daß dieser passive Widerstand, den die Baronin für Schüchternheit hielt, nicht geeignet war, die Neigung derselben abzulenken. Der Erzieher fand eines Abends, als er von einem Spaziergang in sein Zimmer zurückkehrte, einen Brief von der Hand der Baronin vor, in welchem diese ihm Herz und Hand antrug.

»Was der junge, mittellose Mann, dem mit der Hand einer liebenswürdigen, geistvollen Dame zugleich die Mittel zu einer sorgenfreien, angenehmen Existenz geboten wurden, in jener Nacht durchgekämpft hat, vermag ich nicht zu sagen, das aber weiß ich, daß er den nach der ersten Eingebung gefaßten Entschluß, zu fliehen, aufgab und am andern Morgen der auf Entscheidung harrenden Frau mit kalten Worten die Gründe darlegte, die ihn bestimmten, nach wie vor das zu bleiben, was er bisher gewesen: der Erzieher des Sohnes, der treuergebene Freund und Berater der Mutter.

»Wohl mochten die kalten, verstandesmäßigen Worte tief einschneiden in das Herz des liebenden Weibes, aber sie wirkten, was sie sollten. An der Ruhe des Mannes, der, als ob nichts vorgefallen sei, monate- und jahrelang seiner Pflicht gewissenhaft nachkam, erstarkte die Frau; aus der Weltdame ward eine Mutter, die ihr ganzes Leben der Erziehung ihrer Kinder widmete, bis sie vom Tod abgerufen wurde.

»An ihrem Sterbebett mußte der Mann, den sie einst geliebt, ihr versprechen, den Waisen zu bleiben, was er bisher gewesen war, ein väterlicher Freund, ein treuer Berater, ein Warner, wenn es not tue. Er versprach es und sie starb beruhigt, ohne das Geheimnis zu erfahren, welches der Mann bis heute in seinem Herzen bewahrt hat – Feodore, ich – ich liebte deine Mutter, liebte sie leidenschaftlich – aber ich konnte entsagen – und du, Feodore, du kannst es auch!«

Feodore warf sich schluchzend an Werners Brust.

»Ich will,« stammelte sie, »ich will – will alles tun, was du gut heißest. Werner, mein Vater, bleibe bei mir, verlaß mich nicht!«

»Komm,« sprach Werner, »laß uns zu dem Bild der Mutter gehen, sein Anblick wird dir Ruhe geben.«

Sie ließ sich willenlos wie ein Kind an der Hand aus dem Salon führen.

Es verging eine lange Zeit, bevor Werner wiederkam; er kam allein und trug einen Brief in der Hand. Jede Erregung war aus seinem Gesicht geschwunden, seine Züge waren ruhig und mild wie immer. Er klingelte und die Kammerfrau erschien.

»Rufen Sie den Invaliden herauf,« befahl er.

Der alte Mann kam und grüßte militärisch.

»Ich habe Euch einen Auftrag der gnädigen Frau mitzuteilen, den Ihr pünktlich vollziehen werdet.«

»Sehr wohl, Herr –«

»Der Forstgehilfe aus der Einöd wird in kurzer Zeit auf der Villa eintreffen.«

»Sehr wohl, Herr –«

»Ihr habt ihn unten am Tor des Parkes zu erwarten, ihm zu melden, daß die gnädige Frau nicht für ihn zu sprechen ist und ihm diesen Brief zu übergeben.«

»Sehr wohl, Herr –«

»Ihr seid ein alter Soldat und wißt einen Befehl pünktlich auszuführen. Sollte der junge Mann Euch dies oder jenes fragen, zum Beispiel ob die gnädige Frau krank sei oder dergleichen, so wißt Ihr nichts. Verstanden?«

»Sehr wohl, Herr –«

Der Invalide machte kehrt und entfernte sich. Werner ging an ein Fenster, und nach einiger Zeit sah er Hans in den Park treten. Der alte Weber war auf seinem Posten. Die weite Entfernung machte es dem Professor unmöglich, das Gesicht des Jägers zu beobachten, er sah nur, daß Hans den Brief las und dann stehenden Fußes umkehrte. Er nickte zufrieden und begab sich zu Feodore, die ihn in einem anderen Zimmer erwartete. Sie sah bleich, aber gefaßt aus. »Er ist fort,« sagte Werner.

»O Gott, er ist im stande und tut sich ein Leid an.«

»Das tut er sicherlich nicht,« beruhigte der Professor; »ich kenne derartige Naturen besser. Jetzt wird er toben und die vornehme Frau, die ihr Spiel mit ihm getrieben, anklagen und verwünschen. Allmählich wird er sich beruhigen, und sein Zorn wird sich in Bitterkeit verwandeln. Diejenige Arznei aber, von der ich mir am meisten verspreche, ist die Banknote, die er morgen als Honorar für seine Lektionen empfängt. Daß er für seine Bemühungen von dir bezahlt wird, das wird auf ihn wirken wie ein kaltes Sturzbad. Hätten wir dem Brief, den er soeben erhalten hat, die Banknote beigelegt, er würde sie zerrissen und in den Boden gestampft haben, erhält er sie morgen, so wird er sie einfach zurückschicken, wie ich ihn kenne. Jedenfalls aber wird er kuriert sein.«

»Werner, Werner, du bist ein harter Mann.«

»Ich handle als Arzt, der das Übel von Grund aus heilen will – und sei versichert, meine Tochter, die Heilung wird rasch erfolgen. Daß du es bist, die für seine weitere Ausbildung Sorge tragen wird, darf er freilich jetzt nicht erfahren – wir finden wohl einen Ausweg – später mag er immer wissen, aus wessen Hand die Gelder geflossen sind, die ihm den Besuch der Forstakademie ermöglichten. Vorläufig aber muß er dich für das halten, was du scheinen mußt – das ist die Sühne, die ich über dich verhänge. Und nun, Feodore, wann gedenkst du abzureisen?«

»Sobald als möglich, lieber heut als morgen.«

»Recht so. Ich kehre heute abend in die Einöd zurück, um meine Habseligkeiten zusammenzupacken. Morgen bin ich wieder hier, dann werde ich dir beim Ordnen deiner Angelegenheiten behilflich sein.«

Feodore drückte schweigend die Hand des Freundes.

Mit seiner Behauptung, Hans werde sich kein Leid zufügen, hatte der Professor vollkommen recht gehabt. Als der Jäger den von Werner diktierten Brief seiner Gönnerin gelesen hatte, knirschte er vor Zorn und Beschämung.

»So sind die Vornehmen! O, ich hab's nimmer glauben wollen, was man in den Büchern über sie liest – wie schlecht, wie grundfalsch! – Und du Tollkopf,« er gab sich noch andere schwer wiederzugebende Ehrentitel, »du Narr hast auch nur einen Augenblick glauben können, daß es ihr Ernst sei! O du, du! – Aber wenn du meinst, du stolze Frau in deinem italienischen Schloß, ich gräme mich um dich, da bist du sehr im Irrtum – ich mich grämen!« – Er lachte krampfhaft auf. »Ich hatte so die Geschichte längst satt und wäre über kurz oder lang weggeblieben – ein solcher Kerl wie ich ist für deinesgleichen viel zu gut.«

Er kam an dem Wirtshaus vorüber, und um sich selber zu beweisen, wie wenig er sich aus dem Geschehenen mache, beschloß er, hineinzugehen und mit den Gästen lustig und guter Dinge zu sein. Aber die Gaststube war leer, nur die Wirtin und eine Magd befanden sich darin.

Hans nahm Platz, hing seine Flinte an die Wand und leerte das erste Glas mit einem Zug. Das kühlte. Er hätte so gern einen Zechgenossen gehabt, um mit diesem zu plaudern und zu scherzen, aber es wollte keiner kommen, und zudem schien es ihm, als ob er der Gegenstand der leisen Unterhaltung sei, welche die beiden Frauenspersonen führten, wenigstens warfen sie zuweilen einen raschen Blick nach ihm hinüber, und aus ihrem Zwiegespräch drangen einzelne Worte wie »italienisches Schloß« und »gnädige Frau« an sein Ohr. Das hatte noch gefehlt! Er trank heftiger und mehr als er gewohnt war, aber der schäumende Gerstensaft hatte nicht die gewünschte vergessenmachende Wirkung, im Gegenteil trat jetzt, nachdem sich in dem armen Jungen der erste Zorn gelegt hatte, das Bild der schönen Frau in seinem ganzen Liebreiz vor seine Seele.

So zutraulich, so herzlich war sie gegen ihn gewesen, und das alles war nur Spiel! Welche Hoffnungen für die Zukunft hat sie in ihm erweckt! Und jetzt, jetzt lacht sie über den gutmütigen, dummen Jungen.

Heiß, siedend heiß stieg ihm das Blut in den Kopf, das Zimmer wurde ihm zu eng, er bezahlte seine Zeche und eilte ins Freie.

Wohltätig spielte die kühle Abendluft um seine Schläfe und sein wallendes Blut kam einigermaßen zur Ruhe. Er stieg den Berg hinan. Sonst wenn er von ihr heimkehrte, blieb er an einer Waldecke stehen und blickte zurück nach der Villa. Dann sah sein scharfes Auge auf der Terrasse eine helle Frauengestalt, die ein Tuch flattern ließ. Heute betrat er den dämmerigen Wald ohne rückwärts zu schauen.

Es ist alles ein Traum gewesen, es soll ein Traum gewesen sein. Er will das italienische Schloß und seine herzlose Bewohnerin vergessen. Und um auf andere Gedanken zu kommen, mißt er den Durchmesser eines mächtigen Tannenstammes und berechnet, wieviel Klafter Scheitholz sie geben wird. Aber er kann mit seiner Rechnung nicht zu stande kommen, er hat die Formel vergessen – er hat ja in den letzten Wochen Wald Wald und Bäume Bäume sein lassen und nur an sie gedacht, an die Dornrose, die er drüben in der Habichtsburg an jenem verhängnisvollen Morgen wachgeküßt hat.

Aber es ist anders gekommen, als wie es im Märchen steht. Da geht der arme Hans wieder durch den Wald, ärmer, vieltausendmal ärmer als vormals. Seinen Dienst hat er vernachlässigt, mit dem Förster hat er sich heute entzweit; wenn der jetzt die Drohung des Forstgehilfen ernst nimmt und ihm den Dienst kündigt! – und Eva –

Er fühlt einen schmerzlichen Stich in der Brust. Was hat er an dem lieben Mädchen verbrochen! Kann er das wieder gutmachen? Wenn sie erfährt –

Er schlug sich mit der Faust vor die Stirn und stöhnte wie ein Wild, welches den Todesschuß empfangen hat.

»Ich will ihr alles gestehen – nein, dem Förster will ich's erzählen – nein, auch dem nicht – dem Professor will ich mich entdecken, der wird mir raten und helfen. Arme Eva, gutes, herziges Mädchen, wie konnte ich dich vergessen? – Es ist doch wahr, was man erzählt vom bösen Zauber – sie hat mir's angetan – ich bin auf die Irrwurz getreten und lange in der Irre herumgegangen. Jetzt bin ich erwacht – es war ein böser, ein toller Traum.«

Es fröstelte ihn. Von der Höhe, die er binnen kurzem erreichen mußte, kam ein kalter Wind und die Tannenwipfel neigten sich flüsternd zueinander. Sie erzählten sich, daß auf den jungen Jäger, der da durch den Wald geht, der Tod lauert.

Hans hatte den Gipfel des Bielsteins erreicht und stieg den jenseitigen Abhang hinunter.

»Wenn ich jetzt unten in der Einöd ankomme,« sprach er zu sich, »so treffe ich die ganze Familie beim Abendessen. Ich will bei der Habichtsburg warten, bis es völlig Nacht geworden ist, ich mag ihr heute abend nicht unter die Augen treten. Morgen, morgen soll ein anderes Leben beginnen.«

Er stieg hinab zu der Burgruine und setzte sich auf einen bemoosten Stein, die Flinte lehnte er neben sich.

Der Mond stieg über die Tannenspitzen herauf und blickte dem Jüngling neugierig in das verstörte Gesicht. In dem ungewissen Schein des bleichen Gestirns nahmen die Bäume und Büsche allerlei abenteuerliche Gestalten an und die Trümmer der Habichtsburg warfen große, seltsam zerrissene Schatten über den Abhang. Aus dem Tal stieg weißer Nebel empor und zog sich höher und höher, bis der ganze Berg wie mit einem Netz von taufeuchten Spinnenweben überzogen war.

Hans hatte Ruhe gewonnen und einen Entschluß gefaßt. Sein Abenteuer mit der Generalin wird aller Wahrscheinlichkeit nach bekannt werden, er will dem zuvorkommen und dem Professor Werner alles beichten. Der soll dann bestimmen, wie er sich zu verhalten hat. Und wenn sich Eva von ihm abwendet, dann will er gehen, soweit ihn seine Füße tragen, aber sie wird ihm vergeben – er hofft es, er weiß es. Er kann ja nichts dafür, daß es so gekommen ist. Eva ist seine erste Liebe, seine einzige Liebe – das andere war Blendwerk.

»Gelt, liebe Eva,« sagte er halblaut in die Nacht hinein, »gelt, du bleibst mir gut, ich hab' dich ja so lieb, so lieb – du wirst nicht so unversöhnlich sein –«

Die Stimme versagte ihm, seine Kehle ward zusammengeschnürt, ein Ruck am Hals und gleichzeitig ein Schlag auf den Kopf warfen ihn bewußtlos auf den Boden.

Zwei Männer hatten die Kniee auf die Brust des leblosen gestemmt und hielten ihn an Hals und Brust. »Du hast ihn totgeschlagen, Franz,« sagte der eine.

»Nein, er zuckt noch. Mach schnell und binde ihm Hände und Füße zusammen, bevor er wieder zu sich kommt. Wenn er eher munter wird, als du fertig bist, schneide ich ihm den Hals ab.«

Hans war gebunden. Jetzt erst befreite der Wilderer den Hals seines Opfers von der erstickenden Schlinge und schob ihm ein zusammengedrehtes Tuch in den Mund.

»So,« sagte er mit leisem Lachen, »jetzt kann er wieder lebendig werden, jetzt ist er unschädlich. Sieh, sieh, er regt sich.«

Wirklich war Hans zum Bewußtsein seiner selbst und seiner fürchterlichen Lage gekommen. Er machte verzweifelte Anstrengungen, seine Bande zu sprengen, aber die Schurken hatten ihre Vorkehrungen gut getroffen.

»Sperr dich nur, Grünspecht!« höhnte der eine Wilddieb, »du wirst keinen braven Menschen mehr ins Zuchthaus bringen. Jetzt auf mit ihm! Bis zur Spalte müssen wir den jungen Herrn schon tragen. Faß du oben an, ich will seine Füße nehmen und die Flinte wollen wir nicht vergessen – wo ist der Schießprügel?« »Dort muß er im Gras liegen, wo er gesessen ist. – Horch! Hörst du nichts?«

»Dummes Zeug, du Hasenfuß! Schnell, suche die Flinte, man darf sie hier nicht finden. – Hölle und Teufel, Ernst, was hast du?«

Dieser krallte die Hand in den Arm seines Bruders und deutete sprachlos vor Entsetzen nach dem Wald.

Eine weiße, vom Licht des Mondes übergossene Gestalt ward zwischen den Tannenstämmen ab und zu sichtbar und kam, wie es schien, näher. Jetzt trat die Gestalt aus dem Wald und hob wie drohend den Arm empor.

»Das Habichtsfräulein!« stießen die beiden Wilderer, von tödlichem Schreck ergriffen, gleichzeitig hervor. »Fort, fort!« Und in toller Flucht rannten sie in den Wald hinein.

Eva kniete neben dem Jäger, der noch immer vergebliche Versuche machte, sich von seinen Fesseln zu befreien. Schnell zog sie ihm das Tuch aus dem Mund und zerschnitt mit seinem Weidmesser die Stricke.

»Nimm deine Flinte,« keuchte sie, »schnell, schnell – sie können zurückkommen.«

Damit war es aber auch mit ihrer Kraft vorbei; neben dem Geretteten sank sie auf den Boden.

Hans war aufgesprungen, hatte seine Waffe ergriffen und hielt sie im Anschlag, aber alles blieb ruhig; die beiden Mordgesellen mußten schon weit entfernt sein. Er beugte sich zu dem erschöpften Mädchen nieder.

»Eva, liebe, liebe Eva, du hast mir das Leben gerettet.«

»Laß das, Hans,« sagte sie tief atmend, »beschäftige dich jetzt nicht mit mir, sei auf deiner Hut – sie können wiederkommen.«

»Die kommen nicht zurück, sie haben dich für das verwunschene Fräulein gehalten. – Sage mir, Eva, wie kommst du hierher?«

»Der alte Friederle hat die beiden Hübner belauscht, als sie auf der Lauer standen, um dich zu überfallen. Er ist gelaufen, um dem Vater mitzuteilen, was er gehört. – Der Vater war nicht da – da bin ich allein in meiner Todesangst heraufgelaufen, um dich womöglich zu warnen.«

Hans sank neben Eva auf die Kniee nieder.

»Eva,« stöhnte er, »du hast mir das Leben gerettet. O, hättest du mich sterben lassen! Nunmehr wäre alles vorbei – und mir wäre wohler als jetzt. – Eva, du weißt nicht, was mit mir vorgegangen ist – die schöne Frau aus dem italienischen Schloß – ich kann nichts dafür – sie hat mich verzaubert – ich bin mit Blindheit geschlagen gewesen – Eva, kannst du mir vergeben?«

»Ich hab's gewußt,« sagte Eva leise, »ich hab's gewußt. Tu, was du tun mußt, Hans. Du bist gerettet, das übrige geht mich nichts an. – Und wenn dir's gut geht draußen in der Welt, denk manchmal zurück an das Forsthaus in der Einöd, an die arme Eva, die dich so lieb, so lieb –« Sie konnte vor Tränen nicht weitersprechen.

Hans war tief erschüttert.

»Hör mich, Eva,« sagte er in bittendem Ton. »Wenn ich dir nun versichere, daß mir die Augen aufgegangen sind, daß ich nur dich liebhabe, wirst du mir verzeihen können? Eva, sprich doch ein Wort! Sieh, ich war nicht bei Sinnen; – als ich die schöne Frau schlafend im Wald fand – da, da hat sie mir's angetan – es ist vorbei, auf immer vorbei, so wahr mir Gott helfe! – Eva, sei mir wieder gut – ich will dir mein Leben lang die Hände unter die Füße legen, nur sage mir ein Wort – sage mir, daß du mir wieder gut bist.«

»Du bist mein lieber Hans,« stammelte das Mädchen und schlang die Arme um seinen Hals. »Es mußte ja so kommen, mein armer Hans – es ist die Geschichte von dem Fischer und der Nixe – du warst verzaubert, du hattest die Erinnerung verloren – nun bist du erlöst, bist wieder mein, mein lieber Hans.«

»Hallo!« erscholl von unten eine kräftige Stimme durch den Wald. »Eva, Hans!«

Hans erwiderte den Ruf, und nach wenigen Minuten tauchte der Förster, gefolgt von einigen Bauern, aus dem Nebel auf. Zu dem Rettungswerk kamen die Männer zu spät. Das schwache Kind hatte es allein vollbracht.


Der Anschlag auf das Leben des Forstgehilfen machte natürlich in der ganzen Gegend großes Aufsehen. Die Organe der öffentlichen Sicherheit taten alles mögliche, um der Gebrüder Hübner habhaft zu werden, aber es war, als ob die Erde die beiden Strolche verschluckt habe. Daß die Tat und das unerklärliche Verschwinden der Wilderer mit der Abreise eines der besten Kurgäste von Kaltenbrunn im Zusammenhang stehe, davon hatte niemand eine Ahnung.

Die Generalin von Helmhoff erfuhr, dank der Veranstaltung Werners, nichts von dem Ereignis. Zwei Tage nach demselben reiste sie in der Begleitung des Professors ab.

Das drastische Mittel, welches letzterer anzuwenden beabsichtigt hatte, um seinen Patienten, den Forstgehilfen Hans, völlig zu heilen, blieb letzterem erspart. Der nächtliche Vorfall auf dem Bielstein hatte jedes weitere Mittel, den irregeleiteten Jüngling auf die rechte Bahn zurückzuführen, überflüssig gemacht.

Vor seiner Abreise hatte Werner noch eine lange Unterredung mit seinem Freund, dem Förster, und wir wollen dem Leser nicht verhehlen, daß der Gegenstand derselben kein anderer war als die Zukunft des Forstgehilfen.

Dieser trug ein paar Tage lang als Erinnerungszeichen an den Überfall im Wald eine tüchtige Beule am Kopf und um den Hals einen Ring mit sich herum, welch letzterer nach und nach alle sieben Regenbogenfarben annahm und dann verschwand.

Hans verhielt sich sehr still und bescheiden und suchte sich durch verdoppelten Eifer in der Gunst des Försters wieder zu befestigen, der sich auf Anraten des Professors alle Mühe gab, recht streng und ernst dreinzuschauen.

Als der Wind das Laub von den Bäumen wehte, verließ Hans die Einöd, um die Forstakademie zu beziehen. Professor Werner hatte es durch seine Verbindungen dahin gebracht, daß die für das Studium nötigen Mittel zur Verfügung gestellt werden konnten, allerdings vorläufig nur für das erste Jahr. Der Professor hatte aber in seinem letzten Brief die Hoffnung durchschimmern lassen, daß, falls der Akademiker Hans Grubenhofer sich besonders auszeichnen sollte, eine Unterstützung auch für die übrige Studienzeit nicht außer dem Bereiche der Möglichkeit liege.

Der Abschied des bisherigen Forstgehilfen von der Familie war kurz, aber herzlich. Der Förster gab ihm verschiedene wohlgemeinte Ratschläge, die ziemlich unlogisch aneinander gereiht waren, und einen neuen Büchsenranzen aus Dachsfell auf den Weg. Die Frau Muhme sprach weinend ihre Ansicht aus, daß sie es nicht mehr erleben werde, den jungen Herrn Förster begrüßen zu können, die Kinder heulten, daß sie der Bock stieß, und der krummbeinige Dachshund Fex bellte dazu. Daß Eva bei der Abschiedsszene fehlte, schien niemand zu bemerken, und als am Abend in der Schenke die Frau Haltenwirtin dem Förster dienstfertig berichtete, Eva habe Hans vor dem Dorf erwartet und ihm bis an den Ausgang des Tales das Geleite gegeben, da sagte der Förster gleichmütig: »Frau Gevatterin, wir sind auch einmal jung gewesen. – Geben Sie mir ein Glas Bier, vorher aber einen kleinen Wuppdich.«


Die Bäume in den Wäldern der Einöd haben drei Jahresringe angesetzt. Manche alte Tanne ist seufzend der Holzaxt erlegen, manche junge Pflanze ist dem Samenkorn entstiegen – im ganzen hat sich die Landschaft nicht verändert.

Die alten Berge erzählen sich noch immer in den Mondscheinnächten von der guten alten Zeit, und das luftige Geistergesindel spukt nach wie vor um die zerfallenen Denkmäler verrauschter Jahrhunderte, ob auch das Habichtsfräulein - das möchten wir bezweifeln.

Die Habichtsburg ist nämlich von der Kaltenbrunner Badedirektion in das Bereich der Park- und Waldanlagen gezogen und ziemlich geschmackvoll restauriert worden. Die Geister hegen aber gegen derartige Neuerungen eine unüberwindliche Abneigung, und so gern sie mit Jägern, Köhlern und Holzhauern verkehren, so wenig behagen ihnen die nach dem Modejournale gekleideten Männlein und Weiblein, wie solche jetzt den Bielsteinwald unsicher machen. Da gibt es Kaffeegesellschaften, Maibowlen, Picknicks und kostümierte Waldfeste, lauter Dinge, die ein verständiges Gespenst verabscheut, wie ein Herrnhuter das Ballett.

Aber was fragt der spekulative Badeeigentümer nach einem armen, verwunschenen Fräulein, hat er doch sogar die in seinen Besitz übergegangene Villa Feodore in eine Pension anglaise umgewandelt.

Auch um ein Naturwunder ist Kaltenbrunn reicher geworden, man hat nämlich auf dem Bielstein eine Felsenspalte entdeckt, die mit einer am Fuß des Berges befindlichen Höhle in Verbindung steht. Der Badedirektor ist noch nicht mit sich einig, ob er die Höhle nach dem Muster der Grotte von Monsumano als Heilanstalt oder als Bierkeller benutzen soll. Einstweilen ist die Öffnung des Schachtes mit einem Geländer umgeben worden und der Führer, der den schaulustigen Badegästen gegen Erlegung einer bestimmten Taxe das Wunder zeigt, pflegt einen Stein hinabzuwerfen. Alsdann dürfen die p.t. Fremden bis zwanzig zählen, denn so viel Zeit braucht der Stein, bis er unten aufschlägt, und sich wundern, soviel sie wollen.

Bis in die Sohle des Einödtales ist der unternehmende Besitzer des Bades Kaltenbrunn mit seinen Versuchen, die Natur zu verbessern, noch nicht gedrungen, und das ist keinem lieber als dem Förster Ditmar, dem seine Einöd, so still und abgelegen, so wild und doch so traulich wie sie ist, ans Herz gewachsen ist.


Es ist wieder Herbst, ein warmer, heiterer Septembertag.

Die Tür des Forsthauses ist mit einem Gewinde aus Tannenreis und roten Vogelbeerdolden geschmückt und aus dem Innern dringt ein Gewirr von Stimmen fröhlicher Menschen. Der junge Förster Hans Grubenhofer feiert seine Hochzeit mit Jungfrau Eva Ditmar, und da geht's hoch her.

Vor dem Haus stehen mehrere Fuhrwerke und an einem langen Tisch vertilgen die Knechte, die ihre Herrenleute zu dem Fest in der Einöd gefahren haben, unglaubliche Massen von Fleisch, Sauerkraut und Bier. Unser alter Bekannter, der Friederle, ist unter ihnen. Er hat eigentlich die Honneurs an der Tafel zu machen, aber die Festfreude und der Überfluß, in dem er schwelgt, haben ihn ganz aus dem Häuschen gebracht. Er mengt alle Bibelsprüche, die ihm zu Gebote stehen, kunterbunt durcheinander und schluckt alles durcheinander, Braten, Kuchen, Bier, Sauerkraut, Reisbrei und Schinken.

Übrigens geht es dem Alten jetzt recht gut; er hat's nicht mehr nötig, Holz zu stehlen und denkt auch nicht mehr an die in der Einöd verborgen liegenden Goldschätze. Er wird nämlich anständig verpflegt und hat auch noch ein Taschengeld von zweieinhalb Groschen per Tag. Wem er dies zu danken hat, das hat er erst ganz kürzlich erfahren; es ist nämlich die Witfrau aus dem italienischen Schloß, die in so großmütiger Weise für den Friederle sorgt – warum? Darüber hat der Alte seine eigenen Gedanken, und er dürfte nicht weit von der Wahrheit entfernt sein, wenn er das Interesse, welches die vornehme Dame an ihm nimmt, mit der Rettung des Jägers aus Morderhänden in Zusammenhang bringt.

Auch der junge Förster, Hans Grubenhofer, weiß jetzt, aus wessen Hand die Gelder geflossen sind, die ihm den Besuch der Akademie ermöglicht haben, er weiß auch, daß es sein väterlicher Freund, der Professor Werner war, dessen starke Hand rettend eingriff, als zwei Personen blindlings ihrem Verderben zustrebten, und wenn er jetzt an die schöne Frau denkt, deren Erscheinung einst seinen Sinn umnebelte, so geschieht es nur mit dem lautern Gefühl der Dankbarkeit. Hans ist seit einigen Wochen wohlbestallter Förster in Zell und wird morgen sein junges Weibchen, das ihm vor einer Stunde angetraut worden ist, in seine neue Heimat führen.

Zell ist hoch im Gebirg gelegen, ein rauher Ort, der im Winter völlig eingeschneit wird, und die gute Frau Muhme, die es ihrer Ahnung zum Trotz doch erlebt hat, den jungen Förster begrüßen zu können, hegt die Besorgnis, daß die Luft von Zell Evas Gesundheit nachteilig sein werde.

Nein, Frau Muhme, dem blonden Försterkind aus der Einöd können Wetter und Wind nichts anhaben. Aus dem Jägerhaus in Zell wird eine Schar rotbäckiger Rangen hervorgehen, die sich im Schnee herumtummeln wie einst vor Jahrhunderten die Kinder der blondhaarigen Recken, die dem Wodan und dem Thor opferten. In der geräumigen Wohnstube finden wir die Familie des Försters und zahlreiche Gäste aus nah und fern versammelt. Das Brautpaar, der Brautvater und die Frau Muhme strahlen vor Glück und Freude. Evas älteste Schwester, die bereits die Grenze des Kindesalters überschritten hat, ist Brautjungfer und sieht in der kleidsamen Landestracht allerliebst aus. Fritz, der älteste Bruder, besucht jetzt eine Schule in der Stadt. Natürlich hat ihm der Herr Direktor für das Familienfest Ferien gegeben, und so ist denn der Herr Gymnasiast gestern mit einem etwas verwachsenen Rock, einer bunten Mütze, auf die er sich nicht wenig einbildet, und einem großen Bündel zerrissener Wäsche im väterlichen Haus eingetroffen, um den Ehrentag seiner Ev' feiern zu helfen. Er hält sich bereits zu den Großen und blickt seine beiden jüngsten Geschwister, die noch in der Dorfschule schwitzen, etwas über die Achsel an, die aber machen sich nichts draus.

Die rechte Feststimmung ist noch nicht da; es geht noch sehr ernst und feierlich zu. Der Herr Pfarrer hat seinen Toast auf das Brautpaar ausgebracht und der weibliche Teil der Anwesenden hat natürlich einige Tränen vergossen, denn so rührend hat noch kein Mensch gesprochen wie heute der Herr Pfarrer. Der Brautvater hat noch einen Trinkspruch, an dem er lange gedichtet und herumgefeilt hat, in petto, der aber wird erst dann losgelassen, wenn der rechte Mann gekommen ist.

Ein Wagen fährt vor das Haus. Der Förster und sein Schwiegersohn eilen ans Fenster und der Dachshund Fex gebärdet sich vor Freude wie toll.

»Er ist's, der Herr Professor Werner.«

Man eilt hinaus und alle wollen ihm beim Aussteigen helfen, so daß er ein paar Minuten braucht, um auf den Boden zu gelangen. Das ist ein Fragen, Gegenfragen und Händeschütteln, das schier kein Ende nehmen will. Schließlich wird er wie ein Gefangener in die Stube geschleppt und des Försters Bärenfaust drückt ihn fast gewaltsam auf den sitz nieder.

»Gönnt ihm Ruhe!« gebietet der Hausherr, »ihr laßt ihn ja nicht zu Atem kommen; ruhig, Fex, verwünschter Köter!«

»Ich danke euch für euren freundlichen Empfang,« sagte der Professor, tief Atem holend, und betrachtete seine vom Drücken und Schütteln gerötete Hand. »Ich danke euch von Herzen – wir werden ja noch Zeit haben uns auszusprechen. – Vor allen Dingen habe ich etwas mit dem Brautpaar ins reine zu bringen.«

Er erhob sich, schloß seine Reisetasche auf und entnahm derselben ein schweres Kästchen. Er öffnete es und ein Ah der Bewunderung ertönte aus aller Mund. Das Kästchen enthielt silberne Löffel, so massiv, daß man nötigenfalls mit einem derselben bei einem Raubanfall dem Attentäter den Schädel hätte einschlagen können. Von wem das Geschenk kam, sagte Werner nicht, aber das junge Paar und auch der Brautvater kannten den Geber oder vielmehr die Geberin.

»Seht,« sprach der Professor und hob einen Löffel in die Höhe, »seht, Leute, bei dem Goldschmied, der die Löffel feilhielt, sah ich noch ein Ding, es war ein sogenannter Tafelaufsatz – unten stand ein Jäger und obendrauf ein Rehbock – das wäre am Ende für eine Frau Försterin auch kein übles Hochzeitsgeschenk gewesen, aber was sollt ihr mit dem Krimskrams? Diese Löffelungetüme passen besser in ein Jägerhaus. – Möget ihr mit denselben heute über fünfzig Jahre, umgeben von Kind und Kindeskind, euren goldenen Jubelreisbrei gesund und fröhlich verzehren! Das ist mein Wunsch – und nun gebt mir etwas zu essen, denn ich verspüre einen mächtigen Hunger.«

Bevor er jedoch dazu kam, diesen zu stillen, wurde er noch aufgehalten. Der Bräutigam zog ihn beiseite und sagte leise: »Das Geschenk kommt von der Generalin?«

Werner nickte. »Wenn Sie die Frau Majorin von Wildensee meinen, allerdings. Sie hat sich vor anderthalb Jahren mit einem tüchtigen, liebenswürdigen Offizier vermählt und vor vier Wochen habe ich ihren Erstgeborenen, einen kleinen, dicken Jungen, über das Taufbecken gehalten. Übrigens läßt sie Ihnen durch mich ihre herzlichsten Glückwünsche überbringen.«

Sie schüttelten sich die Hände und nahmen Platz an der Festtafel.

Der Förster aber räusperte sich, erhob sein Glas und rief:

»Ich leere dieses Glas bis auf die Hefe,
Hoch lebe unser Hans und seine Eve.
Hätt' sie als Habichtsfräulein ihm nicht gerettet das Leben,
Hätt' sie der Herr Pfarrer heut nicht können zusammengeben;

Drum soll er seine Frau halten in Ehren,
wie sich's für einen braven Ehemann und Förster tut gehören.
Hoch lebe der Herr Pfarrer, der hat sie kopuliert,
Und der Herr Schullehrer, der dazu die Orgel gespielt.
Hoch leben alle unsere Ehrengäste,
Der Herr Professor Werner aber ist der allerbeste.

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