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Aus den Thierzeichnungen

: Aus den Thierzeichnungen - Kapitel 1
Quellenangabe
typereport
authorRudolf Meyer
booktitleSchweizerische Erzählungen
titleAus den Thierzeichnungen
publisherFriedrich Schultheß
editorHeinrich Kurz
year1860
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080715
projectid947a8a2d
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Rudolf Meyer

Aus den Thierzeichnungen

Obgleich Meyers Thierzeichnungen nicht eigentlich in das Gebiet der Erzählungen gehören, haben wir doch geglaubt, die Gelegenheit ergreifen zu müssen, um auf dieses vortreffliche Buch aufmerksam zu machen, das lange noch nicht nach Verdienst gewürdigt ist.

Die Gemse.

Wo um weißen Schnee die rothen Alpenrosen leuchten, ist die Heimat der Gemse. Dort wo braune Felsen wie Aeste, grüne Bänder als Blätter hinausragen, springt sie umher, zieht über die Schneewand und aufwärts zu den unersteiglichen Gipfeln. Sie schreitet über zugeschneite, verborgene Spalten flüchtig und unbesorgt hinweg. Orkane schütteln Fels und Lawine von den Gipfeln, die Gemse bleibt ohne Furcht. Sie schaut ins Wetterleuchten, in die funkelnden Blitze hinein als auf Blühten. Sie ruht auf ewigem Eis; der Frost bannt sie nicht und kühlet nicht ihr heißes Blut; ihr offenes Auge wird nicht geblendet vom Sonnenglanz der Schneegefilde; es zeigt ihr sicher den Weg durch trübe Nebel, durch finstere Wolken. So tritt sie leicht und frisch, frei und muthig ins Leben hinein. Und Blumen sind ihr überall gestreut, zwischen dem Gestein der Enzian, die Bärwurz und das Doronicum. Salz sproßt ihr aus der Felswand, in Gletscherrinnen fließen ihr die Bäche, aus dem Gestein, immer frisch, der Quell entgegen; immer frisch umfangen sie die Lüfte. Ueber schroffen Abgründen kommt sie zur Welt, wo schützend die Balm sich wölbt, und wie gestärkt von Blüthendüften, von reiner Luft, hüpft sie munter der Mutter nach, arglos, wie ein Kind von Engeln behütet. Die Gemse geht von Weide zu Weide, im Winter in den Wald, des Sommers zu den Höhen, und wo mitten im ewigen Eis Blumen den Felsen bekleiden, weiß sie ihn zu finden. Die Gemsen regieren sich selber; halten so treulich zusammen. Unter Sprüngen und Spielen klettern sie der erfahrnen Führerin nach. Sie, immer achtsam, wenn ihre Heerde weidet, ruhet nur, wenn diese wacht. Auf jedes Lüftchen achtet sie, warnt vor jeder Gefahr, leise erst und springt zur Seite, späht mit scharfem Blick umher, und hat sie den Jäger geschaut, dann ruft sie mit hellem Pfeifen die Gefährten und blitzschnell entfliehen sie, setzen über Felsen und Bäche und über den Grat ins sichere Gletscherthal, wo, in Trümmer zerrissen, Wälle und Graben dem Feinde Pforten des Todes geöffnet halten.

Und leicht wie ein Adler, behend wie das Eichhorn, flüchtig und kraftvoll wie ein Hirsch ist die Gemse; gestreckt ihr brauner Leib und schlank der Hals, stark die Beine, nervig die Füße; so spitz, so leicht der Klauenhuf und so sicher und fest ihr Tritt. Klar und milde, scharf und klug ist der Blick ihres großen Auges, das rege, leichte Ohr faßt scharf den Laut, und sie wittert den Feind, bevor sie ihn erblickt. Ihre kleinen, runden Hörner, über den Augen aufgestellt und rückwärts gebogen, sind furchtbare Waffen; mit gesenktem Haupte richtet sie ihre Spitzen gegen den Feind und wirft ihn über den Abgrund. Sie fürchtet auch den Jäger nicht und keiner wagt es, sie zu fassen; nur der Kugel, aus dem Verstecke unsichtbar geschleudert, unterliegt auch sie, unterliegt der feigen List.

Der Jäger hetzt die Gemsen auf grünen Alpen mit dem Hunde, er versteckt sich unter Heerden der Ziegen und Schafe; mühsam beschleicht er sie auf steilen, wilden Pfaden. Er lauert ihnen auf dem Wechsel auf, spähet im Luegi, ob sie nicht ermüdet lagern, umgeht sie und gewinnt ihnen den Wind ab. Keine List, keine Ränke verschmäht er. Er kriecht auf dem Schneefeld mit nackten Füßen und baarhaupt hin, sein Auge unverwandt auf die Führerin gerichtet, er liegt bewegungslos, wenn sich diese gegen ihn wendet. Schaut er die Krümmung ihrer Hörner, dann zielet er und zielt so scharf; laut donnert der Schuß in allen Klüften und laut jauchzt der Jäger, die Fuhrgais ist gefallen; verwirrt und verlassen stürmen ihre Gefährten fort. Die suchen den Tod im Abgrund, die zerstreuen sich zwischen Eis und Felsklüften, und manche wird noch die Beute des unermüdlichen, des ränkevollen Jägers. Er schlürft das warme Blut der Gemordeten, ein Zaubertrank ist es ihm, der mit Muth und Entschlossenheit waffnet, der ihn sicher stellt gegen den Schwindel, daß dieser ihn aus dem schwarzen Abgrund mit unsichtbaren Händen nicht hernieder reiße.

Das ist dein Schicksal, muthige, offene, treue Gemse; du fürchtest keinen Feind, du trotzest Sturm und Wetter, doch Zauberkünsten entgehst du nicht. Und können Nebel und Stürme, Klüfte und Gipfel dich nicht schützen, deinen listigen Feind nicht entmuthigen, werden sie doch deine Rächer. Der Jäger gewinnt keine Ruhe mehr, ernst, einsylbig, verschlossen, denkt er nur auf sein blutiges Gewerbe, immer gieriger, immer frecher wird er, und sein eigener Verfolger. Er muß empor zu den Höhen, bei Frost und Hitze, unter Sturm und Wettern jagt es ihn. Tag und Nacht ist sein Gang unter den grauen Felsen, das Morgenroth schaut ihn auf den Graten, die Nacht findet ihn auf hartem Lager. Er achtet der Abgründe nicht mehr, schreitet über ihnen dahin, auf schmalen Bändern, als auf geebneten Pfaden. Wie die Gemse findet er den Weg durch die Nebel, Gleichgültig wandelt er unter den Blitzen. Er schaut ernsthaft hernieder in die blühenden Thäler, in die schwarzen Klüfte, steht still und finster am Rande tiefblauer Spalten, setzt über die Schründe, flüchtet über Eiswände und blickt mit düsterer Sehnsucht zu den Häuptern der Gebirge empor. Er ist gefangen, er ist den kalten, grausen Mächten des Gebirges verfallen; er weiß es nicht. Die Zeit läuft aus, auf welche hin der Zaubertrank seine Wirkung thut; da findet ihn dann doch der Schwindel oder die Nebel legen ihm Netze über den Eisschrund und der Fels läßt seine Bahn ausgehen. Der Jäger hat sich verstiegen, nicht vorwärts kann er, nicht rückwärts; unter ihm, hart zu seinen Füßen ist es lauter, mit der Hand reicht er in die Leere hinaus, die andere klammert sich fest am kalten Gesteine. Die Sonne geht unter, die Berge verglühen, erbleichen, die Nacht zieht ernst und schweigend empor; ihre Flammen blitzen am Himmel. – Da ermatten die Kräfte des Jägers, er schließt müde das Auge zu und stürzt hinunter auf die Klippen. Sein Leichnam ist zerschmettert, ihn legen die Freunde nicht ins Grab; dem Geier allein ist der Weg zu ihm gebahnt. Nebel umschleichen das Gerippe, Regengüsse waschen es, die Sonne bleicht es ab, und es zerstreuen Stürme das lose Gebein. – Das hat das Blut der Gemse gethan!

s' Müsli.

Lueg, dert lauft e Mus, si gumpet der as Bäi, gib Acht! Bhüetis, wi bischt nid erschrocke, und jukscht uf e Sässel; schpring mer amel nid zum Fänschder use! – Worum fürchtesch di denn? isch es doch son-n-es ordlichs Dierli, duet keim Chindli öppis. Lueg's nume rächt a, s'isch so winzig chli, i der Hand chönt mes verbärge. Es het so-n-es samedigs Belzli, chlini, blutti Beinli, es ovals Chöpfli, schpizzigs Näsli mit-e-me Schnäuzli dra, und schwarzi Aeugli, so glänzig wi-n-es Vögeli, und Oehrli rund und dünn, grad wie du. Schüch di ämel vor sim lange, blutte Schdili nid, was wet's der thue? und förchti nid, daß es di bißi, denn Zähnli het's nume zum Gnage. Gäll es isch der z'gschwind? es wütscht wi-n-es Chugeli übere Bode wäg. Jetzt isch es doh, jetzt isch es dert, unter der Gumode, underem Bett. Jetzt het's es Loch gfunde; nu, so isch es rüehig, es het em jo sälber gförchtet, s'het öppe, wenns scho Winter ischt, es Näschtli hinterem Täfel, voll Jungi, vieri, sechsi, und sind villicht no blind und blutt, uf bloßem Schtrau, und müeßte verhungere und verfrüre hätt-e-mers tödet. – S'isch wohr, d'Müs mache si luschtig, gumpe uf Bänk und Disch, gnage au mängisch es Loch is Brodt, schlüfe i d'Chuche, göhnd a Schbäck, a-n-Anke und Mähl, und trinke s' Oehl us der Lampe; si finde de Wäg i Chäller, fresse-n-es Oepfeli; sie wütsche-n-is Grümpelgmach, biße-n-öppe es Fläckli us em Züg, es fäißes, oder göhnd gar i-mene Glehrte hinder sini schtaubige Büecher und mache-n-em Uszüg. Do duet me grad, d'Müß fräße eim Alles und gschände Alles und löse gar usem Anke und Mähl no Koriander dehinde, eine zum Dank. Denn chunt me wider und chlagt, se lößen-eim z'Nacht kei Rueh, si chäfele hinder de Wände und biße-n-es Loch durs Täfel; chlopfe mögme wi me well, sie gäbe nid lugg, sie schlüfe-n-eim gar i Schtrausack, unders Chopfchüssi und juscht we me ischlofe well, chröschbeli sie eim unterem Ohr. und nage d'Bomade mit de Büggeli weg. Und göhnd sie i d'Schüre und göhnd im Summer i Wald, is Feld, so chlagt der Bur, si fräße-n-em s'Chorn ewäg und verderbenem d'Bäum. Wo sölle si den hi? müend ste nid au z'läbe ha? schtreut me jo dem Schbäzli Brösmeli vors Fänschder und meint s'Müsli söll verhungere, füeteret Chaze und schtrichlet sie, wenn sie au chräble, het Igel und dolet d'Chuze und d'Wiseli. Aber dem Müsli mag me es Mümpfeli Brodt nid gönne, mags nid lide, daß sie luschtig sind, und es git es Gschrei, wenn sie usem Loch füre güggele i d'Schtube, oder wenn me sie nume pfife ghört. Do mues me ne grad Gift lege, Mählchrügeli mit Arsenik, oder Falle richte, die dätsche sie tod, o klemme ne de Chopf i, oder fönd sie gar läbig. Wi sie schnüfeli hinderem Gitter, wi si a-n-em ufschtönd und sueche, wo sie use chönte, sie sueche umsunst, si finde nümme de Wäg, wo sie sind ine cho; do wirft me si is Wasser, und wenn sie au schwimme chönne, es hilft ne nüt. Sägmer, gits au es ärmers, es schwächers Dierli und es verfolgters? und het me no gar e Gruse-n-abem; doch ebe nid alli Lüt; Mänge het's gschoche und Mänge het's verfolgt und isch z'letscht no froh über ins worde. Er isch is Chesi cho, d'Langiwyl het ne plagt, schier tödet, und si einzige Freud, si einzige Troscht, isch es Müsli gsi. Het's ne au im Afang plogt und händ beide enand gschoche, sind si doch bald vertrouli worde; do goht d'Zit dem Gfangene gschwinder verbi, Es chunt füre, es erfreut ne mit luschtige Schprünge, es schtellt si uf, es tanzet und lost uf sis Pfife und Singe, es luegt e so fründlich und munter a; er schtreut em Brösmeli, es trout sie allewyl nöcher und nöcher und frißt em zletscht us der Hand. Jetzt sind si guet Fründ mit enand, es loht si schtreichle, es gumpet em uf d'Achsle, buzt Schnäuzli und Pfötli, und ghörts d'Schlüssel raßle und Dür ufgoh, gschwind schpringt's em i Buese; dert het's jetzt sis Heimeth und sis Lager. – Und chunt der Gfange wieder use a die früsch Luft und as Sunneliecht, goht schbaziere im Grüene, im schattige Wald, cha nid gnueg über cho, und günnt wie-n-es Chind jedes Blüemeli ab, goht de Mäierisli noh und de Veieli, – s'Müsli ischt vergäße. Es aber suecht sie Fründ, durchschtöberet Decki und Schtreusack und findt-ne nid, es wird trurig, es frißt nüt, es trinkt nüt, es wicklet si no i di lär Decki i und schtirbt Vor Chummer und Leid. – Gäll du förchtesch di nümme und losch mer s'Müsli i Noth?

D' Lerche.

Es het verlütet, me ghört scho Psalme singe, d'Chiledüre sind b'schlosse. He nu! so gohn-i use vor d'Schtadt, der Chriesbaum blüeht, d'Matte grüenet in aller Herrlichkeit. Im freye Feld, im dunkle Wald singe sie au dem Herre, und überall ergießt d'Sunne ihri Schtrahle wie-ne heilige Geischt, und d'lau Früehligslust durdringt wi ne Odem Gottes alle Wäse. Jo! i will bäte und singe, will Aug und Herz erlabe a jedem Blüeschtli, der Säge wird über mi goh, und uns Gmüeth söll sie erhebe und mi Geist über alles Leid und Ungmach. – Und so goni use und wandle dur's Fäld und s'Rich Gottes duet si uf vor mine Auge. Es isch, as ob d'Sunne usem Himmel übel d'Wulke-ne glizrige Schleyer wärfi, d'Bärge versilberi, Matte und Wald übergrüeni, jedes Hälmli ufrichte, mit ihr Schtrahle i jedes Blüeschtli ine länge, und jedem si Deil gäb. – Und mitte-n us der grüene Saat flügt d'Lerche uf, dem Himmel zue, als eb er si am-ene Fädeli hielt, und höcher, allewyl höcher flügt si, und luegt über Fäld und See, luegt über Wald und Hügel. Der Himmel het ere s'Härzli erfräut und s'Schtimmli gweckt, sie aber grüeßt d'Sunne, b'singt sie allewyl ifriger, sitzt jetzt schtill höch oben-i der blaue Luft, as wenn sie ufem Bode war, d'Luft isch ihre Baum, und Matte und Chornfäld sind ere Blätter und Schtärnli es Bluescht. Und si schwingt fil ufe und abe, wi von eim Aeschtli ufs ander.

Nume es gmeins Chleidli het sie a, wi's Schbäzli, aber schlank isch sie, het e hälle Blick und es himmlisches Gmüeht, isch frey und glücklich in ihre Lüfte, und duet sie das schpizig Schnäbeli uf im Singe, es git es Lied, s'taut eim is Häiz as eb's vom Himmel chäm. Jetzt velschwindet si i der Luft, aber no tönt lis obe abe ihr Gsang und doch so tut i d'Bruscht, und wieder häller tönt's und me gseht sie füre cho, wi nes Schtainli vom Himmel falle; mitte im Fäld, wo's am schönschte grüent, dert verschwindet sie. Worum blibt si nid dobe i-n-ihrem Heimeth? – Es het ere der Himmel es Fünkli verschteckt is Härz, und das goht a, das eläi zündet ere no abe uf d'Aerde. Jo dert het si s'Näschtli süberli bettet und zwüsche d'Furre gläit, dert luegt s'Gschpöhnli mit scharfe Aeuglene ihr noh, lit ruehig über de-n Aeilene und chert sie mit sim lange Spore. Der Himmel b'hüetets au do unde, verschdekt's i di grüene Halme. Die schtrecke si allewyl meh vo Tag zu Tag, und süsele um ins. Fürblueme luege uf ins abe gar fründlich. Und d'Halme vergolde sie und werde schwärer, die Junge bicke d'Aeili uf, wärme sie a der Sunne und bade im Sand. Jetzt neige si d'Halme und löhnd Chörndli is Näschtli falle; wi ifrig bicke die Junge, wi fladre si mit ihre Flüglene, gumpe uf und luege übers guldig Fäld. Und wi-ne d'Flügel wachse, ziehnd si i d'Höche und d'Lerche zeigt ene s'Heimeth. Si gsehnd vo de Wulke obe abe d'Halme falle unter der Sichle, mängs Chörnli ischt aber dehinde blibe, si deiles mit de-n Aeriläser. s'Wiseli mag jetzt cho und über d'Schtopple schpringe, s'Näschtli ischt läär.

Und im Herbscht ischt der Disch abdeckt, sie singe mit der Wachtle ihr Danklied, und flüge-n-ufe in ihre Baum; dert zieht es si jetzt dem Früelig noh über Bärg und Meer go Afrika, und mini Gidanke ziehnd mit, wi vom Heimweh ergriffe, und sueche hinderem Herbscht und Winter der ewig Früehlig und das ewig Liecht. Do schpringt, mer mis Chindli etgäge, und het d'Händli voll Blüemli, i nimm es in Arm, i drück es as Härz und goh glücki mim Hüttli zue.

Die Spyren.

Wiewohl die Schwalben alle ziemlich zudringlich sind und gern in jeder Hütte sich Nestchen bauen, so sieht man sie eben nicht ungern, und an vielen Orten hält man sie fast für Propheten. Auch sind die meisten, der breiten Schnäbel ungeachtet, artige Vögel. Es gibt aber Schwalben, welche die niedern Hütten nicht lieben und höher hinaus wollen; dahin gehören die Spyren. Diese kommen glatt und schwarz gekleidet, und schwarz scheinen sie auch durch und durch zu sein. Ihre Flügel sind lang und gehen als Mäntel beinahe über ihre kurzen Beine und breiten Füße; die sind wie mit rauhen, schwarzen Strümpfen angethan, als ob sie damit ihre scharfen und krummen Klauen verdecken möchten. Die Klauen, alle nach vorne gerichtet, gar geschickt zum Rauben und überall anzuklammern, haben ihnen auch den Namen Häckler zugebracht. Ihrer flachen Köpfe ungeachtet, scheinen sie sehr verschlagen; sie sind überdieß zweizüngig, der Schnabel ist kurz, das Maul sehr weit. – Sie halten in Gesellschaft zusammen, sind beinahe über die ganze Erde als ein lebendiges Netz ausgebreitet, schicken in alle Welttheile, sogar nach China, Missionäre. In der Schweiz haben sie vorzüglich Freiburg zu ihrem Hauptsitz ausersehen und dort in Staatsgebäude und Münster sich eingenistet. Viele sind der Meinung, daß sie mit dem Kitt ihrer Nester noch altes Gemäuer zusammenhalten. Sie bauen sich überall hoch an, als ob sie das Land regieren wollten; da können sie auch ungestört brüten und ihr wüst-frommes Leben ohne Scheu treiben. Ja, sie gelten noch hie und da für heilig, und man fürchtet sich, ihre Nester, so wie diejenigen der Dohlen, dieser diebischen, lärmenden fréres ignorantins, herunter zu fegen, als ob sie die Schutzpatrone der Kirchen wären. Da mauern sie ihre Zellen aus zusammen gebettelten und gestohlenen Sachen und liegen gar bequem auf den Federn anderer Vögel. Wo sie einmal festgesessen, wird man ihrer kaum mehr los, und zerstört man ihre Nester, so findet man dieselben dennoch bald an der alten Stelle wieder. Die Spyren halten ihre Arme unter den langen Flügelkleidern versteckt, und wann sie fliegen, glaubt man, sie ertheilen dem ganzen Land den Segen; aber den Scheinheiligen leuchten nur Mücken und schöne Schmetterling' ins Aug, auf welche sie im Dunkeln unversehens losschießen, – Sie sind die besten Wetterkundigen; gibt es Unwetter, so stiegen sie nie aus, sondern halten sich ganz still in ihren Nestern; wird es ihnen zu rauh, so wandern sie in Schaaren nach Süden, wo ihre eigentliche Heimath ist. Wird ihnen die Witterung günstiger, so sind sie auch wieder da. Erst angekommen, stellen sie sich öfters todt; aber kaum sind sie erwärmet, schwimmen sie hoch oben. Licht vertragen sie nicht, lieben die Dämmerung, und dann erst jubeln sie laut auf, fliegen in Kreisen und machen dabei die geschicktesten Schwenkungen. Sie setzen sich nie auf einen Baum, so daß ihnen alles, was grün ist und blüht, verhaßt scheint; auch verfolgen sie mit wüstem Geschrei jeden Vogel aus dem Adlergeschlechte. Nur für die Spanier und Italiener sind sie genießbar; übrigens trifft man sie hie und da auf den Kopf und stopft sie aus. Gegenwärtig, schon im August, droht ihnen harter Winter, und sogar von Freiburg weg möchten sie noch in ihre Heimat sich flüchten!








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