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Aus den Odi Barbare

Giosuè Carducci: Aus den Odi Barbare - Kapitel 49
Quellenangabe
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typepoem
authorGiosuè Carducci
titleAus den Odi Barbare
publisherCoron-Verlag
seriesSammlung Nobelpreis für Literatur
volumeNobelpreis für Literatur 1906
editor
year1969
translatorFritz Sternberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090330
projectidcb077308
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Bei der Urne von Percy Bysshe Shelley

Lalage, ich weiß wohl, welcher Traum deinem Herzen entsteiget,
Welchem entschwundenen Glück, schweifend, dein Auge nun folgt.

Unfruchtbar ist das Jetzt: es schlägt und entfliehet; das Schöne
Ist im Vergang'nen allein, Wahrheit enthüllt nur der Tod.

Clio, die Feurige, tritt auf den Berg der Jahrhunderte leichten
Fußes; im stolzen Flug schwebet sie singend empor.

Unter der Schwebenden zeigt sich enthüllt und erleuchtet der weite
Friedhof der Welt; ins Gesicht lacht ihr der neueren Zeit

Sonne. O Strophen ihr, Gedanken der Jugendzeit, suchet
Ruhig im Fluge nun auf, was ihr vor Zeiten geliebt.

Fliegt durch die Himmel, die heiteren Himmel zur schönen Insel,
Die aus der Phantasie Meeren sich strahlend erhebt.

Dort, auf die Lanzen gestützt, gehen, hoch und blondgelockt, Siegfried
Und Achill, mit Gesang längs des erbrausenden Meers.

Jenem reicht Blumen Ophelia, dem blassen Geliebten entronnen;
Diesem, vom Opferaltar, nahet sich Iphigenie.

Unter grünender Eiche spricht Roland mit Hektor, es blitzet
Durendala von Gold und von Gestein in der Sonn':

An die blühende Brust ruft Andromache wieder ihr Söhnlein;
Alda, die Schöne, schaut starr auf den grimmigen Herrn.

Lear, mit wallendem Haar, sagt dem irrenden Ödipus seine
Leiden; Ödipus sucht schwankenden Blicks noch die Sphinx.

»Weiße Antigone, komm!« ruft die fromme Cordelia, »singen,
Griechische Schwester, wir Frieden den Vätern ins Herz.«

Helena und Isolde, sie wandeln im Schatten der Myrten
Sinnend; das Abendrot lacht auf ihr goldenes Haar.

Helena blickt in die Wellen: Isolden öffnet die Arme
Marke; das Blondhaupt sinkt an seinen mächtigen Bart.

Klytämnestra steht mit der schottischen Fürstin am Strand, im
Lichte des Mondes: die weiß schimmernden Arme ins Meer

Tauchen sie .... Schwellend von glühendem Blut entfliehen die Wogen;
Klagend am Felsengestad' hallt der Unseligen Schrei.

Insel der Schönen! Insel der Helden! Insel der Dichter!
Von den Wegen entfernt bitteren, menschlichen Leids!

Ringsherum schimmert das Weltmeer in weißlichem Lichte, es schweben
Durch die purpurne Luft seltsame Vögel dahin.

Schütternd zieht durch die Lorbeern das tönende, endlose Epos,
Wie wenn der Maiensturm eilt übers wogende Feld;

Wie wenn Wagner mit Macht in den singenden Erzen tausend
Seelen erweckt; das Herz bebt in der menschlichen Brust.

Ach, aber keiner der neueren Dichter erstand hier, nur du, o
Shelley, vielleicht, du Geist eines Titanen, gehaucht

In eine Jungfraungestalt: es entführte dich Sophokles Thetis'
Göttlichen Armen im Flug, nahm dich im Heldenchor auf.

Herz der Herzen, der blühende Frühling duftet und schimmert
Auf dieser Urne lau, die dich, o kaltes, umschließt.

Herz der Herzen, die Sonne, die göttliche Mutter, umhüllt dich,
Armes, schweigendes Herz, mit ihrer strahlenden Lieb'.

Frisch erbrausen die Pinien in Romas weitem Äther;
Der entfesselten Welt Dichter, wo bist du? Vernimmst

Du meine Worte? Mein Blick entfliehet jenseits der Mauer
Des Aurelianus feucht über das traurige Feld. [Bild]

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