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Aus den Odi Barbare

Giosuè Carducci: Aus den Odi Barbare - Kapitel 10
Quellenangabe
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typepoem
authorGiosuè Carducci
titleAus den Odi Barbare
publisherCoron-Verlag
seriesSammlung Nobelpreis für Literatur
volumeNobelpreis für Literatur 1906
editor
year1969
translatorFritz Sternberg
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090330
projectidcb077308
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In einer gotischen Kirche

In geschmeidigen Reih'n ziehen die ragenden
Marmorschäfte dahin, riesenhaft, steil: sie seh'n
In dem dämmernden Schein heiliger Finsternis
Wie ein Heer von Giganten aus,

Welches sinne auf Krieg gegen den Unsichtbar'n.
Ruhig steigen, alsdann schwingen mit schnellem Flug
Sich die Bogen empor und, in der Höh' geneigt,
Schweben sie und umarmen sich.

So im menschlichen Zwist, unter barbarischem
Aufruhr, steigen zu Gott innige Wünsche auf,
Von den Seelen, die still abseits in Sehnsucht harr'n
Sich mit ihm zu vereinigen.

Gott verlang' ich von euch nicht, o ihr Marmorsäul'n,
Bogen, luftig gewölbt, ja, ich erzitt're, doch
Bei dem zierlichen Schritt, den ich erkenne: er
Weckt das festliche Echo auf.

Lydia ist es. Ihr Haar zeichnet sich, leise, licht
Vor den Augen mir ab, wie sie sich wendet. Aus
Ihrem bleichen Gesicht, unter dem schwarzen Flor,
Lächelt Liebe mir flüchtig zu.

Alighieri hat auch, als eines gotischen
Tempels düsteres Licht rings ihn umschlungen hielt,
Gottes Bildnis gesucht in einem gemmengleich
Blassen Antlitze einer Maid.

Unter schneeigem Flor glänzte der Jungfrau Stirn
Ruhig heiter, umstrahlt von der Verzückung Schein,
Unter glühendem Dampf wallenden Weihrauchs hob
Hoch empor sich der Bittgesang;

Leise raunend und froh bebend entflog er wie
Eine muntere Schar girrender Tauben, dann
Mit dem Schmerzensgeheul leidenden Volkes, das
Zu dem Himmel die Arme streckt.

Durch die Finsternis dumpf rauschte der Orgelton,
Schweraufseufzend; es schien, daß die verstorbenen
Ahnen von ihrer weißschimmernden Marmorgruft
Antwort gäben aus tiefer Erd',

Von den mythischen Höh'n Fiesoles leuchtete
Durch die Fenster herein, mit ihren frommen Mär'n,
Phöbus, rosig erglüht, und auf dem Hauptaltar
Schwand, verblassend, der Kerzenschein.

Bei des Engelgesangs Rauschen erblickte einst
Dante Tusciens Maid, welche verklärt entschwand,
Unterm Schritt er vernahm brüllen der Unterwelt
Schlünde, rot von der Flammenglut.

Ich erblicke hier nicht Engels- und Teufelsschar'n,
Nur den schwächlichen Schein, der in der feuchten Luft
Zitternd schwebt; es umschließt eisige Dämmerung
Mit Verdruß nun die Seele mir.

O semitischer Gott, walle hinweg! Es herrscht
In dem Kult, der dich ehrt, ständig das Todesgrau'n,
Und die Sonne entflieht von deinem Heiligtum,
Unerreichbarer Geisterfürst!

Von dem Kreuz aus verdammst, Märtyrer, du die Welt
Zu dem Kreuz und entstellst traurig die holde Luft,
Doch der Himmel erstrahlt, lächelnd die Felder blüh'n,
Liebe sprühet aus Lydias

Augen. Lydia, dich möcht' ich, im schneeigen
Jungfrau'nchore den Tanz schlingen seh'n um Apolls
Hoh'n Altar, der im rotglühenden Abendlicht
Unter Lorbeer'n aus parischem

Marmor strahlt: du verstreust die Anemonen aus
Voller Hand, es entfließt Lust deinen leuchtenden
Augen und deines Munds lieblicher Harmonie
Eine Hymne Bakchylides'.

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